HEROES OF GOOD HOPE (Teil V)

THE CITY OF GOLD – WE LOVE JOZY

Bild 1, 3 & 4 sind vom Streetart-Künstler Dbongz, Bild 1 & 4 sind Porträts der südafrikanischen Schauspielerin Thuso Mbedu.

Ein Meer aus Häusern wogt vor mir, hinter mir, neben mir, auf beiden Seiten. Ich hatte es bereits aus dem Flugzeug gesehen: endloses Flächen – etwa 18 bis 20 Kilometer in der Ost-West-Ausdehnung und rund zehn bis zwölf Kilometer in Nord-Süd – mit kleinen, behelfsmäßig zusammengezimmerten Häuschen, obendrauf ein Wellblechdach: Soweto, kurz für South Western Townships. Die Fläche entspricht 28.000 Fußballfeldern oder der Größe der Stadt Stuttgart. Nur anders als in der baden-württembergischen City, in der gut 700.000 Einwohner leben, sind es in Soweto, das 1963 aus zahlreiche Township Siedlungen zusammengeschlossen wurde, schätzungsweise fünf Millionen Einwohner. Seit 2002 gehört Soweto, zur Metropole Johannesburg, mit etwa zwölf Millionen Einwohnern.

street Art

Wir besichtigen in der Vilakazi Street, in Orlando West, Soweto, das Haus, in dem Nelson Mandelas zweite Ehefrau Winnie Madikizela-Mandela 13 Jahre mit ihren beiden Töchtern unter Hausarest lebte. Diese Phase war geprägt von extremer Isolation, lückenloser Überwachung und Bespitzelung, ständiger psychischer Schikane durch den südafrikanischen Geheimdienst und Festnahmen sowie Verhören.

Das Haus der Mandelas ist ein klein, mit nur vier winzigen Zimmern: zwei zum Schlafen, ein Büro und eine Küche im Flur. Ein winziger Garten war durch Gitterstäbe abgetrennt von der Straße, so dass jeder, der vorbeilief, ins Haus schauen konnte. Es gab anfangs weder fließend Wasser noch Strom. Geheizt und gekocht wurde mit einem alten Kohleofen. Das Militär beschoss willkürlich das Haus, die Löcher in den Wänden sowie in den Kochtöpfen und Pfannen, die die Familie zum Schutz vor sich hielt, sind noch sichtbar. Ebenso die Brandspuren von wiederholten Benzinbomben-Attentaten durch das Regime und seine Handlanger.

Winnie spielte eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Apartheid. Sie studierte Sozialarbeit und gilt als eine der ersten schwarzen Sozialarbeiterinnen Südafrikas. 1994 wurde sie stellvertretende Ministerin für Kunst, Kultur und Wissenschaft. Sie war umstritten, weil sie Lynchmorde befürwortete und verdächtigt wurde, in Entführungen, Vergewaltigungen, Folterungen und Morde verwickelt gewesen zu sein. Für einige Vergehen wurde sie schuldig gesprochen.

street art

Die Vikalazi Street ist weltweit die einzige Straße, in der zwei Nobelpreisträger lebten: Nelson Mandela und Desmond Tutu. Der Erzbischof spielte eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Apartheit. Wir laufen die Strecke, die tausende „schwarze“ Schüler 1976 gegangen sind, um gegen die Einführung von Afrikaans als verpflichtende Unterrichtssprache friedlich zu demonstrieren. Soweto gilt seit dem Aufstand 1976 als Symbol des Widerstandes in der Apartheidsära.

Es gibt zwölf offizielle Amtssprachen in Südafrika, weitere 20 indigene, historische oder religiöse Minderheitssprachen werden gesprochen. Mit rund 24 Prozent ist Zulu die am häufigsten verwendete Muttersprache, gefolgt von Xhosa mit etwa 16 Prozent.   

Es ist bedrückend. Die Kinder sangen ein Lied, sie waren so alt wie meine. Sie hatten nichts, als ein paar Steine, mit denen sie sich gegen angreifende Polizeihunde verteidigten und sie wurden mit Maschienengewehren niedergemäht. Bei dem brutalen Polizeieinsatz starben hunderte Jugendliche. Steine am Denkmal, Fotos der toten Kinder sowie das Hector-Pieterson-Museum erinnern daran. Es ist der historische Anfang vom Ende der Apartheid, fast 20 Jahre später, 1994.

Maoboneng ist ein gänzlich anderer Stadtteil: reich, künstlerisch, jung und urban. Der Name stammt aus der Sotho-Sprache und bedeutet „Ort des Lichts“. Es fällt leicht, sich zu verlieben. Ehemalige Industriegebüude wurden in Galerien, Ateliers, Botiquen, Restaurants und Loft- Wohnungen umgewandelt. Der Stadtteil umfasst jedoch nur rund zehn Häuserblocks. Diese sind alle verziert mit Streetart weltberühmter Künstler, auch aus New York. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Auf pastellfarbenen Gartenstühlen zwischen Olivenbäumchen sitzen junge, gutgekleidete Südafrikaner und schlürfen Matcha Latte. Vorbei schlendern Touristen aller Hautfarben, bepackt mit Shopping-Taschen und Selfie-Sticks. Und das mitten in Johannesburg, einer der gefährlichsten Städte Südafrikas.

Wie gefährlich, wird uns bewusst, als uns ein schwarzer Südafrikaner zuruft: „Niemals! Geht niemals als „Weiße“ über diese Kreuzung auf die gegenüberliegende Straßenseite oder ihr seid tot! Dort drüben stehen die Drogendealer und das ist echt gefährlich für „weiße Touristen“ wie euch!“ Dabei hatten wir uns gerade noch darüber gefreut, dass dort die jungen Leute unseren Kindern, die in Orlando Pirates- und Kaizer Chief-Trikots unterwegs sind, die typisch vor der Brust gekreuzten Arme mit Fäusten entgegenstrecken. So kann man sich täuschen, besonders wenn man die rosarote Brille der Verliebtheit trägt.

Natürlich gucken wir uns die Stadien, in denen die beiden größten Fußballclubs Johannesburgs spielen an. Das FNB-Stadium wird flankiert von alten Goldminen, die während des Goldrausches das Zentrum bildeten. Immer wieder gibt es illegalen Bergbau, Regen flutet dessen Tunnel und das Risiko des Einsturzes besteht. Johannesburg liegt in einem unwirtlichen Gebiet: auf 1800 Metern hoch, ohne natürliche Wasservorkommen, mit staubtrockenen, windigen, frostigen Wintern. „The city of gold“ entstand aus purem Zwang für die Mienenarbeiter des weltweit größten Goldvorkommens. Den weißen Glücksrittern folgten 64.000 Chinesen, die quasi wie Sklaven lebten. Die Asiaten, die überlebten, wurden wenige Jahre wieder abgeschoben. Auch heute ist Jozy mit 30 Prozent des BIP, der unbestrittene wirtschaftliche und finanzielle Motor Südafrikas. Zählt man Pretoria, die Haupt- und Doppelstadt dazu, erwirtschaftet das Duo sogar rund sieben Prozent des afrikanischen Kontinents.

Von 1948 bis 1994 war Jo’burg geografisch und sozial strikt getrennt: „Whites Only“, prangerten überall große Schilder. In der Innenstadt mit gepflegten Parks, modernen Wolkenkratzern und perfekter Infrastruktur lebten nur „Weiße“. „Schwarzen“ war der Zutritt verboten, außer tagsüber für niedere Dienste. Wer erwischt wurde, kam sofort in Haft.  

Auch heute noch spürt man die Spuren der Apartheit. Natürlich gibt es „Schwarze“, die es sich leisten könnten, Soweto zu verlassen und wegen der Nachbarschaft und des freundlichen Miteinanders bleiben. Aber Viertel wie Sandton, Rosebank oder Houghton sind bis heute extrem wohlhabend, grün, sicher eingezäunt und wirtschaftlich dominant. Ihre Straßen werden durch private Sicherheitsdienste mit Schlagbäumen gesperrt und bilden sogenannte „Boomed-off suburbs“. Wohnhäuser sind von meterhohen Mauern, Stacheldraht, Elektrozäunen und Überwachungskameras umgeben. Das öffentliche Leben der Wohlhabenden findet kaum noch auf der Straße statt, sondern fast ausschließlich in hermetisch abgeriegelten, bewachten Shopping-Malls wie der Sandton City.

Ich fand es extrem unangenehm, dass man in den Nationalparks Südafrikas fast nur weiße Touristen sah, unsere Wanderführerin an der Garden Route einen schwarzen Straßenarbeiter als Idioten bepöbelte und ausschließlich „Schwarze“ die „Drecksarbeit“ machten. Kurz ich hatte das subjektive Gefühl, „die Apartheit lebt“. Meine Beobachtung entspricht damit einem der tiefsten und schmerzhaftesten Probleme des modernen Südafrikas. In der sozioökonomischen Realität des Landes sind die Muster der Apartheid noch immer extrem spürbar. Auch wenn die rassistischen Gesetze vor über 30 Jahren abgeschafft wurden, ist die wirtschaftliche und strukturelle Trennung zwischen „Schwarz und Weiß“ im Alltag weiterhin allgegenwärtig.

Links oben: Dumisani Ngwenya, bekannt als Dbongz ist ein bekannter Street-Art-Künstler, der für seine großflächigen, realistischen Porträts geschätzt wird. Unten: Erinnerung an den Aufstand am 16. Juni 1976, bei dem hunderte von Jugendliche von der Polizeit getötet wurden.

Dies ist Teil V der Serie – noch nicht gelesen? Hier geht’s zu Teil IV: Krüger Nationalpark.

Weitere Heldengeschichten erscheinen zudem in meinem Sachbuch „Heroes of good hope“.


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