Go West!

Shinrin Yoku – Waldbaden

Waldbaden

Das offizielle Ende der Gaspé-Halbinsel macht ein schmales, felsiges Cap aus, welches weit in den Sankt-Lorenz-Golf hineinragt. Die Gebirgsausläufer bilden den Endpunkt der Appalachen. Dort steht ein solarbetriebener Leuchtturm. Seevögel finden ein Nist-Paradies. Den Fuß der Meeresklippen säumen lange Kieselstrände. Das Wasser ist mit zehn Grad zu kalt zum Baden, lockt aber Wale an. Sie sind jüngst im südlich gelegen Fjord eingetroffen. Leider sichten wir keine. Zum Forillion kamen einst die Mi’kmaq sowie Irokesen zum Jagen und Fischen. Wir campen auf einer Wiese, deren leuchtend bunte Sommerblumen sanft im Wind wogen. In den Wäldern tummeln sich Stachelschweine, Streifenhörnchen, Luchse und Bären. Hier machen wir schrittweise unsere Annäherungen an Meister Petz. Zunächst sehen wir mehrfach Losungen. Sie schauen denen der Menschen sehr ähnlich denen der Menschen aus, sind aber fast schwarz. Dann riechen wir sie. Es ist das selbe strenge Bukett wie beim Wild. Dazu müffelt es stark nach Aas. Zuletzt sehen wir sie. Vermutlich eine junge Schwarzbärin, die an einer verlassenen Farm im niedrigen Dickicht nach etwas Essbarem sucht. Sie schaut kurz auf, als sie uns in etwa 75 Metern Abstand mit dem Auto halten hört. Sie streckt ihre Schnauze zum Wittern in unsere Richtung und nimmt dann weiter keine Notiz von uns. So nahe haben wir alle noch nie einen Bären in freier Wildbahn gesehen. Er sieht putzig aus, wie ein Teddybär. Die Bewegungen sind ruhig und gemütlich, nichts Aggressives, Gefährliches oder Bedrohliches haftet dem Tier an. Aber Bären haben alle ihren eigenen Charakter.
In den Salzmarschen leben die seltensten Schmetterlingsarten. Seit meinem freiwilligen Dienst im hamburgischen Wattenmeer, währenddessen ich Touristen durch Salzwiesen führte, fasziniert es mich, wie die zartesten Pflanzen und sogar Schmetterlinge in dieser rauen Umgebung überleben können.
Wir üben uns auch im Waldbaden, japanisch Shinrin Yoku. Seit den 1980er Jahren empfiehlt die japanische Regierung das Waldbaden. Ärzte verschreiben es auf Rezept. Es ist wissenschaftlich belegt, dass zwei- bis dreimaliges Waldbaden im Monat, für etwa zwei Stunden, zur Stärkung des Immunsystems führt und der Krebsprophylaxe dient. Es handelt sich dabei um eine Achtsamkeitsmeditation oder eine Gehmeditation. Den Wald mit all seinen Sinnen zu erfassen, ist der Kern der Übung. Gefiederte und runde Blattformen anzuschauen. Glatte oder schrumpelige Baumrinden wahrzunehmen. Den mit Nadeln belegten Boden oder den steinigen Pfad sehen. Den harzigen Duft des Waldes riechen. Das Aroma blühenden Sommerflieders aufsaugen. Den frischen Wind tief einatmen. Den würzigen Geruch nach dem Regen vernehmen. Den moderigen Pilzgeruch wittern. Sich vom wilden Thymian betören lassen. Die klaren, hohen Schreie der Raubvögel hören. Sich den melodischen Tönen der Singvögel hingeben. Eichhörnchen rascheln. Blätter rauschen. Baumstämme knarzen. Ein Bach plätschert. Fühlen wie die Sonne wärmt. Die Finger an einer alten zerfurchten Baumrinde entlang gleiten lassen. Den glatten Stein fühlen. Spüren, wie der Wind die Haut streichelt oder der Bach die Füße kühlt. Sich vom Quellwasser erfrischen lassen. Die nussigen, bitteren Bucheckern schmecken oder die säuerlich, saftigen Blaubeeren auf der Zunge zergehen lassen. Die milden Lindenknospen probieren. Dabei den Atem spüren, wie er immer ruhiger, gleichmäßiger und tiefer wird. Sich ganz auf den Moment konzentrieren und in der Gegenwart ankommen. Das lässt sich stehend, liegend, sitzend oder gehend verwirklichen. Ich liege am liebsten und schließe die Augen. Unsere Kinder baden noch ganz selbstverständlich im Wald. Ihre Sinne sind immer geschärft. Sie leben ausschließlich im Hier und Jetzt. Unsere Tochter umarmt zwischendurch einen Baum. Die Jungs sehen jeden Pilz, alle Streifenhörnchen und hören endlos viele Vögel, lange bevor sie sie sehen. Die Worte Buddhas vor rund 2500 Jahren waren: „Lass deinen Geist still werden wie einen Teich im Wald. Er soll klar werden wie das Wasser, das von den Bergen fließt. (…) und lass deine schweifenden Gedanken und Wünsche zur Ruhe kommen.“
Mein Mann schenkte mir eine Smartwatch, mit der ich meine sportlichen Fortschritte verfolgen kann. Meinen Stress bedingten volatilen Puls musste ich in Hamburg leider ebenfalls zur Kenntnis nehmen. Hier in Kanada ist mein Puls im Durchschnitt viel niedriger, er steigt nicht so häufig an und schießt längst nicht so stark in die Höhe. Vermutlich spielen viele Faktoren zusammen, die zu diesem positiven Ergebnis führen, aber das Waldbaden ist bestimmt einer davon.

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