Glaube, Liebe, Hoffnung

An ihren Unis in Osteuropa sind sie die künftigen Banker, Journalisten und Politiker – in Amerika sind sie nur „die Hilfe“

Melody Gilbert ist eine US-amerikanische Journalistin, Dokumentarfilmerin und Professorin. Seit Herbst 2019 lehrt sie in Vollzeit an der Universität in Natchitoches, Louisiana. „Ein neues Abenteuer! Ein neuer Ort, mit neuen Geschichten“, sagt sie lachend. Auf die Frage nach ihrem Alter antwortet sie: „Gut, ich bin 61, aber es fühlt sich sehr seltsam an, das laut auszusprechen! Ich fühle mich wahrhaftig nicht einen Tag älter als 40!“ Sie studierte Soziologie und Französisch an der Tulane Universität in New Orleans. Ihren Master absolvierte sie an der University of Minnesota. „Nebenbei gesagt: ich bin nie auf eine Filmschule gegangen und habe nie Journalismus studiert. Und beides lehre ich jetzt schon seit mehr als 20 Jahren!“ Sie spreche Englisch und ganz passabel Französisch. Sie wünschte, es wären mehr Sprachen. Seit 31 Jahren ist sie verheiratet und hat eine erwachsene Tochter.
Sie kennt die Hoffnungen junger osteuropäischer Studenten, die sie vier Jahre lang an der Amerikanischen Universität in Bulgarien (AUBG) als Vollzeit-Professorin unterrichtete. In ihrem Dokumentarfilm „The Summer Help“ beleuchtet sie die Träume einiger ihrer Studenten genauer.

„Der Doc Club gehörte zum besten meiner Professur an der Uni in Bulgarien – ich sah mit meinen Studenten Dokumentationen, traf Filmemacher und besuchte Filmfestivals. Igor Myakotin half beim Film The Summer Help. Nach seinem Bachelor ging er an die Filmschule in New York. Dumitrita Pacicovschi war Produzentin bei Silicone Soul.

Foto: Keri Pickett

Sie arbeiteten 15 Jahre als Journalistin für’s Fernsehen, warum entschieden sie sich Dokumentarfilme zu drehen?
Ja, ich arbeitete viele Jahre als Journalistin. Dann hatte ich es irgendwann satt, dass die TV-Studios keine längeren Geschichten bringen. Ich war frustriert diese ganzen kurzen Storys zu machen. Du fängst gerade mit einem Interview an und die Aufnahmeleitung stellt die Kamera ab und sagt: „Gut, das war‘s!“ (lacht)

Was war am Anfang das Aufregendste?
Ich drehte erst einstündige Specials. Dann wurden es immer mehr längere Stücke und irgendwann realisierte ich: „Oh mein Gott, ich bin eine Dokumentarfilmerin!“ Als ich mich entschied selbstständig zu arbeiten, begann ich zu filmen. Ich produzierte, moderierte und führte Regie. Ich verfüge über eine komplette, eigene Ausrüstung. Das war eine verrückte Idee! Aber ich hab’s gemacht! Das war so eine aufregende Zeit!

„Ich bin eine kleine Frau, mit einer kleinen Kamera! Und nicht ein großer Mann, mit einer großen Kamera (lacht). Das Wireless-Mikrofon war eine gute Idee, weil ich auf diese Weise meinen Interviewpartnern nicht das Mikrofon direkt ins Gesicht halten muss. Ich kann einen gewissen Abstand halten. Das veränderte alles.

Ist es ein typisches Zeichen für ihre Arbeit?
Ja, ich denke schon. Gut, andere Leute machen augenscheinlich das Gleiche. Aber ich schätze, dass ich besonders gut darin bin, beobachtende, nicht wertende Filme zu machen – Dokumentationen.

Auf welche Weise charakterisiert es ihre Filme?
Es bedeutet, dass ich Zeit investiere. Ich weiß viel mehr, als ich in meinen Filmen zeige und bewerte trotzdem nicht und gebe auch keine Antworten. Ich will eine Erfahrung davon geben, was ich erlebt habe. Nicht alles ist perfekt in meinen Filmen. In meinem Film „The Summer Help“ hätte ich viel mehr Urlaubsbilder präsentieren können. Das hätte eine gute Kameraperspektive sein können! Aber es wäre umsonst gewesen, weil die Welt nicht perfekt ist. Filme, die nicht perfekte Welten zeigen, mag ich. Ich strebe nicht an, eine großartige Kinofilmerin zu sein. Oder eine große Person im Filmbusiness. Ich bin Journalistin! Ich bin Filmemacherin! Ich befinde mich außerhalb der Welt und beobachte Dinge (lacht).

„Das Schönste am Filme drehen ist, sie mit einem Publikum zu teilen. Zu sehen, das sie für Gesprächsstoff sorgen. Wenn sie die Menschen berühren, vielleicht ihre Herzen öffnen und ihren Geist. Was kann ich mehr erwarten?“

Warum sind sie so interessiert an solchen Welten?
Das ist eine gute Frage. Ich wünschte, ich wüsste die Antwort darauf… Ich bin es einfach. Stellen sie sich vor, es ist so wie auf ihrer Website: Sie sind auf einem Foto mit ihren beiden Freundinnen zu sehen, die sich bei ihnen unterhaken. Und eine der beiden sagt: „Oh ich habe davon gehört, dass es Leute gibt, die in diese Gebäude gegangen sind. Sie waren im Untergrund und haben ganz besondere Dinge gefunden.“ Einige Leute reagieren darauf mit: „Oh das ist ja schrecklich!“ Ich gehöre zu den Menschen, die sagen: „Das ist interessant! Erzähl mir mehr darüber.“

Wie finanzieren sie ihre Filmprojekte?
Ich habe eine Kamera, ich muss für ein Shooting nicht fragen und auch sonst niemanden nach Zusagen oder Geld. Ich starte einfach, wenn ich etwas Interessantes erlebe. Ich denke, das ist es, was mir erlaubt, diese Dinge zu erleben. Ich bin neugierig. Und es hört sich so an, als ob sie es auch wären! (lacht)
Wo aus Deutschland kommen sie her?

Aus Hamburg…
Nein, da bin ich nie gewesen.

Die Leute sind sehr offen, das liegt an dem großen Hafen, er bildet ein Tor zum Rest der Welt
Oh, das ist wunderbar, großartig, wir brauchen mehr davon!

Warum schockieren sie ihr Publikum immer mit ihren Filmen?
Nein ich will mein Publikum nicht schockieren! Ich will es einfach nur auf die Reise mitnehmen, auf der ich war. Anfangs ist es auch für mich auf eine bestimmte Weise schockierend. Weil ich nie zuvor von bestimmten Dingen hörte. Da ist in meinem aktuellen Film Silicone Soul eine Person, die mit ihrem synthetischen Hund aus dem Haus geht. Und eine alte, demente Frau ist in eine Babypuppe verliebt. Es ist mehr: „Wow, das wusste ich nicht!“ Die Geschichten, die ich mache, sind nicht typisch. Viele Leute denken, Silicone Soul sei ein Film über Sexpuppen. Mal ehrlich: Wer will so einen Film sehen? Nur ein paar Leute. Es ist ein Film über Beziehungen, Liebe und die Zukunft. Sex kommt darin gar nicht vor.

„Finanziere meinen Film! steht auf einer Kerze neben dem Familienfoto mit meinem Mann und meiner Tochter am Strand. Aber es funktionierte nicht. Ich liebe sie trotzdem.“

Mich schockiert nicht, dass Männer Puppen lieben. Es hat mich getroffen, wie einsam sie sind. Dass es keine menschliche Liebe in ihrem Leben gibt. Sie wirken so unglaublich verletzlich…
Ja! Das stimmt. Wenn man das sieht, muss man ganz viel darüber nachdenken, in was für einer Gesellschaft wir leben. Es hält uns den Spiegel vor Augen und das trifft uns. Ich erzähle ihnen aber nicht die Geschichte. Die Leute im Film erzählen ihnen die Geschichte! Im Film The Summer Help ist es eine Geschichte, von der die Leute sagen, ich wusste das nicht. Die meisten in Europa kennen das Work-and-Travel. Sie haben es gemacht oder kennen Leute, die es machten. Aber ich wollte sehen, wie es aus der Perspektive der Studenten ist. Die Hauptpersonen in meinem Film repräsentieren viele Leute aus Osteuropa. Sie sind intelligent, sie sind unglaublich! Sie sprechen vier bis fünf Sprachen, sie sind die Cleversten aus ihrem Dorf, sie gehen ins Theater und studieren Journalismus oder Wirtschaftswissenschaften an der Universität, an der ich unterrichtete, der AUBG. Und im Sommer reinigen sie Toiletten in Amerika! Das macht mich absolut verrückt. Ich wollte herausfinden, inwiefern Amerika das Land ihrer Träume ist. Ich führte Interviews mit ihnen und begleitete die Studenten für ein paar Tage. Als sie zurück an ihre Uni gingen, guckte ich, wie sie sich verändert haben.

Warum entschieden sie sich, für vier Jahre an die Amerikanische Universität in Bulgarien zu gehen?
Ich liebe Veränderungen und ich liebe die Herausforderungen, die sich mit Veränderungen ergeben. Ich liebe es, mit Studenten zu arbeiten, das macht mich glücklich.

Was hofften sie, als sie nach Bulgarien gingen?
Ich bekam meine Idee für meinen Film The Summer Help, als ich die erste Woche an der AUBG unterrichtete. Ich fragte: „Was habt ihr im Sommer erlebt?“ Und fast alle von ihnen hatten den Sommer in den USA verbracht. Ich sagte: „Leute ich komme aus den USA, warum seid ihr dort gewesen?“ Und sie erzählten mir, dass sie an den Plätzen arbeiteten, an denen ich Urlaub machte. Ich wusste nicht, dass dort Studenten arbeiteten. Sie haben Jobs gemacht, die in den USA niemand machen will. […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung zu lesen.

Glaube, Liebe, Hoffnung

Tschüss Mami…

Lara Treu mit ihrer Tochter, zwei Wochen, bevor sie an Brustkrebs starb…

Dr. Hartmut Treu verlor seine Frau an Brustkrebs, als ihre gemeinsame Tochter fünf Jahre alt war. „Ich finde es klingt ganz schrecklich, wenn ich sage, dass ich Witwer bin“, erzählt er. Seine verstorbene Frau Lara Treu, war 43 Jahre alt und kämpfte ein Jahr lang, ohne jede Chance auf Heilung gegen den Krebs. Die Unfallchirurgin tat es aus Liebe zu ihrer kleinen Tochter.
Als sie die Diagnose bekam, hatte sie bereits im ganzen Körper Metastasen, außer im Gehirn, am schlimmsten in der Wirbelsäule. Dennoch wollte sie unbedingt bis zur Einschulung ihres kleinen Mädchens durchhalten.

Die absolute Zahl der jährlichen Todesfälle durch Brustkrebs liegt in Deutschland seit 1990 nahezu konstant bei etwa 18.000 Frauen.
Die Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland erlaubt. Die Tötung auf Verlangen war bis Anfang 2020 ein Straftatbestand. Im Februar 2020 kippte das Bundesverfassungsgericht das Gesetz. Es entschied, zum selbstbestimmten Sterben gehöre auch das Suchen und die Inanspruchnahme von Hilfe durch Dritte.

Wären wir zu zweit gewesen, hätten wir ihren Schmerzen und ihrem Leben nach der ersten Chemotherapie ein Ende gesetzt. Aber sie versuchte, am Leben zu bleiben, bis Hannah in die Schule geht. Sie schaffte es nicht.

Dr. Hartmut Treu wurde in Hamburg geboren und wuchs mit seinen Eltern sowie einem zwei Jahre älteren Bruder auf. Er studierte Medizin an der Universität Hamburg und ist Facharzt für Urologie mit eigener Praxis. „Meine Vorfahren waren 350 Jahre lang Pastoren, ich bin also aus der Art geschlagen (lacht). Aber wir sind nie so richtig oft in die Kirche gegangen und das ist auch heute so. Ich bin konfirmiert und meine Eltern beteten jeden Abend mit uns“, erinnert er sich.
Er lebt heute in Hamburg und in seiner Freizeit imkert er.
Lara Treu konnte zu Hause sterben. Die, die sie liebte, waren in diesem Moment bei ihr: ihre Tochter, ihr Mann und ihre Mutter.
Im Interview spricht er über Liebe, die über den Tod hinausgeht; der Liebe zu seiner Tochter und wie die ganze Familie durch die Liebe getragen wurde und Halt fand.


Ich sprach mit Dr. Hartmut Treu über das letzte Jahr als Familie, über den Tod seiner Frau und die Zeit danach.

Wie begann eure Liebe?
Ganz unromantisch über eine Kontaktanzeige. Wir schalteten beide eine und sie antwortete auf meine. Dann telefonierten wir und sie sagte: „Also mit dir kann man gar nicht telefonieren.“ Unser erstes Treffen war sehr zäh. Wir gingen mit ihrem Hund spazieren und erst kam kein Gespräch auf, dann gab es sehr lange Pausen. (lacht)

Wann hast du dich in sie verliebt?
Nicht auf den ersten Blick, das kam peu à peu. Als es soweit war, hatte ich Schmetterlinge im Bauch. Ich vermisste sie schon direkt nach unseren Treffen. Ich habe es ihr aber nicht gezeigt. Sie hätte es jedoch viel lieber gehabt, dass ich ihr romantische Geschichten schicke oder mal Blumen oder so…

Wie seid ihr zusammengekommen?
Ich habe sie während einer Nachtschicht in der Klinik besucht. Wir spielten in der ersten Zeit des Verliebtseins Gesellschaftsspiele und reisten, besonders solche Gegenden, auf die ich ohne sie nie gekommen wäre, wie Sri Lanka. Ich wäre ohne sie auch nie auf die Idee gekommen, einen Tauchkurs zu machen. Das taten wir hier im Schwimmbad. Und dann sah ich mich mit Taucherflasche auf dem Rücken und Bleigürtel um den Bauch auf einem kleinen wackeligen Boot im indischen Ozean und hörte: Spring! Mir selbst sagte ich: Du bist doch komplett irre!

Hat einer von euch einen Heiratsantrag gemacht?
Es entwickelte sich nach und nach, dass wir den Rest unseres Lebens gemeinsam verbringen wollen. Liebe entwickelt sich und irgendwann willst du den anderen nicht mehr hergeben. Lara hat lange auf einen Heiratsantrag gewartet, das war genauso unromantisch wie unser Kennenlernen… (lacht) Wir hatten das Haus gekauft, waren total verschwitzt am Renovieren und ich sagte: Sag mal, eigentlich können wir doch jetzt auch heiraten? Dann guckte ich, ob noch irgendwo eine Flasche Sekt rumstand. Diese Geschichte musste ich mir zu Recht jedes Jahr wieder an unserem Hochzeitstag anhören…

Wie habt ihr geheiratet?
Standesamtlich im Dezember, weil wir dachten, das bringt uns steuerlich etwas, also auch ganz unromantisch und es brachte uns 170 Euro (lacht). Wir dachten, wir holen eine kirchliche Trauung mit einem großen Fest nach, aber dazu kam es nie. Unsere Flitterwochen verbrachten wir im Tauchurlaub auf den Malediven, das war wahnsinnig schön…

Wie sah euer Kinderwunsch aus?
Es war von Anfang an klar, dass wir unbedingt gemeinsam Kinder wollen. Wir haben nicht mehr verhütet und probierten es jahrelang. Mit zahlreichen künstlichen Befruchtungen. Lara wollte auf keinen Fall ein Einzelkind. Nach der Geburt unserer Tochter Hannah gab es noch sechs weitere erfolglose Versuche…

Wie ging es euch damit?
Ich hätte die künstlichen Befruchtungen nicht gemacht. Ich hatte zudem einen Hodentumor… Die erste künstliche Befruchtung, die funktionierte, war eine Fehlgeburt, weil es eine Eileiterschwangerschaft war. Es kam zur Not-OP. Dann machten wir ziemlich schnell weiter. Beim zweiten Mal als es klappte waren es Zwillinge. Und das war immer Laras größter Wunsch! Zwillinge. Beide gleich alt. Was Besseres konnte sie sich nicht vorstellen… Wir waren beide total happy!

Was machte ihr Tod mit eurer Liebe?
Ich habe nach vorne geguckt. Lara und ich trauerten ganz anders. Das ist wohl generell so, dass Frauen in solchen Fällen anders trauern. Bei mir war es relativ schnell so, dass ich gesagt habe es muss weitergehen, es wird weitergehen. Lara war nicht so weit. Im Endeffekt schweißten uns unsere ganzen Schicksalsschläge aber zusammen. Viele Ehen wären daran wahrscheinlich kaputtgegangen.

Wie fandet ihr nach der stillen Geburt der Zwillinge Kraft es nochmal zu probieren?
Der Kinderwunsch war so immens bei Lara. Ich sagte, zur Not werden wir auch zu zweit glücklich. Aber für Lara gab es gar keine Möglichkeit, aufzuhören und die dritte Schwangerschaft war dann Hannah.

Wie ging es euch während der Schwangerschaft?
Das war eine Schwangerschaft, die natürlich nie entspannt war. Wir hatten die ganze Zeit Sorgen, dabei war es eine Bilderbuchschwangerschaft (seufzt).
Wie war es nach Hannahs Geburt? Unser absolutes Wunschkind war da! Lara war die beste Mutter, die es gab! Sie tat immer alles für das Kind. Wir waren verliebt und im Glück. Wir teilten alle Aufgaben von Anfang an.

Wann und wie habt ihr von Laras Erkrankung erfahren?
Sie hatte monatelang Rückenschmerzen. Es war sofort klar, dass sie keine Chance hatte, weil es schon Metastasen gab. Es ging nur noch um den Faktor Zeit. Sie wollte es bis zu Hannahs Einschulung schaffen…

Steht der Brustkrebs in irgendeinem Zusammenhang mit der künstlichen Befruchtung? Diese Frage kann dir keiner beantworten. Wenn du sie fragst, sagen sie alle nein. Wenn man die Beipackzettel der Hormongaben liest, dann glaube ich das schon. Aber für Lara hätte das keinen Unterschied gemacht. Sie sagte zu ihrer Mutter: Auch wenn ich es gewusst hätte, würde ich es jederzeit wieder machen. Und ich meine jeder liest diese Beipackzettel und denkt, mich trifft es nicht. So wie jeder Raucher sagt: Mich trifft das nicht. Niemand sagt deshalb, ich bekomme kein Kind.



Was war das Schlimmste an ihrer Krankheit?
Die Schmerzen und der körperliche Verfall. Nicht mehr für Hannah da sein zu können, Mama ist nicht da. Eifersucht, dass ich alles mit unserer Tochter machen kann und Lara nicht, aber nur ein bisschen, nicht wirklich…

Was war für dich das Schlimmste?
Immer wieder diese tiefe Hoffnungslosigkeit von Lara. Das Leben geht weiter konnte ich ihr ja nicht sagen… Am schlimmsten war es für mich, als Lara nicht mehr da war.

Was war das Schlimmste für Hannah?
Das es Mama immer schlechter ging.
Was half dir? Ich funktionierte einfach nur. Die Praxis reduzierte ich auf vier Tage die Woche. Meine Kollegen hielten mir den Rücken frei, falls ich mal einen Tag nicht da war. Abends nahm ich mir ein bis zwei Stunden nur für mich, zum Lesen, Fernsehen und Nachdenken, wie’s weitergeht…

Was half Lara?
Schwimmen gehen, die Sorge um ihre Tochter setzte unglaubliche Kräfte frei!
Was half eurer Tochter? Alltag war für sie ganz wichtig! Halt geben Hannah ihre beiden Katzen Momo und Jule.

Wie beeinflusste Laras Brustkrebserkrankung eure Liebe?
Es war psychisch und physisch eine Katastrophe, trotzdem schweißte es uns zusammen.

Wie beeinflusste es sie als Mutter?
Sie musste ihre Emotionen vor Hannah verstecken, um sie mit ihren Ängsten und ihrer Trauer nicht zu belasten. Außerdem wurde sie immer schwächer, konnte immer weniger mit unserer Tochter unternehmen, schlief immer mehr. Hanna wurde zum Papa-Kind. Das tat Lara sehr weh (weint). […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung zu lesen.

Glaube, Liebe, Hoffnung

Wir müssen uns nicht wegen unserer Religion bekämpfen, es gibt wirklich Wichtigeres zu bekämpfen, wie Krankheiten!

Frau Sharafian ist Jüdin und in Israel geboren. Seit 46 Jahren lebt sie in Deutschland, in einer Großstadt Niedersachsens. „Ich kam 1973 hierher“, sagt sie. Aus Angst vor Anschlägen möchte sie ihren Vornamen nicht veröffentlichen und wir verwenden ihren Mädchennamen.
Frau Sharafian ging nach Deutschland, weil ihr Mann Deutscher war. „Ich lernte ihn in Israel, in Tel Aviv, kennen. Er absolvierte dort damals seinen Zivildienst“, erklärt sie. Er wollte studieren und konnte Hebräisch sprechen. Doch der Numerus Clausus wäre in Israel für pädagogische Studiengänge zu hoch gewesen. Wegen seines Studienplatzes seien sie dann nach Deutschland gegangen.

„Auf dem Foto oben, das bin ich mit 21 Jahren. Die andere junge Frau ist meine Schwester. Wir sind in Israel bei meinen Eltern und bekamen gerade ein Fohlen. Die Aufnahme machten sie, kurz bevor ich meine Heimat verließ und nach Deutschland ging. Ich liebe sie sehr!“

Wurde ihr mit Vorbehalten begegnet? Die Freunde ihres Mannes wären ihr sehr offen begegnet. Es gab keine negativen Begegnungen. Sie spürte allerdings die Skepsis ihrer Schwiegereltern. Das Schrecklichste in Deutschland sei das erste Essen bei ihnen gewesen: „Es gab Sauerkraut und Bockwurst. Das war wirklich gruselig“, sagt sie lachend. „Meine Eltern hatten viele Freunde in Deutschland, die Auschwitz überlebten. Wir besuchten zum Beispiel eine ungarische Familie, die Ausschwitz überlebte. Sie war meinem Mann gegenüber aufgeschlossen, obwohl er Deutscher war“, erzählt Frau Sharafian.

„Die Familien, die Auschwitz überlebten, wohnten anschließend wieder in Deutschland. Es ist doch so, es waren Deutsche, die ermordet wurden! Und zufällig waren sie Juden.“

Um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, habe ihr ein Freund ihres Mannes einen Job im Altenheim besorgt. Anschließend lernte sie Deutsch und machte eine Ausbildung zur Erzieherin. „Es war schwierig, dass ich kein Deutsch sprechen konnte“, berichtet sie. Heute unterrichtet sie zusätzlich zu ihrer Arbeit im Kindergarten Hebräisch an Schulen und an der Universität. In Kürze geht sie in Rente, die Dozentenstelle an der Uni wolle sie trotzdem auf jeden Fall behalten.
Sie hatte keine Ängste, als sie nach Deutschland. „Ich war neugierig. Erst als die innerdeutsche Grenze geöffnet wurde, bekam ich Angst wegen der Ausländerfeindlichkeit. Ich sah in Hoyerswerder wie Menschen andere Menschen verletzten, das war sehr gruselig!“, erinnert sich Frau Sharafian.
Was gefiel ihr am Besten in Deutschland? Alles sei so schön grün gewesen. Sie kam im Sommer, da sei in Israel alles verdorrt, wegen der großen Hitze. Und die roten Ziegeldächer hätten ihr sehr gut gefallen. Die Bauart in Israel sei eine ganz andere.
„Es ist für jeden Menschen wichtig zu wissen, woher er kommt. Meine Wurzeln sind sehr stark und mir wichtig. Meine ganze Familie lebt in Israel. Nur meine Schwester und ich wanderten aus“, erzählt Frau Sharafian. Ihre Schwester ging mit ihrem Mann, einem Amerikaner, in die USA. „Für meine Familie war das schon schwierig, das habe ich gemerkt, aber sie sagten nichts“, berichtet sie. Sie versuche ihre Familie so oft wie möglich in Israel zu besuchen, mindestens zweimal im Jahr sei sie dort. „Meine Familie ist orientalisch, meine Eltern waren Iraner. Ich habe drei ältere Brüder aus der ersten Ehe meines Vaters. Nachdem seine erste Frau starb, heiratet er meine Mutter und bekam noch drei Töchter. Ich bin die mittlere Tochter“, sagt Frau Sharafian. Ihr Vater und ihre Mutter seien in den 1950er Jahren nach Israel eingewandert. „Das ist die Sehnsucht eines jeden Juden“, erklärt sie. Der Uronkel ihrer Mutter lebte in Jerusalem. Die Verbindung zu Jerusalem sei immer da gewesen. Das lasse sich ewig zurückverfolgen.

Anmoderation Interview Frau Scharafian

Die ersten Jahre ihrer Kindheit habe sie in Jerusalem gelebt. Dann zog die Familie in die Stadt Aschkelon um, nördlich von Gaza-Stadt, an die Mittelmeerküste.
Welche Sprachen spricht sie? „Hebräisch, Persisch, Englisch und Deutsch. Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich mit Englisch verständigt“, sagt Frau Sharafian.
Das Schönste an Israel sei das Wetter, besonders im Vergleich zu Deutschland. Das Essen sei Zeugnis einer frohen Natur. Und das Meer sei traumhaft, aber das wären nur Äußerlichkeiten. In Wirklichkeit sind es die Menschen. Sie wären aufmerksamer als in Deutschland. Man komme schneller miteinander ins Gespräch. Israelis seinen einfach kommunikativer. Die Leute wären hilfsbereiter. Niemand würde an einem Menschen in Not einfach vorbeigehen.

Frau Sharafian spricht über Ihren Glauben.

Sind sie stolz Jüdin zu sein?
Ja, ich bin gerne Jüdin.

Sind sie religiös erzogen worden?
Nein. Das war alles traditionell, die Feste, die Rituale, dass wir kein Schweinefleisch gegessen haben. Das war nicht religiös motiviert.

Wurde Religion bei ihnen an der Schule unterrichtet?
Ja, in Israel wird Religion in der Schule unterrichtet.

Haben sie als Kind an Gott geglaubt, gab es unterschiedliche Phasen in ihrem Glauben je nach Alter und Lebensumständen?
Nein, gab es nicht. Für mich ist Glaube mehr etwas, das mit Tradition zu tun hat. Wenn ich im Ausland war oder es mir nicht gut ging, dann habe ich schon gedacht, dass jemand auf mich aufpasst…

Welche Feste feiern Sie?
In der ersten Zeit in Deutschland gab es in der Stadt, in der ich mit meinem Mann wohnte, noch gar keine Synagoge. Und es gab auch keine Gemeinde. Ich musste 125 Kilometer bis in die nächste Stadt fahren. Der einzige Jude in meiner Stadt außer mir, war der Bürgermeister. In den ersten zehn Jahren unserer Beziehung, haben mein Mann und ich keine jüdischen Feste gefeiert.

Feiern sie heute Weihnachten?
Ja, weil es schön ist!

Was ist ihre Heimat?
Israel.

Woran denken sie bei dem Wort Heimat?
An zu Hause sein. Ich mag auch mein schönes Haus mit Garten in Deutschland, das ich damals zusammen mit meinem Mann angeschafft habe und in dem ich heute alleine wohne. Ich mag meine Freunde. Aber ich denke da, wo man geboren ist, ist zu Hause. Vielleicht ist das aber auch nur so eine Idee und ich würde mich in Israel gar nicht mehr zu Hause fühlen. Das ist schwierig zu sagen. Meine Schwester würde auf die Frage antworten: USA. Aber in den USA ist es auch anders als in Deutschland. Da gibt es einen größeren Zusammenhalt unter den Juden. Und die Nichtjuden wissen besser Bescheid, zum Beispiel kennt man in den USA die jüdischen Feste. Das ist in Deutschland nicht so. Meine Schwester hat eine deutsche Nachbarin und die gratuliert ihr auch zum neuen jüdischen Jahr. Und obwohl ich mit den Kindern im Kindergarten die jüdischen Feste bespreche, gratulieren mir die Eltern nicht zum neuen jüdischen Jahr. Das ist in den USA selbstverständlich.

Was ist Israels größte Stärke?
Die Vielfalt. Es sind die Menschen aus vielen, vielen Ländern. Und die Kreativen. Jeder kommt mit Digitalität klar und entwickelt etwas Neues daraus. In Israel bauen sich die Menschen ihre Zukunft. Das ist eine gute und notwendige Stärke. Sehen sie, die Ausschwitzüberlebenden haben sich nicht die Vergangenheit angeguckt, das wäre gar nicht möglich gewesen! Sicherlich, teilweise haben sie die Vergangenheit auch verdrängt, aber vor allen Dingen haben sie immer nach vorne geschaut! Niemals rückwärts, sondern immer vorwärts. Sehen sie sich die
Bauhausstadt Tel Aviv an. Jüdische Architekten aus Deutschland errichteten all die Gebäude im Bauhausstil.

Was ist die größte Schwäche Israels?
Die ganze Religiosität bedeutet Schwäche. Ich meine damit das
ultraorthodoxe Judentum. Das spaltet.

Spendet Glaube ihnen bei schwierigen Aufgaben Kraft?
Ja.

Tragen sie ein Symbol des Glaubens?
Nein, für mich hat Glaube nichts mit Symbolen zu tun, auch wenn wir für die Feste natürlich bestimmte Leuchter anzünden. Aber das ist insgesamt ein Gefühl, nichts Materielles. […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung zu lesen.

Glaube, Liebe, Hoffnung

Ich habe Angst vor den Waffen unserer Nachbarn!

Sebastian Göbel wohnt mit seiner Frau, zwei Töchtern, zwölf und zehn Jahre alt sowie seinem achtjährigen Sohn in Tomball, Texas. „Wir wohnen in einem typischen amerikanischen Vorort von Houston“, sagt er. Es sei mal eine Kleinstadt gewesen, die mit Houston zusammenwuchs. Die Grenze selbst merke man nicht mehr, aber es gäbe trotzdem noch dörfliche Strukturen.
Sebastian Göbel arbeitet für Hewlett Packard Enterprise. „Ich bin dreimal ausgewandert und dreimal Amerikaner geworden.“ (lacht) Beim ersten Mal ging er in der Nähe von Houston zur Schule und spielte Football. Es war eine großartige Erfahrung für ihn. Beim zweiten Mal ging er an die Universität für sein Masterstudium. Beim dritten Mal war’s für die Schulzeit seiner Kinder.
Er arbeitete auch in Luxemburg und dort hauptsächlich mit Franzosen sowie Belgiern. Jetzt sind es Amerikaner, aber der Unterschied sei nicht groß, da das Unternehmen amerikanisch ist. Die Mitarbeiter seien multikulturell. Sie hätten zwar alle ihren eigenen Background, aber das spiele keine Rolle. „In Luxemburg musste ich morgens erstmal durchs ganze Büro gehen, jedem die Hand geben und dann Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links und Smalltalk halten. Das dauert eine halbe Stunde bevor ich anfangen konnte, zu arbeiten“, sagt er lachend. In den USA dagegen, fange jeder morgens sofort an zu arbeiten. Der Fokus liege ganz klar auf der Arbeit. Das wäre eher ein gesellschaftlicher Unterschied.

„VieleLeute definieren sich in Amerika über die Arbeit. Man wird nicht gefragt: Wer bist du? Was denkst du? woher kommst du? Sondern was machst du? In den USA definieren sich alle sehr über ihren Job.“

Sebastian Göbel habe aber auch gute Freunde in Amerika gefunden. Für ihn sei das nicht viel anders als in Deutschland oder Luxemburg gewesen. „Ich bin im Leben viel rumgehüpft“, sagt er . Aus jeder Phase seines Lebens habe er Freundschaften mitgenommen. Damit die über die Jahre halten, müsse man sie pflegen und sich drum kümmern, ist er überzeugt. Das musste er lernen, aber das sei überall gleich.

Anmoderation Interview Sebastian Göbel

Sebastian Göbel wuchs in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf. Seine Familie war daher nicht religiös unterwegs. Seit er verheiratet ist, geht er mit seiner ganzen Familie jeden Sonntag in die Kirche. Seine Frau ist Journalistin und US-Amerikanerin. Sie kommt von einer Ranch. Ihre Eltern leben, zwei Stunden von Tomball entfernt.

Sebastian Göbel spricht im Interview über seine Hoffnungen und Träume sowie Enttäuschungen und Kämpfe in Bezug auf die USA.

Seit wann träumtest du von den USA?
Das erste Mal während der Schulzeit. Ich spielte seit einem Jahr Football und das war meine große Liebe, so ein toller Sport! Aber um das richtig zu können, blieb für mich nur Amerika. Also bearbeitete ich meine Mutter, mir einen Austausch zu ermöglichen. Ich gab vor, ich müsse unbedingt Englisch lernen (lacht). Das war natürlich nur vorgeschoben. Ich kam nach Texas, in die Nähe von Houston. Dort ging ich auf die High-School.

Was waren deine Hoffnungen, als du das erste Mal in die USA reistest?
Ich lernte die amerikanische Kultur kennen, die sich um den Sport herum entwickelte. Das war eine fantastische Erfahrung. Ich ging in Houston zur Schule, das war ein Traum. Du machst vor der Schule Sport, du hast nach der Schule Training und an den Wochenenden dreht sich alles um die Spiele, einfach großartig! Die ganze Stadt wurde dafür mobilisiert. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung!

Was war das Schönste?
Ich war bei einer fantastischen Familie, die sich ganz viel Mühe gab, die mir alles zeigte und mit der ich heute noch in Kontakt stehe. Meine Frau sagt immer: Die haben dich adoptiert. (lacht)So ist es wirklich beinahe.

Warst du von etwas enttäuscht?
Angst machten mir die Insekten. Die sind zum Teil gruselig. Aber sonst gab es keine schlechten Erfahrungen.

Was war ganz anders, als du es dir vorstelltest?
Ich hatte vorher Horrorgeschichten über das amerikanische Schulsystem gehört und das bestätigte sich für mich überhaupt nicht. Ich wohnte in einem kleinen Dorf. Alle sorgten dafür, dass die Schüler anständige Lehrer hatten und dass die Schüler gute Arbeit leisteten. Das war nicht anders als das, was ich aus Deutschland kannte. Ich lernte aber auch Austauschschüler kennen, für die die Schule der Horror war. Es ist also grundsätzlich möglich, aber nicht immer und überall der Fall. Es gibt die Zweiklassengesellschaft. In Stadtteilen mit Minderheiten können die Schulen ein Problem sein.

Was überraschte dich?
Überrascht war ich davon, dass es so eine große deutsche Kultur gab. Wir machten jeden Freitag eine Tour zu einer anderen High-School. Dabei wurde ich regelmäßig auf Deutsch angesprochen, alle wussten, dass ich aus Deutschland komme. Die Leute waren 65 bis 70 Jahre alt und hatten ihr Deutsch vor dem zweiten Weltkrieg gelernt. Das stirbt langsam aus. Sie fanden es schön, mit mir zu sprechen. Das war diese ganze Einwandererkultur, aber dass sie das Deutsche weiter pflegten und lebten, überraschte mich. Es war wie ein kleines Deutschland und das realisierte ich damals zum ersten Mal.

Wie war es beim zweiten Mal?
Ich wusste, dass ich mir die Studiengebühren in den USA nicht leisten kann. Das waren Summen, die waren unvorstellbar. Also beendete ich in Deutschland mein Studium, arbeitete anschließend drei Jahre und sparte Geld. Zwischendurch lernte ich eine Amerikanerin kennen und wollte auch ihretwegen in die USA, heute ist sie meine Frau.

Wie lerntet ihr euch kennen?
Ich lernte sie in Luxemburg kennen, als ich dort arbeitete. Sie absolvierte ein Sprachprogramm in einer Sommerschule in Bonn. Eine Freundin von mir stellte sie mir vor und wir unternahmen etwas miteinander. Wir blieben in Kontakt und kamen zusammen. Es war eine Fernbeziehung. Ich dachte erst, das klappt nie! Aber im Sommer war ich in Texas und sie kam ein paar Mal nach Luxemburg. Ich folgte ihr in die USA für meinen Master.

Wie ging‘s weiter?
Ich suchte mir nach dem Abschluss einen Job. Wir heirateten und bekamen unser erstes Kind.

Wann wandertest du das dritte Mal in die USA aus?
Dummer Zufall.(lacht) Über den Job bekam ich das Angebot wieder in Luxemburg arbeiten zu können. Meine Frau war schwanger und wir gingen für fünf Jahre nach Luxemburg. Meine Frau spricht Deutsch. In Luxemburg ist alles auf Französisch. Trotzdem überlegten wir lange, wo unsere Kinder zur Schule gehen und aufwachsen sollen.

Was gab den Ausschlag für die USA?
Meine Frau vermisste ihre Familie. Sie hat eine sehr enge Verbindung zu ihren Eltern, allen ihren Brüdern und damals auch noch ihren Großeltern. Sie wollte gerne in ihrer Nähe leben. Sie gab ihren Job auf, als unsere erste Tochter auf die Welt kam. Wenn sie schon nicht arbeitete, wollte sie wenigstens in ihrem Umfeld leben.

Welche Staatsbürgerschaft habt ihr?
Die Kinder haben meine. Ich hatte bis vor einem Jahr nur die deutsche Staatsbürgerschaft, aber da Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft zulässt, haben die Kinder und ich jetzt auch die amerikanische. Meine Frau hat nur die amerikanische.

Wachsen die Kinder zweisprachig auf?
Ich spreche Deutsch, meine Frau spricht Englisch mit ihnen. Meiner Großen gelingt das fließend. Unsere Mittlere spricht fast fließend und der Kleine mag es nicht so gern sprechen, aber versteht alles. Die Kinder gehen in eine fantastische Samstagsschule. Dort lernen sie vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse jeden Samstag drei bis vier Stunden deutsche Kultur, Grammatik und Rechtschreibung. Das bringt total viel. Es ist eine tolle Institution und eine große Unterstützung für mich, so muss ich den Kindern nicht alles alleine beibringen.

Ist es schöner, in Deutschland ein Kind zu sein oder in den USA?
Ist egal. Es kommt auf die Familie drauf an und was dir geboten wird. Glücklich kann man überall sein. Ich bin als Kind in der DDR groß geworden. Wir hatten nix und ich war glücklich. Ich lebte in Hamburg, hatte nix und war glücklich. Was Kinder glücklich macht, ist das direkte Umfeld und die Kontakte, die sie haben.

Lieben Amerikaner anders als Deutsche?
Nein, würde ich jetzt so nicht sagen. Von Frau zu Frau und Mann zu Mann sind die Unterschiede nicht so groß. Man sieht in den USA schon, dass der Partner oder die Partnerin manchmal nur ein Statussymbol ist. Aber das sah ich auch in Deutschland. Das kommt glaube ich auf die Person an. Aus meiner Perspektive betrachtet würde ich das nicht generalisieren wollen. Amerikaner sind mehr auf sich selbst bezogen, die Deutschen haben einen größeren Gemeinschaftssinn. Das hat schon Auswirkungen, aber auf andere Bereiche, nicht darauf, wie man liebt. Das ist ja etwas, das vom Herzen kommt. Da sind die Menschen gar nicht so unterschiedlich. […]

Das vollständige Interview erscheint in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung

Kurzgeschichte

Les Vacances

Flink klettere ich den Felsen hinauf. Vor mir hangelt Jule behände wie ein Äffchen. Gleißend reflektiert das Licht von den weißen Felsen. Ich kneife die Augen zusammen. Die Steine unter meinen Füßen und Händen brennen. Als ich oben auf dem Felsen ankomme, spüre ich den Schweiß auf meiner Haut. Ich stelle mich auf einen Vorsprung, halte kurz die Luft an, dann springe ich. Dabei stoße ich einen kleinen Schrei aus. Ich spüre ein Kribbeln im Magen und tauche tief in das smaragdgrüne Wasser des Felsbeckens ein. Als ich auftauche, läuft es mir in den Mund. Es schmeckt nach Sonnencreme, Haarshampoo und dem Salz meiner Haut. Ich atme die schwere, würzige Luft ein, in der ich einen Hauch Lavendel ausmache. Die Kinder, die hinter mir mit einer großen Fontäne ins Wasser krachen, kreischen begeistert. Sommerferien!

Meine Cousine und ich schwimmen den ganzen Tag in den Felsbecken der Schlucht. Zahllose französische Familien ziehen vormittags in fröhlichen Karawanen los. Sie sind bunt beladen mit Sonnenschirmen, Picknicktaschen und Handtüchern. An den unteren Felsbecken findet sich mittags kein Platz mehr, nicht mal für ein Handtuch. Jule und ich klettern weiter hinauf, dort ist es leerer. Ganz oben sind wir allein. Die Familien schaffen es mit ihrer Ausrüstung nicht bis dorthin. In der Mittagshitze, fällt uns das Atmen beim Klettern schwer. Doch das Kribbeln im Bauch beim Springen, das Glücksgefühl, wenn wir unten ankommen und das erfrischende Nass, berauschen uns. Wir klettern immer wieder hoch. Es ist ein Verlangen, zu springen. Bis wir völlig erschöpft sind. Dann legen wir uns überglücklich auf die heißen Steine und ruhen uns aus.

Wir genießen es, dass hoch oben niemand außer uns ist. Wir sind stolz darauf, dass wir waghalsiger von den Felsen springen, als die gleichaltrigen Jungs an den unteren Becken. Ab und zu springen wir nur deshalb dort unten, um ihre verdutzten Gesichter zu sehen. Wir fühlen uns wie furchtlose Abenteuer.


Jules Eltern, meine Tante und mein Onkel, freuen sich, dass ich sie begleite. Sie nehmen mich seit meinem zwölften Lebensjahr mit in die Sommerferien. Jules ältere Geschwister kommen nicht mehr mit. Sie machen alleine Urlaub mit den Pfadfindern oder fahren ins Sportcamp. Ich bin Klassenbeste und gleichaltrigen Kindern weit voraus. Jules Eltern wünschen sich, dass ihre Tochter so wäre wie ich, aber sich wenigstens für Bücher interessiert. Diese Ferien verbringen wir drei Wochen in einem kleinen französischen Dorf. Meine Tante will ihre kreative Seite ausleben, sie hat einen Töpferkurs gebucht. Wir machen einen Ausflug nach Avignon und besichtigen eine Ausstellung von Auguste Rodin. Ich bin wahnsinnig ergriffen. Seine Skulpturen sehen lebendig aus in ihrer Lebensgröße, aber das ist es nicht. Ich kann ihre Gefühle spüren. Beim Anblick des Le Penseur fühle ich dessen grüblerische Qual. Sie steht so sehr im Kontrast zu seinem starken, männlichen Körper, dass ich spüre, dass er für mentale Arbeit nicht geschaffen ist. Eine erotische Anziehungskraft hat der männliche Körper noch nicht. Das ist ein Mann. Ich bin 14 Jahre alt und stehe auf Jungs. Der Denker wirkt depressiv auf mich. Ich empfinde das als tröstlich, ich bin also nicht die einzige. Ich erlebte nie zuvor beim Anblick einer Statue den Eindruck, dass diese Gefühle haben. Bei Danaid rührt mich ihre Verletzlichkeit. Ich glaube ihre Anmut zu spüren und ihre Hingabe. Gleichzeitig fühle ich eine unendliche Verlorenheit. Ich bin selbst unsterblich verliebt und fühle mich angesichts der Ausweglosigkeit verloren. Er ist älter und will nach dem Abitur zum Studieren in eine Stadt sieben Autostunden entfernt ziehen. Außerdem macht es nicht den Anschein, er könnte in mich verliebt sein… Rodins Skulpturen drücken für mich aber noch mehr aus. Bei Le main de dieu spüre ich es am deutlichsten. Ich vermag es zunächst nicht zu fassen. Es ist ein Funke, der auf mich überspringt. Dieser lässt meine Seele strahlen. Ich spüre eine ungeheure Kraft von ihm ausgehend. Er erfüllt mich ganz. Jule lacht. Ihre Eltern heben die Augenbrauen. Ich spreche nicht wieder darüber.
Wir bummeln nach dem Museumsbesuch durch die Stadt. Es findet gerade das Festival d’Avignon statt, ein Theater-, Tanz- und Gesangsfestival. Ich bin berauscht und weiß gar nicht wohin ich zuerst schauen soll. Ich habe so etwas noch nie gesehen: Pantomime laufen auf Stelzen, weit in den blauen Sommerhimmel ragend, durch die Stadt. Straßenkünstler malen mit Kreiden Gemälde von Vincent van Gogh, Gustav Klimt und Claude Monet. Musikanten spielen Mozarts Kleine Nachtmusik. Eine Gruppe farbiger Franzosen in bunten Kostümen trommelt und tanzt. An Ständen bieten Menschen Kunsthandwerk feil: geklöppelte Tischdeckchen, Töpferware, Aquarellbilder, Silberschmuck, handgeschöpftes Papier… Es gibt ein wunderschönes, altes, hölzernes Kettenkarussell, damit wollen Jule und ich unbedingt fahren! Wir drehen eine Runde, dann noch eine und können nicht mehr aufhören. Wir fliegen nebeneinander in den dämmrigen Abendhimmel, die ersten Sterne leuchten, es ist warm und riecht herrlich nach frisch gebrannten Mandeln. Wir halten uns an den Händen und sind glücklich und frei. Ferien!

Wir wohnen in einem alten, gelbgestrichenen Haus, dessen Fensterläden blau angemalt sind. Davor blühen pinke Rosen und lila Lavendel in Terracottatöpfen. Das Haus ist hoch, schmal und ein wenig schief. Ich bleibe andächtig mit meinem Koffer in der Hand davor stehen und kann mich nicht sattsehen. „Jule, das ist so romantisch, oder?“ bringe ich seufzend hervor. Meine Cousine ist schon nach drinnen gestürmt. Sie brüllt mir zu: „Annie, jetzt mach endlich, wir wollen unser Zimmer doch vor Mama und Papa aussuchen!“ Ich reiße mich los und gehe hinein. Der Raum ist winzig. In der Mitte steht ein großer, alter Tisch, drumherum Stühle, die Wände sind weiß getüncht, das wars. Ich sehe einen Durchbruch zur Küche. Eine Steintreppe windet sich hinauf, von dort schreit Jule: „Mama und Papa wollen das Doppeltbett, wir sollen das Zimmer mit den Einzelbetten bekommen. Das ist mir recht, wir haben einen Deckenventilator und sooooo romantische Moskitonetze über unseren Betten. Jetzt komm doch endlich mal!“ Ich steige die Treppe hinauf und betrete ein geräumiges Zimmer, das zugleich den Flur bildet. Ein Bett steht am Treppengeländer, das andere neben der Tür zum Elternschlafzimmer. Dazwischen prunkt ein antikes Frisiertischen mit dreiteilig-klappbarem Spiegel. Gegenüber liegt die Tür zum Bad. Jule springt Trampolin auf dem Bett, die Federn quietschen, sie wirbelt eine ordentliche Staubwolke auf und jauchzt. Ich öffne die Fensterläden und sehe auf eine wunderhübsche Dachterrasse, die eine Etage tiefer liegt. Das Haus liegt am Hang. Der Blick reicht weit über die hügelige Landschaft der Provence, die im Dunst der Dämmerung unendliche Lilaschattierungen hervorbringt. „Wow“, entfährt es mir, ich bin sprachlos! Die Terrasse ist von einer weiß getünchten Mauer eingefasst. In Kübeln wachsen üppige Pflanzen, ich kenne ihre Namen alle, da meine Mutter sie liebt und regelmäßig verzweifelt, weil sie im kühlen, deutschen Norden nicht gedeihen: Oleander, Hibiskus, Zitronen-, Orangen- und Olivenbaum, Hortensien, Lavendel, Kletterrosen, Sonnenblumen und Tomaten. Jule springt mit einem großen Satz neben mich, gerät ins Wanken, krallt sich an mir fest und wir stürzen beinahe die Treppe hinunter. Sie ruft: „Geil, da sind Zitronen, Orangen, Tomaten und Oliven, die müssen wir ernten!“ Schon rennt sie die Treppe hinunter. Ihr Vater ruft: „Jule, das sind nicht unsere, wir müssen erst fragen!“ Ich gehe hinter Jule her. Wir betreten die Terrasse über die Küche. Diese bildet witziger Weise den größten Raum im ganzen Haus. Es gibt einen riesigen Herd, die Wände sind ringsherum mit offenen Regalen verkleidet, in denen sich getöpfertes Geschirr, neben Gläsern mit selbstgemachter Konfitüre stapelt. Es finden sich außerdem eingelegte Oliven, Kochbücher, Wein- und Wasserkaraffen, selbstgenähte bunte Tischdecken, Sets und Brotkörbe, Flaschen mit verschiedenen Essigsorten und kleine Gläser mit Korken verschlossen, auf denen die verschiedensten Gewürznamen stehen. Ich staune. Jule ruft schmatzend von draußen: „Annie du wirst irre! Hier gibt es tausend verschiedene Gewürztöpfe.“ Ich trete auf die Terrasse. Ein warmer Wind streichelt meine nackten Schultern. Ich rieche ein Gemisch aus Minze, Thymian und Lavendel. Der Innenhof ist so zugewachsen und vollgerankt, dass er wie ein verwunschener Garten aussieht. Eiserne Tische und Stühle stehen in seiner Mitte. Vögel zwitschern. Jule sagt: „Augen zu, du musst raten!“ Schon stopft sie mir etwas in den Mund. Das ist einfach für mich: „Basilikum!“ Ich öffne die Augen und lache über ihr verdutztes Gesicht. Aus dem Fenster über uns beugt sich meine Tante und sagt: „Mädchen, macht euch bitte frisch, wir gehen gleich zum Abendessen.“ Sie hat den Töpferkurs mit Halbpension gebucht. Eine deutsche Auswanderin töpfert, ihr französischer Mann kocht abends für alle. Wir laufen ein kurzes Stück durch das Dorf. Es scheint ausgestorben und wie aus einer anderen Zeit. Wir begegnen keiner Menschenseele. Die Straßenlaternen leuchten gelb und scheinen milchig in die Abenddämmerung. Grillen zirpen. Die Fensterläden der Häuser sind verschlossenen. Ob noch wegen der Mittagshitze oder weil dort niemand mehr wohnt, lässt sich nicht sagen. Der Putz blättert überall ab. Wir erreichen ein großes Gebäude, das aussieht wie ein alter Stall. Durch ein Scheunentor betreten wir es. Ah, hier wird getöpfert. Zehn Töpferscheiben stehen in einem großen Kreis. Auf einigen liegen angefangene Sachen, ich erkenne nicht, was es mal werden soll. Auf großen Tischen stehen Tassen, Becher, Teller Vasen, alle in weiß. Daneben liegen Tonklumpen in feuchtes Leinen gewickelt. An einer Wand steht ein riesiger Pizzaofen. Meine Tante lacht: „Das ist der Brennofen, wenn er voll ist, wird er angeworfen.“ An der gegenüberliegenden Wand sind Regale bis zur Decke geschraubt. Dort hängen Tassen und Becher an Haken, es stehen Schüsseln, Kannen, Vasen und Krüge auf Brettern. Sie sind in dunkelblau, türkisgrün, weiß, lavendel und hellgrün lasiert. Die meisten einfarbig aber es finden sich auch Tupfen, Streifen und Muscheln. Mein Herz macht einen Hüpfer, ich will töpfern! „Jule, du auch?“, frage ich sie. Sie ist schon durch die nächste Tür nach draußen gerannt und ruft: „Nee, was soll ich denn mit den ganzen Töppen?“ Ich folge ihr und bleibe gleich wieder stehen. Ein riesengroßer alter Olivenbaum steht in der Mitte des Hofes. Unter ihm ist eine lange Tafel gedeckt. Sie biegt sich durch die Last der Unmengen an Schalen und Töpfen mit Essen, Karaffen mit Wein und Wasser, Körben mit Baguette, Etageren mit Maccarones und Eclairs. Etwa zwanzig Erwachsene halten Gläser in den Händen, stehen um den Tisch und unterhalten sich ausgelassen. Es ist schon dunkel. Von dem Olivenbaum zu den Mauern hängen Lichterketten. Auf dem Tisch stehen Windlichter. Im Baum hängen Windspiele. Zwischen den Erwachsenen toben rund zehn Kinder und Jugendliche wild und laut lachend, Jule mittendrin. Dieser Sommer ist für mich eine Offenbarung: Es sind mes Vacances!

Nach den Ferien werde ich in die achte Klasse gehen. Ich habe lange rotblonde Locken, die mir über den Rücken fallen. Mein schmales Gesicht wirkt dadurch noch länger. Von meinem Vater erbte ich die Sommersprossen. Wenn ich lache, breitet es sich von meinen Augen, über meine Wangen und das ganze Gesicht aus und steckt jeden an. Das weiß ich von meiner Oma, sie hat dieses Lachen auch und sagte es mir. Von meiner Mutter bekam ich den großen Busen, für den ich mich schäme. Ich war das erste Mädchen in der Klasse, das Brüste bekam. Ich war zehn! Ich trug einen engen Balettanzug im Sportunterricht und saß in der Turnhalle auf der Holzbank vorm Fenster. Meine beste Freundin saß neben mir und roch nach ungewaschenem Po. Ich schämte mich für sie. Die Jungs, die ein paar Plätze weiter saßen, kicherten, standen auf, lachten, schauten zu uns rüber. Ich war immer noch mit dem Pogeruch beschäftigt. Unsere viel zu weißen Füße steckten in Ballerinaschuhen. Meine Freundin trug ebenfalls einen eng anliegenden Ballettanzug. Aber sie hatte keine Brüste. Ich stierte sie an, aber es war wirklich nicht mal in Erbsengröße etwas zu sehen. Ich seufzte. Meine Brüste waren kirschgroß und -rund, sie zeichneten sich deutlich unter dem straff gespannten Stoff ab. Eine Horde wild gewordener Jungs stürmte auf uns zu, machte Halt, begaffte uns, rannte wieder zurück und brüllte dabei: „Igitt, die hat schon Titten!“ Dann brachen sie in Lachen aus. Meine Freundin senkte verlegen den Kopf. Unsere Lehrerin kam aus dem Geräteraum zu uns herüber, wusste nicht was los war und begann mit dem Unterricht: Bockspringen. Darin bin ich eine Granate. Es lenkte mich ab. Erst in der Umkleidekabine dachte ich wieder an die Scham. Ich nähte mir aus Dauerelastischenbinden einen Brustwickel, so straff, wie ich es ertrug, damit man meine Brust nicht mehr sah. Darüber trug ich fortan weite T-Shirts. Eine Weile ging das gut. Irgendwann war mein Busen jedoch so groß, dass er keinen Halt hatte und mich am Hüpfen, Springen und Rennen hinderte. Bisher war ich das schnellste Mädchen der Klasse. Nun war ich nur noch unglücklich. In den ersten Ferien mit meiner Cousine fahren wir auch einmal an einen Nacktbadestrand am Mittelmeer. Ich schäme mich so sehr, dass ich die ganze Zeit auf dem Bauch liege und nicht einmal schwimmen mag. Ich sterbe fast vor Hitze. Wozu bekam ich diesen bescheuerten Frauenkörper? Ich bin ein Kind! Ich will nackt Ball spielen und mich frei fühlen…
Mit zwölf Jahren bekomme ich als erste meine Regel. Ich denke mein Körper spinnt total. Ich traue mich nicht, mit jemandem darüber zu sprechen und bastelte mir Binden aus Klopapier. Doch das hält natürlich nicht, Schlüpfer und Jeans sind voller Blut. Als meine Tante und mein Onkel in jenem Sommer Ausflüge machen wollen, gebe ich vor krank zu sein und lege mich eine Woche ins Bett. Es gibt keine Waschmaschine in unserer Unterkunft und ich habe nur noch eine lange Hose. An Röcke und Kleider ist in meinem Zustand gar nicht zu denken. Außerdem habe ich so starke Unterleibskrämpfe, dass Liegen das einzig erträgliche ist. Und Selbstbefriedigung. Das löst die Krämpfe. Ich hasse meinen Körper. Ich will kein Baby. Die Blutung ist klumpig. Etwa aprikosengroße Blutbälle arbeiten sich durch meinen Unterleib. Ob so ein Baby bei der Abtreibung aussieht? Aber ich hatte noch nie Sex, es kann also kein Baby sein. Ich bin gefangen in einem Frauenkörper…
Ich schaue durch einen Spalt der geschlossenen Fensterläden. Noch ist es herrlich kühl draußen. Heute Nachmittag wird es wieder 40 Grad heiß sein. Ich gehe duschen und will mich rasieren. Meine Körperbehaarung, die seit diesem Sommer dazu kommt, scheint das einzige zu sein, bei der ich es besser traf, als die anderen Mädchen in meinem Umfeld. Jule hat schwarzes dichtes Haar unter den Achseln, auf ihrer Vulva und an den Beinen. Und zwar nicht nur an den Schienbeinen wie ich, sondern selbst auf auf der Rückseite ihrer Oberschenkel kräuseln sie sich. Das ist echt gemein! Sie muss täglich rasieren, sonst kann sie keine kurzen Hosen tragen. Beim Abendessen fragte sie gestern ein Mädchen, das etwas jünger ist als wir, laut und so, dass es alle hören konnten: „Jule, du hast ganz viele Hundehaare an den Beinen! Soll ich die abklopfen?“ Jule lief Tomatenrot an und schrie: „Nein du blöde Kuh, das sind keine Hundehaare, sondern meine eigenen und die gehören da hin!“ Dann spielte sie weiter. Ich war beeindruckt. In der Dusche stehend sehe ich jetzt allerdings, dass es sie doch nicht kalt gelassen hat. Mein Rasierer ist mit kurzen, schwarzgelockten Haaren verstopft. Ich stöhne. Jule, das ist echt eklig, das sauber zu machen! Ich schaue an mir herab. Meine Haare sind dünn, blond und glatt, Jule findet sie unsichtbar. Ich sehe natürlich trotzdem jedes noch so kleines Härchen ganz genau. […]

Die vollständige Geschichte erscheint mit weiteren meiner Kurzgeschichten.

Kurzgeschichte

Mutter

„Akwaaba!“ „Wose? Ka yo bio?“ ƐnyƐ hwee!“ Große, fast schwarze Augen schauen mich an. Freundlich, beinahe sanft ruhen sie auf mir. Der Mund formt ein geduldiges Lächeln. Die Haare sind eng am Kopf geflochten. Die Frau ist groß, genauso groß wie ich. Sie trägt ein farbenfrohes Kleid, das hinunter bis zu ihren Füßen reicht, die in Flipflops stecken. Auf dem Kopf balanciert sie einen Topf mit Wasser. Um die Brust hat sie ein Tuch gewickelt. Daraus schauen an ihrer Taille winzige rosafarbene Füßchen hervor. Mein Herz kribbelt vor Glück. Sie bemerkt es vor mir. Ihre Hände greifen hinter ihren Rücken nach dem Baby. Seine Augen schauen ebenso so sanft, wie die seiner Mutter. Sie fragt, ob sie mich berühren dürfe, sie habe noch nie weiße Haut angefasst. Ich nicke. Sie streichelt mich. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass die Berührung einer fremden Frau so angenehm sein kann. Sie fragt mich, ob ihr Baby mich anfassen dürfe. Ich nicke wieder. Sie nimmt die winzige Hand in ihre, spricht leise ein paar Worte, singt sie eigentlich eher und führt die Fingerchen auf meinem Arm auf und ab. Das Baby quietscht vergnügt. Ein warmes Lachen fließt aus mir. Bin das wirklich ich? Immer mehr Mütter umringen uns, auf dem Rücken ihre Babys tragend, auf dem Kopf Körbe mit Brot oder Wannen mit Wäsche oder Töpfe mit Fufu. Die fremde Frau hält mir ihr Baby hin, damit ich es auf den Arm nehmen kann. Ich erwarte, dass es anfängt zu weinen, sobald es von seiner Mutter getrennt ist. So kenne ich es aus Deutschland. Aber das Baby schaut mich nur neugierig an. Ein Gefühl tiefer Liebe durchströmt mich. Die Mutter lacht mir zu und fragt, ob sie meine Haare anfassen könne. Natürlich! So weich, findet sie die. Sie nimmt die Hand ihres Babys, ich senke den Kopf. Das Baby zieht an meinen Haaren und gluckst vergnügt. Akwaaba, fühle ich auf meiner Haut. Akwaaba, höre ich im Lachen. Akwaaba, rieche ich im Duft der orangefarbenen Erde. Akwaaba, schmecke ich im Fufu. Akwaaba, sehe ich in den Gesichtern.

Als wir uns das erste Mal begegnen, ist sie mir unsympathisch. Sie ist übergewichtig, schmatzt lustlos auf einem Kaugummi, schaut gelangweilt weg, wenn ich ihr etwas erkläre. Antwortet: „Ye, ye“, wenn ich sie etwas frage. Von sich aus sagt sie nichts. Ich bin völlig verunsichert. Ich brauche dringend Hilfe. Anfangs kommt sie vier Stunden. Küche und Bäder putzen, saugen, wischen. Die Zeit reicht nicht. Ich denke, sie ist langsam. Ich einige mich mit ihr darauf, dass sie wöchentlich im Wechsel Erdgeschoss und den ersten Stock reinigt. Das kommt mir zu pass, da ich nicht alles auf einmal aufräumen muss. Ich arbeite selbständig, meist von Zuhause. So habe ich meine Ruhe, dort, wo sie gerade nicht werkelt. Wir sprechen nicht miteinander. Es ist mir unangenehm, dass sie mein Bett nach einer Liebesnacht neu bezieht, den Eimer mit Damenbinden leert, mein „Gebiss“, wie ich meine Plastikschiene zum nächtlichen Verhindern des Zähneknirschens spöttisch nenne, aus dem Zahnputzbecher nimmt, um diesen zu reinigen. Sie trägt Handschuhe. Sie bürstet die Bremspuren in der Kloschüssel. Sie stopft blutverkrustete Unterhosen in die Waschmaschine. Die Geräusche, die sie dabei macht, stören mich. Ich kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Ich höre Klodeckel klappen, Staub saugen, Schritte die Treppe knarzend hoch und runter laufen, den Wischmopp im Eimer stampfend auswringen, die Haustür öffnen und schließen, Geschirr klappern. Wenn sie fertig ist, kommt sie Kaugummi schmatzend an meinen Schreibtisch, knallt mir einen Zettel auf meinen Laptop und sagt: „I’m finish“. Ich zeichne ihre Stunden für die Agentur ab. Sie geht grußlos. Wenn sie weg ist, finde ich meine Sachen nicht an ihrem Platz. Ich ärgere mich. Kompost füllt die Papiermülltonne. Die Abfallwerker werden sie wieder nicht mitnehmen. Ich hänge kopfüber darin, um matschige Bananenschalen, verschimmelte Essensreste und Kaffeekrümel heraus zu fischen. Ich erklärte es ihr gefühlte hundert Male, dass es wirklich nervig sei, vergeblich. Wolle schrumpft im 60 Gradwaschgang, Teflonpfannen werden blitzsauber im Geschirrspüler und verlieren jegliche Beschichtung. In den Zimmern hängt der Geruch von Schweiß.

Wenn wir Urlaub haben, kommt sie trotzdem um sechs Uhr. Sie klingelt, fängt im Schlafzimmer an und macht die Betten. Anfangs kommt sie ohne Klingeln ins Haus. Ich erleide fast einen Herzinfarkt, als sie vor mir steht. Es dauert Monate, bis sie sich ans Klingeln gewöhnt. Ich werde Mutter.

Es gibt den siebten Tag in Folge Reis ohne Beilagen und Soße. „Eure Mami ist ein zähes Luder. Das sagte schon meine Austauschülerin als ich von morgens bis abends ohne Pause, Essen oder Trinken durch Paris lief“, sagt sie belustigt und stolz. Wir drei Kinder essen schweigend. Wir stellen das nicht in Frage. Wir stellen sie nicht in Frage.
Als mich mein Freund im Studentenwohnheim besucht und fragt: „Wieso hast du nichts zu Essen im Kühlschrank?“ Lautet meine Antwort: „Wieso, ich habe doch Reis und Nudeln.“ Er zieht eine Augenbraue hoch und fragt: „Und das isst du trocken? Gehst du wenigstens in die Mensa?“. Ich zucke mit den Achseln und antworte: „Ich gehe nicht mit den anderen in die Mensa. Es ist mir zu teuer. Pommes sind mir zu ungesund, außerdem bin ich Vegetarierin.“ Er geht einkaufen und kommt mit Obst und Gemüse, Joghurt und Milch, Brot und Käse, Tomatensoße und Pizzaböden, Milchreis und Apfelmus zurück. „Heute lade ich dich zum Essen ein“, sagt er lachend. „Ich habe auf dem Weg zum Supermarkt jede Menge Bars und Bistros gesehen. In denen wird ein Student nicht arm.“ Ich schäme mich, bin dankbar und beeindruckt von ihm.
Mein älterer Halbbruder sieht mich bestürzt und verwundert an: „Aber unser Vater hat deiner Mutter jeden Monat Unterhalt überwiesen, bis du 18 Jahre alt warst! Wusstest du das denn nicht? Ich habe die Ordner mit den Zahlungen alle für dich aufgehoben.“ Ich will sie nicht sehen. Er kann sie behalten. Ich schäme mich und fühle mich vorgeführt.
Meine Mutter mietet in einem gehobenen Hamburger Stadtteil ein Haus, mit einem riesigen Garten. Sie kauft Seide aus China, mehrere Ballen. Sie kauft einen Schredder, für den Garten. Sie mietet in den Ferien Häuser in Dänemark, mit Solarium. Sie kauft sich eine elektrische Saftpresse, für ihre Diät. Sie kauft eine Küchenmaschine, zum Salatraspeln. Sie kauft ein Service von Villeroy & Boch, das Auge isst schließlich mit. Sie kauft ein weißes Samtsofa, für die Abende vorm Fernseher. Sie kauft ein Tischsolarium, für die Bräune im Winter. Ich brauche neue Unterhosen, die alten haben Löcher. Wir haben kein Geld, wir können sie nicht kaufen. Ich fürchte den erneuten Hohn und Spott meiner Mitschüler. Ich schwänze den Sportunterricht. „Muschi, ich gehe heute zur Post und gucke ob in meinem Fach ein Brief angekommen ist, in dem steht, dass das Kindergeld bald überwiesen wird. Dann bestelle ich uns ein großes Paket bei Otto, mit lauter schönen Anziehsachen. Notfalls stottere ich das in Raten ab und wir essen Reis ohne Soße“, sie freut sich über ihren Witz. Wieso hat sie ein Postfach? Meine beiden jüngeren Brüder wollen bis heute nichts davon wissen.

„Gyae, gyae, gyae!“ Auf dem Markt gibt es alles zu kaufen. Ich meine nicht alles, was man braucht, sondern wirklich alles. Gemüse, Obst, Kühlschränke, Hühner, Kühe, Ziegen, Autos, Medikamente, Gewürze, Kochbananen, Holz, Wellblech, Körbe, Wannen, Töpfe, Schuhe, Kleidung, Taschen, Maniok, Yam, Fernseher, Handys, Kunsthaar, Ananas, Kokosnüsse, Werkzeug… Ich bin überwältigt. Händler preisen mir rufend ihre Ware an. Frauen singen und tanzen beim Lobpreisen. Männer stampfen mit den Füßen, legen den Kopf in den Nacken, ihren Kehlen entrinnen fremdartige Vogelrufe. Es riecht stark nach Essen, Gewürzen und Schweiß. Es ist heiß, sehr heiß. Die Sonne sticht. Ich brauche was zu trinken. Es gibt überall Kühlschränke mit Coca-Cola-Flaschen. Sie sind an laufende Pickups angeschlossen oder an kleine Generatoren. Die Cola ist teuer. Außer reichen Ausländern scheint sie sich keiner leisten zu können. Also wozu? Stolz, es ist stolz etwas präsentieren zu können! Stolz auf das, was zu dem Leben gehört, von dem alle träumen. „Deutschland, da wo du herkommst, das ist doch das Paradies. Ihr habt alles wovon wir träumen. Euch mangelt es an nichts. Ihr könnt euch so viel Cola leisten wie ihr wollt. Kannst du mich nicht mitnehmen nach Deutschland?“, Andrew lacht mich an. Der Schweiß perlt auf seiner Stirn. Er wischt ihn sich mit dem Ärmel seines blauen Overalls ab. Seine Hände sind ölverschmiert. Er hat versucht, den Bus, mit dem ich zum Markt fuhr zu reparieren, ohne Erfolg. Er wollte mir ein bisschen was zeigen und ein Ersatzteil auf dem Markt besorgen. Er ist nicht aufdringlich. Trotzdem bin ich unangenehm berührt. Ich sage ihm, dass die Afrikaner, die ich in Deutschland kennenlernte, häufig darunter leiden, dass die Deutschen sie nie anlachen, immer griesgrämig seien und am liebsten für sich bleiben. Außerdem sei das Wetter so unglaublich schlecht. Andrew schaut mich kopfschüttelnd an: „Es ist das Paradies, was willst du mehr?“ Ein Mann schubst mich im Vorbeirennen zur Seite. Ich lasse mir an einem Stand Rastazöpfe flechten. Es ziept entsetzlich. Und es dauert Stunden. Die beiden Frauen, die meine Haare bearbeiten, tragen im Tuch auf dem Rücken jede ein Baby. Ich höre die ganze Zeit nicht einen Mucks. Die eine kämmt das Kunsthaar im sitzen und teilt es in dünne Strähnen, die andere flicht das Kunsthaar im Stehen in meine Haare. Mücken schwirren um mich. Ich versuche sie zu verscheuchen. Ich habe mich gründlich mit Insektiziden eingesprüht und nehme Malariaprofilaxe. Dennoch reagiere ich panisch, wenn sie mich stechen. Es gibt unzählige Krankheiten, die sie übertragen können. Besonders hier, bei dem tropisch-feuchten Klima, mit unzähligen Pfützen, die sich auf den gelben Lehmpisten sammeln und im dichten Menschengedränge. Ich bereue meinen Entschluss mit den Rastazöpfen. Eine Horde Menschen rennt am Stand vorbei, laut schimpfend, die Fäuste zum Himmel gereckt. Warum sind sie so aufgebracht? Jemand hat an einem Stand Kochbananen geklaut. „Und alle rennen hinter dem Mann her?“ frage ich. „Ja! Es gibt viele hungrige Mäuler. Würde man sie alle gewähren lassen, ermuntert das immer weitere. Die Standbesitzer haben Zuhause selbst eine darbende Familie, die sie ernähren müssen“, sagt die schlanke Frau in ihrem eng ansitzenden Kleid mit ruhiger, gutmütiger Stimme und zieht dabei an meinen Haaren, um sie in den nächsten Rastazopf einzuflechten. Am nächsten Tag lese ich eine Randnotiz in einer englischsprachigen Zeitung: Lynchmord auf dem Markt nach Diebstahl von Essen. Rund hundert aufgebrachte Männer und Frauen prügelten einen Mann nach dem Diebstahl von Kochbananen zu Tode. Er hinterlässt seine Frau und sieben Kinder. Die Regierung verurteilt Selbstjustiz, die Polizei gehe dagegen vor. Unglaubliches Grauen lässt mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

Als ich einen dicken Babybauch zum Ende meiner Schwangerschaft vor mich herschiebe, erhöhe ich ihre Stunden auf sechs pro Woche. Es reicht immer noch nicht. Irgendwann fragt sie mich, ob ich ein Baby erwarte. Es ist nicht nur die erste an mich gerichtete Frage, es ist die erste persönliche Ansprache überhaupt. Als ich bejahe, ändert sich ihre Körpersprache komplett. Sie strahlt übers ganze Gesicht, als sie auf Englisch sagt: „Ah, das habe ich schon geahnt. Eine Mutter spürt so etwas mit dem Herzen.“ Sie breitet ihre Arme aus, wie zur Liebkosung. Ihre Augen funkeln. Von nun an fragt sie mich jedes Mal nach dem Baby und hält einen kleinen Plausch. Sie ist gut gelaunt. Ihre Gegenwart stört mich nicht mehr. Als ich mit einem Taxi unter Wehen ins Krankenhaus zur Entbindung fahre, wünscht sie mir viel Glück, ruft immer wieder: „God bless you“ und wirft mir Kusshändchen nach. Ich bin gerührt und in meinem Umstand ohnehin schon nahe am Wasser gebaut, so dass ich den Tränen freien Lauf lasse. Der Taxifahrer versucht mich aufzumuntern: „Kindchen, das wird schon alles gut gehen! Ich habe so viele Frauen ins Krankenhaus gefahren und wir sind nie zu spät gekommen. Ich gebe Gas“. Was folgt, bringt meine Nerven, die einem seidenen Faden gleichen, noch mehr unter Spannung. Als ich entlassen werde, schickt uns die Agentur zum ersten Mal eine Vertretung. Es ist die Nichte. Ich erfahre den Namen meiner Hilfe: Jeanny. Es ist ihr englischer Name, ihren Afrikanischen werde ich nie erfahren. Dafür aber ihre Geschichte. Jeanny bekommt zwei Kinder in Ghana, einen Jungen und ein Mädchen. Ihr Ehemann verlässt sie kurz nach der Geburt des zweiten Kindes und lässt sich nie wieder blicken. Jeanny ist alleinerziehend, arbeitet viel und hart, um ihre Familie zu ernähren. Aber es reicht nicht, um die Kinder auf‘s Collage zu schicken. Sie will, dass aus ihnen mal etwas wird, im Gegensatz zu ihrer Mutter. Jeanny nimmt von niemandem Geld oder Hilfe an. Als ihr Sohn 16 Jahre alt ist und ihre Tochter 14, geht Jeanny nach Europa. Zahlreiche ghanaische Verwandte wanderten über Acra nach Italien aus. Daher ist es Jeannys erster Anlaufpunkt. Ihre Mutter verspricht, ein Auge auf ihre Enkelkinder zu werfen. Ein paar Familienmitglieder zog es weiter von Italien nach Deutschland. Dort gibt es gerade einen richtigen run nach Haushalthilfen. Wer ein konkretes Arbeitsangebot nachweisen kann, bekommt eine Aufenthaltserlaubnis. Jeanny nimmt eine Stelle in Hamburg an und kommt bei Verwandten in Wilhelmsburg unter. Dort gibt es günstigen Wohnraum. Zu ihrer Arbeit braucht sie jeden Tag über eine Stunde hin und noch mal wieder zurück, weil die Stadtteile mit der wohlhabenden Kundschaft nicht um die Ecke liegen. Sie kommt nicht ein einziges Mal auch nur fünf Minuten zu spät. Sie ist nie krank. Sie nimmt nie Urlaub. Sie beschwert sich nie. Als ihr Sohn 18 Jahre alt ist, stirbt er an einer Überdosis. Jeanny erscheint zum ersten Mal nicht bei der Arbeit…
Ich frage ihre Nichte, wann die Beerdigung sei und wie lange Jeanny in Ghana sei. Sie schüttelt stumm den Kopf. Sie erklärt mir, dass ihre Tante nicht zur Beisetzung ihres Sohnes fliegen werde, da die Flüge so kurzfristig zu teuer sind. Sie will das Geld lieber für ihre Tochter sparen. In der darauffolgenden Woche steht Jeanny wieder um sechs Uhr bei uns im Haus und macht sich an die Arbeit. Sie erwähnt den Tod ihres Sohnes mit keinem Wort. Ich weiß, dass sie es nicht tut, um mich damit nicht zu belasten. Die Demuth und Tapferkeit dieser anfangs so stummen Dienerin treiben mir Tränen in die Augen. Sie verließ ihre Kinder, damit sie ein besseres Leben haben als sie selbst. Nun scheint dieses Opfer vergebens, so sehe ich es. Aber sie kämpft weiter klaglos für ihre Tochter. Ich wende mich schnell ab, denn meine Betroffenheit würde sie bekümmern. Als wir uns das nächste Mal sehen, gebe ich ihr das Geld für den Flug. Wir schauen uns in die Augen. Ich sehe ihren Schmerz, eine Trauer, die nur Mütter fühlen können. Sie scheint greifbar zwischen uns. Wir umarmen uns. Stumm laufen unsere Tränen über unsere Wangen.

„Was hast du heute für Hausaufgaben auf?“, fragt sie mich, während sie in der Küche hantiert. „Deutsch, wir müssen einen Aufsatz aus der Perspektive eines Tieres schreiben“, antworte ich gequält. „Oh fein, das klingt doch super! Ich helfe Dir“, sagt sie vergnügt. Ich hole meine Schulsachen und lege sie auf den Esstisch. Ich bin eine gute Schülerin, aber entsetzlich schüchtern. Der Gedanke daran, meine Geschichte morgen vorlesen zu müssen, löst heute schon schweißnasse Hände, Kopfschmerzen und starkes Unwohlsein bei mir aus. Meine Mutter setzt sich an den Tisch und liest sich die Aufgabe durch. „Toll, ich liebe solche Aufgaben,“ sie nimmt einen Zettel aus der Schublade hinter sich und einen Stift aus einer Dose, dann macht sie sich ans Werk. Sie schreibt eine Geschichte aus der Perspektive einer Katze. Eine halbe Stunde lang spricht sie kein Wort. Dann legt sie den Stift zur Seite, reibt sich zufrieden die Hände und sagt voller Stolz zu mir: „So, jetzt brauchst du die Geschichte nur noch in dein Heft abzuschreiben.“
Ich gewinne beim Vorlesewettbewerb in meiner Klasse. Dann in meiner Stufe, zum Schluss an unserer Schule. Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Ich kann mich an diese Momente nur vage erinnern. Zu Beginn raste jedes Mal mein Herz, kalter Schweiß brach aus, ich zitterte am ganzen Körper, ich sah alles nur noch verschwommen, Geräusche klangen dumpf, dann verließ ich meinen Körper und sah mich von oben und ganz weit weg. Was anschließend folgte, erinnere ich nicht mehr. Ich gewinne den Schulwettbewerb und soll für unsere Schule mit Schülerinnen und Schülern aller anderen Schulen Hamburgs um die Wette vorlesen. Allein beim Gedanken daran fühle ich mich krank. Ich sage zu meiner Mutter: „Ich kann das nicht. Ich fühle mich schrecklich, wenn ich nur daran denke.“ Sie breitet ihre Arme aus und zieht mich an ihren großen Busen. Da ich inzwischen größer bin als sie, muss ich mich bücken. Ich lasse mich wie in ein weiches Kissen, tief hineinfallen. „Mein armes Puschilein. Natürlich musst du da nicht hingehen. Ich rufe in der Schule an und sage du bist krank“, flötet sie mit sanfter Stimme, während sie mir über den Kopf streichelt.
Als ich Anfang 19 Jahre alt bin, in meinem letzten Schuljahr vor dem Abitur, fühle ich mich viel zu alt für die Schule, für Hausaufgaben und um mir etwas von meinen Lehrern sagen zu lassen. Ich habe keine Idee, wohin mich mein künftiges Leben führen wird und will einen sozialen Dienst ableisten. Erstmal weg von Zuhause. Erstmal auf eigenen Beinen stehen. Etwas Gutes tun, die Welt retten, dann wird sich mir schon ein Weg auftun, hoffe ich und habe wahnsinnige Angst. Ich bewerbe mich schriftlich in einem Nationalpark als Rangerin. Ich werde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich soll beim Leiter des Nationalparks anrufen und mich zu einem Gespräch mit ihm verabreden, steht in dem amtlichen Schreiben, das ich mit der freudigen Botschaft erhalte. Sofort quäle ich mich wieder. Ich kann da nicht anrufen, ich schaffe das nicht. Ich sage es meiner Mutter. „Ist doch kein Problem“, trällert sie fröhlich. Sie geht zum Telefon und ruft beim Leiter des Nationalparks an. Sie unterhält sich 20 Minuten mit ihm über mich. Dabei wirft sie mehrfach lachend den Kopf in den Nacken. Als sie den Hörer auflegt sagt sie zu mir: „Siehst du, das war gar kein Problem. Ich habe dir für nächste Woche einen Termin gemacht.“ Ich schrei sie an: „Warum hast du das getan? Das ist total peinlich! Ich werde in ein paar Monaten 20 Jahre alt!“ Sie schüttelt den Kopf, guckt mich enttäuscht an und sagt: „Warum kannst du nicht einfach dankbar sein? Ich meine es doch immer nur gut mit dir.“

Ich fahre mit dem Bus von Acra nach Norden. Ich will mir eine Goldmine in Obuasi ansehen. Es dauert einen Tag lang von der Hauptstadt Ghanas aus, obwohl sie nicht mal 300 Kilometer entfernt liegt. Ich weiß jetzt auch warum. Der Bus schaukelt hin und her und wirbelt auf den gelben, sandigen Schotterpisten jede Menge Staub auf. Tiefe Schlaglöcher und ein nicht enden wollender Strom des Gegenverkehrs lassen den Busfahrer eine Art Schlangentanz auf der Straße vollführen. Er macht das gut, ohne Frage. Geht‘s zügig, fährt er 40 Stundenkilometer. Phasenweise kommt er aber auch einfach nur im Schritttempo vorwärts. Ich wundere mich, dass es selbst im Großraum der Hauptstadt keine besseren Straßen gibt. Wie wollen die Menschen ihr Land an der Grenze im Norden erreichen, rund 1000 Kilometer von Acra entfernt? Müll säumt die Piste, alte Blechwannen, Autos, Kühlschränke. Dazwischen Hunde, Welchblechhütten und spielende Kinder. Im Hintergrund Regenwald. Als ich an der Goldmine ankomme, tut sich vor mir ein riesiger orange-gelber Krater auf. Der Tageabbau ist günstiger, aber er reißt schwere Wunden ins Land. Er zerstört den Wald, verschmutzt das Wasser, zerschlägt Steine bei Sprengungen, lärmt Tag und Nacht, vergiftet mit Chemikalien, lässt Fische sterben. Der Bergbau verbietet ehemalige Wege zu betreten, Grundstücke zu bebauen und vormalige Felder zu bestellen. Bauern werden enteignet und verlieren ihre Lebensgrundlage. Sie haben keine Ausbildung und bekommen keinen Job in den Goldminen. Dort arbeiten unzählige barfuß und ohne Schutzkleidung. Der Bergbau ist Ghanas größter Arbeitgeber, mit etwa hundertfünfzigtausend Familienunternehmen. Gold ist Ghanas wichtigstes Exportgut. Das Goldfeld von Obuasi ist das neuntgrößte der Welt. Ghana gilt als politisch stabiles, wirtschaftlich starkes und in den sozialen Bereichen fortschrittliches Land im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten. […]

Auszug meiner Kurzgeschichte Mutter. Sie erscheint mit weiteren in einem Buch.

Glaube, Liebe, Hoffnung

Alle Religionen sind für mich so heilig, wie meine eigene!


Shahab bedeutet im Arabischen Sternschnuppe. Aber auch Krieger“, sagt Shahab Ud-Din. Seine Mutter stammt aus Tansania, sein Vater aus Pakistan. Gemeinsam gingen sie nach England, dort wurde er geboren. Nicht ganz ein Jahr später zogen sie weiter nach Deutschland. Seine Eltern sind muslimischen Glaubens. Sie gehören der Ahmadiyya-Bewegung an, die in Pakistan stark verfolgt wird. Das war einer der Gründe, warum sein Vater nach Deutschland ging. 1974 gab es große Unruhen, die Familie seines Vaters wurde ausgeraubt und hatte nichts mehr. Sie schickte ihre Söhne ins Ausland, um das Leben der restlichen Familie zu sichern. „Damals ging das noch relativ einfach. Man konnte nach Deutschland kommen und es gab viel Arbeit“, sagt Shahab Ud-Din.
„Meine Verwandten leben zwar in Pakistan, aber ich verbinde damit nur Urlaub. Auf der anderen Seite bin ich sehr darauf bedacht, dass wir Zuhause nur Urdu sprechen. Für meine Kinder ist es mir wichtig, dass sie diese zweite Sprache wirklich gut beherrschen“, sagt Shahab Ud-Din. Der 36-jährige Diplomwirtschaftsingenieur ist verheiratet, hat eine dreijährige Tochter, einen sechsjährigen Sohn und lebt bei Köln.

„Wenn eine Kirche brennt, bin ich der Erste, der sie löscht! Selbst falls mein Haus dann verbrennt. Ich bin der Erste, der die Synagoge, das Gotteshaus und anders Gläubige schützt, selbst wenn es mir schadet. Das ist meine Pflicht als Muslim! Diese innere Triebkraft macht mich überhaupt erst zum Muslim.“

Shahab Ud-Dins Eltern engagierten sich in Schleswig-Holstein in einer Gemeinde, die noch relativ klein war. Mit den Jahren wuchs sie und je mehr Leute in die Gemeinde eintraten, umso mehr Arbeit fiel für seine Eltern an. „Schon mit sieben Jahren kommt man langsam rein, es werden bestimmte moralische Werte vermittelt“, sagt er. Die häusliche Erziehung habe in religiöser Hinsicht immer eine große Rolle gespielt. Damals gab es nur eine Moschee in Hamburg und eine bei Itzstedt. „Mein Vater besaß einen Gemüseladen und dafür einen Transporter. Weil viele damals nicht so viel Geld hatten und sich ein eigenes Auto nicht leisten konnten, nahm mein Vater sie alle im Kofferraum mit“, erinnert er sich.

Mit dem Begriff Heimat verband er lange Zeit nichts. Erst als er Norderstedt verließ und nach Köln ging, entdeckte er diesen Begriff für sich. „Vorher wusste ich nicht genau, was meine Heimat ist, Pakistan, wegen meines Vaters? Oder vielleicht Afrika, wo meine Mutter herkommt? Als ich nach Köln zog merkte ich, dass meine Heimat Norderstedt ist, ganz klar. Ich kenne dort alle Straßen. Wenn ich mich aufs Fahrrad setze und mir jemand sagt, er wohne da und da, komme ich hin, ohne genau zu wissen wo es ist. Nach Norderstedt zieht es mich immer wieder zurück. Ich vermisse die Franzbrötchen“, sagt er lachend. Er lebt am liebsten in Deutschland. Das ist sein Heimatland. Er arbeitet bei einer Sterilisationsfirma und leite drei Standorte mit fünfzehn Mitarbeitern. Shahab Ud-Din spricht im Interview über seinen Glauben, Religion und Frieden.

„Ich erhalte verletzende Dolchstöße in Form von permanentem Hass und Misstrauen mir gegenüber. Dazu gehört auch die ständige Suche meiner Mitmenschen nach einer Möglichkeit, mich zu denunzieren. Das ist passiert! Ohne Grund und ohne Beweise…“

Wann fing das Engagement in der Gemeinde an?
Ich war noch relativ jung. Es gab verschiedene Programme. Ab der siebten Klasse engagierten sich auch meine Freunde. Wir schrieben zu Hause etwas und erledigten kleinere Arbeiten. Mit der Zeit nahm die Verantwortung immer weiter zu.

Wie sah der Religionsunterricht in der Schule aus?
Ich konnte damals glaube ich, nicht entscheiden, ob ich daran teilnehme. Erst später konnte ich zwischen Religion und Philosophie wählen und stieg auf Philosophie um, weil der Religionsunterricht katholisch war. Meine Sohn wird nicht zum Religions-, sondern zum Ethikunterricht gehen.

Wie erlebtest du den Religionsunterricht?
Unsere Konfession ist offener als andere, weil wir sagen, dass alle Religionen im Kern die Wahrheit enthalten. Was viele Menschen daraus gemacht haben, entfernte sich von dieser Wahrheit. In der Oberstufe führte ich häufig Diskussionen mit meinem Religionslehrer, weil ich mich auch mit dem Christentum beschäftigte. Er hatte ganz schön zu kämpfen (lacht).

Wie viele Kinder gehörten damals dem muslimischen Glauben an?
Ich war relativ lange der einzige, selbst in der Oberstufe. Als wir nach Henstedt-Ulzburg zogen, war ich auch der einzige, der anders aussah.

Wie gingen deine Lehrer mit deinem Glauben um?
Da ich mich, als ich in der Oberstufe war, schon lange mit der Materie befasst hatte, konnten die Lehrer mir Fragen zu meiner Religion stellen. Es war sogar so, dass wenn im anderen Kurs etwas über den Islam unterrichtet wurde, Lehrer zu mir kamen, um es nochmal zu verifizieren und zu fragen, welche Quellen es gibt. Meine Eltern gaben mir von Anfang mit, dass ich mich mit meinem Glauben befassen und nicht blind glauben soll. Das half mir sehr.

„Die Andersgläubigen, Andersaussehenden und Andersdenkenden wurden zu einer Gefahr erhoben und diese Sichtweise war salonfähig.“

Gab es verbale Angriffe?
Einmal brachte ein Deutschlehrer im Unterricht einen Spruch gegen den Islam. Ich fragte ihn, woran er das festmache und ob er es belegen könne. Seine Reaktion war: Hätte ich gewusst, dass du hier bist, hätte ich das Thema gar nicht angerissen. Wir diskutieren dann und das war interessant. Es war von Vorteil, dass ich mich intensiv mit dem Islam beschäftigt hatte, Argumente einbringen und auf meinen Lehrer eingehen konnte.

Wie bringst du dich heutzutage in deiner Gemeinde ein?
Zur Zeit bin ich im Bundesvorstand unserer Jugendorganisation. Ich bin für das Ressort Wirtschaft und Handel zuständig. Außerdem leite ich die Jugendgruppe in Nordrhein-Westphalen. Das sind elf Jugendgemeinden mit circa 400 Jugendlichen, mit denen ich Sport- oder spirituelle Programme organisiere.

Was machst du da?
Unser primäres Ziel ist es, den Leuten zu ehrlicher Arbeit zu verhelfen. Wir unterstützen sie bei ihren Lebensläufen, bei der Arbeitssuche, führen verschiedene Business Coachings durch, in denen sie lernen, wie Excel, Word und Zeitmanagement funktionieren.

Was noch?
Wir haben einen Onlineshop, in dem wir die Kollektion unserer Gemeinde vertreiben. Ich leite und koordiniere das. Ich verbringe mehr Zeit mit der Gemeindearbeit als in meinem Job (lacht). Gestern war ich den ganzen Tag unterwegs. Samstags versorgen wir Obdachlose in Köln mit Essen. Mein Sohn ist immer dabei. Wenn er Mal nicht kann, ist er traurig. Er ist mit seinen sechs Jahren schon mittendrin. Unsere Zentrale hat ihren Sitz in Frankfurt, ich bin ein bis zwei Mal in der Woche dort. Das kostet alles viel Zeit. Letzten November war ich für eine humanitäre Mission zwei Wochen auf Madagaskar. Wir bauten medical camps in dörflich Regionen auf.

Wie finanziert ihr euch?
Wir sind weltweit circa 200 Millionen in unserer Gemeinde und finanzieren uns ausschließlich über Spenden. Wir nehmen keine staatlichen Gelder an. Fast alles, was passiert, wird ehrenamtlich gemacht. Mitarbeiter werden von Spendengeldern bezahlt.

„An die ewige Liebe zwischen Menschen glaube ich nicht. Die gibt es nur zu und von Gott. Die Liebe zwischen Menschen betrachte ich mathematisch.“

Warum lehnt ihr staatliche Gelder ab?
Wir wollen unabhängig bleiben. Wir sind eine rein spirituelle, religiöse Gemeinde. Wir kümmern wir uns nicht um politische und staatliche Angelegenheiten und wollen uns nicht einmischen. Nach unserem Verständnis bekommen wir alles, was wir brauchen, von Gott. Das Spenden ist somit für uns keine Frage der Finanzierung, sondern eine Möglichkeit, das eigene Einkommen zu bereinigen. Damit geben wir einen Teil dessen, den Gott uns schenkte, als Dank zurück.

Ist das mit dem Zehnt vergleichbar?
Das Spenden im Namen Gottes ist eine grundsätzliche Sache, die in jeder Religion verankert ist. Im Koran wird beschrieben, dass Gott fragt: Wer ist da, der mir einen Kredit gibt? Da stellt sich natürlich die Frage, wie man jemandem einen Kredit geben kann, dem schon alles gehört (lacht). Das Zehnt im Christentum ist eher für die Kirche gedacht, im Islam ist er beides. Wir haben den Willen, der Menschheit zu helfen. In Afrika bauten wir beispielsweise Schulen und Krankenhäuser auf.

In welchen Ländern unterhaltet ihr solche Projekte?
Wir sind Ghana und Nigeria sehr groß. In Sao Tomé und in Guatemala bauen wir gerade etwas auf, wie ein neues Krankenhaus. Auf Madagaskar planen wir etwas… In Pakistan finanzierten wir Geräte in einem Institute für Kardiologie, obwohl uns viele dort verunglimpfen und politisch gegen uns arbeiten. Diese Leute lassen sich trotzdem in unseren Krankenhäusern behandeln. Wir begegnen ihnen genauso wie allen anderen und sie bekommen zu hundert Prozent das, was sie brauchen. Wir halten das geheim, damit die Patienten keine Probleme bekommen.

Wie viel Geld gibst du konkret?
Ich gebe monatlich mindestens ein Zehntel meines Einkommens ab. Wenn man alles zusammenrechnet spende ich im Monat circa 20 Prozent meines Einkommens, das sind 15.000 Euro pro Jahr.

Was gebt ihr Gott noch?
Das Ehrenamt ist der Sauerstoff, den wir brauchen! Es ist ein Geben und Nehmen. Ich tue so viel wie geht für Gottes Gemeinde. Er revanchiert sich, indem er mir das Leben einfach macht und mir innere Zufriedenheit schenkt. […]

Transkription: Amélie Gloyer

Das vollständige Interview erscheint in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung.

Glaube, Liebe, Hoffnung

Ich wollte Profi-Boxer werden und ging nach New York

Damian Skrzypczak hatte einen Traum: Er wollte boxen. Mit 24 Jahren ging der gebürtige Pole für zwei Jahre nach New York und probierte sein Glück. Er stieg in den Ring und lernte viel. „Beim Boxen zählt nicht wo du herkommst. Es ist egal was du sonst noch so im Leben machst. Äußerlichkeiten spielen keine Rolle“, sagt er. Er ist fasziniert, dass alles möglich ist, unabhängig von dem was war, ist oder sein wird.
„In Amerika boxen Latinos und Schwarze. Als ich ins Gym kam, guckten sie mich alle erst mal an wie’n Auto“, erinnert sich Damian Skrzypczak und lacht. Sie sagten: „Ey Alter, du bist ja weiß!“ Und nannten ihn „Whitey“. Er machte Sparrings mit ihnen. Sie waren beeindruckt von seinem Boxstil. Das erste halbe Jahr in New York trainierte er ununterbrochen, da er keine Arbeitserlaubnis hatte und mit seiner Freundin bei ihren Eltern wohnte.

„Boxen war mein Talent. Es kam einfach so aus mir heraus. Heute fragen mich alle: Damian, warum ist nichts aus dir geworden? Es war Schicksal. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort…“

Dann arbeitete Damian Skrzypczak auf dem Bau. Er fuhr stundenlang durch New York. Morgens um fünf Uhr war er als einer der Ersten bei der Jobvergabe, um seine Gelegenheit zu bekommen. Er empfand es als fair, dass es nach dem Motto lief: Wer zuerst kommt, malt zuerst. „Wenn ich Pech hatte, bekam ich nichts und fuhr mittags unbezahlt wieder nach Hause“, sagt er. Auf dem Bau zu arbeiten sei etwas, das er gut kann. Die Männer dort brachten ihm fließend Englisch bei. Ein Afroamerikaner übernahm eine Art Vaterrolle für ihn. Er boxte auch. Er lernte viel von ihm, vor allem über das Leben. Sie sind heute noch befreundet.

Damian Skrzypczak in New York

Die Leute bei der Gewerkschaft hätten irgendwann gesehen: Der Junge kommt jeden Tag um fünf Uhr morgens zur Jobvergabe, er hat kein Auto und fährt mit der Bahn von Brooklyn nach Queens. Sie gaben ihm eine Chance. Er konnte in New York zur Schule gehen und diverse Lizenzen machen, die er für seine Arbeit brauchte, wie einen Gabelstapler- und Kompressorschein.
Doch die Arbeit machte ihn körperlich kaputt. Das merkte er auch beim Boxen. Die Sparrings waren kein Training mehr, sondern „eine richtige Schlägerei. Ein Trainer fragte mich: Warum hast du ihn nicht ausgeknockt? Ich sagte: Ich bin nicht fit und dachte, ich tue ihm einen Gefallen“. Während der zehn Jahre zuvor, lernte er beim Boxtraining gegenseitige Rücksichtnahme. Aber in Amerika wird härter geboxt. Jeder guckt nur auf sich selbst. Das merkt man vor allen Dingen beim Sparring. „Ob du einen Cut bekommst oder dir die Nase brichst und wie du anschließend ins Krankenhaus kommst, ist mir scheiß egal! Das ist die Einstellung“, sagt er. Viele würden es nicht kennen fair zu sein und ein Sportsmann. Die Härte beginne schon im Kindesalter. Die Kids trainieren mit den Erwachsenen mit. „Drei Minuten Training, dann klingelt die Uhr und es ist eine Minute Pause. In Deutschland haben die Kinder nur eine Minute trainiert und dann Pause gemacht, weil es sonst zu hart gewesen wäre. Aber New York ist Hard Knock Life“, sagt er.

Als Damian Skrzypczak Geld verdient, zieht er bei den Eltern seiner Freundin in Queens aus und mit ihr zusammen in eine Wohnung nach Brooklyn. Sie ist Amerikanerin und arbeitet als Hairstylistin. Die beiden lernten sich in London kennen. Er besuchte sie zweimal in New York, als er 22 und 23 Jahre alt ist, dann beschließt er spontan, der Liebe wegen, in die USA zu gehen. Damian Skrzypczak war auch neugierig auf Amerika und besonders auf New York. In Hamburg gibt er seine Wohnung, sein Zuhause und seine Freunde auf. Sein Umfeld reagierte geschockt. „Sie fragten mich: Wie, du gehst nach New York? Und ich antwortete: Tja, das Flugticket ist schon gekauft! Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Aber das war gut so. Ich fahre gern allein in den Urlaub und habe kein Problem damit, mich in fremde Länder einzufinden und von Ausländern umgeben zu sein.“
Damian Skrzypczak guckte sich alles in Manhattan, Brooklyn und Queens an. War es so toll, cool und aufregend in New York, wie erträumt? „Ja! Absolut! Freiwillig hätte ich New York nie verlassen. Ich würde heute noch dort leben wollen“, schwärmt er.

Aber New York ist anstrengend. Die Menschenmassen und vor allen die Touristen nervten. „Geh mir aus dem Weg, ich will nach Hause“, dachte er ständig. Obwohl er Pole ist, vermisste er Deutschland, wo er zuletzt lebte. Er fuhr absichtlich ab und zu nach Chinatown, um dort zwischen den vielen Touristen, ein paar Brocken Deutsch aufzuschnappen. Jeden Sonntag fuhr er außerdem nach Greenpoint, einem Wohngebiet in Brooklyn, das hauptsächlich von einer polnischen Community bewohnt wird. Das polnische Essen linderte sein Heimweh. Freunde hatte Damian Skrzypczak bis auf den Afroamerikaner und seine Freundin keine. „Die New Yorker sind für sich. Es ist unglaublich schwer, dort Freunde zu finden. Das ist Hard Knock Life“, sagt er.
Das Leben in New York ist teuer. Wohnung, Essen und Bahntickets verschlingen alles. Das Geld ist immer knapp. „Viele Leute hängen auf der Straße, die ganzen Gangs. Ich habe mit denen öfter geschnackt. Sie fragten mich: Ey Whitey, wo gehst du denn immer mit deinen Boxhandschuhen hin? Ich sagte: Ich bin Boxer! Ich erzählte ihnen, in welchem Gym ich boxte. Sie meinten: Ah, kenn‘ ich! Sie wollten wissen, wie ich es in New York geschafft hatte. Von da an machten sie immer, wenn ich an ihnen vorbeijoggte, eine La-Ola-Welle“, sagt er lachend. „Ich fühlte mich als New Yorker.“
Doch die Liebe zerbrach. Und beim Boxtraining war Damian Skrzypczak komplett auf sich selbst gestellt. Der Traum vom Boxen platzte. Er beendete alles in New York. Seitdem war er nie wieder dort.

Die Wunde über seinen geplatzten Traum verheilte nie. „Es ist irgendwie immer etwas dazwischengekommen. Das tut bis heute weh“, sagt Damian Skrzypczak. Er boxte nie wieder, abgesehen von freundschaftlichen Sparrings. Aber er arbeitet auch heute noch seine alten Trainingspläne durch, um körperlich fit zu sein. „Der Reiz und der Hunger Boxer zu werden, war nach New York weg“, sagt er. Es sei trotzdem eine gute Erfahrung gewesen. Heute wäre es viel schwieriger in New York Arbeit zu bekommen, berichtet ihm sein afroamerikanischer Freund aus den USA. Selbst über die Gewerkschaft. New York ist zwar Multi-Kulti, aber Rassismus wäre trotzdem ein Thema. Ihm persönlich sei er jedoch nie begegnet. „Ich stand damals Sylvester in einer der schlechtesten Gegenden New Yorks vorm Liquor Store an, um Alc zu besorgen. Klar Mann, wir wollten feiern! Und die Leute laberten mich alle an, aber es war kein Problem. Aber vielleicht ziehen manche Leute es auch an, weil sie denken, oh man ich bin weiß. Oder sie glauben, dass die anderen denken, sie seien ein Nazi… Wer weiß? Vielleicht würde mir heute immer noch nichts passieren…“, überlegt er. Die meisten, denen er begegnet sei, wüssten selbst gar nicht, woher sie kommen, die kennen ihren Ursprung gar nicht. […]

Das vollständige Interview erscheint in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung.

Kindermund tut Wahrheit kund…

…und schreibt: Ich bin der Weihnachtsmann!

Comic: Tjelle

Es ist so weit: Meine Tochter bekommt den ersten Füller ihres Lebens. Niemand weiß, warum Kinder heutzutage noch mit dem Füller schreiben müssen, aber alle sind sich einig, dass es ein wichtiger Abschnitt im Leben eines Kindes ist. Ich schlage ihrer Lehrerin ein kreatives Schreibprojekt vor. Als ich meiner Freundin davon erzähle, die ebenfalls Lehrerin ist, lautet ihre Antwort: „Das finde ich mutig von dir!“ Mutig? Also eigentlich wollte ich nicht etwas mit Jugendlichen in der Bronx diskutieren! Sondern an einer Grundschule in Hamburg kreatives Schreiben üben und entweder es gefällt den Kindern oder nicht. Ich frage besser nicht nach, wer weiß, was heutzutage so los ist an den Grundschulen…

Die Schüler stellen sich vor, sie seien der Weihnachtsmann. Sie riechen verbrannte Plätzchen. Sie hören, dass jemand schrecklich schief singt. Sie schmecken den Ruß des Schornsteins. Sie fühlen, dass sie zu dick geworden sind und nicht mehr durch den Schlot passen. Sie sehen, dass es mal wieder grau und verregnet ist, anstatt dass es an Weihnachten schneit. Sie malen mit Worten

Nach Zustimmung des Schulleiters, entscheide ich gemeinsam mit der Klassenlehrerin noch vor Weihnachten zu beginnen. Ich hoffe, es macht den Kindern Freude in einer Zeit, in der wegen Corona jedes Weihnachtstheater, Schulbacken und Krippenspiel entfällt. Vor meinem inneren Auge läuft ein Film meiner eigenen vorweihnachtlichen Zeit in der Schule ab. Die Tische stehen in Sechser-Gruppen zusammen. Jedes Kind hat vor sich auf seinem Tisch ein paar geschmückte Tannenzweige, eine brennende Kerze und Orangen, die mit Nelken gespickt sind. Unsere Lehrerin spielt Weihnachtslieder auf der Gitarre und liest Weihnachtsgeschichten vor. Wir essen dabei selbstgebackene Kekse, knacken Nüsse und pellen Mandarinen. Schööööön! Voller Erwartung dessen trete ich die erste Stunde an. Und schlage ernüchtert auf dem Boden eines Klassenzimmers auf, das nur durch Neonlampen erhellt wird.

Dafür machen die Kinder begeistert mit! Brav melden sie sich und sagen: „Frau Kühne“, obwohl etliche von ihnen mich vorher beim Vornamen nannten. Sie haben kreative Einfälle und bringen diese anschließend zu Papier, wunderbar! Die Schüler stellen sich vor, sie seien der Weihnachtsmann. Sie riechen verbrannte Plätzchen. Sie hören, dass jemand schrecklich schief singt. Sie schmecken den Ruß des Schornsteins. Sie fühlen, dass sie zu dick geworden sind und nicht mehr durch den Schlot passen. Sie sehen, dass es mal wieder grau und verregnet ist, anstatt dass es an Weihnachten schneit. Sie malen mit Worten, das machen sie sehr schön. Etliche malen auch tatsächlich in ihre „Gedankenblasen“, die Kreise auf ihrem Übungsblatt. Da es ein kreatives Schreibprojekt ist, können sich die Kinder die Form aussuchen: Möglich sind neben der klassischen Geschichte, auch ein Gedicht oder Comic. Rund ein Drittel entscheidet sich für einen Comic. Davon deutlich mehr Jungs als Mädchen. Hausaufgabe, ist es, zu malen, zu reimen und zu schreiben. Jetzt maulen und jammern die Schüler erstmals und ich bin beruhigt, denn das hatte ich auch erwartet.

Die Stunde ist vorbei, als eine Diskussion entflammt, ob es den Weihnachtsmann gibt. „Nee“, sind die Kinder mehrheitlich sicher. „Meine Mama sagt immer, dass sie sich noch schminken muss und wir schon mal vorgehen sollen in die Kirche. Das sagt sie nur, damit sie ungestört die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen kann“, berichtet ein kleiner Naseweis. Ich versuche zu erklären, dass es für die Geschichte unerheblich sei, ob es ihn gibt oder nicht, schließlich ginge es beim kreativen Schreiben um Fantasie. Ein Kind platzt heraus: „Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann. Ich habe mal einen Wunsch auf einen Zettel geschrieben und nichts bekommen.“ Oh je, ich sehe meine Tochter in der ersten Reihe immer unglücklicher aussehen und will jeden weiteren Versuch, den Weihnachtsmann zu entzaubern, unterbinden. Aber die Lehrerin sagt entschuldigend und mit einer Engelsgeduld zu mir: „Das ist gerade ein riesiges Thema.“

In der zweiten und dritten Stunde überlegen sich die Kids, welche Geschenke sie als Weihnachtsmann erfüllen würden: einen Maserati, eine PS5, eine Villa, eine Smartwatch und Playmobil. Aber auch eine Katze, ein Pferd, Glück, Rudolph das Rentier sowie dass das Corona-Virus weggeht und alle gesund sind. Im zweiten Schritt sollen die Schüler die Geschenke mit Adjektiven charakterisieren. Heraus kommt: Ich schenke dir ein grau-weißes, leichtes, kleines Schleich-Pferd. Ich schenke dir einen Pool, der 20 Meter lang ist, 100 Kilogramm wiegt, durchsichtig und quadratisch ist. Ich schenke dir einen schwarzen, 420 Stundenkilometer schnellen, coolen Bugatti Chiron. Ich schenke Dir ein schwarzes Hündchen mit einem weißen Bauch. Ich schenke dir viel fröhliches, großes, starkes Glück. Ich schenke dir fluffigen, weißen, weichen, meterhohen, glitzernden, niemals schmelzenden, perfekt zum Schneemann bauen geeigneten, nicht kalten, in dicken Flocken fallenden Schnee.

In der nächsten Doppelstunde machen die Kinder eine Übung, in der sie sich gegenseitig interviewen. Ein Schüler spielt einen Reporter, ein anderer den Weihnachtsmann. Ein Kind muslimischen Glaubens sagt, es dürfe keine Weihnachtsdekorationen haben und auch nicht an den Weihnachtsmann glauben. Es spielt einen Reporter. Seine kritische Frage lautet: „Wie viele Rentiere ziehen den Schlitten des Weihnachtsmannes?“ „Acht…?“, lautet die zaghafte Antwort des Schülers, der den Weihnachtsmann spielt. „Kann nicht sein, Rudolph läuft vorne weg und ist immer allein! Also muss es eine ungrade Zahl an Rentieren sein!“, argumentiert der kleine Reporter. Ein anderes Kind fragt: „Weihnachtsmann, was machst du im Sommer? Der kleine Santa Claus antwortet: „Ich bade.“ „Und wer ist dein bester Freund?“ Der gespielte Weihnachtsmann antwortet: „Der Nikolaus ist mein bester Freund“. „Und wo wohnst du Weihnachtsmann?“ „Am Nordpol“; „In Spanien“; „Im Himmel“; „In Griechenland“; „Im Lentersweg 1“, lauten die Antworten. Sie sind so unterschiedlich, wie die gespielten kleinen Weihnachtsmänner in der Schulklasse.

In diesem Sinne Schalom, Salam Aleikum, Om mani padme hum und phantastische Weihnachten! Mit Weihnachtsmännern und -frauen, Christkindern, Engeln, Tomtes, Trollen, Wichteln, Nikoläusen, Göttern und Göttinnen sowie natürlich dem wichtigsten: der Liebe!
Oder war das jetzt bloß ein biochemischer Prozess? Ach nee, das lernen unsere Kids ja zum Glück erst in der weiterführenden Schule…
Also einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Glaube, Liebe, Hoffnung

Die Frau ist glücklich und stark, sie kann ein Kind mit Behinderung großziehen!

Eva-Maria Esken ist 42 Jahre alt und hat zwei Töchter. Ihr älteres, siebenjähriges Mädchen ist mehrfach schwerbehindert. Sie möchte sie in diesem Text Sophie genannt haben. „Es ist eine wahnsinnig große Liebe. Es gibt nichts Schöneres, als wenn sie morgens ihre Augen aufmacht, mich anguckt und strahlt. Ich kann von ihrem Gesicht ablesen: Mama! Oder wenn sie mich streichelt. Sie ist so ein Sonnenschein!“, erzählt Eva-Maria Esken.

„Ich find‘s blöd, dass uns alle fragen, ob wir es gewusst haben! Als ob wir uns sonst gegen Sophie entschieden hätten. Ich glaube an eine höhere Instanz, die sagte: Das Kind wird es gut bei uns haben!“

Sie selbst war die Jüngste von elf Kindern. Sie hatte sechs Brüder und vier Schwestern. Die Eltern waren katholisch und verhüteten aus religiösen Gründen nicht. Sie wurde in Adelsberg, in Bayern geboren. „Es ist ein 1000 Einwohnerdorf, mitten im Berg und der Main fließt hindurch. Es ist sehr idyllisch und echt schön“, sagt sie. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Hamburg.
Sophie hat den sehr seltenen Gendefekt STXPB1. Es gibt nur ganz wenige, medizinische Veröffentlichungen und weltweit existieren nur ein paar Fälle. Es handelt sich um eine körperliche und geistige Behinderung, die mit Epilepsie einhergeht. Der Gendefekt ist seit 2013 bekannt. Sophie wurde 2011 geboren und ein Labor in Tübingen war neun Monate damit beschäftig, ihr Material auszuwerten. Es gibt es keine Heilungsmöglichkeiten. Es handelt sich um eine Spontanmutation, die jeden treffen kann. „Ich war bereits entlassen und wartete mit unserem Baby auf dem Arm auf meinen Mann, der das Auto holte“, erinnert sich Eva-Maria Esken. „Plötzlich hörte Sophie auf zu atmen. Ich bekam einen Schock. Die Ärzte wussten nicht, was los war.“ Im Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE) machten sie eine Kernspintomographie des Gehirns. Sie war unauffällig. Dennoch verschlechterte sich Sophies Zustand immer weiter. Schließlich wurde sie nach Göttingen verlegt.

Der Alltag der Eltern veränderte sich radikal. Ebenso wie die Beziehung des Paares. Eva-Maria Esken hatte das Gefühl, ihr Mann könne schlechter mit der Situation umgehen, als sie selbst. Manchmal denkt sie, das liege an ihrem katholischen Glauben. Außerdem arbeitete er den ganzen Tag, während sie zehn Stunden auf der Intensivstation verbrachte. Am Wochenende spürte sie seine ganze Verzweiflung.
Ihre jüngere Tochter Marie ist vier Jahre alt und vollkommen gesund. „Für unser zweites Kind ließen wir uns in der Humangenetik testen und beraten. Außerdem wussten wir, was Sophie hat. Die Chancen standen gut, ein gesundes zweites Kind zu bekommen!“, erklärt Eva-Maria Esken. Die Schwestern lieben sich sehr. „Anfangs waren wir uns nicht so sicher, ob Marie davon profitiert, dass sie eine große Schwester hat. Aber je älter sie werden, desto enger sind sie miteinander. Ich filme sie manchmal heimlich, wenn sie zusammen auf dem Teppich liegen und eine aus vollem Herzen lacht, während die andere kichert. Das ist herrlich.“, sagt Eva-Maria Esken.
Geplant war, dass sie nach der Geburt ihrer ersten Tochter wieder arbeitet. Doch da diese mehrfach schwerbehindert ist, kümmert sie sich jetzt um dessen Pflege.
Eva-Maria Esken spricht im Interview über die Liebe zu ihrer behinderten Tochter, ihrem zweiten gesunden Kind und ihrem Mann.

War von Anfang an klar, dass ihr gemeinsam Kinder haben wollt?
Nein! Mit Anfang 20 hätte ich nie ein Kind gewollt. Es war lange kein Thema. Ich wollte auf keinen Fall so viele Kinder, wie wir zu Hause waren (lacht)! Nach der Schule schloss ich eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin ab und anschließend im Praxismanagement. Mein Mann ist Zahnarzt. Gemeinsam führten wir viele Jahre eine Praxis. Dann wollte ich reisen. Unsere Freunde bekamen mit Mitte 20 Kinder. Doch ich war nicht bereit dafür. Mein Mann äußerte sich nie dazu. Es war keine Beziehung in der wir sagten: Ich möchte ein Kind von dir. Wir fanden die Kinder anderer eher nervig. Wir hatten einen Hund und ein Haus. Das war ein schönes Leben! Wir träumten immer davon in Hamburg zu leben. Eines Tages erfüllten wir uns diesen Wunsch, verkauften unsere Praxis und das Haus in Bayern. Als mein Mann nach Sophies Geburt ein zweites Kind wollte, überraschte mich das.

Machte einer einen Heiratsantrag und falls ja, wie?
Wir waren ganz lange zusammen, als mein damaliger Freund plötzlich verletzt auf der Intensivstation lag. Es war klar, wenn ihm etwas zustößt, entscheiden seine Eltern. Das gab den Auslöser zu heiraten.

Was habt ihr zur Erfüllung eures Kinderwunsches auf euch genommen? Zwischendrin gab es eine Phase, als es bei meiner Freundin nicht klappte, da fragte ich mich, ob ich damit leben könnte? Ich beantwortete sie mit: ja. Ich habe so viele Interessen…

Wie beeinflussten die Geburten eure Liebe?
Jetzt denke ich, ein Leben ohne Kinder würde gar keinen Sinn machen (lacht). Aber wenn man es nicht anders kennt… Ich vermisse das Reisen nach wie vor! Ich sage NICHT, das brauche ich mit Kindern nicht mehr.

„Es wird immer weh tun, dass mein Lebenstraum geplatzt ist! Aber anstatt dies zu beweinen und einem gesunden Kind hinterher zu trauern, ist es besser, mich mit meinem behinderten Kind anzufreunden und die schönen Seiten zu sehen!“

Gibt es Vermutungen, wie es zu Sophies Behinderung kam?
Nein! Häufig ist es so, dass einer der Elternteile oder auch beide, Träger eines Gendefektes sind und diesen selbst nicht haben. Das Kind bekommt dann eine Behinderung, weil man sich normalerweise nicht testen lässt, bevor man schwanger wird. So sind viele Behinderungen zu erklären, aber bei uns war es nicht so.

Wie war es direkt nach Sophies Geburt?
Ich wollte niemanden sehen. Ich war tagsüber im Krankenhaus. Nachts pumpte ich Milch ab, damit Sophie sie am nächsten Tag trinken konnte. Das war wochenlang mein Rhythmus. Ich hatte keine Hilfe, meine Mutter war total überfordert. Sie verlor ihr siebtes Kind, als es ein halbes Jahr alt war…

Was war das Schlimmste?
Wenn die Ärzte Sophie einen Zugang legten. Sie war so zerstochen, dass es irgendwann nur noch im Kopf ging. Sie schrie und ich musste sie festhalten. Ich konnte es kaum aushalten und hätte am liebsten gebrüllt: „Lasst sie doch einfach in Ruhe“. Sie hatte Blitz-Nick-Salaam-Anfälle, das sind sogenannte BNS-Anfälle. Es handelt sich um epileptische Anfälle, die das Gehirn der Kinder schädigen, sodass sie kognitiv nichts mehr lernen können. Davor hatten wir am meisten Angst. Es war schwierig, Sophie medikamentös einzustellen. So war sie altersgemäß in der Lage Blickkontakt aufzubauen und nach den Anfällen ging nichts mehr… Sie bekam ein starkes Narkosemittel. Vorher krampfte sie ohne Ende, schlief kaum noch…

Machten euch die Ärzte Hoffnungen?
Nee! Es gab einen Professor der sagte: Sophie ist geistig und körperlich behindert, sie wird nie laufen können. Da brach für mich eine Welt zusammen. Irgendwann kam der Moment, als ich dachte, falls jetzt eine Fee käme und mich fragte, ob ich mir wünsche, dass sie laufen oder sprechen kann, sage ich: sprechen! Damit man sie besser verstehen kann.

Sprechen ist aber an die geistige Behinderung gekoppelt?
Ja, ich wünsche mir, dass sie einen Weg findet, um mit anderen zu kommunizieren. Ich verstehe sie blind (weint). Aber wenn ich nicht mehr bin, wird sie an Menschen geraten, die sie nicht so verstehen können oder wollen…

Ihr könnt euch nur über den Blickkontakt komplett verständigen?
Ja und nicht nur das. Sie schmatzt, wenn sie Hunger hat. Wenn sie etwas nicht mag, macht sie den Mund zu. Wenn sie Durst hat, leckt sie sich die Lippen. Wenn sie müde ist, dreht sie sich weg. Wenn ihr etwas zu viel ist, meckert sie und macht äh, äh…

Kann das noch jemand verstehen?
Ich habe zu Sophie eine ganz andere Verbindung als mein Mann. Vielleicht liegt es daran, dass ich sie schon im Bauch hatte. Mit Sicherheit auch daran, dass wir zusammen so viel durchmachten. Wenn es Sophie nicht gut geht, kann ich nicht schlafen und nicht essen. Marie und meinen Mann kann ich dann gar nicht um mich haben…

Gab es Zweifel?
Ich habe nie dran gezweifelt, dass ich dieses Kind will! Es tut mir deshalb so unendlich weh, wenn mich die Leute fragen: Habt ihr es gewusst? Es hätte nichts an unserer Entscheidung geändert. Die Menschen um uns herum sehen nur: Oh mein Gott ist das Kind eingeschränkt. Ich sehe meine Tochter nicht so. Klar, ist sie eingeschränkt. Aber ich kenne Kinder, da denke ich, wir haben noch Glück gehabt mit unserer Sophie. Sie kann sitzen, sie kann essen, sie bekommt viel mit, auch wenn sie sich nicht äußern kann. Ich nahm den Ärzten und Therapeuten immer richtig übel, wenn sie mir vorhielten, was mein Kind alles nicht kann. Ich sah schon immer, was mein Kind kann. Wenn Sophie die Finger aneinander nimmt, ist das ein Fest. Dann könnte ich Freudensprünge machen (weint). Sie macht immer noch stetig kleine Fortschritte. Es gibt auch immer wieder Rückschritte. Teilweise bleibt es dann dabei. Es gibt nicht mehr so viele Fortschritte wie noch vor zwei Jahren…

Sind eure Töchter Geschenke Gottes?
Manchmal denke ich, dass ich Sophie bekam, weil jemand wusste, dass sie es gut bei uns hat. Als ob jemand sagte: Eva kann das bewältigen, sie kann ein behindertes Kind bekommen. Bei ihr ist Sophie gut aufgehoben

Wer oder was half?
Ich erhielt am Anfang eine Karte einer Mutter, die auch ein behindertes Kind hat. Darauf stand die Geschichte von Emily Perl Kingsley. Sie hat ein Kind mit Down Syndrom. In Die Reise nach Holland schreibt sie, wie es ist, mit einem behinderten Kind zu leben. Sie vergleicht sei mit einer Reise. Alle wollen nach Italien. Wegen der Dolce Vita, des schönen Wetters, des Meeres… Sie bereiten sich mit Reiseführern und Sprachkursen darauf vor. Nach Monaten des Wartens geht es endlich los. Alle steigen in das Flugzeug. Nach ein paar Stunden landet es und die Stewardessen sagen: Willkommen in Holland! Du fragst dich: wieso Holland? Ich wollte doch nach Italien! Die Stewardessen sagen: Nee, es gab eine Planänderung, du musst jetzt hier bleiben. Du überlegst, ok, Holland ist kein Land, das dich in große Nöte bringt. Es gibt auch schöne Seiten. Du wirst nie in Italien sein, wo alle hinwollen. Das wird dir immer weh tun, weil dein Lebenstraum geplatzt ist. Aber anstatt dies dein Leben lang zu beweinen, ist es besser, neue Reiseführer zu kaufen und eine andere Sprache zu lernen. Und irgendwann siehst du, wie schön Holland ist: Es gibt Tulpen und Windräder, Gemälde und Museen. Immer wenn ich geknickt war, dachte ich daran.

Was hoffst du für Sophies Schulzeit?
Dass sie weiter gerne zur Schule geht.

Wie lange wird sie zur Schule gehen?
Bis sie 18 Jahre alt ist.

Hat Sophie eine unbeschwerte Kindheit?
Ja, aber einfach ist das nicht. Wenn wir rausgehen, dann nerven die Gaffer tierisch! Die, die uns anlachen oder auch die, die Fragen stellen, sind ok.

Erzwingt Marie, als nicht behindertes Kind, einen normaleren Alltag?
Ja, hat sie! Das Schöne ist natürlich, dass Marie die ganzen Entwicklungsschritte macht, die Meilensteine eines Kindes. Ich bereute zu keinem Zeitpunkt, ein zweites Kind bekommen zu haben. Am Anfang, als Marie ein Baby war, nahm Sophie keine Notiz von ihr. Aber je mehr Marie machen konnte, je mehr sie zu Sophie hingegangen ist, war sie begeistert von ihr.

Wie äußert sich das?
Wenn Sophie morgens aufwacht, wartet sie schon auf Marie. Sie lacht und freut sich, wenn sie da ist. Dann packt sie sie am Haarschopf. Marie macht dauernd irgendwelche Witze mit ihr. Sie bespaßt sie und Sophie lacht sich kaputt.

Wie funktioniert die Verständigung zwischen Sophie und Marie?
Ich glaube, irgendwann wird Marie Sophie mehr lesen können als mein Mann. Weil sie so eng miteinander sind. Sie weiß jetzt schon, was sie Sophie wann in welche Hand geben kann und was nicht. Oder sie kommt zu mir und sagt, Sophie hat in die Windel gemacht, wir müssen ihr eine neue anziehen. Sie ist manchmal wie so eine kleine Mutti. Marie will sie füttern. Und Sophie findet es toll!

„Wenn sie als Baby einen epileptischen Anfall hatte und ihr Körperchen krampfte, wusste ich nicht, ob sie da rauskommt oder drin bleibt und stirbt.“

Klappt das?
Marie macht es perfekt! Gestern waren wir beim Arzt, da hatte Sophie eine Untersuchung, bei der sie den Kopf stillhalten muss. Ich lobe Sophie immer, sie mag das gerne. Als wir wieder im Auto saßen, nahm Marie, die Hand ihrer großen Schwester und sagte: Sophie, das hast du toll gemacht! Ich sah es im Rückspiegel.

Also hilft sie immer?
Ja, das fällt auch anderen auf! Ich bekomme ganz oft gesagt, wie toll Marie zu Sophie ist. Ich hoffe das bleibt so.

Welche Befürchtungen gibt es?
In meinem Bekanntenkreis kenne ich es auch anders! Das sind allerdings Zwillinge. Das Mädchen ist nicht behindert, der Junge ist behindert. Bei Marie ist es immer noch so, dass Sophie die große Schwester ist. Auch wenn sie weiß, dass Sophie vieles nicht kann. Das sagt sie auch im Kindergarten so. Sie erzählt Sophie ist behindert und kann nicht laufen und sprechen. Aber Behinderte haben ihre Geheimsprache. Sie geht ganz offen damit um.

Gibt es Tabus?
Über die Epilepsie sprechen wir noch nicht, weil das zu komplex ist und ich sie mit vier Jahren noch zu klein dafür finde. Falls Sophie mal einen Anfall hat und Marie fragt, sage ich, dass Sophie ein Gewitter im Kopf hat.

Nutzt Marie Situationen für sich?
Natürlich! Zum Beispiel, wenn sie Süßigkeiten will, die Sophie gehören. Dann sagt sie, Sophie ist einverstanden.

Was ist noch anders?
Ich sage öfter mal zu Marie: Nee, ich kann jetzt gerade nicht. Dafür gehe ich nur mit Marie allein zum Schwimmen und zum Reiten. Ich möchte nicht, dass sie später denkt, Mama hatte nie Zeit für mich, wegen meiner behinderten Schwester. Deshalb sage ich: Ich kann im Moment nicht, bin aber gleich bei dir. Ich will nicht, dass Marie irgendwann denkt, sie musste immer Rücksicht nehmen.

Das vollständige Interview erscheint in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung.