Glaube, Liebe, Hoffnung

Alle Religionen sind für mich so heilig, wie meine eigene!


Shahab bedeutet im Arabischen Sternschnuppe. Aber auch Krieger“, sagt Shahab Ud-Din. Seine Mutter stammt aus Tansania, sein Vater aus Pakistan. Gemeinsam gingen sie nach England, dort wurde er geboren. Nicht ganz ein Jahr später zogen sie weiter nach Deutschland. Seine Eltern sind muslimischen Glaubens. Sie gehören der Ahmadiyya-Bewegung an, die in Pakistan stark verfolgt wird. Das war einer der Gründe, warum sein Vater nach Deutschland ging. 1974 gab es große Unruhen, die Familie seines Vaters wurde ausgeraubt und hatte nichts mehr. Sie schickte ihre Söhne ins Ausland, um das Leben der restlichen Familie zu sichern. „Damals ging das noch relativ einfach. Man konnte nach Deutschland kommen und es gab viel Arbeit“, sagt Shahab Ud-Din.
„Meine Verwandten leben zwar in Pakistan, aber ich verbinde damit nur Urlaub. Auf der anderen Seite bin ich sehr darauf bedacht, dass wir Zuhause nur Urdu sprechen. Für meine Kinder ist es mir wichtig, dass sie diese zweite Sprache wirklich gut beherrschen“, sagt Shahab Ud-Din. Der 36-jährige Diplomwirtschaftsingenieur ist verheiratet, hat eine dreijährige Tochter, einen sechsjährigen Sohn und lebt bei Köln.

„Wenn eine Kirche brennt, bin ich der Erste, der sie löscht! Selbst falls mein Haus dann verbrennt. Ich bin der Erste, der die Synagoge, das Gotteshaus und anders Gläubige schützt, selbst wenn es mir schadet. Das ist meine Pflicht als Muslim! Diese innere Triebkraft macht mich überhaupt erst zum Muslim.“

Shahab Ud-Dins Eltern engagierten sich in Schleswig-Holstein in einer Gemeinde, die noch relativ klein war. Mit den Jahren wuchs sie und je mehr Leute in die Gemeinde eintraten, umso mehr Arbeit fiel für seine Eltern an. „Schon mit sieben Jahren kommt man langsam rein, es werden bestimmte moralische Werte vermittelt“, sagt er. Die häusliche Erziehung habe in religiöser Hinsicht immer eine große Rolle gespielt. Damals gab es nur eine Moschee in Hamburg und eine bei Itzstedt. „Mein Vater besaß einen Gemüseladen und dafür einen Transporter. Weil viele damals nicht so viel Geld hatten und sich ein eigenes Auto nicht leisten konnten, nahm mein Vater sie alle im Kofferraum mit“, erinnert er sich.

Mit dem Begriff Heimat verband er lange Zeit nichts. Erst als er Norderstedt verließ und nach Köln ging, entdeckte er diesen Begriff für sich. „Vorher wusste ich nicht genau, was meine Heimat ist, Pakistan, wegen meines Vaters? Oder vielleicht Afrika, wo meine Mutter herkommt? Als ich nach Köln zog merkte ich, dass meine Heimat Norderstedt ist, ganz klar. Ich kenne dort alle Straßen. Wenn ich mich aufs Fahrrad setze und mir jemand sagt, er wohne da und da, komme ich hin, ohne genau zu wissen wo es ist. Nach Norderstedt zieht es mich immer wieder zurück. Ich vermisse die Franzbrötchen“, sagt er lachend. Er lebt am liebsten in Deutschland. Das ist sein Heimatland. Er arbeitet bei einer Sterilisationsfirma und leite drei Standorte mit fünfzehn Mitarbeitern. Shahab Ud-Din spricht im Interview über seinen Glauben, Religion und Frieden.

„Ich erhalte verletzende Dolchstöße in Form von permanentem Hass und Misstrauen mir gegenüber. Dazu gehört auch die ständige Suche meiner Mitmenschen nach einer Möglichkeit, mich zu denunzieren. Das ist passiert! Ohne Grund und ohne Beweise…“

Wann fing das Engagement in der Gemeinde an?
Ich war noch relativ jung. Es gab verschiedene Programme. Ab der siebten Klasse engagierten sich auch meine Freunde. Wir schrieben zu Hause etwas und erledigten kleinere Arbeiten. Mit der Zeit nahm die Verantwortung immer weiter zu.

Wie sah der Religionsunterricht in der Schule aus?
Ich konnte damals glaube ich, nicht entscheiden, ob ich daran teilnehme. Erst später konnte ich zwischen Religion und Philosophie wählen und stieg auf Philosophie um, weil der Religionsunterricht katholisch war. Meine Sohn wird nicht zum Religions-, sondern zum Ethikunterricht gehen.

Wie erlebtest du den Religionsunterricht?
Unsere Konfession ist offener als andere, weil wir sagen, dass alle Religionen im Kern die Wahrheit enthalten. Was viele Menschen daraus gemacht haben, entfernte sich von dieser Wahrheit. In der Oberstufe führte ich häufig Diskussionen mit meinem Religionslehrer, weil ich mich auch mit dem Christentum beschäftigte. Er hatte ganz schön zu kämpfen (lacht).

Wie viele Kinder gehörten damals dem muslimischen Glauben an?
Ich war relativ lange der einzige, selbst in der Oberstufe. Als wir nach Henstedt-Ulzburg zogen, war ich auch der einzige, der anders aussah.

Wie gingen deine Lehrer mit deinem Glauben um?
Da ich mich, als ich in der Oberstufe war, schon lange mit der Materie befasst hatte, konnten die Lehrer mir Fragen zu meiner Religion stellen. Es war sogar so, dass wenn im anderen Kurs etwas über den Islam unterrichtet wurde, Lehrer zu mir kamen, um es nochmal zu verifizieren und zu fragen, welche Quellen es gibt. Meine Eltern gaben mir von Anfang mit, dass ich mich mit meinem Glauben befassen und nicht blind glauben soll. Das half mir sehr.

„Die Andersgläubigen, Andersaussehenden und Andersdenkenden wurden zu einer Gefahr erhoben und diese Sichtweise war salonfähig.“

Gab es verbale Angriffe?
Einmal brachte ein Deutschlehrer im Unterricht einen Spruch gegen den Islam. Ich fragte ihn, woran er das festmache und ob er es belegen könne. Seine Reaktion war: Hätte ich gewusst, dass du hier bist, hätte ich das Thema gar nicht angerissen. Wir diskutieren dann und das war interessant. Es war von Vorteil, dass ich mich intensiv mit dem Islam beschäftigt hatte, Argumente einbringen und auf meinen Lehrer eingehen konnte.

Wie bringst du dich heutzutage in deiner Gemeinde ein?
Zur Zeit bin ich im Bundesvorstand unserer Jugendorganisation. Ich bin für das Ressort Wirtschaft und Handel zuständig. Außerdem leite ich die Jugendgruppe in Nordrhein-Westphalen. Das sind elf Jugendgemeinden mit circa 400 Jugendlichen, mit denen ich Sport- oder spirituelle Programme organisiere.

Was machst du da?
Unser primäres Ziel ist es, den Leuten zu ehrlicher Arbeit zu verhelfen. Wir unterstützen sie bei ihren Lebensläufen, bei der Arbeitssuche, führen verschiedene Business Coachings durch, in denen sie lernen, wie Excel, Word und Zeitmanagement funktionieren.

Was noch?
Wir haben einen Onlineshop, in dem wir die Kollektion unserer Gemeinde vertreiben. Ich leite und koordiniere das. Ich verbringe mehr Zeit mit der Gemeindearbeit als in meinem Job (lacht). Gestern war ich den ganzen Tag unterwegs. Samstags versorgen wir Obdachlose in Köln mit Essen. Mein Sohn ist immer dabei. Wenn er Mal nicht kann, ist er traurig. Er ist mit seinen sechs Jahren schon mittendrin. Unsere Zentrale hat ihren Sitz in Frankfurt, ich bin ein bis zwei Mal in der Woche dort. Das kostet alles viel Zeit. Letzten November war ich für eine humanitäre Mission zwei Wochen auf Madagaskar. Wir bauten medical camps in dörflich Regionen auf.

Wie finanziert ihr euch?
Wir sind weltweit circa 200 Millionen in unserer Gemeinde und finanzieren uns ausschließlich über Spenden. Wir nehmen keine staatlichen Gelder an. Fast alles, was passiert, wird ehrenamtlich gemacht. Mitarbeiter werden von Spendengeldern bezahlt.

„An die ewige Liebe zwischen Menschen glaube ich nicht. Die gibt es nur zu und von Gott. Die Liebe zwischen Menschen betrachte ich mathematisch.“

Warum lehnt ihr staatliche Gelder ab?
Wir wollen unabhängig bleiben. Wir sind eine rein spirituelle, religiöse Gemeinde. Wir kümmern wir uns nicht um politische und staatliche Angelegenheiten und wollen uns nicht einmischen. Nach unserem Verständnis bekommen wir alles, was wir brauchen, von Gott. Das Spenden ist somit für uns keine Frage der Finanzierung, sondern eine Möglichkeit, das eigene Einkommen zu bereinigen. Damit geben wir einen Teil dessen, den Gott uns schenkte, als Dank zurück.

Ist das mit dem Zehnt vergleichbar?
Das Spenden im Namen Gottes ist eine grundsätzliche Sache, die in jeder Religion verankert ist. Im Koran wird beschrieben, dass Gott fragt: Wer ist da, der mir einen Kredit gibt? Da stellt sich natürlich die Frage, wie man jemandem einen Kredit geben kann, dem schon alles gehört (lacht). Das Zehnt im Christentum ist eher für die Kirche gedacht, im Islam ist er beides. Wir haben den Willen, der Menschheit zu helfen. In Afrika bauten wir beispielsweise Schulen und Krankenhäuser auf.

In welchen Ländern unterhaltet ihr solche Projekte?
Wir sind Ghana und Nigeria sehr groß. In Sao Tomé und in Guatemala bauen wir gerade etwas auf, wie ein neues Krankenhaus. Auf Madagaskar planen wir etwas… In Pakistan finanzierten wir Geräte in einem Institute für Kardiologie, obwohl uns viele dort verunglimpfen und politisch gegen uns arbeiten. Diese Leute lassen sich trotzdem in unseren Krankenhäusern behandeln. Wir begegnen ihnen genauso wie allen anderen und sie bekommen zu hundert Prozent das, was sie brauchen. Wir halten das geheim, damit die Patienten keine Probleme bekommen.

Wie viel Geld gibst du konkret?
Ich gebe monatlich mindestens ein Zehntel meines Einkommens ab. Wenn man alles zusammenrechnet spende ich im Monat circa 20 Prozent meines Einkommens, das sind 15.000 Euro pro Jahr.

Was gebt ihr Gott noch?
Das Ehrenamt ist der Sauerstoff, den wir brauchen! Es ist ein Geben und Nehmen. Ich tue so viel wie geht für Gottes Gemeinde. Er revanchiert sich, indem er mir das Leben einfach macht und mir innere Zufriedenheit schenkt. […]

Transkription: Amélie Gloyer

Das vollständige Interview erscheint in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung.

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