Glaube, Liebe, Hoffnung

Meine Frau und ich glauben an verschiedene Götter

Subhransu Mahapatra wurde in Indien geboren. Seine Frau ebenfalls. Sie sind beide Hinduisten. Trotzdem glauben sie an verschiedene Götter und Göttinnen. Sie sehen den Hinduismus eher als Philosophie, denn als eine Religion. Heute leben sie in Deutschland. Ihre gemeinsame Tochter singt im christlichen Kirchenchor, spielt beim evangelischen Krippenspiel mit und sie haben Weihnachten einen geschmückten Tannenbaum in ihrer Wohnung stehen. „Wie sie vielleicht wissen, gibt es Millionen an Göttern und Göttinnen. Als Hindu ist es deine Entscheidung, an welche du glaubst“, sagt er. Der 43-Jährige hat drei Brüder, zwei ältere und einen jüngeren. Zwei davon blieben in Indien, einer arbeitet in den USA. Sein Vater starb vor zehn Jahren bei einem Unfall. Deswegen lebt sein ältester Bruder mit seiner Mutter zusammen.

„Im Hinduismus gibt es keinen Gründer, es ist eine offene Kultur. Du kannst befolgen und glauben, was du willst und dir deinen Gott aussuchen. Meine Hoffnung für die Welt ist, dass es keine Religionen mehr gibt. Sie bilden die Quelle der meisten und größten Konflikte.“

Das indische Bildungssystem ist so aufgebaut, dass die Kinder im Alter von fünf Jahren, in die Schule kommen. Das entspricht der Grundschule in Deutschland, sie geht von der ersten bis zur fünften Klasse. Anschließend gehen die Schülerinnen und Schüler bis zur zehnten in die High-School. Danach besucht man für zwei Jahre ein Intermediate-College. Ein einfacher Universitätsabschluss dauert drei Jahre. Subhransu Mahapatra studierte im Bundesstaat Odisha, in dem er auch aufwuchs. Dort ging er an die Utkal University. Er absolvierte nach seinem Bachelor seinen Master in Business Administration. Im Jahr 2012 kamen er und seine Frau nach Deutschland. Sie lebten zuerst in Süddeutschland. Dort blieben sie rund sechs Jahre. Er arbeitete für ein amerikanisches Unternehmen in der Medizintechnik, das eine Fabrik in der Nähe von Karlsruhe hat.

„Heutzutage sind die Leute offener, aber in Indien müssen sie nach wie vor bestimmten Bräuchen folgen. Für ein ausgewogenes Sozialleben ist es wichtig, mit allen zurechtzukommen. Die meisten Leute in Indien nehmen also, ob sie wollen oder nicht, an Festen und Bräuchen teil.“

Foto: Kristoff Kühne

„Meiner Frau und meiner Tochter gefällt es in Deutschland besser. Meine Frau arbeitet hier in Deutschland sehr gerne, unsere Tochter geht hier zur Schule und hat ihre Freunde. Deswegen bleiben wir hier. Ich wäre lieber zurück nach Indien gegangen“, sagt er lachend und achselzuckend. Er arbeitete auch ein Jahr in Birmingham und ein Jahr in Amsterdam, bevor sie nach Deutschland zogen. Er ist IT-Spezialist und beschäftigt sich mit Softwareentwicklung und Programmieren. In Deutschland war er für die Softwareeinführung SAP zuständig. In Indien arbeitete er als Consultant. Seit zwei Jahren arbeitet er als Senior Consultant für den Bierproduzenten Carlsberg. „Wir kamen mit einer Gruppe von circa sechs Mitarbeitern. In unserem Team waren Leute aus den USA, Singapur, Malaysia, Indien und Deutschland“, sagt er.

„Bildung ist generell ein Problem in Indien. Die Rate der Analphabeten liegt bei rund 20 Prozent. Etwa 260 Millionen können nicht lesen und schreiben!“

Seine Frau beherrscht sehr gut Deutsch, Englisch und zudem ihre Muttersprache Oriya. In Indien existieren circa 23 verschiedene Sprachen, Subhransu Mahapatra spricht vier davon: Oriya, seine Muttersprache sowie Telugu, Hindi und Englisch, die Amtssprachen in Indien sind. Außerdem lernt er Deutsch. Seine Tochter wächst dreisprachig auf. Er und seine Frau sprechen Englisch mit ihr, er unterhält sich zudem auf Oriya mit ihr und seine Frau spricht Deutsch mit der Tochter. Außerdem redet das Kind ein bisschen Hindi. Da er durchgehend für US-amerikanische Unternehmen arbeitet, war für ihn nie notwendig, Deutsch zu lernen. Jetzt geht er zur Volkshochschule. „Meine Tochter besteht immer darauf, Deutsch zu sprechen und zu lernen“, sagt er lachend. Er hat die indische Staatsbürgerschaft und ein unbegrenztes Arbeitsvisum für Deutschland. Damit erfülle er die Voraussetzung für die deutsche Staatsbürgerschaft. Nächstes Jahr will er versuchen, diese zu bekommen. Seine Frau hängt noch an seinem Visum. Seine Tochter hat ebenfalls keine deutsche Staatsbürgerschaft, da man sie, anders als in den USA, in Deutschland nicht durch die Geburt im Land bekommt. Es hängt von den Eltern ab. Wenn er die deutsche Staatsbürgerschaft erhält, können sie sie für seine Frau und seine Tochter beantragen.

„Indische Studenten gingen nach England oder in die USA und anschließend blieben sie dort. In den letzten Jahren führte
Großbritannien zahlreiche Beschränkungen für Visa ein. Früher galten Visa für Absolventen ein Jahr, heute nur einen Monat. Deshalb studieren heute viele Inder in Europa und gehen nach Frankreich, Deutschland, Dänemark oder Schweden. Das sind Länder, die Fachkräfte suchen.“

Subhransu Mahapatra spricht im Interview über seinen Glauben.

Wie sah ihre religiöse Erziehung als Kind aus?
Wir werden in religiöse Angelegenheiten schon von Beginn der Kindheit an eingeführt. Wenn ein Kind geboren wird, wird wenn es 21 Tage alt ist, ein großes Fest gefeiert, mit vielen Freunden. Es wird den Göttern gehuldigt und zum Dank geben sie ihren Segen für das Kind. So beginnt die religiöse Reise des Kindes (lacht). Wenn das Kind ein Jahr alt wird, gibt es eine noch größere Feier.
In westlichen Kulturen oder woanders feiert man auch den ersten Geburtstag,
aber bei uns ist es ein religiöser Anlass. Ob das Kind will oder nicht, es wird in den Glauben eingeführt.

Wird Religion in Indien an der Schule unterrichtet?
Ja, an den allgemeinen Schulen werden verschiedene Religionen unterrichtet,
nicht nur Hinduismus. Es gibt auch religiöse Schulen, zum Beispiel die Madrasa, die sind dann nur für Muslime. Die Veden sind so etwas wie die heiligen Schriften des Hinduismus, so wie im Islam der Koran und im Christentum die Bibel. Im Hinduismus gibt es jedoch nicht nur ein heiliges Buch. Die Veden enthalten viele Philosophien und sind in Sanskrit verfasst. Alle Hindus befolgen die Hauptschriften der Veden.

Lernen Kinder Sanskrit in der Schule?
In normalen Schulen nicht. Sie behandeln die religiösen Schriften nicht auf diese Art und Weise. Sie setzen sich mit der Kultur auseinander, aber nicht mehr. Es gibt jedoch vedische Schulen, in denen die Überzeugungen gelehrt
werden. Auf diese Schulen gehen jedoch nicht viele Kinder.

„Es gibt viele Probleme in Indien, Armut ist wahrscheinlich das Größte. Kinder werden in Familien geboren, die sie nicht ernähren können. Das ist eine schlimme Situation. Ich möchte ein Indien sehen, in dem niemand aus Armut stirbt. Das ist vielleicht unmöglich, aber ich würde das gerne erleben.“

Welche Rituale führten sie für ihre Tochter durch?
Für meine Tochter haben wir darauf verzichtet, wir befolgen diese Dinge nicht mehr. Die meisten, die Indien verlassen und im Ausland bleiben, befolgen diese Traditionen nicht, weil es einfach nicht geht. Als meine Tochter ein Jahr alt war, lebten wir bereits hier und da konnten wir diese Feste nicht feiern, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie ich sie beschrieben habe.

Waren sie mit ihrer Tochter in Indien und führten dort Rituale durch?
Ja, einen Brauch befolgten wir, weil meine Mutter darauf bestand: Wenn das Kind ein Jahr alt wird, gibt es eine Zeremonie, in der es darum geht, alle Haare abzuschneiden. Das gilt sowohl für Jungen als auch für Mädchen. Sie opfern ihre Haare den Göttern und Göttinnen, an die sie glauben.

Wie lief das ab?
Als meine Tochter zwei Jahre alt war, waren wir zu Besuch in Indien. Meine Mutter bestand darauf, dass wir zu einem Tempel gingen. Das ist ein Ort, an dem man die Götter und Göttinnen empfängt. Leute gehen dorthin, um ihnen zu huldigen. In dem Tempel entfernten wir alle Haare meiner Tochter. Wir luden dazu einige Freunde der Familie ein und kochten gutes Essen.

Layout: Raziq Ahmad Tariq


Welche Bräuche lassen sich noch nur in Indien realisieren?
In der hinduistischen Kultur glauben wir an vier heilige Stätten, zu denen Hindus pilgern. Im Laufe ihres Lebens sollten sie an diesen vier Orten gewesen sein, um einen Moksha zu bekommen. Es bedeutet nach dem Tod einen Platz
im Himmel zu bekommen. Ein Hindu sollte diese Stätten besuchen, um im Paradies weiterleben zu können.

Was verkörpern diese vier heiligen Stätten?
Diese vier Orte liegen in verschiedenen Teilen Indiens. Einer davon befindet sich in meiner Heimat im Bundesstaat Odisha. Es ist ein riesiger Tempel in der Stadt Puri, der den Gott Jagannath huldigt. Der nächste befindet sich im Westen Indiens und nennt sich Dwarka. Eine weitere heilige Stätte befindet sich im Norden und heißt Badrinath. Die letzte befindet sich im Süden und heißt Rameswaram. Das sind die vier Pilgerorte im Hinduismus. Sie entsprechen den vier grundlegende Prinzipien im Hinduismus. Diese sind Dharma, Karma, Artha und Moksha.

Alle Hindus glauben an diese vier Prinzipien?
Ja, das tun sie. Auch wenn sie unterschiedlichen Göttern huldigen. Die Prinzipien sind für alle gleich. Aber sie sind nicht verpflichtend. Es gibt kein geschriebenes oder gelebtes Gesetz, sie zu befolgen. Wenn du sie befolgst, bist du Hindu und wenn du sie nicht befolgst bist du Hindu. (lacht)


Wir haben hier in Deutschland eine indische Gemeinschaft, die wirregelmäßig treffen. Wir feiern zusammen einige Feste. Morgen zum Beispiel ist das Chariot-Festival, mit dem wir den Gott Jagannath huldigen. Es ist ein wichtiges Fest in meiner Heimat.

Wie feiern sie das Chariot-Festival?
Es gibtdie traditionelle Überzeugung, dass der Gott Jagannath einmal im Jahr
aus dem Tempel herauskommt und alle Leute trifft und besucht. Dies ist das Chariot-Festival. Es gibt einen Wagen, auf den ein großes Bild des Gottes geladen wird. Dieser fährt dann durch die ganze Stadt. Etwa eine halbe bis eine Million Leute kommen an dem Tag in die Stadt. Es wird aber auch überall sonst gefeiert, wo die Leute an diesen Gott glauben.

Waren sie in Deutschland im Tempel?
Ja, wir gingen anfangs, als wir in Süddeutschland lebten, zu vielen Tempeln. In Heidelberg gibt es zwei Tempel. Einer ist für Ganesha, der andere ist der Göttin Durga gewidmet. In Stuttgart gibt es einen Tempel, mit dem wir Krishna huldigen. Dort gingen wir häufig hin. In München gab es auch einen Tempel. In Hamburg hatten wir noch keine Möglichkeit. Ich weiß, dass es hier auch zwei hinduistische Tempel gibt sowie einen Sikhtempel.

Wie wichtig sind Tempelbesuche für sie?
Nicht wichtig, ich glaube nicht an Tempel, sondern an Götter und ich huldige ihnen Zuhause.

Ich bin keine sonderlich religiöse Person. Es ist üblich, jeden Morgen, wenn man aufsteht und sich wäscht oder ein Bad nimmt, den Göttern zu huldigen. Ich huldige ihnen jeden Morgen. Ich habe vier oder fünf Fotos der Götter und Göttinnen in meinem Haus und davor bete und verehre ich sie. Der Hauptgott in der hinduistischen Kultur ist Brahma. Es heißt, dass Brahma der Schöpfer des Universums ist.



Ist das im Hinduismus generell so?
Nein, rund 90 Prozent der Bevölkerung Indiens besucht regelmäßig Tempel. Deswegen gibt es fast jeden Kilometer einen. Es gibt vielleicht nicht überall Schulen, aber Tempel auf jeden Fall. Viele Festivals werden in Tempeln gefeiert, für alle möglichen Götter (lacht). In einem Tempel siehst du vielleicht zehn verschiedene Götter. So können sich die Leute den Gott aussuchen, an den sie glauben und dort beten.

Praktizieren sie Yoga oder Meditation?
Während meines Studiums habe ich viel meditiert. Heutzutage nicht mehr. Meine Frau macht viel Yoga.

Ist das religiös oder sportlich motiviert?
Yoga ist nicht Teil des hinduistischen Glaubens. In Indien sehen Leute das auch nicht als Teil ihrer Religion, sondern als eine Form der körperlichen Betätigung. Es ist nicht spirituell.

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung erschienen!

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  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

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