Go West!

Niagara Falls

Niagara Falls

Die Fahrt beginnt. Unser Wohnmobil bildet ein kleines Luxushaus auf Rädern, mit Toilette, Waschbecken und sogar Dusche mit Warmwasser. Das Schlafzimmer besitzt ein richtiges Doppelbett sowie einen winzigen, beleuchteten Kleiderschrank. Die Kinder lieben es, auf das Hochbett mit der Leiter zu klettern und die kleinen Gardinen zu öffnen und zu schließen. Die Küche verfügt neben dem Gasherd, auch über einen Backofen und sogar eine Mikrowelle. Außerdem gibt es eine Kühl-Gefierkombination, die so groß ist, wie in unserer ersten gemeinsamen Wohnung. Leider passen unsere zahlreichen Koffer nicht ins neue Zuhause und wir lassen die ersten beiden gleich an der Vermietstation zurück. Die weiteren Koffer stehen die nächsten Tage durchwühlt vor unserem Wohnmobil. Sie sind der Hingucker des Campingplatzes. Besonders Kinder bleiben mit offenen Mündern stehen und rätseln, was wir da alles mithaben, während ihre Mütter und Väter sie weiterzuziehen versuchen.
Für den Platz auf unserem ersten Campground werde ich gefragt, ob ich ein Zelt, ein Zelt mit Auto, ein Zelt mit Truck, ein Zelt mit Campervan oder ein Motorhome habe. Ein Wohnmobil also, mit wie viel Fuß Länge? Oha, da brauche ich etwas Zeit zum Nachrechnen… Wie viel Ampere wollen wir, 15, 30 oder 50? Und möchten wir eine „ride-truh-pull-site“? Eine was bitte? Einen Stellplatz mit extra viel Platz zum Ein- und Ausparken sowie der Möglichkeit durchzufahren, also ohne Rückwärtsfahren zu müssen? Ja, bitte, unbedingt! Ich gucke mir die entsprechenden Stellplätze auf dem Lageplan an, jeder einzelne ist mit Foto versehen und dann zahle ich 50 Euro pro Nacht! Du meine Güte, ich wollte den Platz doch nicht kaufen. Dafür stehen wir jetzt direkt vor dem Trampolin, in unmittelbarer Nähe des Pools und dem Spielplatz. Unsere Kinder freut’s!
Am nächsten Morgen fahren wir zu den „donnerden Wassern“, so nannten die Irokesen die Niagara Fälle. Wir fahren, für mich überraschend, nur anderthalb Stunden von Toronto. Ich hatte die Fälle entlegener erwartet. Gischt erfüllt die Luft und hüllt alles in einen leichten Nebel, es riecht würzig wie am Atlantik, das Wasser schimmert türkis-grün. Die kanadischen Horseshoe Falls sind rund 60 Meter hoch und fast 700 Meter breit. Es wäre wunderschön, doch der Rummel darum herum erstickt die Anmut des Naturschauspiels. Doch ich täusche mich, denn es handelt sich gar nicht um Natur, sondern um ein kleines Las Vegas. Von einem hässlichen und großen Plateau direkt vor dem Panorama, rasen immer drei Personen gleichzeitig, laut kreischend mit einem Karabiner an einer Zippline befestigt, entlang des Ufers auf die Fälle zu. Alternativ können Touristen auch mit dem Fahrstuhl zum Fuß der Wasserfälle fahren. Die gesamte Uferpromenade ist einbetoniert und bildet den Teil einer Stadt. In Niagara on the Falls auf kanadischer Seite, reiht sich eine Imbissbude an die nächste, Souvenirläden verstopfen Straßen und Wege. Ein Riesenrad, blinkende Leuchtreklame sowie Glücksspiel erwartet die Besucher und die scheinen es zu lieben. Aneinandergereihte Hotels in Wolkenkratzern entstellen die Kulisse der Niagarafälle zusätzlich. Über den „donnernden Wassern“, fliegen heute donnernde Helikopter für zehnminütige Rundflüge. Zu Fuß der Fälle sind unzählige Boote unterwegs, an Board dichtgedrängt Touristen in quietschroten Regencapes auf kanadischer Seite sowie leuchtend blauen Regencapes auf Seite der Vereinigten Staaten Amerikas. Denn die Niagara Falls bilden die natürliche Grenze. Doch auf kanadischer Seite ist die Sicht auf die Fälle besser, weil sich die Wassermassen von den USA nach Kanada abwärts ergießen. Auf US-amerikanischer Seite findet sich der gleiche Rummel noch einmal.
In den 1950er Jahren begann der Bau der ersten Kraftwerke. Die Wassermassen fließen oberhalb der Fälle in unterirdische Kanäle, die Turbinen zur Stromgewinnung betreiben. Nur die Hälfte der Wassermassen und nachts sogar nur ein Viertel, erreichen noch die Niagarafälle. Sie ergießen sich ausschließlich – vertraglich gesichert – für die Touristen.
Mein kleiner Sohn zeigt mit seinem Finger auf die Boote und ruft: „Vögel, Vögel“. Aus der Ferne mutet die Szenerie tatsächlich an Kanarienvögel zu Wasser an. Vielleicht empfinde ich nicht so konservativ und öffne mich dem modernen Naturwunder.
Des Nachts träume ich, in einem quietsch-gelben Regenumhang eine Wasser-Loopingbahn zu fahren. Am nächsten Morgen beschließen wir weiterzufahren, in unseren ersten Nationalpark Kanadas.