Kurzgeschichte

Maja

Sie hatte wunderschöne Beine. Ich meine, nicht irgendwie schöne Beine. Sondern solche, nach denen man sich umdrehte. Man sah die Frau mittleren Alters, nicht besonders hübsch. Vom Typ her maskulin und etwas verhärmt. Vom Schicksal? Der Arbeit im Hospiz? Wer weiß… Möglicherweise aus Langeweile, aber keinesfalls aus einer Erwartung oder Hoffnung heraus, ließ man den Blick an ihr herunter gleiten. Und sah ihre Beine: lang, wohlgeformt und braun. „Wow!“, schoss es einem durch den Kopf. „Die hat aber schöne Beine!“ Und nach ein paar Schritten, dachte man: „Hatte sie WIRKLICH diese wahnsinnigen Beine?“ Man konnte einfach nicht anders. Man MUSSTE sich noch mal nach ihr umdrehen: ja, hatte sie!
Meine Frau hatte nicht so zauberhafte Beine. Damit lag sie mir ständig in den Ohren. Lang, aber sie waren ihr nicht wohlgeformt genug. Schlank, aber sie maulte, dass sie zur Orangenhaut neigten. Auf den Knien fanden sich Sommersprossen, die alle ihre Liebhaberinnen süß fanden. Bis ich sie heiratete. Ihre Haut blieb immer weiß. Braun wurde sie nie. Eher verbrannte sie vorher und warf schmerzhafte Blasen. Ihr Stiefvater zwang sie, im Sommer in Südfrankreich, ihre Haut der Sonne auszusetzen. Sie vermutete, es war seine Rache an ihrem leiblichen Vater. Gleichzeitig konnte er ihre zart knospende Brust begaffen. Ich schweife ab…
Also meine Frau war dankbar für ihren Körper. Genauso wie ich. Mit unseren unperfekten Beinen konnten wir rennen, springen, Rad fahren, tanzen, schwimmen, leidenschaftlich umschlingen…
Besonders dankbar waren wir dafür, dass es unsere Beine noch gab. DIE SCHÖNEN BEINE waren inzwischen längst von Maden und Würmern zerfressen. Verfault und verwest. Zu Erde geworden. Was bedeutet Leben?

DIE SCHÖNEN BEINE hatten Eierstockkrebs. Als DIE WEIßEN KITTEL den Tumor fanden, war er bereits Walnussgroß. In ihrem Körper blühten Metastasen. Als die SCHÖNEN BEINE es mir erzählten, fragten sie mich: „Was trägt man zu seiner eigenen Beerdigung?“ Zur Erfüllung ihres Kinderwunsches hatten sie das Gleiche über sich ergehen lassen, wie meine Frau. Die SCHÖNEN BEINE erklärten es mir und sich selbst so: „Wenn der Wunsch unendlich groß ist… Wenn er jahrelang immer verzweifelter wird. Wenn dein ganzes Sein nur noch aus diesem einen Wunsch besteht. Dein Kopf, mit all deinen Gedanken. Dein Herz, mit deiner ganzen Liebe. Dein Körper, mit jeder deiner Fasern. Dann bist du bereit, alles, wirklich alles zu tun! Auch, wenn es Selbstmord ist.“
Meine Frau landete mit Hyperstimmulationssyndrom im Krankenhaus. Ich begleitete sie. Es hätte tödlich enden können. DER WEIßE KITTEL machte ein Ultraschall ihres Eierstocks. Er war riesig. 17 reife Eizellen pusteten ihn auf wie einen Ballon. Er war voller Flüssigkeit. Ihr Körper war vollgepumpt mit Hormonen. Sie sagte, wie zur Entschuldigung: „Ich spritze mir die Hormone seit über einem Monat täglich selbst in den Bauch. „Wow, so was habe ich noch nie gesehen“, erwiderte DER WEIßE KITTEL. „Ich geben ihnen eine Infusion. Sie werden es schon schaffen!“ „Ja, hoffentlich!“, antwortete meine Frau. „Wäre blöd, falls nicht! So kurz vorm Ziel…“
Zwei Tage später war meine Frau fahrtauglich. Es reichte zumindest um im Beifahrersitz zu hängen. Ich fuhr ohnehin lieber Auto. Es ging nach Dänemark. Unter Narkose gelang es DEM WEIßEN KITTEL 15 Eizellen zu entnehmen. Im Labor verschmolzen die Eizellen mit dem Samen. Wir entschieden uns für einen Spender, der zwar seinen Namen preisgab, aber keine Begegnung mit dem Kind wollte. Wir wollten ebenfalls keinen Kontakt. Unser Kind würde mit 18 Jahren selbst entscheiden. Feige?
Der Spender war Däne. Das gefiel uns. Wir suchten nach dänischen Namen für unser Kind. 13 Eizellen erreichten das Vorkernstadium. Kerstin, Ben, Inga, Ole, Marie, Lasse, Mia, Linus, Lillith, Rasmus, Lilli, Mads und Ida. Es war das Anfangsstadium der Befruchtung. Aus den Keimzellen bildete sich der Vorkern. Er enthielt den halben Chromosomensatz meiner Frau. Zur anderen Hälfte den des Spenders. Ich war genetisch nicht an unserem Kind beteiligt. Ob mich das störte? Nein! Ich war nicht darauf aus, meine Gene fortzupflanzen. Ich wollte Mutter sein. Es war immer klar, dass meine Frau unsere Kinder bekommt. Zwei befruchtete Eier setzte DER WEIßE KITTEL in ihre Gebärmutter ein. Ida und Linus. Sofort durchströmte sie ein Gefühl der Liebe. Ich redete mit ihrem Bauch wie zu einem Baby. Der Bluttest zeigte, dass Ida und Linus es nicht geschafft hatten. Trauer. Meine Frau hatte unsere Babys verloren…
Einen Zyklus später, erneuter Versuch. Nach einem halben Monat Spritzen in den Bauch: grüne, gelbe und blaue Färbungen. Sie verliefen ineinander. Der Künstler hatte keinen Platz mehr auf der Leinwand, um weitere Farben aufzutragen. Meine Frau brach ab. Sie hatte Albträume. Angst, dass es wieder nicht klappt. Das Gefühl, die Hormone machten sie depressiv. Ich arbeitete viel. Meine Frau versuchte es wieder. Elf befruchtete Eier hatten wir einfrieren lassen. Kerstin, Ben, Inga, Ole, Marie, Lasse, Mia, Lillith, Rasmus, Lilli und Mads. DER WEIßE KITTEL taute vier Eier auf. Kerstin, Ben, Inga und Ole. Die beiden vitalsten setzte er ein. Inga und Ben. Was wurde aus Kerstin und Ole? Mord? Die Chancen bei aufgetauten Eiern waren geringer. Wir machten uns große Hoffnungen. Schwanger! Wir sollten ein Baby bekommen. Inga hatte es geschafft, Ben nicht. Meine Frau hatte in den folgenden Wochen häufiger ein starkes Ziehen im Unterleib. Und wahnsinnige Angst, Inga zu verlieren. Sie machte keinen Sport mehr, lag meist auf dem Sofa, hatte Albträume. Ich überredete sie, zu einer Hochzeitsfeier zu gehen, um auf andere Gedanken zu kommen. Sie saß nur rum und aß nichts, weil es das Falsche hätte sein können. In der sechzehnten Schwangerschaftswoche Blutungen. Die Sprechstundenhilfe beruhigte sie, dass dies nichts zu bedeuten hätte. Sie gab ihr einen Termin. DER WIEßE KITTEL machte ein Ultraschall: Fehlgeburt.
Wir waren verzweifelt. Die Trauer unendlich. Meine Frau war depressiv. Sie fiel immer tiefer in ein Loch. Den Kinderwunsch aufzugeben, kam nicht in Frage. Wir waren schon zu lange dabei. Wir schauten nach Adoptionen. Und hatten das Gefühl, dass es auf diese Weise noch aussichtsloser war ein Kind zu bekommen. Die bürokratischen Hürden zu überwinden schien unmöglich. Ein Pflegekind mit Aussicht auf eine Adoption bei uns aufzunehmen, trauten wir uns auch nicht. Ein Klassenkamerad und dessen Bruder waren Pflegekinder. Ihre Mutter war Junky. Als sie clean war, wollte sie ihre Jungs zurück. Die Kinder lebten zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre bei ihren Pflegeeltern. Das Jugendamt ordnete Besuche an. Im Beisein eines Sozialarbeiters. Es gab juristische Auseinandersetzungen vor Gericht. Sie zogen sich schier endlos dahin. Die Jungs blieben bei ihren Pflegeeltern, die sie am Ende adoptierten. Der jüngere Bruder zerbrach daran. […]

Dank an Christian Gruber!

Die vollständige Kurzgeschichte erscheint mit weiteren Kurzgeschichten von mir in einem Buch.

Interview

Buddha sagte: Glaubt mir nicht, überprüft es!

Entweder-oder ist Glaubensreligion. Entweder du glaubst an meinen Gott oder du bist etwas anderes. Im Buddhismus kannst du sowohl als Buddhist, als auch als Atheist, Moslem, Jude oder Christ ein guter Mensch sein!“

Christian Böhner fühlte mit 17 Jahren die Anlage zum Erleuchtet sein in sich. „Es war so, als wäre direkt vor meinen Augen ein Sylvester-Feuerwerk losgegangen!“, berichtet er. Heute lebt der 54-Jährige im Buddhistischen Zentrum Hamburg. Dabei wuchs er zunächst katholisch in Bad Pyrmont, in Niedersachsen auf. Seine Eltern, seine beiden jüngeren Brüder und er selbst, waren bis zu seinem zwölften Lebensjahr katholisch aktiv. „Zwei Familienmitglieder waren Franziskanermönche. Einer musste vor den Nazis fliehen, er war Professor. In New York gründete und führte er die Franziskaner Abtei mit. Er kam nie wieder nach Deutschland zurück“, erinnert er sich. Der andere Großonkel lebte bis zu seinem Tod in Padderborn, in einem katholischen Kloster. „Als meine Mutter sich von meinem Vater trennte und ihr neuer Mann atheistisch unterwegs war, war’s vorbei mit dem christlichen Glauben bei uns“, erzählt Christian Böhner.
Er machte sein Abitur, anschließend den Zivildienst im Krankenhaus und studierte an der Universität Geschichte, Sport und Pädagogik. „Ich stieg Anfang der 1990er Jahre in die Medienbranche ein, zur Goldgräber-Zeit. Damals war Hamburg die Medienhauptstadt Deutschlands“, sagt er. Als Verlags- und Werbekaufmann ist er heute im Bereich der Special-Interest- und Out-of-Home-Medien tätig.
Er hat drei Kinder, 24, elf und acht Jahre alt. „Meine beiden jüngeren Kinder leben bei ihrer Mutter, gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Sie haben ihr eigenes Zimmer in meiner Wohnung und sind regelmäßig bei mir. Wir verbringen sehr viel Zeit miteinander“, schwärmt er. Seine älteste Tochter mache komplett ihr eigenes Ding, sie wohnt aber auch nur zwei Straßen weiter. „Die Kinder wachsen nicht automatisch mit buddhistischen Gebräuchen auf, sondern so, dass sie mitkriegen, dass ihre Eltern Buddhisten sind“, erklärt Christian Böhner.
Er reiste um die Welt und behielt doch immer eine Verbindung zu Hamburg. Er kam zurück, obwohl er eine Zeitlang in Berlin und im Allgäu arbeitete. Er sei Norddeutscher und fühle sich an der Nord- und Ostsee wohl. Auch in Dänemark, dort habe er Freunde, die meisten von ihnen in Kopenhagen. Aber letztendlich sei die stärkste Verbindung, die zu seinem Selbst. „Der Witz ist, dass man trotzdem nicht zum Neutrum wird. Es ist ein Sowohl-als-auch“, erklärt er. Christian Böhmer spricht über seinen buddhistischen Glauben.


Gab es als Kind einen Glauben an Gott?
Ich wusste nie so richtig… Wie sieht der aus? Wer ist dieser Gott? Ich habe keine Stimmen gehört…Ich fand Jesus faszinierend und das finde ich auch heute noch. Ich glaube, er war ein hoher Bodhisattwa, der leider viel zu kurz lehrte. Er sagte garantiert nicht, wie Buddha: „Alles was ich weiß, habe ich euch gelehrt und an euch weitergegeben.“

„Ich erhielt als Kind die Erstkommunion und war Messdiener. Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche.“

Wann war klar: Ich bin Buddhist?
Seit 1993, also seit fast 30 Jahren…

Wie kam es zum Buddhismus?
Ich kam in der Schule dazu. Mit vielen Mitschülern. Durch unseren Lehrer. Wir machten Projektreisen. Und regelmäßig in der zweiten großen Pause, hielt er Meditationsstunden ab. Rund jeder zehnte Schüler unserer Oberstufe nahm daran teil. Viele davon nahmen die Zuflucht. Aber nicht alle gingen diesen Weg auch weiter, mit täglicher Praxis oder wohnen gar, wie ich, in einem buddhistischen Zentrum. Trotzdem treffen wir uns heute noch.

Die Zuflucht ist das Ritual, ab dem man gläubiger Buddhist ist? Das ist das Ritual, ja. Gläubig ist man damit nicht unbedingt. Der Buddhismus ist ein Weg, der zu geistiger Freiheit führt. Du fängst an zu meditieren und merkst, wie beim Gleichnis mit den Wolken, dass sie sich ein bisschen auflösen, dass die Sonne anfängt zu strahlen. Du merkst, wie du stabiler wirst und dann bekommt es eine Eigendynamik! Dann macht meditieren Spaß! Wir beten keinen Buddha an, wir erhoffen uns keine Absolution. Alle Lehrer gingen diesen Weg selbst. Mit ihnen kann der Schüler arbeiten. Und am Ende ist es Überpersönlich.

Waren Sprachen für den Buddhismus zu lernen? Nee, musste ich nicht! Zum Glück… Lama Ole hat es gemacht wie sein historisches Vorbild Marpa. Der war Tibeter und holte den Buddhismus aus Indien. Sein Beiname war „Der Übersetzer“. Lama Ole und seine Frau Hannah, die hervorragend Tibetisch und Sanskrit konnte, haben die Belehrungen übersetzt. Die Meditationen sind auf Deutsch.

Mal in Tibet gewesen?
Nein! Nicht in diesem Leben.

Gibt es in Deutschland die Möglichkeit ein Leben als buddhistischer Mönch zu führen?
Kaum. Es gibt kleinere Gruppen. In Tibet gibt es vier Hauptgruppen und sehr, sehr viele Unterschulen, die über die Jahrhunderte gewachsen sind. Und davon gibt’s auch in Deutschland kleine Gruppen. Da sind Mönche dabei, aber das sind sehr wenige! In Frankreich sind es ein bisschen mehr. Da gibt es richtige Klöster. Dort haben sich Franzosen und auch ein paar Deutsche, als Mönche und Nonnen ordinieren lassen. Sie lernen Sanskrit und Tibetisch.

Mal in so einem Kloster gewesen?
In so einem traditionellen nicht. Wir haben in Norddeutschland und dem südlichen Dänemark fünf Zurückziehungsstellen, in denen man immer mal für ein paar Tage oder eine Woche nur meditieren kann. Das ist dann sehr intensiv.

Was ist die größte Stärke des Buddhismus?
Selbstverwirklichung, bis hin zu echter, geistiger Freiheit. Kein Zentrum, kein Lama will dich in Abhängigkeit sehen. Lama Ole erzählte, er möchte, dass auf seinem Grabstein steht, er habe die Leute selbstständig gemacht. Und das war auch Buddhas Ansinnen. Er hat 45 Jahre gelehrt. Dann sagte er: „Jetzt glaubt es mir nicht nur, weil es ein Buddha sagte, sondern überprüft es durch eure eigene Erfahrung! Ihr seid euer eigener Herr. Nehmt es an und macht es zu eurem eigenen Weg.“ Buddha lebte als Bettelmönch. Aber er sagte: „Denkt nur nicht, wenn ihr mit der Reisschale unterwegs seid, eure Haare kurzgeschoren tragt und euch ein gelbrotes Tuch umwickelt, dann seid ihr auf dem richtigen Weg!“ Nein, es ist eine innere Ebene, nur um die geht es. Und um das sehr, sehr Echte. In Tibet sagt man zu den Mönchen, die in den Bergen leben, die Verwirklichung muss so hart sein, wie Knochen auf Stein. Sonst schickt dich der Lehrer zurück in die Höhle und sagt, mach doch noch mal drei Jahre. Und dann sehen wir uns wieder (lacht).

„Der Buddhismus ist wie eine Kristallkugel: wenn er in Indien glatt und schwarz in die Kugel gelangt, kommt er in Tibet gewebt und weiß hervor. Im Westen ist er plötzlich bunt und in einer Teppichfaserstruktur. Aber die Kugel an sich, in ihrer Essenz, ist immer dieselbe.“

Ist der Buddhismus, dadurch, dass es sich um eine innere Haltung handelt, reformfähiger, als das Christen- oder Judentum?
Dadurch, dass er nicht so dogmatisch ist, wie Glaubensreligionen, auf jeden Fall! Der Buddhismus hat sich immer verändert. Er vermischt sich mit den örtlichen Gegebenheiten und hat dadurch immer andere Formen. Aber damit hat der Buddhismus überhaupt kein Problem. Es gibt einen indischen, einen chinesischen, einen tibetischen, einen sri-lankischen, einen afghanischen, einen pakistanischen Buddhismus… Afghanistan und Pakistan waren buddhistische Länder, bis zur islamischen Eroberung, die alles platt gemacht hat. Da kommt Dogmatismus ins Spiel. Schlimm!

Das vollständige Interview erscheint in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung.

Kindermund tut Wahrheit kund…

…und ist allein unterwegs!

Sie hegen Mordgelüste! Nachdem meine Kinder monatelang nicht in Schule, Kindergarten, beim Sport, bei Freunden oder auf Spielplätzen waren, wollen sie sich gegenseitig umbringen. Wer könnte es ihnen verübeln? Auch ich habe so meine Phantasien…
In den Augen meines Jüngsten sehe ich ein gefährliches Funkeln, als er einen Hammer wie eine Axt über seinem Kopf hält, vor ihm der Blondschopf seines Bruders. Danke, ja, ich weiß, dass Hammer nicht in Kinderhände gehören! Aber jüngst geschehen die unerklärlichsten Dinge… Kurz darauf schneidet das vermeintlich sanftmütigere Kind, welches nur knapp dem Anschlag entging, Rosen. Nein, auch dafür habe ich keine vernünftige Erklärung. Es dreht sich mit der Gartenschere in der Hand scharf nach rechts, um sich dem Durchtrennen der Finger seiner Schwester zu widmen. Meine vernünftige große Tochter klettert nach dem Schock entspannt im Trapez. Plötzlich tritt sie, wie eine Ninja-Kämpferin, beiden Brüdern gleichzeitig in den Bauch. Ich muss die Kinder konsequent trennen! Sonst ist es nur noch eine Frage der Zeit, falls es eines erwischt!
Zunächst erkunden wir Hamburgs Umgebung. Es ist erstaunlich, was für tolle Wälder es gibt. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sind sie mir fremd! Es riecht wie in Schweden. Es sieht aus wie in Kanada. Sie müssen neu gewachsenen sein! Ich vermute, diesen Frühling…

An einen gemeinsamen Urlaub ist diesen Sommer nicht zu denken! Ich fahre mit meinem Blondschopf nach St. Peter-Ording und er ist wie ausgewechselt: friedlich, glücklich und kuschelig. Wir schmusen den ganzen Tag, schlemmen ständig auf unserem Balkon oder im Restaurant, malen und spielen Schokohexe. Wüsste ich es nicht besser, meinte ich, es sei ein anderes Kind. Ich bin ganz verliebt in meinen Kleinen.
Mein Mann wählt die Abenteuervariante mit Übernachten im Strandkorb für unsere Große. Sie fahren mit Rädern auf die Fähre nach Föhr und machen ihre erste kleine Radtour ans andere Ende der Insel. Sie müssen mit dem klar kommen, was auf den Gepäckträger passt. Es ist ein großes Abenteuer für meine plötzlich noch mal ganz kleine Tochter. Sie schlafen direkt unterm Sternenhimmel, sehen die Milchstraße, Sternschnuppen und einen Kometen. „Papa, darf man sich wirklich bei jeder Sternschnuppe etwas wünschen?“, fragt sie verlegen. Sie sehen Fledermäuse in ganz klein und ganz groß und kuscheln sich tief in ihren Schlafsack.
Im Urlaub mit meinem Jüngsten an der Ostsee, erlebe ich ihn unkonzentriert, ungeduldig und schnell aggressiv werdend. Wir kommen am besten erstmal an! Ich staune, wie ausdauernd er Rad fährt. Dazu kommt es normalerweise nicht, weil seine Schwester und sein Bruder nicht so lange durchhalten. Ohne Tränen steht er sofort wieder auf, wenn er stürzt. Da sein Bruder die größte Heulboje ist, die mir je begegnete und mein Augenmerk normalerweise dem Ausschalten der Sirene gilt, fällt es mir sonst nicht groß auf. Am zweiten Tag ist mein Lütter laut, rüpelig und überhört jedes Stopp, ich bin genervt. Wie mutig mein Kleiner im Allgemeinen alles angeht, ist mir zwar bekannt, allerdings habe ich meist im Fokus, dass seine Geschwister ihn immer vorschicken. Ich finde das sonst gemein. Im Restaurant winkt er nun den Kellner heran und fragt formvollendet: „Kann ich bitte noch etwas Ketchup bekommen?“ Mein Herz geht auf. Tags darauf wieder Rückschläge: nichts ist ihm recht, wir streiten ständig, er trotzt: „Ich will zu Papa, sofort!“ Ist dieser kleine Wutkopf wirklich mein Kind? Ich bin kurz davor, überstürzt abzureisen. Als wir auschecken wollen, sagt uns der freundliche junge Mann am Empfang: „Ihr habt aber noch eine Nacht!“ Es muss nicht harmonisch, perfekt und erholsam sein, muntere ich mich auf. Dass wir uns ziemlich weit von diesem Idealzustand entfernt befinden, verschweige ich mir lieber. Hauptsache wir verbringen Zeit miteinander. Am anderen Morgen ist mein Jüngster wie ausgewechselt. Wir gehen schon vorm Frühstück schwimmen, scherzen den ganzen Tag und bauen eine so schöne Sandburg, dass uns andere Kinder fragen, ob sie mitspielen können. Mein Lütter zeigt sich gönnerhaft. Ich denke: Alles braucht seine Zeit und gut, dass mal nur wir beide allein unterwegs sind!

Ich hätte mir schönere Umstände. gewünscht, die zu unserem Experiment führten. Aber ich kann jedem mit mehreren Kindern nur empfehlen, mal nur mit einem zu verreisen! Es ist erstaunlich, wie erholsam es sein kann oder wie frisch verliebt man in das eigene Kind ist und welche ganz neunen Seiten man auf einmal entdeckt, auch an sich selbst. In diesem Sinne: Ahoi und auf in neue Gewässer!

Interview

Den American Dream gibt es für mich nicht mehr…

Fotos: Mohammad Kabajah

„Wenn du aus deinem Land gehst, ergibt sich eins aus dem anderen, es ist wie eine Verbindung, als ob du fliegst…“

Die 22-jährige Natalia Chicu wurde in Chinisau, in der Republik Moldau geboren. „Am meisten weiß ich die Leute in Moldawien zu schätzen. Ihre Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit sind besonders ausgeprägt. Sie würden alles mit dir teilen. Man kann immer mit ihnen reden, das vermisse ich manchmal“, erzählt sie.
Das Essen sei großartig, wie zum Beispiel Mămăligă. „Das ist eine Art Polenta, aus Mais hergestellt. Wir essen es zusammen mit Käse und Sour Cream“, schwärmt sie.
Abgesehen davon sei die Landschaft sehr schön und der Wein besonders. Moldawien exportiert fast seinen gesamten Wein. „Meine Großeltern stellen ihren eigenen Wein her“, sagt sie. Natalia Chicu ist stolz aus der Republik Moldau zu sein. „Nicht wegen der Politik, aber das trifft auf alle Länder zu, in denen ich lebte: Moldawien, Israel und die USA. Politik ist immer ein Problem“, weicht sie aus. Es gebe Chancen auf gute Jobs in der Republik Moldau. Doch selbst sehr kluge Leute bekämen nicht ausreichend Respekt. Deshalb gehe ein Großteil der jungen Leute ins Ausland. Dort fühlen sie sich ermutigt, sich weiterzuentwickeln und unkonventionell zu denken. „Ich glaube, es sind Überreste des sowjetischen, konservativen Denkens. Man wird in Moldawien bei der Arbeit von Kollegen verurteilt, das erzählen mir auch viele meiner Freunde. Wenn man dagegen in die Welt hinausgeht, als würde sie einem gehören, mit all dem eigenen Wissen, findet man sich selbst“, erklärt Natlia Chicu.
Trotzdem fände sie es wundervoll eines Tages wieder in der Republik Moldau zu leben! Sie ist Einzelkind. Ihr Zuhause sei kein bestimmter Ort, sondern ein Gefühl. Dort, wo ihre Eltern sind. „Sie könnten umziehen und wo immer sie dann wohnten, wäre mein Zuhause! Sie besuchten mich in Bulgarien an meiner Uni und ich vermisste sie vorher wahnsinnig. Ganz plötzlich fühlte es sich an wie zu Hause“, lacht sie. Auch wenn sie ihren Verlobten in Israel besuche, sei sie glücklich und das hänge nicht mit dem Ort zusammen.
Sie wünscht sich, dass Moldawien eines Tages zur Europäischen Union gehört. „Ich bin eigentlich Rumänin und habe einen moldawischen und einen rumänischen Pass. So fühle ich mich als Halbmoldawierin und Halbeuropäerin“, lacht sie. Die Russen trennten die heutige Republik Moldau in der Vergangenheit in einen rumänischen und einen russischen Teil. Die Hälfte der Rumänen nimmt der EU gegenüber eine positive Haltung ein und würde ihr gerne beitreten. Das würde vieles leichter machen ist Natalia Chicu überzeugt, zum Beispiel in wirtschaftlicher Hinsicht. Auch würde es die Bevölkerung und die generelle Denkweise ändern sowie die Bildung verbessern.
Natalia Chicu spricht sechs Sprachen und ist dabei eine Siebte zu lernen. „Ich spreche Rumänisch, weil ich mich so mit meinen Eltern verständige“, sagt sie. Englisch ist ihre Zweitsprache, sie lernte sie bereits im Kindergarten. Russisch hörte und lernte sie auf den Straßen. Französisch hatte sie in der Schule und übt es jetzt gerade während eines Praktikums in Frankreich. „Italienisch ist dem Rumänischen sehr ähnlich! Ich spreche es nicht fließend, aber Konversation ist möglich“, erklärt sie. Bulgarisch lernte sie, als sie anfing, an der Amerikanischen Universität in Bulgarien (AUBG) zu studieren. Jetzt lernt sie Hebräisch, weil ihr Verlobter in Israel lebt.
„Ich machte in Paris eigentlich einen Austausch an der Uni. Aber den beendete ich, weil ich mit einem betriebswirtschaftlichen Programm beginnen konnte. Es dauert sechs Wochen, danach arbeite ich an einem Gruppenprojekt und anschließend mache ich für vier Monate ein Praktikum in einem Start-up“, erzählt sie. Sie ist sehr dankbar dafür und liebt die Leute, mit denen sie zusammenarbeitet. Sie lebt in ihrem eigenen Appartement. „Ich habe entschieden, dass ich meine eigene Küche und alles haben will. Ich suchte etwa zwei Monate“, sagt sie.
Nach ihrem Aufenthalt in Paris geht Natalia Chicu zurück nach Bulgarien. Dort studiert sie Business Administration mit dem Schwerpunkt Management und im Nebenfach Marketing Communication. „Das wird mein letztes Jahr, dann mache ich meinen Bachelor“, lacht sie. Für ein Work-and-travel ging sie zwei Mal in die USA, 2017 und 2018. Natalia Chicu spricht über ihre Hoffnungen und Träume sowie ihre Enttäuschungen in Bezug auf die USA.

Wovon träumtest du als Kind?
Ich hatte viele Träume, sie wechselten ständig (lacht). Ich war ein sehr stilles Kind, dachte viel nach und redete nicht viel. Mein größter Traum war, erfolgreich zu werden, komme, was da wolle. Das bedeutet für mich, aus meiner Komfortzone herauszugehen, Neues zu lernen und das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Mein Traum war es, ins Ausland zu gehen.

Seit wann träumst du von den USA?
Schon als Kind.

Wieso studierst du in Bulgarien und nicht in den USA oder in der Republik Moldau?
Ich wurde in der High-School dazu inspiriert, ins Ausland zu gehen, als ich ungefähr 16 Jahre alt war. So begann meine Reise (lacht). Als ich die zwölfte Klasse abschloss, wollte meine Familie, dass ich nach Rumänien ziehe, weil es näher an Moldawien liegt. Mein Traum waren jedoch die Vereinigten Staaten. Wir konnten uns nicht einigen und kamen zu dem Kompromiss, dass ich nach Bulgarien gehe. Eine Freundin bestärkte mich darin, also probierte ich es aus und bin sehr dankbar dafür.

Wie kamst du damit zurecht, dass der Unterricht an deiner Uni ausschließlich auf Englisch stattfindet?
Anfangs war es sehr herausfordernd. Mein ganzes Leben, vor allem in der Schule, wurde mir britisches Englisch beigebracht. Die ersten zwei Monate konnte ich mich nicht an den amerikanischen Akzent gewöhnen. Die Professoren hatten auch alle verschiedene Akzente und ich war nur den Rumänischen gewöhnt. Obwohl sie Englisch sprachen, verstand ich nichts. Aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran (lacht).

Was waren deine Hoffnungen, als du das erste Mal in die USA reistest?
Ich hoffte, neue Leute kennenzulernen, die anders sind als ich. Ich wollte wissen, wie das Leben in den USA wirklich aussieht. Ich hatte auch die Vorstellung vom American Dream, wie man ihn aus den Filmen kennt. Meine Hoffnungen bezogen sich mehr auf ein Gefühl, das ich erwartete, als auf bestimmte Dinge, die ich vielleicht sehen und erleben würde. Als ich dort ankam, waren die Leute sehr gastfreundlich, alle grüßten und waren nett zu mir. Sie wirkten sehr offen. Trotzdem war es schwierig. Im ersten Jahr blieb ich deshalb nur einen Monat, statt den ganzen Sommer. Beim zweiten Mal war es sogar noch schwieriger für mich, weil ich direkt nach meinem Semester in die USA flog.

„Ich traf Leute aus aller Welt. Solche Bekanntschaften verändern einen, man versteht andere besser. Alle sind verschieden, aus unterschiedlichen Kulturkreisen, haben andere Denkweisen.“

Was waren deine Aufgaben während deines Work-and-travel?
Ich war Empfangsdame und Dienstmädchen in einem Hotel. Es war sehr einfach. Ich sollte ordentlich aussehen und die Gäste willkommen heißen. Es war ein sehr schönes und traditionelles Ressort. Die Gäste sollten sich von Anfang an wohlfühlen. Ich arbeitete manchmal 14 bis 15 Stunden am Stück, das war teilweise hart.

Wie war es, von einer Eliteuniversität in die USA zu gehen und dort Arbeiten zu verrichten, die US-amerikanische Studenten nicht machen wollen?
Das war nicht immer leicht. Ich versuchte jedoch, meine Aufgaben trotzdem gut und gewissenhaft zu erledigen und anderen gegenüber fair zu bleiben.

Wie war die Bezahlung?
Nicht sonderlich gut. Einige, die mehrere Jobs gleichzeitig haben und dementsprechend keine freien Tage, können in einem Sommer trotzdem circa zehntausend Dollar und mehr verdienen. Auch ich erarbeitete mir eine anständige Summe, mit der ich das kommende akademische Jahr finanziere. Das Leben in Bulgarien ist wohlgemerkt auch recht billig (lacht). Es ist ein gutes Gefühl, wenn man sein eigenes Geld verdient. Ich bin jedoch nicht deswegen in die USA gegangen, sondern, um neue Erfahrungen zu machen und Leute kennen zulernen. Daher versuchte ich stets, zwei freie Tage pro Woche zu bekommen. Ich wollte die Zeit in den USA genießen. Ich finde es wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass Geld nicht alles ist. Ich kenne Studenten, die sehr hart arbeiteten und am Ende des Sommers starke Rückenschmerzen oder andere gesundheitliche Probleme hatten…

Transkription: Amélie Gloyer

Das vollständige Interview erscheint in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung.

Interview

Depression, Bitch, bist du’s?

Armin Senbusch ist Künstler. Er schreibt, singt und fotografiert. Der 52-jährige war zwei Mal verheiratet und hat einen siebenjährigen Sohn. Er wohnt in Pinneberg in einem Gartenhaus, bei Freunden. Dort findet er Ruhe. In einer Großstadt zu leben, kann er sich nicht mehr vorstellen. „Es ist mir zu laut, zu eng und zu stressig“, sagt er. „Die erste Nacht hier im Haus, habe ich wie ein Stein geschlafen. Es war so unglaublich ruhig. Mein letztes Album schrieb ich komplett in wenigen Wochen, nahm es auf und habe es geschnitten. Es lenkte mich einfach nichts ab“, erzählt er.
Armin Sengbuschs Mutter wuchs als Deutsche im Iran auf. Als sie mit ihm schwanger war, ging sie mit 20 Jahren nach Deutschland. Sein Vater ist Perser, sein Stiefvater Deutscher, sein Halbbruder vier Jahre jünger. Innige Liebe, ständige Streits und häusliche Gewalt, prägten seine Kindheit. Sport gab ihm Halt. Besonders die Begeisterung für Fußball. Früh interessierte er sich für Comedians. Bereits als Teenager hatte er eigene Bühnenauftritte. Mit 14 Jahren imitierte er in Taizé das komplette Programm des Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger. Mit 17 Jahren führte er sein Soloprogramm vor 600 Leuten in der Schulaula auf. „Eine halbe Stunde gab ich Pantomime, eine halbe Stunde Emil. Mit einer Abschminkpause dazwischen. Es war wirklich Kleinkunst. Und das hat total gerockt. Das war Rakete!“, erinnert er sich. Er wollte Schauspiel studieren. Doch seine Eltern entschieden, dass eine kaufmännische Ausbildung nach dem Abitur das Richtige für ihn sei. „Nach einem Jahr wollte ich die Ausbildung abrechen. Ich konnte nichts damit anfangen. Meine Eltern meinten, ich hätte dann ein Jahr meins Lebens vergeudet. Also machte ich weiter. Heute denke ich, dass ich drei Jahre meines Lebens vergeudete!“, sagt er.
Armin Senbusch leidet unter einer Form der Depression, die sich Dysthemie nennt. Sie verläuft chronisch und gilt als unheilbar. Dazu plagt ihn eine bipolare Störung. Diese ist gekennzeichnet, durch wechselweise manische und depressive Phasen. „Wenn’s blöd läuft, fallen beide Formen zusammen und ich habe eine Double Depression“, sagt er. Bei diesen Schüben helfe ihm auch die Liebe nicht. In solchen Phasen sei kein anderer Mensch für ihn existent. Die Depression sei immer da gewesen. Nach der Geburt seines Sohnes begab er sich erstmals in Therapie. Er verarbeitet seine Krankheit, indem er über sie schreibt, wie in dem Buch Depressionen leicht gemacht.
Im Interview spricht Armin Sengbusch über die Liebe, zu seinem Sohn, Frauen und der Kunst:

Wie alt fühlst du dich? Ich kann es kaum glauben!
Ja, ich fühle mich definitiv nicht wie 52 Jahre! In dem Alter bin ich noch nicht angekommen (lacht). Aber ich merke auch, dass ich nicht mehr so jung bin. 20-jährige Poetry Slamer, mit denen ich auf der Bühne stehe, sind nicht meine Welt! Ich verstehe das alles, aber da habe ich keinen Bock drauf! Die brauchen einfach noch ihre Zeit. Da fehlt die Lebenserfahrung. Gelassenheit kann man auch als junger Mensch haben, aber es fehlt an Weitsicht. Ich finde es gut, dass den Leuten aufgrund meines Alters klar ist, dass ich weiß, wovon ich rede. In Bezug auf meine Krankheit ist es wichtig, dass die Leute sehen, man kann auch älter werden damit. Nach der Geburt meines Sohnes sagte mir der Veranstalter eines Poetry Slams: Armin, zum ersten Mal siehst du so alt aus, wie du bist! Und ich dachte: Scheiße, ich fühle mich auch um 15 Jahre gealtert (lacht).

Laut Statistiken können Menschen mit deiner Geschichte, zu 80 Prozent keine sichere Bindung zu ihren Kindern aufbauen. Zu 75 Prozent geben sie ihre eigene Geschichte weiter. Und zu 85 Prozent können sie ihr Leben lang keine stabile Beziehung eingehen… Wie sehr ängstigt dich das?
Was die Beziehungen anbelangt, ist mir das scheißegal! Da habe ich keine Angst. Ich meine, es gibt einen Grund, warum ich zwei Mal verheiratet war. Aber wenn ich meinem Sohn Gewalt antun würde, müsste ich mich umbringen! Ganz ehrlich, das würde ich tun!

Wenn du ihn schlagen würdest?
Das ist für mich undenkbar! Ich könnte meinem Sohn nie wieder in die Augen gucken. Schlimm! Ich ärgere mich schon, wenn ich laut werde und sage ihm, dass es mir leid tut. Dass es mit mir durchgegangen sei. Ich erkläre ihm, warum das passiert ist. Aber Gewalt? Nee, das geht gar nicht!

Deine Form der Depression gilt nicht als schwer, wie fühlt sich das an?
Die Krankheit wird immer unterschätzt, weil es heißt, es ist nicht so schlimm. Aber es ist halt dauernd nicht so schlimm. Und DAS ist schlimm! Ich muss mich jeden verfickten Tag auf das Null-Level bringen, auf dem ich nicht mehr depressiv bin. Jeden Tag! Alle anderen Menschen haben das einfach so…

Inwiefern trägt Liebe dich durch depressive Phasen?
Meine beste Freundin glaubt, dass ich mit der Mutter meines Sohnes zusammen war, weil sie meine Aufgabe war. Weil sie auch Probleme hatte und mich brauchte.

Was hat dich noch getragen?
Ich sage in meinem Soloprogramm immer: Ich habe instinktiv ganz viel, richtig Falsch gemacht! Ich hielt mich mit legalen Drogen über Wasser. Das heißt, ich aß tonnenweise Süßigkeiten, trank Alkohol und hechelte Frauen durch…

…also warst du süchtig, nach dem intensiven Gefühl des frischen Verliebtseins?
Ja, genau! Nach der leidenschaftlichen Liebe. Nach den Endorphinen. Und dem damit verbundenen Kick. Das zieht dich immer hoch. Und sobald das abflaute, kam die Nächste und die Nächste und die Übernächste und immer so weiter…

Hast du das überwunden?
Ja! Ich stellte fest, dass ich mich damit zwar künstlich hochziehe, aber weil es immer Yin und Yang ist, fällst du im gleichen Ausmaß auch wieder runter! Und das ist dumm gewesen. Aber deswegen habe ich so lange überlebt, mit den Methoden, die ich mir selbst aneignete.

War das rückblickend eine Form der Selbstverletzung?
Ja, natürlich! Es war in der Regel auch so, dass die Frauen MICH verließen. Das richtete ich immer so ein. Teilweise bewusst, aber auch unterbewusst. Und das erzeugte bei mir ein Gefühl der Minderwertigkeit. Das ist ein großer Kreislauf der Selbstverletzung und Selbstkasteiung gewesen. Aber ich hätte es sonst nicht geschafft!

Es war eine Überlebensstrategie?
Ja! Aber keine bewusste Entscheidung. Es war, wie wenn einer meinen Sohn bedrohen würde und ich nicht darüber nachdenke, sonder mich vor ihn werfe. Genauso entschied mein Inneres, wenn du klarkommen willst, dann musst du es so und so machen.

Wie beeinflusste Liebe deine Depression noch?
Mit 24 Jahren fand ich heraus, dass ich adoptiert bin. Das hatten mir meine Eltern bis dahin nicht gesagt.

Und das tat richtig weh?
Das war das Schlimmste, was mir in meinem Leben passierte! Ich habe viel Scheiß erlebt. Aber danach war ich weg. Ich redete eine Woche lang nicht. Für drei Jahre zog ich mich komplett von der Bühne zurück.

Was waren das für Jahre?
Im Nachhinein sage ich: Hätte Ehrlichkeit mein Leben begleitet, wäre etwas ganz anderes aus mir geworden. Ich war nie zu Hause. Ich war immer zerfranst. Ich war am liebsten allein. Ich fühlte mich nirgendwo wohl. Ich wusste nicht, wo ich hingehöre. Wenn ich mich bei Frauen interessant machte, mit 14, 15 oder 18 Jahren, sagte ich: Mein Vater ist Inder. Mit 24 saß ich da und dachte: Wieso habe ich das getan? Ich wusste ja gar nicht, dass mein Vater Perser war! Ab dem 24. Lebensjahr war es dann drei Jahre richtig schlimm! Richtig, richtig schlimm… Da war ich komplett verloren!

Warst du depressiv?
Hm, ja… Ich glaube… Ich kann dir gar nicht sagen, was ich war… In erster Linie war ich fassungslos! Weil ich das alles… Ich konnte nichts mehr einsortieren… Das ist so, als ob dir jemand den Teppich unter den Füßen wegziehst und du nicht fällst… Du wirbelst so durch die Gegend und es ist als ob… Und du weißt halt gar nicht, wo bin ich eigentlich? Wo ist oben und wo ist unten? Und das fand ich so schlimm… Für mich war alles ungeklärt! Und irgendwann stellte ich fest, dass ich die Sachen auch gar nicht klären kann…

War deine Mutter gesprächsbereit?
Ja und nein. Ich merkte, dass sie das alles belastet. Und ich hatte gar keinen Bock darüber zu reden. Es dauerte ein Jahrzehnt, darüber sprechen zu können… Es sind halt so viele Sachen… Erstmal die Erleichterung, dass der Typ, der dich die ganze Zeit geschlagen hat, nicht dein Vater ist. Ich habe mich schon immer gefragt… In der Pubertät stellt man ja eh alles in Frage… Aber ich habe meine Mutter nie in Frage gestellt. NIE! Verstehst du, das war für mich so undenkbar… Ich konnte lange nicht darüber reden, ohne so mit Adrenalin vollgepumpt zu sein, dass ich am ganzen Körper zitterte. Es war wie mit einem Vulkanausbruch. Vorher war die Depression auch schon die ganze Zeit da und ich merkte es auch, wie so ein schwelender Vulkan und dann brach er aus.

Wie beeinflusste das die Liebe zu deiner Mutter?
Meine Mutter ist eine tolle Frau! Aber sie ist schwach. Eine Freundin meiner Mutter schoss ihren Mann in den Wind. Sie zog ihren Sohn alleine groß. Ich dachte immer: Warum macht meine Mutter das nicht? Sie bekam es nie hin, sich zu trennen. Alle sagten es hinter vorgehaltener Hand… Als ich mich mit der Mutter meines Sohnes über Kinder unterhielt, war klar, falls einer von uns die Hand gegen unser Kind erhebt, nimmt der andere es und geht! Ich bin immer verprügelt worden. IMMER! Mir ist ein Zahn ausgeschlagen worden. Es hieß, ja das war ein Versehen. Aber wenn du so hart zuschlägst, dann ist das kein Versehen! Er wollte mir keinen Zahn ausschlagen, aber er wollte mich schlagen. Heute ist das eine Straftat! […]

Das vollständige Interview erscheint in meinem Buch „Glaube, Liebe, Hoffnung“.

Kurzgeschichte

Verloren

Mit beiden Händen greife ich in die dicke Wolle. Ich packe das Schaf hinter den Ohren am Nacken. Blitzschnell drehe ich das Tier und werfe es auf den Rücken. Der Schweiß rinnt mir über die Stirn. Mein Atem fließt ruhig. Geschickt ziehe ich das Messer aus dem Schaft, der an meinem Hosenbund befestigt ist. Ich führe die Klinge von einem Ohr des Schafes zum anderen. Unterhalb seines Kiefers. Blut tropft pulsierend in eine Schale, die ich zwischen Boden und Kopf des Tieres schiebe. Ich halte das Schaf auf meinem Schoss und blicke ihm in seine gelben Augen. Dann schaue ich auf und sehe in die braunen Augen meines Sohnes.

Ich habe das hunderte Mal gemacht. Und immer gab es mir ein Gefühl der Ruhe, des Friedens, des Eins-Seins mit mir selbst, der Natur und Allah. Meine Familie lebte seit Generationen als Nomaden im Altai-Gebirge. Die Sommer verbrachten wir in Jurten und zogen mit unseren Herden auf dem Hochplateau von Bergsteppe zu Bergsteppe. Die Planen für die Jurte, spannten wir auf einem Holzgerüst zu einer Art Zelt. Wir entschieden morgens, ob wir weiterziehen. Der Auf- und Abbau war schnell gemacht. In der Jurte lebte unsere ganze Familie mit mehreren Generationen. In der Mitte befand sich eine Feuerstelle zum Heizen und Kochen. An den Außenwänden standen geräumige Holzbetten, in denen mehrere Personen schliefen. Wir wärmten uns gegenseitig. Bevor ich laufen lernte, setzten mich meine Brüder vor sich, in den Sattel. Sie preschten stehend und im wilden Galopp durch das Altai-Gebirge. Im Alter von fünf Jahren stieß ich gellende Schreie aus, bevor ich selbst im Galopp davon ritt. Ich fing die Ziegen ein, die meine älteren Geschwister die Berge hinunter trieben, ins Tal, zu den Jurten. Sie riefen mir schon von weitem ihr fröhliches „Salam aleikum“ entgegen. Dann band ich die Ziegen zum Melken zusammen. Einen Kopf in Richtung der Jurte blickend, den nächsten in Richtung der Berge. Wenn die Tiere wegzurennen versuchten, blockierten sie sich gegenseitig. Das Melken war Frauensache. Ebenso das Aufziehen der verstoßen Jungtiere, mit der Flasche. Als ich acht Jahre alt wurde, bekam ich meine eigene Herde. Ich trieb sie in die Berge und abends zurück ins Tal. Ein paar Jahre später half ich meinen Brüdern beim Treiben der großen Schafsherden. Ich liebte das. Diese Freiheit. Den Kitzel der plötzlichen Gefahr. Wenn ohne Vorwarnung das Wetter umschlug und wir uns am Felsgrat eines 4000ers befanden. Im Sommer konnten wir über 40 Grad Celsius bekommen. In harten Wintern hatten wir den Dsud. Etwa alle zehn Jahre. Besonders viel Schnee fiel in solchen Wintern. Die Temperaturen lagen anschließend unter 40 Grad Minus. Die Herden fanden nicht genug Futter. Es kam zum Massensterben. Schneestürme ließen die Tiere den Halt verlieren und wegrutschen. Etliche stürzten die steilen Hänge in die Tiefe. Meine Hände wurden taub und konnten die Zügel kaum halten. Nur die besten Reiter und Pferde behaupteten sich hier. Meine Lungen krampften. Als ob sie sich weigern wollten, die brennend, kalte Luft einzuatmen. Meine Augen tränten und verengten sich ungewollt zu Schlitzen. Manches Mal mussten wir eine Notunterkunft aufschlagen. Wir bauten uns aus unseren bodenlangen Mänteln Zelte. Wir kauerten uns darunter aneinander, bis der Sturm vorüberzog. Anschließend zählten wir die Tiere. Wir aßen sie, fertigten Kleidung und Möbel aus ihnen. Die Abstände der Dsuds verkürzten sich. Viele Nomaden verbrachten die Winter in Verschlägen am Rande der Stadt.

Mein Sohn sieht mich mit einem seltsamen Ausdruck an. Da ist etwas in seinem Blick, das ich nicht erwartete. Eine Träne hängt, an seinen langen, dunklen Wimpern. Klar, das war absehbar. Aber da ist noch etwas. Ablehnend und sogar angewidert sieht mir mein Sohn entgegen. Ich stocke. Eine Sekunde zu lange, das Schaf zappelt und entzieht sich meinem Griff.

Zum Schlachten trieben wir die ganze Herde von den Bergen, im Galopp ins Tal. Das puschte die Tiere auf und ermüdete sie zugleich. Wir kannten den Zeitpunkt, an dem die Schafe eine Pause brauchten. Wir planten ihn immer direkt vor der Jurte. In diesem Augenblick trennten wir mit einer Handvoll Reitern, ein älteres oder schwächeres Tier vom Rest der Herde. Wir kreisten es ein. Die anderen Reiter trieben die Schafe weiter den Hang hinauf. Hinter der nächsten Kuppe, bekamen sie vom folgenden Geschehen nichts mit. Das getrennte Tier war zu erschöpft, um zu fliehen. Es blieb stehen. Jetzt hieß es schnell zu sein. Ich sprang vom Pferd, das ein anderer übernahm. Ich packte das Schaf hinter den Ohren im Nacken und warf es zu Boden. Das Schaf rührte sich nicht, wenn es auf dem Rücken lag. Blitzschnell zückte ich Messer und Schale. Als der Geschickteste, führte ich den Schnitt entlang der Kehle. Ich schaute dem Tier dabei in die Augen. Ich dachte immer, dass das Schaf mich verwundert ansehe. Es lag auf meinen Knien. Ich spürte seine Wärme. Ich streichelte seinen Kopf. Ich redete beruhigend auf das Tier ein. Ich glaubte zu spüren, dass der sterbende Körper sich dabei entspannte. Es dauerte Minuten bis das Schaf ausgeblutet war. Sie fühlten sich wie eine quälende Ewigkeit an. Mein eigenes Leben schien in diesen Momenten still zustehen. Ich fühlte ganz klar, was wichtig war und was nicht. Nie erlebte ich etwas Intensiveres. Das Tier wurde ohnmächtig. Die schönen gelben Augen drehten zur Seite. Dann fiel der Kopf. Der Puls schlug noch. Ich streichelte das Schaf weiter und redete mit ihm. Bis es tot war. Dann schnitten die Frauen den Bauch des Tieres auf. Sie entfernten die Gedärme und die Innereien. Es war wichtig, dass kein Tropfen Blut auf den Boden fiel. Alles musste sehr schnell gehen. Der Geruch lockte Adler und Wölfe an. Blut und Innereien pressten die Frauen in Därme zu Würsten. Dann zogen sie das Fell ab. Sie zerteilten das Schaf. Die Teile hängten sie in der Jurte ab. Die Knochen kochten sie aus. Danach bekamen sie die Hunde. Fell und Leder verarbeiteten sie zu Decken, Stühlen und Musikinstrumenten. Es blieb nichts übrig. Kein Fitzelchen. Das Schlachten der Tiere empfand ich als Höhepunkte meines Lebens. Ebenso, wie die Geburt der Lämmer, im Frühsommer, nach einem langen, harten Winter. Den Tod und die Geburt. Ich spürte dabei den Kreislauf des Lebens. Ich konnte die Unendlichkeit erahnen. Ich fühlte mich, so klein und unbedeutend ich auch war, als Teil eines großen Ganzen. Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit und Demut vor diesem Kreislauf. Ich war glücklich. […]

Der vollständige Text erscheint mit meinen weiteren Kurzgeschichten in einem Buch.

Kurzgeschichte

Du bist mein Zuhause

Als wir uns das erste Mal begegnen, bin ich 17, ein Mädchen. Wir tanzen zu “Ein Bett im Kornfeld”. Du bist begeistert. Ich bin verunsichert. Tanzpause – ich sitze auf der Rückenlehne eines Sofas, du zu meinen Füßen. Lautstark unterhältst du dich mit deinen Kumpels. Meine Finger wollen in deine Locken greifen. Sie befinden sich direkt vor mir… Wir fahren zusammen, mit meinen Freundinnen, im Taxi nach Hause. Du bist großzügig und zahlst für uns alle, obwohl du als erster aussteigst. Du verliebst dich sofort in mich, sagst du später… Zumindest willigst du mich wiedersehen. Du bist vier Jahre älter. Und schon ein Mann.
Wir fahren zusammen in den Skiurlaub. Als Freunde. Ich kann mir vorstellen, mit dir zusammen zu wohnen. Wir fliegen nach Chile. Als Freunde. Du sagst, das Schönste der Reise sei, jeden Morgen neben mir aufzuwachen. Ich versteckte Ostereier im Zelt, du suchst geduldig. Ich hole mir einen Bänderriss beim Wandern, du trägst mich Huckepack und unsere Rucksäcke vor der Brust. Ich weiß, dass du der Mann bist, mit dem ich Kinder bekommen will. Und renne weg. Du fängst mich ein. Wir ziehen zusammen in eine Wohnung nach Winterhude. Übergangsweise, da sie keinen Balkon hat. Und weil der Stadtteil noch den Mief des Arbeiterviertels Barmbek-Süd inne hat.

Ein Zyklon fegt nachts über die Insel La Réunion. Er rüttelt heftig an dem Strohdach unserer Strandvilla. Regen trommelt wütend gegen die Fenster. Ich wühle mich durch Laken. Irgendwann falle ich in einen tiefen Schlaf. Ich erwache, die Sonne scheint. Ich fühle mich ruhig. Nie war etwas richtiger in meinem Leben, als das, was ich heute mache – dich heiraten. Ich raffe mein weißes Kleid mit Schleppe. Du wartest am Strand auf mich. Ich sehe auf meine nackten Füße. Du strahlst über dein ganzes Gesicht. Glück pocht in meinen Adern. Du bist gespannt bis in die Fußspitzen. Liebe strömt warm durch meinen Körper. Du läufst am Strand auf mich zu. Der Wind spielt in meinen Locken. Du sagst, ich sei die schönste Braut, die du je gesehen hast. Das Rosé meiner Wangen verrät meine Aufregung.
Wir halten uns an den Händen. Wir versprechen, uns für immer und für ewig zu lieben, aber mindestens ein Leben lang. Wir tauschen Ringe. Wir küssen uns. Wir heiraten auf Mauritius. Wir tanzen am Strand. Wir schwimmen im Meer. Unsere Körper verstehen sich blind. Wir wünschen uns Kinder. Nichts strahlt für mich heller, als diese Liebe. Es gibt keine größere Verbindung für mich auf der Welt. Alles fühlt sich leicht, unbeschwert und glücklich an. Wir freuen uns, miteinander zu leben. Wir können es nicht erwarten, unser Baby im Arm zu halten. […]

Der vollständige Text erscheint mit meinen weiteren Kurzgeschichten in einem Buch.


Kindermund tut Wahrheit kund…

… und wünscht eine schöne Bescherung!

Schwarz-Weiß-Fotografie: Elfriede Liebenow

„Zum Christkind kannst du auch Jesuskind sagen, Mama! Ich glaube, das ist sein zweiter Vorname, so wie ich Matilda mit zweitem Namen heiße“, sagt meine Tochter ganz aufgeregt.
Ein Freund fragt mich wenig später, ob uns das Christkind oder der Weihnachtsmann die Geschenke bringe. Er ist katholisch und bezeichnet sich nicht nur als religiös, sondern behauptet, einen besonders guten Draht zu Gott zu haben! Noch bevor ich antworte, erklärt er mir den Hintergrund seiner Frage genauer. Ihnen bringe das Christkind die Geschenke, aber nicht nur, weil er aus einer Region Deutschlands stamme, in der dies Tradition ist. Das Christkind sei viel edler als der Weihnachtsmann. Ich staune! Unbestritten spielt das Christkind in einer anderen Liga, als der Weihnachtsmann. Aber dass, der edle Christus dafür herhalten muss, Kleidung, Spielwaren und Süßigkeiten zu bringen, finde selbst ich, ohne Glauben an Gott und nur mit protestantischem Erziehungshintergrund ausgerüstet – dekadent!
Wir feiern jährlich mit unseren drei Kindern Heiligabend den 2000-und-xten Geburtstag des Jesuskindes. Unsere Tochter erklärt mir das: „Das Christkind war der liebste Mensch, den es jemals gab. Und daher erinnern wir uns noch heute an es und nehmen es uns zum Vorbild.“ Das Jesuskind habe „Zauberkräfte“, ergänzt ihr kleiner Bruder. „Daher kann es Herzenswünsche erfüllen.“ Das seien Träume, die man nicht kaufen kann. „Christus war arm und hat sich aus Dingen nichts gemacht“, sagt meine Kleine. Darum habe er alles mit anderen armen Menschen geteilt. „So wie der heilige Martin seinen Mantel mit dem armen Bettler teilte, der sonst erfroren wäre. Aber das Christkind hat immerzu geteilt, Mama! Ständig, fast jede Stunde, glaube ich. So lieb war das, Mama! Das können wir uns gar nicht vorstellen!“, die blauen Augen meiner Tochter funkeln. Und deshalb wolle das Jesuskind, dass wir uns an seinem Geburtstag auch freuen und will uns was schenken. „Und der Weihnachtsmann Mama, der verteilt die Mitgebseltüten“, ergänzt sie. Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Unsere Lütte singt das vierte Jahr im Kirchenchor und gibt einen Engel beim Krippenspiel an Heilig Abend. So erkläre ich mir ihre Jesus-Vorstellungen. Aber das mit dem Weihnachtsmann und den Mitgebseltüten habe ich noch nie gehört. Ich frage nach. Das Christkind würde sich bei uns dafür bedanken, dass wir ihm so einen schönen Blumenstrauss an Weihnachten schenken – den Weihnachtsbaum. Und dass wir so leckere Geburtstagskuchen gebacken haben – die Plätzchen. Dass wir Geburtstagskerzen anzünden, am Weihnachtsbaum. Uns schön anziehen und in Gottes Haus, der Kirche, seine Geburtstagslieder singen. „Und zum Schluss gibt es Mitgebsel. Und die kann es ja nicht alle selber tragen. Dafür braucht es einen starken Mann. Das ist der Weihnachtsmann. Der packt alle Geschenke in einen großen Sack. Sonst würden sie, wenn er eine Kurve fliegt, vom Schlitten fallen. Dann verteilt der Weihnachtsmann sie an die Kinder. Das Jesuskind braucht viele starke Männer, weil Kinder auf der ganzen Welt Mitgebsel bekommen. Aber das Christkind ist wie Gott und kann überall gleichzeitig auf der Welt Wünsche erfüllen. Und weißt Du warum wir den Weihnachtsmännern nie begegnen, wenn sie die Geschenke bringen?“, fragt mich meine Kleine aufgeregt. Oha, ich befürchte sie könnte uns entlarvt haben und bringe nur zögerlich „Na, warum denn nicht?“, hervor. „Das ist, weil sie von den Engeln einen Tipp bekommen. Mama, so wie im Hotel das Zimmer immer gereinigt wird, wenn wir nicht da sind und alles schön ist, wenn wir zurückkommen!“ Puh, da habe ich für dieses Jahr ja noch mal Glück gehabt. Wobei ich die These vertrete, dass Kinder, die an den Weihnachtsmann glauben wollen, es auch tun. „Mama, ich möchte auch mal so ein lieber Mensch werden, wie das Jesuskind! Deshalb, teile ich auch alle meine Süßigkeiten mit euch. Warme Mäntel habt ihr ja. Und meine kleinen Brüder dürfen mit meinen Geschenken spielen, obwohl die eigentlich erst ab sechs Jahren sind“.
Gut, dass mir meine Tochter Weihnachten erklärt hat. Ich wünsche allen die Erfüllung ihrer Herzenswünsche!

Flashback

China

“Nǐ hǎo! Nǐ hǎo ma?” Während China in vielen das Gefühl auslöst, es sei ein Land voller Wunder, unbegrenzter Möglichkeiten und Zukunftsvisionen, bedrückten mich meine beiden Aufenthalte eher. “Unsere Hintern sind zu breit, wir beide können definitiv nicht im Bus nebeneinander sitzen!” Beim ersten Mal reise ich tausende Kilometer mit meinem Professor und rund 20 Kommilitonen quer durchs Land. In Bussen, in Nachtzügen und mit dem Flugzeug. Wir Studenten feiern jeden Abend: “Wieso knutschen die alle miteinander? Ich kapiere es nicht! Die sind verlobt, wohnen mit ihren Freunden zusammen und die Mädels sind doch gar nicht lesbisch?” Wir staunen über das schillernde Shanghai und das traditionsreiche Peking. “Hast du denn schon einmal Pekingente gegessen, Anke?” Wir reisen entlang der schier endlosen Chinesischen Mauer und auf der orientalischen Seidenstraße. Ins spirituelle Tibet, mit Bettelmönchen in Gewand an Gebetsmühlen und zu den altehrwürdigen Tonkriegern. Dort treffen wir Boris Becker: “Entschuldigen sie bitte, dürften wir ein Foto mit ihnen machen?” In die staubige Wüste Gobi und ins majestätische Altai Gebirge. “Ich bin Vegetarierin, ich essen kein Fleisch! – Nein, nein, das ist kein Fleisch! Nur ein Hühnerfuß, der in der Suppe schwimmt. Kann man mitessen, aber auch einfach Beiseite legen.” Das zweite Mal bin ich für meine Diplomarbeit an der Tongji Universität in Shanghai. “Ihr seid Langnasen! Ihr habt so unglaublich hässliche Nasen, das gibt es gar nicht!”
Mütter arbeiten ganztägig in Fabriken, ohne Gesundheitsschutz und nehmen ihre kleinen Kinder mit. In einer Seidenfabrik lächelt mich ein etwa zweijähriges Mädchen mit großen dunklen Augen schüchtern an. Faire Löhne gibt es nicht. Auf dem Land sitzen die alten Greise, mit völlig verschrumpelter Haut auf der Straße und spielen. Sie winken mich heran, lachen mich zahnlos an und reden auf mich ein. In den Städten haben sich die traditionellen Familiensysteme mit der Modernisierung aufgelöst. Zwangsumsiedlungen, Ein-Kind-Familien und Behinderung der Meinungsfreiheit sind an der Tagesordnung. In Nordchina treffen wir auf eine chinesische Minderheit, deren Kinder weißblonde Haare und blaue Augen haben. Sie sind noch nie Menschen wie uns begegnet, kennen kein Fernsehen, keine Fotos oder Kameras. Sie scharen sich um uns und glauben, wir seien Chinesen, aus einem weit entlegenen Teil des Landes. Sie können nicht genug von unseren Kameras bekommen. Probleme mit Minderheiten, wie Buddhisten in Tibet, aber auch Muslimen im Norden, regelt die Regierung durch das Ansiedeln von Millionen Han-Chinesen, in den betreffenden Regionen. Die buddhistischen Mönche, in ihren leuchtend roten Gewändern, sind freundlich und aufgeschlossen, lassen sich aber nicht fotografieren. Sie glauben, dass ein Foto die Seele stiehlt. Die Landschaft, wie im tibetischen Hochland, ist wunderschön. Wir wandern auf 4000 Metern und die Mehrheit von uns wird Höhen krank, mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Atemlosigkeit… Die Menschen außerhalb der chinesischen Ballungsräume sind unvorstellbar arm. Hühner und schwarze Schweine wühlen im Müll auf den Straßen nach Essbarem. Viele staatliche Leistungen, wie medizinische Versorgung, Sozialhilfe oder die Erlaubnis die Familie nachkommen zu lassen, gelten für die Landbevölkerung nicht. Städte versinken im Smog. Die Leute auf der Straße kommen uns mit Atemschutzmasken entgegen. Rund ein Viertel der Treibhausgase weltweit, emissiert die Volksrepublik. Sie hat das Problem erkannt und will es anpacken. Dessen Erfolg oder Scheitern geht uns alle an! Es liegt auch an den westlichen Industrienationen, nachhaltig zu konsumieren und nicht auf das schnelle Wirtschaftswachstum zu setzen, das auf – aus Kohle generierter Energie basiert. In diesem Sinne: „Chénggōng hěnduō!“

Go West!

Alles ist anders

Im Unterschied zu unserer letzten Reise durch Nordamerika, für drei Monate mit dem Wohnmobil, geht unsere Tochter jetzt überall mit ihren Brüdern alleine hin. Auf den Spielplatz, zur Toilette, Zähneputzen, Wasser holen oder in den Kiosk. Während unserer diesjährigen, sechswöchigen Reise mit dem Pkw, übernachten wir im Zelt. Die große Schwester liest ihren Brüdern unterwegs vor. Sie buchstabiert überhaupt alles, was sie sieht. Und sie spricht Englisch! Unsere Jungs fahren Laufrad. Ihre Schwester ist auf dem Skateboard unterwegs. Wir spielen zu fünft Fußball. Die Kinder wandern selbst, etwa drei bis sieben Kilometer. Die Zwillinge trinken nachts nicht mehr literweise Milch und schlafen durch. Ein Mittagsschläfchen brauchen sie auch nicht mehr…
Wir haben in diesem Urlaub leider keinen Kühlschrank an Board, so wie beim letzten Mal, in unserem Haus auf Rädern. Also kaufen wir eine Kühlbox so groß, dass wir locker eines unserer Kinder darin verschwinden lassen könnten – falls nötig! An jeder Tankstelle und im Supermarkt gibt es Eis dafür. Wir erstehen die Kübo für 50 und nicht für 200 Euro, wie in Deutschland. Die Kühlbox verschwindet locker im Auto und lässt die Bezeichnung „Mini-Van“ lächerlich klingen. Ein Moskitozelt kaufen wir ebenfalls, da wir während unserer zweiten Tour durch Nordamerika, nicht wieder gemütlich drinnen sitzen können. Wir MÜSSEN immer draußen, zusammen mit den Mücken sitzen. Das Moskitozelt passt über eine komplette Tischbank, die zu jeder Campsite, in allen Nationalparks gehört. So ein Zelt gibt es selbst beim führenden Outdoorausrüster Hamburgs nicht.
Insgesamt war ich vier Mal in den USA und zwei Mal in Kanada. Dreimal an der Ostküste, einmal im Westen, zwei Mal in New York. Jedes Mal war es ganz anders… Ich war als Studentin, als Paar und als Familie, mit drei Kindern dort. Zeltend, im Wohnmobil, im Motel, im Hostel und Freunde besuchen. Ich habe mir Städte angeguckt, bin in Nationalparks und in den Bergen gewandert sowie im Meer geschwommen. Ich habe den Frühling erlebt, den Sommer und den Herbst… Was mir am besten gefiel?
New York ist für mich immer noch eine der coolsten Städte! Es ist die Welt in klein! Alles was es auf diesem Planeten gibt, ist in dieser City zusammengeballt. Menschen sind so arm, wie in Afrika im Slum und so reich in Manhattan, wie nirgendwo sonst. Buddhisten laufen im Mönchsgewand auf der Straße, ebenso Juden mit Schläfenlocken oder Kreative mit Dreadlocks im schwarzen Armani-Anzug. Straßenmusiker spielen besser als Deutschlands Top 50 Singer-Songwriter…
In den Nationalparks muss man übernachten! Wer sich’s leisten kann im Mobilhome! Die Preise liegen allerdings in der Hauptsaison, mit Campingsplatzgebühren, locker bei rund 250 Euro pro Tag! Es kann nachts empfindlich kalt sein in Kanada, selbst im Hochsommer. Zugleich gibt es an der Ostküste der USA extreme Hitzeperioden, mit Schwüle, die wir bisher nur aus den Tropen kannten. Unseren Kindern hat das Wohnmobil besser gefallen. Sie liebten das kleine Haus auf Rädern, mit Küche, Dusche und Toilette. Wir Erwachsene haben im Zelt nicht schlechter geschlafen. Beim Campen stört mich am meisten die Enge auf den Plätzen in der Hochsaison und das Nutzen der Sanitären Anlagen. Aber das blieb uns auch mit dem Wohnmobil nicht erspart…
Unbedingt empfiehlt es sich zu wandern! Neben New York ist die Natur für mich das Schönste, was Nordamerika zu bieten hat! Ich finde sie beeindruckender als in Europa, weil sie freier, wilder, unberührter, größer und einsamer ist… Doch auch hier finden sich Spuren der Zerstörung. Pro MINUTE gehen der ganzen Welt eine Fläche Wald, in der Größe von 35 Fußballfeldern verloren! Illegaler Holzschlag, Brandrodung oder Umwandlung in Agrarland sind die Hauptursachen. Das rapide Waldsterben an der Westküste der USA führen Biologen jedoch auf die globale Erwärmung zurück. Diese verringert den Schneefall, führt zu einer früheren Schmelze und einer längeren Trockenheit im Sommer. Die Stressfaktoren schwächen die Bäume. Sie sind anfälliger für Insekten und Krankheiten. In jüngster Zeit gab es im Westen der USA gehäuft Borkenkäfer-Befall. In den letzten 30 Jahren starben dort doppelt so viele Bäume. Der Riesenmammutbaum ist eine vom Aussterben bedrohte Art. Der „General Sherman Tree“ ist der größte lebende Baum der Erde. Sein Alter wird auf etwa 1900 bis 2500 Jahre geschätzt. An seinem Stamm zu lehnen erfüllt mit Demut… Mögen unsere Kinder noch an seinem Fuße staunen können!
West- oder Ostküste? Mit Kindern Ostküste, da die Möglichkeiten zum Baden besser sind! Für alle anderen lieber den wilden Westen…
Leben? In Europa! Politik, Gesundheitswesen und Ausbildung gehen in den USA gar nicht!
Aber am besten: eigene Erfahrungen sammeln! In diesem Sinne: Go West!