Ramin und Tilda

Freunde für immer und ewig

Illustrationen: Lykka Kühne

Tilda ist zehn Jahre alt, stumm und ausgegrenzt, weil ein Schweigegeist auf ihrer Schulter sitzt. Sie ist krankhaft schüchtern und leidet an Mutismus. Die Kommunikationsstörung ist dem Autismus ähnlich und wird oft nicht richtig erkannt. Sie tritt meist mit einer Sozialphobie sowie Angststörung auf. Es sind größtenteils Kinder betroffen, darunter häufiger Mädchen. Tilda geht auf ein musisches Gymnasium in eine Gesangsklasse. Ihre Mutter ist ängstlich, wie viele Eltern mutistischer Kinder. Tildas Vater übernimmt den Typus eines, unter therapeutischen Gesichtspunkten, idealen Elternteils. Er ist offen, der Therapeutin zugewandt und lernwillig. Die Logopädin ist auf die Behandlung mutistischer Kinder spezialisiert.

Tilda durchläuft den idealtypischen Verlauf einer Heilung. Möglich wird dies im Zusammenspiel zwischen Eltern und Therapeutin, vor allem aber durch den ersten Freund in Tildas Leben: Ramin.

Ramin ist ein zehnjähriger Junge, der mit seiner Familie aus Afghanistan flüchtete. Die Familie gehört einer stark verfolgten muslimischen Minderheit an. Seine Eltern verloren alles, bangten um ihr Leben und sind traumatisiert. Obwohl seine Familie in Deutschland in Sicherheit lebt, leidet sie unter posttraumatischen Belastungsstörungen.

Ramins Eltern reicht der geringste Anlass als Trigger und sie müssen zwanghaft umziehen, damit sie sich wieder sicher fühlen.

Zudem begegnen sie Menschen, die ihnen gegenüber nicht tolerant sind. Für Ramin und seine Geschwister bedeutet dies, dass sie noch keine Freunde in Deutschland fanden. Die Eltern leben isoliert und haben sich damit abgefunden.

Ramin trifft auf dem Schulhof Tilda. Er erkennt sofort, dass sie sehr schüchtern und einsam ist. Vorsichtig nähert er sich ihr.

Bild: Lykka Kühne

Dabei kommt ihm zu Gute, dass er unerschrocken ist und sich weder von Tildas Sprachlosigkeit, noch ihrer abweisenden Körperhaltung beeindrucken lässt. Ramin spricht ganz offen Tabus an. Langsam öffnet sich Tilda. Der Junge bleibt am Ball. Als sie gemeinsam nach der Schule zu Ramin gehen, treffen sie dort auf ein großes Durcheinander. Die Hühner der Familie sind tot und überall ist Blut. Die Mutter ist retraumatisiert, der Vater psychisch labil, die Geschwister leiden unter dem Druck der Verantwortung, den sie ihren Eltern gegenüber verspüren. Tilda nimmt all ihren Mut zusammen: Es gelingt ihr, in Gegenwart Fremder zu sprechen. Die Familie spürt dank des Mädchens zum ersten Mal in Deutschland Frieden.

Tilda schafft es Ramins Familie von einem weiteren Umzug abzuhalten. Die Freundschaft der Kinder vertreibt den Schweigegeist und hilft Ramins Familie.

Lykka Kühne verscheuchte selbst erfolgreich einen Schweigegeist. In ihren Bildern drückt sie aus, wie sie sich dabei fühlte. Sie schenkte Anke Kühne zum Geburtstag ein selbstgebasteltes Heft und fragte: „Mama, schreibst du auch mal ein Buch für Kinder?“ Sie bekam Ramin und Tilda dann zu ihrem eigenen Geburtstag geschenkt.

Das Kinderbuch erscheint im Novum Verlag.

https://twitter.com/ankekuehneauto1?lang=de

ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
…auf einer Fahrt durch Schweden hatte ich die Geschichte plötzlich im Kopf. Auf der Rückbank im Auto sitzend, schrieb ich erst mein Notizbuch voll, dann auf Knäckebrotpapier weiter und schließlich auf einer Tüte, die wir bei einer Pause in Waynes Coffeeshop erhielten…

Last nomads


Im Land der Sámi

Das geht ja gut los: nämlich gar nicht! „For your safety, we have decided to cancel the traffic“, teilt das Bahnunternehmen mit. „There is a risk that the temperature may go below -30° C“, auf der über 500 Kilometer langen Zugstrecke zwischen Luleå in Schweden und Narvik in Norwegen. „North of Kiruna the trains run long distances trough roadless land“, das war der Grund, warum wir diese Strecke nicht mit dem Auto fahren können und auf die Bahn ausweichen wollten, denn Fliegen kommt zum Schutze des Klimas nicht in Frage! „This means a limited possibilty of evacuating if something should happen to infrastructure or vehicels.“

Ich habe nun mächtigen Respekt davor, wenn ich daran denke, ins Land der Sámi zu fahren…

Die Samen sind ein eingenständiges Volk. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich über Schweden, Norwegen und Finnland bis nach Russland. Die ursprünglichen Sprachen der Samen sind mit dem der Finnischen und Ungarischen verwandt. Die Selbstbezeichnung Sámi, bedeutet so viel wie „Sumpfleute“. „Mindestens 20.000 Sámi leben heute in Schweden“, laut Angabe des Nordischen Museums in Stockholm. Die Samen waren von Anfang an Sammler, Fischer und Jäger, die unter anderem wilde Rentiere jagten. Später begannen sie damit, Rene zu zähmen und als Zug- oder Locktiere bei der Jagd einzusetzen. Im Laufe der Zeit gingen die Sámi dazu über, domestizierte Rentiere in kleinen Herden zu halten. In Schweden gibt es heute noch über 2000 aktive Züchter.

Viele Samen wandern auch gegenwärtig noch mit ihrer Herde.

Eine Sage der Sámi lautet so: Ein Junge geht zur Jagd und findet bei seiner Rückkehr Mutter, Vater und Schwester grausam ermordet. Bei seiner Flucht, verletzen auch ihn die Tschuden, skrupellose, herummarodierende und äußerlich Wikingern ähnelnden Männer. Der Junge rettet sich auf Brettern, den Vorläufern der Skier, in die nächste Sida, ein Sámi-Jurten-Dorf. Die Tochter des dortigen Schamanen, Noajde auf samisch genannt, pflegt ihn gesund und verliebt sich in ihn. Der Rest der Sippe fürchtet, dass die Spuren des Jungen die Tschuden zu ihnen führt.

Sie fliehen mit Rentierschlitten auf Brettern, über die Berge, ans Meer. Sie fürchten den Kampf, denn Sámi waren nie Krieger.

Der Junge will bleiben und schwört Rache für seine ermordete Familie. Dem Schamanen erscheint ein weißes Rentier in einer Vision. Es ist das dritte Mal in seinem Leben und er bleibt. Er erklärt dem Jungen, dass seine Rachegelüste dessen Geist trüben. Er müsse sich als Teil des Großen, Ganzen sehen. Allein und auf Rache sinnend, sei er nicht besser als ein Tschude. Er erzählt, dass er die erste Vision des weißen Rentiers hatte, als er so alt war, wie der Junge jetzt. Beim zweiten Mal war er auf dem Höhepunkt seiner seherischen Fähigkeiten. Nun sei es ihm erschienen, als er dem Jungen begegnete. Dann überfallen die Tschuden sie. Sie foltern den Noajde, um den Aufenthaltsort der übrigen Samen zu erfahren. Doch dieser schweigt. Der Junge erträgt es nicht, wie dem Schamanen das Bein abgeschnitten wird.

Der Junge schlägt einen Deal vor: Er führt die Tschuden den einzigen Weg durch die Berge zum Meer und im Gegenzug lassen sie den Noajde am Leben.

Die Tuschden willigen ein und lassen sich zum Meer führen. Heimlich ermorden die Tschuden den Schamanen und nehmen dessen Talismane an sich. Als der Junge diese entdeckt, plant er die Seilschaft in den norwegischen Bergen in den Abgrund zu führen. Nur zufällig überlebt er dabei selbst und es erscheint ihm ein weißes Rentier in einer Vision. Die Sámi an der Küste beobachten den Tschuden-Treck in den Bergen und planen ihre Flucht. Sie malen sich einen Zwei-Tagesvorsprung aus, da die Tschuden zu Fuß und sie auf Brettern unterwegs sind. Dann sehen sie die Schneelawine, die alle in den Abgrund reißt und wissen die Tschuden vernichtet. Auch den Jungen und den Noajde glauben sie tot. Sie vermuten, dass der Junge seinen Wunsch nach Rache aufgab, um sich für sie zu opfern. Als dieser im Yurtendorf auftaucht, ernennen ihn die Sámi zum neuen Schamanen.

Fortan wurde der Sage nach, das Volk der Sámi nie wieder bekämpft.

Der Begriff Tschude wurde in der Sprache der Sámi mit „Russe, Finne und Schwede“ übersetzt. Heute bedeutet er „Feind“. Die Samen wurden verfolgt, ausgebeutet und misshandelt. „Ich bin mir der Unterdrückung bewusst, die Schweden im Laufe der Geschichte über das samische Volk ausgeübt hat. […] Es gibt auch keine andere Möglichkeit für die schwedische Gesellschaft, voranzukommen, als sich für diese Missbräuche zu entschuldigen“, sagte Annika Åhnberg, eine samische Ministerin 1998.
Mehr als die Hälfte der Sámi, lebt in Norwegen, am wenigsten finden sich in Russland. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Grenze zwischen Finnland und Schweden festgelegt und damit den Samen die freie Überquerung verboten.

Samische Familien wurden getrennt und die Rentiernomanden von ihren Weidegründen abgeschnitten...

Norwegen verbot Ende des 19. Jahrhunderts die samische Sprache. Land konnte nur derjenige besitzen, der Norwegisch sprach und schrieb. In Finnland galten die Sámi als primitiv und wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Noch heute schämen sich viele Sámi ihrer Herkunft. Bis ins 20. Jahrhundert wurden die Samen als „Lappen“ diffamiert und durften ihre Bräuche nicht pflegen. Jetzt ist die samische Sprache zwar nicht mehr verboten, doch in den meisten Ländern wird sie immer noch nicht offiziell anerkannt. Aus Angst davor, dass ihre Kinder im Kindergarten oder der Schule diskriminiert werden, sprechen viele Eltern zu Hause kein Samisch. So lernen die Kinder die Sprache nicht. Häufig widmen sie sich dann erst im Erwachsenenalter dem Erlernen. Aber da es auf staatlicher Ebene an finanzieller Unterstützung fehlt, verlernen auch viele Erwachsene die Sprache…

Print – Sachbuch

„Glaube, Liebe, Hoffnung“ ist da!

Zu bestellen über Amazon:
https://www.amazon.de/Glaube-Liebe-Hoffnung-Anke-K%C3%BChne/dp/3000701257

Oder direkt über mich für 24,90 Euro unter Angabe der Adresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

Ist zu den Themen Glaube, Liebe und Hoffnung nicht schon alles gesagt? Stimmt! Aber als ich Kind war, unterhielten sich die Leute anders darüber, als heute. Es gab zum Beispiel noch Gott, dessen waren sich nicht nur Herman Hesse und Johannes Rau sicher, sondern auch Queen und Nirvana.
Als ich Kind war unterhielten sich die Leute in anderen Netzwerken als heute. Als ich Kind war, existierte Liebe hauptsächlich zwischen Mann und Frau sowie Eltern und Kind.


Heute gibt es Liebe zwischen und zu allen Geschlechtern, mit und ohne Kinder, es gibt Patchworkfamilien, Alleinerziehende sowie ewige Junggesellen… Und die Liebe zu Vereinen ersetzt manchem die Liebe zu Gott.

Auf jeden Fall ist das Leben heute bunter, vielfältiger, globaler, schnelllebiger und aufregender. Grund genug, finde ich, mir ein paar unterschiedliche Lebensentwürfe genauer anzuschauen.

Als ich vor über zwei Jahren mit meinem Projekt begann, ahnte ich nicht, wie groß es würde. Mein Ziel war es, verschiedene Leute, aus diversen Ländern und mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen zu interviewen. Es war schwierig, Menschen dafür zu gewinnen, dennoch bekam ich tolle Inteviewpartnerinnen und -partner.

Mit allen Leuten, die ich in diesem Buch vorstelle, bin ich bis heute in Kontakt und fühle mich dadurch reicher. Es entstanden sogar Freundschaften. Die Schönste davon entwickelte sich zu der vierfachen Mutter Inga Deveze, einer gebürtigen Hamburgerin. Verrückter Weise erst jetzt, da wir auf verschiedenen Kontinenten leben…

Wir leben in einer Kultur, in der wir uns oft vorgaukeln, dass wir glücklich sind, wenn wir reich, schlank, jung und berühmt sind sowie uns permanent amüsieren. Aber fühlen die Menschen das auch? Oder spielen sie das Spiel einfach nur mal mehr, mal weniger engagiert mit?
Ich suchte immer wieder das Gespräch und fand erstaunliche Antworten.
Der Fokus lag dabei immer auf dem Menschen. Ich guckte mir Wünsche, Träume und Ziele an. Anfangs wollte ich alle Interviewpartnerinnen und
-partner zu jedem Themenbereich befragen. Das wäre jedoch entweder zu umfänglich gewesen oder von allem nur ein bisschen übriggeblieben. Daher entschied ich mich, lieber in drei Kapiteln, zu je einem Themenbereich in die Tiefe zu gehen. Die jeweils anderen Bereiche streifte ich am Rand, um am Ende ein ganzheitliches Bild zu erhalten.

Zum Schluss konnte ich mir aussuchen, welche Geschichten ich in meinem Buch veröffentlichen will. Manchmal entschied ich mich schon nach dem Vorgespräch, einige Male auch erst ganz am Ende meiner Arbeit. Ein paar Interviews wären einander zu ähnlich gewesen.


Als ich mit den Interviews begann, stellte ich schnell fest, dass den meisten Menschen das Thema „Religion“, „Glaube an Gott“ und damit verbundene Themen, wie „politischer Weltfrieden“ unangenehm war. Ich hörte Kommentare wie: „Zum Thema Glaube möchte ich mich nicht äußern, das ist vergiftet.“ Und in der Balkanregion: „Das ist ein neues, heißes Thema, an das sich bisher keiner rantraut. Ich sage daher zwar gerne meine persönliche Meinung, möchte sie aber auf keinen Fall veröffentlich haben…“ Aha! Ich bekam lange Zeit keine Interviewpartnerinnen und -partner, die sich öffentlich äußern wollten. Und die, die ich fand, hatten Angst vor Anschlägen, so wie Deutsche jüdischen Glaubens. Muslime wollten sich gleich gar nicht äußern.

Ich hätte es an dieser Stelle lassen können. So wichtig war mir das Thema anfangs gar nicht. Ich wollte mir nur den Wandel des Glaubens in der Gesellschaft genauer anschauen, weil immer mehr Menschen in Deutschland aus der Kirche austreten und dafür ihre eigene Religion entwickeln. Keinesfalls war es meine Absicht, tickende Bomben zu entschärfen. Aber nun war ich angefixt. Als ich den ersten Blog zum Thema Religion auf meiner Website postete, genauer zum Buddhismus, erhielt ich Kommentare, die mich bestätigten. Ich arbeitete weiter. Nur mit Menschen muslimischen Glaubens kam ich überhaupt nicht voran. Immer wieder sagten mir spannende junge Iranerinnen, die ihren Glauben offen nach außen trugen, in dem sie sich verschleierten und die nach Schule, Studium oder Ausbildung ihre Familie im Iran gründen wollen, kurzfristig ab. Bis ich einer sehr selbstbewussten Deutsch-Iranerin mit starken persischen Wurzeln begegnete: Yasmin Nazari-Shafti.

„Bei den Gesprächen passierte etwas Unglaubliches, das ich trotz zahlreicher Interviews, die ich bereits als Journalistin führte, nicht kannte und für das ich unendlich dankbar bin: Die Menschen öffneten mir ihr Herz. Ich konnte wahre Schätze bergen. Ihr Vertrauen rührte mich.“

Foto: Kristoff Kühne

Ich leistete eine Menge Arbeit und erhielt reichlich Belohnungen. Ich erfuhr einige harte Lektionen und durchlebte viele Veränderungen. So passt es beispielsweise zu meiner Vorstellung eines Weltfriedens nicht mehr, sich einer Glaubensrichtung zu verschreiben. Ich bin für alle Glaubensrichtungen offen. Daher gehören meine drei Patenkinder in Afrika alle unterschiedlichen Religionen an. Es macht mich stolz und glücklich, sie groß werden zu sehen. Unser erstes Patenkind hatten wir bereits vor der Geburt unserer Tochter. Es wurde von seiner Kinderdorfmutter adoptiert, als diese in Rente ging. Und es macht unendlich traurig, wenn eins stirbt, wie unsere kleine Patentochter Kabagire in Mosambique. Sie starb an nichts. Es war einfach nur Durchfall. Seit ich selbst Kinder habe, zerreißt es mir noch mehr das Herz. Aber es zeigt mir, wie wichtig es ist, dranzubleiben.

Das letzte Gespräch meines Buches führte ich mit dem streng gläubigen Shahab Ud-Din, der eine wichtige Funktion innerhalb der verfolgten muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde innehat.

Die Menschen in meinem Buch setzen unglaubliche Kräfte frei, weil sie lieben. Nach meinem Post Close to Heaven auf Instagram, in dem ich darüber schreibe, wie sich die Brustkrebskranke Mutter von ihrer kleinen, vierjährigen Tochter verabschiedet, bekam ich zu hören: „Angesichts dieses schlimmen Schicksalsschlages müssen wir doch sehr dankbar für unser Leben inmitten unserer gesunden Lieben sein“. Ja, bitte gerne. Aber das ist es nicht, was ich zeigen will. Weil es nicht das ist, was ich erlebte. Diese Menschen brauchen kein Mitleid! Diese großartigen Leute leben vor, wie sie die Liebe durch ihre Schicksalsschläge trägt. Wie Liebe sie wachsen und reifen ließ. Wie Liebe sie unendlich Großes, Reines, Mutiges, Selbstloses, ja Göttliches schaffen ließ.

„Heute ist es selten, dass sich jemand mit dem Thema Gott und Religion auseinandersetzt. Ich freue mich jedes Mal wenn ich mich mit Gläubigen austauschen kann, egal welcher Glaube. Tolles Interview und sehr schönes Thema.“

Obwohl sich während der Arbeit an meinem Projekt vieles für mich änderte, behielt ich die gleichen Werte, die mich schon mein ganzes Leben tragen: der Glaube, dass sich etwas Göttliches in jedem Menschen finden lässt; die Liebe, die unbesiegbar macht und die Hoffnung, die uns alle Grenzen überwinden lässt. Ich schreibe seit mittlerweile 20 Jahren Texte. Ich begann mit meinem Tagebuch und schrieb meiner imaginären Freundin Kitty. Ich verfasste Schulaufsätze und gewann Wettbewerbe. Ich arbeitete als Studentin in Redaktionen und schrieb Reiseberichte. All meine Texte entstehen aus der gleichen Motivation: Ich möchte berühren.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist image.png.

Ich erhielt tolles Bildmaterial und hatte die Idee, das Buch im Magazin-Style zu verfassen. Als das Projekt ins Stocken geriet, war Raziq Ahmad Tariq mein Retter und finishte es.
Die Idee, die USA als Land der Hoffnungen auszuwählen entstand, als ich mit meiner Familie im Sommer 2018 für drei Monate im Wohnmobil durch Kanada und die USA reiste…
Ich sprach mit osteuropäischen Studenten, die als Summerjobber Geld in den USA verdienten, um sich den Traum vom Reisen durch die Vereinigten Staaten zu erfüllen. Und immer wieder traf ich ganz unterschiedliche Menschen, die von Nordamerika träumten, darauf hofften, sich danach sehnten und ihre Zukunft dort sahen oder sie zumindest für einen Sommer damit bereichern wollten. Und letztlich suchten ja auch wir dort nach der großen Freiheit…

„Es ist unglaublich, was die Liebe zu leisten vermag. Und es ist unglaublich tröstlich, dass es möglich ist. Wir brauchen nicht länger vor Schicksalsschlägen Angst zu haben. Wir können vertrauen. Dass die Liebe uns tragen würde. Dass sie uns stark macht. Dass sie uns alles schaffen lässt. Dass sie uns unbesiegbar macht.“

Ich hoffe, das wunderbare Gefühl der Verbundenheit, das ich empfand, als ich die Interviews führte, ist beim Lesen spürbar, egal, wie unterschiedlich die Menschen in diesem Buch nach ihrem Glauben, ihrer Art zu lieben, ihrer Herkunft, ihrem Alter, ihrer persönlichen Situation und Lebenserfahrungen, ihrem Familienstand, ihren Vorlieben, ihren Zielen und ihrer Bildung nach auch sind. Die Wertevorstellungen und Träume sind sich oft sehr ähnlich…
Alle sehnen sich nach Verbundenheit, Freundschaft, Liebe und Frieden.

It’s done!
Was ich spüre? Erleichterung! Und Dankbarkeit!!!

Meine glorreichste, ehrwürdigste, ruhmreichste, glanzvollste, achtunggebietendeste Auszeichnung!


Ich habe wahnsinnig viel gelernt, indem ich für dieses Projekt einmal alles was zur Entstehung eines Buches gehört, einschließlich dessen Druckes, durchgemacht habe… Es war schrecklich schön. Und ich kann mir im Augenblick nicht vorstellen, das noch mal zu tun… Aber ich weiß jetzt, worauf es ankommt und das wars wert!

Viel Spaß beim Lesen!

Interviews: Subhransu Mahapatra, Shahab Ud-Din, Dr. Steffen Storck, Frau Sharafian, Christian Böhner, Crisolita Evora Lima Rodrigues Tavares, Yasmin Nazari-Shafti, Dan, Dr. Hartmut Treu, Armin Sengbusch, Eva-Maria Esken, Christian Gruber, Mirjam E., Chaly (Peter Marsal), Jonas Gabriel, Denis Dimitrov, Melody Gilbert, Aleksa Krstic, Wiebke Schwartau, Damian Skrzypczak, Natalia Chicu, Bailey Garfield, Inga Deveze, Tatjana, Sebastian Göbel
Grafikdesign: Madeleine Möhlmann, Raziq Ahmad Tariq
Korrektorat: Amélie Gloyer

Liebe K. M.! Herzlichen Dank für das tolle Buch, ich bin nachhaltig beeindruckt!!! Dostojewski schrieb es vor über 150 Jahren und er ist moderner als viele Politiker heute… Sprachlich ist es sperrig und brillant. Außerdem war mir diese russische Epoche bislang unbekannt, ich habe viel gelernt. Meine Antwort auf Deine Frage: Ich glaube an die Liebe!

https://www.lovelybooks.de/autor/Anke-K%C3%BChne/

Mein bisher zauberhaftestes, wunderbarstes, herzallerliebstes, zuckersüßestes, megageilstes Feedback! @Madhusmita

@caféluise: Welch köstliche Überraschung! Für solch einen Tortentraum schreib‘ ich noch 1000 weitere Bücher!

TRUE LOVE MATTERS
#starkefrauen
„Die Menschen auf der Welt haben nicht dieselbe Hautfarbe, sprechen nicht dieselbe Sprache und leben nicht nach denselben Bräuchen, doch sie haben alle das gleiche Herz, das gleiche Blut und das gleiche Bedürfnis nach Liebe.“
Josefine Baker
(1906-1975)
amerikanische Tänzerin

Glaube, Liebe, Hoffnung

Meine Frau und ich glauben an verschiedene Götter

Subhransu Mahapatra wurde in Indien geboren. Seine Frau ebenfalls. Sie sind beide Hinduisten. Trotzdem glauben sie an verschiedene Götter und Göttinnen. Sie sehen den Hinduismus eher als Philosophie, denn als eine Religion. Heute leben sie in Deutschland. Ihre gemeinsame Tochter singt im christlichen Kirchenchor, spielt beim evangelischen Krippenspiel mit und sie haben Weihnachten einen geschmückten Tannenbaum in ihrer Wohnung stehen. „Wie sie vielleicht wissen, gibt es Millionen an Göttern und Göttinnen. Als Hindu ist es deine Entscheidung, an welche du glaubst“, sagt er. Der 43-Jährige hat drei Brüder, zwei ältere und einen jüngeren. Zwei davon blieben in Indien, einer arbeitet in den USA. Sein Vater starb vor zehn Jahren bei einem Unfall. Deswegen lebt sein ältester Bruder mit seiner Mutter zusammen.

„Im Hinduismus gibt es keinen Gründer, es ist eine offene Kultur. Du kannst befolgen und glauben, was du willst und dir deinen Gott aussuchen. Meine Hoffnung für die Welt ist, dass es keine Religionen mehr gibt. Sie bilden die Quelle der meisten und größten Konflikte.“

Das indische Bildungssystem ist so aufgebaut, dass die Kinder im Alter von fünf Jahren, in die Schule kommen. Das entspricht der Grundschule in Deutschland, sie geht von der ersten bis zur fünften Klasse. Anschließend gehen die Schülerinnen und Schüler bis zur zehnten in die High-School. Danach besucht man für zwei Jahre ein Intermediate-College. Ein einfacher Universitätsabschluss dauert drei Jahre. Subhransu Mahapatra studierte im Bundesstaat Odisha, in dem er auch aufwuchs. Dort ging er an die Utkal University. Er absolvierte nach seinem Bachelor seinen Master in Business Administration. Im Jahr 2012 kamen er und seine Frau nach Deutschland. Sie lebten zuerst in Süddeutschland. Dort blieben sie rund sechs Jahre. Er arbeitete für ein amerikanisches Unternehmen in der Medizintechnik, das eine Fabrik in der Nähe von Karlsruhe hat.

„Heutzutage sind die Leute offener, aber in Indien müssen sie nach wie vor bestimmten Bräuchen folgen. Für ein ausgewogenes Sozialleben ist es wichtig, mit allen zurechtzukommen. Die meisten Leute in Indien nehmen also, ob sie wollen oder nicht, an Festen und Bräuchen teil.“

Foto: Kristoff Kühne

„Meiner Frau und meiner Tochter gefällt es in Deutschland besser. Meine Frau arbeitet hier in Deutschland sehr gerne, unsere Tochter geht hier zur Schule und hat ihre Freunde. Deswegen bleiben wir hier. Ich wäre lieber zurück nach Indien gegangen“, sagt er lachend und achselzuckend. Er arbeitete auch ein Jahr in Birmingham und ein Jahr in Amsterdam, bevor sie nach Deutschland zogen. Er ist IT-Spezialist und beschäftigt sich mit Softwareentwicklung und Programmieren. In Deutschland war er für die Softwareeinführung SAP zuständig. In Indien arbeitete er als Consultant. Seit zwei Jahren arbeitet er als Senior Consultant für den Bierproduzenten Carlsberg. „Wir kamen mit einer Gruppe von circa sechs Mitarbeitern. In unserem Team waren Leute aus den USA, Singapur, Malaysia, Indien und Deutschland“, sagt er.

„Bildung ist generell ein Problem in Indien. Die Rate der Analphabeten liegt bei rund 20 Prozent. Etwa 260 Millionen können nicht lesen und schreiben!“

Seine Frau beherrscht sehr gut Deutsch, Englisch und zudem ihre Muttersprache Oriya. In Indien existieren circa 23 verschiedene Sprachen, Subhransu Mahapatra spricht vier davon: Oriya, seine Muttersprache sowie Telugu, Hindi und Englisch, die Amtssprachen in Indien sind. Außerdem lernt er Deutsch. Seine Tochter wächst dreisprachig auf. Er und seine Frau sprechen Englisch mit ihr, er unterhält sich zudem auf Oriya mit ihr und seine Frau spricht Deutsch mit der Tochter. Außerdem redet das Kind ein bisschen Hindi. Da er durchgehend für US-amerikanische Unternehmen arbeitet, war für ihn nie notwendig, Deutsch zu lernen. Jetzt geht er zur Volkshochschule. „Meine Tochter besteht immer darauf, Deutsch zu sprechen und zu lernen“, sagt er lachend. Er hat die indische Staatsbürgerschaft und ein unbegrenztes Arbeitsvisum für Deutschland. Damit erfülle er die Voraussetzung für die deutsche Staatsbürgerschaft. Nächstes Jahr will er versuchen, diese zu bekommen. Seine Frau hängt noch an seinem Visum. Seine Tochter hat ebenfalls keine deutsche Staatsbürgerschaft, da man sie, anders als in den USA, in Deutschland nicht durch die Geburt im Land bekommt. Es hängt von den Eltern ab. Wenn er die deutsche Staatsbürgerschaft erhält, können sie sie für seine Frau und seine Tochter beantragen.

„Indische Studenten gingen nach England oder in die USA und anschließend blieben sie dort. In den letzten Jahren führte
Großbritannien zahlreiche Beschränkungen für Visa ein. Früher galten Visa für Absolventen ein Jahr, heute nur einen Monat. Deshalb studieren heute viele Inder in Europa und gehen nach Frankreich, Deutschland, Dänemark oder Schweden. Das sind Länder, die Fachkräfte suchen.“

Subhransu Mahapatra spricht im Interview über seinen Glauben.

Wie sah ihre religiöse Erziehung als Kind aus?
Wir werden in religiöse Angelegenheiten schon von Beginn der Kindheit an eingeführt. Wenn ein Kind geboren wird, wird wenn es 21 Tage alt ist, ein großes Fest gefeiert, mit vielen Freunden. Es wird den Göttern gehuldigt und zum Dank geben sie ihren Segen für das Kind. So beginnt die religiöse Reise des Kindes (lacht). Wenn das Kind ein Jahr alt wird, gibt es eine noch größere Feier.
In westlichen Kulturen oder woanders feiert man auch den ersten Geburtstag,
aber bei uns ist es ein religiöser Anlass. Ob das Kind will oder nicht, es wird in den Glauben eingeführt.

Wird Religion in Indien an der Schule unterrichtet?
Ja, an den allgemeinen Schulen werden verschiedene Religionen unterrichtet,
nicht nur Hinduismus. Es gibt auch religiöse Schulen, zum Beispiel die Madrasa, die sind dann nur für Muslime. Die Veden sind so etwas wie die heiligen Schriften des Hinduismus, so wie im Islam der Koran und im Christentum die Bibel. Im Hinduismus gibt es jedoch nicht nur ein heiliges Buch. Die Veden enthalten viele Philosophien und sind in Sanskrit verfasst. Alle Hindus befolgen die Hauptschriften der Veden.

Lernen Kinder Sanskrit in der Schule?
In normalen Schulen nicht. Sie behandeln die religiösen Schriften nicht auf diese Art und Weise. Sie setzen sich mit der Kultur auseinander, aber nicht mehr. Es gibt jedoch vedische Schulen, in denen die Überzeugungen gelehrt
werden. Auf diese Schulen gehen jedoch nicht viele Kinder.

„Es gibt viele Probleme in Indien, Armut ist wahrscheinlich das Größte. Kinder werden in Familien geboren, die sie nicht ernähren können. Das ist eine schlimme Situation. Ich möchte ein Indien sehen, in dem niemand aus Armut stirbt. Das ist vielleicht unmöglich, aber ich würde das gerne erleben.“

Welche Rituale führten sie für ihre Tochter durch?
Für meine Tochter haben wir darauf verzichtet, wir befolgen diese Dinge nicht mehr. Die meisten, die Indien verlassen und im Ausland bleiben, befolgen diese Traditionen nicht, weil es einfach nicht geht. Als meine Tochter ein Jahr alt war, lebten wir bereits hier und da konnten wir diese Feste nicht feiern, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie ich sie beschrieben habe.

Waren sie mit ihrer Tochter in Indien und führten dort Rituale durch?
Ja, einen Brauch befolgten wir, weil meine Mutter darauf bestand: Wenn das Kind ein Jahr alt wird, gibt es eine Zeremonie, in der es darum geht, alle Haare abzuschneiden. Das gilt sowohl für Jungen als auch für Mädchen. Sie opfern ihre Haare den Göttern und Göttinnen, an die sie glauben.

Wie lief das ab?
Als meine Tochter zwei Jahre alt war, waren wir zu Besuch in Indien. Meine Mutter bestand darauf, dass wir zu einem Tempel gingen. Das ist ein Ort, an dem man die Götter und Göttinnen empfängt. Leute gehen dorthin, um ihnen zu huldigen. In dem Tempel entfernten wir alle Haare meiner Tochter. Wir luden dazu einige Freunde der Familie ein und kochten gutes Essen.

Layout: Raziq Ahmad Tariq


Welche Bräuche lassen sich noch nur in Indien realisieren?
In der hinduistischen Kultur glauben wir an vier heilige Stätten, zu denen Hindus pilgern. Im Laufe ihres Lebens sollten sie an diesen vier Orten gewesen sein, um einen Moksha zu bekommen. Es bedeutet nach dem Tod einen Platz
im Himmel zu bekommen. Ein Hindu sollte diese Stätten besuchen, um im Paradies weiterleben zu können.

Was verkörpern diese vier heiligen Stätten?
Diese vier Orte liegen in verschiedenen Teilen Indiens. Einer davon befindet sich in meiner Heimat im Bundesstaat Odisha. Es ist ein riesiger Tempel in der Stadt Puri, der den Gott Jagannath huldigt. Der nächste befindet sich im Westen Indiens und nennt sich Dwarka. Eine weitere heilige Stätte befindet sich im Norden und heißt Badrinath. Die letzte befindet sich im Süden und heißt Rameswaram. Das sind die vier Pilgerorte im Hinduismus. Sie entsprechen den vier grundlegende Prinzipien im Hinduismus. Diese sind Dharma, Karma, Artha und Moksha.

Alle Hindus glauben an diese vier Prinzipien?
Ja, das tun sie. Auch wenn sie unterschiedlichen Göttern huldigen. Die Prinzipien sind für alle gleich. Aber sie sind nicht verpflichtend. Es gibt kein geschriebenes oder gelebtes Gesetz, sie zu befolgen. Wenn du sie befolgst, bist du Hindu und wenn du sie nicht befolgst bist du Hindu. (lacht)


Wir haben hier in Deutschland eine indische Gemeinschaft, die wirregelmäßig treffen. Wir feiern zusammen einige Feste. Morgen zum Beispiel ist das Chariot-Festival, mit dem wir den Gott Jagannath huldigen. Es ist ein wichtiges Fest in meiner Heimat.

Wie feiern sie das Chariot-Festival?
Es gibtdie traditionelle Überzeugung, dass der Gott Jagannath einmal im Jahr
aus dem Tempel herauskommt und alle Leute trifft und besucht. Dies ist das Chariot-Festival. Es gibt einen Wagen, auf den ein großes Bild des Gottes geladen wird. Dieser fährt dann durch die ganze Stadt. Etwa eine halbe bis eine Million Leute kommen an dem Tag in die Stadt. Es wird aber auch überall sonst gefeiert, wo die Leute an diesen Gott glauben.

Waren sie in Deutschland im Tempel?
Ja, wir gingen anfangs, als wir in Süddeutschland lebten, zu vielen Tempeln. In Heidelberg gibt es zwei Tempel. Einer ist für Ganesha, der andere ist der Göttin Durga gewidmet. In Stuttgart gibt es einen Tempel, mit dem wir Krishna huldigen. Dort gingen wir häufig hin. In München gab es auch einen Tempel. In Hamburg hatten wir noch keine Möglichkeit. Ich weiß, dass es hier auch zwei hinduistische Tempel gibt sowie einen Sikhtempel.

Wie wichtig sind Tempelbesuche für sie?
Nicht wichtig, ich glaube nicht an Tempel, sondern an Götter und ich huldige ihnen Zuhause.

Ich bin keine sonderlich religiöse Person. Es ist üblich, jeden Morgen, wenn man aufsteht und sich wäscht oder ein Bad nimmt, den Göttern zu huldigen. Ich huldige ihnen jeden Morgen. Ich habe vier oder fünf Fotos der Götter und Göttinnen in meinem Haus und davor bete und verehre ich sie. Der Hauptgott in der hinduistischen Kultur ist Brahma. Es heißt, dass Brahma der Schöpfer des Universums ist.



Ist das im Hinduismus generell so?
Nein, rund 90 Prozent der Bevölkerung Indiens besucht regelmäßig Tempel. Deswegen gibt es fast jeden Kilometer einen. Es gibt vielleicht nicht überall Schulen, aber Tempel auf jeden Fall. Viele Festivals werden in Tempeln gefeiert, für alle möglichen Götter (lacht). In einem Tempel siehst du vielleicht zehn verschiedene Götter. So können sich die Leute den Gott aussuchen, an den sie glauben und dort beten.

Praktizieren sie Yoga oder Meditation?
Während meines Studiums habe ich viel meditiert. Heutzutage nicht mehr. Meine Frau macht viel Yoga.

Ist das religiös oder sportlich motiviert?
Yoga ist nicht Teil des hinduistischen Glaubens. In Indien sehen Leute das auch nicht als Teil ihrer Religion, sondern als eine Form der körperlichen Betätigung. Es ist nicht spirituell.

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung erschienen!

Direkt zu bestellen über mich für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

Oder über Amazon für 24,90 Euro + 3 Euro Versandkosten
sowie als Kidle-Edition für 9,99 Euro:
https://www.amazon.de/Glaube-Liebe-Hoffnung-Anke-K%C3%BChne/dp/3000701257

Glaube, Liebe, Hoffnung

An ihren Unis in Osteuropa sind sie die künftigen Banker, Journalisten und Politiker – in Amerika sind sie nur „die Hilfe“

Melody Gilbert ist eine US-amerikanische Journalistin, Dokumentarfilmerin und Professorin. Seit Herbst 2019 lehrt sie in Vollzeit an der Universität in Natchitoches, Louisiana. „Ein neues Abenteuer! Ein neuer Ort, mit neuen Geschichten“, sagt sie lachend. Auf die Frage nach ihrem Alter antwortet sie: „Gut, ich bin 61, aber es fühlt sich sehr seltsam an, das laut auszusprechen! Ich fühle mich wahrhaftig nicht einen Tag älter als 40!“ Sie studierte Soziologie und Französisch an der Tulane Universität in New Orleans. Ihren Master absolvierte sie an der University of Minnesota. „Nebenbei gesagt: ich bin nie auf eine Filmschule gegangen und habe nie Journalismus studiert. Und beides lehre ich jetzt schon seit mehr als 20 Jahren!“ Sie spreche Englisch und ganz passabel Französisch. Sie wünschte, es wären mehr Sprachen. Seit 31 Jahren ist sie verheiratet und hat eine erwachsene Tochter.
Sie kennt die Hoffnungen junger osteuropäischer Studenten, die sie vier Jahre lang an der Amerikanischen Universität in Bulgarien (AUBG) als Vollzeit-Professorin unterrichtete. In ihrem Dokumentarfilm „The Summer Help“ beleuchtet sie die Träume einiger ihrer Studenten genauer.

„Der Doc Club gehörte zum besten meiner Professur an der Uni in Bulgarien – ich sah mit meinen Studenten Dokumentationen, traf Filmemacher und besuchte Filmfestivals. Igor Myakotin half beim Film The Summer Help. Nach seinem Bachelor ging er an die Filmschule in New York. Dumitrita Pacicovschi war Produzentin bei Silicone Soul.

Foto: Keri Pickett

Sie arbeiteten 15 Jahre als Journalistin für’s Fernsehen, warum entschieden sie sich Dokumentarfilme zu drehen?
Ja, ich arbeitete viele Jahre als Journalistin. Dann hatte ich es irgendwann satt, dass die TV-Studios keine längeren Geschichten bringen. Ich war frustriert diese ganzen kurzen Storys zu machen. Du fängst gerade mit einem Interview an und die Aufnahmeleitung stellt die Kamera ab und sagt: „Gut, das war‘s!“ (lacht)

Was war am Anfang das Aufregendste?
Ich drehte erst einstündige Specials. Dann wurden es immer mehr längere Stücke und irgendwann realisierte ich: „Oh mein Gott, ich bin eine Dokumentarfilmerin!“ Als ich mich entschied selbstständig zu arbeiten, begann ich zu filmen. Ich produzierte, moderierte und führte Regie. Ich verfüge über eine komplette, eigene Ausrüstung. Das war eine verrückte Idee! Aber ich hab’s gemacht! Das war so eine aufregende Zeit!

„Ich bin eine kleine Frau, mit einer kleinen Kamera! Und nicht ein großer Mann, mit einer großen Kamera (lacht). Das Wireless-Mikrofon war eine gute Idee, weil ich auf diese Weise meinen Interviewpartnern nicht das Mikrofon direkt ins Gesicht halten muss. Ich kann einen gewissen Abstand halten. Das veränderte alles.

Ist es ein typisches Zeichen für ihre Arbeit?
Ja, ich denke schon. Gut, andere Leute machen augenscheinlich das Gleiche. Aber ich schätze, dass ich besonders gut darin bin, beobachtende, nicht wertende Filme zu machen – Dokumentationen.

Auf welche Weise charakterisiert es ihre Filme?
Es bedeutet, dass ich Zeit investiere. Ich weiß viel mehr, als ich in meinen Filmen zeige und bewerte trotzdem nicht und gebe auch keine Antworten. Ich will eine Erfahrung davon geben, was ich erlebt habe. Nicht alles ist perfekt in meinen Filmen. In meinem Film „The Summer Help“ hätte ich viel mehr Urlaubsbilder präsentieren können. Das hätte eine gute Kameraperspektive sein können! Aber es wäre umsonst gewesen, weil die Welt nicht perfekt ist. Filme, die nicht perfekte Welten zeigen, mag ich. Ich strebe nicht an, eine großartige Kinofilmerin zu sein. Oder eine große Person im Filmbusiness. Ich bin Journalistin! Ich bin Filmemacherin! Ich befinde mich außerhalb der Welt und beobachte Dinge (lacht).

„Das Schönste am Filme drehen ist, sie mit einem Publikum zu teilen. Zu sehen, das sie für Gesprächsstoff sorgen. Wenn sie die Menschen berühren, vielleicht ihre Herzen öffnen und ihren Geist. Was kann ich mehr erwarten?“

Warum sind sie so interessiert an solchen Welten?
Das ist eine gute Frage. Ich wünschte, ich wüsste die Antwort darauf… Ich bin es einfach. Stellen sie sich vor, es ist so wie auf ihrer Website: Sie sind auf einem Foto mit ihren beiden Freundinnen zu sehen, die sich bei ihnen unterhaken. Und eine der beiden sagt: „Oh ich habe davon gehört, dass es Leute gibt, die in diese Gebäude gegangen sind. Sie waren im Untergrund und haben ganz besondere Dinge gefunden.“ Einige Leute reagieren darauf mit: „Oh das ist ja schrecklich!“ Ich gehöre zu den Menschen, die sagen: „Das ist interessant! Erzähl mir mehr darüber.“

Wie finanzieren sie ihre Filmprojekte?
Ich habe eine Kamera, ich muss für ein Shooting nicht fragen und auch sonst niemanden nach Zusagen oder Geld. Ich starte einfach, wenn ich etwas Interessantes erlebe. Ich denke, das ist es, was mir erlaubt, diese Dinge zu erleben. Ich bin neugierig. Und es hört sich so an, als ob sie es auch wären! (lacht)
Wo aus Deutschland kommen sie her?

Aus Hamburg…
Nein, da bin ich nie gewesen.

Die Leute sind sehr offen, das liegt an dem großen Hafen, er bildet ein Tor zum Rest der Welt
Oh, das ist wunderbar, großartig, wir brauchen mehr davon!

Warum schockieren sie ihr Publikum immer mit ihren Filmen?
Nein ich will mein Publikum nicht schockieren! Ich will es einfach nur auf die Reise mitnehmen, auf der ich war. Anfangs ist es auch für mich auf eine bestimmte Weise schockierend. Weil ich nie zuvor von bestimmten Dingen hörte. Da ist in meinem aktuellen Film Silicone Soul eine Person, die mit ihrem synthetischen Hund aus dem Haus geht. Und eine alte, demente Frau ist in eine Babypuppe verliebt. Es ist mehr: „Wow, das wusste ich nicht!“ Die Geschichten, die ich mache, sind nicht typisch. Viele Leute denken, Silicone Soul sei ein Film über Sexpuppen. Mal ehrlich: Wer will so einen Film sehen? Nur ein paar Leute. Es ist ein Film über Beziehungen, Liebe und die Zukunft. Sex kommt darin gar nicht vor.

„Finanziere meinen Film! steht auf einer Kerze neben dem Familienfoto mit meinem Mann und meiner Tochter am Strand. Aber es funktionierte nicht. Ich liebe sie trotzdem.“

Mich schockiert nicht, dass Männer Puppen lieben. Es hat mich getroffen, wie einsam sie sind. Dass es keine menschliche Liebe in ihrem Leben gibt. Sie wirken so unglaublich verletzlich…
Ja! Das stimmt. Wenn man das sieht, muss man ganz viel darüber nachdenken, in was für einer Gesellschaft wir leben. Es hält uns den Spiegel vor Augen und das trifft uns. Ich erzähle ihnen aber nicht die Geschichte. Die Leute im Film erzählen ihnen die Geschichte! Im Film The Summer Help ist es eine Geschichte, von der die Leute sagen, ich wusste das nicht. Die meisten in Europa kennen das Work-and-Travel. Sie haben es gemacht oder kennen Leute, die es machten. Aber ich wollte sehen, wie es aus der Perspektive der Studenten ist. Die Hauptpersonen in meinem Film repräsentieren viele Leute aus Osteuropa. Sie sind intelligent, sie sind unglaublich! Sie sprechen vier bis fünf Sprachen, sie sind die Cleversten aus ihrem Dorf, sie gehen ins Theater und studieren Journalismus oder Wirtschaftswissenschaften an der Universität, an der ich unterrichtete, der AUBG. Und im Sommer reinigen sie Toiletten in Amerika! Das macht mich absolut verrückt. Ich wollte herausfinden, inwiefern Amerika das Land ihrer Träume ist. Ich führte Interviews mit ihnen und begleitete die Studenten für ein paar Tage. Als sie zurück an ihre Uni gingen, guckte ich, wie sie sich verändert haben.

Warum entschieden sie sich, für vier Jahre an die Amerikanische Universität in Bulgarien zu gehen?
Ich liebe Veränderungen und ich liebe die Herausforderungen, die sich mit Veränderungen ergeben. Ich liebe es, mit Studenten zu arbeiten, das macht mich glücklich.

Was hofften sie, als sie nach Bulgarien gingen?
Ich bekam meine Idee für meinen Film The Summer Help, als ich die erste Woche an der AUBG unterrichtete. Ich fragte: „Was habt ihr im Sommer erlebt?“ Und fast alle von ihnen hatten den Sommer in den USA verbracht. Ich sagte: „Leute ich komme aus den USA, warum seid ihr dort gewesen?“ Und sie erzählten mir, dass sie an den Plätzen arbeiteten, an denen ich Urlaub machte. Ich wusste nicht, dass dort Studenten arbeiteten. Sie haben Jobs gemacht, die in den USA niemand machen will. […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung erschienen!

Direkt zu bestellen über mich für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

Oder über Amazon für 24,90 Euro + 3 Euro Versandkosten
sowie als Kidle-Edition für 9,99 Euro:
https://www.amazon.de/Glaube-Liebe-Hoffnung-Anke-K%C3%BChne/dp/3000701257

Glaube, Liebe, Hoffnung

Tschüss Mami…

Lara Treu mit ihrer Tochter, zwei Wochen, bevor sie an Brustkrebs starb…

Dr. Hartmut Treu verlor seine Frau an Brustkrebs, als ihre gemeinsame Tochter fünf Jahre alt war. „Ich finde es klingt ganz schrecklich, wenn ich sage, dass ich Witwer bin“, erzählt er. Seine verstorbene Frau Lara Treu, war 43 Jahre alt und kämpfte ein Jahr lang, ohne jede Chance auf Heilung gegen den Krebs. Die Unfallchirurgin tat es aus Liebe zu ihrer kleinen Tochter.
Als sie die Diagnose bekam, hatte sie bereits im ganzen Körper Metastasen, außer im Gehirn, am schlimmsten in der Wirbelsäule. Dennoch wollte sie unbedingt bis zur Einschulung ihres kleinen Mädchens durchhalten.

Die absolute Zahl der jährlichen Todesfälle durch Brustkrebs liegt in Deutschland seit 1990 nahezu konstant bei etwa 18.000 Frauen.
Die Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland erlaubt. Die Tötung auf Verlangen war bis Anfang 2020 ein Straftatbestand. Im Februar 2020 kippte das Bundesverfassungsgericht das Gesetz. Es entschied, zum selbstbestimmten Sterben gehöre auch das Suchen und die Inanspruchnahme von Hilfe durch Dritte.

Wären wir zu zweit gewesen, hätten wir ihren Schmerzen und ihrem Leben nach der ersten Chemotherapie ein Ende gesetzt. Aber sie versuchte, am Leben zu bleiben, bis Hannah in die Schule geht. Sie schaffte es nicht.

Dr. Hartmut Treu wurde in Hamburg geboren und wuchs mit seinen Eltern sowie einem zwei Jahre älteren Bruder auf. Er studierte Medizin an der Universität Hamburg und ist Facharzt für Urologie mit eigener Praxis. „Meine Vorfahren waren 350 Jahre lang Pastoren, ich bin also aus der Art geschlagen (lacht). Aber wir sind nie so richtig oft in die Kirche gegangen und das ist auch heute so. Ich bin konfirmiert und meine Eltern beteten jeden Abend mit uns“, erinnert er sich.
Er lebt heute in Hamburg und in seiner Freizeit imkert er.
Lara Treu konnte zu Hause sterben. Die, die sie liebte, waren in diesem Moment bei ihr: ihre Tochter, ihr Mann und ihre Mutter.
Im Interview spricht er über Liebe, die über den Tod hinausgeht; der Liebe zu seiner Tochter und wie die ganze Familie durch die Liebe getragen wurde und Halt fand.


Ich sprach mit Dr. Hartmut Treu über das letzte Jahr als Familie, über den Tod seiner Frau und die Zeit danach.

Wie begann eure Liebe?
Ganz unromantisch über eine Kontaktanzeige. Wir schalteten beide eine und sie antwortete auf meine. Dann telefonierten wir und sie sagte: „Also mit dir kann man gar nicht telefonieren.“ Unser erstes Treffen war sehr zäh. Wir gingen mit ihrem Hund spazieren und erst kam kein Gespräch auf, dann gab es sehr lange Pausen. (lacht)

Wann hast du dich in sie verliebt?
Nicht auf den ersten Blick, das kam peu à peu. Als es soweit war, hatte ich Schmetterlinge im Bauch. Ich vermisste sie schon direkt nach unseren Treffen. Ich habe es ihr aber nicht gezeigt. Sie hätte es jedoch viel lieber gehabt, dass ich ihr romantische Geschichten schicke oder mal Blumen oder so…

Wie seid ihr zusammengekommen?
Ich habe sie während einer Nachtschicht in der Klinik besucht. Wir spielten in der ersten Zeit des Verliebtseins Gesellschaftsspiele und reisten, besonders solche Gegenden, auf die ich ohne sie nie gekommen wäre, wie Sri Lanka. Ich wäre ohne sie auch nie auf die Idee gekommen, einen Tauchkurs zu machen. Das taten wir hier im Schwimmbad. Und dann sah ich mich mit Taucherflasche auf dem Rücken und Bleigürtel um den Bauch auf einem kleinen wackeligen Boot im indischen Ozean und hörte: Spring! Mir selbst sagte ich: Du bist doch komplett irre!

Hat einer von euch einen Heiratsantrag gemacht?
Es entwickelte sich nach und nach, dass wir den Rest unseres Lebens gemeinsam verbringen wollen. Liebe entwickelt sich und irgendwann willst du den anderen nicht mehr hergeben. Lara hat lange auf einen Heiratsantrag gewartet, das war genauso unromantisch wie unser Kennenlernen… (lacht) Wir hatten das Haus gekauft, waren total verschwitzt am Renovieren und ich sagte: Sag mal, eigentlich können wir doch jetzt auch heiraten? Dann guckte ich, ob noch irgendwo eine Flasche Sekt rumstand. Diese Geschichte musste ich mir zu Recht jedes Jahr wieder an unserem Hochzeitstag anhören…

Wie habt ihr geheiratet?
Standesamtlich im Dezember, weil wir dachten, das bringt uns steuerlich etwas, also auch ganz unromantisch und es brachte uns 170 Euro (lacht). Wir dachten, wir holen eine kirchliche Trauung mit einem großen Fest nach, aber dazu kam es nie. Unsere Flitterwochen verbrachten wir im Tauchurlaub auf den Malediven, das war wahnsinnig schön…

Wie sah euer Kinderwunsch aus?
Es war von Anfang an klar, dass wir unbedingt gemeinsam Kinder wollen. Wir haben nicht mehr verhütet und probierten es jahrelang. Mit zahlreichen künstlichen Befruchtungen. Lara wollte auf keinen Fall ein Einzelkind. Nach der Geburt unserer Tochter Hannah gab es noch sechs weitere erfolglose Versuche…

Wie ging es euch damit?
Ich hätte die künstlichen Befruchtungen nicht gemacht. Ich hatte zudem einen Hodentumor… Die erste künstliche Befruchtung, die funktionierte, war eine Fehlgeburt, weil es eine Eileiterschwangerschaft war. Es kam zur Not-OP. Dann machten wir ziemlich schnell weiter. Beim zweiten Mal als es klappte waren es Zwillinge. Und das war immer Laras größter Wunsch! Zwillinge. Beide gleich alt. Was Besseres konnte sie sich nicht vorstellen… Wir waren beide total happy!

Was machte ihr Tod mit eurer Liebe?
Ich habe nach vorne geguckt. Lara und ich trauerten ganz anders. Das ist wohl generell so, dass Frauen in solchen Fällen anders trauern. Bei mir war es relativ schnell so, dass ich gesagt habe es muss weitergehen, es wird weitergehen. Lara war nicht so weit. Im Endeffekt schweißten uns unsere ganzen Schicksalsschläge aber zusammen. Viele Ehen wären daran wahrscheinlich kaputtgegangen.

Wie fandet ihr nach der stillen Geburt der Zwillinge Kraft es nochmal zu probieren?
Der Kinderwunsch war so immens bei Lara. Ich sagte, zur Not werden wir auch zu zweit glücklich. Aber für Lara gab es gar keine Möglichkeit, aufzuhören und die dritte Schwangerschaft war dann Hannah.

Wie ging es euch während der Schwangerschaft?
Das war eine Schwangerschaft, die natürlich nie entspannt war. Wir hatten die ganze Zeit Sorgen, dabei war es eine Bilderbuchschwangerschaft (seufzt).
Wie war es nach Hannahs Geburt? Unser absolutes Wunschkind war da! Lara war die beste Mutter, die es gab! Sie tat immer alles für das Kind. Wir waren verliebt und im Glück. Wir teilten alle Aufgaben von Anfang an.

Wann und wie habt ihr von Laras Erkrankung erfahren?
Sie hatte monatelang Rückenschmerzen. Es war sofort klar, dass sie keine Chance hatte, weil es schon Metastasen gab. Es ging nur noch um den Faktor Zeit. Sie wollte es bis zu Hannahs Einschulung schaffen…

Steht der Brustkrebs in irgendeinem Zusammenhang mit der künstlichen Befruchtung? Diese Frage kann dir keiner beantworten. Wenn du sie fragst, sagen sie alle nein. Wenn man die Beipackzettel der Hormongaben liest, dann glaube ich das schon. Aber für Lara hätte das keinen Unterschied gemacht. Sie sagte zu ihrer Mutter: Auch wenn ich es gewusst hätte, würde ich es jederzeit wieder machen. Und ich meine jeder liest diese Beipackzettel und denkt, mich trifft es nicht. So wie jeder Raucher sagt: Mich trifft das nicht. Niemand sagt deshalb, ich bekomme kein Kind.



Was war das Schlimmste an ihrer Krankheit?
Die Schmerzen und der körperliche Verfall. Nicht mehr für Hannah da sein zu können, Mama ist nicht da. Eifersucht, dass ich alles mit unserer Tochter machen kann und Lara nicht, aber nur ein bisschen, nicht wirklich…

Was war für dich das Schlimmste?
Immer wieder diese tiefe Hoffnungslosigkeit von Lara. Das Leben geht weiter konnte ich ihr ja nicht sagen… Am schlimmsten war es für mich, als Lara nicht mehr da war.

Was war das Schlimmste für Hannah?
Das es Mama immer schlechter ging.
Was half dir? Ich funktionierte einfach nur. Die Praxis reduzierte ich auf vier Tage die Woche. Meine Kollegen hielten mir den Rücken frei, falls ich mal einen Tag nicht da war. Abends nahm ich mir ein bis zwei Stunden nur für mich, zum Lesen, Fernsehen und Nachdenken, wie’s weitergeht…

Was half Lara?
Schwimmen gehen, die Sorge um ihre Tochter setzte unglaubliche Kräfte frei!
Was half eurer Tochter? Alltag war für sie ganz wichtig! Halt geben Hannah ihre beiden Katzen Momo und Jule.

Wie beeinflusste Laras Brustkrebserkrankung eure Liebe?
Es war psychisch und physisch eine Katastrophe, trotzdem schweißte es uns zusammen.

Wie beeinflusste es sie als Mutter?
Sie musste ihre Emotionen vor Hannah verstecken, um sie mit ihren Ängsten und ihrer Trauer nicht zu belasten. Außerdem wurde sie immer schwächer, konnte immer weniger mit unserer Tochter unternehmen, schlief immer mehr. Hanna wurde zum Papa-Kind. Das tat Lara sehr weh (weint). […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung erschienen!

Direkt zu bestellen über mich für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

Oder über Amazon für 24,90 Euro + 3 Euro Versandkosten
sowie als Kidle-Edition für 9,99 Euro:
https://www.amazon.de/Glaube-Liebe-Hoffnung-Anke-K%C3%BChne/dp/3000701257

Glaube, Liebe, Hoffnung

Wir müssen uns nicht wegen unserer Religion bekämpfen, es gibt wirklich Wichtigeres zu bekämpfen, wie Krankheiten!

Frau Sharafian ist Jüdin und in Israel geboren. Seit 46 Jahren lebt sie in Deutschland, in einer Großstadt Niedersachsens. „Ich kam 1973 hierher“, sagt sie. Aus Angst vor Anschlägen möchte sie ihren Vornamen nicht veröffentlichen und wir verwenden ihren Mädchennamen.
Frau Sharafian ging nach Deutschland, weil ihr Mann Deutscher war. „Ich lernte ihn in Israel, in Tel Aviv, kennen. Er absolvierte dort damals seinen Zivildienst“, erklärt sie. Er wollte studieren und konnte Hebräisch sprechen. Doch der Numerus Clausus wäre in Israel für pädagogische Studiengänge zu hoch gewesen. Wegen seines Studienplatzes seien sie dann nach Deutschland gegangen.

„Auf dem Foto oben, das bin ich mit 21 Jahren. Die andere junge Frau ist meine Schwester. Wir sind in Israel bei meinen Eltern und bekamen gerade ein Fohlen. Die Aufnahme machten sie, kurz bevor ich meine Heimat verließ und nach Deutschland ging. Ich liebe sie sehr!“

Wurde ihr mit Vorbehalten begegnet? Die Freunde ihres Mannes wären ihr sehr offen begegnet. Es gab keine negativen Begegnungen. Sie spürte allerdings die Skepsis ihrer Schwiegereltern. Das Schrecklichste in Deutschland sei das erste Essen bei ihnen gewesen: „Es gab Sauerkraut und Bockwurst. Das war wirklich gruselig“, sagt sie lachend. „Meine Eltern hatten viele Freunde in Deutschland, die Auschwitz überlebten. Wir besuchten zum Beispiel eine ungarische Familie, die Ausschwitz überlebte. Sie war meinem Mann gegenüber aufgeschlossen, obwohl er Deutscher war“, erzählt Frau Sharafian.

„Die Familien, die Auschwitz überlebten, wohnten anschließend wieder in Deutschland. Es ist doch so, es waren Deutsche, die ermordet wurden! Und zufällig waren sie Juden.“

Um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, habe ihr ein Freund ihres Mannes einen Job im Altenheim besorgt. Anschließend lernte sie Deutsch und machte eine Ausbildung zur Erzieherin. „Es war schwierig, dass ich kein Deutsch sprechen konnte“, berichtet sie. Heute unterrichtet sie zusätzlich zu ihrer Arbeit im Kindergarten Hebräisch an Schulen und an der Universität. In Kürze geht sie in Rente, die Dozentenstelle an der Uni wolle sie trotzdem auf jeden Fall behalten.
Sie hatte keine Ängste, als sie nach Deutschland. „Ich war neugierig. Erst als die innerdeutsche Grenze geöffnet wurde, bekam ich Angst wegen der Ausländerfeindlichkeit. Ich sah in Hoyerswerder wie Menschen andere Menschen verletzten, das war sehr gruselig!“, erinnert sich Frau Sharafian.
Was gefiel ihr am Besten in Deutschland? Alles sei so schön grün gewesen. Sie kam im Sommer, da sei in Israel alles verdorrt, wegen der großen Hitze. Und die roten Ziegeldächer hätten ihr sehr gut gefallen. Die Bauart in Israel sei eine ganz andere.
„Es ist für jeden Menschen wichtig zu wissen, woher er kommt. Meine Wurzeln sind sehr stark und mir wichtig. Meine ganze Familie lebt in Israel. Nur meine Schwester und ich wanderten aus“, erzählt Frau Sharafian. Ihre Schwester ging mit ihrem Mann, einem Amerikaner, in die USA. „Für meine Familie war das schon schwierig, das habe ich gemerkt, aber sie sagten nichts“, berichtet sie. Sie versuche ihre Familie so oft wie möglich in Israel zu besuchen, mindestens zweimal im Jahr sei sie dort. „Meine Familie ist orientalisch, meine Eltern waren Iraner. Ich habe drei ältere Brüder aus der ersten Ehe meines Vaters. Nachdem seine erste Frau starb, heiratet er meine Mutter und bekam noch drei Töchter. Ich bin die mittlere Tochter“, sagt Frau Sharafian. Ihr Vater und ihre Mutter seien in den 1950er Jahren nach Israel eingewandert. „Das ist die Sehnsucht eines jeden Juden“, erklärt sie. Der Uronkel ihrer Mutter lebte in Jerusalem. Die Verbindung zu Jerusalem sei immer da gewesen. Das lasse sich ewig zurückverfolgen.

Anmoderation Interview Frau Scharafian

Die ersten Jahre ihrer Kindheit habe sie in Jerusalem gelebt. Dann zog die Familie in die Stadt Aschkelon um, nördlich von Gaza-Stadt, an die Mittelmeerküste.
Welche Sprachen spricht sie? „Hebräisch, Persisch, Englisch und Deutsch. Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich mit Englisch verständigt“, sagt Frau Sharafian.
Das Schönste an Israel sei das Wetter, besonders im Vergleich zu Deutschland. Das Essen sei Zeugnis einer frohen Natur. Und das Meer sei traumhaft, aber das wären nur Äußerlichkeiten. In Wirklichkeit sind es die Menschen. Sie wären aufmerksamer als in Deutschland. Man komme schneller miteinander ins Gespräch. Israelis seinen einfach kommunikativer. Die Leute wären hilfsbereiter. Niemand würde an einem Menschen in Not einfach vorbeigehen.

Frau Sharafian spricht über Ihren Glauben.

Sind sie stolz Jüdin zu sein?
Ja, ich bin gerne Jüdin.

Sind sie religiös erzogen worden?
Nein. Das war alles traditionell, die Feste, die Rituale, dass wir kein Schweinefleisch gegessen haben. Das war nicht religiös motiviert.

Wurde Religion bei ihnen an der Schule unterrichtet?
Ja, in Israel wird Religion in der Schule unterrichtet.

Haben sie als Kind an Gott geglaubt, gab es unterschiedliche Phasen in ihrem Glauben je nach Alter und Lebensumständen?
Nein, gab es nicht. Für mich ist Glaube mehr etwas, das mit Tradition zu tun hat. Wenn ich im Ausland war oder es mir nicht gut ging, dann habe ich schon gedacht, dass jemand auf mich aufpasst…

Welche Feste feiern Sie?
In der ersten Zeit in Deutschland gab es in der Stadt, in der ich mit meinem Mann wohnte, noch gar keine Synagoge. Und es gab auch keine Gemeinde. Ich musste 125 Kilometer bis in die nächste Stadt fahren. Der einzige Jude in meiner Stadt außer mir, war der Bürgermeister. In den ersten zehn Jahren unserer Beziehung, haben mein Mann und ich keine jüdischen Feste gefeiert.

Feiern sie heute Weihnachten?
Ja, weil es schön ist!

Was ist ihre Heimat?
Israel.

Woran denken sie bei dem Wort Heimat?
An zu Hause sein. Ich mag auch mein schönes Haus mit Garten in Deutschland, das ich damals zusammen mit meinem Mann angeschafft habe und in dem ich heute alleine wohne. Ich mag meine Freunde. Aber ich denke da, wo man geboren ist, ist zu Hause. Vielleicht ist das aber auch nur so eine Idee und ich würde mich in Israel gar nicht mehr zu Hause fühlen. Das ist schwierig zu sagen. Meine Schwester würde auf die Frage antworten: USA. Aber in den USA ist es auch anders als in Deutschland. Da gibt es einen größeren Zusammenhalt unter den Juden. Und die Nichtjuden wissen besser Bescheid, zum Beispiel kennt man in den USA die jüdischen Feste. Das ist in Deutschland nicht so. Meine Schwester hat eine deutsche Nachbarin und die gratuliert ihr auch zum neuen jüdischen Jahr. Und obwohl ich mit den Kindern im Kindergarten die jüdischen Feste bespreche, gratulieren mir die Eltern nicht zum neuen jüdischen Jahr. Das ist in den USA selbstverständlich.

Was ist Israels größte Stärke?
Die Vielfalt. Es sind die Menschen aus vielen, vielen Ländern. Und die Kreativen. Jeder kommt mit Digitalität klar und entwickelt etwas Neues daraus. In Israel bauen sich die Menschen ihre Zukunft. Das ist eine gute und notwendige Stärke. Sehen sie, die Ausschwitzüberlebenden haben sich nicht die Vergangenheit angeguckt, das wäre gar nicht möglich gewesen! Sicherlich, teilweise haben sie die Vergangenheit auch verdrängt, aber vor allen Dingen haben sie immer nach vorne geschaut! Niemals rückwärts, sondern immer vorwärts. Sehen sie sich die
Bauhausstadt Tel Aviv an. Jüdische Architekten aus Deutschland errichteten all die Gebäude im Bauhausstil.

Was ist die größte Schwäche Israels?
Die ganze Religiosität bedeutet Schwäche. Ich meine damit das
ultraorthodoxe Judentum. Das spaltet.

Spendet Glaube ihnen bei schwierigen Aufgaben Kraft?
Ja.

Tragen sie ein Symbol des Glaubens?
Nein, für mich hat Glaube nichts mit Symbolen zu tun, auch wenn wir für die Feste natürlich bestimmte Leuchter anzünden. Aber das ist insgesamt ein Gefühl, nichts Materielles. […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung zu lesen.

Direkt zu bestellen über mich für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

Oder über Amazon für 24,90 Euro + 3 Euro Versandkosten
sowie als Kidle-Edition für 9,99 Euro:
https://www.amazon.de/Glaube-Liebe-Hoffnung-Anke-K%C3%BChne/dp/3000701257

Glaube, Liebe, Hoffnung

Ich habe Angst vor den Waffen unserer Nachbarn!

Sebastian Göbel wohnt mit seiner Frau, zwei Töchtern, zwölf und zehn Jahre alt sowie seinem achtjährigen Sohn in Tomball, Texas. „Wir wohnen in einem typischen amerikanischen Vorort von Houston“, sagt er. Es sei mal eine Kleinstadt gewesen, die mit Houston zusammenwuchs. Die Grenze selbst merke man nicht mehr, aber es gäbe trotzdem noch dörfliche Strukturen.
Sebastian Göbel arbeitet für Hewlett Packard Enterprise. „Ich bin dreimal ausgewandert und dreimal Amerikaner geworden.“ (lacht) Beim ersten Mal ging er in der Nähe von Houston zur Schule und spielte Football. Es war eine großartige Erfahrung für ihn. Beim zweiten Mal ging er an die Universität für sein Masterstudium. Beim dritten Mal war’s für die Schulzeit seiner Kinder.
Er arbeitete auch in Luxemburg und dort hauptsächlich mit Franzosen sowie Belgiern. Jetzt sind es Amerikaner, aber der Unterschied sei nicht groß, da das Unternehmen amerikanisch ist. Die Mitarbeiter seien multikulturell. Sie hätten zwar alle ihren eigenen Background, aber das spiele keine Rolle. „In Luxemburg musste ich morgens erstmal durchs ganze Büro gehen, jedem die Hand geben und dann Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links und Smalltalk halten. Das dauert eine halbe Stunde bevor ich anfangen konnte, zu arbeiten“, sagt er lachend. In den USA dagegen, fange jeder morgens sofort an zu arbeiten. Der Fokus liege ganz klar auf der Arbeit. Das wäre eher ein gesellschaftlicher Unterschied.

„VieleLeute definieren sich in Amerika über die Arbeit. Man wird nicht gefragt: Wer bist du? Was denkst du? woher kommst du? Sondern was machst du? In den USA definieren sich alle sehr über ihren Job.“

Sebastian Göbel habe aber auch gute Freunde in Amerika gefunden. Für ihn sei das nicht viel anders als in Deutschland oder Luxemburg gewesen. „Ich bin im Leben viel rumgehüpft“, sagt er . Aus jeder Phase seines Lebens habe er Freundschaften mitgenommen. Damit die über die Jahre halten, müsse man sie pflegen und sich drum kümmern, ist er überzeugt. Das musste er lernen, aber das sei überall gleich.

Anmoderation Interview Sebastian Göbel

Sebastian Göbel wuchs in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf. Seine Familie war daher nicht religiös unterwegs. Seit er verheiratet ist, geht er mit seiner ganzen Familie jeden Sonntag in die Kirche. Seine Frau ist Journalistin und US-Amerikanerin. Sie kommt von einer Ranch. Ihre Eltern leben, zwei Stunden von Tomball entfernt.

Sebastian Göbel spricht im Interview über seine Hoffnungen und Träume sowie Enttäuschungen und Kämpfe in Bezug auf die USA.

Seit wann träumtest du von den USA?
Das erste Mal während der Schulzeit. Ich spielte seit einem Jahr Football und das war meine große Liebe, so ein toller Sport! Aber um das richtig zu können, blieb für mich nur Amerika. Also bearbeitete ich meine Mutter, mir einen Austausch zu ermöglichen. Ich gab vor, ich müsse unbedingt Englisch lernen (lacht). Das war natürlich nur vorgeschoben. Ich kam nach Texas, in die Nähe von Houston. Dort ging ich auf die High-School.

Was waren deine Hoffnungen, als du das erste Mal in die USA reistest?
Ich lernte die amerikanische Kultur kennen, die sich um den Sport herum entwickelte. Das war eine fantastische Erfahrung. Ich ging in Houston zur Schule, das war ein Traum. Du machst vor der Schule Sport, du hast nach der Schule Training und an den Wochenenden dreht sich alles um die Spiele, einfach großartig! Die ganze Stadt wurde dafür mobilisiert. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung!

Was war das Schönste?
Ich war bei einer fantastischen Familie, die sich ganz viel Mühe gab, die mir alles zeigte und mit der ich heute noch in Kontakt stehe. Meine Frau sagt immer: Die haben dich adoptiert. (lacht)So ist es wirklich beinahe.

Warst du von etwas enttäuscht?
Angst machten mir die Insekten. Die sind zum Teil gruselig. Aber sonst gab es keine schlechten Erfahrungen.

Was war ganz anders, als du es dir vorstelltest?
Ich hatte vorher Horrorgeschichten über das amerikanische Schulsystem gehört und das bestätigte sich für mich überhaupt nicht. Ich wohnte in einem kleinen Dorf. Alle sorgten dafür, dass die Schüler anständige Lehrer hatten und dass die Schüler gute Arbeit leisteten. Das war nicht anders als das, was ich aus Deutschland kannte. Ich lernte aber auch Austauschschüler kennen, für die die Schule der Horror war. Es ist also grundsätzlich möglich, aber nicht immer und überall der Fall. Es gibt die Zweiklassengesellschaft. In Stadtteilen mit Minderheiten können die Schulen ein Problem sein.

Was überraschte dich?
Überrascht war ich davon, dass es so eine große deutsche Kultur gab. Wir machten jeden Freitag eine Tour zu einer anderen High-School. Dabei wurde ich regelmäßig auf Deutsch angesprochen, alle wussten, dass ich aus Deutschland komme. Die Leute waren 65 bis 70 Jahre alt und hatten ihr Deutsch vor dem zweiten Weltkrieg gelernt. Das stirbt langsam aus. Sie fanden es schön, mit mir zu sprechen. Das war diese ganze Einwandererkultur, aber dass sie das Deutsche weiter pflegten und lebten, überraschte mich. Es war wie ein kleines Deutschland und das realisierte ich damals zum ersten Mal.

Wie war es beim zweiten Mal?
Ich wusste, dass ich mir die Studiengebühren in den USA nicht leisten kann. Das waren Summen, die waren unvorstellbar. Also beendete ich in Deutschland mein Studium, arbeitete anschließend drei Jahre und sparte Geld. Zwischendurch lernte ich eine Amerikanerin kennen und wollte auch ihretwegen in die USA, heute ist sie meine Frau.

Wie lerntet ihr euch kennen?
Ich lernte sie in Luxemburg kennen, als ich dort arbeitete. Sie absolvierte ein Sprachprogramm in einer Sommerschule in Bonn. Eine Freundin von mir stellte sie mir vor und wir unternahmen etwas miteinander. Wir blieben in Kontakt und kamen zusammen. Es war eine Fernbeziehung. Ich dachte erst, das klappt nie! Aber im Sommer war ich in Texas und sie kam ein paar Mal nach Luxemburg. Ich folgte ihr in die USA für meinen Master.

Wie ging‘s weiter?
Ich suchte mir nach dem Abschluss einen Job. Wir heirateten und bekamen unser erstes Kind.

Wann wandertest du das dritte Mal in die USA aus?
Dummer Zufall.(lacht) Über den Job bekam ich das Angebot wieder in Luxemburg arbeiten zu können. Meine Frau war schwanger und wir gingen für fünf Jahre nach Luxemburg. Meine Frau spricht Deutsch. In Luxemburg ist alles auf Französisch. Trotzdem überlegten wir lange, wo unsere Kinder zur Schule gehen und aufwachsen sollen.

Was gab den Ausschlag für die USA?
Meine Frau vermisste ihre Familie. Sie hat eine sehr enge Verbindung zu ihren Eltern, allen ihren Brüdern und damals auch noch ihren Großeltern. Sie wollte gerne in ihrer Nähe leben. Sie gab ihren Job auf, als unsere erste Tochter auf die Welt kam. Wenn sie schon nicht arbeitete, wollte sie wenigstens in ihrem Umfeld leben.

Welche Staatsbürgerschaft habt ihr?
Die Kinder haben meine. Ich hatte bis vor einem Jahr nur die deutsche Staatsbürgerschaft, aber da Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft zulässt, haben die Kinder und ich jetzt auch die amerikanische. Meine Frau hat nur die amerikanische.

Wachsen die Kinder zweisprachig auf?
Ich spreche Deutsch, meine Frau spricht Englisch mit ihnen. Meiner Großen gelingt das fließend. Unsere Mittlere spricht fast fließend und der Kleine mag es nicht so gern sprechen, aber versteht alles. Die Kinder gehen in eine fantastische Samstagsschule. Dort lernen sie vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse jeden Samstag drei bis vier Stunden deutsche Kultur, Grammatik und Rechtschreibung. Das bringt total viel. Es ist eine tolle Institution und eine große Unterstützung für mich, so muss ich den Kindern nicht alles alleine beibringen.

Ist es schöner, in Deutschland ein Kind zu sein oder in den USA?
Ist egal. Es kommt auf die Familie drauf an und was dir geboten wird. Glücklich kann man überall sein. Ich bin als Kind in der DDR groß geworden. Wir hatten nix und ich war glücklich. Ich lebte in Hamburg, hatte nix und war glücklich. Was Kinder glücklich macht, ist das direkte Umfeld und die Kontakte, die sie haben.

Lieben Amerikaner anders als Deutsche?
Nein, würde ich jetzt so nicht sagen. Von Frau zu Frau und Mann zu Mann sind die Unterschiede nicht so groß. Man sieht in den USA schon, dass der Partner oder die Partnerin manchmal nur ein Statussymbol ist. Aber das sah ich auch in Deutschland. Das kommt glaube ich auf die Person an. Aus meiner Perspektive betrachtet würde ich das nicht generalisieren wollen. Amerikaner sind mehr auf sich selbst bezogen, die Deutschen haben einen größeren Gemeinschaftssinn. Das hat schon Auswirkungen, aber auf andere Bereiche, nicht darauf, wie man liebt. Das ist ja etwas, das vom Herzen kommt. Da sind die Menschen gar nicht so unterschiedlich. […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung erschienen.

Foto: Kristoff Kühne

Direkt zu bestellen über mich für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

Oder über Amazon für 24,90 Euro + 3 Euro Versandkosten
sowie als Kidle-Edition für 9,99 Euro:
https://www.amazon.de/Glaube-Liebe-Hoffnung-Anke-K%C3%BChne/dp/3000701257

Kurzgeschichte

Les Vacances

Flink klettere ich den Felsen hinauf. Vor mir hangelt Jule behände wie ein Äffchen. Gleißend reflektiert das Licht von den weißen Felsen. Ich kneife die Augen zusammen. Die Steine unter meinen Füßen und Händen brennen. Als ich oben auf dem Felsen ankomme, spüre ich den Schweiß auf meiner Haut. Ich stelle mich auf einen Vorsprung, halte kurz die Luft an, dann springe ich. Dabei stoße ich einen kleinen Schrei aus. Ich spüre ein Kribbeln im Magen und tauche tief in das smaragdgrüne Wasser des Felsbeckens ein. Als ich auftauche, läuft es mir in den Mund. Es schmeckt nach Sonnencreme, Haarshampoo und dem Salz meiner Haut. Ich atme die schwere, würzige Luft ein, in der ich einen Hauch Lavendel ausmache. Die Kinder, die hinter mir mit einer großen Fontäne ins Wasser krachen, kreischen begeistert. Sommerferien!

Meine Cousine und ich schwimmen den ganzen Tag in den Felsbecken der Schlucht. Zahllose französische Familien ziehen vormittags in fröhlichen Karawanen los. Sie sind bunt beladen mit Sonnenschirmen, Picknicktaschen und Handtüchern. An den unteren Felsbecken findet sich mittags kein Platz mehr, nicht mal für ein Handtuch. Jule und ich klettern weiter hinauf, dort ist es leerer. Ganz oben sind wir allein. Die Familien schaffen es mit ihrer Ausrüstung nicht bis dorthin. In der Mittagshitze, fällt uns das Atmen beim Klettern schwer. Doch das Kribbeln im Bauch beim Springen, das Glücksgefühl, wenn wir unten ankommen und das erfrischende Nass, berauschen uns. Wir klettern immer wieder hoch. Es ist ein Verlangen, zu springen. Bis wir völlig erschöpft sind. Dann legen wir uns überglücklich auf die heißen Steine und ruhen uns aus.

Wir genießen es, dass hoch oben niemand außer uns ist. Wir sind stolz darauf, dass wir waghalsiger von den Felsen springen, als die gleichaltrigen Jungs an den unteren Becken. Ab und zu springen wir nur deshalb dort unten, um ihre verdutzten Gesichter zu sehen. Wir fühlen uns wie furchtlose Abenteuer.


Jules Eltern, meine Tante und mein Onkel, freuen sich, dass ich sie begleite. Sie nehmen mich seit meinem zwölften Lebensjahr mit in die Sommerferien. Jules ältere Geschwister kommen nicht mehr mit. Sie machen alleine Urlaub mit den Pfadfindern oder fahren ins Sportcamp. Ich bin Klassenbeste und gleichaltrigen Kindern weit voraus. Jules Eltern wünschen sich, dass ihre Tochter so wäre wie ich, aber sich wenigstens für Bücher interessiert. Diese Ferien verbringen wir drei Wochen in einem kleinen französischen Dorf. Meine Tante will ihre kreative Seite ausleben, sie hat einen Töpferkurs gebucht. Wir machen einen Ausflug nach Avignon und besichtigen eine Ausstellung von Auguste Rodin. Ich bin wahnsinnig ergriffen. Seine Skulpturen sehen lebendig aus in ihrer Lebensgröße, aber das ist es nicht. Ich kann ihre Gefühle spüren. Beim Anblick des Le Penseur fühle ich dessen grüblerische Qual. Sie steht so sehr im Kontrast zu seinem starken, männlichen Körper, dass ich spüre, dass er für mentale Arbeit nicht geschaffen ist. Eine erotische Anziehungskraft hat der männliche Körper noch nicht. Das ist ein Mann. Ich bin 14 Jahre alt und stehe auf Jungs. Der Denker wirkt depressiv auf mich. Ich empfinde das als tröstlich, ich bin also nicht die einzige. Ich erlebte nie zuvor beim Anblick einer Statue den Eindruck, dass diese Gefühle haben. Bei Danaid rührt mich ihre Verletzlichkeit. Ich glaube ihre Anmut zu spüren und ihre Hingabe. Gleichzeitig fühle ich eine unendliche Verlorenheit. Ich bin selbst unsterblich verliebt und fühle mich angesichts der Ausweglosigkeit verloren. Er ist älter und will nach dem Abitur zum Studieren in eine Stadt sieben Autostunden entfernt ziehen. Außerdem macht es nicht den Anschein, er könnte in mich verliebt sein… Rodins Skulpturen drücken für mich aber noch mehr aus. Bei Le main de dieu spüre ich es am deutlichsten. Ich vermag es zunächst nicht zu fassen. Es ist ein Funke, der auf mich überspringt. Dieser lässt meine Seele strahlen. Ich spüre eine ungeheure Kraft von ihm ausgehend. Er erfüllt mich ganz. Jule lacht. Ihre Eltern heben die Augenbrauen. Ich spreche nicht wieder darüber.
Wir bummeln nach dem Museumsbesuch durch die Stadt. Es findet gerade das Festival d’Avignon statt, ein Theater-, Tanz- und Gesangsfestival. Ich bin berauscht und weiß gar nicht wohin ich zuerst schauen soll. Ich habe so etwas noch nie gesehen: Pantomime laufen auf Stelzen, weit in den blauen Sommerhimmel ragend, durch die Stadt. Straßenkünstler malen mit Kreiden Gemälde von Vincent van Gogh, Gustav Klimt und Claude Monet. Musikanten spielen Mozarts Kleine Nachtmusik. Eine Gruppe farbiger Franzosen in bunten Kostümen trommelt und tanzt. An Ständen bieten Menschen Kunsthandwerk feil: geklöppelte Tischdeckchen, Töpferware, Aquarellbilder, Silberschmuck, handgeschöpftes Papier… Es gibt ein wunderschönes, altes, hölzernes Kettenkarussell, damit wollen Jule und ich unbedingt fahren! Wir drehen eine Runde, dann noch eine und können nicht mehr aufhören.

Wir fliegen nebeneinander in den dämmrigen Abendhimmel, die ersten Sterne leuchten, es ist warm und riecht herrlich nach frisch gebrannten Mandeln. Wir halten uns an den Händen und fühlen uns glücklich und frei. Ferien!

Wir wohnen in einem alten, gelbgestrichenen Haus, dessen Fensterläden blau angemalt sind. Davor blühen pinke Rosen und lila Lavendel in Terracottatöpfen. Das Haus ist hoch, schmal und ein wenig schief. Ich bleibe andächtig mit meinem Koffer in der Hand davor stehen und kann mich nicht sattsehen. „Jule, das ist so romantisch, oder?“ bringe ich seufzend hervor. Meine Cousine ist schon nach drinnen gestürmt. Sie brüllt mir zu: „Annie, jetzt mach endlich, wir wollen unser Zimmer doch vor Mama und Papa aussuchen!“ Ich reiße mich los und gehe hinein. Der Raum ist winzig. In der Mitte steht ein großer, alter Tisch, drumherum Stühle, die Wände sind weiß getüncht, das wars. Ich sehe einen Durchbruch zur Küche. Eine Steintreppe windet sich hinauf, von dort schreit Jule: „Mama und Papa wollen das Doppeltbett, wir sollen das Zimmer mit den Einzelbetten bekommen. Das ist mir recht, wir haben einen Deckenventilator und sooooo romantische Moskitonetze über unseren Betten. Jetzt komm doch endlich mal!“ Ich steige die Treppe hinauf und betrete ein geräumiges Zimmer, das zugleich den Flur bildet. Ein Bett steht am Treppengeländer, das andere neben der Tür zum Elternschlafzimmer. Dazwischen prunkt ein antikes Frisiertischen mit dreiteilig-klappbarem Spiegel. Gegenüber liegt die Tür zum Bad. Jule springt Trampolin auf dem Bett, die Federn quietschen, sie wirbelt eine ordentliche Staubwolke auf und jauchzt. Ich öffne die Fensterläden und sehe auf eine wunderhübsche Dachterrasse, die eine Etage tiefer liegt. Das Haus liegt am Hang. Der Blick reicht weit über die hügelige Landschaft der Provence, die im Dunst der Dämmerung unendliche Lilaschattierungen hervorbringt. „Wow“, entfährt es mir, ich bin sprachlos! Die Terrasse ist von einer weiß getünchten Mauer eingefasst. In Kübeln wachsen üppige Pflanzen, ich kenne ihre Namen alle, da meine Mutter sie liebt und regelmäßig verzweifelt, weil sie im kühlen, deutschen Norden nicht gedeihen: Oleander, Hibiskus, Zitronen-, Orangen- und Olivenbaum, Hortensien, Lavendel, Kletterrosen, Sonnenblumen und Tomaten. Jule springt mit einem großen Satz neben mich, gerät ins Wanken, krallt sich an mir fest und wir stürzen beinahe die Treppe hinunter. Sie ruft: „Geil, da sind Zitronen, Orangen, Tomaten und Oliven, die müssen wir ernten!“ Schon rennt sie die Treppe hinunter. Ihr Vater ruft: „Jule, das sind nicht unsere, wir müssen erst fragen!“ Ich gehe hinter Jule her. Wir betreten die Terrasse über die Küche. Diese bildet witziger Weise den größten Raum im ganzen Haus. Es gibt einen riesigen Herd, die Wände sind ringsherum mit offenen Regalen verkleidet, in denen sich getöpfertes Geschirr, neben Gläsern mit selbstgemachter Konfitüre stapelt. Es finden sich außerdem eingelegte Oliven, Kochbücher, Wein- und Wasserkaraffen, selbstgenähte bunte Tischdecken, Sets und Brotkörbe, Flaschen mit verschiedenen Essigsorten und kleine Gläser mit Korken verschlossen, auf denen die verschiedensten Gewürznamen stehen. Ich staune. Jule ruft schmatzend von draußen: „Annie du wirst irre! Hier gibt es tausend verschiedene Gewürztöpfe.“ Ich trete auf die Terrasse. Ein warmer Wind streichelt meine nackten Schultern. Ich rieche ein Gemisch aus Minze, Thymian und Lavendel. Der Innenhof ist so zugewachsen und vollgerankt, dass er wie ein verwunschener Garten aussieht. Eiserne Tische und Stühle stehen in seiner Mitte. Vögel zwitschern. Jule sagt: „Augen zu, du musst raten!“ Schon stopft sie mir etwas in den Mund. Das ist einfach für mich: „Basilikum!“ Ich öffne die Augen und lache über ihr verdutztes Gesicht. Aus dem Fenster über uns beugt sich meine Tante und sagt: „Mädchen, macht euch bitte frisch, wir gehen gleich zum Abendessen.“ Sie hat den Töpferkurs mit Halbpension gebucht. Eine deutsche Auswanderin töpfert, ihr französischer Mann kocht abends für alle. Wir laufen ein kurzes Stück durch das Dorf. Es scheint ausgestorben und wie aus einer anderen Zeit. Wir begegnen keiner Menschenseele. Die Straßenlaternen leuchten gelb und scheinen milchig in die Abenddämmerung. Grillen zirpen. Die Fensterläden der Häuser sind verschlossenen. Ob noch wegen der Mittagshitze oder weil dort niemand mehr wohnt, lässt sich nicht sagen. Der Putz blättert überall ab. Wir erreichen ein großes Gebäude, das aussieht wie ein alter Stall. Durch ein Scheunentor betreten wir es. Ah, hier wird getöpfert. Zehn Töpferscheiben stehen in einem großen Kreis. Auf einigen liegen angefangene Sachen, ich erkenne nicht, was es mal werden soll. Auf großen Tischen stehen Tassen, Becher, Teller Vasen, alle in weiß. Daneben liegen Tonklumpen in feuchtes Leinen gewickelt. An einer Wand steht ein riesiger Pizzaofen. Meine Tante lacht: „Das ist der Brennofen, wenn er voll ist, wird er angeworfen.“ An der gegenüberliegenden Wand sind Regale bis zur Decke geschraubt. Dort hängen Tassen und Becher an Haken, es stehen Schüsseln, Kannen, Vasen und Krüge auf Brettern. Sie sind in dunkelblau, türkisgrün, weiß, lavendel und hellgrün lasiert. Die meisten einfarbig aber es finden sich auch Tupfen, Streifen und Muscheln. Mein Herz macht einen Hüpfer, ich will töpfern! „Jule, du auch?“, frage ich sie. Sie ist schon durch die nächste Tür nach draußen gerannt und ruft: „Nee, was soll ich denn mit den ganzen Töppen?“ Ich folge ihr und bleibe gleich wieder stehen. Ein riesengroßer alter Olivenbaum steht in der Mitte des Hofes. Unter ihm ist eine lange Tafel gedeckt. Sie biegt sich durch die Last der Unmengen an Schalen und Töpfen mit Essen, Karaffen mit Wein und Wasser, Körben mit Baguette, Etageren mit Maccarones und Eclairs. Etwa zwanzig Erwachsene halten Gläser in den Händen, stehen um den Tisch und unterhalten sich ausgelassen. Es ist schon dunkel. Von dem Olivenbaum zu den Mauern hängen Lichterketten. Auf dem Tisch stehen Windlichter. Im Baum hängen Windspiele. Zwischen den Erwachsenen toben rund zehn Kinder und Jugendliche wild und laut lachend, Jule mittendrin. Dieser Sommer ist für mich eine Offenbarung: Es sind mes Vacances!

Nach den Ferien gehe ich in die achte Klasse. Meine langen rotblonden Locken, fallen mir über den Rücken. Mein schmales Gesicht wirkt dadurch noch länger. Von meinem Vater erbte ich die Sommersprossen.

Wenn ich lache, breitet es sich von meinen Augen, über meine Wangen und das ganze Gesicht aus und steckt jeden an. Das weiß ich von meiner Oma, sie hat dieses Lachen auch und sagte es mir. Von meiner Mutter bekam ich den großen Busen, für den ich mich schäme. Ich war das erste Mädchen in der Klasse, das Brüste bekam. Ich war zehn! Ich trug einen engen Balettanzug im Sportunterricht und saß in der Turnhalle auf der Holzbank vorm Fenster. Meine beste Freundin saß neben mir und roch nach ungewaschenem Po. Ich schämte mich für sie. Die Jungs, die ein paar Plätze weiter saßen, kicherten, standen auf, lachten, schauten zu uns rüber. Ich war immer noch mit dem Pogeruch beschäftigt. Unsere viel zu weißen Füße steckten in Ballerinaschuhen. Meine Freundin trug ebenfalls einen eng anliegenden Ballettanzug. Aber sie hatte keine Brüste. Ich stierte sie an, aber es war wirklich nicht mal in Erbsengröße etwas zu sehen. Ich seufzte. Meine Brüste waren kirschgroß und -rund, sie zeichneten sich deutlich unter dem straff gespannten Stoff ab. Eine Horde wild gewordener Jungs stürmte auf uns zu, machte Halt, begaffte uns, rannte wieder zurück und brüllte dabei: „Igitt, die hat schon Titten!“ Dann brachen sie in Lachen aus. Meine Freundin senkte verlegen den Kopf. Unsere Lehrerin kam aus dem Geräteraum zu uns herüber, wusste nicht was los war und begann mit dem Unterricht: Bockspringen. Darin bin ich eine Granate. Es lenkte mich ab. Erst in der Umkleidekabine dachte ich wieder an die Scham. Ich nähte mir aus Dauerelastischenbinden einen Brustwickel, so straff, wie ich es ertrug, damit man meine Brust nicht mehr sah. Darüber trug ich fortan weite T-Shirts. Eine Weile ging das gut. Irgendwann war mein Busen jedoch so groß, dass er keinen Halt hatte und mich am Hüpfen, Springen und Rennen hinderte. Bisher war ich das schnellste Mädchen der Klasse. Nun war ich nur noch unglücklich. In den ersten Ferien mit meiner Cousine fahren wir auch einmal an einen Nacktbadestrand am Mittelmeer. Ich schäme mich so sehr, dass ich die ganze Zeit auf dem Bauch liege und nicht einmal schwimmen mag. Ich sterbe fast vor Hitze. Wozu bekam ich diesen bescheuerten Frauenkörper? Ich bin ein Kind! Ich will nackt Ball spielen und mich frei fühlen…
Mit zwölf Jahren bekomme ich als erste meine Regel. Ich denke mein Körper spinnt total. Ich traue mich nicht, mit jemandem darüber zu sprechen und bastelte mir Binden aus Klopapier. Doch das hält natürlich nicht, Schlüpfer und Jeans sind voller Blut. Als meine Tante und mein Onkel in jenem Sommer Ausflüge machen wollen, gebe ich vor krank zu sein und lege mich eine Woche ins Bett. Es gibt keine Waschmaschine in unserer Unterkunft und ich habe nur noch eine lange Hose. An Röcke und Kleider ist in meinem Zustand gar nicht zu denken. Außerdem habe ich so starke Unterleibskrämpfe, dass Liegen das einzig erträgliche ist. Und Selbstbefriedigung. Das löst die Krämpfe. Ich hasse meinen Körper. Ich will kein Baby. Die Blutung ist klumpig. Etwa aprikosengroße Blutbälle arbeiten sich durch meinen Unterleib. Ob so ein Baby bei der Abtreibung aussieht? Aber ich hatte noch nie Sex, es kann also kein Baby sein. Ich bin gefangen in einem Frauenkörper…
Ich schaue durch einen Spalt der geschlossenen Fensterläden. Noch ist es herrlich kühl draußen. Heute Nachmittag wird es wieder 40 Grad heiß sein. Ich gehe duschen und will mich rasieren. Meine Körperbehaarung, die seit diesem Sommer dazu kommt, scheint das einzige zu sein, bei der ich es besser traf, als die anderen Mädchen in meinem Umfeld. Jule hat schwarzes dichtes Haar unter den Achseln, auf ihrer Vulva und an den Beinen. Und zwar nicht nur an den Schienbeinen wie ich, sondern selbst auf auf der Rückseite ihrer Oberschenkel kräuseln sie sich. Das ist echt gemein! Sie muss täglich rasieren, sonst kann sie keine kurzen Hosen tragen. Beim Abendessen fragte sie gestern ein Mädchen, das etwas jünger ist als wir, laut und so, dass es alle hören konnten: „Jule, du hast ganz viele Hundehaare an den Beinen! Soll ich die abklopfen?“ Jule lief Tomatenrot an und schrie: „Nein du blöde Kuh, das sind keine Hundehaare, sondern meine eigenen und die gehören da hin!“ Dann spielte sie weiter. Ich war beeindruckt. In der Dusche stehend sehe ich jetzt allerdings, dass es sie doch nicht kalt gelassen hat. Mein Rasierer ist mit kurzen, schwarzgelockten Haaren verstopft. Ich stöhne. Jule, das ist echt eklig, das sauber zu machen! Ich schaue an mir herab. Meine Haare sind dünn, blond und glatt, Jule findet sie unsichtbar. Ich sehe natürlich trotzdem jedes noch so kleines Härchen ganz genau. […]

Der vollständige Text erscheint mit weiteren meiner Kurzgeschichten.

Kurzgeschichte

Mutter

„Akwaaba!“ „Wose? Ka yo bio?“ ƐnyƐ hwee!“ Große, fast schwarze Augen schauen mich an. Freundlich, beinahe sanft ruhen sie auf mir. Der Mund formt ein geduldiges Lächeln. Die Haare sind eng am Kopf geflochten. Die Frau ist groß, genauso groß wie ich. Sie trägt ein farbenfrohes Kleid, das hinunter bis zu ihren Füßen reicht, die in Flipflops stecken. Auf dem Kopf balanciert sie einen Topf mit Wasser. Um die Brust hat sie ein Tuch gewickelt. Daraus schauen an ihrer Taille winzige rosafarbene Füßchen hervor. Mein Herz kribbelt vor Glück. Sie bemerkt es vor mir. Ihre Hände greifen hinter ihren Rücken nach dem Baby. Seine Augen schauen ebenso so sanft, wie die seiner Mutter. Sie fragt, ob sie mich berühren dürfe, sie habe noch nie weiße Haut angefasst. Ich nicke. Sie streichelt mich. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass die Berührung einer fremden Frau so angenehm sein kann. Sie fragt mich, ob ihr Baby mich anfassen dürfe. Ich nicke wieder. Sie nimmt die winzige Hand in ihre, spricht leise ein paar Worte, singt sie eigentlich eher und führt die Fingerchen auf meinem Arm auf und ab. Das Baby quietscht vergnügt. Ein warmes Lachen fließt aus mir. Bin das wirklich ich? Immer mehr Mütter umringen uns, auf dem Rücken ihre Babys tragend, auf dem Kopf Körbe mit Brot oder Wannen mit Wäsche oder Töpfe mit Fufu. Die fremde Frau hält mir ihr Baby hin, damit ich es auf den Arm nehmen kann. Ich erwarte, dass es anfängt zu weinen, sobald es von seiner Mutter getrennt ist. So kenne ich es aus Deutschland. Aber das Baby schaut mich nur neugierig an. Ein Gefühl tiefer Liebe durchströmt mich. Die Mutter lacht mir zu und fragt, ob sie meine Haare anfassen könne. Natürlich! So weich, findet sie die. Sie nimmt die Hand ihres Babys, ich senke den Kopf. Das Baby zieht an meinen Haaren und gluckst vergnügt. Akwaaba, fühle ich auf meiner Haut. Akwaaba, höre ich im Lachen. Akwaaba, rieche ich im Duft der orangefarbenen Erde. Akwaaba, schmecke ich im Fufu. Akwaaba, sehe ich in den Gesichtern.

Als wir uns das erste Mal begegnen, ist sie mir unsympathisch. Sie ist übergewichtig, schmatzt lustlos auf einem Kaugummi, schaut gelangweilt weg, wenn ich ihr etwas erkläre. Antwortet: „Ye, ye“, wenn ich sie etwas frage. Von sich aus sagt sie nichts. Ich bin völlig verunsichert. Ich brauche dringend Hilfe. Anfangs kommt sie vier Stunden. Küche und Bäder putzen, saugen, wischen. Die Zeit reicht nicht. Ich denke, sie ist langsam. Ich einige mich mit ihr darauf, dass sie wöchentlich im Wechsel Erdgeschoss und den ersten Stock reinigt. Das kommt mir zu pass, da ich nicht alles auf einmal aufräumen muss. Ich arbeite selbständig, meist von Zuhause. So habe ich meine Ruhe, dort, wo sie gerade nicht werkelt. Wir sprechen nicht miteinander. Es ist mir unangenehm, dass sie mein Bett nach einer Liebesnacht neu bezieht, den Eimer mit Damenbinden leert, mein „Gebiss“, wie ich meine Plastikschiene zum nächtlichen Verhindern des Zähneknirschens spöttisch nenne, aus dem Zahnputzbecher nimmt, um diesen zu reinigen. Sie trägt Handschuhe. Sie bürstet die Bremspuren in der Kloschüssel. Sie stopft blutverkrustete Unterhosen in die Waschmaschine. Die Geräusche, die sie dabei macht, stören mich. Ich kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Ich höre Klodeckel klappen, Staub saugen, Schritte die Treppe knarzend hoch und runter laufen, den Wischmopp im Eimer stampfend auswringen, die Haustür öffnen und schließen, Geschirr klappern. Wenn sie fertig ist, kommt sie Kaugummi schmatzend an meinen Schreibtisch, knallt mir einen Zettel auf meinen Laptop und sagt: „I’m finish“. Ich zeichne ihre Stunden für die Agentur ab. Sie geht grußlos. Wenn sie weg ist, finde ich meine Sachen nicht an ihrem Platz. Ich ärgere mich. Kompost füllt die Papiermülltonne. Die Abfallwerker werden sie wieder nicht mitnehmen. Ich hänge kopfüber darin, um matschige Bananenschalen, verschimmelte Essensreste und Kaffeekrümel heraus zu fischen. Ich erklärte es ihr gefühlte hundert Male, dass es wirklich nervig sei, vergeblich. Wolle schrumpft im 60 Gradwaschgang, Teflonpfannen werden blitzsauber im Geschirrspüler und verlieren jegliche Beschichtung. In den Zimmern hängt der Geruch von Schweiß.

Wenn wir Urlaub haben, kommt sie trotzdem um sechs Uhr. Sie klingelt, fängt im Schlafzimmer an und macht die Betten. Anfangs kommt sie ohne Klingeln ins Haus. Ich erleide fast einen Herzinfarkt, als sie vor mir steht. Es dauert Monate, bis sie sich ans Klingeln gewöhnt. Ich werde Mutter.

Es gibt den siebten Tag in Folge Reis ohne Beilagen und Soße. „Eure Mami ist ein zähes Luder. Das sagte schon meine Austauschülerin als ich von morgens bis abends ohne Pause, Essen oder Trinken durch Paris lief“, sagt sie belustigt und stolz. Wir drei Kinder essen schweigend. Wir stellen das nicht in Frage. Wir stellen sie nicht in Frage.
Als mich mein Freund im Studentenwohnheim besucht und fragt: „Wieso hast du nichts zu Essen im Kühlschrank?“ Lautet meine Antwort: „Wieso, ich habe doch Reis und Nudeln.“ Er zieht eine Augenbraue hoch und fragt: „Und das isst du trocken? Gehst du wenigstens in die Mensa?“. Ich zucke mit den Achseln und antworte: „Ich gehe nicht mit den anderen in die Mensa. Es ist mir zu teuer. Pommes sind mir zu ungesund, außerdem bin ich Vegetarierin.“ Er geht einkaufen und kommt mit Obst und Gemüse, Joghurt und Milch, Brot und Käse, Tomatensoße und Pizzaböden, Milchreis und Apfelmus zurück. „Heute lade ich dich zum Essen ein“, sagt er lachend. „Ich habe auf dem Weg zum Supermarkt jede Menge Bars und Bistros gesehen. In denen wird ein Student nicht arm.“ Ich schäme mich, bin dankbar und beeindruckt von ihm.
Mein älterer Halbbruder sieht mich bestürzt und verwundert an: „Aber unser Vater hat deiner Mutter jeden Monat Unterhalt überwiesen, bis du 18 Jahre alt warst! Wusstest du das denn nicht? Ich habe die Ordner mit den Zahlungen alle für dich aufgehoben.“ Ich will sie nicht sehen. Er kann sie behalten. Ich schäme mich und fühle mich vorgeführt.
Meine Mutter mietet in einem gehobenen Hamburger Stadtteil ein Haus, mit einem riesigen Garten. Sie kauft Seide aus China, mehrere Ballen. Sie kauft einen Schredder, für den Garten. Sie mietet in den Ferien Häuser in Dänemark, mit Solarium. Sie kauft sich eine elektrische Saftpresse, für ihre Diät. Sie kauft eine Küchenmaschine, zum Salatraspeln. Sie kauft ein Service von Villeroy & Boch, das Auge isst schließlich mit. Sie kauft ein weißes Samtsofa, für die Abende vorm Fernseher. Sie kauft ein Tischsolarium, für die Bräune im Winter. Ich brauche neue Unterhosen, die alten haben Löcher. Wir haben kein Geld, wir können sie nicht kaufen. Ich fürchte den erneuten Hohn und Spott meiner Mitschüler. Ich schwänze den Sportunterricht. „Muschi, ich gehe heute zur Post und gucke ob in meinem Fach ein Brief angekommen ist, in dem steht, dass das Kindergeld bald überwiesen wird. Dann bestelle ich uns ein großes Paket bei Otto, mit lauter schönen Anziehsachen. Notfalls stottere ich das in Raten ab und wir essen Reis ohne Soße“, sie freut sich über ihren Witz. Wieso hat sie ein Postfach? Meine beiden jüngeren Brüder wollen bis heute nichts davon wissen.

„Gyae, gyae, gyae!“ Auf dem Markt gibt es alles zu kaufen. Ich meine nicht alles, was man braucht, sondern wirklich alles. Gemüse, Obst, Kühlschränke, Hühner, Kühe, Ziegen, Autos, Medikamente, Gewürze, Kochbananen, Holz, Wellblech, Körbe, Wannen, Töpfe, Schuhe, Kleidung, Taschen, Maniok, Yam, Fernseher, Handys, Kunsthaar, Ananas, Kokosnüsse, Werkzeug… Ich bin überwältigt. Händler preisen mir rufend ihre Ware an. Frauen singen und tanzen beim Lobpreisen. Männer stampfen mit den Füßen, legen den Kopf in den Nacken, ihren Kehlen entrinnen fremdartige Vogelrufe. Es riecht stark nach Essen, Gewürzen und Schweiß. Es ist heiß, sehr heiß. Die Sonne sticht. Ich brauche was zu trinken. Es gibt überall Kühlschränke mit Coca-Cola-Flaschen. Sie sind an laufende Pickups angeschlossen oder an kleine Generatoren. Die Cola ist teuer. Außer reichen Ausländern scheint sie sich keiner leisten zu können. Also wozu? Stolz, es ist stolz etwas präsentieren zu können! Stolz auf das, was zu dem Leben gehört, von dem alle träumen. „Deutschland, da wo du herkommst, das ist doch das Paradies. Ihr habt alles wovon wir träumen. Euch mangelt es an nichts. Ihr könnt euch so viel Cola leisten wie ihr wollt. Kannst du mich nicht mitnehmen nach Deutschland?“, Andrew lacht mich an. Der Schweiß perlt auf seiner Stirn. Er wischt ihn sich mit dem Ärmel seines blauen Overalls ab. Seine Hände sind ölverschmiert. Er hat versucht, den Bus, mit dem ich zum Markt fuhr zu reparieren, ohne Erfolg. Er wollte mir ein bisschen was zeigen und ein Ersatzteil auf dem Markt besorgen. Er ist nicht aufdringlich. Trotzdem bin ich unangenehm berührt. Ich sage ihm, dass die Afrikaner, die ich in Deutschland kennenlernte, häufig darunter leiden, dass die Deutschen sie nie anlachen, immer griesgrämig seien und am liebsten für sich bleiben. Außerdem sei das Wetter so unglaublich schlecht. Andrew schaut mich kopfschüttelnd an: „Es ist das Paradies, was willst du mehr?“ Ein Mann schubst mich im Vorbeirennen zur Seite. Ich lasse mir an einem Stand Rastazöpfe flechten. Es ziept entsetzlich. Und es dauert Stunden. Die beiden Frauen, die meine Haare bearbeiten, tragen im Tuch auf dem Rücken jede ein Baby. Ich höre die ganze Zeit nicht einen Mucks. Die eine kämmt das Kunsthaar im sitzen und teilt es in dünne Strähnen, die andere flicht das Kunsthaar im Stehen in meine Haare. Mücken schwirren um mich. Ich versuche sie zu verscheuchen. Ich habe mich gründlich mit Insektiziden eingesprüht und nehme Malariaprofilaxe. Dennoch reagiere ich panisch, wenn sie mich stechen. Es gibt unzählige Krankheiten, die sie übertragen können. Besonders hier, bei dem tropisch-feuchten Klima, mit unzähligen Pfützen, die sich auf den gelben Lehmpisten sammeln und im dichten Menschengedränge. Ich bereue meinen Entschluss mit den Rastazöpfen. Eine Horde Menschen rennt am Stand vorbei, laut schimpfend, die Fäuste zum Himmel gereckt. Warum sind sie so aufgebracht? Jemand hat an einem Stand Kochbananen geklaut. „Und alle rennen hinter dem Mann her?“ frage ich. „Ja! Es gibt viele hungrige Mäuler. Würde man sie alle gewähren lassen, ermuntert das immer weitere. Die Standbesitzer haben Zuhause selbst eine darbende Familie, die sie ernähren müssen“, sagt die schlanke Frau in ihrem eng ansitzenden Kleid mit ruhiger, gutmütiger Stimme und zieht dabei an meinen Haaren, um sie in den nächsten Rastazopf einzuflechten. Am nächsten Tag lese ich eine Randnotiz in einer englischsprachigen Zeitung: Lynchmord auf dem Markt nach Diebstahl von Essen. Rund hundert aufgebrachte Männer und Frauen prügelten einen Mann nach dem Diebstahl von Kochbananen zu Tode. Er hinterlässt seine Frau und sieben Kinder. Die Regierung verurteilt Selbstjustiz, die Polizei gehe dagegen vor. Unglaubliches Grauen lässt mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

Als ich einen dicken Babybauch zum Ende meiner Schwangerschaft vor mich herschiebe, erhöhe ich ihre Stunden auf sechs pro Woche. Es reicht immer noch nicht.

Irgendwann fragt sie mich, ob ich ein Baby erwarte. Es ist nicht nur die erste an mich gerichtete Frage, es ist die erste persönliche Ansprache überhaupt. Als ich bejahe, ändert sich ihre Körpersprache komplett.

Sie strahlt übers ganze Gesicht, als sie auf Englisch sagt: „Ah, das habe ich schon geahnt. Eine Mutter spürt so etwas mit dem Herzen.“ Sie breitet ihre Arme aus, wie zur Liebkosung. Ihre Augen funkeln. Von nun an fragt sie mich jedes Mal nach dem Baby und hält einen kleinen Plausch. Sie ist gut gelaunt. Ihre Gegenwart stört mich nicht mehr. Als ich mit einem Taxi unter Wehen ins Krankenhaus zur Entbindung fahre, wünscht sie mir viel Glück, ruft immer wieder: „God bless you“ und wirft mir Kusshändchen nach. Ich bin gerührt und in meinem Umstand ohnehin schon nahe am Wasser gebaut, so dass ich den Tränen freien Lauf lasse. Der Taxifahrer versucht mich aufzumuntern: „Kindchen, das wird schon alles gut gehen! Ich habe so viele Frauen ins Krankenhaus gefahren und wir sind nie zu spät gekommen. Ich gebe Gas“. Was folgt, bringt meine Nerven, die einem seidenen Faden gleichen, noch mehr unter Spannung. Als ich entlassen werde, schickt uns die Agentur zum ersten Mal eine Vertretung. Es ist die Nichte. Ich erfahre den Namen meiner Hilfe: Jeanny. Es ist ihr englischer Name, ihren Afrikanischen werde ich nie erfahren. Dafür aber ihre Geschichte. Jeanny bekommt zwei Kinder in Ghana, einen Jungen und ein Mädchen. Ihr Ehemann verlässt sie kurz nach der Geburt des zweiten Kindes und lässt sich nie wieder blicken. Jeanny ist alleinerziehend, arbeitet viel und hart, um ihre Familie zu ernähren. Aber es reicht nicht, um die Kinder auf‘s Collage zu schicken. Sie will, dass aus ihnen mal etwas wird, im Gegensatz zu ihrer Mutter. Jeanny nimmt von niemandem Geld oder Hilfe an. Als ihr Sohn 16 Jahre alt ist und ihre Tochter 14, geht Jeanny nach Europa. Zahlreiche ghanaische Verwandte wanderten über Acra nach Italien aus. Daher ist es Jeannys erster Anlaufpunkt. Ihre Mutter verspricht, ein Auge auf ihre Enkelkinder zu werfen. Ein paar Familienmitglieder zog es weiter von Italien nach Deutschland. Dort gibt es gerade einen richtigen run nach Haushalthilfen. Wer ein konkretes Arbeitsangebot nachweisen kann, bekommt eine Aufenthaltserlaubnis. Jeanny nimmt eine Stelle in Hamburg an und kommt bei Verwandten in Wilhelmsburg unter. Dort gibt es günstigen Wohnraum. Zu ihrer Arbeit braucht sie jeden Tag über eine Stunde hin und noch mal wieder zurück, weil die Stadtteile mit der wohlhabenden Kundschaft nicht um die Ecke liegen. Sie kommt nicht ein einziges Mal auch nur fünf Minuten zu spät. Sie ist nie krank. Sie nimmt nie Urlaub. Sie beschwert sich nie. Als ihr Sohn 18 Jahre alt ist, stirbt er an einer Überdosis. Jeanny erscheint zum ersten Mal nicht bei der Arbeit…
Ich frage ihre Nichte, wann die Beerdigung sei und wie lange Jeanny in Ghana sei. Sie schüttelt stumm den Kopf. Sie erklärt mir, dass ihre Tante nicht zur Beisetzung ihres Sohnes fliegen werde, da die Flüge so kurzfristig zu teuer sind. Sie will das Geld lieber für ihre Tochter sparen. In der darauffolgenden Woche steht Jeanny wieder um sechs Uhr bei uns im Haus und macht sich an die Arbeit. Sie erwähnt den Tod ihres Sohnes mit keinem Wort. Ich weiß, dass sie es nicht tut, um mich damit nicht zu belasten. Die Demuth und Tapferkeit dieser anfangs so stummen Dienerin treiben mir Tränen in die Augen. Sie verließ ihre Kinder, damit sie ein besseres Leben haben als sie selbst. Nun scheint dieses Opfer vergebens, so sehe ich es. Aber sie kämpft weiter klaglos für ihre Tochter. Ich wende mich schnell ab, denn meine Betroffenheit würde sie bekümmern. Als wir uns das nächste Mal sehen, gebe ich ihr das Geld für den Flug. Wir schauen uns in die Augen.

Ich sehe ihren Schmerz, eine Trauer, die nur Mütter fühlen können. Sie scheint greifbar zwischen uns. Wir umarmen uns. Stumm laufen uns Tränen über die Wangen.

„Was hast du heute für Hausaufgaben auf?“, fragt sie mich, während sie in der Küche hantiert. „Deutsch, wir müssen einen Aufsatz aus der Perspektive eines Tieres schreiben“, antworte ich gequält. „Oh fein, das klingt doch super! Ich helfe Dir“, sagt sie vergnügt. Ich hole meine Schulsachen und lege sie auf den Esstisch. Ich bin eine gute Schülerin, aber entsetzlich schüchtern. Der Gedanke daran, meine Geschichte morgen vorlesen zu müssen, löst heute schon schweißnasse Hände, Kopfschmerzen und starkes Unwohlsein bei mir aus. Meine Mutter setzt sich an den Tisch und liest sich die Aufgabe durch. „Toll, ich liebe solche Aufgaben,“ sie nimmt einen Zettel aus der Schublade hinter sich und einen Stift aus einer Dose, dann macht sie sich ans Werk. Sie schreibt eine Geschichte aus der Perspektive einer Katze. Eine halbe Stunde lang spricht sie kein Wort. Dann legt sie den Stift zur Seite, reibt sich zufrieden die Hände und sagt voller Stolz zu mir: „So, jetzt brauchst du die Geschichte nur noch in dein Heft abzuschreiben.“
Ich gewinne beim Vorlesewettbewerb in meiner Klasse. Dann in meiner Stufe, zum Schluss an unserer Schule. Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Ich kann mich an diese Momente nur vage erinnern. Zu Beginn raste jedes Mal mein Herz, kalter Schweiß brach aus, ich zitterte am ganzen Körper, ich sah alles nur noch verschwommen, Geräusche klangen dumpf, dann verließ ich meinen Körper und sah mich von oben und ganz weit weg. Was anschließend folgte, erinnere ich nicht mehr. Ich gewinne den Schulwettbewerb und soll für unsere Schule mit Schülerinnen und Schülern aller anderen Schulen Hamburgs um die Wette vorlesen. Allein beim Gedanken daran fühle ich mich krank. Ich sage zu meiner Mutter: „Ich kann das nicht. Ich fühle mich schrecklich, wenn ich nur daran denke.“ Sie breitet ihre Arme aus und zieht mich an ihren großen Busen. Da ich inzwischen größer bin als sie, muss ich mich bücken. Ich lasse mich wie in ein weiches Kissen, tief hineinfallen. „Mein armes Puschilein. Natürlich musst du da nicht hingehen. Ich rufe in der Schule an und sage du bist krank“, flötet sie mit sanfter Stimme, während sie mir über den Kopf streichelt.
Als ich Anfang 19 Jahre alt bin, in meinem letzten Schuljahr vor dem Abitur, fühle ich mich viel zu alt für die Schule, für Hausaufgaben und um mir etwas von meinen Lehrern sagen zu lassen. Ich habe keine Idee, wohin mich mein künftiges Leben führen wird und will einen sozialen Dienst ableisten. Erstmal weg von Zuhause. Erstmal auf eigenen Beinen stehen. Etwas Gutes tun, die Welt retten, dann wird sich mir schon ein Weg auftun, hoffe ich und habe wahnsinnige Angst. Ich bewerbe mich schriftlich in einem Nationalpark als Rangerin. Ich werde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich soll beim Leiter des Nationalparks anrufen und mich zu einem Gespräch mit ihm verabreden, steht in dem amtlichen Schreiben, das ich mit der freudigen Botschaft erhalte. Sofort quäle ich mich wieder. Ich kann da nicht anrufen, ich schaffe das nicht. Ich sage es meiner Mutter. „Ist doch kein Problem“, trällert sie fröhlich. Sie geht zum Telefon und ruft beim Leiter des Nationalparks an. Sie unterhält sich 20 Minuten mit ihm über mich. Dabei wirft sie mehrfach lachend den Kopf in den Nacken. Als sie den Hörer auflegt sagt sie zu mir: „Siehst du, das war gar kein Problem. Ich habe dir für nächste Woche einen Termin gemacht.“ Ich schrei sie an: „Warum hast du das getan? Das ist total peinlich! Ich werde in ein paar Monaten 20 Jahre alt!“ Sie schüttelt den Kopf, guckt mich enttäuscht an und sagt: „Warum kannst du nicht einfach dankbar sein? Ich meine es doch immer nur gut mit dir.“

Ich fahre mit dem Bus von Acra nach Norden. Ich will mir eine Goldmine in Obuasi ansehen. Es dauert einen Tag lang von der Hauptstadt Ghanas aus, obwohl sie nicht mal 300 Kilometer entfernt liegt. Ich weiß jetzt auch warum. Der Bus schaukelt hin und her und wirbelt auf den gelben, sandigen Schotterpisten jede Menge Staub auf. Tiefe Schlaglöcher und ein nicht enden wollender Strom des Gegenverkehrs lassen den Busfahrer eine Art Schlangentanz auf der Straße vollführen. Er macht das gut, ohne Frage. Geht‘s zügig, fährt er 40 Stundenkilometer. Phasenweise kommt er aber auch einfach nur im Schritttempo vorwärts. Ich wundere mich, dass es selbst im Großraum der Hauptstadt keine besseren Straßen gibt. Wie wollen die Menschen ihr Land an der Grenze im Norden erreichen, rund 1000 Kilometer von Acra entfernt? Müll säumt die Piste, alte Blechwannen, Autos, Kühlschränke. Dazwischen Hunde, Welchblechhütten und spielende Kinder. Im Hintergrund Regenwald. Als ich an der Goldmine ankomme, tut sich vor mir ein riesiger orange-gelber Krater auf. Der Tageabbau ist günstiger, aber er reißt schwere Wunden ins Land. Er zerstört den Wald, verschmutzt das Wasser, zerschlägt Steine bei Sprengungen, lärmt Tag und Nacht, vergiftet mit Chemikalien, lässt Fische sterben. Der Bergbau verbietet ehemalige Wege zu betreten, Grundstücke zu bebauen und vormalige Felder zu bestellen. Bauern werden enteignet und verlieren ihre Lebensgrundlage. Sie haben keine Ausbildung und bekommen keinen Job in den Goldminen. Dort arbeiten unzählige barfuß und ohne Schutzkleidung. Der Bergbau ist Ghanas größter Arbeitgeber, mit etwa hundertfünfzigtausend Familienunternehmen. Gold ist Ghanas wichtigstes Exportgut. Das Goldfeld von Obuasi ist das neuntgrößte der Welt. Ghana gilt als politisch stabiles, wirtschaftlich starkes und in den sozialen Bereichen fortschrittliches Land im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten. […]

Auszug meiner Kurzgeschichte Mutter. Sie erscheint mit weiteren in einem Buch.