Löwentränen
METALLICA: „Nothing Else Matters“ (1991), Black.
**** LIEBESLEBEN
Eine neue Liebe ward geboren,
sie küsst sich lange und spaziert am Strand.
Sie picknickt
bei Sonnenuntergang am Meer.
Sie entdeckt die Welt
neu.
Sie liebt
leidenschaftlich, ergeben, innig,
stürmisch, unersättlich, sich verlierend.
Sie entwickelt sich
symbiotisch zur Religion, zur Gottheit.
Sie scheint
unbesiegbar, unerschütterlich, allumfassend.
Sie schwört
den Bund fürs Leben.
Sie schafft
ein gemeinsames Universum.
Sie zeugt
eine neue Liebe.
Sie wächst heran
zur großen, alles verschlingenden,
auszehrenden, ewig währenden Liebe.
Sie fliegt
auf ihrem Höhepunkt.
Sie lacht, sie feiert, sie liebt, sie gluckst
vor Freude.
Sie gebärt aus Überschwang
weitere Lieben,
will kein Ende finden.
Sie zittert,
sie wankt.
Sie klagt an,
sie zweifelt, sie bricht, sie stürzt.
Sie will noch einmal so lieben, nur einmal,
um jeden Preis.
Sie erlischt,
Stille, ist sie gestorben?
Findet sie
eine neue Liebe?
Das Leben verband sie für immer,
unmöglich, es auszutricksen
und mit einer neuen Liebe
von vorn zu leben!
Eine neue Liebe
kann für immer lieben.
Aber eine neue Liebe
kann nicht von Neuem beginnen zu leben.
Das Leben lebt
immer weiter.
Die Liebe liebt
immer weiter.
Anke KÜHNE: „Löwentränen“ (2024), S. 50 f.

Foto: Lykka KÜHNE (2024).
**** VERLOREN
Verloren, sehe ich mein winziges Baby
dort in einer sterilen Plastikwanne liegen,
mit Löchern in der Außenwand,
aus denen hygienische Latex-Handschuhe baumeln,
falls ich sein Körperchen anfassen möchte;
verloren, ohne den tröstenden, vertrauten, beruhigenden
Herzschlag seiner Mutter;
verloren, ohne die Geborgenheit spendende Wärme;
verloren, ohne einen nicht enden wollenden Nahrungsstrom;
verloren, ohne den haltgebenden sanften Druck;
verloren, das Mama-Paradies.
Verloren, der Bruder,
der mit seinen kleinen Füßchen Tritte in den Po verpasst,
sein viel schwächerer und schnellerer Herzschlag
als der seiner Mutter;
verloren, das Einssein, Unzertrennbarsein und Ganzsein mit ihm;
verloren, unendliche Sicherheit und Geborgenheit,
für immer.
Verloren, an Schläuchen, Elektroden und Kabeln,
bewegungsunfähig;
verloren, unter einer Atemmaske,
auf Nase und Mund gepresst,
mit einem strammen Gummiband
um das Köpfchen befestigt;
verloren, im grellen, gleißenden, blendenden
Licht der Neonröhren,
die Augen zusammengekniffen;
verloren, im ständigen Piepen lebensrettender Maschinen,
begleitet von herbeieilenden hastigen Schritten;
verloren, vom folgenden, markerschütternden Brüllen,
bis die Stimme versagt,
oder Wimmern und dem dumpfen Aufschlag
eines erschlaffenden Körpers
oder verzweifeltem hemmungslosen Schluchzen,
bis es bricht, erstickt, erstirbt, erlischt;
verloren, im kalten medizinischen,
lebensrettenden Fortschritt.
Verloren, sieht sie vor ihrem inneren Auge
ihre alten Patienten
in Gefängnissen aus Gitterbetten liegen,
verschrumpelt und verwelkt wie ein Blatt;
verloren, mit knisternden porösen Knochen,
schwerhörig, mit trübem Blick,
gefangen in einer Blase
ohne Gerüche, Geschmäcker, Bilder, Gefühle oder Geräusche,
unfähig, die Umgebung wahrzunehmen, aufzunehmen,
sich mit ihr auszutauschen;
verloren, die Lungen schwerfällig und röchelnd füllend,
Sinnlosigkeit mit jedem Atemzug aufnehmend;
verloren, in Urin und Kot liegend,
sich windend, dahinsiechend;
verloren in lebensverlängernder Medizin.
Verloren, ohne die tröstende mütterliche Brust;
verloren, ohne den zärtlichen Blick ihrer Kinder
auf ihnen ruhend;
verloren, ohne die Arme ihrer Enkel,
sie umschlingend, haltend, wiegend, schaukelnd,
Sicherheit, Geborgenheit gebend und Trost spendend;
verloren, ohne den Klang der vertrauten Stimme
ihrer großen Liebe,
beruhigend, liebkosend;
verloren, ohne Mutter, Partner, Kinder, Enkel und Urenkel.
Verloren, in Gefängnissen der Seele,
in Panikattacken und Angstschweiß gebadet;
verloren, ihres Schmuckes beraubt, ihrer Würde,
ihrer Hoffnungen und Träume, ihres Glaubens,
den Teufel in jeder schwarzen Nacht und jeder dunklen Ecke
lauernd wähnend, den Sensenmann auch,
sich bestraft fühlend, die Qualen ahnend,
die Hitze des Fegefeuers erwartend,
gepeinigt, gedemütigt, erschöpft, aufgebend;
verloren, jede Menschlichkeit
in den Verwahranstalten unserer Mütter und Väter,
unserer Omas und Opas,
unserer Großtanten und Großonkel.
Verloren wie am Anfang,
so am Ende.
Anke KÜHNE: „Löwentränen“ (2024), S. 102 ff.

Cover: BoD (2024).
//// BABY
Sie will so gern noch ein Baby/
sie träumt von winzigen Fingerchen und Füßchen/
in dem Augenblick/ in dem es geboren ist/
wünscht sie es sich von ganzem Herzen/
sieht sie es bereits/ liebt sie es bereits/
ich nicht/ damit stirbt unsere Liebe/
damit stirbt es/ ich töte es/
sieben sind es noch/ sieben prächtige/
sieben Paar winzige Fingerchen und Füßchen/
der Schmerz/ unendlich/ zerstörerisch/
aber wir haben doch eins?/
wieso das nicht einfach lieben?/
wieso noch eins wollen?/ sehnen …/ wünschen …/
wenn das doch so viel ist/ manchmal sogar zu viel ist/
ich verstehe dich nicht/ du lebst das doch gar nicht/
sei doch zufrieden/ mit dem, was du hast/
du hast so viel/ wir haben so viel/
mehr als viele andere/
manchmal sogar mehr als alle anderen/
manchmal sogar viel zu viel …
Anke KÜHNE: „Löwentränen“ (2024), S. 87 f.


Bild: Bjarne KÜHNE: „Mamaherz“ (2019).
Bild: Fiete KÜHNE: „Herzmama“ (2019).
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