Heroes of good hope

Botswana Border – Schutz der letzten Nashörner

Ich bin auf der Suche nach Helden, genauer nach Heldinnen. An der Grenze Botswanas finde ich eine: Sisi, die Kurzform von Busisiwe, was auf Zulu „Segen“ bedeutet. Sisi ist in der Nähe von Durban aufgewachsen, hat dort in der Stadt an der Uni ihren Bachelor-Abschluss in nature conservation absolviert und anschließend ihren Master an der University of South Afrika in Pretoria. Seit sechs Jahren arbeitet sie als Rangerin. Erst im Kruger National Park, seit drei Jahren an der Grenze zu Botswana. Ich frage sie, ob es ihr Traumjob sei. Sie lacht: „Nein, eigentlich nicht. Ich arbeite hier ja nicht im Naturschutz. Klar sind die Tiere toll, aber die Arbeit einer Naturschützerin sieht anders aus.“

Foto: Kristoff Kühne

Tatsächlich gibt es in den Nationalparks häufig zu viele Tiere, für den durch Zäune eingeschränkten Lebensraum. Manche Stellen, um Wasserlöcher herum, gleichen daher einer Wüstenei. Das belastet die Natur und zerstört den Lebensraum zahlreicher Pflanzen und anderer Wildtiere. Trotzdem ist es für viele Arten, besonders die vom Aussterben bedrohten, die letzte Zufluchtsstätte.

Ich will wissen, was Sisis Aufgaben als Rangerin sind. Sie antwortet: „Ich fahre mit den Touristen am Morgen oder Abend sowie in der Nacht auf Safari, ich mache mit ihnen Wanderungen durch den Nationalpark und natürlich gehören auch administrative Aufgaben zu meinem Job.“ Mich interessiert, ob sie alle der „Big five“ im Nationalpark bereits gesehen hat, also Büffel, Elefant, Leopard, Nashorn und Löwe. Sie winkt ab: „Aber natürlich! Viele, viele Male bereits.“

Die Giraffe zählt nicht zu den Big five, dabei ist sie unser größtes Säugetier. Ihr Bestand ging in den letzten dreißig Jahren um 40 Prozent zurück und besteht heute nur noch aus weniger als 70.000 Tieren. Naturschützer sprechen von einem „stillen Aussterben“, weil man sich ihrer Situation so wenig bewusst ist. Mit ihren langen Hälsen, die weit über den Baumkronen sichtbar sind, zählen Giraffen für mich zu den schönsten Tieren und wenn sie galoppieren zu den Anmutigsten. Jedes Fleckenmuster ist einzigartig, wie unser Fingerabdruck. Sie werden wegen ihres Fleisches, Fells, Knochen, Haaren und des Schweifes gejagt.

Ich erkundige mich, welches Sisis Lieblingstier ist. Die Rangerin atmet lang aus: „Puh, das ist ganz schwierig zu sagen, es ist wirklich schwierig eines auszuwählen. Sie sind alle toll und jedes ist auf seine Art besonders. Aber vielleicht ist es das Black Rhino. Es ist viel seltener als das White Rhino, hat kleinere Ohren, ein kleineres Maul und ist insgesamt kleiner. Sie verstecken sich sehr gut im dornigen Busch, weil sie diesen fressen, aber das erschwert es natürlich noch zusätzlich sie zu sichten.“

Bei uns heißen sie Breitmaulnashorn und Spitzmaulnashorn. Angeblich hat ein Politiker in Ostasien seinen Krebs mit Nashornpulver geheilt. Außerdem gilt es als Potenz steigernd. Dieser Aberglaube gleicht einem Todesurteil. Die International Rhino Foundation schätzt, dass in Afrika noch etwa 18.000 Nashörner leben, damit gab es im letzten Jahrzehnt rund zehn Prozent weniger und sogar mehr als zwei Drittel des südafrikanischen Breitmaulnashorns. Zwar ging die Wilderei während der coronabedingten Grenzschließungen zurück, steigt aber wieder, seit dessen Öffnung, trotz zahlreicher Schutzmaßnahmen, wie der Jagd auf Wilderer, Kontrolle der Märkte und dem vorsorglichen Enthornen. Die Rangerin berichtet stolz: „Unsere Tiere im Nationalpark haben ihre Hörner noch alle, aber das ist die Ausnahme, im Kruger etwa werden die Hörner entfernt.“

Zwar sind die Preise für Nashörner gefallen, aber den Wilderern bleibt immer noch genug Profit. Ein Kilo Nashorn ist beim Endverbraucher teurer als Gold. Eine verrückte Idee hatte daher vor rund zehn Jahren Südafrikas Umweltministerin, die vorschlug, den Handel mit Nashorn zu legalisieren. In staatlichen Lagern liegen rund 20.000 Tonnen unter Verschluss. Damit ließe sich der Markt schwemmen, so dass sich der Handel nicht mehr lohne. Vor allen Dingen zeigt es die Hilflosigkeit der Verantwortlichen. So bleibt häufig nur die Heilung und Pflege der durch Wilderer verletzten Tiere, zum Beispiel in der eigens für Nashörner errichteten Klinik in Moholoholo, in der Nähe von Hoedspruit.

Ich bohre nach, ob Sisi keine Angst habe, Nashörner seien doch super gefährlich. Sie schüttelt den Kopf: „Nein, ich habe ja immer ein Gewehr dabei. Außerdem greifen Nashörner nicht an. Wenn man Abstand hält, lassen sie einen in Ruhe. Außerdem fürchten sie sich vor Motorengeräuschen.“ Ich frage Sisi, ob sie ihr Gewehr schon mal benutzt hat. Sie widerlegt: „Nein. Das brauchte ich noch nie. Es dient nur zur Sicherheit. Es klemmt vor der Windschutzscheibe meines Jeeps in einer Halterung, damit ich es jederzeit benutzen kann, aber wie gesagt, ich musste es noch nie benutzen.“

Ich finde Zebras besonders witzig. Sie sind frech, verspielt und neugierig. Jedes Streifenmuster ist ebenfalls einzigartig, wie ein Fingerabdruck. Sind sie schwarz mit weißen Streifen oder weiß mit schwarzen Streifen? Die richtige Antwort lautet: schwarz! Das ist die Farbe ihrer Haut unter dem Fell.

Die Rangerin kennt die Spuren der Tiere, den Kot der Elefanten, die Markierungen der Nashörner um ihr Revier abzustecken, die Pfotenabdrücke von Löwen, Leoparden und Geparden. Sie weiß, an welchen Wasserlöchern sich die Büffelherden aufhalten und welche Tiere Junge haben. Ich bin gespannt, wie sie reagiert, wenn Büffelherden ihr den Weg versperren? Sie lacht: „Wenn ich Glück habe, laufen sie weg.“ Mich interessiert, was das Verrückteste als Rangern im Nationalpark war. Die Rangerin erzählt: „Es gibt einen Marathon im Nationalpark!“ Ich rufe aus: „Zwischen den Löwen, Nashörnern und Leoparden?“ Sie winkt ab: „Ach, das ist kein Problem. Bewaffnete Ranger begleiten die Läufer. Außerdem fliegt ein Helikopter vorneweg und guckt, ob der Weg frei ist. Ich will wissen, ob es bereits als Kind Sisis Traum war Rangerin zu werden. Sie schüttelt den Kopf: „Nein, nein, das war es auf keinen Fall!“ Und fügt ironisch hinzu: „Bin ich ein Mann?“

Weitere Heldengeschichten erscheinen in meinem Buch „Heroes of good hope“.

Heroes of good hope

Lesotho Highlands – „Sei Du die Heldin! Und schütze unsere Welt.“

Ich befinde mich auf der Suche nach Helden. In den Lesotho Highlands kennen sich die Basotho damit aus. „Rea ho amohela“ heißen sie Besucher willkommen. Sie sind selbstbewusst und zurückhalten, freundlich und aufgeschlossen. Wir haben Winter mit nächtlichen Minusgraden und die Menschen hüllen sich in buntgewebte Wolldecken. Häufig liegt sogar Schnee und bis zu minus15 Grad sind keine Seltenheit.

Die Lesotho Highlands liegen auf 1000 bis 2000 Metern, der höchste Gipfel auf rund 3000. Die Basotho-Decken bilden nicht nur ein praktisches Kleidungsstück, sondern sind Symbol für Reichtum, sie sind feuerfest und die Frauen tragen sie um die Hüfte gebunden, bis sie ihr erstes Kind empfangen. Das Motto der Basotho lautet: „Dintho tsohle di kgutlela mobung“ – Alle Dinge kehren zur Erde zurück.

Das Angebot an Wanderwegen, auch für Mehrtagestouren und die Möglichkeiten zu Ausritten ist fantastisch in den Bosotho Highlands! Kurz vor Dunkelheit ereignet sich ein magisches Schauspiel: Die zerklüfteten Sandsteinformationen leuchten golden im Licht der untergehenden Sonne, dann verfärben sie sich über Rot nach Violett. Auf einem Meer aus mintgrünem Gras stehen Zebras und grasen davor. Die Bosotho sagen: „Diphula tsena di na le diphiri.“ – Die Täler enthalten Geheimnisse.

Wir sehen auch Paviane, Antilopen, Bless- und Bleichböcke sowie Kapgeier. Für diese Vögel ist es jedoch von Nachteil, dass sie als Helden angesehen werden. Die traditionelle afrikanische Kultur verwendet Geierköpfe zum Wahrsagen und rottete den Kapgeier fast aus. Außerdem führten vergiftete Kadaver, Strommasten und verringerter Lebensraum zu Verlusten. Seit 2015 gilt der Kapgeier daher als stark gefährdet, weltweit gibt es vermutlich nur noch knapp 5000 Paare. Der Kapgeier nistet auf Felsen und legt pro Brutsaison nur ein Ei. Die Legenden der Basotho berichten: „Nonyana, ha e puruma, e foka mobu masimong.“ Ein schreiender Vogel, bringt Erde über die Felder.

Foto: Kristoff Kühne

Bei den Basotho wohnte einst ein Monster, das so fürchterlich und grauenerregend war, so gefräßig und unersättlich, so riesig und allgegenwärtig, dass es nur ein wahrer Held bezwingen konnte. Die Männer und Frauen, die in den Bergen wohnen, finden seit tausenden von Jahren versteinerte Fußabdrücke, Eier, Knochen und Embryonen des Giganten, ihre Sagen erzählen davon. „Dipale tsa rona di ngotswe majweng“, berichten die Basotho: Unsere Geschichten sind in Stein geschrieben.

Der einstige Tyrann maß drei bis sechs Meter, er hatte messerscharfe Zähne, einen langen Hals sowie Schwanz, sein Körper war zylinderförmig und er wog 12 Tonnen: kgo dumo dumo – ein pflanzenfressender Dinosaurier. Er stellte sich auf seine Hinterbeine um Bäume zu fressen. Die Legenden der Basotho beschreiben: „Ho na le kgotso hara dibatana ha noke e tletse.“ Die Monster sind friedlich, wenn die Flüsse gefüllt sind. 

Foto: Bjarne Kühne

Der Sage nach kommt ein Held um es mit allen Dinosauriern aufzunehmen. Erfolgreich besiegte er die großen Tiere, seitdem sind sie ausgestorben. „Lefatshe lea thothomela ha ke hata“, berichten die Legenden: Die Erde bebt unter meinen Füßen.

Auch die Buren und Engländer drangen im 19. Jahrhundert ins Reich der Basotho ein. Der Held Moshoeshoe vereinte die verschiedenen Völker und schuf ein mächtiges Königreich mit 150 000 Einwohnern, das sich wehrte. Es handelte direkt mit der Regierung Großbritanniens, in London Schutzverträge aus und fiel somit nicht an Südafrika und wurde damit auch nicht der Apartheit unterstellt. 1966 erhielt Lesotho seine vollständige Unabhängigkeit. Dennoch gab es immer wieder zahlreiche Unruhen. Die Basotho finden Frieden in dem Glauben: „Bohlale ba serapa bo sireleditswe ke sefate seholo.“ Das Geheimnis des Gartens ist beschützt durch den großen Baum.

Heute wissen die Forscher, dass es mit der Veränderung des Klimas zum Aussterben der Dinosaurier kam. Aktuell gibt es wieder einen Klimawandel. Eine alte Bosotho fordert auf: „Sei Du die Heldin! Und schütze unsere Welt.“

Weitere Heldengeschichten erscheinen in „Heroes of good hope“.

Auf den Spuren der letzten Nomaden

Ein Wanderabenteuer bei den Sami in Lappland

Endlich in Lappland angekommen! Dabei geht’s jetzt erst richtig los. Denn wir wandern von Hütte zu Hütte … Das erste Mal laufen wir mit voll gepacktem Wanderrucksack nur 2,7 Kilometer zu unserem Übernachtungsquartier – und brauchen eine ganze Stunde. Sofort trennt sich die Spreu vom Wanderer. Mein Jüngster geht federnden Schrittes, scheinbar mühelos und ohne das Gewicht des Rucksackes zu beklagen (nur zur kleinen Gedächtnisstütze: er ist derjenige, der beim Test zu Hause zusammenbrach und wie ein Krabbelkäfer auf dem Rücken lag). Jetzt wandert er immer 200 Meter vor und wartet dann gefühlte zehn Minuten auf uns.

Meine Tochter, unsere Hündin und ich laufen im Mittelfeld. Ich gehe nie besonders schnell, dafür sehr ausdauernd und ohne Pausen. Meine Große läuft eigentlich flott, hat aber überraschend Probleme mit dem Gewicht ihres Rucksackes. Auch unsere Hündin Frekka muss ihr Gepäck selbst tragen: Wasser, Fressen, Schietbeutel, Napf, Pfotenbalsam, Regenmantel und Handtuch. Wir haben ihr dafür ein Geschirr mit Packtaschen besorgt, sie scheint sogar stolz darauf zu sein. Tatsächlich ist es weniger das Gewicht, das uns entlastet, als das Volumen. Frekka liebt es zu wandern, ich habe sie mit einer Schleppleine an meinem Beckengurt befestigt, da in den Nationalparks überall Leinenpflicht gilt.
Den krönenden Abschluss bildet mein Mann, mit unserem mittleren Sohn. Keine zwei Minuten nach Start schmeißt unser Lütter mit wutrotem Gesicht seinen Wanderrucksack von sich und pöbelt: „Papa, der Beckengurt ist nicht richtig eingestellt. So kann ich überhaupt nicht laufen!“ Geduldig zieht mein Mann noch mal alle Riemen nach, dann setzen sie ihre Wanderung mit großem Abstand fort.

Keine weiteren drei Minuten später, hält unser Sohn schon wieder an, setzt sich auf einen Stein, stöhnt und prustet: „Papa, mir ist heiß, ich brauche sofort eine Trinkpause!“ Nicht mehr ganz so geduldig, reicht mein Mann ihm die Trinkflasche, nimmt ihm den Wanderrucksack ab und zieht ihm seine Jacke aus. Nur im T-Shirt, die Trinkflasche beim Gehen in der Hand, läuft unser Kleiner weiter. Das funktioniert ganz prima und ich freue mich, dass es jetzt klappt.

Fünf Minuten später höre ich meinen Sohn plötzlich laut Heulen: „Die Mücken! Die bösen, bösen Mücken haben mich gestochen. Nicht nur einmal, Papa guck, ich bin total zerstochen (es sind zwei Stiche). So kann ich nicht laufen. Ich drehe um. Ich habe überhaupt keinen Bock mehr. So ein blöder Mist.“ Nun höre ich meinen Mann völlig ohne Geduld und deutlich lauter als normal sagen: „Nein, wir können nicht umdrehen. Wir übernachten heute in der Wanderhütte und haben keine andere Unterkunft. Außerdem sind wir überhaupt noch nicht losgelaufen. Wie wäre es, wenn du deine Energie statt ins Rumjammern mal in deine Beine steckst? Ich gebe dir jetzt das Antimückenspray und dann läufst du eine halbe Stunde am Stück, ohne dass du einen Ton von dir gibst. Danach gibt es meinetwegen zur Belohnung auch etwas zu Essen.“
Von vorne kommt mir mein Jüngster strahlend im Hopserlauf entgegen (Es ist mir ein Rätsel, wie er mit dem Rucksack hüpfen kann): „Mama, ich habe schon unsere Hütte gesehen, es ist gar nicht mehr weit!“ Mein Mann brummt von hinten: „Das war es nie!“

In Alta treffe ich die Sami Inga Laila und spreche mit ihr in einer Siida (traditionelle soziale und wirtschaftliche Organisationseinheit der Sami, die aus mehreren Familien besteht.) Sie zeigt mir ihr Kunsthandwerk und sagt: „Meine Mutter kümmert sich eigentlich darum. Ich bin hauptsächlich mit der Organisation beschäftigt, wir haben ein Restaurant, bieten Schlittenfahrten an, Rentierfütterungen und Seminare. Außerdem habe ich drei Kinder, meine Tochter ist zehn Jahre alt, mein Sohn sieben und mein Baby anderthalb, ein Mädchen. Wir haben ein Haus auf der anderen Seite des Flusses, leben also nicht mehr in einem traditionellen Lavvu (Samizelt).“

Ich bemerke, dass ich es unerwartet heiß finde (wir haben heute 25 Grad), ob das öfter mal vorkomme. Inga Laila antwortet: „Das ist jetzt das zweite Jahr in Folge, dass es so schrecklich heiß ist. Ich denke, dass es mit dem Klimawandel zusammenhängt. Zwei Jahundertsommer in Folge sind nicht natürlich.“
Inga Lailas Kinder toben um uns herum und ich frage sie, ob sie Ferien haben und ob die Hauptsaison im Sommer oder im Winter sei. Sie lacht: „Ja, sie haben Schulferien, aber ich kann nicht mit ihnen in den Urlaub fahren, weil so viel zu tun ist. Im Sommer ist sehr viel los, deshalb muss ich auch arbeiten. Ihre Tante ist heute mit ihnen hierher gekommen. Aber es ist so warm, da muss man auch nicht in den Urlaub fahren. Im Winter gibt es zunehmend mehr Touristen. Wir hoffen, dass das diesen Winter auch wieder so sein wird.“

Ich frage sie, ob die Kälte und die Dunkelheit im Winter nicht hart seien. Sie antwortet: „Die Kälte ist nicht hart, wir sind es gewohnt damit zu leben, aber die Dunkelheit schon. Die Sonne scheint Ende November das letzte Mal und dann verschwindet sie ganz bis Ende Januar. Das sind zwei Monate ohne Sonne … Am Nordkap dauert es noch länger, waren sie dort? Hat es Ihnen gefallen? Ich bin noch nie da gewesen …“

Ich erzähle ihr, dass wir am nördlichsten Punkt Europas waren und ich es spannend fand! Aber dass es mir zu karg sei, weil es kaum Pflanzen und Bäume gäbe. Ich mag es lieber, wenn – so wie hier in Alta – Bäumen, Wiesen und Blumen wachsen. Außerdem sei es mir zu kalt gewesen und wir konnten nicht baden. Vorher waren wir in den knapp zwei Wochen jeden Tag schwimmen. Verwunderlich fand ich, dass so viele Deutsche am Nordkap waren.

Inga Laila lacht: „Ja, es fahren wirklich sehr viele Deutsche dorthin. Aber das Wasser ist hier genauso kalt. Wo seid ihr vorher gewesen?“
Ich berichte, dass wir durch Schweden, Finnland und Jokkmok gefahren sind. Dass dort im Winter der größte Kunsthandwerkermarkt der Sami weltweit stattfindet und frage sie, ob sie schon mal dort gewesen ist. Sie antwortet: „Nein, ich bin noch nie dort gewesen. Unser Kunsthandwerk ist aus Rentierfell. Wir nähen daraus Taschen. Auch die Kinder helfen. Meine große Tochter liebt das. Aber wir machen das eigentlich im Winter.“

Ich frage, welche Sprachen ihre Kinder sprechen. Inga Laila sagt: „Sie wachsen dreisprachig auf: Samisch, Norwegisch und Englisch. Ich finde, je mehr Sprachen Kinder sprechen, desto einfacher wird es (lacht). Aber das war nicht immer so, früher war es verboten, die samische Sprache zu sprechen, ein düsteres Kapitel.“
Ich frage sie, wann die schönste Jahreszeit sei. Inga Laila antwortet:Wenn wir die Rentiere im Frühling in die Berge bringen. Aber wir wandern nicht mehr mit ihnen dorthin, wir bringen sie mit dem Quad, sonst wären wir zu langsam. Dann leben die Rentiere den Sommer über allein in den Bergen. Sie sind weit verstreut, wir können gar nicht zu ihnen gelangen. Mein Bruder ist gerade dort.“ Sie schaut wehmütig in Richtung der schneebedeckten Berge …

Als wir unsere Wanderhütte erreichen sind wir euphorisch! Die Kinder rennen über Sommerwiesen, ernten Moltebeeren, am Horizont türmen sich Berge, wir baden im Fluss, die riesige Hütte mit Ofen und Panoramablick gehört uns ganz allein. Sie ist top ausgerüstet mit Spielen, Feuerholz, Geschirr und Hundebox. In den Wanderhütten sind Hunde verboten, aber es gibt immer sehr geräumige Metallkäfige, mit Hundebetten, in denen sich Frekka wohl fühlt. Sie macht das toll. Wir kochen lecker, spielen lange, waschen Haare, schlafen tief. Am Morgen freuen wir uns schon auf unsere nächste Wanderung. Es geht steil bergauf, 500 Höhenmeter zum ersten permanenten Polarlicht-Observatorium der Welt. Es wurde 1899 auf dem Berg Haldde bei Alta errichtet. Obwohl es nur neun Kilometer sind, dauert die Wanderung fünf Stunden. Die Aussicht belohnt: Panoramablick vom Gipfel. Wieder eine tolle Wanderunterkunft und keiner da. Bergab am nächsten Tag geht es aber leider kaum schneller.

Wir steigern uns und wandern nun drei Tage am Stück. Ich starte guter Dinge. Es geht leicht bergauf, durch grünen Wald, mit Sommerblumen, an einem plätschernden Bach entlang, genau mein Geläuf. Das Wetter spielt mit sonnigen 16 Grad und leichtem Wind mit. Leider endet meine Euphorie bereits nach anderthalb Stunden, weil es plötzlich brutal bergauf geht. Okay, Zähne zusammenbeißen und weiter, es dauert ja nicht lange. Nachdem ich das Gefühl habe, die Hälfte sei geschafft, geht es plötzlich noch steiler eine Geröllwüste bergauf. Jetzt ist meine gute Laune dahin. Ich habe zwei Kilo Äpfel mitgeschleppt, die ich zwar beim ersten Stopp verfüttert habe, aber dadurch hängt mein Rucksack schief und zerrt an meiner Schulter. Anhalten kann ich nicht, meine Hündin scheint orientierungslos vor lauter Gestein und erkennt keinen Weg.

Ich stapfe weiter den Berg hoch, eeeeeendlich sind wir oben, geschafft! Aber wo ist die Hütte? „Tut mir leid, aber das war erst die Hälfte der Wanderung“, verkündet mein Mann gut gelaunt. Wut kocht in mir hoch, er hat die Tour geplant, wir sind alle mit schweren Wanderrücksäcken bepackt und dies ist definitiv keine Tour für Anfänger! Um uns herum befinden sich Schneefelder, wir laufen jetzt hochalpin, der Wind ist fies, die Temperatur auf sieben Grad gesunken. Wir wandern eine weitere Stunde, keine Hütte in Sicht. Wir gehen noch eine Stunde, immer noch keine Hütte. Dies ist eine Tour für Freaks! Und überhaupt, was für eine verkümmerte Seele muss man haben, damit man Gefallen an dieser Steinwüste findet? Ich bin jetzt richtig in Rage, wir sind so gut wie geschieden – da endlich die Hütte! Am fernen Horizont, in Mitten einer Rentierherde gelegen. Und was für eine Hütte: ganz neu, mit Panoramafenstern bis zum Boden, Sesseln, Sauna, hoch oben über einem See thronend. Wow, das hat mein Mann aber toll hinbekommen! Alles andere ist sofort vergessen …

Der innere Dialog zwischen meinem Kopf und meinem Körper läuft jetzt täglich so ab:
Kopf: „Aufstehen, wir gehen laufen!“ Körper: Keine Antwort, stellt sich tot. Kopf: „Ich lasse nicht zu, dass du jetzt schon mit dem Sterben beginnst, also steh auf, Wandern tut dir gut!“ Körper: „Nö, ich streike.“ Irgendwann setzt sich der Kopf dann doch immer durch.
Beim Gehen:
Kopf: „Boah, ich kann nicht mehr.“ Körper: „Mir egal, ich bin im Flow.“ Kopf: „Aber wir machen seit Stunden immer das Gleiche, ich kann wirklich nicht mehr.“ Körper: „Tja, das hättest du dir früher überlegen müssen. Lass mich einfach die Arbeit machen.“ Kopf (zehn gefühlte Zusammenbrüche später): „Jetzt reicht es doch aber wirklich? Du kommst mir vor, wie so ein lustiges Duracellhäschen. Körper (würdevoll): „Ich laufe, also bin ich.“ Kopf: „Ich springe jetzt zur Abwechslung in den kühlen Bergsee. Ahhhh, herrlich! Ich mache endlich mal was anderes.“
Ich (abends glücklich und erschöpft in meinem Bett): „Träumt was Schönes Kopf und Körper!“
Bis morgen früh …

Weitere Einsichten in die Lebensweise der Sami erscheinen in meinem Sachbuch „Last nomads“ sowie in meinem Jugendroman „Melody“ 2026.

Auf den Spuren der letzten Nomaden

Ein Sommer voller Natur und Kultur bei den Sami

Eigentlich wollte ich diesen Sommer hoch oben am Polarkreis bei den Sami verbringen. Ich habe bereits vor drei Jahren im Winter über die letzten Nomaden Europas recherchiert und persönliche Nachforschungen zu dessen Lebensweise im Sommer fehlen mir noch. Außerdem spielt mein Jungendroman, an dem ich aktuell arbeite in Lappland, so dass ich gleich zwei Mücken mit einer Klappe erschlagen könnte …

Doch die Sami sind tüchtige Geschäftsleute und lassen sich nur für Geld begleiten – seeeeehr viel Geld! Ich vermute, dass sie im Winter den ganzen touristischen Rummel, wie Rentierfütterungen, Huskyschlitten fahren, Schneeschuhwanderungen oder Verköstigungen in einem Lávvu (traditionelles samischen Zelt, in dem um ein Feuer herum das samische Spezialgericht Suovas serviert wird, geräuchertes Rentierfleisch das über offenem Feuer gebraten und auf Gáhkku-Brot mit einem Schuss Preiselbeermarmelade serviert wird) oder das Beobachten der Guovssahasah (so nennen die Sami das Polarlicht, was so viel bedeutet wie „die Sonne glüht morgens oder abends am Himmel“) nur über sich ergehen lassen können, weil sie vom Sommer träumen …

Bereits ein paar Tage vor Abreise haben wir tatsächlich schon alle unsere Wanderrucksäcke gepackt! Das finde ich mega und bin entsprechend stolz auf uns. Doch meine Freude währt nicht lange: Mein Jüngster hebt seinen Rucksack an und lässt ihn sofort wieder stöhnend fallen. „Kollege Seeteufel … “ – ich gucke mich irritiert um, meint er mich? – „ … den bekomme ich nicht auf den Rücken!“ Er schaut mich verzweifelt an.

Ich versuche zu trösten: „Pass auf, ich hebe ihn an, du setzt ihn auf, wenn du dann Brust- und Beckengurt schließt, wird er leichter.“ Er ächzt, als die Schnallen zu sind, lässt sich rückwärts auf den Teppich fallen und bleibt dort wie ein Käfer auf dem Rücken liegen. „Mama, da ist noch nicht mal Essen drin, wir müssen alle verhungern!“ Jetzt jammert er lautstark und ich werde nervös. „Da gewöhnst du dich noch dran. Am Anfang ist es immer am Schwersten.“

Ich verschweige, dass der Rucksack mit der Zeit nur deshalb leichter wird, weil man meist unterwegs feststellt, nicht alles zu brauchen und dann den Ballast für andere Wanderer zurücklässt. Doch die Ausrüstung meines Lütten ist neu, sein ganzer Stolz und gewiss wird es ihn nicht aufmuntern, wenn er davon unterwegs etwas zurücklassen soll …
Er guckt mich mit großen runden Augen an und sagt: „Nein Mama! Das ist so schwer wie mein Ranzen mit allen Büchern und Turnbeutel außen dran. Daran gewöhne ich mich nie! Und schon gar nicht schaffe ich es, damit stundenlang zu wandern.“ Er sieht sehr gewiss aus. Puh, um dieses Problem muss ich mich irgendwie später kümmern. Ich hoffe inständig, dass mir rechtzeitig eine Lösung einfällt.

Im Sommer sind die Sami frei! Sie begleiten ihre Herden im Norden hoch in die Berge, in ein straßenloses Land, fernab von Städten, Zivilisation, Wasser und Strom, in dem nicht mal Handys funktionieren. Nur der Hubschrauber fliegt Touristen in kleinen Gruppen an diese Plätze … Und leider kostet dieser Spaß für lediglich drei Tage für uns fünf rund 25.000 Euro! Unser Hund darf gar nicht mit … Ich muss also einen anderen Weg finden und deshalb wandern wir!

Die Sami unterteilen das Jahr nicht wie wir in vier, sondern in acht Jahreszeiten. Der Wechsel zwischen 30 Grad im Sommer und minus 40 Grad im Winter erfolgt schnell, ebenso zwischen niemals untergehender Sommersonne sowie Dunkelheit für mehrere Monate. Pflanzen, Tiere und Menschen passen sich entsprechend an.

Es gibt nicht nur den Winter (Dálvvie), wenn alles unter Schnee und Eis liegt, der längste Abschnitt, von Dezember bis März. Sondern ihm folgt der Spätwinter oder Frühlingswinter (Gïjredálvvie), im März und April, wenn die Tage wieder länger werden, die Jahreszeit des Erwachens. Im Frühling (Gïjre), April oder Mai, je nachdem wann die Schneeschmelze beginnt, verlassen die Rentiere ihre Winterweiden und ziehen hinaus auf die Sommerweiden. Im Mai werden die Kälber dort geboren. Der Frühsommer (Gïjregiessie), im Juni, ist die Jahreszeit des Wachstums und der hellen Nächte. Der Sommer (Giessie), im Julie, wenn alles in Vollendung lacht, ist kurz. Bereits im August findet mit dem Spätsommer (Tjakttjagiessie), der Übergang zum Herbst statt, es ist die Zeit der Ernte von Beeren, Pilzen und Kräutern. Im Herbst (Tjakttja), im September und Oktober, ziehen die Rentiere zu ihren Winterweiden. Der Spätherbst oder Herbstwinter (Tjakttjadálvvie) im November bildet den Übergang zum Winter.

Okay, ich sehe ein, ohne Abstriche wird’s nichts! Allein die Fahrt hoch nach Lappland dauert mehrere Tage, also gönne ich den Kindern – und mir – gleich zu Beginn einen Tag in Astrid Lindgrens Welt in Smaland.
Wir wohnen in einem winzigen schwedenrot gestrichenen Bootshaus, ohne fließend Wasser und Strom. Das Wasser schöpfen wir aus einem riesigen See mit mehreren kleinen Insel, in dem es sich schwimmen, vom Steg springen und am Ufer picknicken lässt. Die Akkus unserer Handys sind leer und in so heiterer Schwedenstimmung machen wir uns auf, den Freizeitpark zu erobern. Eigentlich hatte ich mir etwas wie Disney Land vorgestellt, nur eben mit Pippi statt mit Mickey Mouse … Doch da habe ich mich grundlegend getäuscht! Es gibt nicht ein einziges Fahrgeschäft!

Dafür gibt es in Astrid Lindgrens Welt jede Menge Musicals: Ronja Räubertochter, Michel aus Lönneberga, Karlsson vom Dach und natürlich – Pippi Langstrumpf. Und diese Aufführungen sind richtig gut! Es wird getanzt, gesungen, die Kinderdarsteller sind mit Freude und Eifer bei der Sache, alle haben richtig Spaß. Ich habe fast alles von Astrid Lindgren gelesen, nicht nur die gängigen Bücher, sondern auch Kalle Blomquist und ihre Kriegstagebücher, viele Filme gesehen, aber hier werden ihre Bücher noch mal ganz anders lebendig.

Ich will wissen, wo Astrid Lindgren ihre Sommer verbrachte und an ihren Büchern gearbeitet hat, also fahren wir auf die Schären bei Stockholm nach Furusund. Ich kann kaum glauben, dass wir in Schweden sind: Sonne, das Meer voller Badegäste, vergnügtes Kreischen, türkisblaues Wasser und: Hitze!
Ich träume davon einmal auf Saltkrokan zu schwimmen, also nehmen wir ein über 100 Jahre altes Dampfschiff wie im Film, dass uns nach Svartlöga bringt. Die Dampfkessel können besichtig werden und der Heizerin beim Schippen der Kohle über die Schulter geguckt. Wir durchqueren Svartlöga in einer halben Stunde zu Fuß durch Wald – Autos, Straßen, Elektrizität, Zäune und Reklame gibt es auf der gesamten Insel nicht. Dafür ein Bilderbuchdorf, mit einem Haus schöner als das andere, rund 100 Jahre alt, wir können uns nicht satt sehen.
Am Meer stehen kleine Boots- und Fischerhäuser, ein Steg lockt ins Wasser, wir springen hinein und lassen uns anschließend von der Sonne und dem Wind trocknen. Die Möwen kreischen, die Wellen schwappen gegen das Holz – herrlich, Ferien auf Saltkrokan!

Doch unsere Fahrt geht weiter, hoch in den Norden! Nach Lulea ist es die Längste unserer Reise, zwei Stunden entfernt findet sich Jokkmok, ein kulturelles Zentrum der Sami. Im Winter findet dort der größte Kunsthandwerker Markt der Sami weltweit statt und es gibt ein tolles Museum. Die Sami blicken auf eine rund 10.000 Jahre alte Kultur zurück. 75.000 Sami gibt es in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland noch. Ursprünglich lebten sie vom Fischen und Jagen, die Rentierzucht kam erst im 17. Jahrhundert dazu. Früher zogen sie über weite Strecken mit ihren Herden mit und lebten als Nomaden in Zelten. Heute sind sie sesshaft, haben Internet, Smartphone und Schneemobil. Ihr ursprünglicher Glaube berufts sich auf die Natur, als deren integralen Bestandteil sie sich sehen. Im 18. Jahrhundert begann die evangelische Kirche, die Sami zu missionieren. Heute haben die Sami eigene Flaggen. Samisch ist die Sprache der Ureinwohner.

Mein Leben als Schriftstellerin

„Fiete Anders“

Neulich fand ich beim Aufräumen mein altes Abibuch. Meine damals beste Freundin schrieb darin als Wunsch an mich: „Bis bald als Schriftstellerin im Leuchtturm auf dem Deich!“ Ich erinnerte mich plötzlich wieder, wie ich als 17-jährige mit ihr gemeinsam in jeder freien Minute Bücher verschlang, wir Geschichten schrieben und sie uns gegenseitig vorlasen und dabei davon träumten, Schriftstellerinnen zu werden. Wir wollten als Schäferinnen zusammen in einem Leuchtturm wohnen. Meine Freundin las mir aus „Fiete Anders“ vor, in dem ein rot-weiß geringeltes Schaf die Hauptrolle spielt. Sie wünschte sich ein Lamm, das sie Fiete nennen würde.

Es war unser Teenagertraum! Mir laufen Tränen über die Wangen. Warum? Ich hadere so oft damit nervige Bewerbungen an Verlage schreiben zu müssen, quäle mich tagelang mit Korrekturfahnen, bin enttäuscht, wenn ein aufwendiges Recherchethema platzt, wütend, wenn eine Lesung vor Ort abgesagt wird, traurig, wenn ich am Wochenende und im Urlaub arbeiten muss, stecke voller Selbstzweifel in den Tagen bevor ein Buch von mir veröffentlicht wird, ärgere mich über mangelnde Wertschätzung meiner Kunst und vergesse dabei vollkommen, dass ich den Traum des 17-jährigen Mädchens LEBE!

Ich bin tatsächlich Schriftstellerin geworden! Hätte ich das damals meinem 17-jährigen ICH erzählt, hätte es Freudensprünge gemacht, wäre ausgeflippt vor Glück, hätte eine tiefe Dankbarkeit empfunden. Und nicht nur das, ich habe auch ein Baby namens „Fiete“ bekommen! „Was im Leben kann man sich denn mehr wünschen?“, fragt mich das 17-jährige Mädchen strahlend und lachend.

Sie hat Recht! Ich verspreche ihr, mich immer daran zu erinnern, falls ich mal wieder hadere. Also, lasst Euch nicht unterkriegen bei der Verwirklichung Eurer Träume. Und träumt, die wildesten Träume! Wer weiß, vielleicht wird der eine oder andere, der Euch jetzt noch total verrückt erscheint ja wahr? Und dreht Euch zwischendurch mal um und schaut über Eure Schulter, welche Träume sich schon verwirklicht haben, was Ihr alles schon erreicht und geschafft habt! Herzlich, Anke

Kindermund tut Wahrheit kund…

… und „demokratiert“!

Foto: https://media.tag24.de

Hamburg steht auf, so heißt die Demonstration gegen Rechtsextremismus und neonazistische Netzwerke und für Demokratie. Es wird Zeit, sich gegen die gefährlichen Schreihälse zu behaupten, denn sie finden immer mehr Anhänger! Also müssen wir dagegen demonstrieren. Mein Kinder wollen aber erst mal nicht. Nun ist auch gerade Winter und das Wetter lädt nicht zum draußen verweilen ein, aber wir treffen uns ja auch nicht zum Picknick, sondern um ein wichtiges Anliegen kund zu tun. Meine Freundin sagt: „Das ist die erste Bürgerpflicht!“

DEMO GEGEN RECHTS IST ERSTE BÜRGERPFLICHT

Meine Bande jammert dagegen: „Och nö, Mama, nicht schon wieder die Schneehose anziehen.“ Und: „Ich habe keinen Bock, den langen Weg zu Fuß zu marschieren. Meine Tochter: „Diggi, so ’ne Demo ist doch gefährlich…“

HAMBURG STEHT AUF!

https://www.fcstpauli.com

Ich staune! Ich denke daran, dass ich als Kind häufig und gern demonstrieren war. Hat sich da was bei den Kindern heute geädert? Das erste Mal durfte ich in der fünften Klasse auf eine Demo gehen. Es war ein hartes Stück Arbeit, bis ich meine Mutter so weit hatte. Die Demo fand während der Schulzeit statt, unsere Klassenlehrerin verbot uns hinzugehen und teilte mit, dass ein Fernbeleiben vom Unterricht, als Schwänzen ins Klassenbuch eingetragen würde. Das saß! Aus unserer Klasse trauten sich anschließend nur noch sieben Kinder. Wir fuhren mit der Bahn, der Vater meiner Freundin begleitete uns und ja, wir waren aufgeregt und ängstlich.

ICH DEMONSTRIERTE ALS KIND HÄUFIG UND GERN, NOTFALLS SCHWÄNZTE ICH DADÜR AUCH DIE SCHULE

Auf unsere Mützen, Rucksäcke und Schals nähten wir Pippi Langstrumpf Aufnäher, die eine ältere Freundin auf dem Schwarzmarkt besorgte. Wieso auf dem Schwarzmarkt? Waren sie gefälscht und deshalb billiger? Wir kämpften uns im Demonstrationszug immer weiter nach vorne, unsere selbst gemalten Bettlaken hielten wir dabei in die Luft. Endlich gelangten wir zur Sitzblockade vor dem Hamburger Rathausmarkt. Ich kannte so etwas bisher nur aus dem Fernsehen. Boah, waren wir stolz!

FASCHISMUS IST KEINE MEINUNG!

Aber nicht lange. Irgendwer warf Steine auf die umstehenden Polizisten. Diese standen in beeindruckender und beängstigender Mannstärke um den ganzen Rathausmarkt herum, mit Schutzschilden zur Abwehr. Dahinter standen Wasserwerfer bereit. Innerhalb kürzester Zeit, brach Panik unter den Demonstranten aus. Kinder, Jugendliche und Erwachsene rannten und schrien. Polizisten verfolgten. Wasserwerfer rückten speiend näher. Nichts ging mehr nach vorn oder zur Seite oder zurück, alle drängelten und schubsten, ich hatte Angst, richtig Angst.

ALS WASSERWERFER EINSETZTEN, HATTE ICH RICHTIG ANGST

Der uns begleitende Vater war offenbar demonstationserfahren. Er befahl uns Kindern, dass wir uns an seinem Schal, wie Perlen an einer Kette, festhalten sollten und unter keinen Umständen loslassen durften. Er wies uns an, gebückt, auf Bein Höhe, zu einem parkenden Auto zu laufen. Dort gab es auf der Rückseite tatsächlich so etwas wie einen Windschatten ohne Menschenmassen. Wir richteten uns wieder auf. Der Vater wusste, wo die nächste Bahnhaltestelle war und wir rannten hin. Puh, geschafft. Abends im Fernsehen sahen wir, dass die Polizei gegen junge Erwachsene mit Gummiknüppel vorgegangen war und dass die Wasserwerfer Demonstranten aus der Sitzblockade verletzten. Es war meine erste Demonstration und sie hielt mich nicht davon ab, wiederholt und häufig zu demonstrieren.

FREMD SITZEN!

Schon in der der Bahn ist es derbe voll. Vor Ort machen meine Kinder jetzt richtig mit. Mein Mittlerer arbeitet sich durch die Menschen bis ganz nach vorne zur Bühne. Mein Jüngster kann nicht sehen und beschwert sich lautstark. Ein unbekannter Mann bietet an, ihn auf die Schultern zu nehmen. Mein Lütter zögert keine Sekunde, schon sitzt er auf fremden Schultern. Die Stimmung unter den Demonstranten ist kameradschaftlich, friedvoll und ausgelassen. Meine Große hat keine Angst mehr. Die Kinder lauschen den Reden. Am meisten beeindruckt sie ein ehemaliger Football Spieler, dessen Vater Nazi war und der ganz offen darüber spricht. Er zitiert Martin Luther King: „Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben, das kann nur Licht. Hass kann Hass nicht vertreiben, das kann nur die Liebe.“

GEGEN DIE DUNKELHEIT HILFT NUR DAS LICHT

Wir sind viele, richtig viele. So viele, dass die Demo aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden muss. Schätzungsweise gehen 160.000 Menschen auf die Straße. Wir sind mehr! Das ist der bleibende Eindruck. Er macht uns stark. Er macht alle stark. Besonders unsere Kinder. Sie haben das Gefühl, etwas bewirkt zu haben. Sich gegen das Unrecht wehren zu können.

WIR SIND MEHR!

Mein Jüngster sagt: „Mama, wir waren demokratieren!“ Ich bin stolz auf meine Rabauken und bin mir sehr sicher, dass alle drei in ihrem Leben häufig demokratieren gehen….

WIR DEMOKRATIEREN!

Auf den Spuren der letzten Nomaden

Winterabenteuer am Polarkreis bei den Sámi

Das geht ja gut los: nämlich gar nicht! „For your safety, we have decided to cancel the traffic“, teilt das Bahnunternehmen mit. „There is a risk that the temperature may go below -30° C“, auf der über 500 Kilometer langen Zugstrecke zwischen Luleå in Schweden und Narvik in Norwegen. „North of Kiruna the trains run long distances trough roadless land“, das war der Grund, warum wir diese Strecke nicht mit dem Auto fahren können! Wir wollten auf die Bahn ausweichen, denn Fliegen kommt zum Schutze des Klimas nicht in Frage! „This means a limited possibilty of evacuating if something should happen to infrastructure or vehicels.“

Ich habe plötzlich mächtigen Respekt davor, ins Land der Sámi zu fahren!

Die Samen sind ein eingenständiges Volk. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich über Schweden, Norwegen und Finnland bis nach Russland. Die ursprünglichen Sprachen der Samen sind mit dem der Finnischen und Ungarischen verwandt. Die Selbstbezeichnung Sámi, bedeutet so viel wie „Sumpfleute“. „Mindestens 20.000 Sámi leben heute in Schweden“, laut Angabe des Nordischen Museums in Stockholm. Die Samen waren von Anfang an Sammler, Fischer und Jäger, die unter anderem wilde Rentiere jagten. Später begannen sie damit, Rene zu zähmen und als Zug- oder Locktiere bei der Jagd einzusetzen. Im Laufe der Zeit gingen die Sámi dazu über, domestizierte Rentiere in kleinen Herden zu halten. In Schweden gibt es heute noch über 2000 aktive Züchter.

Eine Sage der Sámi lautet so: Ein Junge geht zur Jagd und findet bei seiner Rückkehr Mutter, Vater und Schwester grausam ermordet. Während seiner Flucht, verletzen ihn die Tschuden, skrupellose, herummarodierende und äußerlich Wikingern ähnelnden Männer. Der Junge rettet sich auf Brettern, den Vorläufern der Skier, in die nächste Sida, ein Sámi-Jurten-Dorf.

Die Tochter des dortigen Schamanen, Noajde auf samisch genannt, pflegt ihn gesund und verliebt sich in ihn.

Der Rest der Sippe fürchtet, dass die Spuren des Jungen die Tschuden zu ihnen führt. Sie fliehen mit Rentierschlitten auf Brettern, über die Berge, ans Meer.

Der Junge will bleiben und schwört Rache für seine ermordete Familie. Dem Schamanen erscheint ein weißes Rentier in einer Vision. Es ist das dritte Mal in seinem Leben und er bleibt. Er erklärt dem Jungen, dass seine Rachegelüste dessen Geist trüben. Er müsse sich als Teil des Großen, Ganzen sehen. Allein und auf Rache sinnend, sei er nicht besser als ein Tschude. Er erzählt, dass er die erste Vision des weißen Rentiers hatte, als er so alt war, wie der Junge jetzt. Beim zweiten Mal war er auf dem Höhepunkt seiner seherischen Fähigkeiten. Nun sei es ihm erschienen, als er dem Jungen begegnete. Dann überfallen die Tschuden sie. Sie foltern den Noajde, um den Aufenthaltsort der übrigen Samen zu erfahren. Doch dieser schweigt. Der Junge erträgt es nicht, wie dem Schamanen das Bein abgeschnitten wird.

Die Tuschden willigen ein und lassen sich zum Meer führen. Heimlich ermorden die Tschuden den Schamanen und nehmen dessen Talismane an sich. Als der Junge diese entdeckt, plant er die Seilschaft in den norwegischen Bergen in den Abgrund zu führen. Nur zufällig überlebt er dabei selbst und es erscheint ihm ein weißes Rentier in einer Vision. Die Sámi an der Küste beobachten den Tschuden-Treck in den Bergen und planen ihre Flucht. Sie malen sich einen Zwei-Tagesvorsprung aus, da die Tschuden zu Fuß und sie auf Brettern unterwegs sind. Dann sehen sie die Schneelawine, die alle in den Abgrund reißt und wissen die Tschuden vernichtet. Auch den Jungen und den Noajde glauben sie tot. Sie vermuten, dass der Junge seinen Wunsch nach Rache aufgab, um sich für sie zu opfern. Als dieser im Yurtendorf auftaucht, ernennen ihn die Sámi zum neuen Schamanen.

Fortan wurde der Sage nach, das Volk der Sámi nie wieder bekämpft.

Der Begriff Tschude wurde in der Sprache der Sámi mit „Russe, Finne und Schwede“ übersetzt. Heute bedeutet er „Feind“. Die Samen wurden verfolgt, ausgebeutet und misshandelt. „Ich bin mir der Unterdrückung bewusst, die Schweden im Laufe der Geschichte über das samische Volk ausgeübt hat. […] Es gibt auch keine andere Möglichkeit für die schwedische Gesellschaft, voranzukommen, als sich für diese Missbräuche zu entschuldigen“, sagte Annika Åhnberg, eine samische Ministerin 1998.
Mehr als die Hälfte der Sámi, lebt in Norwegen, am wenigsten finden sich in Russland. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Grenze zwischen Finnland und Schweden festgelegt und damit den Samen die freie Überquerung verboten.

Norwegen verbot Ende des 19. Jahrhunderts die samische Sprache. Land konnte nur derjenige besitzen, der Norwegisch sprach und schrieb. In Finnland galten die Sámi als primitiv und wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Noch heute schämen sich viele Sámi ihrer Herkunft. Bis ins 20. Jahrhundert wurden die Samen als „Lappen“ diffamiert und durften ihre Bräuche nicht pflegen. Jetzt ist die samische Sprache zwar nicht mehr verboten, doch in den meisten Ländern wird sie immer noch nicht offiziell anerkannt. Aus Angst davor, dass ihre Kinder im Kindergarten oder der Schule diskriminiert werden, sprechen viele Eltern zu Hause kein Samisch. So lernen die Kinder die Sprache nicht. Häufig widmen sie sich dann erst im Erwachsenenalter dem Erlernen. Aber da es auf staatlicher Ebene an finanzieller Unterstützung fehlt, verlernen auch viele Erwachsene die Sprache…

Print – Kinderbuch

Kindermund tut Wahrheit kund und schreibt…

Comic: Tjelle

Ich bin der Weihnachtsmann!

Es ist so weit: Meine Tochter bekommt den ersten Füller ihres Lebens. Niemand weiß, warum Kinder heutzutage noch mit dem Füller schreiben müssen, aber alle sind sich einig, dass es ein wichtiger Abschnitt im Leben eines Kindes ist. Ich schlage ihrer Lehrerin ein kreatives Schreibprojekt vor. Als ich meiner Freundin davon erzähle, die ebenfalls Lehrerin ist, lautet ihre Antwort: „Das finde ich mutig von dir!“ Mutig? Also eigentlich wollte ich nicht etwas mit Jugendlichen in der Bronx diskutieren! Sondern an einer Grundschule in Hamburg kreatives Schreiben üben und entweder es gefällt den Kindern oder nicht. Ich frage besser nicht nach, wer weiß, was heutzutage so los ist an den Grundschulen…

Die Schüler stellen sich vor, sie seien der Weihnachtsmann. Sie riechen verbrannte Plätzchen. Sie hören, dass jemand schrecklich schief singt. Sie schmecken den Ruß des Schornsteins. Sie fühlen, dass sie zu dick geworden sind und nicht mehr durch den Schlot passen. Sie sehen, dass es mal wieder grau und verregnet ist, anstatt dass es an Weihnachten schneit. Sie malen mit Worten

Nach Zustimmung des Schulleiters, entscheide ich gemeinsam mit der Klassenlehrerin noch vor Weihnachten zu beginnen. Ich hoffe, es macht den Kindern Freude in einer Zeit, in der wegen Corona jedes Weihnachtstheater, Schulbacken und Krippenspiel entfällt. Vor meinem inneren Auge läuft ein Film meiner eigenen vorweihnachtlichen Zeit in der Schule ab. Die Tische stehen in Sechser-Gruppen zusammen. Jedes Kind hat vor sich auf seinem Tisch ein paar geschmückte Tannenzweige, eine brennende Kerze und Orangen, die mit Nelken gespickt sind. Unsere Lehrerin spielt Weihnachtslieder auf der Gitarre und liest Weihnachtsgeschichten vor. Wir essen dabei selbstgebackene Kekse, knacken Nüsse und pellen Mandarinen. Schööööön! Voller Erwartung dessen trete ich die erste Stunde an. Und schlage ernüchtert auf dem Boden eines Klassenzimmers auf, das nur durch Neonlampen erhellt wird.

Dafür machen die Kinder begeistert mit! Brav melden sie sich und sagen: „Frau Kühne“, obwohl etliche von ihnen mich vorher beim Vornamen nannten. Sie haben kreative Einfälle und bringen diese anschließend zu Papier, wunderbar! Die Schüler stellen sich vor, sie seien der Weihnachtsmann. Sie riechen verbrannte Plätzchen. Sie hören, dass jemand schrecklich schief singt. Sie schmecken den Ruß des Schornsteins. Sie fühlen, dass sie zu dick geworden sind und nicht mehr durch den Schlot passen. Sie sehen, dass es mal wieder grau und verregnet ist, anstatt dass es an Weihnachten schneit. Sie malen mit Worten, das machen sie sehr schön. Etliche malen auch tatsächlich in ihre „Gedankenblasen“, die Kreise auf ihrem Übungsblatt. Da es ein kreatives Schreibprojekt ist, können sich die Kinder die Form aussuchen: Möglich sind neben der klassischen Geschichte, auch ein Gedicht oder Comic. Rund ein Drittel entscheidet sich für einen Comic. Davon deutlich mehr Jungs als Mädchen. Hausaufgabe, ist es, zu malen, zu reimen und zu schreiben. Jetzt maulen und jammern die Schüler erstmals und ich bin beruhigt, denn das hatte ich auch erwartet.

Die Stunde ist vorbei, als eine Diskussion entflammt, ob es den Weihnachtsmann gibt. „Nee“, sind die Kinder mehrheitlich sicher. „Meine Mama sagt immer, dass sie sich noch schminken muss und wir schon mal vorgehen sollen in die Kirche. Das sagt sie nur, damit sie ungestört die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen kann“, berichtet ein kleiner Naseweis. Ich versuche zu erklären, dass es für die Geschichte unerheblich sei, ob es ihn gibt oder nicht, schließlich ginge es beim kreativen Schreiben um Fantasie. Ein Kind platzt heraus: „Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann. Ich habe mal einen Wunsch auf einen Zettel geschrieben und nichts bekommen.“ Oh je, ich sehe meine Tochter in der ersten Reihe immer unglücklicher aussehen und will jeden weiteren Versuch, den Weihnachtsmann zu entzaubern, unterbinden. Aber die Lehrerin sagt entschuldigend und mit einer Engelsgeduld zu mir: „Das ist gerade ein riesiges Thema.“

In der zweiten und dritten Stunde überlegen sich die Kids, welche Geschenke sie als Weihnachtsmann erfüllen würden: einen Maserati, eine PS5, eine Villa, eine Smartwatch und Playmobil. Aber auch eine Katze, ein Pferd, Glück, Rudolph das Rentier sowie dass das Corona-Virus weggeht und alle gesund sind. Im zweiten Schritt sollen die Schüler die Geschenke mit Adjektiven charakterisieren. Heraus kommt: Ich schenke dir ein grau-weißes, leichtes, kleines Schleich-Pferd. Ich schenke dir einen Pool, der 20 Meter lang ist, 100 Kilogramm wiegt, durchsichtig und quadratisch ist. Ich schenke dir einen schwarzen, 420 Stundenkilometer schnellen, coolen Bugatti Chiron. Ich schenke Dir ein schwarzes Hündchen mit einem weißen Bauch. Ich schenke dir viel fröhliches, großes, starkes Glück. Ich schenke dir fluffigen, weißen, weichen, meterhohen, glitzernden, niemals schmelzenden, perfekt zum Schneemann bauen geeigneten, nicht kalten, in dicken Flocken fallenden Schnee.

In der nächsten Doppelstunde machen die Kinder eine Übung, in der sie sich gegenseitig interviewen. Ein Schüler spielt einen Reporter, ein anderer den Weihnachtsmann. Ein Kind muslimischen Glaubens sagt, es dürfe keine Weihnachtsdekorationen haben und auch nicht an den Weihnachtsmann glauben. Es spielt einen Reporter. Seine kritische Frage lautet: „Wie viele Rentiere ziehen den Schlitten des Weihnachtsmannes?“ „Acht…?“, lautet die zaghafte Antwort des Schülers, der den Weihnachtsmann spielt. „Kann nicht sein, Rudolph läuft vorne weg und ist immer allein! Also muss es eine ungrade Zahl an Rentieren sein!“, argumentiert der kleine Reporter.

Ein anderes Kind fragt: „Weihnachtsmann, was machst du im Sommer? Der kleine Santa Claus antwortet: „Ich bade.“ „Und wer ist dein bester Freund?“ Der gespielte Weihnachtsmann: „Der Nikolaus“. „Und wo wohnst du?“ „Am Nordpol“; „In Spanien“; „Im Himmel“; „In Griechenland“; „Im Lentersweg 1“.

Die Antworten sind so unterschiedlich, wie die gespielten kleinen Weihnachtsmänner in der Schulklasse.

In diesem Sinne Schalom, Salam Aleikum, Om mani padme hum und phantastische Weihnachten! Mit Weihnachtsmännern und -frauen, Christkindern, Engeln, Tomtes, Trollen, Wichteln, Nikoläusen, Göttern und Göttinnen sowie natürlich dem wichtigsten: der Liebe!
Oder war das jetzt bloß ein biochemischer Prozess? Ach nee, das lernen unsere Kids ja zum Glück erst in der weiterführenden Schule…
Also einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Die Geschichten erscheinen mit weiteren Kindergeschichten in einem Buch.

Kindermund tut Wahrheit kund…

…und ist allein unterwegs!

Sie hegen Mordgelüste! Nachdem meine Kinder monatelang nicht in Schule, Kindergarten, beim Sport, bei Freunden oder auf Spielplätzen waren, wollen sie sich gegenseitig umbringen. Wer könnte es ihnen verübeln? Auch ich habe so meine Phantasien…
In den Augen meines Jüngsten sehe ich ein gefährliches Funkeln, als er einen Hammer wie eine Axt über seinem Kopf hält, vor ihm der Blondschopf seines Bruders. Danke, ja, ich weiß, dass Hammer nicht in Kinderhände gehören! Aber jüngst geschehen die unerklärlichsten Dinge… Kurz darauf schneidet das vermeintlich sanftmütigere Kind, welches nur knapp dem Anschlag entging, Rosen. Nein, auch dafür habe ich keine vernünftige Erklärung. Es dreht sich mit der Gartenschere in der Hand scharf nach rechts, um sich dem Durchtrennen der Finger seiner Schwester zu widmen. Meine vernünftige große Tochter klettert nach dem Schock entspannt im Trapez. Plötzlich tritt sie, wie eine Ninja-Kämpferin, beiden Brüdern gleichzeitig in den Bauch. Ich muss die Kinder konsequent trennen! Sonst ist es nur noch eine Frage der Zeit, falls es eines erwischt!
Zunächst erkunden wir Hamburgs Umgebung. Es ist erstaunlich, was für tolle Wälder es gibt. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sind sie mir fremd! Es riecht wie in Schweden. Es sieht aus wie in Kanada. Sie müssen neu gewachsenen sein! Ich vermute, diesen Frühling…

An einen gemeinsamen Urlaub ist diesen Sommer nicht zu denken! Ich fahre mit meinem Blondschopf nach St. Peter-Ording. Er ist wie ausgewechselt: friedlich, glücklich und kuschelig. Wir schmusen den ganzen Tag, schlemmen ständig auf unserem Balkon, malen und spielen Schokohexe. Wüsste ich es nicht besser, meinte ich, es sei ein anderes Kind. Ich bin ganz verliebt in meinen Kleinen!


Mein Mann wählt die Abenteuervariante mit Übernachten im Strandkorb für unsere Große. Sie fahren mit Rädern auf die Fähre nach Föhr und machen ihre erste kleine Radtour ans andere Ende der Insel. Sie müssen mit dem klar kommen, was auf den Gepäckträger passt. Es ist ein großes Abenteuer für meine plötzlich noch mal ganz kleine Tochter. Sie schlafen direkt unterm Sternenhimmel, sehen die Milchstraße, Sternschnuppen und einen Kometen. „Papa, darf man sich wirklich bei jeder Sternschnuppe etwas wünschen?“, fragt sie verlegen. Sie sehen Fledermäuse in ganz klein und ganz groß und kuscheln sich tief in ihren Schlafsack.
Im Urlaub mit meinem Jüngsten an der Ostsee, erlebe ich ihn unkonzentriert, ungeduldig und schnell aggressiv werdend. Wir kommen am besten erstmal an! Ich staune, wie ausdauernd er Rad fährt. Dazu kommt es normalerweise nicht, weil seine Schwester und sein Bruder nicht so lange durchhalten. Ohne Tränen steht er sofort wieder auf, wenn er stürzt. Da sein Bruder die größte Heulboje ist, die mir je begegnete und mein Augenmerk normalerweise dem Ausschalten der Sirene gilt, fällt es mir sonst nicht groß auf. Am zweiten Tag ist mein Lütter laut, rüpelig und überhört jedes Stopp, ich bin genervt. Wie mutig mein Kleiner im Allgemeinen alles angeht, ist mir zwar bekannt, allerdings habe ich meist im Fokus, dass seine Geschwister ihn immer vorschicken. Ich finde das sonst gemein. Im Restaurant winkt er nun den Kellner heran und fragt formvollendet: „Kann ich bitte noch etwas Ketchup bekommen?“ Mein Herz geht auf. Tags darauf wieder Rückschläge: nichts ist ihm recht, wir streiten ständig, er trotzt: „Ich will zu Papa, sofort!“ Ist dieser kleine Wutkopf wirklich mein Kind? Ich bin kurz davor, überstürzt abzureisen. Als wir auschecken wollen, sagt uns der freundliche junge Mann am Empfang: „Ihr habt aber noch eine Nacht!“ Es muss nicht harmonisch, perfekt und erholsam sein, muntere ich mich auf. Dass wir uns ziemlich weit von diesem Idealzustand entfernt befinden, verschweige ich mir lieber. Hauptsache wir verbringen Zeit miteinander. Am anderen Morgen ist mein Jüngster wie ausgewechselt. Wir gehen schon vorm Frühstück schwimmen, scherzen den ganzen Tag und bauen eine so schöne Sandburg, dass uns andere Kinder fragen, ob sie mitspielen können. Mein Lütter zeigt sich gönnerhaft. Ich denke: Alles braucht seine Zeit und gut, dass mal nur wir beide allein unterwegs sind!

Ich hätte mir schönere Umstände. gewünscht, die zu unserem Experiment führten. Aber ich kann jedem mit mehreren Kindern nur empfehlen, mal nur mit einem zu verreisen! Es ist erstaunlich, wie erholsam es sein kann oder wie frisch verliebt man in das eigene Kind ist und welche ganz neunen Seiten man auf einmal entdeckt, auch an sich selbst. In diesem Sinne: Ahoi und auf in neue Gewässer!

Flashback

Mongolei

Fotos: Kristoff Kühne

Mit beiden Händen greife ich in die dicke Wolle. Ich packe das Schaf hinter den Ohren am Nacken. Blitzschnell drehe ich das Tier und werfe es auf den Rücken. Der Schweiß rinnt mir über die Stirn. Mein Atem fließt ruhig. Geschickt ziehe ich das Messer aus dem Schaft, der an meinem Hosenbund befestigt ist. Ich führe die Klinge von einem Ohr des Schafes zum anderen. Unterhalb seines Kiefers. Blut tropft pulsierend in eine Schale, die ich zwischen Boden und Kopf des Tieres schiebe. Ich halte das Schaf auf meinem Schoss und blicke ihm in seine gelben Augen. Dann schaue ich auf und sehe in die braunen Augen meines Sohnes.

Ich habe das hundert Mal gemacht. Und immer gab es mir ein Gefühl der Ruhe, des Friedens, des Eins-Seins mit mir selbst, der Natur und Allah. Meine Familie lebte seit Generationen als Nomaden im Altai-Gebirge.

Die Sommer verbrachten wir in Jurten und zogen mit unseren Herden auf dem Hochplateau von Bergsteppe zu Bergsteppe. Die Planen für die Jurte, spannten wir auf einem Holzgerüst zu einer Art Zelt. Wir entschieden morgens, ob wir weiterziehen. Der Auf- und Abbau war schnell gemacht. In der Jurte lebte unsere ganze Familie mit mehreren Generationen. In der Mitte befand sich eine Feuerstelle zum Heizen und Kochen. An den Außenwänden standen geräumige Holzbetten, in denen mehrere Personen schliefen. Wir wärmten uns gegenseitig. Bevor ich laufen lernte, setzten mich meine Brüder vor sich, in den Sattel. Sie preschten stehend und im wilden Galopp durch das Altai-Gebirge. Im Alter von fünf Jahren stieß ich gellende Schreie aus, bevor ich selbst im Galopp davon ritt. Ich fing die Ziegen ein, die meine älteren Geschwister die Berge hinunter trieben, ins Tal, zu den Jurten. Sie riefen mir schon von weitem ihr fröhliches „Salam aleikum“ entgegen. Dann band ich die Ziegen zum Melken zusammen. Einen Kopf in Richtung der Jurte blickend, den nächsten in Richtung der Berge. Wenn die Tiere wegzurennen versuchten, blockierten sie sich gegenseitig. Das Melken war Frauensache. Ebenso das Aufziehen der verstoßen Jungtiere, mit der Flasche. Als ich acht Jahre alt wurde, bekam ich meine eigene Herde. Ich trieb sie in die Berge und abends zurück ins Tal. Ein paar Jahre später half ich meinen Brüdern beim Treiben der großen Schafsherden. Ich liebte das. Diese Freiheit. Den Kitzel der plötzlichen Gefahr. Wenn ohne Vorwarnung das Wetter umschlug und wir uns am Felsgrat eines 4000ers befanden. Im Sommer konnten wir über 40 Grad Celsius bekommen. In harten Wintern hatten wir den Dsud. Etwa alle zehn Jahre. Besonders viel Schnee fiel in solchen Wintern. Die Temperaturen lagen anschließend unter 40 Grad Minus. Die Herden fanden nicht genug Futter. Es kam zum Massensterben. Schneestürme ließen die Tiere den Halt verlieren und wegrutschen. Etliche stürzten die steilen Hänge in die Tiefe. Meine Hände wurden taub und konnten die Zügel kaum halten. Nur die besten Reiter und Pferde behaupteten sich hier. Meine Lungen krampften. Als ob sie sich weigern wollten, die brennend, kalte Luft einzuatmen. Meine Augen tränten und verengten sich ungewollt zu Schlitzen. Manches Mal mussten wir eine Notunterkunft aufschlagen. Wir bauten uns aus unseren bodenlangen Mänteln Zelte. Wir kauerten uns darunter aneinander, bis der Sturm vorüberzog. Anschließend zählten wir die Tiere. Wir aßen sie, fertigten Kleidung und Möbel aus ihnen. Die Abstände der Dsuds verkürzten sich. Viele Nomaden verbrachten die Winter in Verschlägen am Rande der Stadt.

Mein Sohn sieht mich mit einem seltsamen Ausdruck an. Da ist etwas in seinem Blick, das ich nicht erwartete. Eine Träne hängt, an seinen langen, dunklen Wimpern. Klar, das war absehbar. Aber da ist noch etwas. Ablehnend und sogar angewidert sieht mir mein Sohn entgegen. Ich stocke. Eine Sekunde zu lange, das Schaf zappelt und entzieht sich meinem Griff.

Zum Schlachten trieben wir die ganze Herde von den Bergen, im Galopp ins Tal. Das puschte die Tiere auf und ermüdete sie zugleich. Wir kannten den Zeitpunkt, an dem die Schafe eine Pause brauchten. Wir planten ihn immer direkt vor der Jurte. In diesem Augenblick trennten wir mit einer Handvoll Reitern, ein älteres oder schwächeres Tier vom Rest der Herde. Wir kreisten es ein. Die anderen Reiter trieben die Schafe weiter den Hang hinauf. Hinter der nächsten Kuppe, bekamen sie vom folgenden Geschehen nichts mit. Das getrennte Tier war zu erschöpft, um zu fliehen. Es blieb stehen. Jetzt hieß es schnell zu sein. Ich sprang vom Pferd, das ein anderer übernahm. Ich packte das Schaf hinter den Ohren im Nacken und warf es zu Boden. Das Schaf rührte sich nicht, wenn es auf dem Rücken lag. Blitzschnell zückte ich Messer und Schale. Als der Geschickteste, führte ich den Schnitt entlang der Kehle. Ich schaute dem Tier dabei in die Augen. Ich dachte immer, dass das Schaf mich verwundert ansehe. Es lag auf meinen Knien. Ich spürte seine Wärme. Ich streichelte seinen Kopf. Ich redete beruhigend auf das Tier ein. Ich glaubte zu spüren, dass der sterbende Körper sich dabei entspannte. Es dauerte Minuten bis das Schaf ausgeblutet war. Sie fühlten sich wie eine quälende Ewigkeit an. Mein eigenes Leben schien in diesen Momenten still zustehen. Ich fühlte ganz klar, was wichtig war und was nicht. Nie erlebte ich etwas Intensiveres. Das Tier wurde ohnmächtig. Die schönen gelben Augen drehten zur Seite. Dann fiel der Kopf. Der Puls schlug noch. Ich streichelte das Schaf weiter und redete mit ihm. Bis es tot war. Dann schnitten die Frauen den Bauch des Tieres auf. Sie entfernten die Gedärme und die Innereien. Es war wichtig, dass kein Tropfen Blut auf den Boden fiel. Alles musste sehr schnell gehen. Der Geruch lockte Adler und Wölfe an. Blut und Innereien pressten die Frauen in Därme zu Würsten. Dann zogen sie das Fell ab. Sie zerteilten das Schaf. Die Teile hängten sie in der Jurte ab. Die Knochen kochten sie aus. Danach bekamen sie die Hunde. Fell und Leder verarbeiteten sie zu Decken, Stühlen und Musikinstrumenten. Es blieb nichts übrig. Kein Fitzelchen. Das Schlachten der Tiere empfand ich als Höhepunkte meines Lebens. Ebenso, wie die Geburt der Lämmer, im Frühsommer, nach einem langen, harten Winter. Den Tod und die Geburt. Ich spürte dabei den Kreislauf des Lebens. Ich konnte die Unendlichkeit erahnen. Ich fühlte mich, so klein und unbedeutend ich auch war, als Teil eines großen Ganzen. Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit und Demut vor diesem Kreislauf. Ich war glücklich. […]

Der vollständige Text erscheint in einem Buch.