Go West!

Kouchibouguac – auf den Spuren der Indianer

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Wir fahren zum Nationalpark L’ile-Bonaventure-et-du-Roche-Percé. Durch den roten Felsen, mit seinem etwa 20 Meter hohen Torbogen, passt ein kleines Schiff. Uns zeigt er sich an einem regnerischen Tag im Dunst verhangen, nicht so rot leuchtend wie sonst. Bei Ebbe könnten wir den Roche Percé zu Fuß erreichen, aber weit und breit macht sich niemand auf den Weg. Auf der Vogelinsel Bonaventure gibt es Papageientaucher, Trottellummen und Basstölpel. Unsere Jungs haben von ihrer Oma „Gagageinschirts“ bekommen, die sie lieben und stolz jeden Tag tragen wollen. Dementsprechend verkünden sie: „Ich Vögel sehen“. Doch alle Schiffstouren sind wegen hohen Wellengangs abgesagt, auch für die nächsten Tage. Wir fahren weiter.
„Der Kouchibouguac ist ein schöner Fluss“, sagt unsere Tochter im nächsten Nationalpark. Die Mi’kmaq nannten ihn den „Fluss der langen Gezeiten“. Auf ihm können wir mit unserer Tochter Kajak fahren. Die der Küste vorgelagerten kilometerlangen Sandstrände überraschen mich und erinnern an Amrum. Wir sehen Weißkopfseeadler. Und wieder Bären. Der Nationalpark feiert ein Fest mit Erklärungen zu den Lebensweisen der Mi’kmaq. Es sind die ersten Informationen über Indianer, die sich uns anbieten. Ansonsten finden sich in Kanadas Osten kaum Spuren. Die Bevölkerung ist so „weiß“, dass es fast unheimlich anmutet. Außerhalb der Metropolen Toronto, Montreal und Quebeck finden wir nichts Multikulturelles und nirgendwo Erklärungen zum Leben der First Nations. Mit Sicherheit gibt es gute Quellen in Museen, die wir mit unseren drei Kleinen nicht besichtigen. Aber am Wegesrand oder in den Visitorcentern der Nationalparks sowie in Infobroschüren lesen wir äußerst wenig. Uns ist fast nicht erkenntlich, dass es überhaupt einmal Indianer gab. Dabei lebten in Nordamerika mehrere hundert Stämme. Allein die Mi’kmaq hatten mehr als hunderttausend Stammesmitglieder. Im Osten Kanadas wurden die First Nations und an der Ostküste der USA die Native Americans schon mit den ersten Siedlern nahezu vollständig ihrer Lebensgrundlage beraubt. Ganze Landstriche wurden kahl gerodet. Darüber hinaus infizierten sich die Indianer und starben an europäischen Krankheiten. Dabei war das Dasein der First Nations und Native Americans perfekt auf die Natur Nordamerikas eingestellt. Der Wald und das Meer haben ihnen alles geboten, was sie brauchten. Sie lebten geradezu im Überfluss von Truthahn-, Elch-, Bieber- und Bärenfleisch sowie deren wärmenden Fellen. Sie fingen Fische, besonders die fetten Aale, aßen Muscheln, Vogeleier und Pilze. Sie pflückten Kirschen, Birnen, Blaubeerfrüchte und verzehrten wilden Mais. Sie hatten Algen und Kräuter als Gewürze sowie zum Heilen. Sie bauten sich Kanus und Wigwams. Sie harpunierten von Land aus Wale und waren dabei umsichtig genug, dass diese wieder in die Nähe des Strandes kamen. Die ersten Europäer fingen die Wale bis dahin nur von Schiffen aus, taten es den Indianern nach und in Folge dessen kamen die Wale nicht mehr in die Nähe des Landes. Die First Nations stellten aus Pflanzen wirksame Pasten gegen Mücken her. Viele Auswanderer starben an Insektenstichen, weil sie so zahlreich waren, dass ihre Immunsysteme zusammenbrachen. Zum Schutz wussten sie sich nur im Schlamm zu wälzen. Der Wald schenkte den First Nations Zunderpilze, mit dessen Hilfe sie in den harten Wintern Nordamerikas das Feuer an einem Stück Glut entfachten, welches sie in einer Muschelhülle, mit Lehm versiegelt, transportierten. Etliche Europäer erfroren im Winter. Die Indianer orientierten sich bei Nebel an den Bäumen. Die Stämme weisen beispielsweise an der feuchteren, der Sonne abgewandten Seite, mehr Moos auf. Dort ist Norden. Zahllose Siedler verirrten sich im Wald und starben nur wenige Meter von ihrem Lager entfernt. Bei Waldbränden folgten die First Nations den Tieren. Die Feuersbrunst überraschte oft ungezählte Siedler und verbrannte sie nicht selten. Um im Dickicht einen leichten Weg bergab zu finden, liefen die Indianer einen Bachlauf entlang. Die Auswanderer zerschürften sich Beine, Arme und Gesicht beim Querfeldeinlaufen. Die First Nations kannten gegen jede Krankheit ein Heilkraut, befragten ihre Ältesten und lebten im Einklang mit der Wildnis. Das änderte sich radikal mit der Ankunft des „weißes Mannes“. Die französischen Auswanderer schickten ihre Kinder zu Indianern, damit sie von ihnen lernten, in der Wildnis und mit ihr zu leben. Die Siedler der englischen Kolonien bekämpften die Wildnis einfach nur und waren von dem Gedanken, das Land urbar zu machen, getrieben. Die schönsten und artenreichsten Urwälder der Erde standen in der „neuen Welt“ in Maine. Die Auswanderer hatten meist keine Ahnung von Agrarwirtschaft oder Ackerbau. Sie holzten und brannten einfach alles ab und laugten die Böden binnen drei Jahren so vollständig aus, dass sie zur Landwirtschaft unbrauchbar waren. Dann siedelten sie weiter nach Westen. Vor 100 Jahren waren 80 Prozent der Fläche Maines Farmland. Heute holt sich die Natur das Land zurück: 80 Prozent der Fläche bilden Wald. Nur noch 20 Prozent nimmt Kulturland ein, die Tendenz ist sinkend. Der frühe wirtschaftliche Erfolg, der Aufstieg der neuen Welt, zu einem der machtvollsten Staaten der Erde, der Reichtum Amerikas, gründet sich auf einem skrupellosen, ausbeuterischen und geradezu vernichtenden Verhalten. Nicht nur den Indianer gegenüber, auch Geschäftspartnern, der eigenen Familie und sich selbst begegneten die Siedler und ihre nachfolgenden Generationen mit unglaublicher Härte. Die heutige Bevölkerung Mains leistet der restlichen USA trotzigen Widerstand. Man ist gegen die Trump-Regierung, es gibt viele alternative Geschäftsideen, es wird viel Rad gefahren, es finden sich zahlreiche Bio-Lebensmittel und die meisten versuchen so wenig Plastikmüll wie möglich zu produzieren. In Maine scheinen die Amerikaner verstanden zu haben, dass ein Zusammenleben mit den Native Americans die bessere Wahl gewesen wäre – für beide Seiten.

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