Go West!

Schnee auf dem Mount Albert

Mont Albert 800px

Wir müssen Fähre fahren. Ja, wir MÜSSEN! Leider, auch wenn die Kinder es toll finden. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das kleine Nussschälchen den 200 Meter tiefen Sankt-Lorenz-Strom überquert, zumindest nicht mit dem Gewicht unseres Hauses auf Rädern! Führen wir südlich über den Strom, verlören wir anderthalb Tage reine Fahrtzeit. Also ab auf die Nussschale. Auf der anderen Seite angekommen rieche ich als erstes die würzig-salzige Luft des Atlantiks! Und das, obwohl wir noch zig Kilometer von der Küste entfernt sind. Ich liebe diesen Duft und bin sofort bester Laune. Die Strecke die wir am Ufer des sich immer weiter öffnenden Sankt-Lorenz-Stromes fahren, ist die bisher schönste unserer Reise. Rechts die schroff abfallenden Berge, zwischendurch immer wieder ein kleines Fischerdorf, mit bunten Holzhäusern in Türkis, Gelb oder Schweden-Rot. Drum herum breiten sich frisch gemähte, saftig-grüne Wiesen aus. Auf den Holzveranden stehen weiß getünchte Deckchairs, wie sie an der gesamten Ostküste zu sehen und durch die Bilder der Hamptons berühmt sind. An den Holzdecken der Veranden hängen fröhlich aussehende, bunte Blumenampeln. Vor den Küstendörfern finden sich zum Wasser hin sichelförmige, weiße Sandstrände. Ab und an steht ein Holzleuchtturm auf einem Felsen. Wir bedauern, nicht länger bleiben zu können und versprechen uns wieder zu kommen (was nicht sehr aussichtsreich scheint, liegt diese Küste doch weit entlegen…). Dann staune ich über Schnee-bedeckte Berge, die sich auf dem Weg zum Parc national de la Gaspésie plötzlich vor uns auftun. Im Nationalpark verläuft der Appalachen-Trail. In Kanada liegen gute 1000 Kilometer des insgesamt rund 4600 Kilometer langen, zusammenhängenden Fernwanderweges. Die felsigen Hochplateaus des Nationalparks zählen zur Vegetationszone der subarktischen Tundra und sind mit Moosen, Flechten und Gräsern bewachsen. Daher fühlen sich hier Karibus trotz des südlichen Breitengrades wohl (48 Grad, wie beispielsweise Paris). Wir sehen Elche, die meisten von ihnen Kühe, mit ihren frisch geborenen Kälbern. Es gibt wilde Bäche, klare Seen und Wasserfälle zu bestaunen. Wir wandern die bisher längste Strecke mit unseren Kindern, in Richtung Gipfels des Mount Albert. Unsere Tochter möchte bis zu den Schneefeldern laufen und tatsächlich kommen wir ziemlich dicht heran. Zumindest können wir von unserem Picknickplatz einen guten Blick darauf werfen, das ist mehr, als wir erwartet hatten. Auf dem Rückweg fliegen die Kinder auf selbstgesuchten Hexenbesen den Berg hinunter. Auf „Astgabel“, „Kartoffelbrei“ und „Bieberzahn“, einem vollständig von der Rinde befreiten Birkenast, mit Zahnspuren an den Enden, die der Bieber beim Abtrennen vom Baum hinterlassen hat. Wir rasten noch mal lange auf einem Spielplatz und gehen dann das letzte Stück zum Campingplatz. Nach einer ganzen Weile ruft unser Sohn empört: „Ich kann nicht mehr! Ich Lielatz gehen.“ Er will den kurzen Weg bis wir da sind nicht mehr laufen, verständlich. Er geht lieber den langen Weg zurück zum Spielplatz und dreht um! In der Nacht friert es und am Morgen ist es arg ungemütlich. Karibus haben wir auch keine gesehen, die Stimmung ist gedrückt. Unsere Tochter schlägt vor Verstecken zu spielen. Wir lassen sie in Kanada auf alle Bäume klettern, sie erklimmt sie behände. Zuhause geht sie mit meinem Mann Bouldern und ist geübt. An diesem Morgen klettert sie bis ganz hoch hinauf in den Wipfel einer alten, riesigen Fichte. Als sie nach einiger Zeit immer noch nicht gefunden ist, beugt sie sich auf einem Ast sitzend nach vorne, um zu schauen, ob sie überhaupt noch gesucht wird. Sie verliert das Gleichgewicht und stürzt. An ihrem Schrei erkenne ich, dass ihr etwas zugestoßen ist. Mein Mann hat sie vor mir gefunden und trägt sie. Hals und Arme bluten. Es sieht schlimm aus, aber sie erzählt weinend, dass sie sich beim Fallen an den Ästen festhalten konnte und diese ihren Sturz abfingen. Sie ist nicht mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen oder auf dem großen Stein neben dem Stamm. Es sieht aus, als hätte sie großes Glück gehabt und wäre mit einem Schrecken und Schürfwunden davon gekommen. Ich mache mir Vorwürfe, es hätte auch anders enden können. Mein Mann und ich sprechen abends beim Lagerfeuer darüber. Er erzählt mir, dass unsere Tochter gesagt hat: „Papa, der Baum hat mich aufgefangen.“
Kinder in Kanada genießen große Freiheiten. Bereits Kleinkinder fahren mit Stütz-Rädern allein über den Campingplatz. Kindergartenkinder gehen unbegleitet auf Spielplätze oder größere Entfernungen zu Toiletten. Grundschüler schwimmen ohne Aufsicht in Seen oder im Meer. Sie bitten fremde Erwachsene um Hilfe, so wie mich. Sie wirken glücklich und unbeschwert. Es ist schön, sie so zu sehen. Mir ginge das zu weit für unsere Kinder. Aber etwas zieht in meiner Brust, wie wenn ich einen Vogel, den Inbegriff der Freiheit, in einem Käfig eingesperrt sehe. Wir lassen unsere Kinder nicht frei sein, weil wir es nicht gewohnt sind, weil der Verkehr in Deutschland dichter ist und weil wir ausschließen wollen, dass Unfälle unsere Kinder heimsuchen… Aber sie zahlen einen hohen Preis dafür!