Go West!

Drei Wochen USA und ein weißer Hai

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Die Einreise in die Vereinigten Staaten Amerikas mit dem Auto dauert länger, als nach Kanada am Flughafen. Gut, wir haben das Schlimmste erwartet und sind somit nicht überrascht. Wir können auch nicht sagen, dass es den US-Bürgern besser ginge als uns. Vor uns fährt ein Mercedes-Bus und die Grenzbeamten suchen die Außenwände ab. Die Insassen müssen aussteigen, ihren Wagen abgeben, er wird zum Röntgen in eine Halle gebracht. Die Leute sind noch da, als wir schon weiterfahren. Zu uns sind die Grenzbeamten professionell unfreundlich. Wir geben unser Feuerholz ab, Avocados sowie Zitronen. Das Wohnmobil wird von innen angeguckt, wir müssen aussteigen und mit ins Gebäude zum Erfassen der elektronischen Daten. Von jedem ein Foto und zehn digitale Fingerabdrücke. Dann ein kurzes Stressinterview zu unserem Aufenthalt, das war’s. Es dauert eine Stunde, aber größere Blessuren, wie wir sie beim Einreisen in die USA am Flughafen schon zweimal erlebten, bleiben uns erspart. Wir atmen auf. Die Straßen sind ein Traum! Wir wollen im Acadia-Nationalpark wandern. Die Fahrt dorthin ist trist. Alles ist zersiedelt, in den Vorgärten finden sich Sperrmüllhalden und verrottende Autos. Wir fahren vorbei an ehemals herrschaftlichen Holzvillen, die verfallen oder leer stehen. Wir sehen riesige einstürzende Scheunen und Menschen in kaputten Klamotten davor sitzen. Im Dreck spielen Kinder. Ihr Anblick schmerzt.
Der Acadia-Nationalpark an der Küste Maines umfasst große Teile Mount Desert Islands. Der Park selbst ist zum Brechen voll. Überall Stau und Menschenmassen. Klar, es ist absolute Hochsaison. Wir haben zum Glück einen Campingplatz reserviert, denn alle Unterkünfte im Park sind fully booked. Wir beschließen am nächsten Morgen um fünf Uhr aufzustehen und direkt wandern zu gehen. Dann ist es auch noch nicht so heiß. Wir haben inzwischen 35 Grad, dabei ist es schwül. Die Wanderung ist ein Traum! Die Wege sind perfekt. Schwierigkeiten sind durch Holzbohlen, Steinstufen oder Steigeisen ausgeglichen. Wir wandern im Fjell, also im Gebirge oberhalb der Nadelwaldgrenze, auf einem Hochplateau. Der Blick in die dunkelblauen, eiszeitlich geprägten Fjorde ist phantastisch. In der Ferne sind einige kleinere Inseln sichtbar. Es gibt hellgrüne Fjell-Birken, violette Blaubeeren, dunkelgrüne Moose, orange Flechten und gelbe Gräser. Der Atlantik rauscht krachend an die Felsen. Ab neun Uhr wird es heiß, ab zehn Uhr berstend voll. Wir haben unsere Wanderung hinter uns und springen ins 13 Grad kalte Meereswasser. Zurück auf unserem Campingplatz gehört dieser uns allein und wir beschließen am nächsten Tag gerne wieder um fünf Uhr in der Frühe aufzustehen.
Weiter geht’s nach Cape Cod. Die Insel gleicht Sylt. Sie liegt 250 Kilometer nördlich der Hamtons und New York. Sanddünen, Binnenseen und hübsche Holzvillen prägen das Bild. Ein Großteil der Küste steht unter Naturschutz. Wir baden, chillen und essen ganz hervorragend. Anschließend sind wir Pleite. Wir mieten uns Räder und lassen unseren Hobel für eine Woche stehen. Das erste Mal fühlen wir uns wie im Urlaub. Die Kinder sind glücklich, wir sind es auch. Ich liege dösend am Strand während mein Mann mit den Kindern im Meer planscht. Plötzlich merke ich, wie direkt an meinem Handtuch jemand vorbeirennt. Ich höre eine Frau panisch rufen: „A heart attack! There, at the white truck. Is here a doctor?“ Ich richte mich auf und sehe, wie eine völlig aufgelöste Frau vor den Rettungsschwimmern steht. Diese schnappen sich schnell ihren Rucksack mit dem Defibrillator und laufen los. Hinter mir sagt jemand auf Englisch: „Oh das ist traurig, dass jemand einen Herzinfarkt hat“. Plötzlich stehen Menschenmassen direkt am Ufer. Sie zeigen mit dem Finger aufs Wasser und unterhalten sich lautstark. Ich ärgere mich über die Gaffer und lege mich wieder hin. Meine Mannschaft kommt angerannt und mein Mann verkündet: „Da ist ein weißer Hai im Meer!“ Ich bin ungehalten und raunze ihn an: „Ja, sicherlich!“ „Nein wirklich“, entgegnet er. „Ich habe einen Deutschen getroffen, der an der Uni in Boston arbeitet und er erzählte mir, dass sich alle paar Jahre ein weißer Hai in Ufernähe verirrt, wenn er den Robben folgt und diese dicht an Land schwimmen. Ist aber wohl noch nie etwas passiert“. Die Robben habe ich auch gesehen. So wie den Deutschen, der schwul war und ich mir ausmale, dass er sich mit dieser Story an meinen Mann ranmachen wollte. Ich schaue ihn forschend und ungläubig an. Am nächsten Tag prangt ein großer Aushang mit einer Warnung vor weißen Haien am Strand. Und auf einmal fällt es mir wie Schuppen von den Augen, die Frau hatte gerufen: „There is a SHARK attack!!!“ Der Mann hatte also recht…
Im Bundesstaat New York, im Robert Treman Park, ist es so multikulti, wie nie zuvor auf unserer Reise. Der Park zieht sich entlang einer tiefen Schlucht. Der Länger der Felsspalte nach, gibt es zahlreiche Wasserfälle. Am Fuß der Kaskaden finden sich große Steinbecken, in denen gebadet wird. Die Ufer sind üppig mit Farnen, Blumen und Ranken bewachsen. Es gibt ein Sprungbrett, Kinder jauchzen, Erwachsene stehen im Wasser oder sitzen auf den Felsstufen, wie in einem Amphitheater. Die Leute sind zu gleichen Teilen Schwarze, Indianer, Weiße und Inder. Sie sind tätowiert, gepierct, kahlgeschoren, tragen Bärte bis zum Bauchnabel oder Schläfenlocken. Sie baden im Sari, mit Schwimmweste und im Bikini. Das Ufer ist dicht belegt mit Picknickdecken, -bänken und –tischen. Es wird Musik gehört, gegrillt und gelacht. Es ist eine tolle Atmosphäre und etwas ganz Besonderes hier zu baden und sich zu erfrischen.
In den USA hat uns die Infrastruktur begeistert. Die Straßen sind neuer, größer und breiter. Wir sind dadurch deutlich schneller und bequemer vorangekommen. Die Nationalparks sind professioneller organisiert, es gibt zahllose Wanderwege unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade. Die Informationsmaterialen sind besser und die Parkmöglichkeiten komfortabler. Das Wetter in den USA ist schöner und damit sind es auch die Bademöglichkeiten. Es gibt mehr vegane, alternative und multikulturelle Lebensformen. So ist zum Beispiel in Provincetown auf Cape Cod, eine Schwulen- und Lesbencommunity und wir bildeten mit unserer Hetero-Familie die absoluten Minderheit. Die USA ist einfach cooler. Insgesamt zieht es uns jedoch mehr nach Kanada. In die abgeschiedenen Regionen wohlgemerkt. In die, in denen es noch Wildnis und Weite, mit zahlreichen Tieren gibt. Vor allen Dingen nach Gaspé, aber auch in Teile New Brunswicks oder in die Naturschutzparks Ontarios sowie in die abgelegen Regionen Nova Scotias. In den „weißen“, zivilisierten und bevölkerten Teil Kanadas, also vor allem Prince Edward Island, würden wir nicht noch mal fahren wollen, auch wenn es dort natürlich ebenfalls schöne Ecken gibt!
Zurück reisen wir über die Brücke der Niagarafalls nach Kanada ein. Die Wasserfälle bilden die Grenze. Nur zehn Minuten dauerte die Einreise. Die Grenzbeamtin war sympathisch obwohl sie sich reichlich Mühe gab, autoritär zu wirken. Wir sind froh und erleichtert wieder in Kanada zu sein. Unser Flug geht zurück von Toronto. Wir sind sehr wehmütig. Unser Wohnmobil ist unser Zuhause auf Zeit geworden. Es fällt uns schwer, es abzugeben. Die letzte Nacht schlafen wir im Hotel am Airport. Wir fühlen uns fremd und der Komfort bedeutet uns nichts. Das im Preis inbegriffene Abendessen lassen wir daher sausen. Die Jungs weinen und rufen nachts: „Wohnmobil gehen! Wohnmobil gehen!“