Kindermund tut Wahrheit kund…

…und schreibt: Ich bin der Weihnachtsmann!

Comic: Tjelle

Es ist so weit: Meine Tochter bekommt den ersten Füller ihres Lebens. Niemand weiß, warum Kinder heutzutage noch mit dem Füller schreiben müssen, aber alle sind sich einig, dass es ein wichtiger Abschnitt im Leben eines Kindes ist. Ich schlage ihrer Lehrerin ein kreatives Schreibprojekt vor. Als ich meiner Freundin davon erzähle, die ebenfalls Lehrerin ist, lautet ihre Antwort: „Das finde ich mutig von dir!“ Mutig? Also eigentlich wollte ich nicht etwas mit Jugendlichen in der Bronx diskutieren! Sondern an einer Grundschule in Hamburg kreatives Schreiben üben und entweder es gefällt den Kindern oder nicht. Ich frage besser nicht nach, wer weiß, was heutzutage so los ist an den Grundschulen…

Die Schüler stellen sich vor, sie seien der Weihnachtsmann. Sie riechen verbrannte Plätzchen. Sie hören, dass jemand schrecklich schief singt. Sie schmecken den Ruß des Schornsteins. Sie fühlen, dass sie zu dick geworden sind und nicht mehr durch den Schlot passen. Sie sehen, dass es mal wieder grau und verregnet ist, anstatt dass es an Weihnachten schneit. Sie malen mit Worten

Nach Zustimmung des Schulleiters, entscheide ich gemeinsam mit der Klassenlehrerin noch vor Weihnachten zu beginnen. Ich hoffe, es macht den Kindern Freude in einer Zeit, in der wegen Corona jedes Weihnachtstheater, Schulbacken und Krippenspiel entfällt. Vor meinem inneren Auge läuft ein Film meiner eigenen vorweihnachtlichen Zeit in der Schule ab. Die Tische stehen in Sechser-Gruppen zusammen. Jedes Kind hat vor sich auf seinem Tisch ein paar geschmückte Tannenzweige, eine brennende Kerze und Orangen, die mit Nelken gespickt sind. Unsere Lehrerin spielt Weihnachtslieder auf der Gitarre und liest Weihnachtsgeschichten vor. Wir essen dabei selbstgebackene Kekse, knacken Nüsse und pellen Mandarinen. Schööööön! Voller Erwartung dessen trete ich die erste Stunde an. Und schlage ernüchtert auf dem Boden eines Klassenzimmers auf, das nur durch Neonlampen erhellt wird.

Dafür machen die Kinder begeistert mit! Brav melden sie sich und sagen: „Frau Kühne“, obwohl etliche von ihnen mich vorher beim Vornamen nannten. Sie haben kreative Einfälle und bringen diese anschließend zu Papier, wunderbar! Die Schüler stellen sich vor, sie seien der Weihnachtsmann. Sie riechen verbrannte Plätzchen. Sie hören, dass jemand schrecklich schief singt. Sie schmecken den Ruß des Schornsteins. Sie fühlen, dass sie zu dick geworden sind und nicht mehr durch den Schlot passen. Sie sehen, dass es mal wieder grau und verregnet ist, anstatt dass es an Weihnachten schneit. Sie malen mit Worten, das machen sie sehr schön. Etliche malen auch tatsächlich in ihre „Gedankenblasen“, die Kreise auf ihrem Übungsblatt. Da es ein kreatives Schreibprojekt ist, können sich die Kinder die Form aussuchen: Möglich sind neben der klassischen Geschichte, auch ein Gedicht oder Comic. Rund ein Drittel entscheidet sich für einen Comic. Davon deutlich mehr Jungs als Mädchen. Hausaufgabe, ist es, zu malen, zu reimen und zu schreiben. Jetzt maulen und jammern die Schüler erstmals und ich bin beruhigt, denn das hatte ich auch erwartet.

Die Stunde ist vorbei, als eine Diskussion entflammt, ob es den Weihnachtsmann gibt. „Nee“, sind die Kinder mehrheitlich sicher. „Meine Mama sagt immer, dass sie sich noch schminken muss und wir schon mal vorgehen sollen in die Kirche. Das sagt sie nur, damit sie ungestört die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen kann“, berichtet ein kleiner Naseweis. Ich versuche zu erklären, dass es für die Geschichte unerheblich sei, ob es ihn gibt oder nicht, schließlich ginge es beim kreativen Schreiben um Fantasie. Ein Kind platzt heraus: „Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann. Ich habe mal einen Wunsch auf einen Zettel geschrieben und nichts bekommen.“ Oh je, ich sehe meine Tochter in der ersten Reihe immer unglücklicher aussehen und will jeden weiteren Versuch, den Weihnachtsmann zu entzaubern, unterbinden. Aber die Lehrerin sagt entschuldigend und mit einer Engelsgeduld zu mir: „Das ist gerade ein riesiges Thema.“

In der zweiten und dritten Stunde überlegen sich die Kids, welche Geschenke sie als Weihnachtsmann erfüllen würden: einen Maserati, eine PS5, eine Villa, eine Smartwatch und Playmobil. Aber auch eine Katze, ein Pferd, Glück, Rudolph das Rentier sowie dass das Corona-Virus weggeht und alle gesund sind. Im zweiten Schritt sollen die Schüler die Geschenke mit Adjektiven charakterisieren. Heraus kommt: Ich schenke dir ein grau-weißes, leichtes, kleines Schleich-Pferd. Ich schenke dir einen Pool, der 20 Meter lang ist, 100 Kilogramm wiegt, durchsichtig und quadratisch ist. Ich schenke dir einen schwarzen, 420 Stundenkilometer schnellen, coolen Bugatti Chiron. Ich schenke Dir ein schwarzes Hündchen mit einem weißen Bauch. Ich schenke dir viel fröhliches, großes, starkes Glück. Ich schenke dir fluffigen, weißen, weichen, meterhohen, glitzernden, niemals schmelzenden, perfekt zum Schneemann bauen geeigneten, nicht kalten, in dicken Flocken fallenden Schnee.

In der nächsten Doppelstunde machen die Kinder eine Übung, in der sie sich gegenseitig interviewen. Ein Schüler spielt einen Reporter, ein anderer den Weihnachtsmann. Ein Kind muslimischen Glaubens sagt, es dürfe keine Weihnachtsdekorationen haben und auch nicht an den Weihnachtsmann glauben. Es spielt einen Reporter. Seine kritische Frage lautet: „Wie viele Rentiere ziehen den Schlitten des Weihnachtsmannes?“ „Acht…?“, lautet die zaghafte Antwort des Schülers, der den Weihnachtsmann spielt. „Kann nicht sein, Rudolph läuft vorne weg und ist immer allein! Also muss es eine ungrade Zahl an Rentieren sein!“, argumentiert der kleine Reporter. Ein anderes Kind fragt: „Weihnachtsmann, was machst du im Sommer? Der kleine Santa Claus antwortet: „Ich bade.“ „Und wer ist dein bester Freund?“ Der gespielte Weihnachtsmann antwortet: „Der Nikolaus ist mein bester Freund“. „Und wo wohnst du Weihnachtsmann?“ „Am Nordpol“; „In Spanien“; „Im Himmel“; „In Griechenland“; „Im Lentersweg 1“, lauten die Antworten. Sie sind so unterschiedlich, wie die gespielten kleinen Weihnachtsmänner in der Schulklasse.

In diesem Sinne Schalom, Salam Aleikum, Om mani padme hum und phantastische Weihnachten! Mit Weihnachtsmännern und -frauen, Christkindern, Engeln, Tomtes, Trollen, Wichteln, Nikoläusen, Göttern und Göttinnen sowie natürlich dem wichtigsten: der Liebe!
Oder war das jetzt bloß ein biochemischer Prozess? Ach nee, das lernen unsere Kids ja zum Glück erst in der weiterführenden Schule…
Also einen guten Rutsch ins neue Jahr!

2 Kommentare zu „Kindermund tut Wahrheit kund…“

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