Go West!

Wal-Fahrt

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Jetzt haben wir etwas wirklich Großes vor: Wir pilgern zu den gigantischen Meeressäugern, die im warmen Lorenzstrom vor der Küste dümpeln. Die Wale bringen ihre Jungen bei Tadoussac zur Welt. Die ganze Stadt gründet sich nur auf dem Wal-Fieber. In der Hauptsaison karren Busse Menschenmassen an und diese ergießen sich über die Dünen bis zum Fjord. Wir sind früh dran, noch vor dem großen Peak. Das hat den Vorteil, dass alle in der kleinen Stadt, in der die Touren beginnen, gut gelaunt sind und die Stimmung entspannt ist. Leider haben die Campingplätze noch nicht geöffnet. Wir sind jedoch inzwischen so eingespielt, dass wir am Straßenrand nächtigen. In Kanada gilt, wie in weiten Teilen Skandinaviens, das Jedermannsrecht. Also können wir uns außer auf Privatgrundstücken, in Naturschutzgebieten und wo es ausdrücklich verboten ist, überall übernachten. Es versteht sich von selbst, dass vor allen schönen Stränden ein dickes Verbotsschild steht. Wir fahren jeden dritten bis sechsten Tag eine längere Strecke. Die Reisetage sind nicht sehr beliebt bei unseren Kindern. Daher starten wir meist gleich morgens um sechs Uhr, vor dem Frühstück. Die erste Stunde essen die Kinder und merken gar nicht, dass wir schon unterwegs sind. Wer immer von uns fährt, ist so müde, dass er es ebenfalls nicht merkt. Der Tag liegt vor uns und wir können uns viele Pausen gönnen. Einer von uns sitzt hinten und das ist vordergründig sehr gemütlich, mit Tisch und Sitzbank in U-Form um diesen herum. Wir lesen den Kindern vor, auch wenn das Gebrüll bereits nach zehn Minuten groß ist, weil keiner etwas sieht und jeder das Buch selbst in den Händen halten will. Dann ist es ratsam das Medium zu wechseln und etwas mit ihnen zu singen. Das klappt mindestens weitere 20 Minuten. Und dann fordern die lieben Kleinen auch schon eine Pause. Wir tricksen erfolgreich bei den ersten Stops des Tages und lassen die Kinder das schmutzige Wasser in unseren Tanks, in den dafür vorgesehenen Dup-stations entsorgen. Sie befüllen auch gutmütig den 200 Liter fassenden Bezintank, was etwa zehn Minuten dauert oder erledigen den Wocheneinkauf. Ab mittags haben sie wirklich keine Lust mehr zu fahren, Malbretter und Stifte fliegen jetzt durch die Gegend und selbst einfache Gesellschaftsspiele, wie „Tiere füttern“, müssen dran glauben und bei einem Wutanfall wird das eben noch heiß geliebte Pferd in Stücke gerissen. Ja, damit wäre es aus, aber wir kennen unsere Kinder und haben entsprechend mehrere Spiele-Sets dabei. Und auch nur kooperative Spiele, für Gewinner ist unser Wohnmobil definitiv zu klein. Nachmittags holen wir die technischen Geräte heraus: sie hören Musik auf dem Tonie, lesen TippToi-Bücher oder unsere Tochter löst Aufgaben mit dem MiniLük. Das hilft für eine ganze Weile. Außerdem gibt es in den wunderschönsten Lagen immer eine „Halte municipal“. Das sind Picknickplätze mit Bank, Tisch und Dach, bunt angemalt und mit Blumenkästen verziert, an denen wir herrlich speisen. Wenn wir uns dem Abend nähern, reicht auch das nicht mehr. Unsere beruhigenden Aufmunterungen, dass wir gleich da seien, durchschauen unsere Kinder sofort. Sie setzen zur Gegenwehr an, indem sie gefühlt alle fünf bis zehn Minuten mal auf Toilette müssen. Unsere Jungs gehen erst seit kurzem aufs Töpfchen und sind jüngst in Kanada tagsüber komplett trocken. Wie freuten mein Mann und ich uns darüber! Bei Zwillingen ist die Freude tatsächlich doppelt so groß. Und stolz sind wir gewesen, dass sie so früh keine Windeln mehr brauchen. Aber jetzt schlägt das Imperium zurück: Wenn wir nicht sofort nach einem wütend gebrüllten „Töpfi“ rechts anhalten, landet’s halt im Autositz. Okay fairer Weise füge ich hinzu, dass es auch den Warnruf: „Töpfi! Ich großer Stinker machen!“ gibt und wir die Chance bekommen, mit einer Vollbremsung und Warnblinker Schlimmeres zu verhindern.
Derjenige, der hinten mit den Kindern sitzt fühlt sich recht unwohl, weil er oder ich nicht aus dem Fenster gucken kann. Die Scheiben haben wir im Rücken und hinter den Kindersitzen. Außerdem ist das hohe Wohnmobil enorm windanfällig und die damit verbundenen Schwankungen erinnern eher an eine Schiffsfahrt. Ich schwanke noch Stunden später. Zudem sind die Straßen unerwartet schlecht, mit vielen Schlaglöchern, denen wir mit dem Wohnmobil nicht ausweichen können. Wegen der Überbreite haben wir ohnehin nur die Wahl, entweder mit den linken Reifen halb im Gegenverkehr zu fahren oder mit den rechten im Graben. Die Sitzbank besteht aus einer einfachen Sperrholzplatte mit dünner Schaumstoffauflage und das ganze ist für’n A… Das Wohnmobil ist knapp ein Sieben-Tonner und ich dürfte es zu Hause nicht fahren. Mit Abmaßen hatte ich zwar nie Schwierigkeiten, aber den langen Bremsweg finde ich doch gewöhnungsbedürftig, besonders, wenn mir ein Elch oder Reh oder Hase mit seiner Anwesenheit auf der Straße eine Freude machen will. Die Berge fahre ich mit 40 Stundenkilometern hoch, da ich sonst hinten die 100 Dollar Scheine rausfliegen sehe. Wir verbrauchen etwa 26 Liter pro 100 Kilometer, das ist der absolute Wahnsinn. In Deutschland heult die Automobilindustrie, weil die Asiaten sie mit der Batterietechnologie abgehängt haben, aber in Nordamerika sind die Autos vorsintflutlich gebaut. Immerhin fahren die Kanadier übersichtlich, rücksichtsvoll und vorausschauend. Wenn ich also auf eine Brückenunterführung zufahre, die nur eine Höhe von 3,5 Metern hat, dann wartet der Gegenverkehr schon, bevor ich merke, dass ich da nicht durch passe und lässt mich einen langwierigen U-Turn machen. Verwirrend finde ich, dass es kein rechts vor links gibt, sondern wer zuerst an die Kreuzung kommt, fährt. Ich bleibe einfach stehen, bis mich drei Leute erwartungsfroh anschauen, das klappt immer. Wir fahren, bis die Kinder schlafen und dann, bis es dunkel wird. Nur einmal fahren wir im Dunkel zum Nationalpark, dann doch lieber am Straßenrand schlafen.
In Tadoussac machen wir eine Bootstour und sehen eine Finne aus dem Wasser ragen, die zu einem Minke-Wal gehört. Die Tourleiterin meint, es handle sich um eine Wal-Mutter, die ihr Kalb an der Seite führe. Unsere Zwillinge überschlagen sich jetzt mit Bemerkungen, wie „Großer Fisch – Mama – Fisch badet – ich auch baden!“ Alle sind berauscht von diesem Erlebnis und die Ansage des Kapitäns, er versuche noch einmal Wale zu sichten, wo sie meistens zu finden seien und warum, geht im allgemeinen Getöse unter. Wir sehen rund 25 Wale, auch Finnwale, die zweitgrößten Wale der Welt. Sie sind gute 20 Meter lang und schwimmen mit 30 Stundenkilometern sehr schnell. Es ist ein Erlebnis das sich nicht abnutzt. Wohl jeder an Board würde alles dafür tun, um diese Wesen zu schützen. Es ist ein großer Schritt für die Kanadier getan, dass auf diese Tiere keine Jagd mehr gemacht werden darf. Aber leider ist dies längst nicht überall auf der Welt der Fall. Und es bedarf eines weiteren großen Schrittes von uns allen, dass der Lebensraum dieser Tiere nicht zerstört wird. Wer das für Quatsch hält, dem empfehle ich eine Wal-Fahrt. Er wird garantiert beim Pilgern erleuchtet!