Go West!


Jetzt bestellen: Kalender 2019 mit Reise in Bild und Text

Mit zwei Kleinkindern und einem Vorschulkind für ein Vierteljahr im Wohnmobil durch Nordamerika

Die 17 Beiträge des Blogs über unsere Nordamerikareise können jetzt als Kalender für 2019 mit zwölf Fotos im A3-Querformat bestellt werden. Wer auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk ist, kann den Kalender direkt an die Adresse des Empfängers senden lassen.

Die Reise und damit die Beiträge begannen in der quirligen, drei Millionen Einwohner zählenden Metropole Toronto, am Lake Ontario. Sie folgte dem Lorenz-Strom durch altes Kulturland, Wälder und Seen, im Herzen Kanadas. Weiter ging’s entlang des Lorenz-Stromes bis Tadoussac, der Wiege der Wale. Auf der Gaspé-Halbinsel im französisch geprägten Kanada entdeckten wir schneebedeckte Berge, Fjorde und Schwarzbären. Wir reisten nach New Brunswick, in der Bay of Fundy, dort fanden wir den größten Tidenhub Kanadas. Auf der Insel Prince Edward stehen unzählige Leuchttürme und Nova Scotia beeindruckte mit seiner Schärenlandschaft. Wir überquerten die Grenze zur USA und fuhren in das Wanderparadis im Acadia National Park. Die Sylt ähnelnde Insel Cape Cod verfügt über endlose Sandstrände am Atlantik. Im Robert Treman Park im Bundestaat New York ging’s multikulti beim Baden zu. Unsere Runde endete nach gut 8000 Kilometern wieder in Toronto.
Der Kalender verfügt über eine Spiralbindung mit Aufhängung, ein Deckblatt mit Klarsichtfolie sowie eine Rückwand aus Pappe. Er ist über Amazon unter diesem Link für 12.90 Euro, zuzüglich 3.00 Euro Versandkosten zu bestellen:

https://www.amazon.de/dp/3000616063

Oktober 2019

Text Januar

Go West!

Freiheit, Erlebnispädagogik und ein starkes Team

Kanada_800px

Ich finde es spannend, wie sich der Blog entwickelt hat. Und es ist schön, dass meine Kinder auf diese Weise einen bleibenden Eindruck von unserem gemeinsamen Abenteuer behalten. Unser rollendes zu Hause auf Zeit hat uns besser gefallen als erwartet. Mit Kindern ist es sehr praktisch. Sie haben immer die gleiche Unterkunft, mit allen ihren Sachen. Ankommen, die Tür aufmachen und schon sind sie „im Garten“, wie unsere Jungs sagten. Und damit im Glück. Am Anfang fühlten wir uns „fremd“ im Wald. Ich hatte den Eindruck von allen Seiten angestarrt zu werden und selber sah ich – nichts. Ich fühlte mich orientierungslos und war froh, wenn ich die Wildnis nach dem Wandern verlassen konnte, denn sie schien mir zum Überleben ungeeignet. Zwar sind wir immer noch keine Waldläufer, aber wir sehen inzwischen alle ganz viel, besonders unser kleiner Sohn sichtet ständig Tiere. Drei Monate auf engstem Raum zusammen zu leben, forderte uns alle heraus. Wir konnten die Kinder nicht einfach mal zwischendurch abgeben. Wir hatten keine Zeit nur für uns selbst. Es war auch nicht möglich mal etwas als Paar oder nur mit einem Kind alleine zu unternehmen. Unsere Tochter bemerkte sehr treffend: „Mama, Du und Papa, ihr habt es ja wirklich schwer, euch einen schönen Abend zu machen. Da wir kein Wohnzimmer haben, müsst ihr ganz leise sein. Ihr könnt rausgehen, aber da ist es kalt und es kommen Mücken, oder? Aus meinem Fenster sieht es immer sehr schön aus.“ Bis zu diesem Zeitpunkt glaubten wir uns zumindest draußen unbeobachtet. Aber es stellte sich heraus, dass unsere Tochter die Gardinen über dem Fahrerhaus abends zurückzog, sich ein Kissen vor die getönten Scheiben legte und dann bäuchlings stundenlang rausguckte. Anfangs waren wir alle berauscht. Nach der Hälfte der Reise hatten wir einen Lagerkoller, keine Lust mehr aufs Campen und waren des Fahrens müde. Trotzdem habe ich mich frei gefühlt, ich konnte mich selbst aus einer anderen Perspektive sehen. Das ist mir in einem dreiwöchigen Urlaub nicht möglich. Und es funktioniert auch nicht zu Hause, wenn ich in all meinen Zwängen stecke. Ich meditiere rund zehn Jahre und mein Geist ist einigermaßen geschult, aber richtig frei, war er erst nach gut zwei Monaten. Und ich hatte das Gefühl, dass war erst der Anfang. Die Erkenntnisse im Alltag umzusetzen, scheint mir jetzt, wieder in Hamburg, fast unmöglich. Es ist toll wieder Daheim zu sein. Uns ist jetzt erst richtig bewusst, wie schön unser Haus ist und wie viel Arbeit wir hineingesteckt haben. Es ist wunderbar, alle Menschen, die wir lieben, um uns zu haben. Wir hätten auch nicht länger reisen können. Wir sind 8000 Kilometer gefahren. Wir waren täglich auf der Walz. Das war drei Monate lang super, wäre aber keinen Monat länger möglich gewesen. Das ist anstrengend. Keine Erholung oder Urlaub. Es ging wirklich mehr um dieses (erneute) zueinander finden. Um das miteinander Leben. Um ein sich aufeinander Einlassen. Und das hat nicht nur gut getan, sondern war notwendig. Wir hätten uns sonst vielleicht im Alltag verloren. Wir alle sind daher Dankbar, dass wir zusammen Reisen konnten. Zum Schluss waren wir Fünf so zusammengeschweißt wie nie zuvor. Mir fiel auf, dass ich nicht genug Zeit hatte, meine Zwillingsbabys zu schmusen. Wenn jetzt eines meiner Kinder kreischt, trotzt oder verwüstet, denke ich nicht mehr, da muss ich strenger sein, etwas stimmt nicht mit meinem Kind oder ich müsste es besser organisieren. Es fällt uns auf, wie gestresst junge Familien sind, wenn sie ihren Alltag zu meistern versuchen. Ich weiß jetzt, wenn meine Kinder schwierig werden, ist es ihnen einfach zu viel. Zu häufig Termine mit Zeitdruck. Massenhaft Reize und äußere Einflüsse. Wir schieben die Kinder ständig hin und her. Ich kann mit meinen wütenden, tobenden und zerstörerischen Kindern mitfühlen und gelassen bleiben. Es jetzt so zu sehen, ist vielleicht das größte Geschenk, das ich erhielt. Ich kann meine Kinder lieben und achtsam mit ihnen umgehen. Ich stelle nicht erst fest, dass ich die Zeit mit meinen Kindern viel zu wenig genossen habe, wenn sie ausziehen, wenn ich Enkel bekomme oder wenn sich mein Leben dem Ende zuneigt.  Dann nämlich, wenn es unumkehrbar und nicht mehr möglich wäre. Wir nehmen uns Zeit, um morgens gemeinsam in den Tag zu starten. Wir erzählen uns, worauf wir uns freuen und was uns bedrückt. Wir sagen uns, dass wir uns lieben und dass es ein großes und nicht selbstverständliches Glück ist, dass wir einander haben. Und abends lassen wir den Tag gemeinsam ausklingen. Wir erzählen uns was schön war und dass wir uns vermisst haben. Aber unser Herz hat Sehnsucht. Es fühlt sich eng an im Alltag. Wir gehen wieder getrennte Wege, auch wenn wir achtsamer miteinander umgehen. Wir träumen von einem entspannteren Leben. Von einem Leben, in dem die Tage erfüllt sind und wir sie gemeinsam verbringen. Wir träumen von einer zweiten Eltern(aus)zeit vor der Einschulung unserer Jungs, in der wir den Ausstieg auf Probe wagen und dann – wer weiß…

Go West!

Drei Wochen USA und ein weißer Hai

Cape Cod_750px

Die Einreise in die Vereinigten Staaten Amerikas mit dem Auto dauert länger, als nach Kanada am Flughafen. Gut, wir haben das Schlimmste erwartet und sind somit nicht überrascht. Wir können auch nicht sagen, dass es den US-Bürgern besser ginge als uns. Vor uns fährt ein Mercedes-Bus und die Grenzbeamten suchen die Außenwände ab. Die Insassen müssen aussteigen, ihren Wagen abgeben, er wird zum Röntgen in eine Halle gebracht. Die Leute sind noch da, als wir schon weiterfahren. Zu uns sind die Grenzbeamten professionell unfreundlich. Wir geben unser Feuerholz ab, Avocados sowie Zitronen. Das Wohnmobil wird von innen angeguckt, wir müssen aussteigen und mit ins Gebäude zum Erfassen der elektronischen Daten. Von jedem ein Foto und zehn digitale Fingerabdrücke. Dann ein kurzes Stressinterview zu unserem Aufenthalt, das war’s. Es dauert eine Stunde, aber größere Blessuren, wie wir sie beim Einreisen in die USA am Flughafen schon zweimal erlebten, bleiben uns erspart. Wir atmen auf. Die Straßen sind ein Traum! Wir wollen im Acadia-Nationalpark wandern. Die Fahrt dorthin ist trist. Alles ist zersiedelt, in den Vorgärten finden sich Sperrmüllhalden und verrottende Autos. Wir fahren vorbei an ehemals herrschaftlichen Holzvillen, die verfallen oder leer stehen. Wir sehen riesige einstürzende Scheunen und Menschen in kaputten Klamotten davor sitzen. Im Dreck spielen Kinder. Ihr Anblick schmerzt.
Der Acadia-Nationalpark an der Küste Maines umfasst große Teile Mount Desert Islands. Der Park selbst ist zum Brechen voll. Überall Stau und Menschenmassen. Klar, es ist absolute Hochsaison. Wir haben zum Glück einen Campingplatz reserviert, denn alle Unterkünfte im Park sind fully booked. Wir beschließen am nächsten Morgen um fünf Uhr aufzustehen und direkt wandern zu gehen. Dann ist es auch noch nicht so heiß. Wir haben inzwischen 35 Grad, dabei ist es schwül. Die Wanderung ist ein Traum! Die Wege sind perfekt. Schwierigkeiten sind durch Holzbohlen, Steinstufen oder Steigeisen ausgeglichen. Wir wandern im Fjell, also im Gebirge oberhalb der Nadelwaldgrenze, auf einem Hochplateau. Der Blick in die dunkelblauen, eiszeitlich geprägten Fjorde ist phantastisch. In der Ferne sind einige kleinere Inseln sichtbar. Es gibt hellgrüne Fjell-Birken, violette Blaubeeren, dunkelgrüne Moose, orange Flechten und gelbe Gräser. Der Atlantik rauscht krachend an die Felsen. Ab neun Uhr wird es heiß, ab zehn Uhr berstend voll. Wir haben unsere Wanderung hinter uns und springen ins 13 Grad kalte Meereswasser. Zurück auf unserem Campingplatz gehört dieser uns allein und wir beschließen am nächsten Tag gerne wieder um fünf Uhr in der Frühe aufzustehen.
Weiter geht’s nach Cape Cod. Die Insel gleicht Sylt. Sie liegt 250 Kilometer nördlich der Hamtons und New York. Sanddünen, Binnenseen und hübsche Holzvillen prägen das Bild. Ein Großteil der Küste steht unter Naturschutz. Wir baden, chillen und essen ganz hervorragend. Anschließend sind wir Pleite. Wir mieten uns Räder und lassen unseren Hobel für eine Woche stehen. Das erste Mal fühlen wir uns wie im Urlaub. Die Kinder sind glücklich, wir sind es auch. Ich liege dösend am Strand während mein Mann mit den Kindern im Meer planscht. Plötzlich merke ich, wie direkt an meinem Handtuch jemand vorbeirennt. Ich höre eine Frau panisch rufen: „A heart attack! There, at the white truck. Is here a doctor?“ Ich richte mich auf und sehe, wie eine völlig aufgelöste Frau vor den Rettungsschwimmern steht. Diese schnappen sich schnell ihren Rucksack mit dem Defibrillator und laufen los. Hinter mir sagt jemand auf Englisch: „Oh das ist traurig, dass jemand einen Herzinfarkt hat“. Plötzlich stehen Menschenmassen direkt am Ufer. Sie zeigen mit dem Finger aufs Wasser und unterhalten sich lautstark. Ich ärgere mich über die Gaffer und lege mich wieder hin. Meine Mannschaft kommt angerannt und mein Mann verkündet: „Da ist ein weißer Hai im Meer!“ Ich bin ungehalten und raunze ihn an: „Ja, sicherlich!“ „Nein wirklich“, entgegnet er. „Ich habe einen Deutschen getroffen, der an der Uni in Boston arbeitet und er erzählte mir, dass sich alle paar Jahre ein weißer Hai in Ufernähe verirrt, wenn er den Robben folgt und diese dicht an Land schwimmen. Ist aber wohl noch nie etwas passiert“. Die Robben habe ich auch gesehen. So wie den Deutschen, der schwul war und ich mir ausmale, dass er sich mit dieser Story an meinen Mann ranmachen wollte. Ich schaue ihn forschend und ungläubig an. Am nächsten Tag prangt ein großer Aushang mit einer Warnung vor weißen Haien am Strand. Und auf einmal fällt es mir wie Schuppen von den Augen, die Frau hatte gerufen: „There is a SHARK attack!!!“ Der Mann hatte also recht…
Im Bundesstaat New York, im Robert Treman Park, ist es so multikulti, wie nie zuvor auf unserer Reise. Der Park zieht sich entlang einer tiefen Schlucht. Der Länger der Felsspalte nach, gibt es zahlreiche Wasserfälle. Am Fuß der Kaskaden finden sich große Steinbecken, in denen gebadet wird. Die Ufer sind üppig mit Farnen, Blumen und Ranken bewachsen. Es gibt ein Sprungbrett, Kinder jauchzen, Erwachsene stehen im Wasser oder sitzen auf den Felsstufen, wie in einem Amphitheater. Die Leute sind zu gleichen Teilen Schwarze, Indianer, Weiße und Inder. Sie sind tätowiert, gepierct, kahlgeschoren, tragen Bärte bis zum Bauchnabel oder Schläfenlocken. Sie baden im Sari, mit Schwimmweste und im Bikini. Das Ufer ist dicht belegt mit Picknickdecken, -bänken und –tischen. Es wird Musik gehört, gegrillt und gelacht. Es ist eine tolle Atmosphäre und etwas ganz Besonderes hier zu baden und sich zu erfrischen.
In den USA hat uns die Infrastruktur begeistert. Die Straßen sind neuer, größer und breiter. Wir sind dadurch deutlich schneller und bequemer vorangekommen. Die Nationalparks sind professioneller organisiert, es gibt zahllose Wanderwege unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade. Die Informationsmaterialen sind besser und die Parkmöglichkeiten komfortabler. Das Wetter in den USA ist schöner und damit sind es auch die Bademöglichkeiten. Es gibt mehr vegane, alternative und multikulturelle Lebensformen. So ist zum Beispiel in Provincetown auf Cape Cod, eine Schwulen- und Lesbencommunity und wir bildeten mit unserer Hetero-Familie die absoluten Minderheit. Die USA ist einfach cooler. Insgesamt zieht es uns jedoch mehr nach Kanada. In die abgeschiedenen Regionen wohlgemerkt. In die, in denen es noch Wildnis und Weite, mit zahlreichen Tieren gibt. Vor allen Dingen nach Gaspé, aber auch in Teile New Brunswicks oder in die Naturschutzparks Ontarios sowie in die abgelegen Regionen Nova Scotias. In den „weißen“, zivilisierten und bevölkerten Teil Kanadas, also vor allem Prince Edward Island, würden wir nicht noch mal fahren wollen, auch wenn es dort natürlich ebenfalls schöne Ecken gibt!
Zurück reisen wir über die Brücke der Niagarafalls nach Kanada ein. Die Wasserfälle bilden die Grenze. Nur zehn Minuten dauerte die Einreise. Die Grenzbeamtin war sympathisch obwohl sie sich reichlich Mühe gab, autoritär zu wirken. Wir sind froh und erleichtert wieder in Kanada zu sein. Unser Flug geht zurück von Toronto. Wir sind sehr wehmütig. Unser Wohnmobil ist unser Zuhause auf Zeit geworden. Es fällt uns schwer, es abzugeben. Die letzte Nacht schlafen wir im Hotel am Airport. Wir fühlen uns fremd und der Komfort bedeutet uns nichts. Das im Preis inbegriffene Abendessen lassen wir daher sausen. Die Jungs weinen und rufen nachts: „Wohnmobil gehen! Wohnmobil gehen!“

Go West!

Nova Scotia, Bay of Fundy und Haut an Haut mit Campern

FAVORIT alle 3 mit Wasser übern Kopf

Wir fahren nach Prince Edward Island in den Nationalpark und sind enttäuscht. Tatsächlich ist die Insel so ganz anders, als alles, was wir bisher in Kanada sahen. Rote Erde und Kartoffeläckern so weit wir schauen. Dazu „Anne-of-Green-Gables-Nostalgie“ an jeder Ecke und Holzleuchttürme auf jedem Felsen. Über 100 Leuchtfeuer finden sich auf der Insel. Der Sand des Strandes ist ebenfalls rot. Prince Edward Island ist dicht besiedelt, es gibt keine Wildnis und keine größeren Tiere. Der Campingplatz im Nationalpark ist eng und brechend voll. Am Strand liegen wir Handtuch an Handtuch. Das Meer gibt eine Stehparty. Meine Tochter reißt mich aus meinem Dichte-Stress: „Mama, ist eine Krabbe die Frau vom Krebs?“
In Nova Scotia erinnert die Landschaft an die der Schären in Schweden und Finnland. Mit ihren tiefen, blauen Fjorden und den darin verstreuten, kleinen Drumlin-Inselchen, die eiszeitlich bedingt sind. Fischerbötchen schunkeln schmuck auf dem Wasser, Flechten und Moose bewachsen die schroffen, felsigen Ufer. Nova Scotia ist mindestens so dicht besiedelt wie Prince Edward Island, von Wildnis daher keine Spur.
Der Fundy Nationalpark in New Brunswick ist – wir hätten es kaum für möglich gehalten – noch voller und gleicht eher einem Freizeitpark: Golf, Tennis, Schwimmbad! Sehr zum Vergnügen unserer Kinder. Die Seen sind überfüllt mit Kajaks, Mountenbiker machen alle Wege unsicher, wir wandern im Lindwurm. Inzwischen ist es so heiß, dass sich die Mücken- und Insektenpopulation frei entfalten konnte. Ich bin zerstochen, verbeult sowie mit blutigen Cuts übersät und gleiche einem Boxer nach der neunten Runde. Über unsere Campsite pilgert ununterbrochen ein Strom an Menschen zu den Sanitären Einrichtungen.
Jetzt, da wir uns Haut an Haut mit den anderen Campern fühlen, lassen sich ihre Schrullen nicht mehr übersehen. Sofort, nachdem der Outdoor-Fan angekommen ist, macht er sich daran, seine winzige Parzelle zu bezwingen. Er legt einen Plastikteppich vor die Tür, spannt die Wäscheleine und bestückt sie mit Handtüchern, um sich vor neugierigen Blicken der Nachbarn zu schützen. Dann schaltet der Wohnmobilfahrer den Generator für die Stromerzeugung ein, damit die Klimaanlage funktioniert. Durch den Krach fühlen sich Nachbarn belästigt und revanchieren sich, wenn der Übeltäter es sich am Lagerfeuer gemütlich macht. Ein ständiges lautes Brummen ist auf dem Campingplatz zu vernehmen und schallt noch weit darüber hinaus. Da der Generator schon mal läuft, knipst der Naturbursche auch gleich den Fernseher an, schließlich gilt es Informationen über umliegende Waldbrände einzuholen. Es kommt eine zweckdienliche Plastikdecke auf die Holztisch-Sitzbank, darüber wird eine Kunststoffplane zum Schutz vor Regen gespannt. Der Blick in die Bäume ist selbst mit bester Absicht unmöglich. Dann stellt der Campende sogleich allerhand Gerät in den „Garten“. Da gibt es riesige Grillanlagen, Regale für das Grillzubehör und Schaukelstühle. Campingsessel im Dutzend, falls mal jemand zu Besuch kommt und mobile Zäune, damit möglichst niemand zu Besuch kommt. Es finden sich Fuhrparks mit Mountainbikes, Kajaks und Scootern, letztere für die kurze Ausfahrt. Schilder mit Sprüchen, wie „Life is a beach“ zieren den Eingang zur Parzelle. Dazu passend montiert der Outdoorfreak eine Gummipalme und stellt eine blaue Plastikwanne davor. Bei Wettervorhersage mit Regen baut er rechtzeitig alles wieder ab, um es danach wieder aufzubauen. Somit sind die ersten Tage gefüllt. Naturburschen lassen ihren Tag abends gerne ausklingen, indem sie hingebungsvoll 80er Jahre Medleys schmettern. So ziemlich jeder hat einen Hund und führt diesen mehrmals täglich Gassi. Nein, nicht in der wunderschönen Natur um den Campingplatz herum, sondern AUF diesem. Das Tier hebt sein Bein an unserer Parzelle zum Schiffen und Herrchen oder Frauchen, ist begeistert über sein süßes Hündchen. Selbst dann noch, wenn es die Ausmaße eines Kalbes annimmt und sich das Gesicht unserer Kinder auf Höhe der sabbernden Schnauze befindet. Die Hundebesitzer beginnen einen lustigen Smal talk, über das Wetter, die Reiseroute oder die gefährlichen Tiere des Nationalparks. Oh super, das gute Tier hat einen Haufen gemacht, während wir essen. Ist ja nicht schlimm, Herrchen oder Frauchen ist gut ausgerüstet und sammelt es schnell mit dem Plastiksack ein. Mahlzeit und bis später dann.
Die begeisterten Wohnmobilfahrer sind meist übergewichtig, was sie keineswegs davon abhält, sich in enge und ultrakurze Höschen zu zwängen, ist ja schließlich Sommer. So ein leckeres Würstchen ist ein gefundenes Fressen für Insekten aller Art. Nach dem Einsprayen mit Sonnencreme, für dass ich äußerst dankbar bin, denn selbst wenn es windstill ist, brauche ich mir danach keine Sorgen mehr zu machen, dass meine Kinder verbrennen, gibt’s Insektenabwehrmittel. Sie enthalten nahezu alle das Biozid Diethyltoluamid (DEET) und können Allergien sowie epileptische Anfälle auslösen. Die US-Army entwickelte DEET in den 1940er Jahren für Einsätze im Dschungel. Aber den kurzen Sommer will sich niemand versauen lassen. Meine Tochter wendet ein: „Mama, warum ziehen sich die Leute nicht einfach etwas Langärmliges, einen Hut und Schuhe an?“
Falls sich der Outdoorfreak während seines Aufenthaltes doch einmal von seinem schönen Platz wegbewegt, rund einmal die Woche, tut er dies nie ohne Wanderstöcke, selbst im flachen Gelände. Dazu begleitet ihn lautes Gebimmel zahlreicher Bärenglocken, auch die Hunde sind damit ausgerüstet. Er trägt ein vollständiges Sportoutfit und wer dachte, knapper geht es im Hinblick auf Klamotten nicht, der hat sich getäuscht. Denn jetzt wird das komplett oberkörperfreie Sport-Bustier angezogen. Zur besseren Blutzirkulation gibt es farbenprächtige Stützstrümpfe, die zünftig bis zum Knie reichen und die fleischigen Waden optimal in Szene setzen. Gleichzeitig übernehmen sie die Funktion von Nebelschlusslichtern, falls der Lindwurm einmal schlechtwetterbedingt abreißt. Wanderstiefel, wie wir Dinosaurier sie tragen, sind out! Es werden Crosscountry-Turnschuhe getragen, ebenfalls in schrillen Farben. Ein Daypack auf dem Rücken, mit Wasserleitung zum Mund, versorgt den Sportler, denn aufgepasst: es wird gerannt! Ja, schnaufend und schwitzend, rot sowie glänzend erklimmt die neue Generation den Berg nicht old styl wie wir, also wandernd, sondern rennend. Hinter der nächsten Biegung treffen wir die Überholenden dann meist völlig erschöpft, nach Atem ringend am Wegesrand sitzend und die Tour ist vorbei.
In jedem Nationalpark warnt die Verwaltung vor dem gefährlichsten Tier. Das ist mal die Zecke und dann wieder der Bär. Einige bilden sich auch ein, es gäbe im Osten Berglöwen. Die Nationalparks fragen danach auf ihrer Watch-list, in die jeder Besucher Ort und Datum sowie das jeweils gesichtete Tier einträgt. Wir haben alle wissenschaftlichen Quellen recherchiert, weil es uns interessiert. Es gibt im Osten keine Berglöwen! Lediglich sehr selten, illegal ausgesetzte Tiere aus Lateinamerika. Aber die Leute behaupten, der Berglöwe sei im Osten zu Hause und sie hätten ihn gesehen.
Die Nationalpark-Zeitung liefert diesen wertvollen Tipp für Gewitter: „Wenn Ihnen die Haare zu Berge stehen, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie elektrisch aufgeladen sind und der Blitz kurz davor ist, in Sie einzuschlagen.“ So schnell man kann, gilt es dann alle Metallgegenstände abzuschmeißen, sich breitbeinig hinzuhocken und zur Kugel zu krümmen… Gut, dass wir uns Haut an Haut mit anderen Campern befinden, da ist die Chance doch recht gering und die Haare stehen uns wahrscheinlich aus anderen Gründen zu Berge!

Go West!

Kouchibouguac – auf den Spuren der Indianer

KB River_1200px

Wir fahren zum Nationalpark L’ile-Bonaventure-et-du-Roche-Percé. Durch den roten Felsen, mit seinem etwa 20 Meter hohen Torbogen, passt ein kleines Schiff. Uns zeigt er sich an einem regnerischen Tag im Dunst verhangen, nicht so rot leuchtend wie sonst. Bei Ebbe könnten wir den Roche Percé zu Fuß erreichen, aber weit und breit macht sich niemand auf den Weg. Auf der Vogelinsel Bonaventure gibt es Papageientaucher, Trottellummen und Basstölpel. Unsere Jungs haben von ihrer Oma „Gagageinschirts“ bekommen, die sie lieben und stolz jeden Tag tragen wollen. Dementsprechend verkünden sie: „Ich Vögel sehen“. Doch alle Schiffstouren sind wegen hohen Wellengangs abgesagt, auch für die nächsten Tage. Wir fahren weiter.
„Der Kouchibouguac ist ein schöner Fluss“, sagt unsere Tochter im nächsten Nationalpark. Die Mi’kmaq nannten ihn den „Fluss der langen Gezeiten“. Auf ihm können wir mit unserer Tochter Kajak fahren. Die der Küste vorgelagerten kilometerlangen Sandstrände überraschen mich und erinnern an Amrum. Wir sehen Weißkopfseeadler. Und wieder Bären. Der Nationalpark feiert ein Fest mit Erklärungen zu den Lebensweisen der Mi’kmaq. Es sind die ersten Informationen über Indianer, die sich uns anbieten. Ansonsten finden sich in Kanadas Osten kaum Spuren. Die Bevölkerung ist so „weiß“, dass es fast unheimlich anmutet. Außerhalb der Metropolen Toronto, Montreal und Quebeck finden wir nichts Multikulturelles und nirgendwo Erklärungen zum Leben der First Nations. Mit Sicherheit gibt es gute Quellen in Museen, die wir mit unseren drei Kleinen nicht besichtigen. Aber am Wegesrand oder in den Visitorcentern der Nationalparks sowie in Infobroschüren lesen wir äußerst wenig. Uns ist fast nicht erkenntlich, dass es überhaupt einmal Indianer gab. Dabei lebten in Nordamerika mehrere hundert Stämme. Allein die Mi’kmaq hatten mehr als hunderttausend Stammesmitglieder. Im Osten Kanadas wurden die First Nations und an der Ostküste der USA die Native Americans schon mit den ersten Siedlern nahezu vollständig ihrer Lebensgrundlage beraubt. Ganze Landstriche wurden kahl gerodet. Darüber hinaus infizierten sich die Indianer und starben an europäischen Krankheiten. Dabei war das Dasein der First Nations und Native Americans perfekt auf die Natur Nordamerikas eingestellt. Der Wald und das Meer haben ihnen alles geboten, was sie brauchten. Sie lebten geradezu im Überfluss von Truthahn-, Elch-, Bieber- und Bärenfleisch sowie deren wärmenden Fellen. Sie fingen Fische, besonders die fetten Aale, aßen Muscheln, Vogeleier und Pilze. Sie pflückten Kirschen, Birnen, Blaubeerfrüchte und verzehrten wilden Mais. Sie hatten Algen und Kräuter als Gewürze sowie zum Heilen. Sie bauten sich Kanus und Wigwams. Sie harpunierten von Land aus Wale und waren dabei umsichtig genug, dass diese wieder in die Nähe des Strandes kamen. Die ersten Europäer fingen die Wale bis dahin nur von Schiffen aus, taten es den Indianern nach und in Folge dessen kamen die Wale nicht mehr in die Nähe des Landes. Die First Nations stellten aus Pflanzen wirksame Pasten gegen Mücken her. Viele Auswanderer starben an Insektenstichen, weil sie so zahlreich waren, dass ihre Immunsysteme zusammenbrachen. Zum Schutz wussten sie sich nur im Schlamm zu wälzen. Der Wald schenkte den First Nations Zunderpilze, mit dessen Hilfe sie in den harten Wintern Nordamerikas das Feuer an einem Stück Glut entfachten, welches sie in einer Muschelhülle, mit Lehm versiegelt, transportierten. Etliche Europäer erfroren im Winter. Die Indianer orientierten sich bei Nebel an den Bäumen. Die Stämme weisen beispielsweise an der feuchteren, der Sonne abgewandten Seite, mehr Moos auf. Dort ist Norden. Zahllose Siedler verirrten sich im Wald und starben nur wenige Meter von ihrem Lager entfernt. Bei Waldbränden folgten die First Nations den Tieren. Die Feuersbrunst überraschte oft ungezählte Siedler und verbrannte sie nicht selten. Um im Dickicht einen leichten Weg bergab zu finden, liefen die Indianer einen Bachlauf entlang. Die Auswanderer zerschürften sich Beine, Arme und Gesicht beim Querfeldeinlaufen. Die First Nations kannten gegen jede Krankheit ein Heilkraut, befragten ihre Ältesten und lebten im Einklang mit der Wildnis. Das änderte sich radikal mit der Ankunft des „weißes Mannes“. Die französischen Auswanderer schickten ihre Kinder zu Indianern, damit sie von ihnen lernten, in der Wildnis und mit ihr zu leben. Die Siedler der englischen Kolonien bekämpften die Wildnis einfach nur und waren von dem Gedanken, das Land urbar zu machen, getrieben. Die schönsten und artenreichsten Urwälder der Erde standen in der „neuen Welt“ in Maine. Die Auswanderer hatten meist keine Ahnung von Agrarwirtschaft oder Ackerbau. Sie holzten und brannten einfach alles ab und laugten die Böden binnen drei Jahren so vollständig aus, dass sie zur Landwirtschaft unbrauchbar waren. Dann siedelten sie weiter nach Westen. Vor 100 Jahren waren 80 Prozent der Fläche Maines Farmland. Heute holt sich die Natur das Land zurück: 80 Prozent der Fläche bilden Wald. Nur noch 20 Prozent nimmt Kulturland ein, die Tendenz ist sinkend. Der frühe wirtschaftliche Erfolg, der Aufstieg der neuen Welt, zu einem der machtvollsten Staaten der Erde, der Reichtum Amerikas, gründet sich auf einem skrupellosen, ausbeuterischen und geradezu vernichtenden Verhalten. Nicht nur den Indianer gegenüber, auch Geschäftspartnern, der eigenen Familie und sich selbst begegneten die Siedler und ihre nachfolgenden Generationen mit unglaublicher Härte. Die heutige Bevölkerung Mains leistet der restlichen USA trotzigen Widerstand. Man ist gegen die Trump-Regierung, es gibt viele alternative Geschäftsideen, es wird viel Rad gefahren, es finden sich zahlreiche Bio-Lebensmittel und die meisten versuchen so wenig Plastikmüll wie möglich zu produzieren. In Maine scheinen die Amerikaner verstanden zu haben, dass ein Zusammenleben mit den Native Americans die bessere Wahl gewesen wäre – für beide Seiten.

Go West!

Shinrin Yoku – Waldbaden

Waldbaden

Das offizielle Ende der Gaspé-Halbinsel macht ein schmales, felsiges Cap aus, welches weit in den Sankt-Lorenz-Golf hineinragt. Die Gebirgsausläufer bilden den Endpunkt der Appalachen. Dort steht ein solarbetriebener Leuchtturm. Seevögel finden ein Nist-Paradies. Den Fuß der Meeresklippen säumen lange Kieselstrände. Das Wasser ist mit zehn Grad zu kalt zum Baden, lockt aber Wale an. Sie sind jüngst im südlich gelegen Fjord eingetroffen. Leider sichten wir keine. Zum Forillion kamen einst die Mi’kmaq sowie Irokesen zum Jagen und Fischen. Wir campen auf einer Wiese, deren leuchtend bunte Sommerblumen sanft im Wind wogen. In den Wäldern tummeln sich Stachelschweine, Streifenhörnchen, Luchse und Bären. Hier machen wir schrittweise unsere Annäherungen an Meister Petz. Zunächst sehen wir mehrfach Losungen. Sie schauen denen der Menschen sehr ähnlich denen der Menschen aus, sind aber fast schwarz. Dann riechen wir sie. Es ist das selbe strenge Bukett wie beim Wild. Dazu müffelt es stark nach Aas. Zuletzt sehen wir sie. Vermutlich eine junge Schwarzbärin, die an einer verlassenen Farm im niedrigen Dickicht nach etwas Essbarem sucht. Sie schaut kurz auf, als sie uns in etwa 75 Metern Abstand mit dem Auto halten hört. Sie streckt ihre Schnauze zum Wittern in unsere Richtung und nimmt dann weiter keine Notiz von uns. So nahe haben wir alle noch nie einen Bären in freier Wildbahn gesehen. Er sieht putzig aus, wie ein Teddybär. Die Bewegungen sind ruhig und gemütlich, nichts Aggressives, Gefährliches oder Bedrohliches haftet dem Tier an. Aber Bären haben alle ihren eigenen Charakter.
In den Salzmarschen leben die seltensten Schmetterlingsarten. Seit meinem freiwilligen Dienst im hamburgischen Wattenmeer, währenddessen ich Touristen durch Salzwiesen führte, fasziniert es mich, wie die zartesten Pflanzen und sogar Schmetterlinge in dieser rauen Umgebung überleben können.
Wir üben uns auch im Waldbaden, japanisch Shinrin Yoku. Seit den 1980er Jahren empfiehlt die japanische Regierung das Waldbaden. Ärzte verschreiben es auf Rezept. Es ist wissenschaftlich belegt, dass zwei- bis dreimaliges Waldbaden im Monat, für etwa zwei Stunden, zur Stärkung des Immunsystems führt und der Krebsprophylaxe dient. Es handelt sich dabei um eine Achtsamkeitsmeditation oder eine Gehmeditation. Den Wald mit all seinen Sinnen zu erfassen, ist der Kern der Übung. Gefiederte und runde Blattformen anzuschauen. Glatte oder schrumpelige Baumrinden wahrzunehmen. Den mit Nadeln belegten Boden oder den steinigen Pfad sehen. Den harzigen Duft des Waldes riechen. Das Aroma blühenden Sommerflieders aufsaugen. Den frischen Wind tief einatmen. Den würzigen Geruch nach dem Regen vernehmen. Den moderigen Pilzgeruch wittern. Sich vom wilden Thymian betören lassen. Die klaren, hohen Schreie der Raubvögel hören. Sich den melodischen Tönen der Singvögel hingeben. Eichhörnchen rascheln. Blätter rauschen. Baumstämme knarzen. Ein Bach plätschert. Fühlen wie die Sonne wärmt. Die Finger an einer alten zerfurchten Baumrinde entlang gleiten lassen. Den glatten Stein fühlen. Spüren, wie der Wind die Haut streichelt oder der Bach die Füße kühlt. Sich vom Quellwasser erfrischen lassen. Die nussigen, bitteren Bucheckern schmecken oder die säuerlich, saftigen Blaubeeren auf der Zunge zergehen lassen. Die milden Lindenknospen probieren. Dabei den Atem spüren, wie er immer ruhiger, gleichmäßiger und tiefer wird. Sich ganz auf den Moment konzentrieren und in der Gegenwart ankommen. Das lässt sich stehend, liegend, sitzend oder gehend verwirklichen. Ich liege am liebsten und schließe die Augen. Unsere Kinder baden noch ganz selbstverständlich im Wald. Ihre Sinne sind immer geschärft. Sie leben ausschließlich im Hier und Jetzt. Unsere Tochter umarmt zwischendurch einen Baum. Die Jungs sehen jeden Pilz, alle Streifenhörnchen und hören endlos viele Vögel, lange bevor sie sie sehen. Die Worte Buddhas vor rund 2500 Jahren waren: „Lass deinen Geist still werden wie einen Teich im Wald. Er soll klar werden wie das Wasser, das von den Bergen fließt. (…) und lass deine schweifenden Gedanken und Wünsche zur Ruhe kommen.“
Mein Mann schenkte mir eine Smartwatch, mit der ich meine sportlichen Fortschritte verfolgen kann. Meinen Stress bedingten volatilen Puls musste ich in Hamburg leider ebenfalls zur Kenntnis nehmen. Hier in Kanada ist mein Puls im Durchschnitt viel niedriger, er steigt nicht so häufig an und schießt längst nicht so stark in die Höhe. Vermutlich spielen viele Faktoren zusammen, die zu diesem positiven Ergebnis führen, aber das Waldbaden ist bestimmt einer davon.

Go West!

Schnee auf dem Mount Albert

Mont Albert 800px

Wir müssen Fähre fahren. Ja, wir MÜSSEN! Leider, auch wenn die Kinder es toll finden. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das kleine Nussschälchen den 200 Meter tiefen Sankt-Lorenz-Strom überquert, zumindest nicht mit dem Gewicht unseres Hauses auf Rädern! Führen wir südlich über den Strom, verlören wir anderthalb Tage reine Fahrtzeit. Also ab auf die Nussschale. Auf der anderen Seite angekommen rieche ich als erstes die würzig-salzige Luft des Atlantiks! Und das, obwohl wir noch zig Kilometer von der Küste entfernt sind. Ich liebe diesen Duft und bin sofort bester Laune. Die Strecke die wir am Ufer des sich immer weiter öffnenden Sankt-Lorenz-Stromes fahren, ist die bisher schönste unserer Reise. Rechts die schroff abfallenden Berge, zwischendurch immer wieder ein kleines Fischerdorf, mit bunten Holzhäusern in Türkis, Gelb oder Schweden-Rot. Drum herum breiten sich frisch gemähte, saftig-grüne Wiesen aus. Auf den Holzveranden stehen weiß getünchte Deckchairs, wie sie an der gesamten Ostküste zu sehen und durch die Bilder der Hamptons berühmt sind. An den Holzdecken der Veranden hängen fröhlich aussehende, bunte Blumenampeln. Vor den Küstendörfern finden sich zum Wasser hin sichelförmige, weiße Sandstrände. Ab und an steht ein Holzleuchtturm auf einem Felsen. Wir bedauern, nicht länger bleiben zu können und versprechen uns wieder zu kommen (was nicht sehr aussichtsreich scheint, liegt diese Küste doch weit entlegen…). Dann staune ich über Schnee-bedeckte Berge, die sich auf dem Weg zum Parc national de la Gaspésie plötzlich vor uns auftun. Im Nationalpark verläuft der Appalachen-Trail. In Kanada liegen gute 1000 Kilometer des insgesamt rund 4600 Kilometer langen, zusammenhängenden Fernwanderweges. Die felsigen Hochplateaus des Nationalparks zählen zur Vegetationszone der subarktischen Tundra und sind mit Moosen, Flechten und Gräsern bewachsen. Daher fühlen sich hier Karibus trotz des südlichen Breitengrades wohl (48 Grad, wie beispielsweise Paris). Wir sehen Elche, die meisten von ihnen Kühe, mit ihren frisch geborenen Kälbern. Es gibt wilde Bäche, klare Seen und Wasserfälle zu bestaunen. Wir wandern die bisher längste Strecke mit unseren Kindern, in Richtung Gipfels des Mount Albert. Unsere Tochter möchte bis zu den Schneefeldern laufen und tatsächlich kommen wir ziemlich dicht heran. Zumindest können wir von unserem Picknickplatz einen guten Blick darauf werfen, das ist mehr, als wir erwartet hatten. Auf dem Rückweg fliegen die Kinder auf selbstgesuchten Hexenbesen den Berg hinunter. Auf „Astgabel“, „Kartoffelbrei“ und „Bieberzahn“, einem vollständig von der Rinde befreiten Birkenast, mit Zahnspuren an den Enden, die der Bieber beim Abtrennen vom Baum hinterlassen hat. Wir rasten noch mal lange auf einem Spielplatz und gehen dann das letzte Stück zum Campingplatz. Nach einer ganzen Weile ruft unser Sohn empört: „Ich kann nicht mehr! Ich Lielatz gehen.“ Er will den kurzen Weg bis wir da sind nicht mehr laufen, verständlich. Er geht lieber den langen Weg zurück zum Spielplatz und dreht um! In der Nacht friert es und am Morgen ist es arg ungemütlich. Karibus haben wir auch keine gesehen, die Stimmung ist gedrückt. Unsere Tochter schlägt vor Verstecken zu spielen. Wir lassen sie in Kanada auf alle Bäume klettern, sie erklimmt sie behände. Zuhause geht sie mit meinem Mann Bouldern und ist geübt. An diesem Morgen klettert sie bis ganz hoch hinauf in den Wipfel einer alten, riesigen Fichte. Als sie nach einiger Zeit immer noch nicht gefunden ist, beugt sie sich auf einem Ast sitzend nach vorne, um zu schauen, ob sie überhaupt noch gesucht wird. Sie verliert das Gleichgewicht und stürzt. An ihrem Schrei erkenne ich, dass ihr etwas zugestoßen ist. Mein Mann hat sie vor mir gefunden und trägt sie. Hals und Arme bluten. Es sieht schlimm aus, aber sie erzählt weinend, dass sie sich beim Fallen an den Ästen festhalten konnte und diese ihren Sturz abfingen. Sie ist nicht mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen oder auf dem großen Stein neben dem Stamm. Es sieht aus, als hätte sie großes Glück gehabt und wäre mit einem Schrecken und Schürfwunden davon gekommen. Ich mache mir Vorwürfe, es hätte auch anders enden können. Mein Mann und ich sprechen abends beim Lagerfeuer darüber. Er erzählt mir, dass unsere Tochter gesagt hat: „Papa, der Baum hat mich aufgefangen.“
Kinder in Kanada genießen große Freiheiten. Bereits Kleinkinder fahren mit Stütz-Rädern allein über den Campingplatz. Kindergartenkinder gehen unbegleitet auf Spielplätze oder größere Entfernungen zu Toiletten. Grundschüler schwimmen ohne Aufsicht in Seen oder im Meer. Sie bitten fremde Erwachsene um Hilfe, so wie mich. Sie wirken glücklich und unbeschwert. Es ist schön, sie so zu sehen. Mir ginge das zu weit für unsere Kinder. Aber etwas zieht in meiner Brust, wie wenn ich einen Vogel, den Inbegriff der Freiheit, in einem Käfig eingesperrt sehe. Wir lassen unsere Kinder nicht frei sein, weil wir es nicht gewohnt sind, weil der Verkehr in Deutschland dichter ist und weil wir ausschließen wollen, dass Unfälle unsere Kinder heimsuchen… Aber sie zahlen einen hohen Preis dafür!