Heroes of good hope

An elephant in my car – Krüger Nationalpark

1. Ein Babyelefant probiert seinen Rüssel aus. 2. Leopard 3. Hyänenwelpe 4. Elefanten im Flussbett
5. Löwinnen nach der Jagd.

„Wir fahren durch die Pampa und schlafen auf Beton. Wir fahren durch die Pampa und haben nichts davon …“, singt mein mittlerer Sohn gefühlt bereits Stunden mit der immergleichen monotonen Melody. Ich lasse mich nicht beeindrucken, denn ich bin guter Dinge: Ich halte den 3,5 Tonner sicher auf der linken Spur. Kreuzung – von rechts, von links, neben und vor mir Strömen Autos an mir vorbei, die Ampeln blinken, es fährt, wer zuerst kommt. Angestrengt versuche ich mir zu merken, wer mit mir gekommen ist und wer vor mir da war. Jetzt eine Lücke! Ich gebe zu doll Gas, die Reifen drehen quietschend durch, ich bin viel zu schnell, nur weg hier.

Ein ohrenbetäubendes Hupkonzert, lässt selbst meinen Sohn kurz verstummen. Ich brülle: „Was ist, was wollen sie, was habe ich getan?“ Meine Tochter auf dem Beifahrersitz hat die Hände vor Gesicht geschlagen und brüllt: „Mama, du bringst uns alle um!“ Von der Rückbank sagt mein Mann erstaunlich gelassen: „Du hast rechts vor links geguckt, aber wenn Autos gleichzeitig kommen, gilt links vor rechts! Du hast fünf Fahrzeugen die Vorfahrt genommen und sie wären dir fast reingefahren.“ – „Ahhhhhhhh, hättest du mir das nicht früher sagen können?“ Jetzt ist es eh zu spät, also fahre ich schnell weiter.

Endlich: Autobahn! Lastwagen fahren auf dem nicht vorhandenen Seitenstreifen, Fußgänger sprinten über die Straße, auf dem Mittelstreifen gehen etliche, Fahrräder kommen mir entgegen, Schweiß rinnt mir von der Stirn. „Polizeikontrolle!“, mein Mann von hinten. Ich sehe den Officer am Fahrbahnrand wild herumfuchteln und wechsle auf die rechte Spur. Seine Kollegin stellt das Blaulicht an und winkt nun ebenfalls. Ich beschleunige. „Willst du den Mann töten?“, keucht mein Liebster von hinten. Ich fahre eine Schlangenlinie um den Polizisten herum und streife dabei fast die Leitplanke. „Nein, im Lonely Planet steht, man soll auf keinen Fall anhalten! Etliche Polizisten sind fake und wenn nicht, wollen sie einen erpressen. Man soll ihnen daher auf die Wache folgen.“ Von der Rückbank: „Ich bitte dich, die trugen eine Uniform hat und hatten ein Einsatzfahrzeug, echter geht’s doch gar nicht. Außerdem hättest du ihn fast in einem Affenzahn angefahren.“ Ich schnaube: „Nein, nein, man darf auf keinen Fall anhalten, das ist lebensgefährlich und wir haben Kinder.“ Das Polizeiauto folgt uns wie erwartet nicht …

Wir sind auf der Fahrt von der Grenze Zimbabwes in den Krüger Nationalpark. Mein ganzes Leben will ich schon dort hin. Als Kind bewunderte ich Jane Goodall. Wir haben bereits einige Tiere gesehen, aber im Krüger kommen wir kaum vorwärts, so viele sind es. Allerdings gibt es auch so viele Touristen wie nirgendwo sonst.
Es ist heiß, richtig heiß und das im Winter: über 30 Grad. Ich öffne die Fenster und ein warmer Wind weht herein, er peitscht Sand über die Straße, dieser bildet an den Rändern kleine Dünen.
Nachts ist es dafür bitter kalt, mit Minusgraden. Plötzlich bremst mein Mann so scharf, dass wir alle in den Gurten hängen. Ich gucke aus dem Fenster, sehe aber nichts. „Was ist?“, frage ich genervt. Da schieben sich bereits riesige Stoßzähne in mein Sichtfeld. „Wow“, entfährt es mir bewundernd. Wenig Sekunden später stampft ein gewaltiger Bulle auf die Straße. Es ist klar, wer hier Vorfahrt hat. Kurz darauf folgt eine Kuh mit ihrem Kalb und insgesamt noch rund 20 Tiere.

Fahrerwechsel. Im Schneckentempo gelange ich vorwärts, ich gucke jeden Baum an, ob er wohl wackelt und etwas dahinter hervorspringen könnte und habe die Fenster trotz des heißen, staubigen Windes geöffnet, denn meist hört man Elefanten erst. Es knackt oder raschelt gewaltig. Die Straßen sind von Zweigen und umgestürzten Bäumen gesäumt und übersäht von riesigen Dunghaufen. Diese sind wahnsinnig nützlich für andere Tiere, da die Elefanten ihre Nahrung nur zu 40 Prozent verdauen. Von den restlichen 60 Prozent ernähren sich andere Tiere, wie Mistkäfer, Vögel, Paviane und Meerkatzen, Schmetterlinge und Insekten sowie Pilze und Mikroorganismen.

Ein wahnsinniges Trompeten reißt mich aus meiner Hitzeträgheit. Links neben mir am Straßenrand steht ein Bulle mit abgespreizten Ohren und droht mit einem Scheinangriff. Mein Herz rast. Ich gebe Gas. Als wir außer Reichweite scheinen, halte ich an. „Ich habe ihn weder gesehen noch gehört“, sage ich entschuldigend.


Wir sehen nahezu ununterbrochen Elefanten. Die Kühe laufen in der Herde mit ihren Kälbern, die Männchen allein, manchmal bilden sie „Loser-Gangs“, mit einem meist älteren Bullen sowie weiteren Jüngeren. 30.000 Elefanten gibt es im Krüger. Zu viele beschweren sich Naturschützer, der Park sei mit seinen natürlichen Ressourcen nur auf rund die Hälfte ausgelegt, weil sie ganze Buschabschnitte verwüsten. 100 bis 300 Kilogramm frisst ein Elefant täglich. Dabei geht er nicht zimperlich vor. Elefanten werden daher im Krüger Nationalpark geschossen. Es gibt auch Umsiedlungsprojekte, zum Beispiel in den Garden Route Nationalpark im Süden des Landes. Sie haben aber, wegen komplett anderer Klimabedingungen nicht funktioniert, die Tiere sind gestorben, also finden dorthin keine mehr statt.

„Auf keinen Fall abschießen!“, sagen andere. Elefanten wurden lange wegen ihres Elfenbeins gejagt und waren bedroht. Jetzt sind sie streng geschützt und trotzdem gibt es immer noch Wilderer, die sie erlegen. Und schließlich hat der Elefant lange vor den Menschen den ganzen Kontinent besiedelt, dass er jetzt zu einem Problem für die Natur wird, liegt daran, dass es zu wenig Lebensraum für Elefanten gibt.

Besonders schön sind Elefanten in den Flusstälern zu beobachten. Von weitem sieht man die Herden, wie sie majestätisch, die während der Trockenzeit sandigen Flusstäler, entlanglaufen. Elefanten mögen sauberes Wasser, daher bohren sie mit ihren Rüsseln das Grundwasser an. Die Mütter machen es ihren Kälbern vor. Wenn diese mit ihren gummibandartigen Rüsselchen herumschlenkern, geht mir das Herz auf. Aber wenn sie versuchen, aus dem Wasserloch, das Mama-Elefant gebohrt hat, zu trinken, kann sich keiner von uns mehr halten vor Lachen. Die Kleinen stolpern über ihre eigenen Beine und purzeln hin, sie fallen in das Loch und die Mütter stoßen sie wieder hinaus, sie spritzen mit dem Wasser wild um sich, so dass am Ende kein Tropfen davon im Maul landet.

Meine persönliche Heldin ist Françoise Malby-Anthony, eine Französin, die sich in einen Südafrikaner verliebte und seinetwegen ihre Heimat verließ. Die beiden kauften ein Wildreservat und nannten es Thula-Thula. Ihr Mann wurde weltberühmt als Elefantenflüsterer, der eine traumatisierte Herde aufgenommen hat, die als nicht sozialisierbar galt und bereits zum Abschuss freigegeben war. Schritt für Schritt holte er die Tiere wieder in ein normales Elefantenleben zurück. Françoise war für die Luxus-Lodge zuständig, mit der sie das Geld für das Reservat verdienten. Aber draußen im Busch, mit den Tieren, mit den Rangern, den Sicherheitsleuten und Wilderen war Lawrence zuständig. Sie hatte sogar Angst vor den Elefanten, weil die Leitkuh Frankie sie einmal griff. Françoise hielt sich daher von der Herde fern. Dann starb ihr Mann. Mit 61 Jahren, völlig unerwartet, an einem Herzinfarkt.

Mehr Infos unter: https://www.thulathula.de/

Jeder, wirklich jeder hat geglaubt, dass Françoise zurück nach Paris gehen wird. Ihre Familie, ihre Freunde, die Familie ihres Mannes, ihre Mitarbeiterinnen, die Ranger, die Bevölkerung der umliegenden Dörfer. Und mehr noch, man hat gehofft, dass sie zurückgeht und Thula Thula verkauft, denn es gab Pläne für den Bergbau, Wilderer liebäugelten bereits und die umliegenden Stämme wollten das Land. Aber Françoise blieb. Einfach so. Sie war völlig überfordert und hilflos, aber es gab für sie keine Alternative, als das Erbe ihres Mannes fortzuführen. Die Herde brauchte sie. Also stellte sie sich Schritt für Schritt ihren Ängsten und wuchs in die Rolle der Reservatsleiterin hinein. Sie beschreit das großartig in ihrem Buch: „An elephant in my kitchen“. Mich begleiteten drei Bücher über Thula Thula während meiner Reise und inspirierten mich, auch das ihres Mannes Lawrence Anthony „Der Elefantenflüsterer“ sowie Françoise zweites Buch „Die Elefanten von Thula Thula“.

Wir waren ganz im Norden des Krügers, an der Grenze Mosambiks, im mittleren Krüger und im Südlichen, der an den Blyde River Canyon grenzt. Der Norden ist für mich der Schönste, weil Ursprünglichste. Und ja, phasenweise erinnert mich der Krüger an einen großen Zoo. Aber es sind nicht die Elefanten, die einem ständig vors Auto laufen, sondern die Touristen, die Kolonne fahren und Stau verursachen, so dass man manchmal eine halbe Stunde einfach nur steht! Knapp zwei Millionen Besucher hat der Krüger jährlich. Er braucht dringend mehr Platz, das ist auch die Vision des Nationalparks, der 2040 nicht nur offene Grenzen zu Zimbabwe und Mosabik plant, sondern auch die Entfernung aller Zäune, damit sich die Tiere frei bewegen können. Dafür soll es zum verstärkten Einsatz moderner Technologien wie Drohnen, GPS-Halsbändern und digitaler Echtzeit-Berichterstattung kommen, die zur effizienten Bekämpfung von Wilderei führen.

Elefanten gelten als besonders sensible Tiere, vieles an ihrem Verhalten ist bis heute nicht vollständig erforscht. So auch das Benehmen der Herde von Thula Thula nicht, die zwei Tage nach Lawrence Tod zu seinem Haus kam und seitdem jedes Jahr an seinem Todestag dorthin zurückkehrt. Ob man darin Instinkt, Erinnerung oder Zufall sieht, bleibt jedem selbst überlassen. Sicher ist nur: Elefanten brauchen Raum! Und die Frage, ob wir bereit sind, ihnen diesen zu geben, sagt viel über unsere Gesellschaft aus.

Weitere Heldengeschichten in meinem Sachbuch „Heroes of good hope“.


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