Go West!

Freiheit, Erlebnispädagogik und ein starkes Team

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Ich finde es spannend, wie sich der Blog entwickelt hat. Und es ist schön, dass meine Kinder auf diese Weise einen bleibenden Eindruck von unserem gemeinsamen Abenteuer behalten. Unser rollendes zu Hause auf Zeit hat uns besser gefallen als erwartet. Mit Kindern ist es sehr praktisch. Sie haben immer die gleiche Unterkunft, mit allen ihren Sachen. Ankommen, die Tür aufmachen und schon sind sie „im Garten“, wie unsere Jungs sagten. Und damit im Glück. Am Anfang fühlten wir uns „fremd“ im Wald. Ich hatte den Eindruck von allen Seiten angestarrt zu werden und selber sah ich – nichts. Ich fühlte mich orientierungslos und war froh, wenn ich die Wildnis nach dem Wandern verlassen konnte, denn sie schien mir zum Überleben ungeeignet. Zwar sind wir immer noch keine Waldläufer, aber wir sehen inzwischen alle ganz viel, besonders unser einer kleiner Sohn sichtet ständig Tiere. Drei Monate auf engstem Raum zusammen zu leben, forderte uns alle heraus. Wir konnten die Kinder nicht einfach mal zwischendurch abgeben. Wir hatten keine Zeit nur für uns selbst. Es war auch nicht möglich mal etwas als Paar oder nur mit einem Kind alleine zu unternehmen. Unsere Tochter bemerkte sehr treffend: „Mama, Du und Papa habt es ja wirklich schwer, euch einen schönen Abend zu machen. Da wir kein Wohnzimmer haben, müsst ihr ganz leise sein. Ihr könnt euch höchstens an den kleinen Tisch setzen oder rausgehen. Aber da ist es kalt und es kommen Mücken, oder? Aus meinem Fenster sieht es immer sehr schön aus.“ Bis zu diesem Zeitpunkt glaubten wir uns zumindest draußen unbeobachtet. Aber es stellte sich heraus, dass unsere Tochter die Gardinen über dem Fahrerhaus abends zurückzog, sich ein Kissen vor die getönten Scheiben legte und dann bäuchlings stundenlang rausguckte. Anfangs waren wir alle berauscht. Nach der Hälfte der Reise hatten wir einen Lagerkoller, keine Lust mehr aufs Campen und waren des Fahrens müde. Trotzdem habe ich mich frei gefühlt, ich konnte mich selbst aus einer anderen Perspektive sehen. Das ist mir in einem dreiwöchigen Urlaub nicht möglich. Und es funktioniert auch nicht zu Hause, wenn ich in all meinen Zwängen stecke. Ich meditiere rund zehn Jahre und mein Geist ist einigermaßen geschult, aber richtig frei, war er erst nach gut zwei Monaten. Und ich hatte das Gefühl, dass war erst der Anfang. Die Erkenntnisse im Alltag umzusetzen, scheint mir jetzt, wieder in Hamburg, fast unmöglich. Es ist toll wieder Daheim zu sein. Uns ist jetzt erst richtig bewusst, wie schön unser Haus ist und wie viel Arbeit wir hineingesteckt haben. Es ist wunderbar, alle lieben Menschen um uns zu haben. Wir hätten auch nicht länger reisen können. Wir sind 8000 Kilometer gefahren. Wir waren täglich auf der Walz. Das war drei Monate lang super, wäre aber keinen Monat länger möglich gewesen. Es ist anstrengend. Keine Erholung oder Urlaub. Es ging wirklich mehr um dieses (erneute) zueinander finden. Um das miteinander Leben. Um ein sich aufeinander Einlassen. Und das hat nicht nur gut getan, sondern war notwendig. Wir hätten uns sonst vielleicht im Alltag verloren. Wir alle sind daher Dankbar, dass wir zusammen Reisen konnten. Zum Schluss waren wir Fünf so zusammengeschweißt wie nie zuvor. Mir fiel auf, dass ich nicht genug Zeit hatte, meine Zwillingsbabys zu schmusen. Wenn jetzt eines meiner Kinder kreischt, trotzt oder verwüstet, denke ich nicht mehr, da muss ich strenger sein, etwas stimmt nicht mit meinem Kind oder ich müsste es besser organisieren. Es fällt uns auf, wie gestresst junge Familien sind, wenn sie ihren Alltag zu meistern versuchen. Ich weiß jetzt, wenn meine Kinder schwierig werden, ist es ihnen einfach zu viel. Zu häufig Termine mit Zeitdruck. Massenhaft Reize und äußere Einflüsse. Wir schieben die Kinder ständig hin und her. Ich kann mit meinen wütenden, tobenden und zerstörerischen Kindern mitfühlen und gelassen bleiben. Es jetzt so zu sehen, ist vielleicht das größte Geschenk, das ich erhielt. Ich kann meine Kinder lieben und achtsam mit ihnen umgehen. Ich stelle nicht erst fest, wenn sie ausziehen, wenn ich Enkel bekomme oder wenn sich mein Leben dem Ende zuneigt, dass ich die Zeit mit meinen Kindern viel zu wenig genossen habe. Dann nämlich, wenn es unumkehrbar und nicht mehr möglich wäre. Wir nehmen uns Zeit, um morgens gemeinsam in den Tag zu starten. Wir erzählen uns, worauf wir uns freuen und was uns bedrückt. Wir sagen uns, dass wir uns lieben und dass es ein großes und nicht selbstverständliches Glück ist, dass wir einander haben. Und abends lassen wir den Tag gemeinsam ausklingen. Wir erzählen uns was schön war und dass wir uns vermisst haben. Aber unser Herz hat Sehnsucht. Es fühlt sich eng an im Alltag. Wir gehen wieder getrennte Wege, auch wenn wir achtsamer miteinander umgehen. Wir träumen von einem entspannteren Leben. Von einem Leben, in dem die Tage erfüllt sind und in dem wir sie gemeinsam verbringen. Wir träumen von einer zweiten Eltern(aus)zeit vor der Einschulung der Jungs, in der wir den Ausstieg auf Probe wagen und dann – wer weiß…

2 Kommentare zu „Go West!“

  1. Liebe Anke,
    danke, dass ich deine spannenden Geschichten über eure Kanadareise mitverfolgen durfte. Besonders gut konnte man sich die Gegenden, wo ihr wart, vorstellen und wie ihr euch da gerade gefühlt habt. Ich finde es sehr mutig, dass ihr mit drei kleinen Kindern so eine weite Reise auf engem Raum gewagt habt. Es ist bemerkenswert, wie gut ihr alle aufeinander Rücksicht genommen habt, so dass alles gut geklappt hat und es ist schön zu hören, dass euch diese Reise noch weiter zusammengeschweißt hat. Ich finde, ihr seid eine tolle Familie, die aufeinander achtet. Macht weiter so! Ich wünsche euch alles Glück dafür.
    Herzliche Grüße
    Anja Biederstädt

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