Kurzgeschichte

Maja

Sie hatte wunderschöne Beine. Ich meine, nicht irgendwie schöne Beine. Sondern solche, nach denen man sich umdrehte. Man sah die Frau mittleren Alters, nicht besonders hübsch. Kurze, blonde Haare, schwarze, dicke Hornbrille, vom Typ her maskulin und etwas verhärmt. Vom Schicksal? Der Arbeit? Wer weiß… Möglicherweise aus Langeweile, aber keinesfalls aus einer Erwartung oder Hoffnung heraus, ließ man den Blick an ihr herunter gleiten. Und sah ihre Beine: lang, wohlgeformt und braun. „Wow!“, schoss es einem durch den Kopf. „Die hat aber schöne Beine!“ Und nach ein paar Schritten, dachte man: „Hatte sie WIRKLICH diese wahnsinnigen Beine?“ Man konnte einfach nicht anders. Man MUSSTE sich noch mal nach ihr umdrehen: ja, hatte sie!

Meine Frau hatte nicht so zauberhafte Beine. Damit lag sie mir ständig in den Ohren. Lang, aber sie waren ihr nicht wohlgeformt genug. Schlank, aber sie maulte, dass sie zur Orangenhaut neigten. Auf den Knien fanden sich Sommersprossen, die alle ihre Liebhaberinnen süß fanden. Bis ich sie heiratete. Das Haar fiel ihr in roten Locken über die Schultern und ihre Haut blieb immer weiß. Braun wurde sie nie. Eher verbrannte sie vorher und warf schmerzhafte Blasen. Ihr Stiefvater zwang sie, im Sommer in Südfrankreich, ihre Haut der Sonne auszusetzen. Ich fragte sie, ob sie denn keine Sonnencreme dabei hatten? Sie vermutete, es war seine Rache an ihrem leiblichen Vater. Gleichzeitig konnte er ihre zart knospende Brust begaffen. Ich schweife ab…

Anfangs war meine Frau eifersüchtig auf DIE SCHÖNEN BEINE. Später war sie nur noch dankbar für ihren eigenen Körper. Genauso wie ich. Mit unseren unperfekten Beinen konnten wir durch einen warmen Sommerregen rennen, mit unseren Kindern Seil springen, mit dem Rad einen steilen Berg hinunter sausen, auf einem rauschenden Schlossfest bis zum Morgengrauen tanzen, in einem See auf dem Rücken schwimmen und dabei den weißen Wolken, am knallblauen Himmel, bei ihrer gemächlichen Reise zu sehen oder in wilder Ekstase den begehrten Körper leidenschaftlich umschlingen… Besonders dankbar waren wir dafür, dass es unsere Beine noch gab. DIE SCHÖNEN BEINE waren dagegen inzwischen längst von Maden und Würmern zerfressen. Verfault und verwest. Zu Erde geworden. Der Tod besiegte sie, aber war er nicht besser als ihr Leben?

DIE SCHÖNEN BEINE hatten Eierstockkrebs. Als DIE WEIßEN KITTEL den Tumor fanden, war er bereits Walnussgroß. In ihrem Körper blühten Metastasen. In der Niere, der Leber, der Wirbelsäule, des Darms… DIE SCHÖNEN BEINE freuten sich, dass die Lunge nicht befallen war. Als sie es mir erzählten, fragten sie mich: „Was trägt man zu seiner eigenen Beerdigung?“ Ich wusste nichts zu erwidern. Zur Erfüllung ihres Kinderwunsches hatten DIE SCHÖNEN BEINE das Gleiche über sich ergehen lassen, wie meine Frau. So lernten wir uns kennen. Sie erklärten es mir und sich selbst so: „Wenn der Wunsch unendlich groß ist… Wenn er jahrelang immer verzweifelter wird. Wenn dein ganzes Sein nur noch aus diesem einen Wunsch zu bestehen scheint. Dein Kopf, mit all deinen Gedanken. Dein Herz, mit deiner ganzen Liebe. Dein Körper, mit jeder deiner Fasern. Dann bist du bereit, alles, wirklich ALLES zu tun! Auch, falls es Selbstmord wäre.“ Obwohl ich ebenfalls gerne Mutter werden wollte, kannte ich dieses allesverschlingende Verzehren nicht. Manchmal plagten mich deshalb Gewissenbisse. Wenn meine Frau mit bleichem Gesicht auf ihrem Kopfkissen lag. Und zwischen dem Weißton des Bettleinens und ihrer Haut kein Unterschied auszumachen war. Oder bildete ich mir das ein? Weil es dunkel war und der Mond, der durch das Fenster schien, die einzige Lichtquelle bildete? Ihre Sommersprossen zeichneten sich schwarz auf ihrem Gesicht ab. Die Locken lagen wirr um ihren Kopf verteilt, quollen über den Rand ihres Kissens hinaus und machten sich auf dem Laken breit. Bis ihnen mein Kissen eine Barriere bot, über die sie sich nicht hinweg zu setzen vermochten. Ihr Gesicht war selbst während der Nachtruhe angespannt. Ihr Schlaf war unruhig. Ihr Atem ging leise und unregelmäßig. Ich lag stundenlang wach in dieser Zeit. Sie tat mir leid und ich wünschte mir, wir kämen irgendwie raus aus dieser Nummer. Ich sehnte mich nach unserem alten, unbeschwerten Leben. Gleichwohl wusste ich natürlich nur allzu gut, dass es nie wieder so werden würde, wie früher… 100, 101, 102, leiser Schnarcher. 103, 104, 105, 106, 107, unruhiges Hin- und Herschlagen mit dem Kopf. 108, Zähneknirschen? 109, 110, 111, 112, 113, zur Seite Strampeln der Decke. 114, 115, 116, Mitternacht. Noch fünf Stunden bis zum erlösenden Klingeln des Weckers. 117, was taten wir bloß?

Meine Frau krümmte sich vor Bauchschmerzen. Wie zum schlechten Scherz, wölbte sich ihr Unterleib, gleich dessen einer Hochschwangeren. Winzige Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn und ihrer Oberlippe. „Ich fahre dich jetzt ins Krankenhaus!“, sagte ich energischer, als beabsichtigt. Ich rechnete mit Gegenwehr. „Nein“, stöhnte sie, „mach mir noch einen Proteinshake! DER WEIßE KITTEL meinte, ich solle so viel Eiweiß wie möglich zu mir nehmen und reichlich trinken.“ Ich sah sie zweifelnd an. Verschwand dann in die Küche und machte ihr den fünften Proteinshake des Tages. Als ich ihn ihr reichte, versuchte ich mit der schmeichelhaftesten Stimme, die mir in dieser angespannten Situation möglich war, zu sagen: „Falls es dir nach diesem Glas nicht besser geht, müssen wir in die Klinik fahren!“ Ich rief vorsorglich schon mal die Notfallnummer an, die wir vom Kinderwunschzentrum erhielten. Falls sich etwas Beunruhigendes am Wochenende zutragen hätte oder abends. Was aber so gut wie nie vorgekommen wäre, wir sollten uns auf keinen Fall sorgen. Eine Handynummer. Für meinen Geschmack klingelte es unnötig lange. „Ja?“, endliche eine Stimme. Im Hintergrund Kindergeschrei und Hundegebell. Laute aus einer anderen Welt, nach der wir uns zu sehr sehnten. Und das mit dem Tod meiner Frau hätten bezahlen sollen? Ich riss mich zusammen und schilderte DEM WEIßEN KITTEL den Zustand meiner Frau. Er klang betont verständnisvoll, als er sagte: „Es tut mir leid, aber sie müssen sich sofort auf den Weg ins Krankenhaus machen.“ Als ich es meiner Frau erzählte, gab sie ihren Widerstand endlich auf. Ich fuhr sie in die Klinik. „Hyperstimmulationssyndrom! Es hätte tödlich enden können“, stellte DER WEIßE KITTEL nüchtern fest, als er ein Ultraschall des Eierstocks meiner Frau machte. „Bitte was?“, fragte ich. DER WEIßE KITTEL zeigte auf den Monitor. „Das ist der Eierstock. Er ist riesig, weil ihn 17 reife Eizellen aufpusteten, wie einen Ballon. Und er ist voller Flüssigkeit. Der Körper ihrer Frau muss zugepumpt sein mit Hormonen.“ Meine Liebste sagte, wie zur Entschuldigung: „Ich spritze mir die Hormone seit über einem Monat täglich selbst in den Bauch. „So was habe ich noch nie gesehen“, erwiderte DER WEIßE KITTEL. „Ich geben ihnen eine Infusion. Sie werden es schon schaffen!“ Er klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter. „Ja, hoffentlich!“, antwortete sie. „Wäre blöd, falls nicht! So kurz vorm Ziel…“ Ich küsste sie auf die Stirn. „Sag so etwas nicht! Das wichtigste ist deine Gesundheit! Vergiss das nie.“ Sie lächelte matt.

Zwei Tage später war sie fahrtauglich. Es reichte zumindest um im Beifahrersitz zu hängen. Ich fuhr ohnehin lieber Auto, als sie. Es ging nach Dänemark. Wir hatten uns ein besonders schönes Hotel gegönnt. Doch von den Dingen um uns herum nahmen wir keinerlei Notiz. Ich durfte meine Frau zur Operation begleiten. Wir wurden getrennt voneinander vorbereitet. Ich bekam einen weißen Kittel, dessen Knöpfe sich auf dem Rücken befanden. Wie zur Hölle hätte ich da bitteschön alleine reinkommen sollen? Egal, ich setzte eine grüne Haube über meine Haare. Und nahm den weißen Mundschutz. Ich wartete in einem kleinen Raum ohne Fenster. Er war weiß gekachelt und mit einer grellen Neonlampe an der Decke ausgeleuchtet. Es gab ein Waschbecken, daneben einen Seifenspender und Desinfektionsmittel. Dann noch eine Pritsche, auf die ich mich setzte. Das war’s. Es dauerte ewig. Ich hatte Sorgen um meine Frau. Ich konnte nicht stillsitzen. Ich stand auf und drehte Runden um die Pritsche. 51, 52, 53, boah war das stickig und ich konnte nicht mal ein Fenster öffnen. 54, 55, 56, 57, 58, ich verschränkte die Hände beim Gehen hinterm Rücken. So wie ich es manchmal bei WEIßEN KITTELN beobachtet hatte. Warum taten die das? 59, ich krallte meine Fingernägel so fest ich konnte in meine Hände, bis ich den Schmerz nicht mehr aushielt. 60, 61, 62, was machten die bloß so lange? 63, 64, 65, 66, 67, ich bekam immer schlechter Luft. Mein Hals fühlte sich wie eingeschnürt an. Ich hatte Angst um meine Frau. 68, Panik stieg in mir auf. Wenn ich schrie, hätte mich dann jemand gehört? Wieso gab es keinen Alarmknopf, den ich hätte drücken können? 69, 70, 71, war es in Krankenhäusern nicht Vorschrift, dass es in jedem Raum einen Alarmknopf gab, den man im Notfall hätte drücken können? 72, vielleicht war das in Dänemark anders? 73, 74, 75, ich hätte die Scheibe des Knopfes für Feueralarm einschlagen können. 76, wenn nicht gleich jemand gekommen wäre, hätte ich das gemacht! 77, 78, 79, 80, 81, jetzt! Die Tür flog auf. „Na, dann wollen wir mal“, sagte DER WEIßE KITTEL gut gelaunt und stürmte durch den kleinen Raum weiter in den OP. Meine Frau lag noch bleicher als des nachts auf einem Stuhl, wie beim Gynäkologen. Keine einzige ihrer widerspenstigen roten Locken schaffte es, sich durch die grüne OP-Haube zu drängen. Ich versuchte ihr aufmunternd zuzulächeln, doch ich spürte, wie sich mein Gesicht zu einer Grimasse verzerrte. Sie hatte Tränen in den Augen. Meine arme Kleine! „Es geht ganz schnell! Ich entnehme die reifen Eizellen durch die Scheide“, sagte DER WEIßE KITTEL. Unter Narkose gelang es ihm 15 Eizellen zu bergen. Im Labor verschmolzen die Eizellen mit dem Samen. Wir entschieden uns für einen Spender, der zwar seinen Namen preisgab, aber keine Begegnung mit dem Kind wollte. Wir wollten ebenfalls keinen Kontakt. Unser Kind würde mit 18 Jahren selbst entscheiden, aber war das nicht feige?

Der Spender war Däne. Das gefiel uns. Wir suchten nach dänischen Namen für unser Kind. 13 Eizellen erreichten das Vorkernstadium. Lillith, Kerstin, Ben, Inga, Ole, Marie, Lasse, Mia, Linus, Rasmus, Lilli, Mads und Ida. Es war das Anfangsstadium der Befruchtung. Aus den Keimzellen bildete sich der Vorkern. Er enthielt den halben Chromosomensatz meiner Frau. Zur anderen Hälfte den des Spenders. Ich war genetisch nicht an unserem Kind beteiligt. Ob mich das störte? Nein! Ich war nicht darauf aus, meine Gene fortzupflanzen. Ich wollte Mutter sein. Es war immer klar, dass meine Frau unsere Kinder bekommt. Wir fanden es beide eher befremdlich, wenn heterosexuelle Frauen begeistert ausriefen: „Oh wie toll, wenn Ihr lesbisch seid, dann könnt ihr ja immer abwechseln ein Kind bekommen oder noch besser, beide gleichzeitig! Und zusammen auf der Couch liegen. Euch über eure Wehwehchen austauschen und das erste Jahr gemeinsam in Elternzeit verbringen!“ Geradezu verstörend waren Bemerkungen, wie: „Warum tut ihr euch das mit der künstlichen Befruchtung an? Einmal mit ‘nem Kerl in die Kiste zu hüpfen, da ist doch nichts dabei! Ist doch für einen guten Zweck, haha.“ Ich war solche Bemerkungen seit meinem 17 Lebensjahr gewohnt, als ich meiner Mutter anvertraute: „Ich stehe nicht auf Jungs, ich liebe Mädchen.“ Völlig unvermutet traf sie mich mit einem Messerstich direkt ins Herz, als sie antwortete: „Mir wär’s lieber, du wärst tot.“ Später versuchte sie sich zu rechtfertigen, indem sie sagte: „Ich dachte, dass ich niemals ein Enkelkind bekäme.“ Die Wunde verheilte bis heute nicht, aber war meine Mutter nicht auch irgendwie zu verstehen?

Zwei befruchtete Eier setzte DER WEIßE KITTEL in die Gebärmutter meiner Frau ein. Sie war bei Bewusstsein. Ich hielt ihre Hand und wir verfolgten alles auf einem großen Monitor, der direkt unter der Decke befestigt war. Es waren zwei prächtige Achtzeller. Ida und Linus. Sofort durchströmte uns ein Gefühl der Rührung und Liebe. Ich redete mit ihrem Bauch wie zu einem Baby. Der Bluttest zeigte, dass Ida und Linus es nicht geschafft hatten. Trauer. Meine Frau hatte unsere Babys verloren… Einen Zyklus später, erneuter Versuch. Nach einem halben Monat Spritzen in den Bauch: grüne, gelbe und blaue Färbungen. Sie verliefen ineinander. Der Künstler hatte keinen Platz mehr auf der Leinwand, um weitere Farben aufzutragen. Meine Frau brach ab. Sie hatte Albträume. Angst, dass es wieder nicht geklappt hätte. Das Gefühl, die Hormone machten sie depressiv. Ich arbeitete viel. Meine Frau versuchte es wieder. Elf befruchtete Eier hatten wir einfrieren lassen. Lillith, Kerstin, Ben, Inga, Ole, Marie, Lasse, Mia, Rasmus, Lilli und Mads. DER WEIßE KITTEL taute vier Eier auf. Kerstin, Ben, Inga und Ole. Die beiden vitalsten setzte er ein. Inga und Ben. Was wurde aus Kerstin und Ole? Mord? Die Chancen bei aufgetauten Eiern waren geringer. Wir machten uns große Hoffnungen. Schwanger! Wir sollten ein Baby bekommen. Ein BABY! Inga hatte es geschafft, Ben nicht. Wir trauerten um Ben und sorgten uns um Inga. […]

Dank an Christian Gruber!

Die vollständige Kurzgeschichte erscheint mit weiteren Kurzgeschichten von mir in einem Buch.

Kurzgeschichte

Verloren

Mit beiden Händen greife ich in die dicke Wolle. Ich packe das Schaf hinter den Ohren am Nacken. Blitzschnell drehe ich das Tier und werfe es auf den Rücken. Der Schweiß rinnt mir über die Stirn. Mein Atem fließt ruhig. Geschickt ziehe ich das Messer aus dem Schaft, der an meinem Hosenbund befestigt ist. Ich führe die Klinge von einem Ohr des Schafes zum anderen. Unterhalb seines Kiefers. Blut tropft pulsierend in eine Schale, die ich zwischen Boden und Kopf des Tieres schiebe. Ich halte das Schaf auf meinem Schoss und blicke ihm in seine gelben Augen. Dann schaue ich auf und sehe in die braunen Augen meines Sohnes.

Ich habe das hunderte Mal gemacht. Und immer gab es mir ein Gefühl der Ruhe, des Friedens, des Eins-Seins mit mir selbst, der Natur und Allah. Meine Familie lebte seit Generationen als Nomaden im Altai-Gebirge. Die Sommer verbrachten wir in Jurten und zogen mit unseren Herden auf dem Hochplateau von Bergsteppe zu Bergsteppe. Die Planen für die Jurte, spannten wir auf einem Holzgerüst zu einer Art Zelt. Wir entschieden morgens, ob wir weiterziehen. Der Auf- und Abbau war schnell gemacht. In der Jurte lebte unsere ganze Familie mit mehreren Generationen. In der Mitte befand sich eine Feuerstelle zum Heizen und Kochen. An den Außenwänden standen geräumige Holzbetten, in denen mehrere Personen schliefen. Wir wärmten uns gegenseitig. Bevor ich laufen lernte, setzten mich meine Brüder vor sich, in den Sattel. Sie preschten stehend und im wilden Galopp durch das Altai-Gebirge. Im Alter von fünf Jahren stieß ich gellende Schreie aus, bevor ich selbst im Galopp davon ritt. Ich fing die Ziegen ein, die meine älteren Geschwister die Berge hinunter trieben, ins Tal, zu den Jurten. Sie riefen mir schon von weitem ihr fröhliches „Salam aleikum“ entgegen. Dann band ich die Ziegen zum Melken zusammen. Einen Kopf in Richtung der Jurte blickend, den nächsten in Richtung der Berge. Wenn die Tiere wegzurennen versuchten, blockierten sie sich gegenseitig. Das Melken war Frauensache. Ebenso das Aufziehen der verstoßen Jungtiere, mit der Flasche. Als ich acht Jahre alt wurde, bekam ich meine eigene Herde. Ich trieb sie in die Berge und abends zurück ins Tal. Ein paar Jahre später half ich meinen Brüdern beim Treiben der großen Schafsherden. Ich liebte das. Diese Freiheit. Den Kitzel der plötzlichen Gefahr. Wenn ohne Vorwarnung das Wetter umschlug und wir uns am Felsgrat eines 4000ers befanden. Im Sommer konnten wir über 40 Grad Celsius bekommen. In harten Wintern hatten wir den Dsud. Etwa alle zehn Jahre. Besonders viel Schnee fiel in solchen Wintern. Die Temperaturen lagen anschließend unter 40 Grad Minus. Die Herden fanden nicht genug Futter. Es kam zum Massensterben. Schneestürme ließen die Tiere den Halt verlieren und wegrutschen. Etliche stürzten die steilen Hänge in die Tiefe. Meine Hände wurden taub und konnten die Zügel kaum halten. Nur die besten Reiter und Pferde behaupteten sich hier. Meine Lungen krampften. Als ob sie sich weigern wollten, die brennend, kalte Luft einzuatmen. Meine Augen tränten und verengten sich ungewollt zu Schlitzen. Manches Mal mussten wir eine Notunterkunft aufschlagen. Wir bauten uns aus unseren bodenlangen Mänteln Zelte. Wir kauerten uns darunter aneinander, bis der Sturm vorüberzog. Anschließend zählten wir die Tiere. Wir aßen sie, fertigten Kleidung und Möbel aus ihnen. Die Abstände der Dsuds verkürzten sich. Viele Nomaden verbrachten die Winter in Verschlägen am Rande der Stadt.

Mein Sohn sieht mich mit einem seltsamen Ausdruck an. Da ist etwas in seinem Blick, das ich nicht erwartete. Eine Träne hängt, an seinen langen, dunklen Wimpern. Klar, das war absehbar. Aber da ist noch etwas. Ablehnend und sogar angewidert sieht mir mein Sohn entgegen. Ich stocke. Eine Sekunde zu lange, das Schaf zappelt und entzieht sich meinem Griff.

Zum Schlachten trieben wir die ganze Herde von den Bergen, im Galopp ins Tal. Das puschte die Tiere auf und ermüdete sie zugleich. Wir kannten den Zeitpunkt, an dem die Schafe eine Pause brauchten. Wir planten ihn immer direkt vor der Jurte. In diesem Augenblick trennten wir mit einer Handvoll Reitern, ein älteres oder schwächeres Tier vom Rest der Herde. Wir kreisten es ein. Die anderen Reiter trieben die Schafe weiter den Hang hinauf. Hinter der nächsten Kuppe, bekamen sie vom folgenden Geschehen nichts mit. Das getrennte Tier war zu erschöpft, um zu fliehen. Es blieb stehen. Jetzt hieß es schnell zu sein. Ich sprang vom Pferd, das ein anderer übernahm. Ich packte das Schaf hinter den Ohren im Nacken und warf es zu Boden. Das Schaf rührte sich nicht, wenn es auf dem Rücken lag. Blitzschnell zückte ich Messer und Schale. Als der Geschickteste, führte ich den Schnitt entlang der Kehle. Ich schaute dem Tier dabei in die Augen. Ich dachte immer, dass das Schaf mich verwundert ansehe. Es lag auf meinen Knien. Ich spürte seine Wärme. Ich streichelte seinen Kopf. Ich redete beruhigend auf das Tier ein. Ich glaubte zu spüren, dass der sterbende Körper sich dabei entspannte. Es dauerte Minuten bis das Schaf ausgeblutet war. Sie fühlten sich wie eine quälende Ewigkeit an. Mein eigenes Leben schien in diesen Momenten still zustehen. Ich fühlte ganz klar, was wichtig war und was nicht. Nie erlebte ich etwas Intensiveres. Das Tier wurde ohnmächtig. Die schönen gelben Augen drehten zur Seite. Dann fiel der Kopf. Der Puls schlug noch. Ich streichelte das Schaf weiter und redete mit ihm. Bis es tot war. Dann schnitten die Frauen den Bauch des Tieres auf. Sie entfernten die Gedärme und die Innereien. Es war wichtig, dass kein Tropfen Blut auf den Boden fiel. Alles musste sehr schnell gehen. Der Geruch lockte Adler und Wölfe an. Blut und Innereien pressten die Frauen in Därme zu Würsten. Dann zogen sie das Fell ab. Sie zerteilten das Schaf. Die Teile hängten sie in der Jurte ab. Die Knochen kochten sie aus. Danach bekamen sie die Hunde. Fell und Leder verarbeiteten sie zu Decken, Stühlen und Musikinstrumenten. Es blieb nichts übrig. Kein Fitzelchen. Das Schlachten der Tiere empfand ich als Höhepunkte meines Lebens. Ebenso, wie die Geburt der Lämmer, im Frühsommer, nach einem langen, harten Winter. Den Tod und die Geburt. Ich spürte dabei den Kreislauf des Lebens. Ich konnte die Unendlichkeit erahnen. Ich fühlte mich, so klein und unbedeutend ich auch war, als Teil eines großen Ganzen. Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit und Demut vor diesem Kreislauf. Ich war glücklich. […]

Der vollständige Text erscheint mit meinen weiteren Kurzgeschichten in einem Buch.

Kurzgeschichte

Du bist mein Zuhause

Als wir uns das erste Mal begegnen, bin ich 17, ein Mädchen. Wir tanzen zu “Ein Bett im Kornfeld”. Du bist begeistert. Ich bin verunsichert. Tanzpause – ich sitze auf der Rückenlehne eines Sofas, du zu meinen Füßen. Lautstark unterhältst du dich mit deinen Kumpels. Meine Finger wollen in deine Locken greifen. Sie befinden sich direkt vor mir… Wir fahren zusammen, mit meinen Freundinnen, im Taxi nach Hause. Du bist großzügig und zahlst für uns alle, obwohl du als erster aussteigst. Du verliebst dich sofort in mich, sagst du später… Zumindest willigst du mich wiedersehen. Du bist vier Jahre älter. Und schon ein Mann.
Wir fahren zusammen in den Skiurlaub. Als Freunde. Ich kann mir vorstellen, mit dir zusammen zu wohnen. Wir fliegen nach Chile. Als Freunde. Du sagst, das Schönste der Reise sei, jeden Morgen neben mir aufzuwachen. Ich versteckte Ostereier im Zelt, du suchst geduldig. Ich hole mir einen Bänderriss beim Wandern, du trägst mich Huckepack und unsere Rucksäcke vor der Brust. Ich weiß, dass du der Mann bist, mit dem ich Kinder bekommen will. Und renne weg. Du fängst mich ein. Wir ziehen zusammen in eine Wohnung nach Winterhude. Übergangsweise, da sie keinen Balkon hat. Und weil der Stadtteil noch den Mief des Arbeiterviertels Barmbek-Süd inne hat.

Ein Zyklon fegt nachts über die Insel La Réunion. Er rüttelt heftig an dem Strohdach unserer Strandvilla. Regen trommelt wütend gegen die Fenster. Ich wühle mich durch Laken. Irgendwann falle ich in einen tiefen Schlaf. Ich erwache, die Sonne scheint. Ich fühle mich ruhig. Nie war etwas richtiger in meinem Leben, als das, was ich heute mache – dich heiraten. Ich raffe mein weißes Kleid mit Schleppe. Du wartest am Strand auf mich. Ich sehe auf meine nackten Füße. Du strahlst über dein ganzes Gesicht. Glück pocht in meinen Adern. Du bist gespannt bis in die Fußspitzen. Liebe strömt warm durch meinen Körper. Du läufst am Strand auf mich zu. Der Wind spielt in meinen Locken. Du sagst, ich sei die schönste Braut, die du je gesehen hast. Das Rosé meiner Wangen verrät meine Aufregung.
Wir halten uns an den Händen. Wir versprechen, uns für immer und für ewig zu lieben, aber mindestens ein Leben lang. Wir tauschen Ringe. Wir küssen uns. Wir heiraten auf Mauritius. Wir tanzen am Strand. Wir schwimmen im Meer. Unsere Körper verstehen sich blind. Wir wünschen uns Kinder. Nichts strahlt für mich heller, als diese Liebe. Es gibt keine größere Verbindung für mich auf der Welt. Alles fühlt sich leicht, unbeschwert und glücklich an. Wir freuen uns, miteinander zu leben. Wir können es nicht erwarten, unser Baby im Arm zu halten. […]

Der vollständige Text erscheint mit meinen weiteren Kurzgeschichten in einem Buch.