Glaube, Liebe, Hoffnung

Ich wollte Profi-Boxer werden und ging nach New York

Damian Skrzypczak hatte einen Traum: Er wollte boxen. Mit 24 Jahren ging der gebürtige Pole für zwei Jahre nach New York und probierte sein Glück. Er stieg in den Ring und lernte viel. „Beim Boxen zählt nicht wo du herkommst. Es ist egal was du sonst noch so im Leben machst. Äußerlichkeiten spielen keine Rolle“, sagt er. Er ist fasziniert, dass alles möglich ist, unabhängig von dem was war, ist oder sein wird.
„In Amerika boxen Latinos und Schwarze. Als ich ins Gym kam, guckten sie mich alle erst mal an wie’n Auto“, erinnert sich Damian Skrzypczak und lacht. Sie sagten: „Ey Alter, du bist ja weiß!“ Und nannten ihn „Whitey“. Er machte Sparrings mit ihnen. Sie waren beeindruckt von seinem Boxstil. Das erste halbe Jahr in New York trainierte er ununterbrochen, da er keine Arbeitserlaubnis hatte und mit seiner Freundin bei ihren Eltern wohnte.

„Boxen war mein Talent. Es kam einfach so aus mir heraus. Heute fragen mich alle: Damian, warum ist nichts aus dir geworden? Es war Schicksal. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort…“

Dann arbeitete Damian Skrzypczak auf dem Bau. Er fuhr stundenlang durch New York. Morgens um fünf Uhr war er als einer der Ersten bei der Jobvergabe, um seine Gelegenheit zu bekommen. Er empfand es als fair, dass es nach dem Motto lief: Wer zuerst kommt, malt zuerst. „Wenn ich Pech hatte, bekam ich nichts und fuhr mittags unbezahlt wieder nach Hause“, sagt er. Auf dem Bau zu arbeiten sei etwas, das er gut kann. Die Männer dort brachten ihm fließend Englisch bei. Ein Afroamerikaner übernahm eine Art Vaterrolle für ihn. Er boxte auch. Er lernte viel von ihm, vor allem über das Leben. Sie sind heute noch befreundet.

Damian Skrzypczak in New York

Die Leute bei der Gewerkschaft hätten irgendwann gesehen: Der Junge kommt jeden Tag um fünf Uhr morgens zur Jobvergabe, er hat kein Auto und fährt mit der Bahn von Brooklyn nach Queens. Sie gaben ihm eine Chance. Er konnte in New York zur Schule gehen und diverse Lizenzen machen, die er für seine Arbeit brauchte, wie einen Gabelstapler- und Kompressorschein.
Doch die Arbeit machte ihn körperlich kaputt. Das merkte er auch beim Boxen. Die Sparrings waren kein Training mehr, sondern „eine richtige Schlägerei. Ein Trainer fragte mich: Warum hast du ihn nicht ausgeknockt? Ich sagte: Ich bin nicht fit und dachte, ich tue ihm einen Gefallen“. Während der zehn Jahre zuvor, lernte er beim Boxtraining gegenseitige Rücksichtnahme. Aber in Amerika wird härter geboxt. Jeder guckt nur auf sich selbst. Das merkt man vor allen Dingen beim Sparring. „Ob du einen Cut bekommst oder dir die Nase brichst und wie du anschließend ins Krankenhaus kommst, ist mir scheiß egal! Das ist die Einstellung“, sagt er. Viele würden es nicht kennen fair zu sein und ein Sportsmann. Die Härte beginne schon im Kindesalter. Die Kids trainieren mit den Erwachsenen mit. „Drei Minuten Training, dann klingelt die Uhr und es ist eine Minute Pause. In Deutschland haben die Kinder nur eine Minute trainiert und dann Pause gemacht, weil es sonst zu hart gewesen wäre. Aber New York ist Hard Knock Life“, sagt er.

Als Damian Skrzypczak Geld verdient, zieht er bei den Eltern seiner Freundin in Queens aus und mit ihr zusammen in eine Wohnung nach Brooklyn. Sie ist Amerikanerin und arbeitet als Hairstylistin. Die beiden lernten sich in London kennen. Er besuchte sie zweimal in New York, als er 22 und 23 Jahre alt ist, dann beschließt er spontan, der Liebe wegen, in die USA zu gehen. Damian Skrzypczak war auch neugierig auf Amerika und besonders auf New York. In Hamburg gibt er seine Wohnung, sein Zuhause und seine Freunde auf. Sein Umfeld reagierte geschockt. „Sie fragten mich: Wie, du gehst nach New York? Und ich antwortete: Tja, das Flugticket ist schon gekauft! Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Aber das war gut so. Ich fahre gern allein in den Urlaub und habe kein Problem damit, mich in fremde Länder einzufinden und von Ausländern umgeben zu sein.“
Damian Skrzypczak guckte sich alles in Manhattan, Brooklyn und Queens an. War es so toll, cool und aufregend in New York, wie erträumt? „Ja! Absolut! Freiwillig hätte ich New York nie verlassen. Ich würde heute noch dort leben wollen“, schwärmt er.

Aber New York ist anstrengend. Die Menschenmassen und vor allen die Touristen nervten. „Geh mir aus dem Weg, ich will nach Hause“, dachte er ständig. Obwohl er Pole ist, vermisste er Deutschland, wo er zuletzt lebte. Er fuhr absichtlich ab und zu nach Chinatown, um dort zwischen den vielen Touristen, ein paar Brocken Deutsch aufzuschnappen. Jeden Sonntag fuhr er außerdem nach Greenpoint, einem Wohngebiet in Brooklyn, das hauptsächlich von einer polnischen Community bewohnt wird. Das polnische Essen linderte sein Heimweh. Freunde hatte Damian Skrzypczak bis auf den Afroamerikaner und seine Freundin keine. „Die New Yorker sind für sich. Es ist unglaublich schwer, dort Freunde zu finden. Das ist Hard Knock Life“, sagt er.
Das Leben in New York ist teuer. Wohnung, Essen und Bahntickets verschlingen alles. Das Geld ist immer knapp. „Viele Leute hängen auf der Straße, die ganzen Gangs. Ich habe mit denen öfter geschnackt. Sie fragten mich: Ey Whitey, wo gehst du denn immer mit deinen Boxhandschuhen hin? Ich sagte: Ich bin Boxer! Ich erzählte ihnen, in welchem Gym ich boxte. Sie meinten: Ah, kenn‘ ich! Sie wollten wissen, wie ich es in New York geschafft hatte. Von da an machten sie immer, wenn ich an ihnen vorbeijoggte, eine La-Ola-Welle“, sagt er lachend. „Ich fühlte mich als New Yorker.“
Doch die Liebe zerbrach. Und beim Boxtraining war Damian Skrzypczak komplett auf sich selbst gestellt. Der Traum vom Boxen platzte. Er beendete alles in New York. Seitdem war er nie wieder dort.

Die Wunde über seinen geplatzten Traum verheilte nie. „Es ist irgendwie immer etwas dazwischengekommen. Das tut bis heute weh“, sagt Damian Skrzypczak. Er boxte nie wieder, abgesehen von freundschaftlichen Sparrings. Aber er arbeitet auch heute noch seine alten Trainingspläne durch, um körperlich fit zu sein. „Der Reiz und der Hunger Boxer zu werden, war nach New York weg“, sagt er. Es sei trotzdem eine gute Erfahrung gewesen. Heute wäre es viel schwieriger in New York Arbeit zu bekommen, berichtet ihm sein afroamerikanischer Freund aus den USA. Selbst über die Gewerkschaft. New York ist zwar Multi-Kulti, aber Rassismus wäre trotzdem ein Thema. Ihm persönlich sei er jedoch nie begegnet. „Ich stand damals Sylvester in einer der schlechtesten Gegenden New Yorks vorm Liquor Store an, um Alc zu besorgen. Klar Mann, wir wollten feiern! Und die Leute laberten mich alle an, aber es war kein Problem. Aber vielleicht ziehen manche Leute es auch an, weil sie denken, oh man ich bin weiß. Oder sie glauben, dass die anderen denken, sie seien ein Nazi… Wer weiß? Vielleicht würde mir heute immer noch nichts passieren…“, überlegt er. Die meisten, denen er begegnet sei, wüssten selbst gar nicht, woher sie kommen, die kennen ihren Ursprung gar nicht. […]

Das vollständige Interview erscheint in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung.

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