Go West!

Alles ist anders

Im Unterschied zu unserer letzten Reise durch Nordamerika, für drei Monate mit dem Wohnmobil, geht unsere Tochter jetzt überall mit ihren Brüdern alleine hin. Auf den Spielplatz, zur Toilette, Zähneputzen, Wasser holen oder in den Kiosk. Während unserer diesjährigen, sechswöchigen Reise mit dem Pkw, übernachten wir im Zelt. Die große Schwester liest ihren Brüdern unterwegs vor. Sie buchstabiert überhaupt alles, was sie sieht. Und sie spricht Englisch! Unsere Jungs fahren Laufrad. Ihre Schwester ist auf dem Skateboard unterwegs. Wir spielen zu fünft Fußball. Die Kinder wandern selbst, etwa drei bis sieben Kilometer. Die Zwillinge trinken nachts nicht mehr literweise Milch und schlafen durch. Ein Mittagsschläfchen brauchen sie auch nicht mehr…
Wir haben in diesem Urlaub leider keinen Kühlschrank an Board, so wie beim letzten Mal, in unserem Haus auf Rädern. Also kaufen wir eine Kühlbox so groß, dass wir locker eines unserer Kinder darin verschwinden lassen könnten – falls nötig! An jeder Tankstelle und im Supermarkt gibt es Eis dafür. Wir erstehen die Kübo für 50 und nicht für 200 Euro, wie in Deutschland. Die Kühlbox verschwindet locker im Auto und lässt die Bezeichnung „Mini-Van“ lächerlich klingen. Ein Moskitozelt kaufen wir ebenfalls, da wir während unserer zweiten Tour durch Nordamerika, nicht wieder gemütlich drinnen sitzen können. Wir MÜSSEN immer draußen, zusammen mit den Mücken sitzen. Das Moskitozelt passt über eine komplette Tischbank, die zu jeder Campsite, in allen Nationalparks gehört. So ein Zelt gibt es selbst beim führenden Outdoorausrüster Hamburgs nicht.
Insgesamt war ich vier Mal in den USA und zwei Mal in Kanada. Dreimal an der Ostküste, einmal im Westen, zwei Mal in New York. Jedes Mal war es ganz anders… Ich war als Studentin, als Paar und als Familie, mit drei Kindern dort. Zeltend, im Wohnmobil, im Motel, im Hostel und Freunde besuchen. Ich habe mir Städte angeguckt, bin in Nationalparks und in den Bergen gewandert sowie im Meer geschwommen. Ich habe den Frühling erlebt, den Sommer und den Herbst… Was mir am besten gefiel?
New York ist für mich immer noch eine der coolsten Städte! Es ist die Welt in klein! Alles was es auf diesem Planeten gibt, ist in dieser City zusammengeballt. Menschen sind so arm, wie in Afrika im Slum und so reich in Manhattan, wie nirgendwo sonst. Buddhisten laufen im Mönchsgewand auf der Straße, ebenso Juden mit Schläfenlocken oder Kreative mit Dreadlocks im schwarzen Armani-Anzug. Straßenmusiker spielen besser als Deutschlands Top 50 Singer-Songwriter…
In den Nationalparks muss man übernachten! Wer sich’s leisten kann im Mobilhome! Die Preise liegen allerdings in der Hauptsaison, mit Campingsplatzgebühren, locker bei rund 250 Euro pro Tag! Es kann nachts empfindlich kalt sein in Kanada, selbst im Hochsommer. Zugleich gibt es an der Ostküste der USA extreme Hitzeperioden, mit Schwüle, die wir bisher nur aus den Tropen kannten. Unseren Kindern hat das Wohnmobil besser gefallen. Sie liebten das kleine Haus auf Rädern, mit Küche, Dusche und Toilette. Wir Erwachsene haben im Zelt nicht schlechter geschlafen. Beim Campen stört mich am meisten die Enge auf den Plätzen in der Hochsaison und das Nutzen der Sanitären Anlagen. Aber das blieb uns auch mit dem Wohnmobil nicht erspart…
Unbedingt empfiehlt es sich zu wandern! Neben New York ist die Natur für mich das Schönste, was Nordamerika zu bieten hat! Ich finde sie beeindruckender als in Europa, weil sie freier, wilder, unberührter, größer und einsamer ist… Doch auch hier finden sich Spuren der Zerstörung. Pro MINUTE gehen der ganzen Welt eine Fläche Wald, in der Größe von 35 Fußballfeldern verloren! Illegaler Holzschlag, Brandrodung oder Umwandlung in Agrarland sind die Hauptursachen. Das rapide Waldsterben an der Westküste der USA führen Biologen jedoch auf die globale Erwärmung zurück. Diese verringert den Schneefall, führt zu einer früheren Schmelze und einer längeren Trockenheit im Sommer. Die Stressfaktoren schwächen die Bäume. Sie sind anfälliger für Insekten und Krankheiten. In jüngster Zeit gab es im Westen der USA gehäuft Borkenkäfer-Befall. In den letzten 30 Jahren starben dort doppelt so viele Bäume. Der Riesenmammutbaum ist eine vom Aussterben bedrohte Art. Der „General Sherman Tree“ ist der größte lebende Baum der Erde. Sein Alter wird auf etwa 1900 bis 2500 Jahre geschätzt. An seinem Stamm zu lehnen erfüllt mit Demut… Mögen unsere Kinder noch an seinem Fuße staunen können!
West- oder Ostküste? Mit Kindern Ostküste, da die Möglichkeiten zum Baden besser sind! Für alle anderen lieber den wilden Westen…
Leben? In Europa! Politik, Gesundheitswesen und Ausbildung gehen in den USA gar nicht!
Aber am besten: eigene Erfahrungen sammeln! In diesem Sinne: Go West!

Go West!

Long Island

Am Freitagnachmittag ist Rushhour zwischen den Hamptons und New York! Im Minutentakt fliegen Helikopter und Wasserflugzeuge. Wir betrachten die typischen Holz-Villen, mit ihren hübschen Shutters. Verspielte Türmchen auf den Dächern und rankender Efeu, muten märchenhaft an. Alles ist geschmackvoll, hübsch und irgendwie besonders. Den Leuten sehen wir an, dass sie reich sind. Die meisten fahren mit Chauffeur vor. Selbst 70-Jährige tragen ihre Schönheitsoperationen an Busen und Po offen zur Schau. Wir gucken uns Southhampton an. Dort begegnen wir New Yorker Lifestyle. Gleichzeitig verspüren wir eine dörfliche Atmosphäre. Alles ist zu sehr gepflegt. Es ist erstaunlich wenig los. Auf mich wirkt es piefig. Leute die NICHT hier wohnen, erkennen wir sofort an ihren neidischen Blicken.
Eine Amerikanerin spricht uns auf Deutsch an. Ich frage sie, wie sie es so gut gelernt hat. Ihre Mutter hätte Deutsch gesprochen. Sie war Deutsche jüdischen Glaubens, die in Wien an der Oper Ballet tanzte. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Ihr Vater stamme aus Polen und habe seine gesamte Familie in Ausschwitzt verloren. Ich bin betroffen und sage ihr, dass sich meine Generation immer noch dafür verantwortlich fühlt. Und dass ich alles dafür tue, dass dies niemals in Vergessenheit gerät. Dass ich mit meinen Kindern bereits darüber spreche. Sie legt eine Hand auf meinen Arm und sagt: „Kindchen, ich habe euch doch schon längst verziehen! Ich war Lehrerin. Ich habe mir deutsche Schulen angesehen und den Unterricht über den Holocaust, zu dem auch der Besuch ehemaliger Konzentrationslager zählte… Und diesen kleinen Wesen gibt es doch gar nichts zu verzeihen!“ Sie streichelt meinen Jungs über die Haare. Ich bin gerührt.

Am Strand treffen wir auf Hipster. Sie geben sich betont cool. Obwohl die rote Fahne demonstrativ im Wind flattert, reiten etliche die Wellen ab.
Im Fire Island National Seashore finden wir unser persönliches Schwimmparadies! Fast die gesamte Düneninsel, die Long Island vorgelagert ist, steht unter Naturschutz. Diese Barriereinsel ist knapp 50 Kilometer lang und einen Kilometer breit. Die Wellen sind gigantisch! Es macht unglaublichen Spaß darin zu springen, zu tauchen und zu schwimmen!

Die Kinder können zwar nur mit den Füßen planschen, weil ihnen die Brandung sonst die Beine weghaut, aber sie lieben es trotzdem. Sie bauen Schutzdämme, die binnen Sekunden wieder brechen. Sie graben riesige Löcher, die sich mit einer Welle füllen. Wir toben alle den ganzen Tag und sind abends glücklich, erschöpft und zufrieden.
Ein Litauer, der ein Work-and-Travel-Programm macht, erzählt mir, dass er immer für einen Deutschen gehalten werde. Ich lache, weil er mit seinen blonden Haaren, der Brille und seiner Größe wirklich sehr deutsch aussieht. Ich sage ihm das und dass ich finde, dass zwischen den Leuten aus dem Baltikum sowie Polen, weniger große Unterschiede bestehen, als zwischen Norddeutschen und Schweizern sowie Österreichern. Aus meiner Sicht gibt es nur auf Grund der schlechten historischen Vergangenheit immer noch Vorbehalte. Völlig zu Unrecht finde ich! Aber zwischen jungen Leuten zunehmend weniger… Er findet das auch. Die Beziehungen zu Russland seien allerdings nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch gegenwärtig unglaublich schlecht und erdrückend. Es sei daher verrückt, dass er in den USA, während seines Work-and-Travels ausgerechnet mit Russen befreundet ist. Er lacht und sagt: „Das ist das Gute, dass man trotz der politisch schwierigen Situation, auf persönlicher Ebene Freundschaften schließen kann.“
Letztlich sind es diese Geschichten am Wegesrand, die der gesamten Ostküste der USA etwas Kosmopolitisches geben. Die Menschen, denen wir begegnen, sind offen, neugierig und weltgewandt. Die Ländlichkeit, auch in diesem Teil der USA, steht im krassen Gegensatz dazu und lässt erahnen, warum das Land, welches einen ganzen Kontinent bildet, so zerrissen und gespalten ist. Trotzdem beeindrucken die US-Amerikaner mit ihrer Lockerheit, Toleranz und den Glauben, das alles möglich ist. Ganz besonders auf Long Island…

Go West!

Two days in New York with three kids

Wir fahren mit dem Auto nach Manhattan!!! Jaaaaa, selber!! Hätte es mir jemand vor einem Jahr gesagt, hätte ich ihn definitiv für verrückt erklärt!
Aber seitdem waren wir über vier Monate mit Wohnmobil und Pkw auf der Walz… Eine Autostunde und zehn Minuten von Manhattan entfernt, zelten wir im Heckscher State Park. Dort finden wir noch genau zwei andere Zelte auf dem Campingplatz. Es ist ruhig, grün und absolut tote Hose. Das finden wir wiederum sehr absurd!
Wir starten vormittags Richtung down town New York. 20 Autominuten vor Manhattan ragt die Stadt, aller Städte, plötzlich wie ein Gebirge vor uns auf. Entlang des Highways zeigt sich uns zur gleichen Zeit der Stadtteil Queens, mit kleinen heruntergekommenen Holz-Häuschen. Die Ladenzeilen im Erdgeschoss wirken schäbig…
15 Minuten bis Manhattan. Immer noch Queens, aber jetzt rote hässliche Backsteinhäuser mit fünf bis 20 Stockwerken in gleich aussehenden Würfeln stehend. Ständig blockieren Unfälle die Fahrspuren, dennoch fließt der Verkehr…

Noch zehn Autominuten bis zum Ziel. Jetzt der Stadtteil Brooklyn mit phantastischem Blick auf Manhattan! Erstmals Stau! Wir quälen uns durch den Queens Midtown Tunnel. Danach fahren die New Yorker zweispurige Straßen dreispurig, überall Fußgänger, Jogger und noch fünf Minuten bis zum Empire State Building…
Das erstbeste Parkhaus genommen. Wagen, Schlüssel und 50 Dollar abgegeben. Nur zwei Blocks zu Fuß bis zum Empire State Building. Unsere Kinder wundern sich, wie winzig die Autos von so hoch oben aussehen… Wir essen Eis am Madison Square Garden… Und veganes Quinoa in Soho… Micky und Mini Maus treffen wir am Times Square… Die Leute lachen uns zu, als wir unsere Zwillinge tragen. Wir sehen kaum andere Kinder in New York. Schon gar nicht drei auf einmal! Und so klein. Aber unsere drei machen das super!
Sie laufen und staunen über riesige Schulbusse auf dem Broadway…
Sie laufen und wundern sich über einen Kran, der auf einem Wolkenkratzer steht und diesen hochzieht…Sie laufen und laufen und laufen…
In Chinatown und sprechen wir mit einem Chinesen. Er beglückwünscht uns zu unseren drei Kindern und erzählt, dass er selbst zwei Töchter habe. Mehr gehe leider beim besten Willen nicht, da das College in den USA so teuer sei. Als wir berichten, dass wir aus Deutschland kommen, erwidert er lachend: „Also, dann gibt es doch wirklich keinen Grund, nicht noch ein viertes Kind zu bekommen! Der Staat bezahlt doch die Ausbildung für alle!“
Am zweiten Tag sind wir noch mutiger und fahren über die Brooklyn Bridge nach New York down town. Von dort sehen wir die Freiheitsstatue – Jippy!!! Später laufen wir die Brooklyn Bridge noch mal zu Fuß. Sie ist so vollgestopft mit Touristen, dass wir uns nur mühsam vorwärts schieben. Kleine Stände zu beiden Seiten versperren zusätzlich den Weg zur Brücke. Die Verkäufer bieten Wasserflaschen, Postkarten sowie Souvenirs feil und verkünden mit selbst-besprochenen Tonbändern über Lautsprecher: „Wondalawondala“. Ich wundere mich, bin aber zu angestrengt, um diese Werbung zu enträtseln. Auf dem Rückweg geht’s bergab und der Blick auf Manhattan ist schön, da unverbaut. Jetzt begreife ich auch, dass die Verkäufer „one Dollar“ sagen, für eine Wasserflasche. 35 Grad im Schatten machen sich bei mir bemerkbar und ich bekomme einen Lachanfall. Unsere Kinder verlangen einen Spielplatz. Die gibt es zum Glück überall.
Anschließend laufen wir zum Gedenkplatz des World Trade Centers. Auf dessen Grundriss stehen riesige Brunnen. Am Rand sind die Namen der Verunglückten eingraviert. In der Mitte fließt das Wasser in einen weiteren kleinen Brunnen, dessen Grund wir nicht sehen können… Rosen, USA-Flaggen und Teddys sind zum Gedenken niedergelegt. Unsere Kinder sind ergriffen. Sie fragen. Und verstehen. Unsere Jungs wollen nie wieder Krieg mit anderen Kindern spielen, sagen sie. Es gibt ein weißes Gebäude, das aussieht wie ein Engel, in dem sich eine Shoppingmal und die underground station befinden. Architektonisch gelungen, geschmacklos mit seinen Luxusboutiquen.
Insgesamt ist Manhattan cleaner, langweiliger, nicht mehr so multikulti und kreativ wie bei meinem ersten Besuch, vor über zehn Jahren… Es liegt aber auch an meiner Lebenssituation. Mich beeindrucken Menschen nicht mehr, deren einziger Lebensinhalt in Arbeit, schicken Klamotten und dem Aufsuchen freakiger Restaurants sowie Bars besteht.
Zwei Obdachlose fallen meinem kleinen Jungen ins Auge: „Die Männer, die auf der Straße liegen, haben kein Zuhause, oder? Traurig!“, sagt er. Es hat also etwas Gutes, dass die Mülltonnen im Central Park und der Bronx nicht mehr brennen!
Der Stadtteil Brooklyn ist alternativ, mit hübschen sanierten Altbauten. Auf den vierstöckigen Gebäuden finden sich Dachgärten. Es gibt etliche Blöcke mit Wolkenkratzern, alle in den letzten, rund zehn Jahren hochgezogen.
Williamsburg ist noch so multikulti, wie einst Manhattan. Orthodoxe Juden mit Schläfenlocken finden sich im Straßenbild.
Auf dem Rückwegen rettet uns der Carpool. Eine der fünf Spuren ist eigens dafür reserviert. Links außen bildet sie die schnellste Fahrbahn und wir kommen etwa doppelt so schnell voran – zu unserem absolut ruhigen Zeltplatz im Heckerscher State Park… Unglaublich!

Go West!

Boston – ein Stadtspaziergang

„Da, das pinke Boot! Genau wie unser rosa Haus, aber auf Rädern!“, mein kleiner Junge zeigt begeistert mit seinem Finger auf die Touristenbusse in Bosten, die zugleich als Boote fahren können. Wir starten trotzdem mit den Öffis. Im Bus fahren mit uns zu rund 80 Prozent Amerikaner mit sichtbarem Migrationshintergrund. Als wir im Stadtzentrum aussteigen, lernen wir, wie obdachlosen Kommunikation funktionieren kann: Die auf der Platte Lebenden, haben Pappen mit Edding beschrieben. Eine der Botschaften enthält die Nachricht, dass ein weiblicher Hund gefickt wurde, um den Trieb auszuleben, weil keine andere Sexualität mehr möglich ist. Das hätte ich lieber ohne meine Kinder in Erfahrung gebracht!
Als wir weitergehen stellen wir fest, das Boston sauber, sicher und überschaubar ist. Wir beginnen in Chinatown, die Bewohner empfangen uns mit offenen Armen auf einem Spielplatz. Sie finden unsere drei Kinder süß und wir fühlen uns sofort wohl. Anschließend laufen wir den Freedom Trail. Er ist etwa vier Kilometer lang. Die Besichtigungs-Route ist auf dem Weg mit einer durchgezogenen, roten Linie markiert. Sie verbindet siebzehn historische Sehenswürdigkeiten. Den Kindern bringt es Spaß, der roten Linie zu folgen und die Länge schaffen sie locker. Da wir ab mittags 40 Grad im Schatten haben, verbringen wir den Rest des Tages im zentralen Boston Public Garden. Die Kids kreischen unter Wasserspeiern, vergnügen sich im historischen Karussell und genießen Eis. Die Atmosphäre ist vergnügt, relaxt und kameradschaftlich mit anderen Kindern. Ein Mann, der in Boston arbeitet und mit Frau sowie zwei Söhnen dort lebt, nimmt uns fast in die Arme, als er hört wir seien aus Deutschland: „Oh, I love Angela Merkel!“ Er hält sie im Moment für die letzte Vertreterin der „freien Welt!“ Alles würde er dafür tun, wäre sie die amerikanische Präsidentin. In seinem Freundes- und Kollegenkreis sei es das gleiche. Alle schauten auf Europa und besonders auf Deutschland und hofften, dass irgendein Impuls von dort komme. Er schämt sich für den jetzigen Präsidenten. Urlaub mit der Familie mache er nur noch in Kanada. Sein Sohn ist FC Bayern-Fan, was mir persönlich jetzt keinen Anlass zur Freude gibt. Niedlich ist es allerdings schon, wie stolz er darauf ist, eine Verbindung zu Deutschland zu haben.
Als wir abends die zehn Minuten von der Bushaltestelle wieder zurück zu unserem Hotel zu Fuß gehen, ist dies unangenehm. Rund 100 Obdachlose hängen auf der Straße ab. Sie sind betrunken oder zugedröhnt mit Drogen. Wir treffen einen Amerikaner, gebürtig in L.A., er erzählt: „Das ist das Ergebnis der aktuellen amerikanischen Politik. Die Arbeitslosigkeit ist groß und es gibt keine sozialen Netzwerke, die die Menschen auffangen.“ Und obwohl ich sie niemals wählen würde, zwinkere ich in diesem Augenblick, im Geiste, dankbar „unserer Angie“ zu!

Go West!

Papageientaucher – auf der Pirsch

„Puffins“ heißen die niedlichen kleinen Vögel auf englisch. Schwarze und weiße Federn kleiden sie. Ihre roten Beine leuchten. Der orangefarbene Schnabel ähnelt dem eines Papageien. Sie finden sich überall wo es kalt ist: im Nordpolarmeer, auf Grönland sowie auf Island. Und in einem der größten Salzwasserseen der Welt: auf Cape Breton Island. Ich muss sie sehen! Letztes Jahr wollte ich ihretwegen schon nach Neufundland reisen… Wir machen eine Schiffstour mit derart hartem Wellengang, dass sich die ersten Passagiere bereits nach verlassen des Hafens übergeben. Ich habe Angst um meine Kinder und überlege kurz, ob ich lieber über Board springe und zurück schwimme. Da das Wasser eiskalt ist, vertraue ich dann doch dem Kapitän, der seit fast 50 Jahren zur See fährt. Er begleitete seinen Vater bereits mit sieben Jahren und ging ihm zur Hand. Ich verlange Schwimmwesten für meine Kleinen. Wir quälen uns rund eine dreiviertel Stunde zur Vogelinsel. Gegen die Strömung und frontal zu den Wellen. Diese überragen die Bordwand des Schiffes. Ich bereue, den Trip gebucht zu haben. Und vergesse es sofort wieder, als ich den ersten Papageientaucher tollpatschig am Boot vorbeifliegen sehe. Dann Weißkopfseeadler. Ohhhhh, ich bin verzückt und meine Kinder erst!
Der Sohn des Kapitäns erklärt einiges. Er ist 24 Jahre alt, liebt Rapmusik, Videospiele und Baseball. Er weiß noch nicht, was er mit seinen Träumen anfangen kann. Sein älterer Bruder übernimmt das Schiff seines Vaters.
Eine Deutsche stürzt auf mich zu und sagt: „Genießen sie ihre drei Kinder, so lange sie klein sind!“ Ich antworte verdattert: „Ja, danke, ich freue mich auch, sie kennen zulernen.“ Sie rollt mit den Augen und rattert dann wie ein Maschinengewehr, als sie sagt: „Ich habe meinen ältesten Sohn vor ein paar Tagen aus Montreal abgeholt. Er ist 15 Jahre alt und war dort für ein halbes Jahr auf der Highschool. Es ist so schrecklich, ich erkenne ihn nicht wieder! Die ganze Familie hat sich auf ihn gefreut! Alle zusammen fahren wir drei Wochen durch Kanada und zelten.“ Sie zuckt mit den Schultern: „Als Mutter bist du in dem Alter abgemeldet. Seien wir ehrlich, die Erziehung ist abgeschlossen. Er hat sofort gesagt, dass er auf keinen Fall mit seinen Alten zusammen in einem Zelt pennt, das sei widerlich! Jetzt schläft er im Auto…“ Sie schaut mich erwartungsfroh an. Ich antworte zögerlich: „ Äh, wenn er zufrieden damit ist, passt es doch.“ Der Sohn der Frau machte auf mich einen ganz normalen Eindruck. Ich sah ihn bereits öfter auf dem Campingplatz. Mir fiel nichts auf, außer dass er immer mit Beats auf den Ohren rumläuft. Selbst wenn er auf Toilette geht – oder gerade deshalb? Seine Mutter nickt hektisch und sagt: „Jaja, das ist alles kein Problem. Aber er erzählt mir auch nichts mehr. Ich habe ihn gefragt, ob er eine Freundin in Kanada hatte und er meinte völlig empört, dass mich das gar nichts angehe. Ich bin Ärztin und habe eine eigene Praxis. Die Freunde meines Sohnes kommen zu mir. Sie haben mir immer erzählt, wie es meinem Sohn geht. Bei mir hat er sich wochenlang nicht gemeldet. Nachts zockte er zusammen mit seinen Freunden online, bis er pleite war. Bei seiner Gastfamilie konnte er rund um die Uhr surfen. Aber zu Hause ziehe ich um 22 Uhr den Stecker des Routers, dann ist Schluss!“ Ich bin langsam genervt. Dann werde ich hellhörig, als sie sagt: „Ich habe schon so viele meiner jungen Patienten in die Klinik eingewiesen, weil sie nichts mehr auf die Reihe bekamen. Sie hatten Ängste, wollten nicht mehr leben, waren sozial isoliert. Sie konnten sich damit niemandem anvertrauen. Sie glauben gar nicht wie viele heutzutage online-süchtig sind! Alkohol ist im Vergleich dazu kein Problem. Das ist fassbar und behandelbar. Andere Drogen sind schon schwieriger, aber kann man auch in den Griff bekommen. Aber Online-Sucht ist echt gefährlich. Das ist überhaupt nicht greifbar. Und es geht nichts mehr ohne Online-Nutzung. Die jungen Leute sind somit nach einem Klinikaufenthalt sofort wieder drauf auf ihrer Droge. In einer analogen Welt kannst du heute nicht mehr leben. Da habe ich echt Angst vor.“
Ich sehe meinen Sohn begeistert aus dem Fenster schauen und mit dem Finger auf die Papageientaucher zeigen. Er ist glücklich. Er bekommt nichts um sich herum mit. Er versinkt ganz in diesem Moment. Vielleicht ziehe ich auch eines Tages den Stecker? Aber jetzt gucke ich mir die Papageientaucher an! Und ich genieße die Rückfahrt bei Sonnenuntergang. Die Stimmung an Board ist ausgelassen. Das Meer ist glatt und friedlich, als hätte es nie Wellen gegeben…

Go West!

Cape Breton Highlands – willkommen im Club!

Den Cape-Breton-Highland-Nationalpark ließen wir bei unserer Nordamerika-Reise im letzten Jahr aus. Er liegt auf einer Insel kurz vor Neufundland und wir dachten, dass wir eher mal nach Schottland fahren… Jetzt sind wir dort! In Deutschland sind die Highlands sehr beliebt. Es finden sich zahlreiche deutsche Auswanderer und Freaks. Die Landschaft zieht in ihren Bann, mit Fjorden, dem Hochland und Wildlife, inklusive Bären, Elchen oder Weißkopfseeadlern. Witzig, auf Cape Breton sind die Regeln teilweise verdreht: Touristen wandern in eingezäunten Gebieten und Elche laufen in der freien Wildbahn!
Auf Cape Breton gibt es tolle Wanderwege, wie den Middle Head Trail. Er ist abwechslungsreich und belohnt am Ende mit einem fantastischen Ausblick. Zwei längere Wanderwege können wir nicht laufen, wegen einer möglichen Begegnung mit Bären. Bei dem einen steht gleich zu Beginn des Weges eine schrillgelbe, große Warntafel mit der Aufschrift: „Achtung, Bär in der Umgebung!“ Mit drei kleinen Kindern, von denen eines in der Rucksacktrage sitzt und wir das Zweite meist Huckepack nehmen, wagen wir es nicht.
In den Nationalparks sind Waffen grundsätzlich verboten. Permits zur Jagd lassen sich zum Teil erwerben. Viele Kanadier wandern daher in Regionen, in denen es Bären gibt, nicht ohne ihr Gewehr und meiden Nationalparks. Das ist besonders im Westen Kanadas der Fall. Sie halten europäische Touristen, die hungrig nach Wildlife sind, für verrückt. Sie schütteln den Kopf und ärgern sich über solche, die noch das Leben ihrer Kinder gefährden.
Bei einem anderen Trail laufen wir guten Mutes los und sehen nach einer halben Stunde Kratzspuren eines Bären. Direkt am Wegesrand steht ein Baum, dessen Rinde herab klafft. Da uns bisher keine Menschenseele begegnete, warnte uns vielleicht allein aus diesem Grund kein Schild. Uns ist die Wanderung verdorben und wir kehren sicherheitshalber um. Die Kinder finden die Bärenspuren toll und wären am liebsten einem begegnet. Sie waren schon enttäuscht, dass sie ihren „Pommes-Bär“ vom letzten Jahr nicht wieder trafen! Dieser Braunbär liebte Fritten und lungerte immer in der Nähe eines Kiosks herum. Als wir Pommes bestellten, erhielten wir eine Warnung, nie mit Essen im Kouchibouguac Nationalpark herumzulaufen. Wir dachten, das wäre ein Märchen, bis wir den „Pommes-Bär“ mit eigenen Augen sahen, rund 75 Meter entfernt… Sehr zur Freude der Kinder! Ich dagegen bin froh, dass er weit weg geflogen wurde!
Neil’s Habour ist ein kleines Fischerdorf, das uns sehr gefällt. Es watet mit einem Holzleuchtturm auf und verfügt über ein gutes Fischrestaurant, auf einer Felsnase gelegen, mit phantastischem Blick auf’s Meer. Der Hafen mit seinen Boten ist etwas heruntergekommen, dafür mutet er malerisch an und ist authentisch. Herrlich unkompliziert, selbst mit unseren drei Rackern, ist das Café „bean barn“ in Ingonish. Es stellt alles selbst her. Alternatives Personal bedient uns. Wir gönnen uns dort täglich ein Frühstück.
Zu Beginn sind die Nächte sehr frisch. Wir sind nur mit leichten Sommerschlafsäcken ausgerüstet und erkälten uns promt. Die Kinder sind trotzdem motiviert. Mit Luftmatratzen bewaffnet, nächtigen wir sehr bequem. Später, als die Nächte weiter südlich heiß werden, schlafen wir nur mit Moskitozelt und somit unter freiem Himmel. Wir sehen die Sterne, hören Grillen und früh morgens die Vögel. Der Wind streichelt unsere Haut, es riecht nach salziger Meeresluft. Einer unserer Zeltplätze liegt traumhaft, mitten auf einem Felsvorsprung, direkt am Meer. Da immer ein Wind weht, belästigen uns keine Mücken und wir brauchen nicht mal das Insektennetz. Die Sonne geht direkt vor unserer Nase unter und der Himmel färbt sich orange, pink und violett. Duzende Camper pilgern mit ihren Klappstühlen zu unserem Platz und bauen sie an dessen Rand auf. Rund 50 Leute halten ihre Telefone, Pads oder Kameras in die Luft und geben entzückte Ausrufe von sich. Eigentlich ist das allabendliche Spektakel noch sehenswerter, als die Sonnenuntergänge selbst. Wir haben unseren Spaß bei einem Glas Wein und den besten Ausguck dazu.
Am Lagerfeuer lerne ich, dass eines überall auf der Welt gleich ist: „Wenn du Kinder bekommst, trittst du einem Club bei. Er ist nicht besonders exklusiv, aber du trittst ihm bei, ob du willst oder nicht! Wer nicht Mitglied ist, kann kaum nachzuvollziehen, wie es ist! Was du leistest, wie wichtig es dir ist. Wie anstrengend es ist. Wie glücklich es macht. Wie verzweifelt du sein kannst und wie unendlich reich du bist. Durch diese grenzenlose Liebe…“, sagt mir ein Amerikaner, nach dem x-ten gemeinsamen Bier – „Cheers!“

Go West!

Sechs Wochen Zelten in Nordamerika mit drei Kindern

Sommerferien können verdammt lang, anstrengend und phasenweise die Hölle sein! Zumindest, wenn ich sie volle sechs Wochen gemeinsam mit meinen drei Kindern im Zelt verbringe… „Mama, es ist schon wieder in die Hose gegangen. Der Weg zum Klohaus ist zu lang!“, schreit mein einer Sohn mehrmals täglich. Die Unterhosen schmeiße ich weg, da gibt’s nichts mehr zu retten. Den Gang zum Plumpsklo schieben meine Lütten so lange wie möglich auf und der Kommentar: „Es riecht nach Pferd!“, ist noch geschmeichelt… „Iiiiiiiihhhh, eine Kakerlake, so groß wie meine Hand, ist mir unter der Tischbank übern Fuß gelaufen!“, quiekt meine Tochter. Ich ekel mich auch, versuche aber zu beschönigen: „Ja, Schatz, wir sind hier halt mitten in der Natur.“ Da plärrt es bereits wieder aus der anderen Richtung: „Aua, du sollst mir nicht immer mit der Luftpumpe auf den Kopf hauen! Ich will nicht schon wieder an der Zeltaußenwand schlafen! Da stechen mich die Mücken immer blutig!“
Dabei wer der Flug diesmal wirklich easy: Drei Stunden bis Reykjavik, ich lese mit den Kids. Umsteigen und noch mal sechs Stunden bis Bosten, die Lütten pennen. Einreisen am Boston Logan International Airport. Das ist die enspannteste meiner insgesamt vier Varianten, die ich in die USA hatte (L.A. am Flughafen, dauerte ewig und die Grenzbeamten waren maximal unfreundlich. New York war langwierig. Aus Kanada über den Landweg, war eine Zumutung, wenn gleich wir sie erwarteten). Jetzt in Boston gehen wir einfach so durch. Der Grenzer ist nett und eh wir begreifen, dass wir gerade einreisen, ist’s auch schon vorbei. Zehn Stunden Autofahrt und wir stranden an Kanadas Ostküste. Unterwegs stoppen wir im Acadia Nationalpark. Wir holen die Fahrt auf den Cadilac Mountain nach, den höchsten Berg an Amerikas Ostküste. Mit dem Wohnmobil war sie uns letztes Jahr verboten. Regentag – wir in bunten Jacken on the top of the mountain: aussichtslos!
Im Kouchibouguac Nationalpark gibt es noch Wildnis mit Bären und Elchen. Der Wald riecht harzig, moderig, würzig. Moose und Flechten bedecken Steine. „Trollhaar“ hängt dicht von Nadelbäumen. Es gibt einen traumhaft schönen Strand mit riesigen Dünen. Wir fahren Kanu und Kajak auf dem „Fluß der langen Gezeiten“. Zum Einstieg zelten wir bequem im oTENTik. Das ist ausgerüstet mit Feldbetten, Eßtisch und –stühlen sowie einem extra Kochzelt mit Grill, Gasherd, Töpfen und Geschirr. Allerdings ist es auch fast so teuer wie ein Motel. Es ist die unterste Kategorie einer Eco-Lodge, die sanitären Einrichtungen teilen wir uns jedoch mit allen anderen… Am Zelten gefällt uns besser, dass wir über einen Pkw verfügen, mit dem wir deutlich mobiler sind, als mit dem Wohnmobil. Ein Teil der Familie kann mal alleine auf dem Campingplatz bleiben, da nicht wie beim Wohnmobil gleich das ganze „Haus“ mit allem drum und dran fehlt. Wir sind 24 Stunden am Tag an der frischen Luft. Wir kommen viel häufiger mit anderen ins Gespräch, weil wir ja immer draußen sitzen. Der entscheidendste Faktor ist natürlich der Preis! Der Mietwagen kostet nur ein Viertel gegenüber dem Wohnmobil! Damit reißt Essen gehen oder mal spontan ein teurer Ausflug nicht gleich eine riesige Finanzlücke. Der Pkw fährt sich auch viel besser! Die geräumige Limousine, bewege ich wie mein Auto zu Hause. Auf der Rückbank sitze ich wie in einer Stretchlimo. Unser üppiges Gepäck verschwindet lässig im Innenraum. Wir kommen 20 bis 30 Prozent schneller voran und sparen fast die Hälfte an Benzinkosten. Wir finden überall einen Parkplatz und können auch in Städte fahren. Insgesamt sind wir mit Zelt und Pkw flexibler, mobiler und dabei deutlich günstiger. Wir unterhalten uns abends am Lagerfeuer mit einer Familie aus Toronto, die wie wir, auch drei Kinder hat und letztes Jahr ebenfalls mit dem Wohnmobil unterwegs war. Dieses Jahr übernachten sie nur in oTENTiks und brausen mit dem Sportwagen. Sie sagt: „Ich bin gar nicht mit dem Wohnmobil gefahren, weil ich es mir nicht zugetraut habe. Ich fand das Campen damit sehr romantisch und den Kindern gefiel es natürlich super gut!“ Er berichtet: „Ich hatte das Gefühl, die ganze Zeit nur mit dem Wohnmobil beschäftigt zu sein! Gas nachfüllen, Wasser ablassen, Frischwasser auffüllen, Tanken und Strom aufladen. Beim Fahren ständig darauf achten, das Auto auf der Straße zu halten, wegen der Überbreite. Wir haben nie einen Parkplatz vorm Restaurant gefunden. Ich habe mich gefühlt wie ein Trucker! Für mich war das nix!“
Aber für unsere Kinder steht fest: „Nächstes Jahr sparen wir Geld und verbringen den Sommer in Schweden. Dann können wir übernächstes Jahr wieder nach Kanada fliegen und uns ein Wohnmobil mieten. Wir unterstützen euch auch und geben unser ganzes Taschengeld dazu. Dann können wir uns das leisten!“

Go West!

Fernweh

Es hat uns gepackt: Das Kanada-Fieber! Ich hielt das nie für möglich und glaubte mich immun! Sicherlich, wir haben eine Hütte in Schweden, unsere Familie ist dort verwurzelt und wir lieben Skandinavien. So ganz abwegig ist es daher nicht… Aber Leute, die von Kanada schwärmten, verstanden wir nie ganz. Für uns war das ein Land mit kalten, verregneten Sommern, endlosen Wäldern, Mückenschwärmen und Bären, denen man mit kleinen Kindern lieber nicht begegnet. Aber unser letzter Sommer in Nordamerika sah ganz anders aus: Wir badeten im Meer bei mediterranen Temperaturen, erlebten grandiose Wandertouren durch abwechslungsreiche Landschaft und machten zahllose Tier-Bekanntschaften zum Vergnügen unserer Kids. Nur die Mücken-Attacken bewahrheiteten sich. Unsere Kleinen spielten nach der Reise jeden Tag: Wir reisen nach Kanada. Sogar als wir in Schweden waren! Im Spiel sitzen wir mal wieder angeschnallt im Wohnmobil und mein Sohn fährt, er spielt die Mama. Sein Bruder sitzt auf dem Beifahrersitz und sagt: „Die Kinder hinten quengeln. Ich kaufe uns ein Eis, an der nächsten Tanke. Du siehst aus, als ob du einen Kaffee vertragen könntest. Danach löse ich dich ab. Haben heute ja noch einiges vor uns.“ Er spielt den Papa. Wir fragen sie verwundert: „Aber war das denn schön für euch, diese lange Fahrerei?“ „Jaaaaaaa!“, brüllen sie wie aus einem Munde und strahlen uns an. Wir geben uns geschlagen. Es geht in den ersten Sommerferien unserer Tochter nach Kanada! Wir fliegen diesmal bis Boston. Der Flug kostet nur die Hälfte, im Vergleich zu einem nach Halifax. Das bedeutet, dass wir in die USA einreisen, das schmeckt uns gar nicht! Aber auch die Mietwagen-Preise sind in den USA günstiger. Wir fahren eine längere Strecke nach Kanada, kommen mit dem Pkw aber auch besser voran – hoffen wir zumindest! Außerdem können wir so Long Island neu entdecken und New York endlich mal wieder einen Besuch abstatten. Diesmal zelten wir wirklich! Das schließt die Parks ganz im Norden Kanadas aus. Denn dort kommen die Bären auf den Campingplatz. Einmal zeltete ich an der Westküste in einem Nationalpark mit möglichem Bärenbesuch. Ich lag sicher in der Mitte des Zeltes, zwischen zwei Männern. Unsere Essensvorräte verstauten wir in den Bärensafes der Nationalparkverwaltung. Trotzdem schlief ich die ganze Nacht über nicht und es lag nicht an den Männern! Nein, danke!
Im Kouchibouguac Nationalpark umgehen wir das Problem, indem ich online ein oTENTik reserviere. Das ist ein festes Zelt, vergleichbar mit einer Jurte, welches auf einem Holzplateau steht. Drinnen finden sich richtige Betten für sechs Personen, Tisch und Stühle. In einem kleinen Kochzelt davor gibt es einen Herd, Geschirr und alle Utensilien die ein Chef de Cuisine so braucht. Außerdem befindet sich eine Picknick-Tisch-Bank mit Feuerstelle auf unserer Camp Site. Wir bewunderten diese Zelte schon neidisch bei unserer Reise im letzten Sommer und freuen uns auf den Komfort, der vergleichbar mit dem einer Hütte ist.
Ein geräumiges Zelt besitzen wir schon. Einen großen Gaskocher kaufen wir. Der kleine Sturm-Kocher, zum Wandern perfekt und mit Alkohol aus jeder Apotheke befüllbar, reichte schon für uns zu Zweit kaum. Nudeln kochen war jedenfalls anstrengend. Ein Probezelten auf Amrum ist Pflicht. Tagsüber ist alles gar kein Problem, die Nächte sind bannig kalt. Daunenjacken, gilt es also für alle Fälle einzupacken. Mit einem Bezug dienen die dann auch gleich als Kopfkissen. Der vergangene Sommer in Kanada sprengte hinsichtlich heißer Temperaturen alle Rekorde. Ein Sommer, wie wir ihn aus Schweden kennen, ist dieses Jahr durchaus drin. Wir wanderten in Skandinavien im Hochsommer schon bei Schneeregen im Fjäll…
Aber wer im Mai bei Sturm auf Amrum nicht wegweht und wem zehn Grad nichts anhaben können, der schafft es auch in Kanada!

Go West!


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Mit zwei Kleinkindern und einem Vorschulkind für ein Vierteljahr im Wohnmobil durch Nordamerika

Die 17 Beiträge des Blogs über unsere Nordamerikareise können jetzt als Kalender für 2019 mit zwölf Fotos im A3-Querformat bestellt werden. Wer auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk ist, kann den Kalender direkt an die Adresse des Empfängers senden lassen.

Die Reise und damit die Beiträge begannen in der quirligen, drei Millionen Einwohner zählenden Metropole Toronto, am Lake Ontario. Sie folgte dem Lorenz-Strom durch altes Kulturland, Wälder und Seen, im Herzen Kanadas. Weiter ging’s entlang des Lorenz-Stromes bis Tadoussac, der Wiege der Wale. Auf der Gaspé-Halbinsel im französisch geprägten Kanada entdeckten wir schneebedeckte Berge, Fjorde und Schwarzbären. Wir reisten nach New Brunswick, in der Bay of Fundy, dort fanden wir den größten Tidenhub Kanadas. Auf der Insel Prince Edward stehen unzählige Leuchttürme und Nova Scotia beeindruckte mit seiner Schärenlandschaft. Wir überquerten die Grenze zur USA und fuhren in das Wanderparadis im Acadia National Park. Die Sylt ähnelnde Insel Cape Cod verfügt über endlose Sandstrände am Atlantik. Im Robert Treman Park im Bundestaat New York ging’s multikulti beim Baden zu. Unsere Runde endete nach gut 8000 Kilometern wieder in Toronto.
Der Kalender verfügt über eine Spiralbindung mit Aufhängung, ein Deckblatt mit Klarsichtfolie sowie eine Rückwand aus Pappe. Er ist über Amazon unter diesem Link für 12.90 Euro, zuzüglich 3.00 Euro Versandkosten zu bestellen:

Oktober 2019

Text Januar

Go West!

Freiheit, Erlebnispädagogik und ein starkes Team

Ich finde es spannend, wie sich der Blog entwickelt hat. Und es ist schön, dass meine Kinder auf diese Weise einen bleibenden Eindruck von unserem gemeinsamen Abenteuer behalten. Unser rollendes zu Hause auf Zeit hat uns besser gefallen als erwartet. Mit Kindern ist es sehr praktisch. Sie haben immer die gleiche Unterkunft, mit allen ihren Sachen. Ankommen, die Tür aufmachen und schon sind sie „im Garten“, wie unsere Jungs sagten. Und damit im Glück. Am Anfang fühlten wir uns „fremd“ im Wald. Ich hatte den Eindruck von allen Seiten angestarrt zu werden und selber sah ich – nichts. Ich fühlte mich orientierungslos und war froh, wenn ich die Wildnis nach dem Wandern verlassen konnte, denn sie schien mir zum Überleben ungeeignet. Zwar sind wir immer noch keine Waldläufer, aber wir sehen inzwischen alle ganz viel, besonders unser kleiner Sohn sichtet ständig Tiere. Drei Monate auf engstem Raum zusammen zu leben, forderte uns alle heraus. Wir konnten die Kinder nicht einfach mal zwischendurch abgeben. Wir hatten keine Zeit nur für uns selbst. Es war auch nicht möglich mal etwas als Paar oder nur mit einem Kind alleine zu unternehmen. Unsere Tochter bemerkte sehr treffend: „Mama, Du und Papa, ihr habt es ja wirklich schwer, euch einen schönen Abend zu machen. Da wir kein Wohnzimmer haben, müsst ihr ganz leise sein. Ihr könnt rausgehen, aber da ist es kalt und es kommen Mücken, oder? Aus meinem Fenster sieht es immer sehr schön aus.“ Bis zu diesem Zeitpunkt glaubten wir uns zumindest draußen unbeobachtet. Aber es stellte sich heraus, dass unsere Tochter die Gardinen über dem Fahrerhaus abends zurückzog, sich ein Kissen vor die getönten Scheiben legte und dann bäuchlings stundenlang rausguckte. Anfangs waren wir alle berauscht. Nach der Hälfte der Reise hatten wir einen Lagerkoller, keine Lust mehr aufs Campen und waren des Fahrens müde. Trotzdem habe ich mich frei gefühlt, ich konnte mich selbst aus einer anderen Perspektive sehen. Das ist mir in einem dreiwöchigen Urlaub nicht möglich. Und es funktioniert auch nicht zu Hause, wenn ich in all meinen Zwängen stecke. Ich meditiere rund zehn Jahre und mein Geist ist einigermaßen geschult, aber richtig frei, war er erst nach gut zwei Monaten. Und ich hatte das Gefühl, dass war erst der Anfang. Die Erkenntnisse im Alltag umzusetzen, scheint mir jetzt, wieder in Hamburg, fast unmöglich. Es ist toll wieder Daheim zu sein. Uns ist jetzt erst richtig bewusst, wie schön unser Haus ist und wie viel Arbeit wir hineingesteckt haben. Es ist wunderbar, alle Menschen, die wir lieben, um uns zu haben. Wir hätten auch nicht länger reisen können. Wir sind 8000 Kilometer gefahren. Wir waren täglich auf der Walz. Das war drei Monate lang super, wäre aber keinen Monat länger möglich gewesen. Das ist anstrengend. Keine Erholung oder Urlaub. Es ging wirklich mehr um dieses (erneute) zueinander finden. Um das miteinander Leben. Um ein sich aufeinander Einlassen. Und das hat nicht nur gut getan, sondern war notwendig. Wir hätten uns sonst vielleicht im Alltag verloren. Wir alle sind daher Dankbar, dass wir zusammen Reisen konnten. Zum Schluss waren wir Fünf so zusammengeschweißt wie nie zuvor. Mir fiel auf, dass ich nicht genug Zeit hatte, meine Zwillingsbabys zu schmusen. Wenn jetzt eines meiner Kinder kreischt, trotzt oder verwüstet, denke ich nicht mehr, da muss ich strenger sein, etwas stimmt nicht mit meinem Kind oder ich müsste es besser organisieren. Es fällt uns auf, wie gestresst junge Familien sind, wenn sie ihren Alltag zu meistern versuchen. Ich weiß jetzt, wenn meine Kinder schwierig werden, ist es ihnen einfach zu viel. Zu häufig Termine mit Zeitdruck. Massenhaft Reize und äußere Einflüsse. Wir schieben die Kinder ständig hin und her. Ich kann mit meinen wütenden, tobenden und zerstörerischen Kindern mitfühlen und gelassen bleiben. Es jetzt so zu sehen, ist vielleicht das größte Geschenk, das ich erhielt. Ich kann meine Kinder lieben und achtsam mit ihnen umgehen. Ich stelle nicht erst fest, dass ich die Zeit mit meinen Kindern viel zu wenig genossen habe, wenn sie ausziehen, wenn ich Enkel bekomme oder wenn sich mein Leben dem Ende zuneigt.  Dann nämlich, wenn es unumkehrbar und nicht mehr möglich wäre. Wir nehmen uns Zeit, um morgens gemeinsam in den Tag zu starten. Wir erzählen uns, worauf wir uns freuen und was uns bedrückt. Wir sagen uns, dass wir uns lieben und dass es ein großes und nicht selbstverständliches Glück ist, dass wir einander haben. Und abends lassen wir den Tag gemeinsam ausklingen. Wir erzählen uns was schön war und dass wir uns vermisst haben. Aber unser Herz hat Sehnsucht. Es fühlt sich eng an im Alltag. Wir gehen wieder getrennte Wege, auch wenn wir achtsamer miteinander umgehen. Wir träumen von einem entspannteren Leben. Von einem Leben, in dem die Tage erfüllt sind und wir sie gemeinsam verbringen. Wir träumen von einer zweiten Eltern(aus)zeit vor der Einschulung unserer Jungs, in der wir den Ausstieg auf Probe wagen und dann – wer weiß…