Kurzgeschichte

Verloren

Mit beiden Händen greife ich in die dicke Wolle. Ich packe das Schaf hinter den Ohren am Nacken. Blitzschnell drehe ich das Tier und werfe es auf den Rücken. Der Schweiß rinnt mir über die Stirn. Mein Atem fließt ruhig. Geschickt ziehe ich das Messer aus dem Schaft, der an meinem Hosenbund befestigt ist. Ich führe die Klinge von einem Ohr des Schafes zum anderen. Unterhalb seines Kiefers. Blut tropft pulsierend in eine Schale, die ich zwischen Boden und Kopf des Tieres schiebe. Ich halte das Schaf auf meinem Schoss und blicke ihm in seine gelben Augen. Dann schaue ich auf und sehe in die braunen Augen meines Sohnes.

Ich habe das hunderte Mal gemacht. Und immer gab es mir ein Gefühl der Ruhe, des Friedens, des Eins-Seins mit mir selbst, der Natur und Allah. Meine Familie lebte seit Generationen als Nomaden im Altai-Gebirge. Die Sommer verbrachten wir in Jurten und zogen mit unseren Herden auf dem Hochplateau von Bergsteppe zu Bergsteppe. Die Planen für die Jurte, spannten wir auf einem Holzgerüst zu einer Art Zelt. Wir entschieden morgens, ob wir weiterziehen. Der Auf- und Abbau war schnell gemacht. In der Jurte lebte unsere ganze Familie mit mehreren Generationen. In der Mitte befand sich eine Feuerstelle zum Heizen und Kochen. An den Außenwänden standen geräumige Holzbetten, in denen mehrere Personen schliefen. Wir wärmten uns gegenseitig. Bevor ich laufen lernte, setzten mich meine Brüder vor sich, in den Sattel. Sie preschten stehend und im wilden Galopp durch das Altai-Gebirge. Im Alter von fünf Jahren stieß ich gellende Schreie aus, bevor ich selbst im Galopp davon ritt. Ich fing die Ziegen ein, die meine älteren Geschwister die Berge hinunter trieben, ins Tal, zu den Jurten. Sie riefen mir schon von weitem ihr fröhliches „Salam aleikum“ entgegen. Dann band ich die Ziegen zum Melken zusammen. Einen Kopf in Richtung der Jurte blickend, den nächsten in Richtung der Berge. Wenn die Tiere wegzurennen versuchten, blockierten sie sich gegenseitig. Das Melken war Frauensache. Ebenso das Aufziehen der verstoßen Jungtiere, mit der Flasche. Als ich acht Jahre alt wurde, bekam ich meine eigene Herde. Ich trieb sie in die Berge und abends zurück ins Tal. Ein paar Jahre später half ich meinen Brüdern beim Treiben der großen Schafsherden. Ich liebte das. Diese Freiheit. Den Kitzel der plötzlichen Gefahr. Wenn ohne Vorwarnung das Wetter umschlug und wir uns am Felsgrat eines 4000ers befanden. Im Sommer konnten wir über 40 Grad Celsius bekommen. In harten Wintern hatten wir den Dsud. Etwa alle zehn Jahre. Besonders viel Schnee fiel in solchen Wintern. Die Temperaturen lagen anschließend unter 40 Grad Minus. Die Herden fanden nicht genug Futter. Es kam zum Massensterben. Schneestürme ließen die Tiere den Halt verlieren und wegrutschen. Etliche stürzten die steilen Hänge in die Tiefe. Meine Hände wurden taub und konnten die Zügel kaum halten. Nur die besten Reiter und Pferde behaupteten sich hier. Meine Lungen krampften. Als ob sie sich weigern wollten, die brennend, kalte Luft einzuatmen. Meine Augen tränten und verengten sich ungewollt zu Schlitzen. Manches Mal mussten wir eine Notunterkunft aufschlagen. Wir bauten uns aus unseren bodenlangen Mänteln Zelte. Wir kauerten uns darunter aneinander, bis der Sturm vorüberzog. Anschließend zählten wir die Tiere. Wir aßen sie, fertigten Kleidung und Möbel aus ihnen. Die Abstände der Dsuds verkürzten sich. Viele Nomaden verbrachten die Winter in Verschlägen am Rande der Stadt.

Mein Sohn sieht mich mit einem seltsamen Ausdruck an. Da ist etwas in seinem Blick, das ich nicht erwartete. Eine Träne hängt, an seinen langen, dunklen Wimpern. Klar, das war absehbar. Aber da ist noch etwas. Ablehnend und sogar angewidert sieht mir mein Sohn entgegen. Ich stocke. Eine Sekunde zu lange, das Schaf zappelt und entzieht sich meinem Griff.

Zum Schlachten trieben wir die ganze Herde von den Bergen, im Galopp ins Tal. Das puschte die Tiere auf und ermüdete sie zugleich. Wir kannten den Zeitpunkt, an dem die Schafe eine Pause brauchten. Wir planten ihn immer direkt vor der Jurte. In diesem Augenblick trennten wir mit einer Handvoll Reitern, ein älteres oder schwächeres Tier vom Rest der Herde. Wir kreisten es ein. Die anderen Reiter trieben die Schafe weiter den Hang hinauf. Hinter der nächsten Kuppe, bekamen sie vom folgenden Geschehen nichts mit. Das getrennte Tier war zu erschöpft, um zu fliehen. Es blieb stehen. Jetzt hieß es schnell zu sein. Ich sprang vom Pferd, das ein anderer übernahm. Ich packte das Schaf hinter den Ohren im Nacken und warf es zu Boden. Das Schaf rührte sich nicht, wenn es auf dem Rücken lag. Blitzschnell zückte ich Messer und Schale. Als der Geschickteste, führte ich den Schnitt entlang der Kehle. Ich schaute dem Tier dabei in die Augen. Ich dachte immer, dass das Schaf mich verwundert ansehe. Es lag auf meinen Knien. Ich spürte seine Wärme. Ich streichelte seinen Kopf. Ich redete beruhigend auf das Tier ein. Ich glaubte zu spüren, dass der sterbende Körper sich dabei entspannte. Es dauerte Minuten bis das Schaf ausgeblutet war. Sie fühlten sich wie eine quälende Ewigkeit an. Mein eigenes Leben schien in diesen Momenten still zustehen. Ich fühlte ganz klar, was wichtig war und was nicht. Nie erlebte ich etwas Intensiveres. Das Tier wurde ohnmächtig. Die schönen gelben Augen drehten zur Seite. Dann fiel der Kopf. Der Puls schlug noch. Ich streichelte das Schaf weiter und redete mit ihm. Bis es tot war. Dann schnitten die Frauen den Bauch des Tieres auf. Sie entfernten die Gedärme und die Innereien. Es war wichtig, dass kein Tropfen Blut auf den Boden fiel. Alles musste sehr schnell gehen. Der Geruch lockte Adler und Wölfe an. Blut und Innereien pressten die Frauen in Därme zu Würsten. Dann zogen sie das Fell ab. Sie zerteilten das Schaf. Die Teile hängten sie in der Jurte ab. Die Knochen kochten sie aus. Danach bekamen sie die Hunde. Fell und Leder verarbeiteten sie zu Decken, Stühlen und Musikinstrumenten. Es blieb nichts übrig. Kein Fitzelchen. Das Schlachten der Tiere empfand ich als Höhepunkte meines Lebens. Ebenso, wie die Geburt der Lämmer, im Frühsommer, nach einem langen, harten Winter. Den Tod und die Geburt. Ich spürte dabei den Kreislauf des Lebens. Ich konnte die Unendlichkeit erahnen. Ich fühlte mich, so klein und unbedeutend ich auch war, als Teil eines großen Ganzen. Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit und Demut vor diesem Kreislauf. Ich war glücklich. […]

Der vollständige Text erscheint mit weiteren Kurzgeschichten 2021.

Flashback

Mauritius

Als wir uns das erste Mal begegnen, bin ich 17, ein Mädchen. Wir tanzen zu “Ein Bett im Kornfeld”. Du bist begeistert. Ich bin verunsichert. Tanzpause – ich sitze auf der Rückenlehne eines Sofas, du zu meinen Füßen. Lautstark unterhältst du dich mit deinen Kumpels. Meine Finger wollen in deine Locken greifen. Sie befinden sich direkt vor mir… Wir fahren zusammen, mit meinen Freundinnen, im Taxi nach Hause. Du bist großzügig und zahlst für uns alle, obwohl du als erster aussteigst. Du verliebst dich sofort in mich, sagst du später… Zumindest willigst du mich wiedersehen. Du bist vier Jahre älter. Und schon ein Mann.
Wir fahren zusammen in den Skiurlaub. Als Freunde. Ich kann mir vorstellen, mit dir zusammen zu wohnen. Wir fliegen nach Chile. Als Freunde. Du sagst, das Schönste der Reise sei, jeden Morgen neben mir aufzuwachen. Ich versteckte Ostereier im Zelt, du suchst geduldig. Ich hole mir einen Bänderriss beim Wandern, du trägst mich Huckepack und unsere Rucksäcke vor der Brust. Ich weiß, dass du der Mann bist, mit dem ich Kinder bekommen will. Und renne weg. Du fängst mich ein. Wir ziehen zusammen in eine Wohnung nach Winterhude. Übergangsweise, da sie keinen Balkon hat. Und weil der Stadtteil noch den Mief des Arbeiterviertels Barmbek-Süd inne hat.

Ein Zyklon fegt nachts über die Insel La Réunion. Er rüttelt heftig an dem Strohdach unserer Strandvilla. Regen trommelt wütend gegen die Fenster. Ich wühle mich durch Laken. Irgendwann falle ich in einen tiefen Schlaf. Ich erwache, die Sonne scheint. Ich fühle mich ruhig. Nie war etwas richtiger in meinem Leben, als das, was ich heute mache – dich heiraten. Ich raffe mein weißes Kleid mit Schleppe. Du wartest am Strand auf mich. Ich sehe auf meine nackten Füße. Du strahlst über dein ganzes Gesicht. Glück pocht in meinen Adern. Du bist gespannt bis in die Fußspitzen. Liebe strömt warm durch meinen Körper. Du läufst am Strand auf mich zu. Der Wind spielt in meinen Locken. Du sagst, ich sei die schönste Braut, die du je gesehen hast. Das Rosé meiner Wangen verrät meine Aufregung.
Wir halten uns an den Händen. Wir versprechen, uns für immer und für ewig zu lieben, aber mindestens ein Leben lang. Wir tauschen Ringe. Wir küssen uns. Wir heiraten auf Mauritius. Wir tanzen am Strand. Wir schwimmen im Meer. Unsere Körper verstehen sich blind. Wir wünschen uns Kinder. Nichts strahlt für mich heller, als diese Liebe. Es gibt keine größere Verbindung für mich auf der Welt. Alles fühlt sich leicht, unbeschwert und glücklich an. Wir freuen uns, miteinander zu leben. Wir können es nicht erwarten, unser Baby im Arm zu halten.
Unsere Flitterwochen verbringen wir im Nationalpark. Wir wohnen im Haus am See. Wir fahren mit dem Bot und beobachten Delfine beim Schwimmen. Wir tragen nur Badeklamotten. Eine Taucherbrille auf dem Kopf. Flossen an den Füßen. Wir sitzen auf der Bordwand des Motorschlauchbootes. Delfine springen aus dem Wasser. Ein Rausch schießt durch meinen Körper. Ihre Finnen und Köpfe ragen aus dem Wasser. Sie springen. Sie scheinen vergnügt miteinander zu spielen. Als toben sie mit dem Boot. Der Fahrer ruft: „Go!“ Ich starre ihn an. Er brüllt: „Go, for it!“ Du sagst: „Er will, dass wir ins Wasser springen.“ „Was? Jetzt? Hier? Einfach so in das dunkle Wasser springen? Ich sehe nichts!“, sage ich. Panik steigt in mir auf. „Ja, wir sollen springen!“, antwortest du lachend. „Now it’s to late“, schreit der Fahrer. Er braust los. Nach einer Weile sehen wir wieder Delfine. Der Fahrer spuckt: „Go, go, go!“ Du springst ins Wasser und tauchst tief. Als du hochkommst, rufst du: „Ab mit dir ins Meer! Es ist fantastisch!“ Vorsichtig gleite ich an der Badeleiter ins Wasser. Ich steckte den Kopf unter die Oberfläche. Ich höre es laut knacken. Sehen kann ich nichts. Dann – tatsächlich! Vor mir schwimmen Delfine. Mein Herz hüpft hektisch. Ich tauche mutiger. Und immer länger. Ich traue ich mich auf die Säuger zu zuschwimmen. Sie fliegen neben mir im Wasser her. Ich bin high. Einer schwimmt auf mich zu. Angst durchzuckt meinen Körper. Er schaut mich mit seinem Auge direkt an. Das Auge lächelt. Ich bin hypnotisiert. Ich vergesse zu schwimmen. Ich vergesse zu Atmen. Das Auge schwingt kräftig mit der Schwanzflosse. Der Zauber entschwimmt. Ich springe über die Wasseroberfläche. Ich schreie: „Er ist auf mich zu geschwommen und hat mich angelächelt!“ Ich platze vor Glück.


Das erste Kind zerreist uns fasst. Wir schlafen nicht. Wir essen nicht. Wir weinen vor Erschöpfung. Und Glück. Unsere Körper sind sich fremd. Wir finden wieder zueinander. Wir fühlen uns glücklicher als je zuvor. Zwillinge! Welch ein Geschenk! Welch eine Last! Panik in deinem Gesicht. Es zerreist uns. Wir teilen uns auf. Wir opfern uns auf. Wir reiben uns auf. Wir verlieren uns… In meiner Vorstellung liebe ich dich immer. Egal in welcher Form! Das Versprechen, das ich dir bis zum Ende meines Lebens gab, will ich halten. Ich sorge für dich. Ich passe auf dich auf! Wir sitzen auf einer Bank. Vor unserem Zuhause. Tiefe Furchen durchziehen mein Gesicht. Mein Haar fällt grau über die Schultern. Deine Hände gleichen knorrigen Ästen. Sie umfassen meine – DU bist mein ZUHAUSE.

Kindermund tut Wahrheit kund…

… und wünscht eine schöne Bescherung!

„Zum Christkind kannst du auch Jesuskind sagen, Mama! Ich glaube, das ist sein zweiter Vorname, so wie ich Matilda mit zweitem Namen heiße“, sagt meine Tochter ganz aufgeregt.
Ein Freund fragt mich wenig später, ob uns das Christkind oder der Weihnachtsmann die Geschenke bringe. Er ist katholisch und bezeichnet sich nicht nur als religiös, sondern behauptet, einen besonders guten Draht zu Gott zu haben! Noch bevor ich antworte, erklärt er mir den Hintergrund seiner Frage genauer. Ihnen bringe das Christkind die Geschenke, aber nicht nur, weil er aus einer Region Deutschlands stamme, in der dies Tradition ist. Das Christkind sei viel edler als der Weihnachtsmann. Ich staune! Unbestritten spielt das Christkind in einer anderen Liga, als der Weihnachtsmann. Aber dass, der edle Christus dafür herhalten muss, Kleidung, Spielwaren und Süßigkeiten zu bringen, finde selbst ich, ohne Glauben an Gott und nur mit protestantischem Erziehungshintergrund ausgerüstet – dekadent!
Wir feiern jährlich mit unseren drei Kindern Heiligabend den 2000-und-xten Geburtstag des Jesuskindes. Unsere Tochter erklärt mir das: „Das Christkind war der liebste Mensch, den es jemals gab. Und daher erinnern wir uns noch heute an es und nehmen es uns zum Vorbild.“ Das Jesuskind habe „Zauberkräfte“, ergänzt ihr kleiner Bruder. „Daher kann es Herzenswünsche erfüllen.“ Das seien Träume, die man nicht kaufen kann. „Christus war arm und hat sich aus Dingen nichts gemacht“, sagt meine Kleine. Darum habe er alles mit anderen armen Menschen geteilt. „So wie der heilige Martin seinen Mantel mit dem armen Bettler teilte, der sonst erfroren wäre. Aber das Christkind hat immerzu geteilt, Mama! Ständig, fast jede Stunde, glaube ich. So lieb war das, Mama! Das können wir uns gar nicht vorstellen!“, die blauen Augen meiner Tochter funkeln. Und deshalb wolle das Jesuskind, dass wir uns an seinem Geburtstag auch freuen und will uns was schenken. „Und der Weihnachtsmann Mama, der verteilt die Mitgebseltüten“, ergänzt sie. Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Unsere Lütte singt das vierte Jahr im Kirchenchor und gibt einen Engel beim Krippenspiel an Heilig Abend. So erkläre ich mir ihre Jesus-Vorstellungen. Aber das mit dem Weihnachtsmann und den Mitgebseltüten habe ich noch nie gehört. Ich frage nach. Das Christkind würde sich bei uns dafür bedanken, dass wir ihm so einen schönen Blumenstrauss an Weihnachten schenken – den Weihnachtsbaum. Und dass wir so leckere Geburtstagskuchen gebacken haben – die Plätzchen. Dass wir Geburtstagskerzen anzünden, am Weihnachtsbaum. Uns schön anziehen und in Gottes Haus, der Kirche, seine Geburtstagslieder singen. „Und zum Schluss gibt es Mitgebsel. Und die kann es ja nicht alle selber tragen. Dafür braucht es einen starken Mann. Das ist der Weihnachtsmann. Der packt alle Geschenke in einen großen Sack. Sonst würden sie, wenn er eine Kurve fliegt, vom Schlitten fallen. Dann verteilt der Weihnachtsmann sie an die Kinder. Das Jesuskind braucht viele starke Männer, weil Kinder auf der ganzen Welt Mitgebsel bekommen. Aber das Christkind ist wie Gott und kann überall gleichzeitig auf der Welt Wünsche erfüllen. Und weißt Du warum wir den Weihnachtsmännern nie begegnen, wenn sie die Geschenke bringen?“, fragt mich meine Kleine aufgeregt. Oha, ich befürchte sie könnte uns entlarvt haben und bringe nur zögerlich „Na, warum denn nicht?“, hervor. „Das ist, weil sie von den Engeln einen Tipp bekommen. Mama, so wie im Hotel das Zimmer immer gereinigt wird, wenn wir nicht da sind und alles schön ist, wenn wir zurückkommen!“ Puh, da habe ich für dieses Jahr ja noch mal Glück gehabt. Wobei ich die These vertrete, dass Kinder, die an den Weihnachtsmann glauben wollen, es auch tun. „Mama, ich möchte auch mal so ein lieber Mensch werden, wie das Jesuskind! Deshalb, teile ich auch alle meine Süßigkeiten mit euch. Warme Mäntel habt ihr ja. Und meine kleinen Brüder dürfen mit meinen Geschenken spielen, obwohl die eigentlich erst ab sechs Jahren sind“.
Gut, dass mir meine Tochter Weihnachten erklärt hat. Ich wünsche allen die Erfüllung ihrer Herzenswünsche!

Flashback

China

“Nǐ hǎo! Nǐ hǎo ma?” Während China in vielen das Gefühl auslöst, es sei ein Land voller Wunder, unbegrenzter Möglichkeiten und Zukunftsvisionen, bedrückten mich meine beiden Aufenthalte eher. “Unsere Hintern sind zu breit, wir beide können definitiv nicht im Bus nebeneinander sitzen!” Beim ersten Mal reise ich tausende Kilometer mit meinem Professor und rund 20 Kommilitonen quer durchs Land. In Bussen, in Nachtzügen und mit dem Flugzeug. Wir Studenten feiern jeden Abend: “Wieso knutschen die alle miteinander? Ich kapiere es nicht! Die sind verlobt, wohnen mit ihren Freunden zusammen und die Mädels sind doch gar nicht lesbisch?” Wir staunen über das schillernde Shanghai und das traditionsreiche Peking. “Hast du denn schon einmal Pekingente gegessen, Anke?” Wir reisen entlang der schier endlosen Chinesischen Mauer und auf der orientalischen Seidenstraße. Ins spirituelle Tibet, mit Bettelmönchen in Gewand an Gebetsmühlen und zu den altehrwürdigen Tonkriegern. Dort treffen wir Boris Becker: “Entschuldigen sie bitte, dürften wir ein Foto mit ihnen machen?” In die staubige Wüste Gobi und ins majestätische Altai Gebirge. “Ich bin Vegetarierin, ich essen kein Fleisch! – Nein, nein, das ist kein Fleisch! Nur ein Hühnerfuß, der in der Suppe schwimmt. Kann man mitessen, aber auch einfach Beiseite legen.” Das zweite Mal bin ich für meine Diplomarbeit an der Tongji Universität in Shanghai. “Ihr seid Langnasen! Ihr habt so unglaublich hässliche Nasen, das gibt es gar nicht!”
Mütter arbeiten ganztägig in Fabriken, ohne Gesundheitsschutz und nehmen ihre kleinen Kinder mit. In einer Seidenfabrik lächelt mich ein etwa zweijähriges Mädchen mit großen dunklen Augen schüchtern an. Faire Löhne gibt es nicht. Auf dem Land sitzen die alten Greise, mit völlig verschrumpelter Haut auf der Straße und spielen. Sie winken mich heran, lachen mich zahnlos an und reden auf mich ein. In den Städten haben sich die traditionellen Familiensysteme mit der Modernisierung aufgelöst. Zwangsumsiedlungen, Ein-Kind-Familien und Behinderung der Meinungsfreiheit sind an der Tagesordnung. In Nordchina treffen wir auf eine chinesische Minderheit, deren Kinder weißblonde Haare und blaue Augen haben. Sie sind noch nie Menschen wie uns begegnet, kennen kein Fernsehen, keine Fotos oder Kameras. Sie scharen sich um uns und glauben, wir seien Chinesen, aus einem weit entlegenen Teil des Landes. Sie können nicht genug von unseren Kameras bekommen. Probleme mit Minderheiten, wie Buddhisten in Tibet, aber auch Muslimen im Norden, regelt die Regierung durch das Ansiedeln von Millionen Han-Chinesen, in den betreffenden Regionen. Die buddhistischen Mönche, in ihren leuchtend roten Gewändern, sind freundlich und aufgeschlossen, lassen sich aber nicht fotografieren. Sie glauben, dass ein Foto die Seele stiehlt. Die Landschaft, wie im tibetischen Hochland, ist wunderschön. Wir wandern auf 4000 Metern und die Mehrheit von uns wird Höhen krank, mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Atemlosigkeit… Die Menschen außerhalb der chinesischen Ballungsräume sind unvorstellbar arm. Hühner und schwarze Schweine wühlen im Müll auf den Straßen nach Essbarem. Viele staatliche Leistungen, wie medizinische Versorgung, Sozialhilfe oder die Erlaubnis die Familie nachkommen zu lassen, gelten für die Landbevölkerung nicht. Städte versinken im Smog. Die Leute auf der Straße kommen uns mit Atemschutzmasken entgegen. Rund ein Viertel der Treibhausgase weltweit, emissiert die Volksrepublik. Sie hat das Problem erkannt und will es anpacken. Dessen Erfolg oder Scheitern geht uns alle an! Es liegt auch an den westlichen Industrienationen, nachhaltig zu konsumieren und nicht auf das schnelle Wirtschaftswachstum zu setzen, das auf – aus Kohle generierter Energie basiert. In diesem Sinne: „Chénggōng hěnduō!“

Go West!

Alles ist anders

Im Unterschied zu unserer letzten Reise durch Nordamerika, für drei Monate mit dem Wohnmobil, geht unsere Tochter diesmal, mit ihren Brüdern allein auf den Spielplatz, zur Toilette, Zähneputzen, Wasser zum Kochen holen oder in den Kiosk auf dem Campingplatz. Während unserer sechswöchigen Reise mit dem Pkw und Übernachtungen im Zelt, liest die große Schwester ihren Brüdern vor, buchstabiert überhaupt alles, was sie sieht und spricht Englisch! Unsere Jungs fahren Laufrad, ihre Schwester Skateboard und wir spielen zu fünft Fußball. Die Kinder wandern selbst, drei bis sieben Kilometer. Die Zwillinge trinken nachts nicht mehr literweise Milch und schlafen durch. Ein Mittagsschläfchen brauchen sie nicht mehr…
Wir haben in diesem Urlaub leider keinen Kühlschrank an Board, so wie beim letzten Mal, in unserem Haus auf Rädern. Also kaufen wir eine Kühlbox so groß, dass wir locker eines unserer Kinder darin verschwinden lassen könnten – falls nötig! An jeder Tankstelle und im Supermarkt gibt es Eis dafür. Wir erstehen die Kübo für 50 und nicht für 200 Euro, wie in Deutschland. Die Kühlbox verschwindet locker im Auto und lässt die Bezeichnung „Mini-Van“ lächerlich klingen! Ein Moskitozelt kaufen wir ebenfalls, da wir während unserer zweiten Tour durch Nordamerika, nicht wieder gemütlich drinnen sitzen können, sonder immer draußen, zusammen mit den Mücken, sitzen MÜSSEN. Das Moskitozelt passt über eine komplette Tischbank, die zu jeder Campsite, in allen Nationalparks gehört. So ein Zelt gibt es selbst beim führenden Outdoorausrüster Hamburgs nicht.
Insgesamt war ich vier Mal in den USA und zwei Mal in Kanada. Dreimal an der Ostküste, einmal im Westen, zwei Mal in New York. Jedes Mal ist es ganz anders gewesen… Ich war als Studentin, als Paar und als Familie, mit drei Kindern dort. Zeltend, im Wohnmobil, im Motel, im Hostel und Freunde besuchen. Ich habe mir Städte angeguckt, bin in Nationalparks und in den Bergen gewandert sowie im Meer geschwommen. Ich habe den Frühling erlebt, den Sommer und den Herbst… Was mir am besten gefiel?
New York ist für mich immer noch eine der coolsten Städte! Es ist die Welt in klein! Alles was es auf diesem Planeten gibt, ist in dieser City zusammengeballt. Menschen sind so arm, wie in Afrika im Slum und so reich in Manhattan, wie nirgendwo sonst auf der Erde. Buddhisten laufen im Mönchsgewand auf der Straße, ebenso Juden mit Schläfenlocken oder Kreative mit Dreadlocks im schwarzen Armani-Anzug. Straßenmusiker spielen besser als Deutschlands Top 50 Singer-Songwriter…
In den Nationalparks muss man übernachten! Wer sich’s leisten kann im Mobilhome! Die Preise liegen allerdings in der Hauptsaison, mit Campingsplatzgebühren, locker bei rund 250 Euro pro Tag! Es kann nachts empfindlich kalt sein in Kanada, selbst im Hochsommer. Zugleich gibt es an der Ostküste der USA extreme Hitzeperioden, mit Schwüle, die wir nur aus den Tropen kennen. Unseren Kindern hat das Wohnmobil besser gefallen. Sie liebten das kleine Haus auf Rädern, mit Küche, Dusche und Toilette. Wir Erwachsene haben im Zelt nicht schlechter geschlafen. Beim Campen stört mich am meisten die Enge auf den Plätzen in der Hochsaison und das Nutzen der Sanitären Anlagen. Aber das blieb uns auch mit dem Wohnmobil nicht erspart…
Unbedingt empfiehlt es sich zu wandern! Neben New York ist die Natur für mich das Schönste, was Nordamerika zu bieten hat! Sie finde sie beeindruckender als in Europa, weil sie freier, wilder, unberührter, größer, einsamer ist… Doch auch hier finden sich Spuren der Zerstörung. Pro MINUTE gehen der ganzen Welt eine Fläche Wald in der Größe von 35 Fußballfeldern verloren! Illegaler Holzschlag, Brandrodung oder Umwandlung in Agrarland sind die Hauptursachen. Das rapide Waldsterben an der Westküste der USA führen Biologen jedoch auf die globale Erwärmung zurück. Diese verringert den Schneefall, führt zu einer früheren Schmelze und einer längeren Trockenheit im Sommer. Die Stressfaktoren schwächen die Bäume. Sie sind anfälliger für Insekten und Krankheiten. In jüngster Zeit gab es im Westen der USA gehäuft Borkenkäfer-Befall. In den letzten 30 Jahren starben dort doppelt so viele Bäume. Der Riesenmammutbaum ist eine vom Aussterben bedrohte Art. Der „General Sherman Tree“ ist der größte lebende Baum der Erde. Sein Alter wird auf etwa 1900 bis 2500 Jahre geschätzt. An seinem Stamm zu lehnen erfüllt mit Demut… Mögen unsere Kinder noch an seinem Fuße staunen können!
West- oder Ostküste? Mit Kindern Ostküste, da die Möglichkeiten zum Baden besser sind! Für alle anderen lieber den wilden Westen…
Leben? In Europa! Politik, Gesundheitswesen und Ausbildung gehen in den USA gar nicht!
Aber am besten: eigene Erfahrungen sammeln! In diesem Sinne: Go West!

Go West!

Long Island

Am Freitagnachmittag ist Rushhour zwischen den Hamptons und New York! Im Minutentakt fliegen Helikopter und Wasserflugzeuge. Wir betrachten die typischen Holz-Villen, mit ihren hübschen Shutters. Verspielte Türmchen auf den Dächern und rankender Efeu, muten märchenhaft an. Alles ist geschmackvoll, hübsch und irgendwie besonders. Den Leuten sehen wir an, dass sie reich sind. Die meisten fahren mit Chauffeur vor. Selbst 70-Jährige tragen ihre Schönheitsoperationen an Busen und Po offen zur Schau. Wir gucken uns Southhampton an. Dort begegnen wir New Yorker Lifestyle. Gleichzeitig verspüren wir eine dörfliche Atmosphäre. Alles ist zu sehr gepflegt. Es ist erstaunlich wenig los. Auf mich wirkt es piefig. Leute die NICHT hier wohnen, erkennen wir sofort an ihren neidischen Blicken.
Eine Amerikanerin spricht uns auf Deutsch an. Ich frage sie, wie sie es so gut gelernt hat. Ihre Mutter hätte Deutsch gesprochen. Sie war Deutsche jüdischen Glaubens, die in Wien an der Oper Ballet tanzte. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Ihr Vater stamme aus Polen und habe seine gesamte Familie in Ausschwitzt verloren. Ich bin betroffen und sage ihr, dass sich meine Generation immer noch dafür verantwortlich fühlt. Und dass ich alles dafür tue, dass dies niemals in Vergessenheit gerät. Dass ich mit meinen Kindern bereits darüber spreche. Sie legt eine Hand auf meinen Arm und sagt: „Kindchen, ich habe euch doch schon längst verziehen! Ich war Lehrerin. Ich habe mir deutsche Schulen angesehen und den Unterricht über den Holocaust, zu dem auch der Besuch ehemaliger Konzentrationslager zählte… Und diesen kleinen Wesen gibt es doch gar nichts zu verzeihen!“ Sie streichelt meinen Jungs über die Haare. Ich bin gerührt.
Am Strand treffen wir auf Hipster. Sie geben sich betont cool. Obwohl die rote Fahne demonstrativ im Wind flattert, reiten etliche die Wellen ab.
Im Fire Island National Seashore finden wir unser persönliches Schwimmparadies! Fast die gesamte Düneninsel, die Long Island vorgelagert ist, steht unter Naturschutz. Diese Barriereinsel ist knapp 50 Kilometer lang und einen Kilometer breit. Die Wellen sind gigantisch! Es macht unglaublichen Spaß darin zu springen, zu tauchen und zu schwimmen! Die Kinder können zwar nur mit den Füßen planschen, weil ihnen die Brandung sonst die Beine weghaut, aber sie lieben es trotzdem. Sie bauen Schutzdämme, die binnen Sekunden wieder brechen. Sie graben riesige Löcher, die sich mit einer Welle füllen. Wir toben alle den ganzen Tag und sind abends glücklich, erschöpft und zufrieden.
Ein Litauer, der ein Work-and-Travel-Programm macht, erzählt mir, dass er immer für einen Deutschen gehalten werde. Ich lache, weil er mit seinen blonden Haaren, der Brille und seiner Größe wirklich sehr deutsch aussieht. Ich sage ihm das und dass ich finde, dass zwischen den Leuten aus dem Baltikum sowie Polen, weniger große Unterschiede bestehen, als zwischen Norddeutschen und Schweizern sowie Österreichern. Aus meiner Sicht gibt es nur auf Grund der schlechten historischen Vergangenheit immer noch Vorbehalte. Völlig zu Unrecht finde ich! Aber zwischen jungen Leuten zunehmend weniger… Er findet das auch. Die Beziehungen zu Russland seien allerdings nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch gegenwärtig unglaublich schlecht und erdrückend. Es sei daher verrückt, dass er in den USA, während seines Work-and-Travels ausgerechnet mit Russen befreundet ist. Er lacht und sagt: „Das ist das Gute, dass man trotz der politisch schwierigen Situation, auf persönlicher Ebene Freundschaften schließen kann.“
Letztlich sind es diese Geschichten am Wegesrand, die der gesamten Ostküste der USA etwas Kosmopolitisches geben. Die Menschen, denen wir begegnen, sind offen, neugierig und weltgewandt. Die Ländlichkeit, auch in diesem Teil der USA, steht im krassen Gegensatz dazu und lässt erahnen, warum das Land, welches einen ganzen Kontinent bildet, so zerrissen und gespalten ist. Trotzdem beeindrucken die US-Amerikaner mit ihrer Lockerheit, Toleranz und den Glauben, das alles möglich ist. Ganz besonders auf Long Island…

Go West!

Two days in New York with three kids

Wir fahren mit dem Auto nach Manhattan!!! Ja, selber!! Und hätte es mir jemand vor einem Jahr gesagt, hätte ich ihn definitiv für verrückt erklärt!
Aber da wir seitdem drei Monate mit dem Wohnmobil und fünf Wochen mit dem Pkw, täglich unterwegs waren, kommt es uns nicht mehr absurd vor. Eine Autostunde und zehn Minuten von Manhattan entfernt, zelten wir im Heckscher State Park. Dort finden wir noch genau zwei andere Zelte auf dem Campingplatz. Es ist ruhig, grün und absolut tote Hose. Das finden wir wiederum sehr absurd!
Wir starten vormittags Richtung down town New York. 20 Autominuten vor Manhattan ragt die Stadt, aller Städte, plötzlich wie ein Gebirge vor uns auf. Entlang des Highways zeigt sich uns zur gleichen Zeit der Stadtteil Queens, mit kleinen heruntergekommenen Holz-Häuschen. Die Ladenzeilen im Erdgeschoss wirken schäbig…
15 Minuten bis Manhattan. Immer noch Queens, aber jetzt rote hässliche Backsteinhäuser mit fünf bis 20 Stockwerken in gleich aussehenden Würfeln stehend. Ständig blockieren Unfälle die Fahrspuren, dennoch fließt der Verkehr…
Noch zehn Autominuten bis zum Ziel. Jetzt der Stadtteil Brooklyn mit phantastischem Blick auf Manhattan! Erstmals Stau! Wir quälen uns durch den Queens Midtown Tunnel. Danach fahren die New Yorker zweispurige Straßen dreispurig, überall Fußgänger, Jogger und noch fünf Minuten bis zum Empire State Building…
Das erstbeste Parkhaus genommen. Wagen, Schlüssel und 50 Dollar abgegeben. Nur zwei Blocks zu Fuß bis zum Empire State Building. Unsere Kinder wundern sich, wie winzig die Autos von so hoch oben aussehen… Wir essen Eis am Madison Square Garden… Und veganes Quinoa in Soho… Micky und Mini Maus treffen wir am Times Square… Die Leute lachen uns zu, als wir unsere Zwillinge tragen. Wir sehen kaum andere Kinder in New York. Schon gar nicht drei auf einmal! Und so klein. Aber unsere drei machen das super!
Sie laufen und staunen über riesige Schulbusse auf dem Broadway…
Sie laufen und wundern sich über einen Kran, der auf einem Wolkenkratzer steht und diesen hochzieht…Sie laufen und laufen und laufen…
In Chinatown und sprechen wir mit einem Chinesen. Er beglückwünscht uns zu unseren drei Kindern und erzählt, dass er selbst zwei Töchter habe. Mehr gehe leider beim besten Willen nicht, da das College in den USA so teuer sei. Als wir berichten, dass wir aus Deutschland kommen, erwidert er lachend: „Also, dann gibt es doch wirklich keinen Grund, nicht noch ein viertes Kind zu bekommen! Der Staat bezahlt doch die Ausbildung für alle!“
Am zweiten Tag sind wir noch mutiger und fahren über die Brooklyn Bridge nach New York down town. Von dort sehen wir die Freiheitsstatue – Jippy!!! Später laufen wir die Brooklyn Bridge noch mal zu Fuß. Sie ist so vollgestopft mit Touristen, dass wir uns nur mühsam vorwärts schieben. Kleine Stände zu beiden Seiten versperren zusätzlich den Weg zur Brücke. Die Verkäufer bieten Wasserflaschen, Postkarten sowie Souvenirs feil und verkünden mit selbst-besprochenen Tonbändern über Lautsprecher: „Wondalawondala“. Ich wundere mich, bin aber zu angestrengt, um diese Werbung zu enträtseln. Auf dem Rückweg geht’s bergab und der Blick auf Manhattan ist schön, da unverbaut. Jetzt begreife ich auch, dass die Verkäufer „one Dollar“ sagen, für eine Wasserflasche. 35 Grad im Schatten machen sich bei mir bemerkbar und ich bekomme einen Lachanfall. Unsere Kinder verlangen einen Spielplatz. Die gibt es zum Glück überall.
Anschließend laufen wir zum Gedenkplatz des World Trade Centers. Auf dessen Grundriss stehen riesige Brunnen. Am Rand sind die Namen der Verunglückten eingraviert. In der Mitte fließt das Wasser in einen weiteren kleinen Brunnen, dessen Grund wir nicht sehen können… Rosen, USA-Flaggen und Teddys sind zum Gedenken niedergelegt. Unsere Kinder sind ergriffen. Sie fragen. Und verstehen. Unsere Jungs wollen nie wieder Krieg mit anderen Kindern spielen, sagen sie. Es gibt ein weißes Gebäude, das aussieht wie ein Engel, in dem sich eine Shoppingmal und die underground station befinden. Architektonisch gelungen, geschmacklos mit seinen Luxusboutiquen.
Insgesamt ist Manhattan cleaner, langweiliger, nicht mehr so multikulti und kreativ wie bei meinem ersten Besuch, vor über zehn Jahren… Es liegt aber auch an meiner Lebenssituation. Mich beeindrucken Menschen nicht mehr, deren einziger Lebensinhalt in Arbeit, schicken Klamotten und dem Aufsuchen freakiger Restaurants sowie Bars besteht.
Zwei Obdachlose fallen meinem kleinen Jungen ins Auge: „Die Männer, die auf der Straße liegen, haben kein Zuhause, oder? Traurig!“, sagt er. Es hat also etwas Gutes, dass die Mülltonnen im Central Park und der Bronx nicht mehr brennen!
Der Stadtteil Brooklyn ist alternativ, mit hübschen sanierten Altbauten. Auf den vierstöckigen Gebäuden finden sich Dachgärten. Es gibt etliche Blöcke mit Wolkenkratzern, alle in den letzten, rund zehn Jahren hochgezogen.
Williamsburg ist noch so multikulti, wie einst Manhattan. Orthodoxe Juden mit Schläfenlocken finden sich im Straßenbild.
Auf dem Rückwegen rettet uns der Carpool. Eine der fünf Spuren ist eigens dafür reserviert. Links außen bildet sie die schnellste Fahrbahn und wir kommen etwa doppelt so schnell voran – zu unserem absolut ruhigen Zeltplatz im Heckerscher State Park… Unglaublich!