Erzählung

Löwentränen

METALLICA: „Nothing Else Matters“ (1991), Black.

**** LIEBESLEBEN
Eine neue Liebe ward geboren,
sie küsst sich lange und spaziert am Strand.
Sie picknickt
bei Sonnenuntergang am Meer.
Sie entdeckt die Welt
neu.
Sie liebt
leidenschaftlich, ergeben, innig,
stürmisch, unersättlich, sich verlierend.
Sie entwickelt sich
symbiotisch zur Religion, zur Gottheit.
Sie scheint
unbesiegbar, unerschütterlich, allumfassend.
Sie schwört
den Bund fürs Leben.
Sie schafft
ein gemeinsames Universum.
Sie zeugt
eine neue Liebe.
Sie wächst heran
zur großen, alles verschlingenden,
auszehrenden, ewig währenden Liebe.
Sie fliegt
auf ihrem Höhepunkt.
Sie lacht, sie feiert, sie liebt, sie gluckst
vor Freude.
Sie gebärt aus Überschwang
weitere Lieben,
will kein Ende finden.
Sie zittert,
sie wankt.
Sie klagt an,
sie zweifelt, sie bricht, sie stürzt.
Sie will noch einmal so lieben, nur einmal,
um jeden Preis.
Sie erlischt,
Stille, ist sie gestorben?
Findet sie
eine neue Liebe?
Das Leben verband sie für immer,
unmöglich, es auszutricksen
und mit einer neuen Liebe
von vorn zu leben!
Eine neue Liebe
kann für immer lieben.
Aber eine neue Liebe
kann nicht von Neuem beginnen zu leben.
Das Leben lebt
immer weiter.
Die Liebe liebt
immer weiter.

Anke KÜHNE: „Löwentränen“ (2024), S. 50 f.

Foto: Lykka KÜHNE (2024).

**** VERLOREN
Verloren, sehe ich mein winziges Baby
dort in einer sterilen Plastikwanne liegen,
mit Löchern in der Außenwand,
aus denen hygienische Latex-Handschuhe baumeln,
falls ich sein Körperchen anfassen möchte;
verloren, ohne den tröstenden, vertrauten, beruhigenden
Herzschlag seiner Mutter;
verloren, ohne die Geborgenheit spendende Wärme;
verloren, ohne einen nicht enden wollenden Nahrungsstrom;
verloren, ohne den haltgebenden sanften Druck;
verloren, das Mama-Paradies.


Verloren, der Bruder,
der mit seinen kleinen Füßchen Tritte in den Po verpasst,
sein viel schwächerer und schnellerer Herzschlag
als der seiner Mutter;
verloren, das Einssein, Unzertrennbarsein und Ganzsein mit ihm;
verloren, unendliche Sicherheit und Geborgenheit,
für immer.


Verloren, an Schläuchen, Elektroden und Kabeln,
bewegungsunfähig;
verloren, unter einer Atemmaske,
auf Nase und Mund gepresst,
mit einem strammen Gummiband
um das Köpfchen befestigt;
verloren, im grellen, gleißenden, blendenden
Licht der Neonröhren,
die Augen zusammengekniffen;
verloren, im ständigen Piepen lebensrettender Maschinen,
begleitet von herbeieilenden hastigen Schritten;
verloren, vom folgenden, markerschütternden Brüllen,
bis die Stimme versagt,
oder Wimmern und dem dumpfen Aufschlag
eines erschlaffenden Körpers
oder verzweifeltem hemmungslosen Schluchzen,
bis es bricht, erstickt, erstirbt, erlischt;
verloren, im kalten medizinischen,
lebensrettenden Fortschritt.


Verloren, sieht sie vor ihrem inneren Auge
ihre alten Patienten
in Gefängnissen aus Gitterbetten liegen,
verschrumpelt und verwelkt wie ein Blatt;
verloren, mit knisternden porösen Knochen,
schwerhörig, mit trübem Blick,
gefangen in einer Blase
ohne Gerüche, Geschmäcker, Bilder, Gefühle oder Geräusche,
unfähig, die Umgebung wahrzunehmen, aufzunehmen,
sich mit ihr auszutauschen;
verloren, die Lungen schwerfällig und röchelnd füllend,
Sinnlosigkeit mit jedem Atemzug aufnehmend;
verloren, in Urin und Kot liegend,
sich windend, dahinsiechend;
verloren in lebensverlängernder Medizin.


Verloren, ohne die tröstende mütterliche Brust;
verloren, ohne den zärtlichen Blick ihrer Kinder
auf ihnen ruhend;
verloren, ohne die Arme ihrer Enkel,
sie umschlingend, haltend, wiegend, schaukelnd,
Sicherheit, Geborgenheit gebend und Trost spendend;
verloren, ohne den Klang der vertrauten Stimme
ihrer großen Liebe,
beruhigend, liebkosend;
verloren, ohne Mutter, Partner, Kinder, Enkel und Urenkel.


Verloren, in Gefängnissen der Seele,
in Panikattacken und Angstschweiß gebadet;
verloren, ihres Schmuckes beraubt, ihrer Würde,
ihrer Hoffnungen und Träume, ihres Glaubens,
den Teufel in jeder schwarzen Nacht und jeder dunklen Ecke
lauernd wähnend, den Sensenmann auch,
sich bestraft fühlend, die Qualen ahnend,
die Hitze des Fegefeuers erwartend,
gepeinigt, gedemütigt, erschöpft, aufgebend;
verloren, jede Menschlichkeit
in den Verwahranstalten unserer Mütter und Väter,
unserer Omas und Opas,
unserer Großtanten und Großonkel.


Verloren wie am Anfang,
so am Ende.

Anke KÜHNE: „Löwentränen“ (2024), S. 102 ff.

Cover: BoD (2024).

//// BABY
Sie will so gern noch ein Baby/
sie träumt von winzigen Fingerchen und Füßchen/
in dem Augenblick/ in dem es geboren ist/
wünscht sie es sich von ganzem Herzen/
sieht sie es bereits/ liebt sie es bereits/
ich nicht/ damit stirbt unsere Liebe/
damit stirbt es/ ich töte es/
sieben sind es noch/ sieben prächtige/
sieben Paar winzige Fingerchen und Füßchen/
der Schmerz/ unendlich/ zerstörerisch/
aber wir haben doch eins?/
wieso das nicht einfach lieben?/
wieso noch eins wollen?/ sehnen …/ wünschen …/
wenn das doch so viel ist/ manchmal sogar zu viel ist/
ich verstehe dich nicht/ du lebst das doch gar nicht/
sei doch zufrieden/ mit dem, was du hast/
du hast so viel/ wir haben so viel/
mehr als viele andere/
manchmal sogar mehr als alle anderen/
manchmal sogar viel zu viel …

Anke KÜHNE: „Löwentränen“ (2024), S. 87 f.

Bild: Bjarne KÜHNE: „Mamaherz“ (2019).

Bild: Fiete KÜHNE: „Herzmama“ (2019).

Frankfurter Buchmesse

#fbm24 is read!ng:
„Löwentränen“ ist dabei!

„Meet the Author“: Trefft mich und meine Neuerscheinung „Löwentränen“ vom 16. bis 20. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse, in Halle 1.2 an Stand H52!

I’m so exciting!!! Und auch meine ganze Familie ist schon mega im Frankfurter Buchmessenfieber! Für mich ist es das größte Event dieses Jahres. Ich war noch nie mit einem Buch von mir dort vertreten und habe schon als Kind davon geträumt …

Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass mein Traum mal wahr wird! Da ist zum Beispiel die „Frankfurt Kids“. Während ich noch vor wenigen Jahren meinen eigenen drei Rackern täglich abends über eine Stunde vorlas, lesen sie inzwischen mir vor …  So zieht etwa meine zwölfjährige Tochter an ein bis zwei Abenden Bücher mit mehreren hundert Seiten weg und ich bin echt dankbar, dass ich mich nicht durch Katzenkriege kämpfen muss! Vielleicht finden wir Alternativen auf der diesjährigen „Frankfurt Kids“?

Mein achtjähriger Sohn schafft inzwischen auch schon Bücher mit über hundert Seiten und hat das letzte „Bitte nicht öffnen – knautschig“ sofort als es rauskam, alleine von seinem Taschengeld gekauft! Er freut sich auf die Kostüme der Lesefans. Sein Zwillingsbruder lernt gerade von Theodor Fontane „Herr Ribbeck von Ribbeck“ für die Schule auswendig, indem er sich das Gedicht als Rapp auf Spotify vorsingen lässt. Er hofft auf noch mehr Nützliches für die Schule …

Ab Mittwoch, den 16. Oktober 2024 sind in Frankfurt tausende Verlage, Autoren, Buchhändler und Künstler aus etwa 100 Ländern zu Gast. Auch einige Promis sind angekündigt, wie Paul Maar, Hape Kerkeling, Elke Heidenreich, Heinz Strunk, Charlotte Link, Sandra Hüller, Otto Walkes, Thomas Gottschalk, Katja Riemann und Thomas Hitzelsperger.

Italien ist dieses Jahr Ehrengast. Ich dachte dabei spontan an Reiseführer über die hügelige Toskana, Kochbücher zum cremigsten Eis der Welt und Fachbücher über hervorragende Winzer und ihre Weine … Doch damit lag ich falsch! In Rom ist die rechteste Regierung der Nachkriegszeit an der Macht: Das hat Konsequenzen, auch für die Literaturszene. Mit einem offenen Brief haben sich rund 40 Schriftsteller auch an den Frankfurter Buchmessen-Direktor gewandt. Die Verfasser urteilen hart über den „Störfall Roberto Saviano“. Der Ausschluss des weltbekannten, von der Mafia verfolgten Schriftstellers aus der offiziellen Buchmessendelegation Italiens, hatte Ende Mai zu einem Eklat geführt. Was in ihrem Heimatland geschehe, schreiben die Autoren in ihrem offenen Brief, sei „innerhalb Europas inakzeptabel und mit einer gesunden Demokratie nicht zu vereinbaren“.

Ich bin sehr gespannt, was mich noch alles erwartet …?!

Erzählung

Löwentränen

Akofa und Amari, zwei afrikanische Geschwister, werden gemeinsam adoptiert und wachsen in Schweden auf. Als junge Erwachsene versucht sich Akofa in Stockholm als Journalistin. Als sie ihrer großen Liebe Freja begegnet und die beiden Frauen heiraten, scheint Akofas Glück perfekt. Doch Schreibblockaden bereiten ihr zunehmend Probleme. Als Freja, nach mehreren Versuchen mit künstlicher Befruchtung, immer wieder Fehlgeburten erleidet, gerät Akofas Leben aus den Fugen. Sie reist zusammen mit Freja nach Ghana und sucht dort nach ihren Wurzeln. Ein überraschendes Ereignis lenkt Akofas Leben in neue Bahnen …

„Löwentränen“ ist eine vielschichtige Erzählung über Liebe und Verletzlichkeiten.

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Erzählung

Löwentränen

Im Land der Löwinnen

„Akwaaba!“
„Wose? Ka yo bio?“
„ƐnyƐ hwee!“

Große, fast schwarze Augen schauen mich an. Freundlich, beinahe sanft ruhen sie auf mir. Der Mund formt ein geduldiges Lächeln. Die Haare hat sie eng am Kopf zu Rastazöpfen geflochten. Sie ist groß, genauso groß wie ich und trägt ein farbenfrohes Kleid, das hinunter bis zu ihren Füßen reicht, die in Flipflops stecken. Auf dem Kopf balanciert sie einen Topf mit Wasser. Um die Brust hat sie ein Tuch gewickelt. Daraus lugen an ihrer Taille winzige rosafarbene Füßchen hervor. Mein Herz kribbelt vor Glück. Sie bemerkt es vor mir. Mit den Hände greift sie hinter ihren Rücken und zaubert ein Baby hervor. Seine Augen schauen mich ebenso so sanft, wie die seiner Mutter.

Die Frau fragt, ob sie mich berühren dürfe, sie hätte noch nie tätowierte Haut angefasst. Ich nicke. Sie streichelt über meinen Unterarm. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass die Berührung einer Fremden so angenehm sein kann. Sie fragt: „Wie heißt du?“ Ich antworte: „Akofa!“ Sie sagt: „Oh, das ist ein afrikanischer Name! Er bedeutet: die mit dem frohen Herzen. Deine Mutter muss voller Hoffnung und mit positivem Denken erfüllt gewesen sein, als sie mit dir schwanger war.“

Sie nimmt meine Hand in ihre und fährt mit dem Finger meine Lebenslinie entlang, während sie meine Hand dichter zu sich heranzieht. Die Frau erzählt weiter: „Deine Mutter war voller Freude und Optimismus, als sie erfuhr, dass sie dich bekommt. Sie hoffte auf eine glückliche Zukunft für dich … Aber ich sehe große Trauer, Verlorenheit und Schmerz in dir.“ Sie zieht eine Augenbraue hoch und schaut mir in die Augen. Tränen schießen mir in die Augen. Meine Knie werden weich, mein Magen krampft und in meinem Hals bildet sich ein riesiger Trauerkloß. „Hören Sie sofort auf!“, presse ich verzweifelt hervor. Sie streichelt liebevoll meine Hand und ich berhige mich.

Ob ihr Baby mich auch anfassen dürfe? Ich nicke wieder. Sie nimmt das winzige Händchen, spricht leise ein paar Worte, singt sie eigentlich eher, und führt die Fingerchen auf meinen Arm. Das Baby quietscht vergnügt. Ein warmes Lachen fließt aus mir. Bin das wirklich ich? Immer mehr Mütter umringen uns, auf dem Rücken ihre Babys tragend, auf dem Kopf Körbe mit Brot oder Wannen mit Wäsche oder Töpfe mit Fufu. Die Fremde hält mir ihr Baby hin, damit ich es auf den Arm nehmen kann. Ich denke mir: Akofa, es fängt bestimmt gleich an zu weinen! Sobald es von seiner Mutter getrennt ist, glaub mir … So kenne ich es aus Schweden. Aber das Baby schaut mich nur neugierig an. Ein Gefühl der Liebe durchströmt mich. Die Mutter lacht und fragt: „Akofa, kann ich auch deine Haare anfassen?“ Ich wundere mich kurz, dann fällt mir ein, dass ich sie glätte: „Natürlich!“ So weich, findet sie die. Sie nimmt die Hand ihres Babys, ich senke den Kopf. Das Baby zieht an meinen Haaren und gluckst vergnügt.

Akwaaba: fühle ich auf meiner Haut. Akwaaba: höre ich in jedem Lachen. Akwaaba: rieche ich im Duft der orangefarbenen Erde. Akwaaba: schmecke ich im Fufu. Akwaaba: sehe ich in den Gesichtern. Ich freue mich, dass ich diese Reise wage. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich von ganzem Herzen willkommen! Löwentränen (2024), S. 8f.

Ich fahre mit dem Bus von Acra nach Norden. Ich will mir eine Goldmine in Obuasi ansehen. Es dauert einen ganzen Tag lang von Ghanas Hauptstadt aus, obwohl sie nicht mal 300 Kilometer entfernt liegt. Der Bus schaukelt hin und her. Dabei wirbelt er auf den gelben sandigen Schotterpisten jede Menge Staub auf. Der Fahrer tanzt mit dem Bus wie eine Schlange zwischen tiefen Löchern und einem nicht enden wollenden Strom des Gegenverkehrs. Er kann das gut, keine Frage und geht‘s zügig, fährt er 40 Stundenkilometer. Phasenweise kommt er jedoch einfach nur im Schritttempo voran. (…)

Etwa 150000 Familien arbeiten in Ghanas Minen. Unzählige barfuß und ohne Schutzkleidung, einige sogar hochschwanger. Löwentränen (2024), S. 22.

Liebesleben

Wenn wir Urlaub haben, kommt sie trotzdem um sechs Uhr in der Frühe. Sie klingelt und beginnt im Schlafzimmer, die Betten müssen schließlich gemacht werden. Anfangs kommt sie, ohne vorher zu Klingeln, mit dem Schlüssel ins Haus. Mein Herz setzt einige Male aus, weil sie plötzlich wie aus dem Nichts vor mir steht. Es dauert Monate, bis sie sich ans Klingeln gewöhnt.

Ich ermahne mich immer wieder: Akofa, du wirst bald Mutter und Freja braucht dringend Hilfe! Löwentränen (2024), S. 63.

Die Unbeugsame

Irgendwann fragt sie mich, ob wir ein Baby erwarten. Es ist nicht nur ihre erste an mich gerichtete Frage, es ist die erste persönliche Ansprache überhaupt. Als ich bejahe, ändert sich ihre Körpersprache komplett.

Sie strahlt über’s ganze Gesicht, als sie auf Englisch sagt: „Ah, das habe ich schon geahnt. Eine Mutter spürt so etwas mit dem Herzen.“ Sie breitet ihre Arme aus und drückt mich an sich. Ihre Augen funkeln. Löwentränen (2024), S. 83.

Sie verließ ihre Kinder, damit sie ein besseres Leben haben, als sie selbst! Nun scheint dieses Opfer vergeben … Akofa, wie tragisch ist das denn bitte?!! Aber Alice kämpft trotzdem weiter klaglos für ihre Tochter. (…)

Wir schauen uns in die Augen. Ich sehe ihren Schmerz, ihre Trauer, sie scheint greifbar zwischen uns. Wir umarmen uns. Wir weinen stumm … Löwentränen (2024), S. 90.

COMING SOON!

Meine Erzählung Löwentränen erscheint im Sommer 2024!

Erzählung

„Löwentränen“

Sie hatte wunderschöne Beine. Ich meine, nicht irgendwie schöne Beine. Sondern solche, nach denen man sich umdrehte. Man sah die Frau mittleren Alters, nicht besonders hübsch. Kurze, blonde Haare, schwarze, dicke Hornbrille, vom Typ her maskulin und etwas verhärmt. Vom Schicksal? Der Arbeit? Wer weiß… Möglicherweise aus Langeweile, aber keinesfalls aus einer Hoffnung heraus, ließ ich den Blick an ihr herunter gleiten und sah ihre Beine: lang, wohlgeformt und braun. „Wow!“, schoss es mir durch den Kopf und nach ein paar Schritten dachte ich: „Hatte sie wirklich diese wahnsinnigen Beine?“ Ich konnte nicht anders, ich musste mich noch mal nach ihr umdrehen: ja, hatte sie!

https://youtu.be/ZEk15bOthcI

Meine Frau hatte nicht so zauberhafte Beine. Damit lag sie mir ständig in den Ohren. Lang, aber sie waren ihr nicht wohlgeformt genug. Schlank, aber sie maulte, dass sie zur Orangenhaut neigten. Auf den Knien fanden sich Sommersprossen, die alle ihre Liebhaberinnen süß fanden. Bis ich sie heiratete. Das Haar fiel ihr in roten Locken über die Schultern und ihre Haut blieb immer weiß. Braun wurde sie nie. Eher verbrannte sie vorher und warf schmerzhafte Blasen. Ihr Stiefvater zwang sie, im Sommer in Südfrankreich, ihre Haut der Sonne auszusetzen. Ich fragte sie, ob sie denn keine Sonnencreme dabei hatten? Sie vermutete, es war seine Rache an ihrem leiblichen Vater. Gleichzeitig konnte er ihre zart knospende Brust begaffen. Ich schweife ab… Anfangs war meine Frau eifersüchtig auf DIE SCHÖNEN BEINE. Später war sie nur noch dankbar für ihren eigenen Körper. Genauso wie ich. Mit unseren unperfekten Beinen konnten wir durch einen warmen Sommerregen rennen, mit unseren Kindern Seil springen, mit dem Rad einen steilen Berg hinunter sausen, auf einem rauschenden Schlossfest bis zum Morgengrauen tanzen, in einem See auf dem Rücken schwimmen und dabei den weißen Wolken, am knallblauen Himmel, bei ihrer gemächlichen Reise zu sehen oder in wilder Ekstase den begehrten Körper leidenschaftlich umschlingen…

Besonders dankbar waren wir dafür, dass es unsere Beine noch gab. DIE SCHÖNEN BEINE waren dagegen inzwischen längst von Maden und Würmern zerfressen. Verfault und verwest. Zu Erde geworden. Der Tod besiegte sie, aber war er nicht besser als ihr Leben?

DIE SCHÖNEN BEINE hatten Eierstockkrebs. Als DIE WEIßEN KITTEL den Tumor fanden, war er bereits Walnussgroß. In ihrem Körper blühten Metastasen. In der Niere, der Leber, der Wirbelsäule, des Darms… DIE SCHÖNEN BEINE freuten sich, dass die Lunge nicht befallen war. Als sie es mir erzählten, fragten sie mich: „Was trägt man zu seiner eigenen Beerdigung?“ Ich wusste nichts zu erwidern. Zur Erfüllung ihres Kinderwunsches hatten DIE SCHÖNEN BEINE das Gleiche über sich ergehen lassen, wie meine Frau. So lernten wir uns kennen. Sie erklärten es mir und sich selbst so: „Wenn der Wunsch unendlich groß ist… Wenn er jahrelang immer verzweifelter wird. Wenn dein ganzes Sein nur noch aus diesem einen Wunsch zu bestehen scheint. Dein Kopf, mit all deinen Gedanken. Dein Herz, mit deiner ganzen Liebe. Dein Körper, mit jeder deiner Fasern. Dann bist du bereit, alles, wirklich ALLES zu tun! Auch, falls es Selbstmord wäre.“ Obwohl ich ebenfalls gerne Mutter werden wollte, kannte ich dieses allesverschlingende Verzehren nicht. Manchmal plagten mich deshalb Gewissenbisse. Wenn meine Frau mit bleichem Gesicht auf ihrem Kopfkissen lag. Und zwischen dem Weißton des Bettleinens und ihrer Haut kein Unterschied auszumachen war. Oder bildete ich mir das ein? Weil es dunkel war und der Mond, der durch das Fenster schien, die einzige Lichtquelle bildete? Ihre Sommersprossen zeichneten sich schwarz auf ihrem Gesicht ab. Die Locken lagen wirr um ihren Kopf verteilt, quollen über den Rand ihres Kissens hinaus und machten sich auf dem Laken breit. Bis ihnen mein Kissen eine Barriere bot, über die sie sich nicht hinweg zu setzen vermochten. Ihr Gesicht war selbst während der Nachtruhe angespannt. Ihr Schlaf war unruhig. Ihr Atem ging leise und unregelmäßig. Ich lag stundenlang wach in dieser Zeit. Sie tat mir leid und ich wünschte mir, wir kämen irgendwie raus aus dieser Nummer. Ich sehnte mich nach unserem alten, unbeschwerten Leben. Gleichwohl wusste ich natürlich nur allzu gut, dass es nie wieder so werden würde, wie früher…

100, 101, 102, leiser Schnarcher. 103, 104, 105, 106, 107, unruhiges Hin- und Herschlagen mit dem Kopf. 108, Zähneknirschen? 109, 110, 111, 112, 113, zur Seite Strampeln der Decke. 114, 115, 116, Mitternacht. Noch fünf Stunden bis zum erlösenden Klingeln des Weckers. 117, was taten wir bloß?

Meine Frau krümmte sich vor Bauchschmerzen. Wie zum schlechten Scherz, wölbte sich ihr Unterleib, gleich dessen einer Hochschwangeren. Winzige Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn und ihrer Oberlippe. „Ich fahre dich jetzt ins Krankenhaus!“, sagte ich energischer, als beabsichtigt. Ich rechnete mit Gegenwehr. „Nein“, stöhnte sie, „mach mir noch einen Proteinshake! DER WEIßE KITTEL meinte, ich solle so viel Eiweiß wie möglich zu mir nehmen und reichlich trinken.“ Ich sah sie zweifelnd an. Verschwand dann in die Küche und machte ihr den fünften Proteinshake des Tages. Als ich ihn ihr reichte, versuchte ich mit der schmeichelhaftesten Stimme, die mir in dieser angespannten Situation möglich war, zu sagen: „Falls es dir nach diesem Glas nicht besser geht, müssen wir in die Klinik fahren!“ Ich rief vorsorglich schon mal die Notfallnummer an, die wir vom Kinderwunschzentrum erhielten. Falls sich etwas Beunruhigendes am Wochenende zutragen hätte oder abends. Was aber so gut wie nie vorgekommen wäre, wir sollten uns auf keinen Fall sorgen. Eine Handynummer. Für meinen Geschmack klingelte es unnötig lange. „Ja?“, endliche eine Stimme. Im Hintergrund Kindergeschrei und Hundegebell. Laute aus einer anderen Welt, nach der wir uns zu sehr sehnten. Und das mit dem Tod meiner Frau hätten bezahlen sollen? Ich riss mich zusammen und schilderte DEM WEIßEN KITTEL den Zustand meiner Frau. Er klang betont verständnisvoll, als er sagte: „Es tut mir leid, aber sie müssen sich sofort auf den Weg ins Krankenhaus machen.“ Als ich es meiner Frau erzählte, gab sie ihren Widerstand endlich auf. Ich fuhr sie in die Klinik. „Hyperstimmulationssyndrom! Es hätte tödlich enden können“, stellte DER WEIßE KITTEL nüchtern fest, als er ein Ultraschall des Eierstocks meiner Frau machte. „Bitte was?“, fragte ich. DER WEIßE KITTEL zeigte auf den Monitor. „Das ist der Eierstock. Er ist riesig, weil ihn 17 reife Eizellen aufpusteten, wie einen Ballon. Und er ist voller Flüssigkeit. Der Körper ihrer Frau muss zugepumpt sein mit Hormonen.“ Meine Liebste sagte, wie zur Entschuldigung: „Ich spritze mir die Hormone seit über einem Monat täglich selbst in den Bauch. „So was habe ich noch nie gesehen“, erwiderte DER WEIßE KITTEL. „Ich geben ihnen eine Infusion. Sie werden es schon schaffen!“ Er klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter. „Ja, hoffentlich!“, antwortete sie. „Wäre blöd, falls nicht! So kurz vorm Ziel…“ Ich küsste sie auf die Stirn. „Sag so etwas nicht! Das wichtigste ist deine Gesundheit! Vergiss das nie.“ Sie lächelte matt.

Zwei Tage später war sie fahrtauglich. Es reichte zumindest um im Beifahrersitz zu hängen. Ich fuhr ohnehin lieber Auto, als sie. Es ging nach Dänemark. Wir hatten uns ein besonders schönes Hotel gegönnt. Doch von den Dingen um uns herum nahmen wir keinerlei Notiz. Ich durfte meine Frau zur Operation begleiten. Wir wurden getrennt voneinander vorbereitet. Ich bekam einen weißen Kittel, dessen Knöpfe sich auf dem Rücken befanden. Wie zur Hölle hätte ich da bitteschön alleine reinkommen sollen? Egal, ich setzte eine grüne Haube über meine Haare. Und nahm den weißen Mundschutz. Ich wartete in einem kleinen Raum ohne Fenster. Er war weiß gekachelt und mit einer grellen Neonlampe an der Decke ausgeleuchtet. Es gab ein Waschbecken, daneben einen Seifenspender und Desinfektionsmittel. Dann noch eine Pritsche, auf die ich mich setzte. Das war’s. Es dauerte ewig. Ich hatte Sorgen um meine Frau. Ich konnte nicht stillsitzen. Ich stand auf und drehte Runden um die Pritsche. 51, 52, 53, boah war das stickig und ich konnte nicht mal ein Fenster öffnen. 54, 55, 56, 57, 58, ich verschränkte die Hände beim Gehen hinterm Rücken. So wie ich es manchmal bei WEIßEN KITTELN beobachtet hatte. Warum taten die das? 59, ich krallte meine Fingernägel so fest ich konnte in meine Hände, bis ich den Schmerz nicht mehr aushielt. 60, 61, 62, was machten die bloß so lange? 63, 64, 65, 66, 67, ich bekam immer schlechter Luft. Mein Hals fühlte sich wie eingeschnürt an. Ich hatte Angst um meine Frau. 68, Panik stieg in mir auf. Wenn ich schrie, hätte mich dann jemand gehört? Wieso gab es keinen Alarmknopf, den ich hätte drücken können? 69, 70, 71, war es in Krankenhäusern nicht Vorschrift, dass es in jedem Raum einen Alarmknopf gab, den man im Notfall hätte drücken können? 72, vielleicht war das in Dänemark anders? 73, 74, 75, ich hätte die Scheibe des Knopfes für Feueralarm einschlagen können. 76, wenn nicht gleich jemand gekommen wäre, hätte ich das gemacht! 77, 78, 79, 80, 81, jetzt! Die Tür flog auf. „Na, dann wollen wir mal“, sagte DER WEIßE KITTEL gut gelaunt und stürmte durch den kleinen Raum weiter in den OP. Meine Frau lag noch bleicher als des nachts auf einem Stuhl, wie beim Gynäkologen. Keine einzige ihrer widerspenstigen roten Locken schaffte es, sich durch die grüne OP-Haube zu drängen. Ich versuchte ihr aufmunternd zuzulächeln, doch ich spürte, wie sich mein Gesicht zu einer Grimasse verzerrte. Sie hatte Tränen in den Augen. Meine arme Kleine! „Es geht ganz schnell! Ich entnehme die reifen Eizellen durch die Scheide“, sagte DER WEIßE KITTEL. Unter Narkose gelang es ihm 15 Eizellen zu bergen. Im Labor verschmolzen die Eizellen mit dem Samen. Wir entschieden uns für einen Spender, der zwar seinen Namen preisgab, aber keine Begegnung mit dem Kind wollte. Wir wollten ebenfalls keinen Kontakt. Unser Kind würde mit 18 Jahren selbst entscheiden, aber war das nicht feige?

Der Spender war Däne. Das gefiel uns. Wir suchten nach dänischen Namen für unser Kind. 13 Eizellen erreichten das Vorkernstadium. Lillith, Kerstin, Ben, Inga, Ole, Marie, Lasse, Mia, Linus, Rasmus, Lilli, Mads und Ida. Es war das Anfangsstadium der Befruchtung. Aus den Keimzellen bildete sich der Vorkern. Er enthielt den halben Chromosomensatz meiner Frau. Zur anderen Hälfte den des Spenders. Ich war genetisch nicht an unserem Kind beteiligt. Ob mich das störte? Nein! Ich war nicht darauf aus, meine Gene fortzupflanzen. Ich wollte Mutter sein. Es war immer klar, dass meine Frau unsere Kinder bekommt. Wir fanden es beide eher befremdlich, wenn heterosexuelle Frauen begeistert ausriefen: „Oh wie toll, wenn Ihr lesbisch seid, dann könnt ihr ja immer abwechseln ein Kind bekommen oder noch besser, beide gleichzeitig! Und zusammen auf der Couch liegen. Euch über eure Wehwehchen austauschen und das erste Jahr gemeinsam in Elternzeit verbringen!“ Geradezu verstörend waren Bemerkungen, wie: „Warum tut ihr euch das mit der künstlichen Befruchtung an? Einmal mit ‘nem Kerl in die Kiste zu hüpfen, da ist doch nichts dabei! Ist doch für einen guten Zweck, haha.“ Ich war solche Bemerkungen seit meinem 17 Lebensjahr gewohnt, als ich meiner Mutter anvertraute: „Ich stehe nicht auf Jungs, ich liebe Mädchen.“ Völlig unvermutet traf sie mich mit einem Messerstich direkt ins Herz, als sie antwortete: „Mir wär’s lieber, du wärst tot.“ Später versuchte sie sich zu rechtfertigen, indem sie sagte: „Ich dachte, dass ich niemals ein Enkelkind bekäme.“ Die Wunde verheilte bis heute nicht, aber war meine Mutter nicht auch irgendwie zu verstehen?

Zwei befruchtete Eier setzte DER WEIßE KITTEL in die Gebärmutter meiner Frau ein. Sie war bei Bewusstsein. Ich hielt ihre Hand und wir verfolgten alles auf einem großen Monitor, der direkt unter der Decke befestigt war. Es waren zwei prächtige Achtzeller. Ida und Linus. Sofort durchströmte uns ein Gefühl der Rührung und Liebe. Ich redete mit ihrem Bauch wie zu einem Baby. Der Bluttest zeigte, dass Ida und Linus es nicht geschafft hatten. Trauer. Meine Frau hatte unsere Babys verloren… Einen Zyklus später, erneuter Versuch. Nach einem halben Monat Spritzen in den Bauch: grüne, gelbe und blaue Färbungen. Sie verliefen ineinander. Der Künstler hatte keinen Platz mehr auf der Leinwand, um weitere Farben aufzutragen. Meine Frau brach ab. Sie hatte Albträume. Angst, dass es wieder nicht geklappt hätte. Das Gefühl, die Hormone machten sie depressiv. Ich arbeitete viel. Meine Frau versuchte es wieder. Elf befruchtete Eier hatten wir einfrieren lassen. Lillith, Kerstin, Ben, Inga, Ole, Marie, Lasse, Mia, Rasmus, Lilli und Mads. DER WEIßE KITTEL taute vier Eier auf. Kerstin, Ben, Inga und Ole. Die beiden vitalsten setzte er ein. Inga und Ben. Was wurde aus Kerstin und Ole? Mord? Die Chancen bei aufgetauten Eiern waren geringer. Wir machten uns große Hoffnungen. Schwanger! Wir sollten ein Baby bekommen. Ein BABY! Inga hatte es geschafft, Ben nicht. Wir trauerten um Ben und sorgten uns um Inga. […]

Dank an Christian Gruber!

Die vollständige Geschichte erscheint in meiner Erzählung „Löwentränen“.