Heroes of good hope

An elephant in my car – Krüger Nationalpark

1. Ein Babyelefant probiert seinen Rüssel aus. 2. Leopard 3. Hyänenwelpe 4. Elefanten im Flussbett
5. Löwinnen nach der Jagd.

„Wir fahren durch die Pampa und schlafen auf Beton. Wir fahren durch die Pampa und haben nichts davon …“, singt mein mittlerer Sohn gefühlt bereits Stunden mit der immergleichen monotonen Melody. Ich lasse mich nicht beeindrucken, denn ich bin guter Dinge: Ich halte den 3,5 Tonner sicher auf der linken Spur. Kreuzung – von rechts, von links, neben und vor mir Strömen Autos an mir vorbei, die Ampeln blinken, es fährt, wer zuerst kommt. Angestrengt versuche ich mir zu merken, wer mit mir gekommen ist und wer vor mir da war. Jetzt eine Lücke! Ich gebe zu doll Gas, die Reifen drehen quietschend durch, ich bin viel zu schnell, nur weg hier.

Ein ohrenbetäubendes Hupkonzert, lässt selbst meinen Sohn kurz verstummen. Ich brülle: „Was ist, was wollen sie, was habe ich getan?“ Meine Tochter auf dem Beifahrersitz hat die Hände vor Gesicht geschlagen und brüllt: „Mama, du bringst uns alle um!“ Von der Rückbank sagt mein Mann erstaunlich gelassen: „Du hast rechts vor links geguckt, aber wenn Autos gleichzeitig kommen, gilt links vor rechts! Du hast fünf Fahrzeugen die Vorfahrt genommen und sie wären dir fast reingefahren.“ – „Ahhhhhhhh, hättest du mir das nicht früher sagen können?“ Jetzt ist es eh zu spät, also fahre ich schnell weiter.

Endlich: Autobahn! Lastwagen fahren auf dem nicht vorhandenen Seitenstreifen, Fußgänger sprinten über die Straße, auf dem Mittelstreifen gehen etliche, Fahrräder kommen mir entgegen, Schweiß rinnt mir von der Stirn. „Polizeikontrolle!“, mein Mann von hinten. Ich sehe den Officer am Fahrbahnrand wild herumfuchteln und wechsle auf die rechte Spur. Seine Kollegin stellt das Blaulicht an und winkt nun ebenfalls. Ich beschleunige. „Willst du den Mann töten?“, keucht mein Liebster von hinten. Ich fahre eine Schlangenlinie um den Polizisten herum und streife dabei fast die Leitplanke. „Nein, im Lonely Planet steht, man soll auf keinen Fall anhalten! Etliche Polizisten sind fake und wenn nicht, wollen sie einen erpressen. Man soll ihnen daher auf die Wache folgen.“ Von der Rückbank: „Ich bitte dich, die trugen eine Uniform hat und hatten ein Einsatzfahrzeug, echter geht’s doch gar nicht. Außerdem hättest du ihn fast in einem Affenzahn angefahren.“ Ich schnaube: „Nein, nein, man darf auf keinen Fall anhalten, das ist lebensgefährlich und wir haben Kinder.“ Das Polizeiauto folgt uns wie erwartet nicht …

Wir sind auf der Fahrt von der Grenze Zimbabwes in den Krüger Nationalpark. Mein ganzes Leben will ich schon dort hin. Als Kind bewunderte ich Jane Goodall. Wir haben bereits einige Tiere gesehen, aber im Krüger kommen wir kaum vorwärts, so viele sind es. Allerdings gibt es auch so viele Touristen wie nirgendwo sonst.
Es ist heiß, richtig heiß und das im Winter: über 30 Grad. Ich öffne die Fenster und ein warmer Wind weht herein, er peitscht Sand über die Straße, dieser bildet an den Rändern kleine Dünen.
Nachts ist es dafür bitter kalt, mit Minusgraden. Plötzlich bremst mein Mann so scharf, dass wir alle in den Gurten hängen. Ich gucke aus dem Fenster, sehe aber nichts. „Was ist?“, frage ich genervt. Da schieben sich bereits riesige Stoßzähne in mein Sichtfeld. „Wow“, entfährt es mir bewundernd. Wenig Sekunden später stampft ein gewaltiger Bulle auf die Straße. Es ist klar, wer hier Vorfahrt hat. Kurz darauf folgt eine Kuh mit ihrem Kalb und insgesamt noch rund 20 Tiere.

Fahrerwechsel. Im Schneckentempo gelange ich vorwärts, ich gucke jeden Baum an, ob er wohl wackelt und etwas dahinter hervorspringen könnte und habe die Fenster trotz des heißen, staubigen Windes geöffnet, denn meist hört man Elefanten erst. Es knackt oder raschelt gewaltig. Die Straßen sind von Zweigen und umgestürzten Bäumen gesäumt und übersäht von riesigen Dunghaufen. Diese sind wahnsinnig nützlich für andere Tiere, da die Elefanten ihre Nahrung nur zu 40 Prozent verdauen. Von den restlichen 60 Prozent ernähren sich andere Tiere, wie Mistkäfer, Vögel, Paviane und Meerkatzen, Schmetterlinge und Insekten sowie Pilze und Mikroorganismen.

Ein wahnsinniges Trompeten reißt mich aus meiner Hitzeträgheit. Links neben mir am Straßenrand steht ein Bulle mit abgespreizten Ohren und droht mit einem Scheinangriff. Mein Herz rast. Ich gebe Gas. Als wir außer Reichweite scheinen, halte ich an. „Ich habe ihn weder gesehen noch gehört“, sage ich entschuldigend.


Wir sehen nahezu ununterbrochen Elefanten. Die Kühe laufen in der Herde mit ihren Kälbern, die Männchen allein, manchmal bilden sie „Loser-Gangs“, mit einem meist älteren Bullen sowie weiteren Jüngeren. 30.000 Elefanten gibt es im Krüger. Zu viele beschweren sich Naturschützer, der Park sei mit seinen natürlichen Ressourcen nur auf rund die Hälfte ausgelegt, weil sie ganze Buschabschnitte verwüsten. 100 bis 300 Kilogramm frisst ein Elefant täglich. Dabei geht er nicht zimperlich vor. Elefanten werden daher im Krüger Nationalpark geschossen. Es gibt auch Umsiedlungsprojekte, zum Beispiel in den Garden Route Nationalpark im Süden des Landes. Sie haben aber, wegen komplett anderer Klimabedingungen nicht funktioniert, die Tiere sind gestorben, also finden dorthin keine mehr statt.

„Auf keinen Fall abschießen!“, sagen andere. Elefanten wurden lange wegen ihres Elfenbeins gejagt und waren bedroht. Jetzt sind sie streng geschützt und trotzdem gibt es immer noch Wilderer, die sie erlegen. Und schließlich hat der Elefant lange vor den Menschen den ganzen Kontinent besiedelt, dass er jetzt zu einem Problem für die Natur wird, liegt daran, dass es zu wenig Lebensraum für Elefanten gibt.

Besonders schön sind Elefanten in den Flusstälern zu beobachten. Von weitem sieht man die Herden, wie sie majestätisch, die während der Trockenzeit sandigen Flusstäler, entlanglaufen. Elefanten mögen sauberes Wasser, daher bohren sie mit ihren Rüsseln das Grundwasser an. Die Mütter machen es ihren Kälbern vor. Wenn diese mit ihren gummibandartigen Rüsselchen herumschlenkern, geht mir das Herz auf. Aber wenn sie versuchen, aus dem Wasserloch, das Mama-Elefant gebohrt hat, zu trinken, kann sich keiner von uns mehr halten vor Lachen. Die Kleinen stolpern über ihre eigenen Beine und purzeln hin, sie fallen in das Loch und die Mütter stoßen sie wieder hinaus, sie spritzen mit dem Wasser wild um sich, so dass am Ende kein Tropfen davon im Maul landet.

Meine persönliche Heldin ist Françoise Malby-Anthony, eine Französin, die sich in einen Südafrikaner verliebte und seinetwegen ihre Heimat verließ. Die beiden kauften ein Wildreservat und nannten es Thula-Thula. Ihr Mann wurde weltberühmt als Elefantenflüsterer, der eine traumatisierte Herde aufgenommen hat, die als nicht sozialisierbar galt und bereits zum Abschuss freigegeben war. Schritt für Schritt holte er die Tiere wieder in ein normales Elefantenleben zurück. Françoise war für die Luxus-Lodge zuständig, mit der sie das Geld für das Reservat verdienten. Aber draußen im Busch, mit den Tieren, mit den Rangern, den Sicherheitsleuten und Wilderen war Lawrence zuständig. Sie hatte sogar Angst vor den Elefanten, weil die Leitkuh Frankie sie einmal griff. Françoise hielt sich daher von der Herde fern. Dann starb ihr Mann. Mit 61 Jahren, völlig unerwartet, an einem Herzinfarkt.

Mehr Infos unter: https://www.thulathula.de/

Jeder, wirklich jeder hat geglaubt, dass Françoise zurück nach Paris gehen wird. Ihre Familie, ihre Freunde, die Familie ihres Mannes, ihre Mitarbeiterinnen, die Ranger, die Bevölkerung der umliegenden Dörfer. Und mehr noch, man hat gehofft, dass sie zurückgeht und Thula Thula verkauft, denn es gab Pläne für den Bergbau, Wilderer liebäugelten bereits und die umliegenden Stämme wollten das Land. Aber Françoise blieb. Einfach so. Sie war völlig überfordert und hilflos, aber es gab für sie keine Alternative, als das Erbe ihres Mannes fortzuführen. Die Herde brauchte sie. Also stellte sie sich Schritt für Schritt ihren Ängsten und wuchs in die Rolle der Reservatsleiterin hinein. Sie beschreit das großartig in ihrem Buch: „An elephant in my kitchen“. Mich begleiteten drei Bücher über Thula Thula während meiner Reise und inspirierten mich, auch das ihres Mannes Lawrence Anthony „Der Elefantenflüsterer“ sowie Françoise zweites Buch „Die Elefanten von Thula Thula“.

Wir waren ganz im Norden des Krügers, an der Grenze Mosambiks, im mittleren Krüger und im Südlichen, der an den Blyde River Canyon grenzt. Der Norden ist für mich der Schönste, weil Ursprünglichste. Und ja, phasenweise erinnert mich der Krüger an einen großen Zoo. Aber es sind nicht die Elefanten, die einem ständig vors Auto laufen, sondern die Touristen, die Kolonne fahren und Stau verursachen, so dass man manchmal eine halbe Stunde einfach nur steht! Knapp zwei Millionen Besucher hat der Krüger jährlich. Er braucht dringend mehr Platz, das ist auch die Vision des Nationalparks, der 2040 nicht nur offene Grenzen zu Zimbabwe und Mosabik plant, sondern auch die Entfernung aller Zäune, damit sich die Tiere frei bewegen können. Dafür soll es zum verstärkten Einsatz moderner Technologien wie Drohnen, GPS-Halsbändern und digitaler Echtzeit-Berichterstattung kommen, die zur effizienten Bekämpfung von Wilderei führen.

Elefanten gelten als besonders sensible Tiere, vieles an ihrem Verhalten ist bis heute nicht vollständig erforscht. So auch das Benehmen der Herde von Thula Thula nicht, die zwei Tage nach Lawrence Tod zu seinem Haus kam und seitdem jedes Jahr an seinem Todestag dorthin zurückkehrt. Ob man darin Instinkt, Erinnerung oder Zufall sieht, bleibt jedem selbst überlassen. Sicher ist nur: Elefanten brauchen Raum! Und die Frage, ob wir bereit sind, ihnen diesen zu geben, sagt viel über unsere Gesellschaft aus.

Weitere Heldengeschichten in meinem Sachbuch „Heroes of good hope“.

Heroes of good hope

Greater Zimbabwe – im Land der Heldinnen

Die ältesten Termitenhügel sind 34.000 Jahre alt. Baobabs können bis zu 4.000 Jahre alt werden.

Ich bin auf der Suche nach Heldinnen, genauer nach afrikanischen Heldinnen. Die 29-jährige Ntokozo Ncube aus Simbabwe ist für mich so eine Heldin. Sie ist verheiratet mit Tinashe, das Paar hat drei Kinder, acht, sechs und drei Jahre alt. Beide Eltern arbeiten hart, damit ihre Kinder es einmal besser haben. Soweit so üblich. Doch in diesem Fall leben und arbeiten die Eltern mit ihrem jüngsten Kind in Südafrika, während die beiden älteren Kinder in Simbabwe zur Schule gehen und dort bei ihrer Großmutter leben.

Rund 40 Prozent der Menschen in Simbabwe leben in absoluter Armut, das heißt sie verfügen nur über gut zwei Dollar Kaufkraft täglich. Die aktuelle politische Instabilität gefährdet den touristischen Sektor. Dabei ist die Landschaft mit Sandsteinfelsen, Mopane- und Auenwäldern sowie bis zu 4000 Jahre alten Baobabs – auch Affenbrotbäume genannt – atemberaubend schön. Das Klima begünstigt dichte Wälder – selbst wenn diese zunehmend von Abholzung bedroht sind – die Herden von Wildtieren ernähren. Neben Elefanten, Löwen, Nashörnern, Giraffen, Leoparden, Geparden oder Adlern, leben hier zahlreiche Antilopenarten, Hyänen und mehr als 400 verschiedene Vogelarten.

Der Limpopo, der Simbabwe und Südafrika trennt, fungiert wie der Nil: die Überschwemmungsebene ermöglicht eine produktive landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion. So wundert es nicht, dass in Simbabwe bedeutende Fossilien von Vormenschen und frühen Homo-Arten, wie Homo rhodesiensis und Homo heidelbergensis gefunden wurden, die vor Hunderttausenden von Jahren die Region bevölkerten.

Die Wiege der Menschheit liegt in Afrika. Wir alle haben afrikanische Wurzeln. Oder noch zugespitzter: Wir sind alle Afrikaner! Evolutionär und genetisch betrachtet, ist diese Aussage nicht einmal besonders zugespitzt, sondern wissenschaftliche Realität. Jede heute lebende menschliche Population außerhalb Afrikas lässt sich auf eine relativ kleine Gruppe von Homo sapiens zurückführen, die vor rund 60.000 bis 70.000 Jahren den afrikanischen Kontinent verließ.

Die San hinterließen in ganz Simbabwe, wie beispielsweise in den Matobo Hills, berühmte Felsmalereien. Die geografischen Faktoren waren für die Entwicklung des ersten Königreichs Südafrikas von Bedeutung. Bereits im neunten Jahrhundert bearbeitete ein hochentwickeltes Königreich in Simbabwe Eisen und führte Handel mit Indien, China und Ägypten. 1200 bis 1270 erlebte es seinen Höhepunkt. Es verehrte Frauen, denn erst durch sie konnte überhaupt der König geboren werden. Er regierte gemeinsam mit der Königin. Daneben hatte er weitere Frauen, sie alle gebaren ihm Nachfahren.

Foto: Cradle of Humankind, Johannesburg.

In Gründungsgeschichten flüchteten Königstöchter oder „Schwestern“ genannt, mit heiliger Regenmedizin, um eigene Reiche zu gründen. Dies sind historische Legenden, keine religiösen Gottheiten. Vielmehr wurden in dieser Kultur – ebenso wie in vielen anderen afrikanischen Kulturen – die Ahnen religiös angebetet. Man glaubte, dass sie über ihre Nachkommen wachen und als Vermittler zwischen den Lebenden und einer höheren Macht in der Geisterwelt – Gott – fungierten. Sie glaubten an viele Götter. Jeder Mensch hatte ein Totem, das ihn leitete und in ihm Gestalt annahm. Löwen, Giraffen, Elefanten, Nashörner oder Adler waren solche Totemtiere. Zu Ehren des Nashorn-Totems wurde ein goldenes Nashorn geschmiedet. Es ist heute weltberühmt und zeugt vom damaligen Reichtum.

Foto: Nachbildung im Mapungubwe Interpretive Center.

Die Menschen in Simbabwe sind offen, liebenswürdig und hilfsbereit. So auch Ntokozo und ihr Ehemann Tinashe. Sie wurden in Zimbabwe geboren und lieben ihr Land. Aufgrund mangelnder und schlecht bezahlter Jobs gingen beide nach Südafrika. Ntokozo arbeitet in der Landwirtschaft – speziell im Bereich Geflügelhaltung und Gartenbau.

Bislang gingen Ntokozos Kinder in Südafrika zur Schule. Doch im reichsten Land des Kontinents, gibt es auch die größte Kluft zwischen Arm und Reich. Diese Ungerechtigkeiten nähren in den letzten Jahren in Südafrika fremdenfeindliche Spannungen. Anti-Migrations-Bewegungen wie „Operation Dudula“ riefen Kampagnen ins Leben, um ausländische Kinder gezielt an der Anmeldung in staatlichen Schulen zu hindern. Diese Gruppen behaupten fälschlicherweise, dass ausländische Schüler das südafrikanische Bildungssystem überlasten oder Einheimischen die Plätze wegnehmen.

Vreugde Voetjies Schule

Also fuhr Ntokozo mit ihren drei Kindern im Bus nach Simbabwe, während Tinashe weiter in Südafrika arbeitete. Einen ganzen Tag und eine Nacht war sie mit ihren Kindern unterwegs, musste mehrmals umsteigen und stand stundenlang an den Grenzkontrollen. Aber Fliegen ist zu teuer.

Laut CIA World Factbook kann in der Altersgruppe der über 15-Jährigen Lesen und Schreiben nach Ländern: Simbabwe 93% (2019); Botswana 80% (2005)/ 89% (2015); Südafrika 86% (2005)/ 94% (2015) und in Somalia nur 38 Prozent (2005)/ 54% (2022), dagegen 100 Prozent in Norwegen oder Australien. Foto: Cradle of Humankind, Johannesburg.

Ntokozos Tochter ist so gut, dass sie sofort eine Klasse übersprang. Trotzdem bangen die Eltern, ob ihre Kinder gute Zeugnisse bekommen. Ntokozo hofft, für ihre Kinder, dass sie: „Eine sehr gute Bildung erhalten, die sie auf eine gute Zukunft vorbereitet. Außerdem möchte ich, dass meine Kinder ein bescheidenes Generationenvermögen erben, auf dem sie aufbauen können.“

Ntokozo und ihr Mann würden sich gerne selbstständig machen, doch die Regierung Simbabwes schafft dafür keine Anreize. Das Risiko bleibt bei den Leuten, die etwas auf die Beine stellen wollen. Trotzdem sparen Ntokozo und Tinashe ihr Geld, um hoffentlich eines Tages in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Bis dahin können ihre Kinder sie in den Ferien nicht in Südafrika besuchen, das würde sofort wieder alle Ersparnisse aufzehren. Die Eltern fahren abwechselnd nach Simbabwe, während ihre jüngste Tochter noch bei ihnen in Südafrika lebt. Ich frage mich, wie eine Mutter es aushalten kann, ihre noch so kleinen Kinder nicht zu sehen? Sie antwortet nicht. In Tinashes Augen sehe ich Tränen, er blinzelt sie weg und zuckt mit den Schultern: „Uns geht es gut! Ich spreche Englisch, das hilft mir einen Job in Südafrika zu haben. Viele haben diese Möglichkeit nicht. Ich vermisse meine Kinder nicht allzu sehr. Ich sehe sie ja bald und die Schule ist das Wichtigste.“

Oben links, rechts & unten links, rechts: Vreugde Voetjies Schule; oben Mitte: auf Nachtsafaris sieht man Wildkatzen am besten, aber es ist kalt; Foto unten Mitte: Cradle of Humankind, Johannesburg.

Weitere Infos zur Vreugde Voetjies Schule: https://www.berluda.com/berluda-vreugdevoetjies

Spenden an die Vreugde Voetjies Schule sind über die Buffelsdrift Fundation möglich, mit dem Verwendungszweck: „Vreugde Voetjies – strictly and exclusively for school materials“. Die Foundation versucht die Schule möglichst über Sachspenden zu unterstützen. Als ich dort war hat sie Gaskatuschen zum Heizen und Kochen geliefert sowie Farbe zum Streichen der Gebäude, aber sie stellen auch Unterrichtsmaterialien und beteiligen sich an den Gehältern der Lehrer: https://www.buffelsdrift.com/de/buffelsdrift-foundation
Ansprechpartner ist Lucius Fourie, den ich persönlich kenne: lucius@buffelsdriftfoundation.org

Weitere Heldengeschichten erscheinen in meinem Sachbuch „Heroes of good hope“.

Heroes of good hope (Teil II)

Porträt der Rangerin Sisi: Wie sie an der Botswana-Grenze gegen Wilderei kämpft und die letzten Nashörner schützt – eine Reportage von Anke Kühne.

Botswana Border – Schutz der letzten Nashörner

  • Nashorn in der Wildnis im Grenzgebiet zu Botswana
  • Giraffe im Nationalpark im Grenzgebiet zu Botswana
  • Elefantenherde im Nationalpark im Grenzgebiet zu Botswana
  • Flusspferde am Wasserloch im Grenzgebiet zu Botswana
  • Krokodil am Flussufer im Grenzgebiet zu Botswana

Ich bin auf der Suche nach Helden, genauer nach Heldinnen. An der Grenze Botswanas finde ich eine: Sisi, die Kurzform von Busisiwe, was auf Zulu „Segen“ bedeutet. Sisi ist in der Nähe von Durban aufgewachsen, hat dort in der Stadt an der Uni ihren Bachelor-Abschluss in nature conservation absolviert und anschließend ihren Master an der University of South Afrika in Pretoria. Seit sechs Jahren arbeitet sie als Rangerin. Erst im Kruger National Park, seit drei Jahren an der Grenze zu Botswana. Ich frage sie, ob es ihr Traumjob sei. Sie lacht: „Nein, eigentlich nicht. Ich arbeite hier ja nicht im Naturschutz. Klar sind die Tiere toll, aber die Arbeit einer Naturschützerin sieht anders aus.“

Foto: Kristoff Kühne

Tatsächlich gibt es in den Nationalparks häufig zu viele Tiere, für den durch Zäune eingeschränkten Lebensraum. Manche Stellen, um Wasserlöcher herum, gleichen daher einer Wüstenei. Das belastet die Natur und zerstört den Lebensraum zahlreicher Pflanzen und anderer Wildtiere. Trotzdem ist es für viele Arten, besonders die vom Aussterben bedrohten, die letzte Zufluchtsstätte.

Ich will wissen, was Sisis Aufgaben als Rangerin sind. Sie antwortet: „Ich fahre mit den Touristen am Morgen oder Abend sowie in der Nacht auf Safari, ich mache mit ihnen Wanderungen durch den Nationalpark und natürlich gehören auch administrative Aufgaben zu meinem Job.“ Mich interessiert, ob sie alle der „Big five“ im Nationalpark bereits gesehen hat, also Büffel, Elefant, Leopard, Nashorn und Löwe. Sie winkt ab: „Aber natürlich! Viele, viele Male bereits.“

Die Giraffe zählt nicht zu den Big five, dabei ist sie unser größtes Säugetier. Ihr Bestand ging in den letzten dreißig Jahren um 40 Prozent zurück und besteht heute nur noch aus weniger als 70.000 Tieren. Naturschützer sprechen von einem „stillen Aussterben“, weil man sich ihrer Situation so wenig bewusst ist. Mit ihren langen Hälsen, die weit über den Baumkronen sichtbar sind, zählen Giraffen für mich zu den schönsten Tieren und wenn sie galoppieren zu den Anmutigsten. Jedes Fleckenmuster ist einzigartig, wie unser Fingerabdruck. Sie werden wegen ihres Fleisches, Fells, Knochen, Haaren und des Schweifes gejagt.

Ich erkundige mich, welches Sisis Lieblingstier ist. Die Rangerin atmet lang aus: „Puh, das ist ganz schwierig zu sagen, es ist wirklich schwierig eines auszuwählen. Sie sind alle toll und jedes ist auf seine Art besonders. Aber vielleicht ist es das Black Rhino. Es ist viel seltener als das White Rhino, hat kleinere Ohren, ein kleineres Maul und ist insgesamt kleiner. Sie verstecken sich sehr gut im dornigen Busch, weil sie diesen fressen, aber das erschwert es natürlich noch zusätzlich sie zu sichten.“

Bei uns heißen sie Breitmaulnashorn und Spitzmaulnashorn. Angeblich hat ein Politiker in Ostasien seinen Krebs mit Nashornpulver geheilt. Außerdem gilt es als Potenz steigernd. Dieser Aberglaube gleicht einem Todesurteil. Die International Rhino Foundation schätzt, dass in Afrika noch etwa 18.000 Nashörner leben, damit gab es im letzten Jahrzehnt rund zehn Prozent weniger und sogar mehr als zwei Drittel des südafrikanischen Breitmaulnashorns. Zwar ging die Wilderei während der coronabedingten Grenzschließungen zurück, steigt aber wieder, seit dessen Öffnung, trotz zahlreicher Schutzmaßnahmen, wie der Jagd auf Wilderer, Kontrolle der Märkte und dem vorsorglichen Enthornen. Die Rangerin berichtet stolz: „Unsere Tiere im Nationalpark haben ihre Hörner noch alle, aber das ist die Ausnahme, im Kruger etwa werden die Hörner entfernt.“

Zwar sind die Preise für Nashörner gefallen, aber den Wilderern bleibt immer noch genug Profit. Ein Kilo Nashorn ist beim Endverbraucher teurer als Gold. Eine verrückte Idee hatte daher vor rund zehn Jahren Südafrikas Umweltministerin, die vorschlug, den Handel mit Nashorn zu legalisieren. In staatlichen Lagern liegen rund 20.000 Tonnen unter Verschluss. Damit ließe sich der Markt schwemmen, so dass sich der Handel nicht mehr lohne. Vor allen Dingen zeigt es die Hilflosigkeit der Verantwortlichen. So bleibt häufig nur die Heilung und Pflege der durch Wilderer verletzten Tiere, zum Beispiel in der eigens für Nashörner errichteten Klinik in Moholoholo, in der Nähe von Hoedspruit.

Ich bohre nach, ob Sisi keine Angst habe, Nashörner seien doch super gefährlich. Sie schüttelt den Kopf: „Nein, ich habe ja immer ein Gewehr dabei. Außerdem greifen Nashörner nicht an. Wenn man Abstand hält, lassen sie einen in Ruhe. Außerdem fürchten sie sich vor Motorengeräuschen.“ Ich frage Sisi, ob sie ihr Gewehr schon mal benutzt hat. Sie widerlegt: „Nein. Das brauchte ich noch nie. Es dient nur zur Sicherheit. Es klemmt vor der Windschutzscheibe meines Jeeps in einer Halterung, damit ich es jederzeit benutzen kann, aber wie gesagt, ich musste es noch nie benutzen.“

Ich finde Zebras besonders witzig. Sie sind frech, verspielt und neugierig. Jedes Streifenmuster ist ebenfalls einzigartig, wie ein Fingerabdruck. Sind sie schwarz mit weißen Streifen oder weiß mit schwarzen Streifen? Die richtige Antwort lautet: schwarz! Das ist die Farbe ihrer Haut unter dem Fell.

Die Rangerin kennt die Spuren der Tiere, den Kot der Elefanten, die Markierungen der Nashörner um ihr Revier abzustecken, die Pfotenabdrücke von Löwen, Leoparden und Geparden. Sie weiß, an welchen Wasserlöchern sich die Büffelherden aufhalten und welche Tiere Junge haben. Ich bin gespannt, wie sie reagiert, wenn Büffelherden ihr den Weg versperren? Sie lacht: „Wenn ich Glück habe, laufen sie weg.“ Mich interessiert, was das Verrückteste als Rangern im Nationalpark war. Die Rangerin erzählt: „Es gibt einen Marathon im Nationalpark!“ Ich rufe aus: „Zwischen den Löwen, Nashörnern und Leoparden?“ Sie winkt ab: „Ach, das ist kein Problem. Bewaffnete Ranger begleiten die Läufer. Außerdem fliegt ein Helikopter vorneweg und guckt, ob der Weg frei ist. Ich will wissen, ob es bereits als Kind Sisis Traum war Rangerin zu werden. Sie schüttelt den Kopf: „Nein, nein, das war es auf keinen Fall!“ Und fügt ironisch hinzu: „Bin ich ein Mann?“

Dies ist Teil 2 der Serie – noch nicht gelesen? Hier geht’s zu Teil 1: die Lesotho Highlands und die bedrohten Kapgeier.

Weitere Heldengeschichten erscheinen in meinem Buch „Heroes of good hope“.

Heroes of good hope (Teil 1)

Reisereportage aus den Lesotho Highlands: Basotho-Kultur, bedrohte Kapgeier und die Geschichte von König Moshoeshoe – ein Aufruf zum Klimaschutz.

Lesotho Highlands – „Sei Du die Heldin! Und schütze unsere Welt.“

  • Wanderin blickt auf die Sandsteinformationen der Lesotho Highlands
  • Wildlebender Affe in den Lesotho Highlands
  • Kapgeier im Flug über den Lesotho Highlands bei Sonnenuntergang
  • Sonnenuntergang über den Lesotho Highlands
  • Zebra am Wasserloch in den Lesotho Highlands

Ich befinde mich auf der Suche nach Helden. In den Lesotho Highlands kennen sich die Basotho damit aus. „Rea ho amohela“ heißen sie Besucher willkommen. Sie sind selbstbewusst und zurückhalten, freundlich und aufgeschlossen. Wir haben Winter mit nächtlichen Minusgraden und die Menschen hüllen sich in buntgewebte Wolldecken. Häufig liegt sogar Schnee und bis zu minus15 Grad sind keine Seltenheit.

Die Lesotho Highlands liegen auf 1000 bis 2000 Metern, der höchste Gipfel auf rund 3000. Die Basotho-Decken bilden nicht nur ein praktisches Kleidungsstück, sondern sind Symbol für Reichtum, sie sind feuerfest und die Frauen tragen sie um die Hüfte gebunden, bis sie ihr erstes Kind empfangen. Das Motto der Basotho lautet: „Dintho tsohle di kgutlela mobung“ – Alle Dinge kehren zur Erde zurück.

Das Angebot an Wanderwegen, auch für Mehrtagestouren und die Möglichkeiten zu Ausritten ist fantastisch in den Bosotho Highlands! Kurz vor Dunkelheit ereignet sich ein magisches Schauspiel: Die zerklüfteten Sandsteinformationen leuchten golden im Licht der untergehenden Sonne, dann verfärben sie sich über Rot nach Violett. Auf einem Meer aus mintgrünem Gras stehen Zebras und grasen davor. Die Bosotho sagen: „Diphula tsena di na le diphiri.“ – Die Täler enthalten Geheimnisse.

Wir sehen auch Paviane, Antilopen, Bless- und Bleichböcke sowie Kapgeier. Für diese Vögel ist es jedoch von Nachteil, dass sie als Helden angesehen werden. Die traditionelle afrikanische Kultur verwendet Geierköpfe zum Wahrsagen und rottete den Kapgeier fast aus. Außerdem führten vergiftete Kadaver, Strommasten und verringerter Lebensraum zu Verlusten. Seit 2015 gilt der Kapgeier daher als stark gefährdet, weltweit gibt es vermutlich nur noch knapp 5000 Paare. Der Kapgeier nistet auf Felsen und legt pro Brutsaison nur ein Ei. Die Legenden der Basotho berichten: „Nonyana, ha e puruma, e foka mobu masimong.“ Ein schreiender Vogel, bringt Erde über die Felder.

Foto: Kristoff Kühne

Bei den Basotho wohnte einst ein Monster, das so fürchterlich und grauenerregend war, so gefräßig und unersättlich, so riesig und allgegenwärtig, dass es nur ein wahrer Held bezwingen konnte. Die Männer und Frauen, die in den Bergen wohnen, finden seit tausenden von Jahren versteinerte Fußabdrücke, Eier, Knochen und Embryonen des Giganten, ihre Sagen erzählen davon. „Dipale tsa rona di ngotswe majweng“, berichten die Basotho: Unsere Geschichten sind in Stein geschrieben.

Der einstige Tyrann maß drei bis sechs Meter, er hatte messerscharfe Zähne, einen langen Hals sowie Schwanz, sein Körper war zylinderförmig und er wog 12 Tonnen: kgo dumo dumo – ein pflanzenfressender Dinosaurier. Er stellte sich auf seine Hinterbeine um Bäume zu fressen. Die Legenden der Basotho beschreiben: „Ho na le kgotso hara dibatana ha noke e tletse.“ Die Monster sind friedlich, wenn die Flüsse gefüllt sind. 

Foto: Bjarne Kühne

Der Sage nach kommt ein Held um es mit allen Dinosauriern aufzunehmen. Erfolgreich besiegte er die großen Tiere, seitdem sind sie ausgestorben. „Lefatshe lea thothomela ha ke hata“, berichten die Legenden: Die Erde bebt unter meinen Füßen.

Auch die Buren und Engländer drangen im 19. Jahrhundert ins Reich der Basotho ein. Der Held Moshoeshoe vereinte die verschiedenen Völker und schuf ein mächtiges Königreich mit 150 000 Einwohnern, das sich wehrte. Es handelte direkt mit der Regierung Großbritanniens, in London Schutzverträge aus und fiel somit nicht an Südafrika und wurde damit auch nicht der Apartheit unterstellt. 1966 erhielt Lesotho seine vollständige Unabhängigkeit. Dennoch gab es immer wieder zahlreiche Unruhen. Die Basotho finden Frieden in dem Glauben: „Bohlale ba serapa bo sireleditswe ke sefate seholo.“ Das Geheimnis des Gartens ist beschützt durch den großen Baum.

Heute wissen die Forscher, dass es mit der Veränderung des Klimas zum Aussterben der Dinosaurier kam. Aktuell gibt es wieder einen Klimawandel. Eine alte Bosotho fordert auf: „Sei Du die Heldin! Und schütze unsere Welt.“

Weitere Heldengeschichten erscheinen in „Heroes of good hope“.

Weiter geht die Reise in Teil 2: Portrait der Rangerin Sisi an der Botswana-Grenze.