Erzählung

Löwentränen

Im Land der Löwinnen

„Akwaaba!“
„Wose? Ka yo bio?“
„ƐnyƐ hwee!“

Große, fast schwarze Augen schauen mich an. Freundlich, beinahe sanft ruhen sie auf mir. Der Mund formt ein geduldiges Lächeln. Die Haare hat sie eng am Kopf zu Rastazöpfen geflochten. Sie ist groß, genauso groß wie ich und trägt ein farbenfrohes Kleid, das hinunter bis zu ihren Füßen reicht, die in Flipflops stecken. Auf dem Kopf balanciert sie einen Topf mit Wasser. Um die Brust hat sie ein Tuch gewickelt. Daraus lugen an ihrer Taille winzige rosafarbene Füßchen hervor. Mein Herz kribbelt vor Glück. Sie bemerkt es vor mir. Mit den Hände greift sie hinter ihren Rücken und zaubert ein Baby hervor. Seine Augen schauen mich ebenso so sanft, wie die seiner Mutter.

Die Frau fragt, ob sie mich berühren dürfe, sie hätte noch nie tätowierte Haut angefasst. Ich nicke. Sie streichelt über meinen Unterarm. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass die Berührung einer Fremden so angenehm sein kann. Sie fragt: „Wie heißt du?“ Ich antworte: „Akofa!“ Sie sagt: „Oh, das ist ein afrikanischer Name! Er bedeutet: die mit dem frohen Herzen. Deine Mutter muss voller Hoffnung und mit positivem Denken erfüllt gewesen sein, als sie mit dir schwanger war.“

Sie nimmt meine Hand in ihre und fährt mit dem Finger meine Lebenslinie entlang, während sie meine Hand dichter zu sich heranzieht. Die Frau erzählt weiter: „Deine Mutter war voller Freude und Optimismus, als sie erfuhr, dass sie dich bekommt. Sie hoffte auf eine glückliche Zukunft für dich … Aber ich sehe große Trauer, Verlorenheit und Schmerz in dir.“ Sie zieht eine Augenbraue hoch und schaut mir in die Augen. Tränen schießen mir in die Augen. Meine Knie werden weich, mein Magen krampft und in meinem Hals bildet sich ein riesiger Trauerkloß. „Hören Sie sofort auf!“, presse ich verzweifelt hervor. Sie streichelt liebevoll meine Hand und ich berhige mich.

Ob ihr Baby mich auch anfassen dürfe? Ich nicke wieder. Sie nimmt das winzige Händchen, spricht leise ein paar Worte, singt sie eigentlich eher, und führt die Fingerchen auf meinen Arm. Das Baby quietscht vergnügt. Ein warmes Lachen fließt aus mir. Bin das wirklich ich? Immer mehr Mütter umringen uns, auf dem Rücken ihre Babys tragend, auf dem Kopf Körbe mit Brot oder Wannen mit Wäsche oder Töpfe mit Fufu. Die Fremde hält mir ihr Baby hin, damit ich es auf den Arm nehmen kann. Ich denke mir: Akofa, es fängt bestimmt gleich an zu weinen! Sobald es von seiner Mutter getrennt ist, glaub mir … So kenne ich es aus Schweden. Aber das Baby schaut mich nur neugierig an. Ein Gefühl der Liebe durchströmt mich. Die Mutter lacht und fragt: „Akofa, kann ich auch deine Haare anfassen?“ Ich wundere mich kurz, dann fällt mir ein, dass ich sie glätte: „Natürlich!“ So weich, findet sie die. Sie nimmt die Hand ihres Babys, ich senke den Kopf. Das Baby zieht an meinen Haaren und gluckst vergnügt.

Akwaaba: fühle ich auf meiner Haut. Akwaaba: höre ich in jedem Lachen. Akwaaba: rieche ich im Duft der orangefarbenen Erde. Akwaaba: schmecke ich im Fufu. Akwaaba: sehe ich in den Gesichtern. Ich freue mich, dass ich diese Reise wage. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich von ganzem Herzen willkommen! Löwentränen (2024), S. 8f.

Ich fahre mit dem Bus von Acra nach Norden. Ich will mir eine Goldmine in Obuasi ansehen. Es dauert einen ganzen Tag lang von Ghanas Hauptstadt aus, obwohl sie nicht mal 300 Kilometer entfernt liegt. Der Bus schaukelt hin und her. Dabei wirbelt er auf den gelben sandigen Schotterpisten jede Menge Staub auf. Der Fahrer tanzt mit dem Bus wie eine Schlange zwischen tiefen Löchern und einem nicht enden wollenden Strom des Gegenverkehrs. Er kann das gut, keine Frage und geht‘s zügig, fährt er 40 Stundenkilometer. Phasenweise kommt er jedoch einfach nur im Schritttempo voran. (…)

Etwa 150000 Familien arbeiten in Ghanas Minen. Unzählige barfuß und ohne Schutzkleidung, einige sogar hochschwanger. Löwentränen (2024), S. 22.

Liebesleben

Wenn wir Urlaub haben, kommt sie trotzdem um sechs Uhr in der Frühe. Sie klingelt und beginnt im Schlafzimmer, die Betten müssen schließlich gemacht werden. Anfangs kommt sie, ohne vorher zu Klingeln, mit dem Schlüssel ins Haus. Mein Herz setzt einige Male aus, weil sie plötzlich wie aus dem Nichts vor mir steht. Es dauert Monate, bis sie sich ans Klingeln gewöhnt.

Ich ermahne mich immer wieder: Akofa, du wirst bald Mutter und Freja braucht dringend Hilfe! Löwentränen (2024), S. 63.

Die Unbeugsame

Irgendwann fragt sie mich, ob wir ein Baby erwarten. Es ist nicht nur ihre erste an mich gerichtete Frage, es ist die erste persönliche Ansprache überhaupt. Als ich bejahe, ändert sich ihre Körpersprache komplett.

Sie strahlt über’s ganze Gesicht, als sie auf Englisch sagt: „Ah, das habe ich schon geahnt. Eine Mutter spürt so etwas mit dem Herzen.“ Sie breitet ihre Arme aus und drückt mich an sich. Ihre Augen funkeln. Löwentränen (2024), S. 83.

Sie verließ ihre Kinder, damit sie ein besseres Leben haben, als sie selbst! Nun scheint dieses Opfer vergeben … Akofa, wie tragisch ist das denn bitte?!! Aber Alice kämpft trotzdem weiter klaglos für ihre Tochter. (…)

Wir schauen uns in die Augen. Ich sehe ihren Schmerz, ihre Trauer, sie scheint greifbar zwischen uns. Wir umarmen uns. Wir weinen stumm … Löwentränen (2024), S. 90.

COMING SOON!

Meine Erzählung Löwentränen erscheint im Sommer 2024!


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2 Kommentare zu „Erzählung“

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