Kurzgeschichte

Mutter

„Akwaaba!“ „Wose? Ka yo bio?“ ƐnyƐ hwee!“ Große, fast schwarze Augen schauen mich an. Freundlich, beinahe sanft ruhen sie auf mir. Der Mund formt ein geduldiges Lächeln. Die Haare sind eng am Kopf geflochten. Die Frau ist groß, genauso groß wie ich. Sie trägt ein farbenfrohes Kleid, das hinunter bis zu ihren Füßen reicht, die in Flipflops stecken. Auf dem Kopf balanciert sie einen Topf mit Wasser. Um die Brust hat sie ein Tuch gewickelt. Daraus schauen an ihrer Taille winzige rosafarbene Füßchen hervor. Mein Herz kribbelt vor Glück. Sie bemerkt es vor mir. Ihre Hände greifen hinter ihren Rücken nach dem Baby. Seine Augen schauen ebenso so sanft, wie die seiner Mutter. Sie fragt, ob sie mich berühren dürfe, sie habe noch nie weiße Haut angefasst. Ich nicke. Sie streichelt mich. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass die Berührung einer fremden Frau so angenehm sein kann. Sie fragt mich, ob ihr Baby mich anfassen dürfe. Ich nicke wieder. Sie nimmt die winzige Hand in ihre, spricht leise ein paar Worte, singt sie eigentlich eher und führt die Fingerchen auf meinem Arm auf und ab. Das Baby quietscht vergnügt. Ein warmes Lachen fließt aus mir. Bin das wirklich ich? Immer mehr Mütter umringen uns, auf dem Rücken ihre Babys tragend, auf dem Kopf Körbe mit Brot oder Wannen mit Wäsche oder Töpfe mit Fufu. Die fremde Frau hält mir ihr Baby hin, damit ich es auf den Arm nehmen kann. Ich erwarte, dass es anfängt zu weinen, sobald es von seiner Mutter getrennt ist. So kenne ich es aus Deutschland. Aber das Baby schaut mich nur neugierig an. Ein Gefühl tiefer Liebe durchströmt mich. Die Mutter lacht mir zu und fragt, ob sie meine Haare anfassen könne. Natürlich! So weich, findet sie die. Sie nimmt die Hand ihres Babys, ich senke den Kopf. Das Baby zieht an meinen Haaren und gluckst vergnügt. Akwaaba, fühle ich auf meiner Haut. Akwaaba, höre ich im Lachen. Akwaaba, rieche ich im Duft der orangefarbenen Erde. Akwaaba, schmecke ich im Fufu. Akwaaba, sehe ich in den Gesichtern.

Teil meiner Kurzgeschichte Mutter.

2 Kommentare zu „Kurzgeschichte“

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