Go West!

Québec – la savoir vivre

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Schon bis Frankreich gefahren? Québec bezaubert! Es bildet die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Québec, heißt Touristen jedoch selbstbewusst in der Hauptstadt des Landes willkommen. Überall wehen ausschließlich die blau-weißen Fahnen der Region, fröhlich im Wind. Das rote, kanadische Ahorn findet sich dagegen nirgends. Die Einwohner Québecs hegen Unabhängigkeitsgedanken. An jeder Tankstellen gibt es, bien sûr: vin rouge. Wir kaufen uns einen Rotwein für umgerechnet zehn Euro und es ist der bisher Beste oder leider der einzig Gute, den wir während unserer Reise erstehen. Obwohl wir vor lauter Verzweiflung auch schon deutlich mehr ausgaben. Kanada verfügt über eigene Weinanbaugebiete. Auch mit europäischen Import-Weinen probierten wir es – vergeblich. Dazu kommt, dass Alkohol im restlichen Kanada nur in entsprechenden Einrichtungen mit schlechten Öffnungszeiten und dafür mit hohen Streuern zu erstehen ist.
In Québec wird französisch gesprochen, gegessen und renoviert. Daher gibt es wunderschöne alte Häuser. Mit gedrechselten Holztoren am Eingang und Fensterrahmen mit Einfachverglasung. Alles ist bunt gestrichen. Die Québecer fahren und leben auch französisch. Die Stadt unterscheidet sich völlig von den bisher britisch und amerikanisch geprägten. Mit ihren gepflasterten, winkeligen Gassen, den steinernen Stadttoren und der alten Stadtmauer, auf der wir über vier Kilometer um die Stadt herumlaufen, ist sie etwas Besonderes. Unseren Kindern gefällt es sehr auf der Mauer zu laufen. Ich bin etwas nervös, dass sie herunter fallen, denn gesichert ist nichts. Dafür ist der Blick auf die Stadt um so schöner. Mit seinen trutzigen Bastionen und dem riesigen Schloss, dass vor zehn Jahren noch einmal komplett renoviert wurde, obwohl es kurz vorm Abriss stand. Jetzt beherbergt es ein Luxushotel. In den Markthallen im alten Hafen finden sich herrlich frische und günstige Produkte der Region. Zahlreiche Sorten Baguette, handgemachte Käse aus Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch, Weine, Marktstände mit Marmeladen, Honig und Cidre, daneben Pralinen, Quiche und ein Blumenmeer. Meine Tochter will unbedingt eine Pflanze kaufen und überredet mich. Fortan steht die Blume während der Fahrt im Waschbecken und sonst draußen auf dem Picknicktisch. Verliert sie nur ein Blatt, macht unsere Tochter eine riesige Szene und ich bereue nachgegeben zu haben.
Die Stadt liegt leicht erhaben am Fluss Sankt Lorenz. Dieser Strom ist das ganze Jahr über eisfrei. Das sicherte den Franzosen bereits vor über 400 Jahren die ganzjährige Schiffbarkeit, mit der sie das Hinterland versorgten. Der Lorenz-Strom bildete die natürliche Grenze, zischen der ehemals französischen sowie der englischen Kolonie. Québec war bereits im 17. Jahrhundert das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Kolonie Neufrankreich. Später eroberten es die Engländer. Es gibt tolle Cafés, die zum Verweilen einladen und hervorragende Restaurants mit günstigen tables d’hotes – den Tagesgerichten. Das Leben spielt sich trotz frostiger Temperaturen auf den Straßen ab. Unsere 30 Grad mit Sonnenschein haben sich auf kühle Temperaturen mit Regen reduziert. Die Ladenbesitzer stellen dennoch ihre Tische auf die Straße. Zwischen den Häusern sind Seile gespannt, an ihnen baumeln bunte, aufgeklappte Regenschirme. Chansonniers singen zu ihrem Gitarrenspiel oder spielen Harfe. Kleine Modelabels stellen Nähmaschinen in ihre Schaufenster und fertigen den neusten Look. Es macht Spaß, sich stundenlang einfach nur treiben zu lassen! Es gibt so vieles zu sehen, die Menschen sind entspannt, zufrieden und lieben Kinder. Und viele sprechen KEIN WORT englisch. Incroyable!!! Gut, dass ich französisch bis zum Abi belegte und drei Wochen Sprachunterricht in Marseille genoß. Es ist alles eingerostet, aber lesen und die Kernaussage verstehen klappt noch, trotz eines dramatischen Dialektes. An unserem letzten Tag in der Stadt bereiten sich die Québecer auf den G8-Gipfel vor. Er beginnt am nächsten Tag im 100 Kilometer entfernten Malbaie. Ladenbesitzer vernageln ihre Schaufenster mit Sperrholzplatten, eine gigantische Polizeipräsenz schüchtert ein und über der Stadt liegt eine unheimliche Ruhe. Unsere Kinder verfolgen begeistert den Tanz der Wasserfontänen vorm Rathaus. Sie begleiten ihn laut lachend und kreischend. Die zahllosen wartenden Kamerateams aus allen Ländern der Welt filmen uns dabei, weil sonst noch nichts los ist. Ich fühle mich unwohl und frage, für wann denn die Aktivitäten geplant seinen. Am Abend wären die ersten Demonstrationen, erfahren wir. Vermummte Leute laufen in den Straßen umher und erinnern mich an die kriegsähnlichen Zustände in Hamburg beim G20-Gipfel letztes Jahr. Ich will es nicht drauf anlegen, ähnlichen Ausschreitungen mit unseren Kindern ausgesetzt zu sein, noch dazu in einem fremden Land. Wir beschließen vor dem Abend aufzubrechen. Eigentlich führe unser weg über die Autobahn nach Malbaie, aber wir fahren einen Umweg auf der Landstraße durch einen nahe gelegenen Nationalpark. Am nächsten Tag lesen wir in der Zeitung, dass 500 bis 1000 Menschen am vorherigen Abend friedlich demonstrierten. Da haben die Québecer mit ihren Vorbereitungen ja maßlos übertrieben – und wir auch.

2 Kommentare zu „Go West!“

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