Auf den Spuren der letzten Nomaden

Ein Sommer voller Natur und Kultur bei den Sami

Eigentlich wollte ich diesen Sommer hoch oben am Polarkreis bei den Sami verbringen. Ich habe bereits vor drei Jahren im Winter über die letzten Nomaden Europas recherchiert und persönliche Nachforschungen zu dessen Lebensweise im Sommer fehlen mir noch. Außerdem spielt mein Jungendroman, an dem ich aktuell arbeite in Lappland, so dass ich gleich zwei Mücken mit einer Klappe erschlagen könnte …

Doch die Sami sind tüchtige Geschäftsleute und lassen sich nur für Geld begleiten – seeeeehr viel Geld! Ich vermute, dass sie im Winter den ganzen touristischen Rummel, wie Rentierfütterungen, Huskyschlitten fahren, Schneeschuhwanderungen oder Verköstigungen in einem Lávvu (traditionelles samischen Zelt, in dem um ein Feuer herum das samische Spezialgericht Suovas serviert wird, geräuchertes Rentierfleisch das über offenem Feuer gebraten und auf Gáhkku-Brot mit einem Schuss Preiselbeermarmelade serviert wird) oder das Beobachten der Guovssahasah (so nennen die Sami das Polarlicht, was so viel bedeutet wie „die Sonne glüht morgens oder abends am Himmel“) nur über sich ergehen lassen können, weil sie vom Sommer träumen …

Bereits ein paar Tage vor Abreise haben wir tatsächlich schon alle unsere Wanderrucksäcke gepackt! Das finde ich mega und bin entsprechend stolz auf uns. Doch meine Freude währt nicht lange: Mein Jüngster hebt seinen Rucksack an und lässt ihn sofort wieder stöhnend fallen. „Kollege Seeteufel … “ – ich gucke mich irritiert um, meint er mich? – „ … den bekomme ich nicht auf den Rücken!“ Er schaut mich verzweifelt an.

Ich versuche zu trösten: „Pass auf, ich hebe ihn an, du setzt ihn auf, wenn du dann Brust- und Beckengurt schließt, wird er leichter.“ Er ächzt, als die Schnallen zu sind, lässt sich rückwärts auf den Teppich fallen und bleibt dort wie ein Käfer auf dem Rücken liegen. „Mama, da ist noch nicht mal Essen drin, wir müssen alle verhungern!“ Jetzt jammert er lautstark und ich werde nervös. „Da gewöhnst du dich noch dran. Am Anfang ist es immer am Schwersten.“

Ich verschweige, dass der Rucksack mit der Zeit nur deshalb leichter wird, weil man meist unterwegs feststellt, nicht alles zu brauchen und dann den Ballast für andere Wanderer zurücklässt. Doch die Ausrüstung meines Lütten ist neu, sein ganzer Stolz und gewiss wird es ihn nicht aufmuntern, wenn er davon unterwegs etwas zurücklassen soll …
Er guckt mich mit großen runden Augen an und sagt: „Nein Mama! Das ist so schwer wie mein Ranzen mit allen Büchern und Turnbeutel außen dran. Daran gewöhne ich mich nie! Und schon gar nicht schaffe ich es, damit stundenlang zu wandern.“ Er sieht sehr gewiss aus. Puh, um dieses Problem muss ich mich irgendwie später kümmern. Ich hoffe inständig, dass mir rechtzeitig eine Lösung einfällt.

Im Sommer sind die Sami frei! Sie begleiten ihre Herden im Norden hoch in die Berge, in ein straßenloses Land, fernab von Städten, Zivilisation, Wasser und Strom, in dem nicht mal Handys funktionieren. Nur der Hubschrauber fliegt Touristen in kleinen Gruppen an diese Plätze … Und leider kostet dieser Spaß für lediglich drei Tage für uns fünf rund 25.000 Euro! Unser Hund darf gar nicht mit … Ich muss also einen anderen Weg finden und deshalb wandern wir!

Die Sami unterteilen das Jahr nicht wie wir in vier, sondern in acht Jahreszeiten. Der Wechsel zwischen 30 Grad im Sommer und minus 40 Grad im Winter erfolgt schnell, ebenso zwischen niemals untergehender Sommersonne sowie Dunkelheit für mehrere Monate. Pflanzen, Tiere und Menschen passen sich entsprechend an.

Es gibt nicht nur den Winter (Dálvvie), wenn alles unter Schnee und Eis liegt, der längste Abschnitt, von Dezember bis März. Sondern ihm folgt der Spätwinter oder Frühlingswinter (Gïjredálvvie), im März und April, wenn die Tage wieder länger werden, die Jahreszeit des Erwachens. Im Frühling (Gïjre), April oder Mai, je nachdem wann die Schneeschmelze beginnt, verlassen die Rentiere ihre Winterweiden und ziehen hinaus auf die Sommerweiden. Im Mai werden die Kälber dort geboren. Der Frühsommer (Gïjregiessie), im Juni, ist die Jahreszeit des Wachstums und der hellen Nächte. Der Sommer (Giessie), im Julie, wenn alles in Vollendung lacht, ist kurz. Bereits im August findet mit dem Spätsommer (Tjakttjagiessie), der Übergang zum Herbst statt, es ist die Zeit der Ernte von Beeren, Pilzen und Kräutern. Im Herbst (Tjakttja), im September und Oktober, ziehen die Rentiere zu ihren Winterweiden. Der Spätherbst oder Herbstwinter (Tjakttjadálvvie) im November bildet den Übergang zum Winter.

Okay, ich sehe ein, ohne Abstriche wird’s nichts! Allein die Fahrt hoch nach Lappland dauert mehrere Tage, also gönne ich den Kindern – und mir – gleich zu Beginn einen Tag in Astrid Lindgrens Welt in Smaland.
Wir wohnen in einem winzigen schwedenrot gestrichenen Bootshaus, ohne fließend Wasser und Strom. Das Wasser schöpfen wir aus einem riesigen See mit mehreren kleinen Insel, in dem es sich schwimmen, vom Steg springen und am Ufer picknicken lässt. Die Akkus unserer Handys sind leer und in so heiterer Schwedenstimmung machen wir uns auf, den Freizeitpark zu erobern. Eigentlich hatte ich mir etwas wie Disney Land vorgestellt, nur eben mit Pippi statt mit Mickey Mouse … Doch da habe ich mich grundlegend getäuscht! Es gibt nicht ein einziges Fahrgeschäft!

Dafür gibt es in Astrid Lindgrens Welt jede Menge Musicals: Ronja Räubertochter, Michel aus Lönneberga, Karlsson vom Dach und natürlich – Pippi Langstrumpf. Und diese Aufführungen sind richtig gut! Es wird getanzt, gesungen, die Kinderdarsteller sind mit Freude und Eifer bei der Sache, alle haben richtig Spaß. Ich habe fast alles von Astrid Lindgren gelesen, nicht nur die gängigen Bücher, sondern auch Kalle Blomquist und ihre Kriegstagebücher, viele Filme gesehen, aber hier werden ihre Bücher noch mal ganz anders lebendig.

Ich will wissen, wo Astrid Lindgren ihre Sommer verbrachte und an ihren Büchern gearbeitet hat, also fahren wir auf die Schären bei Stockholm nach Furusund. Ich kann kaum glauben, dass wir in Schweden sind: Sonne, das Meer voller Badegäste, vergnügtes Kreischen, türkisblaues Wasser und: Hitze!
Ich träume davon einmal auf Saltkrokan zu schwimmen, also nehmen wir ein über 100 Jahre altes Dampfschiff wie im Film, dass uns nach Svartlöga bringt. Die Dampfkessel können besichtig werden und der Heizerin beim Schippen der Kohle über die Schulter geguckt. Wir durchqueren Svartlöga in einer halben Stunde zu Fuß durch Wald – Autos, Straßen, Elektrizität, Zäune und Reklame gibt es auf der gesamten Insel nicht. Dafür ein Bilderbuchdorf, mit einem Haus schöner als das andere, rund 100 Jahre alt, wir können uns nicht satt sehen.
Am Meer stehen kleine Boots- und Fischerhäuser, ein Steg lockt ins Wasser, wir springen hinein und lassen uns anschließend von der Sonne und dem Wind trocknen. Die Möwen kreischen, die Wellen schwappen gegen das Holz – herrlich, Ferien auf Saltkrokan!

Doch unsere Fahrt geht weiter, hoch in den Norden! Nach Lulea ist es die Längste unserer Reise, zwei Stunden entfernt findet sich Jokkmok, ein kulturelles Zentrum der Sami. Im Winter findet dort der größte Kunsthandwerker Markt der Sami weltweit statt und es gibt ein tolles Museum. Die Sami blicken auf eine rund 10.000 Jahre alte Kultur zurück. 75.000 Sami gibt es in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland noch. Ursprünglich lebten sie vom Fischen und Jagen, die Rentierzucht kam erst im 17. Jahrhundert dazu. Früher zogen sie über weite Strecken mit ihren Herden mit und lebten als Nomaden in Zelten. Heute sind sie sesshaft, haben Internet, Smartphone und Schneemobil. Ihr ursprünglicher Glaube berufts sich auf die Natur, als deren integralen Bestandteil sie sich sehen. Im 18. Jahrhundert begann die evangelische Kirche, die Sami zu missionieren. Heute haben die Sami eigene Flaggen. Samisch ist die Sprache der Ureinwohner.


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