Flashback

Mauritius

Als wir uns das erste Mal begegnen, bin ich 17, ein Mädchen. Wir tanzen zu “Ein Bett im Kornfeld”. Du bist begeistert. Ich bin verunsichert. Tanzpause – ich sitze auf der Rückenlehne eines Sofas, du zu meinen Füßen. Lautstark unterhältst du dich mit deinen Kumpels. Meine Finger wollen in deine Locken greifen. Sie befinden sich direkt vor mir… Wir fahren zusammen, mit meinen Freundinnen, im Taxi nach Hause. Du bist großzügig und zahlst für uns alle, obwohl du als erster aussteigst. Du verliebst dich sofort in mich, sagst du später… Zumindest willigst du mich wiedersehen. Du bist vier Jahre älter. Und schon ein Mann.
Wir fahren zusammen in den Skiurlaub. Als Freunde. Ich kann mir vorstellen, mit dir zusammen zu wohnen. Wir fliegen nach Chile. Als Freunde. Du sagst, das Schönste der Reise sei, jeden Morgen neben mir aufzuwachen. Ich versteckte Ostereier im Zelt, du suchst geduldig. Ich hole mir einen Bänderriss beim Wandern, du trägst mich Huckepack und unsere Rucksäcke vor der Brust. Ich weiß, dass du der Mann bist, mit dem ich Kinder bekommen will. Und renne weg. Du fängst mich ein. Wir ziehen zusammen in eine Wohnung nach Winterhude. Übergangsweise, da sie keinen Balkon hat. Und weil der Stadtteil noch den Mief des Arbeiterviertels Barmbek-Süd inne hat.

Ein Zyklon fegt nachts über die Insel La Réunion. Er rüttelt heftig an dem Strohdach unserer Strandvilla. Regen trommelt wütend gegen die Fenster. Ich wühle mich durch Laken. Irgendwann falle ich in einen tiefen Schlaf. Ich erwache, die Sonne scheint. Ich fühle mich ruhig. Nie war etwas richtiger in meinem Leben, als das, was ich heute mache – dich heiraten. Ich raffe mein weißes Kleid mit Schleppe. Du wartest am Strand auf mich. Ich sehe auf meine nackten Füße. Du strahlst über dein ganzes Gesicht. Glück pocht in meinen Adern. Du bist gespannt bis in die Fußspitzen. Liebe strömt warm durch meinen Körper. Du läufst am Strand auf mich zu. Der Wind spielt in meinen Locken. Du sagst, ich sei die schönste Braut, die du je gesehen hast. Das Rosé meiner Wangen verrät meine Aufregung.
Wir halten uns an den Händen. Wir versprechen, uns für immer und für ewig zu lieben, aber mindestens ein Leben lang. Wir tauschen Ringe. Wir küssen uns. Wir heiraten auf Mauritius. Wir tanzen am Strand. Wir schwimmen im Meer. Unsere Körper verstehen sich blind. Wir wünschen uns Kinder. Nichts strahlt für mich heller, als diese Liebe. Es gibt keine größere Verbindung für mich auf der Welt. Alles fühlt sich leicht, unbeschwert und glücklich an. Wir freuen uns, miteinander zu leben. Wir können es nicht erwarten, unser Baby im Arm zu halten.
Unsere Flitterwochen verbringen wir im Nationalpark. Wir wohnen im Haus am See. Wir fahren mit dem Bot und beobachten Delfine beim Schwimmen. Wir tragen nur Badeklamotten. Eine Taucherbrille auf dem Kopf. Flossen an den Füßen. Wir sitzen auf der Bordwand des Motorschlauchbootes. Delfine springen aus dem Wasser. Ein Rausch schießt durch meinen Körper. Ihre Finnen und Köpfe ragen aus dem Wasser. Sie springen. Sie scheinen vergnügt miteinander zu spielen. Als toben sie mit dem Boot. Der Fahrer ruft: „Go!“ Ich starre ihn an. Er brüllt: „Go, for it!“ Du sagst: „Er will, dass wir ins Wasser springen.“ „Was? Jetzt? Hier? Einfach so in das dunkle Wasser springen? Ich sehe nichts!“, sage ich. Panik steigt in mir auf. „Ja, wir sollen springen!“, antwortest du lachend. „Now it’s to late“, schreit der Fahrer. Er braust los. Nach einer Weile sehen wir wieder Delfine. Der Fahrer spuckt: „Go, go, go!“ Du springst ins Wasser und tauchst tief. Als du hochkommst, rufst du: „Ab mit dir ins Meer! Es ist fantastisch!“ Vorsichtig gleite ich an der Badeleiter ins Wasser. Ich steckte den Kopf unter die Oberfläche. Ich höre es laut knacken. Sehen kann ich nichts. Dann – tatsächlich! Vor mir schwimmen Delfine. Mein Herz hüpft hektisch. Ich tauche mutiger. Und immer länger. Ich traue ich mich auf die Säuger zu zuschwimmen. Sie fliegen neben mir im Wasser her. Ich bin high. Einer schwimmt auf mich zu. Angst durchzuckt meinen Körper. Er schaut mich mit seinem Auge direkt an. Das Auge lächelt. Ich bin hypnotisiert. Ich vergesse zu schwimmen. Ich vergesse zu Atmen. Das Auge schwingt kräftig mit der Schwanzflosse. Der Zauber entschwimmt. Ich springe über die Wasseroberfläche. Ich schreie: „Er ist auf mich zu geschwommen und hat mich angelächelt!“ Ich platze vor Glück.


Das erste Kind zerreist uns fasst. Wir schlafen nicht. Wir essen nicht. Wir weinen vor Erschöpfung. Und Glück. Unsere Körper sind sich fremd. Wir finden wieder zueinander. Wir fühlen uns glücklicher als je zuvor. Zwillinge! Welch ein Geschenk! Welch eine Last! Panik in deinem Gesicht. Es zerreist uns. Wir teilen uns auf. Wir opfern uns auf. Wir reiben uns auf. Wir verlieren uns… In meiner Vorstellung liebe ich dich immer. Egal in welcher Form! Das Versprechen, das ich dir bis zum Ende meines Lebens gab, will ich halten. Ich sorge für dich. Ich passe auf dich auf! Wir sitzen auf einer Bank. Vor unserem Zuhause. Tiefe Furchen durchziehen mein Gesicht. Mein Haar fällt grau über die Schultern. Deine Hände gleichen knorrigen Ästen. Sie umfassen meine – DU bist mein ZUHAUSE.