Go West!

Kanadas Herz mit seinen Wäldern und Seen

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Grüne Birken-, Espen- und Kiefernwälder. Dazu zahllose dunkelblaue Seen, ab und an schroffe Felsen oder Klippen an ihren Ufern. Leise plätschernde, kristallklare Bäche mit einfachen Brettern überspannt zur Brücke und über allem ein knallblauer Himmel. Das erwartet uns nur drei Stunden Fahrt von Toronto entfernt. Die Algonquin-Indianer waren vor rund 125 Jahren Namensgeber des riesigen Nationalparks. Sie durchstreiften das Land beim Jagen, Fischen und Beerensammeln. Der Park weist zahllose Wanderwege auf, von schwierig bis leicht, für wenige Stunden oder mehrere Tage. Wir laufen mit unseren Kindern zweieinhalb bis sieben Kilometer in etwa zwei Stunden. Nach der Hälfte machen wir eine lange Rast, ausschließlich um unsere Kinder zu motivieren. Die kurzen Strecken können die Jungs abwechselnd alleine laufen, mein Mann hat immer einen in der Rucksacktrage. Bei den längeren und schwierigen Wegen nehme ich den Zweiten zwischendurch Huckepack oder mein Mann nimmt ihn auf den Arm. Unsere Tochter läuft alles sehr gut selbst. Wir sehen Füchse, auch mit Welpen, Biber und zahlreiche Nagespuren, an den von ihnen gefällten Baumstämmen. Das beeindruckt unsere Kinder besonders. Die Schmetterlinge sind so groß wie Handteller, wir begegnen Baummadern und Wildgänsen, während wir im See schwimmen. Die Kinder sichten Fische, Eich- und Streifenhörnchen. Bei ihrer ersten Begegnung ruft unsere Tochter ganz aufgeregt: „Mama, Papa, ich habe ein Wildschwein gesehen! Ein Ferkel, winzig klein.“ Auf unsere Nachfrage, wie klein es denn gewesen sei, zeigt sie uns mit ihren Fingern einen Abstand von zehn Zentimetern und wir können ein Lachen nicht unterdrücken. Später sehen wir ein Stachelschwein. In Kanada heißen sie Baumstachler und ich schreie genauso laut und schrill vor Begeisterung, wie meine Tochter zuvor. Das führt bei dem Tier dazu, dass es vor Schreck alle Stacheln aufstellt und bei meinem Sohn dazu, dass er splitternackt aus dem Wohnmobil rennt. Damit bietet er ein gefundenes Fressen für zahllose stechende Insekten. Ich erstarre, als ich große, rote Tropfen Blut an meinem kleinen Kind überall am Hals, auf seiner Brust und seinem Bauch runterfließen sehe. Die Rangerin, die wir am Parkeingang aufsuchen, beruhigt mich auch nicht, als sie mir sagt, wie die kleinen Fiecher heißen. Black Flies sind mir nur aus Südamerika und Afrika bekannt. Dort gilt es, sich höllisch vor ihnen zu hüten, denn sie legen Eier unter die Haut. Ich ekelte mich so sehr, dass ich das nie vergass. Aber in Kanada legen sie keine Eier unter die Haut!
Wir entdecken auch wunderschöne Tiere, wie einen Blauhäher! Er sieht aus, wie ein in ein Tintenfass gefallener Eichelhäher – vom Kopf bis zu den Schwanzfedern blau! Außerdem begegnen wir einer Elchkuh mit ihrem Kalb und am Flussufer finden wir im Sand Spuren von Bärentanzen. Alle Tiere sind viel größer als in Europa, die Rehe vom Umfang wie Kälber. Unsere Jungs sagen: „Ich Tiere gucken!“, wenn sie losgehen, weil sie die Gewissheit haben, dass ihnen garantiert wieder eines über den Weg läuft. Wir haben ungewöhnliche 30 Grad und unsere Kinder springen begeistert in den See vor unserem Stellplatz. Sie planschen am Ufer und buddeln im Sand. Unsere Nachbarn sind hinter den Bäumen zu ahnen. Dazu haben wir eine tolle Feuerstelle nur für uns und grillen mit den Kindern Marshmallows am Stock, legen Maiskolben in ihren Blättern auf ein Rost überm Feuer und Kartoffeln in Alufolie in die Glut. Wir spielen Fußball, die Kinder sammeln Tannenzapfen und unsere Tochter legt damit Mandalas. Wir holen Feuerholz, hacken es und sammeln Wanderstöcke. Und wir fühlen uns zum ersten Mal in Kanada mitten in der Natur angekommen!