Greater Zimbabwe – im Land der Heldinnen
Die ältesten Termitenhügel sind 34.000 Jahre alt. Baobabs können bis zu 4.000 Jahre alt werden.
Ich bin auf der Suche nach Heldinnen, genauer nach afrikanischen Heldinnen. Die 29-jährige Ntokozo Ncube aus Simbabwe ist für mich so eine Heldin. Sie ist verheiratet mit Tinashe, das Paar hat drei Kinder, acht, sechs und drei Jahre alt. Beide Eltern arbeiten hart, damit ihre Kinder es einmal besser haben. Soweit so üblich. Doch in diesem Fall leben und arbeiten die Eltern mit ihrem jüngsten Kind in Südafrika, während die beiden älteren Kinder in Simbabwe zur Schule gehen und dort bei ihrer Großmutter leben.

Die 29-jährige Ntokozo aus Simbabwe mit ihren drei Kindern, acht, sechs und drei Jahre alt.
Rund 40 Prozent der Menschen in Simbabwe leben in absoluter Armut, das heißt sie verfügen nur über gut zwei Dollar Kaufkraft täglich. Die aktuelle politische Instabilität gefährdet den touristischen Sektor. Dabei ist die Landschaft mit Sandsteinfelsen, Mopane- und Auenwäldern sowie bis zu 4000 Jahre alten Baobabs – auch Affenbrotbäume genannt – atemberaubend schön. Das Klima begünstigt dichte Wälder – selbst wenn diese zunehmend von Abholzung bedroht sind – die Herden von Wildtieren ernähren. Neben Elefanten, Löwen, Nashörnern, Giraffen, Leoparden, Geparden oder Adlern, leben hier zahlreiche Antilopenarten, Hyänen und mehr als 400 verschiedene Vogelarten.
Da weite Teile Simbabwes nicht vom Massentourismus überlaufen sind, hat sich die Natur eine tiefe, ursprüngliche Wildheit bewahrt.

Der Limpopo, der Simbabwe und Südafrika trennt, fungiert wie der Nil: die Überschwemmungsebene ermöglicht eine produktive landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion. So wundert es nicht, dass in Simbabwe bedeutende Fossilien von Vormenschen und frühen Homo-Arten, wie Homo rhodesiensis und Homo heidelbergensis gefunden wurden, die vor Hunderttausenden von Jahren die Region bevölkerten.

Foto: Cradle of Humankind, Johannesburg.
Die Wiege der Menschheit liegt in Afrika. Wir alle haben afrikanische Wurzeln. Oder noch zugespitzter: Wir sind alle Afrikaner! Evolutionär und genetisch betrachtet, ist diese Aussage nicht einmal besonders zugespitzt, sondern wissenschaftliche Realität. Jede heute lebende menschliche Population außerhalb Afrikas lässt sich auf eine relativ kleine Gruppe von Homo sapiens zurückführen, die vor rund 60.000 bis 70.000 Jahren den afrikanischen Kontinent verließ.
Wir sind alle Afrikaner!

Die San hinterließen in ganz Simbabwe, wie beispielsweise in den Matobo Hills, berühmte Felsmalereien. Die geografischen Faktoren waren für die Entwicklung des ersten Königreichs Südafrikas von Bedeutung. Bereits im neunten Jahrhundert bearbeitete ein hochentwickeltes Königreich in Simbabwe Eisen und führte Handel mit Indien, China und Ägypten. 1200 bis 1270 erlebte es seinen Höhepunkt. Es verehrte Frauen, denn erst durch sie konnte überhaupt der König geboren werden. Er regierte gemeinsam mit der Königin. Daneben hatte er weitere Frauen, sie alle gebaren ihm Nachfahren.

Die älteste nachweisbare, kontinuierliche Bevölkerung im heutigen Simbabwe sind die San, auch Buschleute genannt, die das Land vor mindestens 2.000 bis 10.000 Jahren als Jäger und Sammler besiedelten.
Foto: Cradle of Humankind, Johannesburg.
In Gründungsgeschichten flüchteten Königstöchter oder „Schwestern“ genannt, mit heiliger Regenmedizin, um eigene Reiche zu gründen. Dies sind historische Legenden, keine religiösen Gottheiten. Vielmehr wurden in dieser Kultur – ebenso wie in vielen anderen afrikanischen Kulturen – die Ahnen religiös angebetet. Man glaubte, dass sie über ihre Nachkommen wachen und als Vermittler zwischen den Lebenden und einer höheren Macht in der Geisterwelt – Gott – fungierten. Sie glaubten an viele Götter. Jeder Mensch hatte ein Totem, das ihn leitete und in ihm Gestalt annahm. Löwen, Giraffen, Elefanten, Nashörner oder Adler waren solche Totemtiere. Zu Ehren des Nashorn-Totems wurde ein goldenes Nashorn geschmiedet. Es ist heute weltberühmt und zeugt vom damaligen Reichtum.
Das etwa 15 Zentimeter lange Nashorn gilt als südafrikanisches Nationalheiligtum und als archäologischer Beweis für eine hoch entwickelte, reiche afrikanische Zivilisation lange vor der europäischen Kolonialisierung.

Foto: Nachbildung im Mapungubwe Interpretive Center.
Die Menschen in Simbabwe sind offen, liebenswürdig und hilfsbereit. So auch Ntokozo und ihr Ehemann Tinashe. Sie wurden in Zimbabwe geboren und lieben ihr Land. Aufgrund mangelnder und schlecht bezahlter Jobs gingen beide nach Südafrika. Ntokozo arbeitet in der Landwirtschaft – speziell im Bereich Geflügelhaltung und Gartenbau.

Tinashe sagt: „Du bekommst in Simbabwe morgens einen Koffer voller Geld mit deinem Lohn ausgezahlt und abends ist er nichts mehr wert.“
Bislang gingen Ntokozos Kinder in Südafrika zur Schule. Doch im reichsten Land des Kontinents, gibt es auch die größte Kluft zwischen Arm und Reich. Diese Ungerechtigkeiten nähren in den letzten Jahren in Südafrika fremdenfeindliche Spannungen. Anti-Migrations-Bewegungen wie „Operation Dudula“ riefen Kampagnen ins Leben, um ausländische Kinder gezielt an der Anmeldung in staatlichen Schulen zu hindern. Diese Gruppen behaupten fälschlicherweise, dass ausländische Schüler das südafrikanische Bildungssystem überlasten oder Einheimischen die Plätze wegnehmen.
Ntokozo sagt: „Ich würde sehr gerne mit meinen Kindern zusammenleben, aber eine gute Ausbildung in Südafrika ist teuer und die Kriminalitätsrate ist abschreckend.“
Vreugde Voetjies Schule
Also fuhr Ntokozo mit ihren drei Kindern im Bus nach Simbabwe, während Tinashe weiter in Südafrika arbeitete. Einen ganzen Tag und eine Nacht war sie mit ihren Kindern unterwegs, musste mehrmals umsteigen und stand stundenlang an den Grenzkontrollen. Aber Fliegen ist zu teuer.

Ntokozo brachte ihre Tochter und ihren Sohn zu den Großeltern und ließ sie bei ihnen, damit sie in Simbabwe zur Schule gehen können.
Laut CIA World Factbook kann in der Altersgruppe der über 15-Jährigen Lesen und Schreiben nach Ländern: Simbabwe 93% (2019); Botswana 80% (2005)/ 89% (2015); Südafrika 86% (2005)/ 94% (2015) und in Somalia nur 38 Prozent (2005)/ 54% (2022), dagegen 100 Prozent in Norwegen oder Australien. Foto: Cradle of Humankind, Johannesburg.
Ntokozos Tochter ist so gut, dass sie sofort eine Klasse übersprang. Trotzdem bangen die Eltern, ob ihre Kinder gute Zeugnisse bekommen. Ntokozo hofft, für ihre Kinder, dass sie: „Eine sehr gute Bildung erhalten, die sie auf eine gute Zukunft vorbereitet. Außerdem möchte ich, dass meine Kinder ein bescheidenes Generationenvermögen erben, auf dem sie aufbauen können.“
„Lesen ist der Schlüssel zum Erfolg“ ist Marinas Motto, die Lehrerin an der Vreugde Voetjies Schule ist.

Ntokozo und ihr Mann würden sich gerne selbstständig machen, doch die Regierung Simbabwes schafft dafür keine Anreize. Das Risiko bleibt bei den Leuten, die etwas auf die Beine stellen wollen. Trotzdem sparen Ntokozo und Tinashe ihr Geld, um hoffentlich eines Tages in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Ntokozo wünscht sich: „Grundlegende Unterstützung und Ressourcen, damit ich ein tragfähiges, einkommensschaffendes Projekt aufbauen kann, um meine Familie zu versorgen und einen positiven Einfluss auf andere Mütter in meiner Nachbarschaft auszuüben.“
Bis dahin können ihre Kinder sie in den Ferien nicht in Südafrika besuchen, das würde sofort wieder alle Ersparnisse aufzehren. Die Eltern fahren abwechselnd nach Simbabwe, während ihre jüngste Tochter noch bei ihnen in Südafrika lebt. Ich frage mich, wie eine Mutter es aushalten kann, ihre noch so kleinen Kinder nicht zu sehen? Sie antwortet nicht. In Tinashes Augen sehe ich Tränen, er blinzelt sie weg und zuckt mit den Schultern: „Uns geht es gut! Ich spreche Englisch, das hilft mir einen Job in Südafrika zu haben. Viele haben diese Möglichkeit nicht. Ich vermisse meine Kinder nicht allzu sehr. Ich sehe sie ja bald und die Schule ist das Wichtigste.“









Oben links, rechts & unten links, rechts: Vreugde Voetjies Schule; oben Mitte: auf Nachtsafaris sieht man Wildkatzen am besten, aber es ist kalt; Foto unten Mitte: Cradle of Humankind, Johannesburg.
Weitere Infos zur Vreugde Voetjies Schule: https://www.berluda.com/berluda-vreugdevoetjies
Spenden an die Vreugde Voetjies Schule sind über die Buffelsdrift Fundation möglich, mit dem Verwendungszweck: „Vreugde Voetjies – strictly and exclusively for school materials“. Die Foundation versucht die Schule möglichst über Sachspenden zu unterstützen. Als ich dort war hat sie Gaskatuschen zum Heizen und Kochen geliefert sowie Farbe zum Streichen der Gebäude, aber sie stellen auch Unterrichtsmaterialien und beteiligen sich an den Gehältern der Lehrer: https://www.buffelsdrift.com/de/buffelsdrift-foundation
Ansprechpartner ist Lucius Fourie, den ich persönlich kenne: lucius@buffelsdriftfoundation.org
Weitere Heldengeschichten erscheinen in meinem Sachbuch „Heroes of good hope“.
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