Flashback

China

“Nǐ hǎo! Nǐ hǎo ma?” Während China in vielen das Gefühl auslöst, es sei ein Land voller Wunder, unbegrenzter Möglichkeiten und Zukunftsvisionen, bedrückten mich meine beiden Aufenthalte eher. “Unsere Hintern sind zu breit, wir beide können definitiv nicht im Bus nebeneinander sitzen!” Beim ersten Mal reise ich tausende Kilometer mit meinem Professor und rund 20 Kommilitonen quer durchs Land. In Bussen, in Nachtzügen und mit dem Flugzeug. Wir Studenten feiern jeden Abend: “Wieso knutschen die alle miteinander? Ich kapiere es nicht! Die sind verlobt, wohnen mit ihren Freunden zusammen und die Mädels sind doch gar nicht lesbisch?” Wir staunen über das schillernde Shanghai und das traditionsreiche Peking. “Hast du denn schon einmal Pekingente gegessen, Anke?” Wir reisen entlang der schier endlosen Chinesischen Mauer und auf der orientalischen Seidenstraße. Ins spirituelle Tibet mit Bettelmönchen in Gewand an Gebetsmühlen und zu den altehrwürdigen Tonkriegern, bei denen wir Boris Becker treffen. “Entschuldigen sie bitte, dürften wir ein Foto mit ihnen machen?” In die staubige Wüste Gobi und ins majestätische Altai Gebirge. “Ich bin Vegetarierin, ich essen kein Fleisch! – Nein, nein, das ist kein Fleisch! Nur ein Hühnerfuß, der in der Suppe schwimmt. Kann man mitessen, aber auch einfach Beiseite legen.” Das zweite Mal bin ich für meine Diplomarbeit an der Tongji Universität in Shanghai. “Ihr seid Langnasen! Ihr habt so unglaublich hässliche Nasen, das gibt es gar nicht!”
Mütter arbeiten ganztägig in Fabriken, ohne Gesundheitsschutz und nehmen ihre kleinen Kinder mit. In einer Seidenfabrik lächelt mich ein etwa zweijähriges Mädchen mit großen dunklen Augen schüchtern an. Faire Löhne gibt es nicht. Auf dem Land sitzen die alten Greise, mit völlig verschrumpelter Haut auf der Straße und spielen. Sie winken mich heran, lachen mich zahnlos an und reden auf mich ein. In den Städten haben sich die traditionellen Familiensysteme mit der Modernisierung aufgelöst. Zwangsumsiedlungen, Ein-Kind-Familien und Behinderung der Meinungsfreiheit sind an der Tagesordnung. In Nordchina treffen wir auf eine chinesische Minderheit, deren Kinder weißblonde Haare und blaue Augen haben. Sie sind noch nie Menschen wie uns begegnet, kennen kein Fernsehen, keine Fotos oder Kameras. Sie scharen sich um uns und glauben, wir seien Chinesen, aus einem weit entlegenen Teil des Landes. Sie können nicht genug von unseren Kameras bekommen. Probleme mit Minderheiten, wie Buddhisten in Tibet, aber auch Muslimen im Norden, regelt die Regierung durch das Ansiedeln von Millionen Han-Chinesen, in den betreffenden Regionen. Die buddhistischen Mönche, in ihren leuchtend roten Gewändern, sind freundlich und aufgeschlossen, lassen sich aber nicht fotografieren. Sie glauben, dass ein Foto die Seele stiehlt. Die Landschaft, wie im tibetischen Hochland, ist wunderschön. Wir wandern auf 4000 Metern und die Mehrheit von uns wird Höhenkrank, mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Atemlosigkeit… Die Menschen außerhalb der chinesischen Ballungsräume sind unvorstellbar arm. Hühner und schwarze Schweine wühlen im Müll auf den Straßen nach Essbarem. Viele staatliche Leistungen, wie medizinische Versorgung, Sozialhilfe oder die Erlaubnis die Familie nachkommen zu lassen, gilt für die Landbevölkerung nicht. Städte versinken im Smog. Die Leute auf der Straße kommen uns mit Atemschutzmasken entgegen. Rund ein Viertel der Treibhausgase weltweit, emissiert die Volksrepublik. Sie hat das Problem erkannt und will es anpacken. Dessen Erfolg oder Scheitern geht uns alle an! Es liegt auch an den westlichen Industrienationen, nachhaltig zu konsumieren und nicht auf das schnelle Wirtschaftswachstum zu setzen, das auf aus Kohle generierter Energie basiert. In diesem Sinne: „Chénggōng hěnduō!“

Go West!

Alles ist anders

Im Unterschied zu unserer letzten Reise durch Nordamerika, für drei Monate mit dem Wohnmobil, geht unsere Tochter diesmal, mit ihren Brüdern allein auf den Spielplatz, zur Toilette, Zähneputzen, Wasser zum Kochen holen oder in den Kiosk auf dem Campingplatz. Während unserer sechswöchigen Reise mit dem Pkw und Übernachtungen im Zelt, liest die große Schwester ihren Brüdern vor, buchstabiert überhaupt alles, was sie sieht und spricht Englisch! Unsere Jungs fahren Laufrad, ihre Schwester Skateboard und wir spielen zu fünft Fußball. Die Kinder wandern selbst, drei bis sieben Kilometer. Die Zwillinge trinken nachts nicht mehr literweise Milch und schlafen durch. Ein Mittagsschläfchen brauchen sie nicht mehr…
Wir haben in diesem Urlaub leider keinen Kühlschrank an Board, so wie beim letzten Mal, in unserem Haus auf Rädern. Also kaufen wir eine Kühlbox so groß, dass wir locker eines unserer Kinder darin verschwinden lassen könnten – falls nötig! An jeder Tankstelle und im Supermarkt gibt es Eis dafür. Wir erstehen die Kübo für 50 und nicht für 200 Euro, wie in Deutschland. Die Kühlbox verschwindet locker im Auto und lässt die Bezeichnung „Mini-Van“ lächerlich klingen! Ein Moskitozelt kaufen wir ebenfalls, da wir während unserer zweiten Tour durch Nordamerika, nicht wieder gemütlich drinnen sitzen können, sonder immer draußen, zusammen mit den Mücken, sitzen MÜSSEN. Das Moskitozelt passt über eine komplette Tischbank, die zu jeder Campsite, in allen Nationalparks gehört. So ein Zelt gibt es selbst beim führenden Outdoorausrüster Hamburgs nicht.
Insgesamt war ich vier Mal in den USA und zwei Mal in Kanada. Dreimal an der Ostküste, einmal im Westen, zwei Mal in New York. Jedes Mal ist es ganz anders gewesen… Ich war als Studentin, als Paar und als Familie, mit drei Kindern dort. Zeltend, im Wohnmobil, im Motel, im Hostel und Freunde besuchen. Ich habe mir Städte angeguckt, bin in Nationalparks und in den Bergen gewandert sowie im Meer geschwommen. Ich habe den Frühling erlebt, den Sommer und den Herbst… Was mir am besten gefiel?
New York ist für mich immer noch eine der coolsten Städte! Es ist die Welt in klein! Alles was es auf diesem Planeten gibt, ist in dieser City zusammengeballt. Menschen sind so arm, wie in Afrika im Slum und so reich in Manhattan, wie nirgendwo sonst auf der Erde. Buddhisten laufen im Mönchsgewand auf der Straße, ebenso Juden mit Schläfenlocken oder Kreative mit Dreadlocks im schwarzen Armani-Anzug. Straßenmusiker spielen besser als Deutschlands Top 50 Singer-Songwriter…
In den Nationalparks muss man übernachten! Wer sich’s leisten kann im Mobilhome! Die Preise liegen allerdings in der Hauptsaison, mit Campingsplatzgebühren, locker bei rund 250 Euro pro Tag! Es kann nachts empfindlich kalt sein in Kanada, selbst im Hochsommer. Zugleich gibt es an der Ostküste der USA extreme Hitzeperioden, mit Schwüle, die wir nur aus den Tropen kennen. Unseren Kindern hat das Wohnmobil besser gefallen. Sie liebten das kleine Haus auf Rädern, mit Küche, Dusche und Toilette. Wir Erwachsene haben im Zelt nicht schlechter geschlafen. Beim Campen stört mich am meisten die Enge auf den Plätzen in der Hochsaison und das Nutzen der Sanitären Anlagen. Aber das blieb uns auch mit dem Wohnmobil nicht erspart…
Unbedingt empfiehlt es sich zu wandern! Neben New York ist die Natur für mich das Schönste, was Nordamerika zu bieten hat! Sie finde sie beeindruckender als in Europa, weil sie freier, wilder, unberührter, größer, einsamer ist… Doch auch hier finden sich Spuren der Zerstörung. Pro MINUTE gehen der ganzen Welt eine Fläche Wald in der Größe von 35 Fußballfeldern verloren! Illegaler Holzschlag, Brandrodung oder Umwandlung in Agrarland sind die Hauptursachen. Das rapide Waldsterben an der Westküste der USA führen Biologen jedoch auf die globale Erwärmung zurück. Diese verringert den Schneefall, führt zu einer früheren Schmelze und einer längeren Trockenheit im Sommer. Die Stressfaktoren schwächen die Bäume. Sie sind anfälliger für Insekten und Krankheiten. In jüngster Zeit gab es im Westen der USA gehäuft Borkenkäfer-Befall. In den letzten 30 Jahren starben dort doppelt so viele Bäume. Der Riesenmammutbaum ist eine vom Aussterben bedrohte Art. Der „General Sherman Tree“ ist der größte lebende Baum der Erde. Sein Alter wird auf etwa 1900 bis 2500 Jahre geschätzt. An seinem Stamm zu lehnen erfüllt mit Demut… Mögen unsere Kinder noch an seinem Fuße staunen können!
West- oder Ostküste? Mit Kindern Ostküste, da die Möglichkeiten zum Baden besser sind! Für alle anderen lieber den wilden Westen…
Leben? In Europa! Politik, Gesundheitswesen und Ausbildung gehen in den USA gar nicht!
Aber am besten: eigene Erfahrungen sammeln! In diesem Sinne: Go West!

Go West!

Long Island

Am Freitagnachmittag ist Rushhour zwischen den Hamptons und New York! Im Minutentakt fliegen Helikopter und Wasserflugzeuge. Wir betrachten die typischen Holz-Villen, mit ihren hübschen Shutters. Verspielte Türmchen auf den Dächern und rankender Efeu, muten märchenhaft an. Alles ist geschmackvoll, hübsch und irgendwie besonders. Den Leuten sehen wir an, dass sie reich sind. Die meisten fahren mit Chauffeur vor. Selbst 70-Jährige tragen ihre Schönheitsoperationen an Busen und Po offen zur Schau. Wir gucken uns Southhampton an. Dort begegnen wir New Yorker Lifestyle. Gleichzeitig verspüren wir eine dörfliche Atmosphäre. Alles ist ein bisschen zu sehr gepflegt. Es ist erstaunlich wenig los. Auf mich wirkt es piefig. Leute die NICHT hier wohnen, erkennen wir sofort an ihren neidischen Blicken.
Eine Amerikanerin spricht uns auf Deutsch an. Ich frage sie, wie sie es so gut gelernt habe. Ihre Mutter hätte Deutsch gesprochen. Sie war Deutsche jüdischen Glaubens, die in Wien an der Oper Ballet tanzte, bis zur Machtergreifung der Nazis. Ihr Vater stamme aus Polen und habe seine gesamte Familie in Ausschwitzt verloren. Ich bin betroffen und sage ihr, dass sich meine Generation immer noch dafür verantwortlich fühlt. Und dass ich alles dafür tue, dass dies niemals in Vergessenheit gerät. Dass ich mit meinen Kindern bereits darüber spreche. Sie legt eine Hand auf meinen Arm und sagt: „Kindchen, ich habe euch doch schon längst verziehen! Ich war Lehrerin. Ich habe mir deutsche Schulen angesehen und den Unterricht über den Holocaust, zu dem auch der Besuch ehemaliger Konzentrationslager zählte… Und diesen kleinen Wesen gibt es doch gar nichts zu verzeihen!“ Sie streichelt meinen Jungs über die Haare. Ich bin gerührt.
Am Strand treffen wir auf Hipster. Sie geben sich betont cool. Obwohl die rote Fahne demonstrativ im Wind flattert, reiten etliche die Wellen ab.
Im Fire Island National Seashore finden wir unser persönliches Schwimmparadies! Fast die gesamte, Long Island vorgelagerte Düneninsel, steht unter Naturschutz. Diese Barriereinsel, ist etwa 48 Kilometer lang und einen Kilometer breit. Die Wellen sind gigantisch! Es macht unglaublichen Spaß darin zu springen, zu tauchen und zu schwimmen! Die Kinder können zwar nur mit den Füßen planschen, weil ihnen die Brandung sonst die Beine weghaut, aber sie lieben es trotzdem. Sie bauen Schutzdämme, die binnen Sekunden wieder brechen. Und riesige Löcher, die sich mit einer Welle füllen. Wir toben alle den ganzen Tag und sind abends glücklich, erschöpft und zufrieden.
Ein Litauer, der ein Work-and-Travel-Programm macht, erzählt mir, dass er immer für einen Deutschen gehalten werde. Ich lache, weil er mit seinen blonden Haaren, der Brille und seiner Größe wirklich sehr deutsch aussieht. Ich sage ihm das und dass ich finde, dass zwischen den Leuten aus dem Baltikum sowie Polen, weniger große Unterschiede bestehen, als zwischen Norddeutschen und Schweizern sowie Österreichern. Nur auf Grund der schlechten historischen Vergangenheit bestehen aus meiner Sicht immer noch Vorbehalte. Aber zwischen jungen Leuten zunehmend weniger… Er findet das auch. Die Beziehungen zu Russland seien allerdings nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch gegenwärtig unglaublich schlecht und erdrückend. Es sei daher verrückt, dass er in den USA, während seines Work-and-Travel ausgerechnet nur mit Russen befreundet sei. Er lacht und sagt: „Das ist das Gute, dass man trotz der politisch schwierigen Situation, auf persönlicher Ebene Freundschaften schließen kann.“
Letztlich sind es diese Geschichten am Wegesrand, die der gesamten Ostküste der USA etwas kosmopolitisches geben. Die Menschen, denen wir begegnen sind offen, neugierig und weltgewandt. Die Ländlichkeit, auch in diesem Teil der USA, steht im krassen Gegensatz dazu und lässt erahnen, warum dieses Land, das einen ganzen Kontinent bildet, so zerrissen und gespalten ist. Und trotzdem beeindrucken die US-Amerikaner durch ihre Lockerheit, Toleranz und den Glauben, das alles möglich ist. Ganz besonders auf Long Island…

Go West!

Two days in New York with three kids

Wir fahren mit dem Auto nach Manhattan!!! Ja, selber!! Und hätte es mir jemand vor einem Jahr gesagt, hätte ich ihn definitiv für verrückt erklärt!
Aber da wir seitdem drei Monate mit dem Wohnmobil und fünf Wochen mit dem Pkw, täglich unterwegs waren, kommt es uns nicht mehr absurd vor. Eine Autostunde und zehn Minuten von Manhattan entfernt, zelten wir im Heckscher State Park. Dort finden wir noch genau zwei andere Zelte auf dem Campingplatz. Es ist ruhig, grün und absolut tote Hose. Das finden wir wiederum sehr absurd!
Wir starten vormittags Richtung down town New York. 20 Autominuten vor Manhattan ragt die Stadt, aller Städte, plötzlich wie ein Gebirge vor uns auf. Entlang des Highways zeigt sich uns zur gleichen Zeit der Stadtteil Queens, mit kleinen heruntergekommenen Holz-Häuschen. Die Ladenzeilen im Erdgeschoss wirken schäbig…
15 Minuten bis Manhattan. Immer noch Queens, aber jetzt rote hässliche Backsteinhäuser mit fünf bis 20 Stockwerken in gleich aussehenden Würfeln stehend. Ständig blockieren Unfälle die Fahrspuren, dennoch fließt der Verkehr…
Noch zehn Autominuten bis zum Ziel. Jetzt der Stadtteil Brooklyn mit phantastischem Blick auf Manhattan! Erstmals Stau! Wir quälen uns durch den Queens Midtown Tunnel. Danach fahren die New Yorker zweispurige Straßen dreispurig, überall Fußgänger, Jogger und noch fünf Minuten bis zum Empire State Building…
Das erstbeste Parkhaus genommen. Wagen, Schlüssel und 50 Dollar abgegeben. Nur zwei Blocks zu Fuß bis zum Empire State Building. Unsere Kinder wundern sich, wie winzig die Autos von so hoch oben aussehen… Wir essen Eis am Madison Square Garden… Und veganes Quinoa in Soho… Micky und Mini Maus treffen wir am Times Square… Die Leute lachen uns zu, als wir unsere Zwillinge tragen. Wir sehen kaum andere Kinder in New York. Schon gar nicht drei auf einmal! Und so klein. Aber unsere drei machen das super!
Sie laufen und staunen über riesige Schulbusse auf dem Broadway…
Sie laufen und wundern sich über einen Kran, der auf einem Wolkenkratzer steht und diesen hochzieht…Sie laufen und laufen und laufen…
In Chinatown und sprechen wir mit einem Chinesen. Er beglückwünscht uns zu unseren drei Kindern und erzählt, dass er selbst zwei Töchter habe. Mehr gehe leider beim besten Willen nicht, da das College in den USA so teuer sei. Als wir berichten, dass wir aus Deutschland kommen, erwidert er lachend: „Also, dann gibt es doch wirklich keinen Grund, nicht noch ein viertes Kind zu bekommen! Der Staat bezahlt doch die Ausbildung für alle!“
Am zweiten Tag sind wir noch mutiger und fahren über die Brooklyn Bridge nach New York down town. Von dort sehen wir die Freiheitsstatue – Jippy!!! Später laufen wir die Brooklyn Bridge noch mal zu Fuß. Sie ist so vollgestopft mit Touristen, dass wir uns nur mühsam vorwärts schieben. Kleine Stände zu beiden Seiten versperren zusätzlich den Weg zur Brücke. Die Verkäufer bieten Wasserflaschen, Postkarten sowie Souvenirs feil und verkünden mit selbst-besprochenen Tonbändern über Lautsprecher: „Wondalawondala“. Ich wundere mich, bin aber zu angestrengt, um diese Werbung zu enträtseln. Auf dem Rückweg geht’s bergab und der Blick auf Manhattan ist schön, da unverbaut. Jetzt begreife ich auch, dass die Verkäufer „one Dollar“ sagen, für eine Wasserflasche. 35 Grad im Schatten machen sich bei mir bemerkbar und ich bekomme einen Lachanfall. Unsere Kinder verlangen einen Spielplatz. Die gibt es zum Glück überall.
Anschließend laufen wir zum Gedenkplatz des World Trade Centers. Auf dessen Grundriss stehen riesige Brunnen. Am Rand sind die Namen der Verunglückten eingraviert. In der Mitte fließt das Wasser in einen weiteren kleinen Brunnen, dessen Grund wir nicht sehen können… Rosen, USA-Flaggen und Teddys sind zum Gedenken niedergelegt. Unsere Kinder sind ergriffen. Sie fragen. Und verstehen. Unsere Jungs wollen nie wieder Krieg mit anderen Kindern spielen, sagen sie. Es gibt ein weißes Gebäude, das aussieht wie ein Engel, in dem sich eine Shoppingmal und die underground station befinden. Architektonisch gelungen, geschmacklos mit seinen Luxusboutiquen.
Insgesamt ist Manhattan cleaner, langweiliger, nicht mehr so multikulti und kreativ wie bei meinem ersten Besuch, vor über zehn Jahren… Es liegt aber auch an meiner Lebenssituation. Mich beeindrucken Menschen nicht mehr, deren einziger Lebensinhalt in Arbeit, schicken Klamotten und dem Aufsuchen freakiger Restaurants sowie Bars besteht.
Zwei Obdachlose fallen meinem kleinen Jungen ins Auge: „Die Männer, die auf der Straße liegen, haben kein Zuhause, oder? Traurig!“, sagt er. Es hat also etwas Gutes, dass die Mülltonnen im Central Park und der Bronx nicht mehr brennen!
Der Stadtteil Brooklyn ist alternativ, mit hübschen sanierten Altbauten. Auf den vierstöckigen Gebäuden finden sich Dachgärten. Es gibt etliche Blöcke mit Wolkenkratzern, alle in den letzten, rund zehn Jahren hochgezogen.
Williamsburg ist noch so multikulti, wie einst Manhattan. Orthodoxe Juden mit Schläfenlocken finden sich im Straßenbild.
Auf dem Rückwegen rettet uns der Carpool. Eine der fünf Spuren ist eigens dafür reserviert. Links außen bildet sie die schnellste Fahrbahn und wir kommen etwa doppelt so schnell voran – zu unserem absolut ruhigen Zeltplatz im Heckerscher State Park… Unglaublich!

Flashback

Chile

¡Con todo mi cariño a Saskita! Meine Freundin arbeitet nach der Schule für ein Jahr, in einem Straßenkinderprojekt in Santiago de Chile. ¡Hola! ¿Qué tal? ¿Hablas español? Ich fliege sie in meinen ersten Semesterferien besuchen. Zum ersten Mal reise ich über den großen Teich. Zum ersten Mal bleibe ich für eine längere Zeit im Ausland – knapp zwei Monate. En el Estadio Monumental del Club Social y Deportivo Colo-Colo, avec Claudio, durante un partido de futbol contra la U. Ich will Spanisch lernen, habe vorher nichts organisiert und wundere mich, dass es vor Ort nicht so recht klappt. Pablo Neruda, Isabel Allende, wir tauschen Bücher. Ich küsse zum ersten Mal die Liebe meines Lebens auf der Fähre nach tierra del fuego – Feuerland. Musik und Tänze Lateinamerikas: Merengue, Salsa, Cumbia. 2000 Kilometer fahre ich im Bus und übernachte dort gleichzeitig. Wir kaufen nur die günstigsten Tickets. So mancher Sitz ist durchgeschlissen und eine Boxershorts, nach einer äußerst unbequemen Nacht, ebenfalls! Wir zelten am Fuße des Vulkans Osorno. Wir baden im See in Villarrica. Wir Schwimmen im Pazifik bei Viña del Mar. Wir besichtigen chutes – Wasserfälle. Und weil “die scheiß Badewannen” zu teuer sind, natürliche Becken, in denen man schwimmen kann, verzichten wir. In Puerto Montt und Puerto Natales nächtigen wir in hospedajes – Privatunterkünften. Die Menschen sind sehr gastfreundschaftlich und nehmen uns wie Familienmitglieder auf. Nur einmal haben wir richtig Pech und prellen in einem üblen Hostel die Zeche bei „Messer-Jocke“. Zwischen Schlafraum, mit rund 50 Betten und Nasszelle, in der ungefähr zehn Kloschüsseln ohne Trennwand nebeneinander stehen, gibt es nicht mal eine Tür zum Schließen. “¡Bon viaje!” Mehrere Tage wandere ich im Nationalpark Torres del Paine – zwischen den “Türmen des blauen Himmels”. Ich bestaune den Grey-Gletscher, höre ihn kalben und sehe, wie mächtige Eisblöcke in den Lago Grey brechen. Patagonien, Magellanstraße… Ich beobachte Pinguine aus nächster Nähe. Zum brüten suchen sie sich Höhlen. Die Ranger hängen ihnen daher eine Art Dach auf, das rundherum geschlossen ist. Dort gehen die Pinguine nur mit dem Kopf hinein. Sie wissen nicht, dass der Rest des Körpers sowie das Nest mit den Eiern herausschaut. Die Magellan-Pinguine sehen sehr putzig dabei aus. Zurück in Santiago, die letzten Wochen Alltag bei Patrizia. Mapuche – indigenes Volk Südamerikas, dass sich erfolgreich 300 Jahre den spanischen Kolonialisten zur Wehr setzte. ¡Feliz navidad mi amiga! ¡Muchas gracias para todo et un grande beso!

Go West!

Boston – ein Stadtspaziergang

„Da, das pinke Boot! Genau wie unser rosa Haus, aber auf Rädern!“, mein kleiner Junge zeigt begeistert mit seinem Finger auf die Touristenbusse in Bosten, die zugleich als Boote fahren können. Wir starten trotzdem mit den Öffis. Im Bus fahren mit uns zu rund 80 Prozent Amerikaner mit sichtbarem Migrationshintergrund. Als wir im Stadtzentrum aussteigen, lernen wir, wie obdachlosen Kommunikation funktionieren kann: Die auf der Platte Lebenden, haben Pappen mit Edding beschrieben. Eine der Botschaften enthält die Nachricht, dass ein weiblicher Hund gefickt wurde, um den Trieb auszuleben, weil keine andere Sexualität mehr möglich ist. Das hätte ich lieber ohne meine Kinder in Erfahrung gebracht!
Als wir weitergehen stellen wir fest, das Boston sauber, sicher und überschaubar ist. Wir beginnen in Chinatown, die Bewohner empfangen uns mit offenen Armen auf einem Spielplatz. Sie finden unsere drei Kinder süß und wir fühlen uns sofort wohl. Anschließend laufen wir den Freedom Trail. Er ist etwa vier Kilometer lang. Die Besichtigungs-Route ist auf dem Weg mit einer durchgezogenen, roten Linie markiert. Sie verbindet siebzehn historische Sehenswürdigkeiten. Den Kindern bringt es Spaß, der roten Linie zu folgen und die Länge schaffen sie locker. Da wir ab mittags 40 Grad im Schatten haben, verbringen wir den Rest des Tages im zentralen Boston Public Garden. Die Kids kreischen unter Wasserspeiern, vergnügen sich im historischen Karussell und genießen Eis. Die Atmosphäre ist vergnügt, relaxt und kameradschaftlich mit anderen Kindern. Ein Mann, der in Boston arbeitet und mit Frau sowie zwei Söhnen dort lebt, nimmt uns fast in die Arme, als er hört wir seien aus Deutschland: „Oh, I love Angela Merkel!“ Er hält sie im Moment für die letzte Vertreterin der „freien Welt!“ Alles würde er dafür tun, wäre sie die amerikanische Präsidentin. In seinem Freundes- und Kollegenkreis sei es das gleiche. Alle schauten auf Europa und besonders auf Deutschland und hofften, dass irgendein Impuls von dort komme. Er schämt sich für den jetzigen Präsidenten. Urlaub mit der Familie mache er nur noch in Kanada. Sein Sohn ist FC Bayern-Fan, was mir persönlich jetzt keinen Anlass zur Freude gibt. Niedlich ist es allerdings schon, wie stolz er darauf ist, eine Verbindung zu Deutschland zu haben.
Als wir abends die zehn Minuten von der Bushaltestelle wieder zurück zu unserem Hotel zu Fuß gehen, ist dies unangenehm. Rund 100 Obdachlose hängen auf der Straße ab. Sie sind betrunken oder zugedröhnt mit Drogen. Wir treffen einen Amerikaner, gebürtig in L.A., er erzählt: „Das ist das Ergebnis der aktuellen amerikanischen Politik. Die Arbeitslosigkeit ist groß und es gibt keine sozialen Netzwerke, die die Menschen auffangen.“ Und obwohl ich sie niemals wählen würde, zwinkere ich in diesem Augenblick, im Geiste, dankbar „unserer Angie“ zu!

Go West!

Papageientaucher – auf der Pirsch

„Puffins“ heißen die niedlichen kleinen Vögel auf englisch. Schwarze und weiße Federn kleiden sie, ihre roten Beine leuchten, der orangefarbene Schnabel ähnelt dem eines Papageien. Sie finden sich überall wo es kalt ist: im Nordpolarmeer, auf Grönland sowie Island. Und in einem der größten Salzwasserseen der Welt, auf Cape Breton Island. Ich muss sie sehen! Letztes Jahr wollte ich ihretwegen schon nach Neufundland reisen… Wir machen eine Schiffstour mit derart hartem Wellengang, dass sich die ersten Passagiere bereits kurz nach verlassen des Hafens übergeben. Ich habe Angst um meine Kinder und überlege kurz, ob ich lieber über Board springe und zurück schwimme. Da das Wasser eiskalt ist, vertraue ich dann doch dem Kapitän, der seit fast 50 Jahren zur See fährt und seinem Vater bereits mit sieben Jahren zur Hand ging. Ich verlange Schwimmwesten für meine Kleinen. Wir quälen uns rund eine dreiviertel Stunde zur Vogelinsel, gegen die Strömung und Wellen, welche die Bordwand des Schiffes überragen. Ich bereue, den Trip gebucht zu haben. Und vergesse es sofort wieder, als ich den ersten Papageientaucher tollpatschig am Boot vorbeifliegen sehe. Dann Weißkopfseeadler. Ohhhhh, ich bin verzückt und meine Kinder erst!
Der Sohn des Kapitäns erklärt einiges. Er ist 24 Jahre alt, liebt Rapmusik, Videospiele und Baseball. Er weiß noch nicht, was er mit seinen Träumen anfangen kann. Sein älterer Bruder übernimmt das Schiff seines Vaters.
Eine Deutsche stürzt fast auf mich zu und sagt: „Genießen sie ihre drei kleinen Kinder so lange sie können!“ Ich antworte verdattert: „Ja, danke, ich freue mich auch, Sie kennen zulernen.“ Sie rollt mit den Augen und rattert dann fast wie ein Maschinengewehr, als sie sagt: „Ich habe meinen ältesten Sohn vor ein paar Tagen aus Montreal abgeholt. Er ist 15 Jahre alt und war dort für ein halbes Jahr auf der Highscool. Es ist so schrecklich, ich erkenne ihn fast nicht wieder! Die ganze Familie hat sich so auf ihn gefreut, alle zusammen fahren wir drei Wochen durch Kanada und zelten.“ Sie zuckt mit den Schultern: „Als Mutter bist du in dem Alter ja abgemeldet. Ich meine seien wir mal ehrlich, die Erziehung ist doch abgeschlossen. Er hat sofort gesagt, dass er auf keinen Fall mit seinen Alten zusammen in einem Zelt pennt, das sei widerlich! Jetzt schläft er im Auto…“ Sie schaut mich erwartungsfroh an. Ich antworte zögerlich: „ Äh, wenn er zufrieden damit ist, ist doch gut.“ Der Sohn der Frau machte auf mich bisher einen ganz normalen Eindruck. Ich sah ihn bereits öfter auf dem Campingplatz. Mir fiel nichts auf, außer dass er immer mit Beats auf den Ohren rumläuft, selbst wenn er auf Toilette geht – oder gerade deshalb? Seine Mutter nickt hektisch und sagt: „Jaja, das ist alles kein Problem. Aber er erzählt mir auch nichts mehr. Ich habe ihn gefragt, ob er eine Freundin in Kanada kennengelernt hat und er meinte völlig empört, dass mich das gar nichts angehe. Ich bin Ärztin und habe eine eigene Praxis. Die Freunde meines Sohnes kommen zu mir. Sie haben mir immer erzählt, wie es meinem Sohn geht. Bei mir hat er sich wochenlang nicht gemeldet. Nachts zockte er zusammen mit seinen Freunden online. Bei seiner Gastfamilie konnte er rund um die Uhr surfen. Aber zu Hause ziehe ich um 22 Uhr den Stecker des Routers, dann ist Schluss!“ Ich bin langsam genervt. Dann werde ich hellhörig, als sie sagt: „Ich habe schon so viele meiner jungen Patienten in die Klinik eingewiesen, weil sie nichts mehr auf die Reihe bekamen, Ängste hatten, nicht mehr leben wollten, sozial isoliert waren und daher niemanden hatten, dem sie sich anvertrauen konnten. Sie glauben gar nicht wie viele junge Leute heutzutage online-süchtig sind! Alkohol ist im Vergleich dazu kein Problem. Das ist greifbar und behandelbar. Andere Drogen sind schon schwieriger, aber die kann man auch in den Griff bekommen. Aber Online-Sucht ist echt gefährlich. Das ist überhaupt nicht greifbar. Und es geht nichts mehr ohne Online-Nutzung. Die jungen Leute sind somit nach einem Klinikaufenthalt sofort wieder drauf auf ihrer Droge. In einer analogen Welt kannst du heute nicht mehr leben. Da habe ich echt Angst vor.“
Ich sehe meinen Sohn begeistert aus dem Fenster schauen und mit dem Finger auf die Papageientaucher zeigen. Er ist glücklich. Er bekommt nichts um sich herum mit. Er versinkt ganz in diesen Moment. Vielleicht ziehe ich auch eines Tages den Stecker? Aber jetzt gucke ich mir die Papageientaucher an! Und ich genieße die Rückfahrt bei Sonnenuntergang. Das Meer ist glatt und friedlich, als ob es nie Wellen gegeben habe. Die Stimmung an Board ist ausgelassen. Wir sind alle froh, diese Tour gemacht zu haben!