Flashback

Chile

¡Con todo mi cariño a Saskita! Meine Freundin arbeitet nach der Schule für ein Jahr, in einem Straßenkinderprojekt in Santiago de Chile. ¡Hola! ¿Qué tal? ¿Hablas español? Ich fliege sie in meinen ersten Semesterferien besuchen. Zum ersten Mal reise ich über den großen Teich. Zum ersten Mal bleibe ich für eine längere Zeit im Ausland – knapp zwei Monate. En el Estadio Monumental del Club Social y Deportivo Colo-Colo, avec Claudio, durante un partido de futbol contra la U. Ich will Spanisch lernen, habe vorher nichts organisiert und wundere mich, dass es vor Ort nicht so recht klappt. Pablo Neruda, Isabel Allende, wir tauschen Bücher. Ich küsse zum ersten Mal die Liebe meines Lebens auf der Fähre nach tierra del fuego – Feuerland. Musik und Tänze Lateinamerikas: Merengue, Salsa, Cumbia. 2000 Kilometer fahre ich im Bus und übernachte dort gleichzeitig. Wir kaufen nur die günstigsten Tickets. So mancher Sitz ist durchgeschlissen und eine Boxershorts, nach einer äußerst unbequemen Nacht, ebenfalls! Wir zelten am Fuße des Vulkans Osorno. Wir baden im See in Villarrica. Wir Schwimmen im Pazifik bei Viña del Mar. Wir besichtigen chutes – Wasserfälle. Und weil “die scheiß Badewannen” zu teuer sind, natürliche Becken, in denen man schwimmen kann, verzichten wir. In Puerto Montt und Puerto Natales nächtigen wir in hospedajes – Privatunterkünften. Die Menschen sind sehr gastfreundschaftlich und nehmen uns wie Familienmitglieder auf. Nur einmal haben wir richtig Pech und prellen in einem üblen Hostel die Zeche bei „Messer-Jocke“. Zwischen Schlafraum, mit rund 50 Betten und Nasszelle, in der ungefähr zehn Kloschüsseln ohne Trennwand nebeneinander stehen, gibt es nicht mal eine Tür zum Schließen. “¡Bon viaje!” Mehrere Tage wandere ich im Nationalpark Torres del Paine – zwischen den “Türmen des blauen Himmels”. Ich bestaune den Grey-Gletscher, höre ihn kalben und sehe, wie mächtige Eisblöcke in den Lago Grey brechen. Patagonien, Magellanstraße… Ich beobachte Pinguine aus nächster Nähe. Zum brüten suchen sie sich Höhlen. Die Ranger hängen ihnen daher eine Art Dach auf, das rundherum geschlossen ist. Dort gehen die Pinguine nur mit dem Kopf hinein. Sie wissen nicht, dass der Rest des Körpers sowie das Nest mit den Eiern herausschaut. Die Magellan-Pinguine sehen sehr putzig dabei aus. Zurück in Santiago, die letzten Wochen Alltag bei Patrizia. Mapuche – indigenes Volk Südamerikas, dass sich erfolgreich 300 Jahre den spanischen Kolonialisten zur Wehr setzte. ¡Feliz navidad mi amiga! ¡Muchas gracias para todo et un grande beso!

Go West!

Boston – ein Stadtspaziergang

„Da, das pinke Boot! Genau wie unser rosa Haus, aber auf Rädern!“, mein kleiner Junge zeigt begeistert mit seinem Finger auf die Touristenbusse in Bosten, die zugleich als Boote fahren können. Wir starten trotzdem mit den Öffis. Im Bus fahren mit uns zu rund 80 Prozent Amerikaner mit sichtbarem Migrationshintergrund. Als wir im Stadtzentrum aussteigen, lernen wir, wie obdachlosen Kommunikation funktionieren kann: Die auf der Platte Lebenden, haben Pappen mit Edding beschrieben. Eine der Botschaften enthält die Nachricht, dass ein weiblicher Hund gefickt wurde, um den Trieb auszuleben, weil keine andere Sexualität mehr möglich ist. Das hätte ich lieber ohne meine Kinder in Erfahrung gebracht!
Als wir weitergehen stellen wir fest, das Boston sauber, sicher und überschaubar ist. Wir beginnen in Chinatown, die Bewohner empfangen uns mit offenen Armen auf einem Spielplatz. Sie finden unsere drei Kinder süß und wir fühlen uns sofort wohl. Anschließend laufen wir den Freedom Trail. Er ist etwa vier Kilometer lang. Die Besichtigungs-Route ist auf dem Weg mit einer durchgezogenen, roten Linie markiert. Sie verbindet siebzehn historische Sehenswürdigkeiten. Den Kindern bringt es Spaß, der roten Linie zu folgen und die Länge schaffen sie locker. Da wir ab mittags 40 Grad im Schatten haben, verbringen wir den Rest des Tages im zentralen Boston Public Garden. Die Kids kreischen unter Wasserspeiern, vergnügen sich im historischen Karussell und genießen Eis. Die Atmosphäre ist vergnügt, relaxt und kameradschaftlich mit anderen Kindern. Ein Mann, der in Boston arbeitet und mit Frau sowie zwei Söhnen dort lebt, nimmt uns fast in die Arme, als er hört wir seien aus Deutschland: „Oh, I love Angela Merkel!“ Er hält sie im Moment für die letzte Vertreterin der „freien Welt!“ Alles würde er dafür tun, wäre sie die amerikanische Präsidentin. In seinem Freundes- und Kollegenkreis sei es das gleiche. Alle schauten auf Europa und besonders auf Deutschland und hofften, dass irgendein Impuls von dort komme. Er schämt sich für den jetzigen Präsidenten. Urlaub mit der Familie mache er nur noch in Kanada. Sein Sohn ist FC Bayern-Fan, was mir persönlich jetzt keinen Anlass zur Freude gibt. Niedlich ist es allerdings schon, wie stolz er darauf ist, eine Verbindung zu Deutschland zu haben.
Als wir abends die zehn Minuten von der Bushaltestelle wieder zurück zu unserem Hotel zu Fuß gehen, ist dies unangenehm. Rund 100 Obdachlose hängen auf der Straße ab. Sie sind betrunken oder zugedröhnt mit Drogen. Wir treffen einen Amerikaner, gebürtig in L.A., er erzählt: „Das ist das Ergebnis der aktuellen amerikanischen Politik. Die Arbeitslosigkeit ist groß und es gibt keine sozialen Netzwerke, die die Menschen auffangen.“ Und obwohl ich sie niemals wählen würde, zwinkere ich in diesem Augenblick, im Geiste, dankbar „unserer Angie“ zu!

Go West!

Papageientaucher – auf der Pirsch

„Puffins“ heißen die niedlichen kleinen Vögel auf englisch. Schwarze und weiße Federn kleiden sie. Ihre roten Beine leuchten. Der orangefarbene Schnabel ähnelt dem eines Papageien. Sie finden sich überall wo es kalt ist: im Nordpolarmeer, auf Grönland sowie auf Island. Und in einem der größten Salzwasserseen der Welt: auf Cape Breton Island. Ich muss sie sehen! Letztes Jahr wollte ich ihretwegen schon nach Neufundland reisen… Wir machen eine Schiffstour mit derart hartem Wellengang, dass sich die ersten Passagiere bereits nach verlassen des Hafens übergeben. Ich habe Angst um meine Kinder und überlege kurz, ob ich lieber über Board springe und zurück schwimme. Da das Wasser eiskalt ist, vertraue ich dann doch dem Kapitän, der seit fast 50 Jahren zur See fährt. Er begleitete seinen Vater bereits mit sieben Jahren und ging ihm zur Hand. Ich verlange Schwimmwesten für meine Kleinen. Wir quälen uns rund eine dreiviertel Stunde zur Vogelinsel. Gegen die Strömung und frontal zu den Wellen. Diese überragen die Bordwand des Schiffes. Ich bereue, den Trip gebucht zu haben. Und vergesse es sofort wieder, als ich den ersten Papageientaucher tollpatschig am Boot vorbeifliegen sehe. Dann Weißkopfseeadler. Ohhhhh, ich bin verzückt und meine Kinder erst!
Der Sohn des Kapitäns erklärt einiges. Er ist 24 Jahre alt, liebt Rapmusik, Videospiele und Baseball. Er weiß noch nicht, was er mit seinen Träumen anfangen kann. Sein älterer Bruder übernimmt das Schiff seines Vaters.
Eine Deutsche stürzt auf mich zu und sagt: „Genießen sie ihre drei Kinder, so lange sie klein sind!“ Ich antworte verdattert: „Ja, danke, ich freue mich auch, sie kennen zulernen.“ Sie rollt mit den Augen und rattert dann wie ein Maschinengewehr, als sie sagt: „Ich habe meinen ältesten Sohn vor ein paar Tagen aus Montreal abgeholt. Er ist 15 Jahre alt und war dort für ein halbes Jahr auf der Highschool. Es ist so schrecklich, ich erkenne ihn nicht wieder! Die ganze Familie hat sich auf ihn gefreut! Alle zusammen fahren wir drei Wochen durch Kanada und zelten.“ Sie zuckt mit den Schultern: „Als Mutter bist du in dem Alter abgemeldet. Seien wir ehrlich, die Erziehung ist abgeschlossen. Er hat sofort gesagt, dass er auf keinen Fall mit seinen Alten zusammen in einem Zelt pennt, das sei widerlich! Jetzt schläft er im Auto…“ Sie schaut mich erwartungsfroh an. Ich antworte zögerlich: „ Äh, wenn er zufrieden damit ist, passt es doch.“ Der Sohn der Frau machte auf mich einen ganz normalen Eindruck. Ich sah ihn bereits öfter auf dem Campingplatz. Mir fiel nichts auf, außer dass er immer mit Beats auf den Ohren rumläuft. Selbst wenn er auf Toilette geht – oder gerade deshalb? Seine Mutter nickt hektisch und sagt: „Jaja, das ist alles kein Problem. Aber er erzählt mir auch nichts mehr. Ich habe ihn gefragt, ob er eine Freundin in Kanada hatte und er meinte völlig empört, dass mich das gar nichts angehe. Ich bin Ärztin und habe eine eigene Praxis. Die Freunde meines Sohnes kommen zu mir. Sie haben mir immer erzählt, wie es meinem Sohn geht. Bei mir hat er sich wochenlang nicht gemeldet. Nachts zockte er zusammen mit seinen Freunden online, bis er pleite war. Bei seiner Gastfamilie konnte er rund um die Uhr surfen. Aber zu Hause ziehe ich um 22 Uhr den Stecker des Routers, dann ist Schluss!“ Ich bin langsam genervt. Dann werde ich hellhörig, als sie sagt: „Ich habe schon so viele meiner jungen Patienten in die Klinik eingewiesen, weil sie nichts mehr auf die Reihe bekamen. Sie hatten Ängste, wollten nicht mehr leben, waren sozial isoliert. Sie konnten sich damit niemandem anvertrauen. Sie glauben gar nicht wie viele heutzutage online-süchtig sind! Alkohol ist im Vergleich dazu kein Problem. Das ist fassbar und behandelbar. Andere Drogen sind schon schwieriger, aber kann man auch in den Griff bekommen. Aber Online-Sucht ist echt gefährlich. Das ist überhaupt nicht greifbar. Und es geht nichts mehr ohne Online-Nutzung. Die jungen Leute sind somit nach einem Klinikaufenthalt sofort wieder drauf auf ihrer Droge. In einer analogen Welt kannst du heute nicht mehr leben. Da habe ich echt Angst vor.“
Ich sehe meinen Sohn begeistert aus dem Fenster schauen und mit dem Finger auf die Papageientaucher zeigen. Er ist glücklich. Er bekommt nichts um sich herum mit. Er versinkt ganz in diesem Moment. Vielleicht ziehe ich auch eines Tages den Stecker? Aber jetzt gucke ich mir die Papageientaucher an! Und ich genieße die Rückfahrt bei Sonnenuntergang. Die Stimmung an Board ist ausgelassen. Das Meer ist glatt und friedlich, als hätte es nie Wellen gegeben…

Go West!

Cape Breton Highlands – willkommen im Club!

Den Cape-Breton-Highland-Nationalpark ließen wir bei unserer Nordamerika-Reise im letzten Jahr aus. Er liegt auf einer Insel kurz vor Neufundland und wir dachten, dass wir eher mal nach Schottland fahren… Jetzt sind wir dort! In Deutschland sind die Highlands sehr beliebt. Es finden sich zahlreiche deutsche Auswanderer und Freaks. Die Landschaft zieht in ihren Bann, mit Fjorden, dem Hochland und Wildlife, inklusive Bären, Elchen oder Weißkopfseeadlern. Witzig, auf Cape Breton sind die Regeln teilweise verdreht: Touristen wandern in eingezäunten Gebieten und Elche laufen in der freien Wildbahn!
Auf Cape Breton gibt es tolle Wanderwege, wie den Middle Head Trail. Er ist abwechslungsreich und belohnt am Ende mit einem fantastischen Ausblick. Zwei längere Wanderwege können wir nicht laufen, wegen einer möglichen Begegnung mit Bären. Bei dem einen steht gleich zu Beginn des Weges eine schrillgelbe, große Warntafel mit der Aufschrift: „Achtung, Bär in der Umgebung!“ Mit drei kleinen Kindern, von denen eines in der Rucksacktrage sitzt und wir das Zweite meist Huckepack nehmen, wagen wir es nicht.
In den Nationalparks sind Waffen grundsätzlich verboten. Permits zur Jagd lassen sich zum Teil erwerben. Viele Kanadier wandern daher in Regionen, in denen es Bären gibt, nicht ohne ihr Gewehr und meiden Nationalparks. Das ist besonders im Westen Kanadas der Fall. Sie halten europäische Touristen, die hungrig nach Wildlife sind, für verrückt. Sie schütteln den Kopf und ärgern sich über solche, die noch das Leben ihrer Kinder gefährden.
Bei einem anderen Trail laufen wir guten Mutes los und sehen nach einer halben Stunde Kratzspuren eines Bären. Direkt am Wegesrand steht ein Baum, dessen Rinde herab klafft. Da uns bisher keine Menschenseele begegnete, warnte uns vielleicht allein aus diesem Grund kein Schild. Uns ist die Wanderung verdorben und wir kehren sicherheitshalber um. Die Kinder finden die Bärenspuren toll und wären am liebsten einem begegnet. Sie waren schon enttäuscht, dass sie ihren „Pommes-Bär“ vom letzten Jahr nicht wieder trafen! Dieser Braunbär liebte Fritten und lungerte immer in der Nähe eines Kiosks herum. Als wir Pommes bestellten, erhielten wir eine Warnung, nie mit Essen im Kouchibouguac Nationalpark herumzulaufen. Wir dachten, das wäre ein Märchen, bis wir den „Pommes-Bär“ mit eigenen Augen sahen, rund 75 Meter entfernt… Sehr zur Freude der Kinder! Ich dagegen bin froh, dass er weit weg geflogen wurde!
Neil’s Habour ist ein kleines Fischerdorf, das uns sehr gefällt. Es watet mit einem Holzleuchtturm auf und verfügt über ein gutes Fischrestaurant, auf einer Felsnase gelegen, mit phantastischem Blick auf’s Meer. Der Hafen mit seinen Boten ist etwas heruntergekommen, dafür mutet er malerisch an und ist authentisch. Herrlich unkompliziert, selbst mit unseren drei Rackern, ist das Café „bean barn“ in Ingonish. Es stellt alles selbst her. Alternatives Personal bedient uns. Wir gönnen uns dort täglich ein Frühstück.
Zu Beginn sind die Nächte sehr frisch. Wir sind nur mit leichten Sommerschlafsäcken ausgerüstet und erkälten uns promt. Die Kinder sind trotzdem motiviert. Mit Luftmatratzen bewaffnet, nächtigen wir sehr bequem. Später, als die Nächte weiter südlich heiß werden, schlafen wir nur mit Moskitozelt und somit unter freiem Himmel. Wir sehen die Sterne, hören Grillen und früh morgens die Vögel. Der Wind streichelt unsere Haut, es riecht nach salziger Meeresluft. Einer unserer Zeltplätze liegt traumhaft, mitten auf einem Felsvorsprung, direkt am Meer. Da immer ein Wind weht, belästigen uns keine Mücken und wir brauchen nicht mal das Insektennetz. Die Sonne geht direkt vor unserer Nase unter und der Himmel färbt sich orange, pink und violett. Duzende Camper pilgern mit ihren Klappstühlen zu unserem Platz und bauen sie an dessen Rand auf. Rund 50 Leute halten ihre Telefone, Pads oder Kameras in die Luft und geben entzückte Ausrufe von sich. Eigentlich ist das allabendliche Spektakel noch sehenswerter, als die Sonnenuntergänge selbst. Wir haben unseren Spaß bei einem Glas Wein und den besten Ausguck dazu.
Am Lagerfeuer lerne ich, dass eines überall auf der Welt gleich ist: „Wenn du Kinder bekommst, trittst du einem Club bei. Er ist nicht besonders exklusiv, aber du trittst ihm bei, ob du willst oder nicht! Wer nicht Mitglied ist, kann kaum nachzuvollziehen, wie es ist! Was du leistest, wie wichtig es dir ist. Wie anstrengend es ist. Wie glücklich es macht. Wie verzweifelt du sein kannst und wie unendlich reich du bist. Durch diese grenzenlose Liebe…“, sagt mir ein Amerikaner, nach dem x-ten gemeinsamen Bier – „Cheers!“

Go West!

Sechs Wochen Zelten in Nordamerika mit drei Kindern

Sommerferien können verdammt lang, anstrengend und phasenweise die Hölle sein! Zumindest, wenn ich sie volle sechs Wochen gemeinsam mit meinen drei Kindern im Zelt verbringe… „Mama, es ist schon wieder in die Hose gegangen. Der Weg zum Klohaus ist zu lang!“, schreit mein einer Sohn mehrmals täglich. Die Unterhosen schmeiße ich weg, da gibt’s nichts mehr zu retten. Den Gang zum Plumpsklo schieben meine Lütten so lange wie möglich auf und der Kommentar: „Es riecht nach Pferd!“, ist noch geschmeichelt… „Iiiiiiiihhhh, eine Kakerlake, so groß wie meine Hand, ist mir unter der Tischbank übern Fuß gelaufen!“, quiekt meine Tochter. Ich ekel mich auch, versuche aber zu beschönigen: „Ja, Schatz, wir sind hier halt mitten in der Natur.“ Da plärrt es bereits wieder aus der anderen Richtung: „Aua, du sollst mir nicht immer mit der Luftpumpe auf den Kopf hauen! Ich will nicht schon wieder an der Zeltaußenwand schlafen! Da stechen mich die Mücken immer blutig!“
Dabei wer der Flug diesmal wirklich easy: Drei Stunden bis Reykjavik, ich lese mit den Kids. Umsteigen und noch mal sechs Stunden bis Bosten, die Lütten pennen. Einreisen am Boston Logan International Airport. Das ist die enspannteste meiner insgesamt vier Varianten, die ich in die USA hatte (L.A. am Flughafen, dauerte ewig und die Grenzbeamten waren maximal unfreundlich. New York war langwierig. Aus Kanada über den Landweg, war eine Zumutung, wenn gleich wir sie erwarteten). Jetzt in Boston gehen wir einfach so durch. Der Grenzer ist nett und eh wir begreifen, dass wir gerade einreisen, ist’s auch schon vorbei. Zehn Stunden Autofahrt und wir stranden an Kanadas Ostküste. Unterwegs stoppen wir im Acadia Nationalpark. Wir holen die Fahrt auf den Cadilac Mountain nach, den höchsten Berg an Amerikas Ostküste. Mit dem Wohnmobil war sie uns letztes Jahr verboten. Regentag – wir in bunten Jacken on the top of the mountain: aussichtslos!
Im Kouchibouguac Nationalpark gibt es noch Wildnis mit Bären und Elchen. Der Wald riecht harzig, moderig, würzig. Moose und Flechten bedecken Steine. „Trollhaar“ hängt dicht von Nadelbäumen. Es gibt einen traumhaft schönen Strand mit riesigen Dünen. Wir fahren Kanu und Kajak auf dem „Fluß der langen Gezeiten“. Zum Einstieg zelten wir bequem im oTENTik. Das ist ausgerüstet mit Feldbetten, Eßtisch und –stühlen sowie einem extra Kochzelt mit Grill, Gasherd, Töpfen und Geschirr. Allerdings ist es auch fast so teuer wie ein Motel. Es ist die unterste Kategorie einer Eco-Lodge, die sanitären Einrichtungen teilen wir uns jedoch mit allen anderen… Am Zelten gefällt uns besser, dass wir über einen Pkw verfügen, mit dem wir deutlich mobiler sind, als mit dem Wohnmobil. Ein Teil der Familie kann mal alleine auf dem Campingplatz bleiben, da nicht wie beim Wohnmobil gleich das ganze „Haus“ mit allem drum und dran fehlt. Wir sind 24 Stunden am Tag an der frischen Luft. Wir kommen viel häufiger mit anderen ins Gespräch, weil wir ja immer draußen sitzen. Der entscheidendste Faktor ist natürlich der Preis! Der Mietwagen kostet nur ein Viertel gegenüber dem Wohnmobil! Damit reißt Essen gehen oder mal spontan ein teurer Ausflug nicht gleich eine riesige Finanzlücke. Der Pkw fährt sich auch viel besser! Die geräumige Limousine, bewege ich wie mein Auto zu Hause. Auf der Rückbank sitze ich wie in einer Stretchlimo. Unser üppiges Gepäck verschwindet lässig im Innenraum. Wir kommen 20 bis 30 Prozent schneller voran und sparen fast die Hälfte an Benzinkosten. Wir finden überall einen Parkplatz und können auch in Städte fahren. Insgesamt sind wir mit Zelt und Pkw flexibler, mobiler und dabei deutlich günstiger. Wir unterhalten uns abends am Lagerfeuer mit einer Familie aus Toronto, die wie wir, auch drei Kinder hat und letztes Jahr ebenfalls mit dem Wohnmobil unterwegs war. Dieses Jahr übernachten sie nur in oTENTiks und brausen mit dem Sportwagen. Sie sagt: „Ich bin gar nicht mit dem Wohnmobil gefahren, weil ich es mir nicht zugetraut habe. Ich fand das Campen damit sehr romantisch und den Kindern gefiel es natürlich super gut!“ Er berichtet: „Ich hatte das Gefühl, die ganze Zeit nur mit dem Wohnmobil beschäftigt zu sein! Gas nachfüllen, Wasser ablassen, Frischwasser auffüllen, Tanken und Strom aufladen. Beim Fahren ständig darauf achten, das Auto auf der Straße zu halten, wegen der Überbreite. Wir haben nie einen Parkplatz vorm Restaurant gefunden. Ich habe mich gefühlt wie ein Trucker! Für mich war das nix!“
Aber für unsere Kinder steht fest: „Nächstes Jahr sparen wir Geld und verbringen den Sommer in Schweden. Dann können wir übernächstes Jahr wieder nach Kanada fliegen und uns ein Wohnmobil mieten. Wir unterstützen euch auch und geben unser ganzes Taschengeld dazu. Dann können wir uns das leisten!“

Kindermund tut Wahrheit kund…

…oder macht Musik

„Ich will auch im Schulchor singen!“, verkündet meine Tochter. Und zwar auf die energische Art. Ich fühle mich nicht gut dabei, denn sie ist zu dem Zeitpunkt erst drei Jahre alt. Wir sahen ein Krippenspiel und die Kinder haben wirklich toll gesungen! Ich erkläre ihr, dass alle Kinder mindestens sechs Jahre alt sind. Meine Kleine muss sich also noch ein paar Jahre gedulden. Davon will mein Dickkopf nichts wissen und quengelt fortan: „Mama, bitte, bitte, bitte, frag doch mal!“ Ich spreche mit der Chorleiterin und: Überraschung, mit vier Jahren kann sie mitsingen! Sie spielt einen kleinen Engel, ohne Text-Rolle. Nach der Aufführung verkündet sie: „Mama, ich will Klavier spielen!“ Oh nein, denke ich.
Zum guten Ton der Bildungsbürger gehört eine musikalische Ausbildung. Das beginnt mit drei Monaten, indem Klangschalen den Kurs zur Babymassage begleiten. Meiner Tochter war das alles zu viel. Sie äußerte es mit lautem Protestgeschrei. Weiter geht’s mit dem Musikgarten im Kleinkindalter. Parallel zur Vorschulzeit kommt dann endlich das ersehnte erste Instrument: Flöte oder Klavier, seltener auch Geige! Zu diesem Zeitpunkt haben es die fleißigen Eltern geschafft.
Da die Hände meiner Tochter zum Klavier spielen zu klein sind, startet sie mit der Flöte. Wir machen eine Mama-Tochter-Stunde daraus. Und obwohl ich seit der ersten Klasse keine Flöte mehr in der Hand hielt und sie absolut nicht zu den Instrumenten meiner Wahl zählt, macht es mir richtig Spaß! Meine Kleine versucht ihren Vater ebenfalls zum Musizieren zu bewegen. Als er wegen einer Verletzung eine verbundene Hand hat, sagt sie: „Ich glaube Papa, sie haben dir nur den einen Finger verbunden, damit du flöten kannst!“
Meine Jungs sind längst nicht so musikalisch wie ihre große Schwester. Aber sie lieben es, wenn sie singt und klopfen dazu im Takt mit der Gabel auf Tisch und Töpfe.
Ich besuche mit meiner Kleinen auch Kinderkonzerte. Bislang bestreikte ich die völlig überteuerte und fehl geplante Elbphilharmonie. Dessen Finanzierung hatte das Einstampfen zahlloser sozialer Projekte in Hamburg zur Folge. Ich höre mir zusammen mit meiner Tochter zum ersten Mal ein Konzert dort an. Wow, ich bin beeindruckt! Von Architektur, Darstellern, Musik und dem künstlerischen Gefühl, das sie mit allem verströmt! Ich wusste schon, warum ich aus Protest nach der Eröffnung nicht hin ging! Einmal dort gewesen, kannst du dich dem Charme der Elphi einfach nicht entziehen! Meine Kleine sagt: „Mama, es ist sooooo schön! Wann gehen wir wieder in die Elphi?“

Kindermund tut Wahrheit kund oder…

…rettet die Welt

„Aber wieso verhungern und verdursten Kinder? Mama, wieso, es gibt doch so viel im Supermarkt!“, meine Tochter schaut mich verzweifelt und wütend an. Wir haben drei Patenschaften in Afrika über SOS-Kinderdorf und Plan International: Zabagire in Mozambique, Agnes in Ruanda und Sumaya in Somalia. Diese Mädchen schreiben, malen oder schicken uns Fotos von sich, ihrer Familie und ihrer Schule. Meine Kinder und ich schauen uns das an und reden darüber. Sicher, das Leid der Welt verhindern wir damit nicht. Aber wir nehmen Anteil. „Ich will Helferin werden“, sagt meine Tochter. „Dann packe ich alles was die Kinder brauchen ins Auto und fahre nach Afrika. Geld nehme ich auch mit, damit sie sich ein zu Hause bauen können.“
Falls ich das neuste Hinz&Kunzt Straßenmagazin mal übersehe, macht mich meine Kleine sofort darauf aufmerksam: „Mama, diese Zeitungsausgabe haben wir noch nicht!“ Wir sprechen mit „unserem“ Verkäufer über seine Heimat in Rumänien. Darüber, dass die Winter in Hamburg auf der Platte hart seien, aber das eigentlich nicht an den Temperaturen läge. Die Winter in seiner Heimat seien wirklich kalt. Meine Kinder wissen, dass es nicht alle Menschen so gut haben, wie wir in Deutschland. Das dies Zufall und Glück für uns ist. Dass es einen Menschen nicht besser oder schlechter macht.
Mein Sohn strahlt übers ganze Gesicht: „Ich habe zehn Runden geschafft, Papa! So viel bin ich gelaufen!“ Ehrlich gesagt bin ich mit meinen Zwillingen an der Hand – gegangen. Aber sie waren so stolz, dass sie auf diese Weise Geld beim Spendenlauf für ihre Kindergartenreise zusammenbekommen haben. Einem Kind, deren Eltern die Reise nicht finanzieren könnten, ermöglichen diese Spenden die Kindergartenfahrt.
„Papa, aus dem Rohr von dem Auto vor uns kommt Gift, oder?“, fragt meine Tochter. Mein Mann erklärt ihr, dass CO2-Emissionen beim Autofahren entstehen und den Klimawandel beschleunigen. „Aber Mamas Auto hat nicht so einen Auspuff aus dem Gift kommt, oder?“ Leider schon! Wir versuchen so wenig wie möglich zu fliegen und wenn wir das Flugzeug für den Urlaub wählen, zahlen wir für unsere klimaschädlichen CO2-Emissionen einen Betrag an Atmosfair. Die Non-Profit-Organisation unterstützt Klimaprojekte mit erneuerbaren Energien in Entwicklungsländern. In Ruanda zum Beispiel versorgt Atmosfair Haushalte mit effizienten Öfen, die Brennstoff sparen. In Nepal baut Atmosfair Biogasanlagen für Bauern. Richtig beruhigt ist unsere Tochter nicht.
Es ist ja auch nicht perfekt! Vielen dient die Unzulänglichkeit als Ausrede gar nichts zu tun. Besser als das, sind alle Versuche etwas Gutes zu tun immerhin. Meine Tochter sagt: „Mama, ich gebe niemals auf! Und wenn alle Kinder aus meiner Klasse mitmachen, dann schaffen wir das!“

Kindermund tut Wahrheit kund…

…oder heiratet

„Mama, Paul will mich heiraten!“, atemlos kommt meine Tochter aus der Schule gerannt. Mich wundert das nicht. Meine Kleine bekam bereits so viele Heiratsanträge, wie ich in meinem ganzen Leben nicht.
Jona war der erste. Er hielt bereits im Kindergarten um ihre Hand an. Jeden Tag spielten sie Mama, Papa und Baby. Meine Kleine war immer das Baby, obwohl ihr diese Rolle nicht gefiel. Ihr Bräutigam in spe gab die Mama. Er packte ihr den Rucksack für das Frühstück aus, öffnete ihr die Brotdose und die Trinkflasche. Anschließend räumte er alles ordentlich ein und setzte ihr den Rucksack auf. Da meine Tochter die Langsamste auf dem Rückweg vom täglichen Ausflug im Wald war, nahm er sie an die Hand und zog sie hinter sich her. Er begleitete dies mit liebevollen Aufmunterungen. Obwohl sie erst drei Jahre alt waren, hätte ich ihn mir sehr gut als Schwiegersohn vorstellen können!
In der Schule traf sie einen Jungen wieder, den sie bereits aus dem Musikgarten kannte. Als Henrik nach einem halben Jahr die Schule wechselte, hatte meine Tochter ihren ersten Liebeskummer.
Dann gab es ein kurzes Intermezzo mit Torben, der immer Fußball spielt. Aber aus irgendeinem mir unbekannten Grund dürfen Mädchen in den Pausen nicht mitspielen. Daher ist diese Liaison nie recht in Fahrt gekommen.
Und jetzt also Paul! Aber meine Tochter will nur ihre Brüder heiraten. Nein, nicht einen, alle beide! Und die braucht sie auch für die Aufzucht der hundert Babys, die sie bekommen will: „Dann sind sie nicht so schnell erschöpft wie Papa! Sondern können sich auch mal abwechseln.“
Meine Jungs sind pragmatisch veranlagt: „Warum sind WIR nicht verheiratet?“, fragen sie mich während einer Autofahrt. Sorry, aber ich habe da so schnell wirklich keine Antwort parat. Während ich bei einem U-Turn noch schwerfällig grüble, sagt mein Sohn bereits: „Meine Frau ist noch auf der Wolke, weil ich älter bin!“
Meine Tochter erwischt mich eiskalt, als sie mich mit Marzipan, Schokolade und Kuchen vollstopfen will. Ich erkläre ihr, dass ich gerne noch zwei Kilo abnehmen möchte, damit ich wieder so viel wiege, wie vor der Geburt ihrer Zwillingsbrüder. „Ah, verstehe, dein dicker Babybauch muss weg, Mama, oder?“ Sie denkt nach: „Wie lange dauern die denn, deine Schlankbauchtage? Kannst Du an deinem Geburtstag immer noch nichts naschen?“ „Geburtstagskuchen esse ich bestimmt! Danach faste ich weiter Süßigkeiten“, erkläre ich ihr. „Fasten Mama, das kenne ich! Das machen die Menschen, weil Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Zu seinem Gedenken. Aber er war ja zum Glück nicht lange tot. Nur zwei Tage, dann ist er wieder aufgestanden. Aber warum fastest du Mama?“ „Ich will an meinem zehnjährigen Hochzeitstag in mein Brautkleid passen. Das ist sehr eng geschnitten“, sage ich. „Oh ja Mama, das will ich sehen! Und Papa, passt der noch in seinen Bräutigamschleier?“

Go West!

Fernweh

Es hat uns gepackt: Das Kanada-Fieber! Ich hielt das nie für möglich und glaubte mich immun! Sicherlich, wir haben eine Hütte in Schweden, unsere Familie ist dort verwurzelt und wir lieben Skandinavien. So ganz abwegig ist es daher nicht… Aber Leute, die von Kanada schwärmten, verstanden wir nie ganz. Für uns war das ein Land mit kalten, verregneten Sommern, endlosen Wäldern, Mückenschwärmen und Bären, denen man mit kleinen Kindern lieber nicht begegnet. Aber unser letzter Sommer in Nordamerika sah ganz anders aus: Wir badeten im Meer bei mediterranen Temperaturen, erlebten grandiose Wandertouren durch abwechslungsreiche Landschaft und machten zahllose Tier-Bekanntschaften zum Vergnügen unserer Kids. Nur die Mücken-Attacken bewahrheiteten sich. Unsere Kleinen spielten nach der Reise jeden Tag: Wir reisen nach Kanada. Sogar als wir in Schweden waren! Im Spiel sitzen wir mal wieder angeschnallt im Wohnmobil und mein Sohn fährt, er spielt die Mama. Sein Bruder sitzt auf dem Beifahrersitz und sagt: „Die Kinder hinten quengeln. Ich kaufe uns ein Eis, an der nächsten Tanke. Du siehst aus, als ob du einen Kaffee vertragen könntest. Danach löse ich dich ab. Haben heute ja noch einiges vor uns.“ Er spielt den Papa. Wir fragen sie verwundert: „Aber war das denn schön für euch, diese lange Fahrerei?“ „Jaaaaaaa!“, brüllen sie wie aus einem Munde und strahlen uns an. Wir geben uns geschlagen. Es geht in den ersten Sommerferien unserer Tochter nach Kanada! Wir fliegen diesmal bis Boston. Der Flug kostet nur die Hälfte, im Vergleich zu einem nach Halifax. Das bedeutet, dass wir in die USA einreisen, das schmeckt uns gar nicht! Aber auch die Mietwagen-Preise sind in den USA günstiger. Wir fahren eine längere Strecke nach Kanada, kommen mit dem Pkw aber auch besser voran – hoffen wir zumindest! Außerdem können wir so Long Island neu entdecken und New York endlich mal wieder einen Besuch abstatten. Diesmal zelten wir wirklich! Das schließt die Parks ganz im Norden Kanadas aus. Denn dort kommen die Bären auf den Campingplatz. Einmal zeltete ich an der Westküste in einem Nationalpark mit möglichem Bärenbesuch. Ich lag sicher in der Mitte des Zeltes, zwischen zwei Männern. Unsere Essensvorräte verstauten wir in den Bärensafes der Nationalparkverwaltung. Trotzdem schlief ich die ganze Nacht über nicht und es lag nicht an den Männern! Nein, danke!
Im Kouchibouguac Nationalpark umgehen wir das Problem, indem ich online ein oTENTik reserviere. Das ist ein festes Zelt, vergleichbar mit einer Jurte, welches auf einem Holzplateau steht. Drinnen finden sich richtige Betten für sechs Personen, Tisch und Stühle. In einem kleinen Kochzelt davor gibt es einen Herd, Geschirr und alle Utensilien die ein Chef de Cuisine so braucht. Außerdem befindet sich eine Picknick-Tisch-Bank mit Feuerstelle auf unserer Camp Site. Wir bewunderten diese Zelte schon neidisch bei unserer Reise im letzten Sommer und freuen uns auf den Komfort, der vergleichbar mit dem einer Hütte ist.
Ein geräumiges Zelt besitzen wir schon. Einen großen Gaskocher kaufen wir. Der kleine Sturm-Kocher, zum Wandern perfekt und mit Alkohol aus jeder Apotheke befüllbar, reichte schon für uns zu Zweit kaum. Nudeln kochen war jedenfalls anstrengend. Ein Probezelten auf Amrum ist Pflicht. Tagsüber ist alles gar kein Problem, die Nächte sind bannig kalt. Daunenjacken, gilt es also für alle Fälle einzupacken. Mit einem Bezug dienen die dann auch gleich als Kopfkissen. Der vergangene Sommer in Kanada sprengte hinsichtlich heißer Temperaturen alle Rekorde. Ein Sommer, wie wir ihn aus Schweden kennen, ist dieses Jahr durchaus drin. Wir wanderten in Skandinavien im Hochsommer schon bei Schneeregen im Fjäll…
Aber wer im Mai bei Sturm auf Amrum nicht wegweht und wem zehn Grad nichts anhaben können, der schafft es auch in Kanada!

Kindermund tut Wahrheit kund oder…

…imkert

„Ich bin im Bienenwald“, rufen meine Kinder, wenn sie sich in den hintersten Teil unseres Gartens zurückziehen. Dort stehen rund 50 Jahre alte Rubinien, ein Walnussbaum sowie Nadelgehölze. Es mutet tatsächlich an ein Wäldchen an und deshalb stehen dort unsere Bienenstöcke. Zu dieser Jahreszeit summt und brummt es bereits richtig. Imkern ist gerade en vogue, besonders in Berlin und Hamburg. Es gilt dem gestressten Hipster als moderne Variante des Yogas. Bei uns ist es immer mit sehr viel Radau verbunden. Unsere Tochter imkert seit sie drei Jahre alt ist und hat bereits ihr eigenes Volk. In voller Stärke umfasst es 60.000 Bienen. Sie besitzt einen Anzug mit Schleier, dazu Handschuhe aus Vollleder, durch welche die Wächterbienen nur schwer stechen können. Doch sie imkert ohnehin sehr umsichtig und sagt: „Papa, ich weiß nicht, warum’s dich ständig erwischt, mich hat noch nie eine Biene gestochen!“ Pflegebienen und Sammlerinnen stechen auch nicht, nur diejenigen, die den Stock bewachen. Sie zündet einen Smoker mit Hanfgras an. Der Rauch bedeutet Waldbrand für die Tiere und sie ziehen sich in ihre Beuten zurück, auch die Wächter. Wir imkern nach Bioland-Richtlinien und dazu zählt, dass die Stöcke nur aus natürlichem Holz sind. Das ist leider sehr schwer und die Beuten kann unsere Tochter nicht alleine öffnen. Mit ihrem Imker-Meißel löst sie aber die Rähmchen aus der Beute. Dann sieht sie ihr Volk durch: Wo ist die Königin? Legt sie fleißig Eier? Gibt es ausreichend Brut? Gibt es Weiselzellen zu entfernen, mit Hilfe dessen sich das Volk eine neue Königin züchten möchte und mit ihr zusammen ausschwärmen würde? Ist genug Honig für die Brut vorhanden? Ein besonderer Höhepunkt ist natürlich das Schleudern um Stankt Johanni herum, am 24. Juni. Die vollen und mit Wachs verdeckelten Honigwaben hebelt meine Kleine mit einer Art Gabel auf und entfernt so das Wachs. Dann kommen die Waben in die Honigschleuder. Anschließend kurbelt sie kräftig. Jetzt kommt der große Moment: Goldgelber Honig fließt träge in einen Eimer. Rund 30 Kilo ernten wir jährlich auf diese Weise. Der früh geschleuderter Sommerhonig, ist hell und mild im Geschmack. Ende Juli können wir dunkeln Waldhonig ernten, der sehr herzhaft schmeckt. Wir füllen den Honig in Gläser und verkaufen ihn im Bekanntenkreis. Die Kinder sind unglaublich stolz auf diese Einnahmen und sagen: „Von dem Honiggeld kaufen wir nur Sachen für unsere Bienen!“