Glaube, Liebe, Hoffnung

Wir müssen uns nicht wegen unserer Religion bekriegen! Es gibt Wichtigeres zu bekämpfen, wie Krankheiten…

Frau Sharafian ist Jüdin und in Israel geboren. Aus Angst vor Anschlägen möchte sie ihren Vornamen nicht nennen und ich verwende ihren Mädchennamen. Sie lebt seit 46 Jahren in Deutschland, in einer Großstadt Niedersachsens. „Ich kam 1973 der Liebe wegen hierher“, sagt sie. Frau Sharafians Mann war Deutscher. „Ich lernte ihn in Israel, in Tel Aviv, kennen. Er absolvierte dort damals seinen Zivildienst“, erklärt sie. „Er wollte studieren und konnte Hebräisch sprechen. Doch der Numerus Clausus war in Israel für pädagogische Studiengänge zu hoch. Wegen seines Studienplatzes gingen wir dann nach Deutschland“, erinnert sich Frau Sharafian.

„Auf dem Foto oben, bin ich mit 21 Jahren. Die andere junge Frau ist meine Schwester. Wir sind in Israel bei meinen Eltern und haben gerade ein Fohlen bekommen. Die Aufnahme machten meine Eltern, kurz bevor ich meine Heimat verließ und nach Deutschland ging. Ich liebe das Foto sehr!“

Wurde Frau Sharafian in Deutschland mit Vorbehalten begegnet? Die Freunde ihres Mannes wären sehr offen gewesen. Es hätte keine negativen Begegnungen gegeben. Sie spürte allerdings die Skepsis ihrer Schwiegereltern. Das Schrecklichste in Deutschland sei das erste Essen bei ihnen gewesen: „Es gab Sauerkraut und Bockwurst. Das war wirklich gruselig“, sagt sie lachend.
„Meine Eltern hatten viele Freunde in Deutschland, die Auschwitz überlebten. Wir besuchten zum Beispiel eine ungarische Familie. Sie war meinem Mann gegenüber aufgeschlossen, obwohl er Deutscher war“, erzählt Frau Sharafian.
Sie hatte kein Angst, als sie nach Deutschland kam. „Ich war neugierig. Erst als die innerdeutsche Grenze geöffnet wurde, bekam ich wegen der Ausländerfeindlichkeit Angst. Ich sah in Hoyerswerda wie Menschen andere Menschen verletzten, das war sehr gruselig!“, erinnert sich Frau Sharafian.

„Die Familien, die Auschwitz überlebten, wohnten anschließend wieder in Deutschland. Es ist doch so, es waren Deutsche, die ermordet wurden! Und zufällig waren sie Juden…“

Um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, habe ihr ein Freund ihres Mannes einen Job im Altenheim besorgt. Anschließend lernte sie Deutsch und machte eine Ausbildung zur Erzieherin. „Es war schwierig, dass ich kein Deutsch sprechen konnte“, berichtet sie. Heute unterrichtet sie neben ihrer Arbeit im Kindergarten, Hebräisch an Schulen und an der Universität. In Kürze geht sie in Rente, die Dozentenstelle an der Uni wolle sie trotzdem auf jeden Fall behalten.
Was gefiel Frau Sharafian am Besten in Deutschland? „Alles war so schön grün. Ich kam im Sommer, da ist in Israel alles verdorrt, wegen der großen Hitze. Und die roten Ziegeldächer haben mir sehr gut gefallen. Die Bauart in Israel ist eine ganz andere.“
Sie ist überzeugt: „Es ist für jeden Menschen wichtig zu wissen, woher er kommt. Meine Wurzeln sind sehr stark und mir wichtig. Meine ganze Familie lebt in Israel. Nur meine Schwester und ich wanderten aus.“ Ihre Schwester ging mit ihrem Mann, einem Amerikaner, in die USA. „Für meine Familie war das schwierig, das habe ich gemerkt, aber sie sagten nichts“, berichtet sie. Frau Sharafian versuche ihre Familie so oft wie möglich in Israel zu besuchen. Mindestens zweimal im Jahr sei sie dort. „Meine Familie ist orientalisch, meine Eltern waren Iraner. Ich habe drei ältere Brüder aus der ersten Ehe meines Vaters. Nachdem seine erste Frau starb, heiratet er meine Mutter und bekam noch drei Töchter. Ich bin das mittlere Mädchen davon“, sagt Frau Sharafian. Ihr Vater und ihre Mutter seien in den 1950er Jahren nach Israel eingewandert. „Das ist die Sehnsucht eines jeden Juden“, erklärt sie. Der Uronkel ihrer Mutter lebte in Jerusalem. Die Verbindung zu Jerusalem sei immer da gewesen. Das lasse sich ewig zurückverfolgen. Die ersten Jahre ihrer Kindheit habe sie in Jerusalem gelebt. Dann zog die Familie in die Stadt Aschkelon um, nördlich von Gaza-Stadt, an die Mittelmeerküste.

Anmoderation Interview Frau Scharafian


Welche Sprachen spricht Frau Sharafian? „Hebräisch, Persisch, Englisch und Deutsch. Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich mit Englisch verständigt.“
Das Schönste an Israel sei das Wetter, besonders im Vergleich zu Deutschland. Das Essen sei Zeugnis einer frohen Natur. Und das Meer sei traumhaft, aber das wären nur Äußerlichkeiten. In Wirklichkeit seien es die Menschen. Sie wären aufmerksamer als in Deutschland. Man komme schneller miteinander ins Gespräch. Israelis seinen kommunikativer. Die Leute wären hilfsbereiter. Niemand würde an einem Menschen in Not vorbeigehen, so wie in Deutschland an Bettlern, die auf der Straße lebten.

Im Interview spricht Frau Sharafian vor allen Dingen über Ihren Glauben.

Sind sie stolz Jüdin zu sein?
Ja, ich bin gerne Jüdin.

Sind sie religiös erzogen worden?
Nein. Das war alles traditionell, die Feste, die Rituale, dass wir kein Schweinefleisch gegessen haben… Das war nicht religiös motiviert.

Wurde Religion bei ihnen an der Schule unterrichtet?
Ja, in Israel wird Religion in der Schule unterrichtet.

Haben sie als Kind an Gott geglaubt? Und gab es unterschiedliche Phasen in ihrem Glauben je nach Alter und Lebensumständen?
Nein, gab es nicht. Für mich ist Glaube mehr etwas, das mit Tradition zu tun hat. Wenn ich im Ausland war oder es mir nicht gut ging, dann habe ich schon gedacht, dass jemand auf mich aufpasst…

Welche Feste feiern Sie?
In der ersten Zeit in Deutschland gab es in der Stadt, in der ich mit meinem Mann wohnte, noch gar keine Synagoge. Und es gab auch keine Gemeinde. Ich musste 125 Kilometer bis in die nächste Stadt fahren. Der einzige Jude in meiner Stadt außer mir, war der Bürgermeister. In den ersten zehn Jahren unserer Beziehung, haben mein Mann und ich keine jüdischen Feste gefeiert.

Feiern sie heute Weihnachten?
Ja, weil es schön ist!

Was ist ihre Heimat?
Israel.

Woran denken sie beim Wort Heimat?


An zu Hause sein. Ich mag mein schönes Haus mit Garten in Deutschland, das ich damals zusammen mit meinem Mann gekauft habe und in dem ich heute alleine wohne. Ich mag meine Freunde. Aber ich denke da, wo man geboren ist, ist zu Hause. Vielleicht ist das aber auch nur so eine Idee und ich würde mich in Israel gar nicht mehr zu Hause fühlen. Das ist schwierig zu sagen. Meine Schwester würde auf die Frage antworten: USA. Aber in den USA ist es auch anders als in Deutschland. Da gibt es einen größeren Zusammenhalt unter den Juden. Und die Nichtjuden wissen besser Bescheid, zum Beispiel kennt man in den USA die jüdischen Feste. Das ist in Deutschland nicht so. Meine Schwester hat eine deutsche Nachbarin und die gratuliert ihr zum neuen jüdischen Jahr. Und obwohl ich mit den Kindern im Kindergarten die jüdischen Feste bespreche, gratulieren mir die Eltern nicht zum neuen jüdischen Jahr. Das ist in den USA selbstverständlich.

Was ist Israels größte Stärke?
Die Vielfalt. Es sind die Menschen aus vielen, vielen Ländern. Und die Kreativen. Jeder kommt mit Digitalität klar und entwickelt etwas Neues daraus. In Israel bauen sich die Menschen ihre Zukunft. Das ist eine gute und notwendige Stärke. Sehen sie, die Ausschwitzüberlebenden haben sich nicht die Vergangenheit angeguckt, das wäre gar nicht möglich gewesen! Sicherlich, teilweise haben sie die Vergangenheit auch verdrängt, aber vor allen Dingen haben sie immer nach vorne geschaut! Niemals rückwärts, sondern immer vorwärts. Sehen sie sich die
Bauhausstadt Tel Aviv an. Jüdische Architekten aus Deutschland errichteten all die Gebäude im Bauhausstil.

Was ist die größte Schwäche Israels?
Die ganze Religiosität bedeutet Schwäche. Ich meine damit das
ultraorthodoxe Judentum. Das spaltet.

Spendet Glaube ihnen bei schwierigen Aufgaben Kraft?
Ja.

Tragen sie ein Symbol des Glaubens?
Nein, für mich hat Glaube nichts mit Symbolen zu tun, auch wenn wir für die Feste natürlich bestimmte Leuchter anzünden. Aber das ist insgesamt ein Gefühl, nichts Materielles. […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung zu lesen.

Das Buch ist direkt über mich zu bestellen, für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

Oder über Amazon als Kidle-Edition für 9,99 Euro:
https://www.amazon.de/Glaube-Liebe-Hoffnung-Anke-K%C3%BChne/dp/3000701257

Glaube, Liebe, Hoffnung

Ich habe Angst vor den Waffen unserer Nachbarn!

Sebastian Göbel lebt mit seiner Frau, zwei Töchtern, zwölf und zehn Jahre alt sowie seinem achtjährigen Sohn in Tomball, Texas. „Wir wohnen in einem typischen amerikanischen Vorort von Houston“, sagt er. Es sei mal eine Kleinstadt gewesen, die mit Houston zusammenwuchs. Die Grenze selbst merke man nicht mehr, aber es gäbe trotzdem noch dörfliche Strukturen.
Sebastian Göbel arbeitet für Hewlett Packard Enterprise. „Ich bin dreimal ausgewandert und dreimal Amerikaner geworden.“ (lacht) Beim ersten Mal ging er in der Nähe von Houston zur Schule und spielte Football. Es sei eine großartige Erfahrung für ihn gewesen. Beim zweiten Mal ging er an die Universität für sein Masterstudium. Beim dritten Mal war’s für die Schulzeit seiner Kinder.
Er arbeitete auch in Luxemburg und dort hauptsächlich mit Franzosen sowie Belgiern. Jetzt sind es Amerikaner, aber der Unterschied sei nicht groß, da das Unternehmen amerikanisch geführt ist. Die Mitarbeiter seien multikulturell. Sie hätten zwar alle ihren eigenen Background, aber das spiele keine Rolle, an Kleinigkeiten merke man es allerdings schon: „In Luxemburg musste ich morgens erstmal durchs ganze Büro gehen, jedem die Hand geben und dann Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links und Smalltalk halten. Das dauert eine halbe Stunde bevor ich anfangen konnte, zu arbeiten.“ (lacht) In den USA dagegen, fange jeder morgens sofort an loszulegen. Der Fokus liege ganz klar auf der Arbeit. Das wäre eher ein gesellschaftlicher Unterschied.

„Viele Leute definieren sich in Amerika über die Arbeit. Man wird nicht gefragt: Wer bist du? Was denkst du? woher kommst du? Sondern was machst du? In den USA definieren sich alle sehr über ihren Job.“

Sebastian Göbel habe aber auch gute Freunde in Amerika gefunden. Für ihn sei das nicht viel anders als in Deutschland oder Luxemburg gewesen. „Ich bin im Leben viel rumgehüpft“, erklärt er . Aus jeder Phase seines Lebens habe er Freundschaften mitgenommen. Damit die über die Jahre halten, müsse man sie pflegen und sich drum kümmern, ist er überzeugt. Das musste er lernen, aber das sei überall auf der Welt gleich.

Anmoderation Interview Sebastian Göbel

Sebastian Göbel wuchs in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf. Seine Familie war daher nicht religiös unterwegs. Seit er verheiratet ist, geht er mit seiner ganzen Familie jeden Sonntag in die Kirche. Seine Frau ist Journalistin und US-Amerikanerin. Sie kommt von einer Ranch. Ihre Eltern leben zwei Stunden von Tomball entfernt.

Sebastian Göbel spricht im Interview über seine Hoffnungen und Träume sowie Enttäuschungen und Kämpfe in Bezug auf die USA.

Seit wann gab es den Traum von den USA?
Das erste Mal während der Schulzeit. Ich spielte ein Jahr Football und das war meine große Liebe, so ein toller Sport! Aber um das richtig zu können, blieb für mich nur Amerika. Also bearbeitete ich meine Mutter, mir einen Austausch zu ermöglichen. Ich gab vor, ich müsse unbedingt Englisch lernen (lacht). Das war natürlich nur vorgeschoben. Ich kam nach Texas, in die Nähe von Houston. Dort ging ich auf die High-School.

Wie sahen die Hoffnungen bei der ersten Reise in die USA aus?
Ich lernte die amerikanische Kultur kennen, die sich um den Sport herum entwickelte. Das war eine fantastische Erfahrung. Ich ging in Houston zur Schule, das war ein Traum. Du machst vor der Schule Sport, du hast nach der Schule Training und an den Wochenenden dreht sich alles um die Spiele, einfach großartig! Die ganze Stadt wurde dafür mobilisiert. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung!

Was war das Schönste?
Ich war bei einer fantastischen Familie, die sich ganz viel Mühe gab, die mir alles zeigte und mit der ich heute noch in Kontakt stehe. Meine Frau sagt immer: Die haben dich adoptiert. (lacht) So ist es wirklich beinahe.

Was war enttäuschend?
Angst machten mir die Insekten. Die sind zum Teil gruselig. Aber sonst gab es keine schlechten Erfahrungen.

Was war ganz anders, als vorgestellt?
Ich hatte vorher Horrorgeschichten über das amerikanische Schulsystem gehört und das bestätigte sich für mich überhaupt nicht. Ich wohnte in einem kleinen Dorf. Alle sorgten dafür, dass die Schüler anständige Lehrer hatten und dass die Schüler gute Arbeit leisteten. Das war nicht anders als das, was ich aus Deutschland kannte. Ich lernte aber auch Austauschschüler kennen, für die die Schule der Horror war. Es ist also grundsätzlich möglich, aber nicht immer und überall der Fall. Es gibt die Zweiklassengesellschaft. In Stadtteilen mit Minderheiten können die Schulen leider ein Problem sein…

Was war überraschend?
Überrascht war ich davon, dass es so eine große deutsche Kultur gab. Wir machten jeden Freitag eine Tour zu einer anderen High-School. Dabei wurde ich regelmäßig auf Deutsch angesprochen, weil alle wussten, dass ich aus Deutschland komme. Die Leute waren 65 bis 70 Jahre alt und hatten ihr Deutsch vor dem zweiten Weltkrieg gelernt. Das stirbt langsam aus. Die Auswanderer fanden es schön, mit mir zu sprechen. Klar, da war diese ganze Einwandererkultur, aber dass sie das Deutsche weiter pflegten und lebten, überraschte mich. Es war wie ein kleines Deutschland und das realisierte ich damals zum ersten Mal.

Wie war es beim zweiten Mal?
Ich wusste, dass ich mir die Studiengebühren in den USA nicht leisten kann. Das waren Summen, die waren unvorstellbar. Also beendete ich in Deutschland mein Studium, arbeitete anschließend drei Jahre und sparte Geld. Zwischendurch lernte ich eine Amerikanerin kennen und wollte auch ihretwegen in die USA. Heute ist sie meine Frau.

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Ich lernte sie in Luxemburg kennen, als ich dort arbeitete. Sie absolvierte ein Sprachprogramm in einer Sommerschule in Bonn. Eine Freundin von mir stellte sie mir vor und wir unternahmen etwas miteinander. Wir blieben in Kontakt und kamen zusammen. Erst war es eine Fernbeziehung. Ich dachte, das klappt nie! Aber im Sommer war ich in Texas und sie kam ein paar Mal nach Luxemburg. Ich folgte ihr in die USA für meinen Master.

Wie ging‘s weiter?
Ich suchte mir nach dem Abschluss einen Job. Wir heirateten und bekamen unser erstes Kind.

Warum ging’s das dritte Mal in die USA?
Dummer Zufall.(lacht) Über den Job bekam ich das Angebot wieder in Luxemburg arbeiten zu können. Meine Frau war schwanger und wir gingen für fünf Jahre nach Luxemburg. Meine Frau spricht Deutsch. In Luxemburg ist allerdings alles auf Französisch. Trotzdem überlegten wir lange, wo unsere Kinder zur Schule gehen und aufwachsen sollen.

Was gab den Ausschlag für die USA?
Meine Frau vermisste ihre Familie. Sie hat eine sehr enge Verbindung zu ihren Eltern, allen ihren Brüdern und damals auch noch zu ihren Großeltern. Sie wollte gerne in ihrer Nähe leben. Sie gab ihren Job auf, als unsere erste Tochter auf die Welt kam. Wenn sie schon nicht arbeitete, wollte sie wenigstens in ihrem Umfeld leben.

Welche Staatsbürgerschaft habt ihr?
Die Kinder haben meine. Ich hatte bis vor einem Jahr nur die deutsche Staatsbürgerschaft, aber da Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft zulässt, haben die Kinder und ich jetzt auch die Amerikanische. Meine Frau hat nur die Amerikanische.

Wachsen die Kinder zweisprachig auf?
Ich spreche Deutsch, meine Frau spricht Englisch mit ihnen. Meiner Großen gelingt das fließend. Unsere Mittlere spricht fast fließend und der Kleine mag es nicht so gern sprechen, aber versteht alles. Die Kinder gehen in eine fantastische Samstagsschule. Dort lernen sie vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse jeden Samstag drei bis vier Stunden deutsche Kultur, Grammatik und Rechtschreibung. Das bringt total viel. Es ist eine tolle Institution und eine große Unterstützung für mich, so muss ich den Kindern nicht alles alleine beibringen.

Ist es schöner, in Deutschland ein Kind zu sein oder in den USA?


Das ist egal. Es kommt auf die Familie an und was dir geboten wird. Glücklich kann man überall sein. Ich bin als Kind in der DDR groß geworden. Wir hatten nix und ich war glücklich. Was Kinder glücklich macht, ist das direkte Umfeld und die Kontakte, die sie haben.

Lieben Amerikaner anders als Deutsche?
Nein, würde ich jetzt so nicht sagen. Von Frau zu Frau und Mann zu Mann sind die Unterschiede nicht so groß. Man sieht in den USA schon, dass der Partner oder die Partnerin manchmal nur ein Statussymbol ist. Aber das sah ich auch in Deutschland. Das kommt, glaube ich auf die Person an. Aus meiner Perspektive betrachtet würde ich das nicht generalisieren wollen. Amerikaner sind mehr auf sich selbst bezogen, die Deutschen haben einen größeren Gemeinschaftssinn. Das hat schon Auswirkungen, aber auf andere Bereiche, nicht darauf, wie man liebt. Das ist ja etwas, das von Herzen kommt. Da sind die Menschen gar nicht so unterschiedlich. […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung erschienen.

Foto: Kristoff Kühne

Das Buch ist direkt über mich zu bestellen für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

Oder über Amazon als Kidle-Edition für 9,99 Euro:
https://www.amazon.de/Glaube-Liebe-Hoffnung-Anke-K%C3%BChne/dp/3000701257

Roman

Mes Vacances

Flink klettere ich den Felsen hinauf. Vor mir hangelt Jule behände wie ein Äffchen. Gleißend reflektiert das Licht von den weißen Felsen. Ich kneife die Augen zusammen. Die Steine unter meinen Füßen und Händen brennen. Als ich oben auf dem Felsen ankomme, spüre ich den Schweiß auf meiner Haut. Ich stelle mich auf einen Vorsprung, halte kurz die Luft an, dann springe ich. Dabei stoße ich einen kleinen Schrei aus. Ich spüre ein Kribbeln im Magen und tauche tief in das smaragdgrüne Wasser des Felsbeckens ein. Als ich auftauche, läuft es mir in den Mund. Es schmeckt nach Sonnencreme, Haarshampoo und dem Salz meiner Haut. Ich atme die schwere, würzige Luft ein, in der ich einen Hauch Lavendel ausmache. Die Kinder, die hinter mir mit einer großen Fontäne ins Wasser krachen, kreischen begeistert. Sommerferien!

https://youtu.be/RB1azXQzStg

Meine Cousine und ich schwimmen den ganzen Tag in den Felsbecken der Schlucht. Zahllose französische Familien ziehen vormittags in fröhlichen Karawanen los. Sie sind bunt beladen mit Sonnenschirmen, Picknicktaschen und Handtüchern. An den unteren Felsbecken findet sich mittags kein Platz mehr, nicht mal für ein Handtuch. Jule und ich klettern weiter hinauf, dort ist es leerer. Ganz oben sind wir allein. Die Familien schaffen es mit ihrer Ausrüstung nicht bis dorthin. In der Mittagshitze, fällt uns das Atmen beim Klettern schwer. Doch das Kribbeln im Bauch beim Springen, das Glücksgefühl, wenn wir unten ankommen und das erfrischende Nass, berauschen uns. Wir klettern immer wieder hoch. Es ist ein Verlangen, zu springen. Bis wir völlig erschöpft sind. Dann legen wir uns überglücklich auf die heißen Steine und ruhen uns aus.

Wir genießen es, dass hoch oben niemand außer uns ist. Wir sind stolz darauf, dass wir waghalsiger von den Felsen springen, als die gleichaltrigen Jungs an den unteren Becken. Ab und zu springen wir nur deshalb dort unten, um ihre verdutzten Gesichter zu sehen. Wir fühlen uns wie furchtlose Abenteuer.


Jules Eltern, meine Tante und mein Onkel, freuen sich, dass ich sie begleite. Sie nehmen mich seit meinem zwölften Lebensjahr mit in die Sommerferien. Jules ältere Geschwister kommen nicht mehr mit. Sie machen alleine Urlaub mit den Pfadfindern oder fahren ins Sportcamp. Ich bin Klassenbeste und gleichaltrigen Kindern weit voraus. Jules Eltern wünschen sich, dass ihre Tochter so wäre wie ich, aber sich wenigstens für Bücher interessiert. Diese Ferien verbringen wir drei Wochen in einem kleinen französischen Dorf. Meine Tante will ihre kreative Seite ausleben, sie hat einen Töpferkurs gebucht. Wir machen einen Ausflug nach Avignon und besichtigen eine Ausstellung von Auguste Rodin. Ich bin wahnsinnig ergriffen. Seine Skulpturen sehen lebendig aus in ihrer Lebensgröße, aber das ist es nicht. Ich kann ihre Gefühle spüren. Beim Anblick des Le Penseur fühle ich dessen grüblerische Qual. Sie steht so sehr im Kontrast zu seinem starken, männlichen Körper, dass ich spüre, dass er für mentale Arbeit nicht geschaffen ist. Eine erotische Anziehungskraft hat der männliche Körper noch nicht. Das ist ein Mann. Ich bin 14 Jahre alt und stehe auf Jungs. Der Denker wirkt depressiv auf mich. Ich empfinde das als tröstlich, ich bin also nicht die einzige. Ich erlebte nie zuvor beim Anblick einer Statue den Eindruck, dass diese Gefühle haben. Bei Danaid rührt mich ihre Verletzlichkeit. Ich glaube ihre Anmut zu spüren und ihre Hingabe. Gleichzeitig fühle ich eine unendliche Verlorenheit. Ich bin selbst unsterblich verliebt und fühle mich angesichts der Ausweglosigkeit verloren. Er ist älter und will nach dem Abitur zum Studieren in eine Stadt sieben Autostunden entfernt ziehen. Außerdem macht es nicht den Anschein, er könnte in mich verliebt sein… Rodins Skulpturen drücken für mich aber noch mehr aus. Bei Le main de dieu spüre ich es am deutlichsten. Ich vermag es zunächst nicht zu fassen. Es ist ein Funke, der auf mich überspringt. Dieser lässt meine Seele strahlen. Ich spüre eine ungeheure Kraft von ihm ausgehend. Er erfüllt mich ganz. Jule lacht. Ihre Eltern heben die Augenbrauen. Ich spreche nicht wieder darüber.
Wir bummeln nach dem Museumsbesuch durch die Stadt. Es findet gerade das Festival d’Avignon statt, ein Theater-, Tanz- und Gesangsfestival. Ich bin berauscht und weiß gar nicht wohin ich zuerst schauen soll. Ich habe so etwas noch nie gesehen: Pantomime laufen auf Stelzen, weit in den blauen Sommerhimmel ragend, durch die Stadt. Straßenkünstler malen mit Kreiden Gemälde von Vincent van Gogh, Gustav Klimt und Claude Monet. Musikanten spielen Mozarts Kleine Nachtmusik. Eine Gruppe farbiger Franzosen in bunten Kostümen trommelt und tanzt. An Ständen bieten Menschen Kunsthandwerk feil: geklöppelte Tischdeckchen, Töpferware, Aquarellbilder, Silberschmuck, handgeschöpftes Papier… Es gibt ein wunderschönes, altes, hölzernes Kettenkarussell, damit wollen Jule und ich unbedingt fahren! Wir drehen eine Runde, dann noch eine und können nicht mehr aufhören.

Wir fliegen nebeneinander in den dämmrigen Abendhimmel, die ersten Sterne leuchten, es ist warm und riecht herrlich nach frisch gebrannten Mandeln. Wir halten uns an den Händen und fühlen uns glücklich und frei. Ferien!

Wir wohnen in einem alten, gelbgestrichenen Haus, dessen Fensterläden blau angemalt sind. Davor blühen pinke Rosen und lila Lavendel in Terracottatöpfen. Das Haus ist hoch, schmal und ein wenig schief. Ich bleibe andächtig mit meinem Koffer in der Hand davor stehen und kann mich nicht sattsehen. „Jule, das ist so romantisch, oder?“ bringe ich seufzend hervor. Meine Cousine ist schon nach drinnen gestürmt. Sie brüllt mir zu: „Annie, jetzt mach endlich, wir wollen unser Zimmer doch vor Mama und Papa aussuchen!“ Ich reiße mich los und gehe hinein. Der Raum ist winzig. In der Mitte steht ein großer, alter Tisch, drumherum Stühle, die Wände sind weiß getüncht, das wars. Ich sehe einen Durchbruch zur Küche. Eine Steintreppe windet sich hinauf, von dort schreit Jule: „Mama und Papa wollen das Doppeltbett, wir sollen das Zimmer mit den Einzelbetten bekommen. Das ist mir recht, wir haben einen Deckenventilator und sooooo romantische Moskitonetze über unseren Betten. Jetzt komm doch endlich mal!“ Ich steige die Treppe hinauf und betrete ein geräumiges Zimmer, das zugleich den Flur bildet. Ein Bett steht am Treppengeländer, das andere neben der Tür zum Elternschlafzimmer. Dazwischen prunkt ein antikes Frisiertischen mit dreiteilig-klappbarem Spiegel. Gegenüber liegt die Tür zum Bad. Jule springt Trampolin auf dem Bett, die Federn quietschen, sie wirbelt eine ordentliche Staubwolke auf und jauchzt. Ich öffne die Fensterläden und sehe auf eine wunderhübsche Dachterrasse, die eine Etage tiefer liegt. Das Haus liegt am Hang. Der Blick reicht weit über die hügelige Landschaft der Provence, die im Dunst der Dämmerung unendliche Lilaschattierungen hervorbringt. „Wow“, entfährt es mir, ich bin sprachlos! Die Terrasse ist von einer weiß getünchten Mauer eingefasst. In Kübeln wachsen üppige Pflanzen, ich kenne ihre Namen alle, da meine Mutter sie liebt und regelmäßig verzweifelt, weil sie im kühlen, deutschen Norden nicht gedeihen: Oleander, Hibiskus, Zitronen-, Orangen- und Olivenbaum, Hortensien, Lavendel, Kletterrosen, Sonnenblumen und Tomaten. Jule springt mit einem großen Satz neben mich, gerät ins Wanken, krallt sich an mir fest und wir stürzen beinahe die Treppe hinunter. Sie ruft: „Geil, da sind Zitronen, Orangen, Tomaten und Oliven, die müssen wir ernten!“ Schon rennt sie die Treppe hinunter. Ihr Vater ruft: „Jule, das sind nicht unsere, wir müssen erst fragen!“ Ich gehe hinter Jule her. Wir betreten die Terrasse über die Küche. Diese bildet witziger Weise den größten Raum im ganzen Haus. Es gibt einen riesigen Herd, die Wände sind ringsherum mit offenen Regalen verkleidet, in denen sich getöpfertes Geschirr, neben Gläsern mit selbstgemachter Konfitüre stapelt. Es finden sich außerdem eingelegte Oliven, Kochbücher, Wein- und Wasserkaraffen, selbstgenähte bunte Tischdecken, Sets und Brotkörbe, Flaschen mit verschiedenen Essigsorten und kleine Gläser mit Korken verschlossen, auf denen die verschiedensten Gewürznamen stehen. Ich staune. Jule ruft schmatzend von draußen: „Annie du wirst irre! Hier gibt es tausend verschiedene Gewürztöpfe.“ Ich trete auf die Terrasse. Ein warmer Wind streichelt meine nackten Schultern. Ich rieche ein Gemisch aus Minze, Thymian und Lavendel. Der Innenhof ist so zugewachsen und vollgerankt, dass er wie ein verwunschener Garten aussieht. Eiserne Tische und Stühle stehen in seiner Mitte. Vögel zwitschern. Jule sagt: „Augen zu, du musst raten!“ Schon stopft sie mir etwas in den Mund. Das ist einfach für mich: „Basilikum!“ Ich öffne die Augen und lache über ihr verdutztes Gesicht. Aus dem Fenster über uns beugt sich meine Tante und sagt: „Mädchen, macht euch bitte frisch, wir gehen gleich zum Abendessen.“ Sie hat den Töpferkurs mit Halbpension gebucht. Eine deutsche Auswanderin töpfert, ihr französischer Mann kocht abends für alle. Wir laufen ein kurzes Stück durch das Dorf. Es scheint ausgestorben und wie aus einer anderen Zeit. Wir begegnen keiner Menschenseele. Die Straßenlaternen leuchten gelb und scheinen milchig in die Abenddämmerung. Grillen zirpen. Die Fensterläden der Häuser sind verschlossenen. Ob noch wegen der Mittagshitze oder weil dort niemand mehr wohnt, lässt sich nicht sagen. Der Putz blättert überall ab. Wir erreichen ein großes Gebäude, das aussieht wie ein alter Stall. Durch ein Scheunentor betreten wir es. Ah, hier wird getöpfert. Zehn Töpferscheiben stehen in einem großen Kreis. Auf einigen liegen angefangene Sachen, ich erkenne nicht, was es mal werden soll. Auf großen Tischen stehen Tassen, Becher, Teller Vasen, alle in weiß. Daneben liegen Tonklumpen in feuchtes Leinen gewickelt. An einer Wand steht ein riesiger Pizzaofen. Meine Tante lacht: „Das ist der Brennofen, wenn er voll ist, wird er angeworfen.“ An der gegenüberliegenden Wand sind Regale bis zur Decke geschraubt. Dort hängen Tassen und Becher an Haken, es stehen Schüsseln, Kannen, Vasen und Krüge auf Brettern. Sie sind in dunkelblau, türkisgrün, weiß, lavendel und hellgrün lasiert. Die meisten einfarbig aber es finden sich auch Tupfen, Streifen und Muscheln. Mein Herz macht einen Hüpfer, ich will töpfern! „Jule, du auch?“, frage ich sie. Sie ist schon durch die nächste Tür nach draußen gerannt und ruft: „Nee, was soll ich denn mit den ganzen Töppen?“ Ich folge ihr und bleibe gleich wieder stehen. Ein riesengroßer alter Olivenbaum steht in der Mitte des Hofes. Unter ihm ist eine lange Tafel gedeckt. Sie biegt sich durch die Last der Unmengen an Schalen und Töpfen mit Essen, Karaffen mit Wein und Wasser, Körben mit Baguette, Etageren mit Maccarones und Eclairs. Etwa zwanzig Erwachsene halten Gläser in den Händen, stehen um den Tisch und unterhalten sich ausgelassen. Es ist schon dunkel. Von dem Olivenbaum zu den Mauern hängen Lichterketten. Auf dem Tisch stehen Windlichter. Im Baum hängen Windspiele. Zwischen den Erwachsenen toben rund zehn Kinder und Jugendliche wild und laut lachend, Jule mittendrin. Dieser Sommer ist für mich eine Offenbarung: Es sind mes Vacances!

Nach den Ferien gehe ich in die achte Klasse. Meine langen rotblonden Locken, fallen mir über den Rücken. Mein schmales Gesicht wirkt dadurch noch länger. Von meinem Vater erbte ich die Sommersprossen.

Wenn ich lache, breitet es sich von meinen Augen, über meine Wangen und das ganze Gesicht aus und steckt jeden an. Das weiß ich von meiner Oma, sie hat dieses Lachen auch und sagte es mir. Von meiner Mutter bekam ich den großen Busen, für den ich mich schäme. Ich war das erste Mädchen in der Klasse, das Brüste bekam. Ich war zehn! Ich trug einen engen Balettanzug im Sportunterricht und saß in der Turnhalle auf der Holzbank vorm Fenster. Meine beste Freundin saß neben mir und roch nach ungewaschenem Po. Ich schämte mich für sie. Die Jungs, die ein paar Plätze weiter saßen, kicherten, standen auf, lachten, schauten zu uns rüber. Ich war immer noch mit dem Pogeruch beschäftigt. Unsere viel zu weißen Füße steckten in Ballerinaschuhen. Meine Freundin trug ebenfalls einen eng anliegenden Ballettanzug. Aber sie hatte keine Brüste. Ich stierte sie an, aber es war wirklich nicht mal in Erbsengröße etwas zu sehen. Ich seufzte. Meine Brüste waren kirschgroß und -rund, sie zeichneten sich deutlich unter dem straff gespannten Stoff ab. Eine Horde wild gewordener Jungs stürmte auf uns zu, machte Halt, begaffte uns, rannte wieder zurück und brüllte dabei: „Igitt, die hat schon Titten!“ Dann brachen sie in Lachen aus. Meine Freundin senkte verlegen den Kopf. Unsere Lehrerin kam aus dem Geräteraum zu uns herüber, wusste nicht was los war und begann mit dem Unterricht: Bockspringen. Darin bin ich eine Granate. Es lenkte mich ab. Erst in der Umkleidekabine dachte ich wieder an die Scham. Ich nähte mir aus Dauerelastischenbinden einen Brustwickel, so straff, wie ich es ertrug, damit man meine Brust nicht mehr sah. Darüber trug ich fortan weite T-Shirts. Eine Weile ging das gut. Irgendwann war mein Busen jedoch so groß, dass er keinen Halt hatte und mich am Hüpfen, Springen und Rennen hinderte. Bisher war ich das schnellste Mädchen der Klasse. Nun war ich nur noch unglücklich. In den ersten Ferien mit meiner Cousine fahren wir auch einmal an einen Nacktbadestrand am Mittelmeer. Ich schäme mich so sehr, dass ich die ganze Zeit auf dem Bauch liege und nicht einmal schwimmen mag. Ich sterbe fast vor Hitze. Wozu bekam ich diesen bescheuerten Frauenkörper? Ich bin ein Kind! Ich will nackt Ball spielen und mich frei fühlen…
Mit zwölf Jahren bekomme ich als erste meine Regel. Ich denke mein Körper spinnt total. Ich traue mich nicht, mit jemandem darüber zu sprechen und bastelte mir Binden aus Klopapier. Doch das hält natürlich nicht, Schlüpfer und Jeans sind voller Blut. Als meine Tante und mein Onkel in jenem Sommer Ausflüge machen wollen, gebe ich vor krank zu sein und lege mich eine Woche ins Bett. Es gibt keine Waschmaschine in unserer Unterkunft und ich habe nur noch eine lange Hose. An Röcke und Kleider ist in meinem Zustand gar nicht zu denken. Außerdem habe ich so starke Unterleibskrämpfe, dass Liegen das einzig erträgliche ist. Und Selbstbefriedigung. Das löst die Krämpfe. Ich hasse meinen Körper. Ich will kein Baby. Die Blutung ist klumpig. Etwa aprikosengroße Blutbälle arbeiten sich durch meinen Unterleib. Ob so ein Baby bei der Abtreibung aussieht? Aber ich hatte noch nie Sex, es kann also kein Baby sein. Ich bin gefangen in einem Frauenkörper…
Ich schaue durch einen Spalt der geschlossenen Fensterläden. Noch ist es herrlich kühl draußen. Heute Nachmittag wird es wieder 40 Grad heiß sein. Ich gehe duschen und will mich rasieren. Meine Körperbehaarung, die seit diesem Sommer dazu kommt, scheint das einzige zu sein, bei der ich es besser traf, als die anderen Mädchen in meinem Umfeld. Jule hat schwarzes dichtes Haar unter den Achseln, auf ihrer Vulva und an den Beinen. Und zwar nicht nur an den Schienbeinen wie ich, sondern selbst auf auf der Rückseite ihrer Oberschenkel kräuseln sie sich. Das ist echt gemein! Sie muss täglich rasieren, sonst kann sie keine kurzen Hosen tragen. Beim Abendessen fragte sie gestern ein Mädchen, das etwas jünger ist als wir, laut und so, dass es alle hören konnten: „Jule, du hast ganz viele Hundehaare an den Beinen! Soll ich die abklopfen?“ Jule lief Tomatenrot an und schrie: „Nein du blöde Kuh, das sind keine Hundehaare, sondern meine eigenen und die gehören da hin!“ Dann spielte sie weiter. Ich war beeindruckt. In der Dusche stehend sehe ich jetzt allerdings, dass es sie doch nicht kalt gelassen hat. Mein Rasierer ist mit kurzen, schwarzgelockten Haaren verstopft. Ich stöhne. Jule, das ist echt eklig, das sauber zu machen! Ich schaue an mir herab. Meine Haare sind dünn, blond und glatt, Jule findet sie unsichtbar. Ich sehe natürlich trotzdem jedes noch so kleines Härchen ganz genau. […]

Der vollständige Text erscheint in meinem Roman.

Erzählung

Löwentränen

Im Land der Löwinnen

„Akwaaba!“
„Wose? Ka yo bio?“
„ƐnyƐ hwee!“

Große, fast schwarze Augen schauen mich an. Freundlich, beinahe sanft ruhen sie auf mir. Der Mund formt ein geduldiges Lächeln. Die Haare hat sie eng am Kopf zu Rastazöpfen geflochten. Sie ist groß, genauso groß wie ich und trägt ein farbenfrohes Kleid, das hinunter bis zu ihren Füßen reicht, die in Flipflops stecken. Auf dem Kopf balanciert sie einen Topf mit Wasser. Um die Brust hat sie ein Tuch gewickelt. Daraus lugen an ihrer Taille winzige rosafarbene Füßchen hervor. Mein Herz kribbelt vor Glück. Sie bemerkt es vor mir. Mit den Hände greift sie hinter ihren Rücken und zaubert ein Baby hervor. Seine Augen schauen mich ebenso so sanft, wie die seiner Mutter.

Die Frau fragt, ob sie mich berühren dürfe, sie hätte noch nie tätowierte Haut angefasst. Ich nicke. Sie streichelt über meinen Unterarm. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass die Berührung einer Fremden so angenehm sein kann. Sie fragt: „Wie heißt du?“ Ich antworte: „Akofa!“ Sie sagt: „Oh, das ist ein afrikanischer Name! Er bedeutet: die mit dem frohen Herzen. Deine Mutter muss voller Hoffnung und mit positivem Denken erfüllt gewesen sein, als sie mit dir schwanger war.“

Sie nimmt meine Hand in ihre und fährt mit dem Finger meine Lebenslinie entlang, während sie meine Hand dichter zu sich heranzieht. Die Frau erzählt weiter: „Deine Mutter war voller Freude und Optimismus, als sie erfuhr, dass sie dich bekommt. Sie hoffte auf eine glückliche Zukunft für dich … Aber ich sehe große Trauer, Verlorenheit und Schmerz in dir.“ Sie zieht eine Augenbraue hoch und schaut mir in die Augen. Tränen schießen mir in die Augen. Meine Knie werden weich, mein Magen krampft und in meinem Hals bildet sich ein riesiger Trauerkloß. „Hören Sie sofort auf!“, presse ich verzweifelt hervor. Sie streichelt liebevoll meine Hand und ich berhige mich.

Ob ihr Baby mich auch anfassen dürfe? Ich nicke wieder. Sie nimmt das winzige Händchen, spricht leise ein paar Worte, singt sie eigentlich eher, und führt die Fingerchen auf meinen Arm. Das Baby quietscht vergnügt. Ein warmes Lachen fließt aus mir. Bin das wirklich ich? Immer mehr Mütter umringen uns, auf dem Rücken ihre Babys tragend, auf dem Kopf Körbe mit Brot oder Wannen mit Wäsche oder Töpfe mit Fufu. Die Fremde hält mir ihr Baby hin, damit ich es auf den Arm nehmen kann. Ich denke mir: Akofa, es fängt bestimmt gleich an zu weinen! Sobald es von seiner Mutter getrennt ist, glaub mir … So kenne ich es aus Schweden. Aber das Baby schaut mich nur neugierig an. Ein Gefühl der Liebe durchströmt mich. Die Mutter lacht und fragt: „Akofa, kann ich auch deine Haare anfassen?“ Ich wundere mich kurz, dann fällt mir ein, dass ich sie glätte: „Natürlich!“ So weich, findet sie die. Sie nimmt die Hand ihres Babys, ich senke den Kopf. Das Baby zieht an meinen Haaren und gluckst vergnügt.

Akwaaba: fühle ich auf meiner Haut. Akwaaba: höre ich in jedem Lachen. Akwaaba: rieche ich im Duft der orangefarbenen Erde. Akwaaba: schmecke ich im Fufu. Akwaaba: sehe ich in den Gesichtern. Ich freue mich, dass ich diese Reise wage. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich von ganzem Herzen willkommen! Löwentränen (2024), S. 8f.

Ich fahre mit dem Bus von Acra nach Norden. Ich will mir eine Goldmine in Obuasi ansehen. Es dauert einen ganzen Tag lang von Ghanas Hauptstadt aus, obwohl sie nicht mal 300 Kilometer entfernt liegt. Der Bus schaukelt hin und her. Dabei wirbelt er auf den gelben sandigen Schotterpisten jede Menge Staub auf. Der Fahrer tanzt mit dem Bus wie eine Schlange zwischen tiefen Löchern und einem nicht enden wollenden Strom des Gegenverkehrs. Er kann das gut, keine Frage und geht‘s zügig, fährt er 40 Stundenkilometer. Phasenweise kommt er jedoch einfach nur im Schritttempo voran. (…)

Etwa 150000 Familien arbeiten in Ghanas Minen. Unzählige barfuß und ohne Schutzkleidung, einige sogar hochschwanger. Löwentränen (2024), S. 22.

Liebesleben

Wenn wir Urlaub haben, kommt sie trotzdem um sechs Uhr in der Frühe. Sie klingelt und beginnt im Schlafzimmer, die Betten müssen schließlich gemacht werden. Anfangs kommt sie, ohne vorher zu Klingeln, mit dem Schlüssel ins Haus. Mein Herz setzt einige Male aus, weil sie plötzlich wie aus dem Nichts vor mir steht. Es dauert Monate, bis sie sich ans Klingeln gewöhnt.

Ich ermahne mich immer wieder: Akofa, du wirst bald Mutter und Freja braucht dringend Hilfe! Löwentränen (2024), S. 63.

Die Unbeugsame

Irgendwann fragt sie mich, ob wir ein Baby erwarten. Es ist nicht nur ihre erste an mich gerichtete Frage, es ist die erste persönliche Ansprache überhaupt. Als ich bejahe, ändert sich ihre Körpersprache komplett.

Sie strahlt über’s ganze Gesicht, als sie auf Englisch sagt: „Ah, das habe ich schon geahnt. Eine Mutter spürt so etwas mit dem Herzen.“ Sie breitet ihre Arme aus und drückt mich an sich. Ihre Augen funkeln. Löwentränen (2024), S. 83.

Sie verließ ihre Kinder, damit sie ein besseres Leben haben, als sie selbst! Nun scheint dieses Opfer vergeben … Akofa, wie tragisch ist das denn bitte?!! Aber Alice kämpft trotzdem weiter klaglos für ihre Tochter. (…)

Wir schauen uns in die Augen. Ich sehe ihren Schmerz, ihre Trauer, sie scheint greifbar zwischen uns. Wir umarmen uns. Wir weinen stumm … Löwentränen (2024), S. 90.

COMING SOON!

Meine Erzählung Löwentränen erscheint im Sommer 2024!

Glaube, Liebe, Hoffnung

Alle Religionen sind für mich so heilig, wie meine eigene!


Shahab bedeutet im Arabischen Sternschnuppe. Aber auch Krieger“, sagt Shahab Ud-Din. Seine Mutter stammt aus Tansania, sein Vater aus Pakistan. Gemeinsam gingen sie nach England, dort wurde er geboren. Nicht ganz ein Jahr später zogen sie weiter nach Deutschland. Seine Eltern sind muslimischen Glaubens. Sie gehören der Ahmadiyya-Bewegung an, die in Pakistan stark verfolgt wird. Das war einer der Gründe, warum sein Vater nach Deutschland ging. 1974 gab es große Unruhen, die Familie seines Vaters wurde ausgeraubt und hatte nichts mehr. Sie schickte ihre Söhne ins Ausland, um das Leben der restlichen Familie zu sichern. „Damals ging das noch relativ einfach. Man konnte nach Deutschland kommen und es gab viel Arbeit“, sagt Shahab Ud-Din.
„Meine Verwandten leben zwar in Pakistan, aber ich verbinde damit nur Urlaub. Auf der anderen Seite bin ich sehr darauf bedacht, dass wir Zuhause nur Urdu sprechen. Für meine Kinder ist es mir wichtig, dass sie diese zweite Sprache wirklich gut beherrschen“, sagt Shahab Ud-Din. Der 36-jährige Diplomwirtschaftsingenieur ist verheiratet, hat eine dreijährige Tochter, einen sechsjährigen Sohn und lebt bei Köln.

„Wenn eine Kirche brennt, bin ich der Erste, der sie löscht! Selbst falls mein Haus dann verbrennt. Ich bin der Erste, der die Synagoge, das Gotteshaus und anders Gläubige schützt, selbst wenn es mir schadet. Das ist meine Pflicht als Muslim! Diese innere Triebkraft macht mich überhaupt erst zum Muslim.“

Shahab Ud-Dins Eltern engagierten sich in Schleswig-Holstein in einer Gemeinde, die noch relativ klein war. Mit den Jahren wuchs sie und je mehr Leute in die Gemeinde eintraten, umso mehr Arbeit fiel für seine Eltern an. „Schon mit sieben Jahren kommt man langsam rein, es werden bestimmte moralische Werte vermittelt“, sagt er. Die häusliche Erziehung habe in religiöser Hinsicht immer eine große Rolle gespielt. Damals gab es nur eine Moschee in Hamburg und eine bei Itzstedt. „Mein Vater besaß einen Gemüseladen und dafür einen Transporter. Weil viele damals nicht so viel Geld hatten und sich ein eigenes Auto nicht leisten konnten, nahm mein Vater sie alle im Kofferraum mit“, erinnert er sich.

Mit dem Begriff Heimat verband er lange Zeit nichts. Erst als er Norderstedt verließ und nach Köln ging, entdeckte er diesen Begriff für sich. „Vorher wusste ich nicht genau, was meine Heimat ist, Pakistan, wegen meines Vaters? Oder vielleicht Afrika, wo meine Mutter herkommt? Als ich nach Köln zog merkte ich, dass meine Heimat Norderstedt ist, ganz klar. Ich kenne dort alle Straßen. Wenn ich mich aufs Fahrrad setze und mir jemand sagt, er wohne da und da, komme ich hin, ohne genau zu wissen wo es ist. Nach Norderstedt zieht es mich immer wieder zurück. Ich vermisse die Franzbrötchen“, sagt er lachend. Er lebt am liebsten in Deutschland. Das ist sein Heimatland. Er arbeitet bei einer Sterilisationsfirma und leite drei Standorte mit fünfzehn Mitarbeitern. Shahab Ud-Din spricht im Interview über seinen Glauben, Religion und Frieden.

„Ich erhalte verletzende Dolchstöße in Form von permanentem Hass und Misstrauen mir gegenüber. Dazu gehört auch die ständige Suche meiner Mitmenschen nach einer Möglichkeit, mich zu denunzieren. Das ist passiert! Ohne Grund und ohne Beweise…“

Wann fing das Engagement in der Gemeinde an?
Ich war noch relativ jung. Es gab verschiedene Programme. Ab der siebten Klasse engagierten sich auch meine Freunde. Wir schrieben zu Hause etwas und erledigten kleinere Arbeiten. Mit der Zeit nahm die Verantwortung immer weiter zu.

Wie sah der Religionsunterricht in der Schule aus?
Ich konnte damals glaube ich, nicht entscheiden, ob ich daran teilnehme. Erst später konnte ich zwischen Religion und Philosophie wählen und stieg auf Philosophie um, weil der Religionsunterricht katholisch war. Meine Sohn wird nicht zum Religions-, sondern zum Ethikunterricht gehen.

Wie erlebtest du den Religionsunterricht?
Unsere Konfession ist offener als andere, weil wir sagen, dass alle Religionen im Kern die Wahrheit enthalten. Was viele Menschen daraus gemacht haben, entfernte sich von dieser Wahrheit. In der Oberstufe führte ich häufig Diskussionen mit meinem Religionslehrer, weil ich mich auch mit dem Christentum beschäftigte. Er hatte ganz schön zu kämpfen (lacht).

Wie viele Kinder gehörten damals dem muslimischen Glauben an?
Ich war relativ lange der einzige, selbst in der Oberstufe. Als wir nach Henstedt-Ulzburg zogen, war ich auch der einzige, der anders aussah.

Wie gingen deine Lehrer mit deinem Glauben um?
Da ich mich, als ich in der Oberstufe war, schon lange mit der Materie befasst hatte, konnten die Lehrer mir Fragen zu meiner Religion stellen. Es war sogar so, dass wenn im anderen Kurs etwas über den Islam unterrichtet wurde, Lehrer zu mir kamen, um es nochmal zu verifizieren und zu fragen, welche Quellen es gibt. Meine Eltern gaben mir von Anfang mit, dass ich mich mit meinem Glauben befassen und nicht blind glauben soll. Das half mir sehr.

„Die Andersgläubigen, Andersaussehenden und Andersdenkenden wurden zu einer Gefahr erhoben und diese Sichtweise war salonfähig.“

Gab es verbale Angriffe?
Einmal brachte ein Deutschlehrer im Unterricht einen Spruch gegen den Islam. Ich fragte ihn, woran er das festmache und ob er es belegen könne. Seine Reaktion war: Hätte ich gewusst, dass du hier bist, hätte ich das Thema gar nicht angerissen. Wir diskutieren dann und das war interessant. Es war von Vorteil, dass ich mich intensiv mit dem Islam beschäftigt hatte, Argumente einbringen und auf meinen Lehrer eingehen konnte.

Wie bringst du dich heutzutage in deiner Gemeinde ein?
Zur Zeit bin ich im Bundesvorstand unserer Jugendorganisation. Ich bin für das Ressort Wirtschaft und Handel zuständig. Außerdem leite ich die Jugendgruppe in Nordrhein-Westphalen. Das sind elf Jugendgemeinden mit circa 400 Jugendlichen, mit denen ich Sport- oder spirituelle Programme organisiere.

Was machst du da?
Unser primäres Ziel ist es, den Leuten zu ehrlicher Arbeit zu verhelfen. Wir unterstützen sie bei ihren Lebensläufen, bei der Arbeitssuche, führen verschiedene Business Coachings durch, in denen sie lernen, wie Excel, Word und Zeitmanagement funktionieren.

Was noch?
Wir haben einen Onlineshop, in dem wir die Kollektion unserer Gemeinde vertreiben. Ich leite und koordiniere das. Ich verbringe mehr Zeit mit der Gemeindearbeit als in meinem Job (lacht). Gestern war ich den ganzen Tag unterwegs. Samstags versorgen wir Obdachlose in Köln mit Essen. Mein Sohn ist immer dabei. Wenn er Mal nicht kann, ist er traurig. Er ist mit seinen sechs Jahren schon mittendrin. Unsere Zentrale hat ihren Sitz in Frankfurt, ich bin ein bis zwei Mal in der Woche dort. Das kostet alles viel Zeit. Letzten November war ich für eine humanitäre Mission zwei Wochen auf Madagaskar. Wir bauten medical camps in dörflich Regionen auf.

Wie finanziert ihr euch?
Wir sind weltweit circa 200 Millionen in unserer Gemeinde und finanzieren uns ausschließlich über Spenden. Wir nehmen keine staatlichen Gelder an. Fast alles, was passiert, wird ehrenamtlich gemacht. Mitarbeiter werden von Spendengeldern bezahlt.

„An die ewige Liebe zwischen Menschen glaube ich nicht. Die gibt es nur zu und von Gott. Die Liebe zwischen Menschen betrachte ich mathematisch.“

Warum lehnt ihr staatliche Gelder ab?
Wir wollen unabhängig bleiben. Wir sind eine rein spirituelle, religiöse Gemeinde. Wir kümmern wir uns nicht um politische und staatliche Angelegenheiten und wollen uns nicht einmischen. Nach unserem Verständnis bekommen wir alles, was wir brauchen, von Gott. Das Spenden ist somit für uns keine Frage der Finanzierung, sondern eine Möglichkeit, das eigene Einkommen zu bereinigen. Damit geben wir einen Teil dessen, den Gott uns schenkte, als Dank zurück.

Ist das mit dem Zehnt vergleichbar?
Das Spenden im Namen Gottes ist eine grundsätzliche Sache, die in jeder Religion verankert ist. Im Koran wird beschrieben, dass Gott fragt: Wer ist da, der mir einen Kredit gibt? Da stellt sich natürlich die Frage, wie man jemandem einen Kredit geben kann, dem schon alles gehört (lacht). Das Zehnt im Christentum ist eher für die Kirche gedacht, im Islam ist er beides. Wir haben den Willen, der Menschheit zu helfen. In Afrika bauten wir beispielsweise Schulen und Krankenhäuser auf.

In welchen Ländern unterhaltet ihr solche Projekte?
Wir sind Ghana und Nigeria sehr groß. In Sao Tomé und in Guatemala bauen wir gerade etwas auf, wie ein neues Krankenhaus. Auf Madagaskar planen wir etwas… In Pakistan finanzierten wir Geräte in einem Institute für Kardiologie, obwohl uns viele dort verunglimpfen und politisch gegen uns arbeiten. Diese Leute lassen sich trotzdem in unseren Krankenhäusern behandeln. Wir begegnen ihnen genauso wie allen anderen und sie bekommen zu hundert Prozent das, was sie brauchen. Wir halten das geheim, damit die Patienten keine Probleme bekommen.

Wie viel Geld gibst du konkret?
Ich gebe monatlich mindestens ein Zehntel meines Einkommens ab. Wenn man alles zusammenrechnet spende ich im Monat circa 20 Prozent meines Einkommens, das sind 15.000 Euro pro Jahr.

Was gebt ihr Gott noch?
Das Ehrenamt ist der Sauerstoff, den wir brauchen! Es ist ein Geben und Nehmen. Ich tue so viel wie geht für Gottes Gemeinde. Er revanchiert sich, indem er mir das Leben einfach macht und mir innere Zufriedenheit schenkt. […]

Transkription: Amélie Gloyer

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung zu lesen.

Direkt zu bestellen über Amazon: https://www.amazon.de/Glaube-Liebe-Hoffnung-Anke-K%C3%BChne/dp/3000701257

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252


Glaube, Liebe, Hoffnung

Ich wollte Profi-Boxer werden und ging nach New York

Damian Skrzypczak hatte einen Traum: Er wollte boxen. Mit 24 Jahren ging der gebürtige Pole für zwei Jahre nach New York und probierte sein Glück. Er stieg in den Ring und lernte viel. „Beim Boxen zählt nicht wo du herkommst. Es ist egal was du sonst noch so im Leben machst. Äußerlichkeiten spielen keine Rolle“, sagt er. Er ist fasziniert, dass alles möglich ist, unabhängig von dem was war, ist oder sein wird.
„In Amerika boxen Latinos und Schwarze. Als ich ins Gym kam, guckten sie mich alle erst mal an wie’n Auto“, erinnert sich Damian Skrzypczak und lacht. Sie sagten: „Ey Alter, du bist ja weiß!“ Und nannten ihn „Whitey“. Er machte Sparrings mit ihnen. Sie waren beeindruckt von seinem Boxstil. Das erste halbe Jahr in New York trainierte er ununterbrochen, da er keine Arbeitserlaubnis hatte und mit seiner Freundin bei ihren Eltern wohnte.

„Boxen war mein Talent. Es kam einfach so aus mir heraus. Heute fragen mich alle: Damian, warum ist nichts aus dir geworden? Es war Schicksal. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort…“

Dann arbeitete Damian Skrzypczak auf dem Bau. Er fuhr stundenlang durch New York. Morgens um fünf Uhr war er als einer der Ersten bei der Jobvergabe, um seine Gelegenheit zu bekommen. Er empfand es als fair, dass es nach dem Motto lief: Wer zuerst kommt, malt zuerst. „Wenn ich Pech hatte, bekam ich nichts und fuhr mittags unbezahlt wieder nach Hause“, sagt er. Auf dem Bau zu arbeiten sei etwas, das er gut kann. Die Männer dort brachten ihm fließend Englisch bei. Ein Afroamerikaner übernahm eine Art Vaterrolle für ihn. Er boxte auch. Er lernte viel von ihm, vor allem über das Leben. Sie sind heute noch befreundet.

Damian Skrzypczak in New York

Die Leute bei der Gewerkschaft hätten irgendwann gesehen: Der Junge kommt jeden Tag um fünf Uhr morgens zur Jobvergabe, er hat kein Auto und fährt mit der Bahn von Brooklyn nach Queens. Sie gaben ihm eine Chance. Er konnte in New York zur Schule gehen und diverse Lizenzen machen, die er für seine Arbeit brauchte, wie einen Gabelstapler- und Kompressorschein.
Doch die Arbeit machte ihn körperlich kaputt. Das merkte er auch beim Boxen. Die Sparrings waren kein Training mehr, sondern „eine richtige Schlägerei. Ein Trainer fragte mich: Warum hast du ihn nicht ausgeknockt? Ich sagte: Ich bin nicht fit und dachte, ich tue ihm einen Gefallen“. Während der zehn Jahre zuvor, lernte er beim Boxtraining gegenseitige Rücksichtnahme. Aber in Amerika wird härter geboxt. Jeder guckt nur auf sich selbst. Das merkt man vor allen Dingen beim Sparring. „Ob du einen Cut bekommst oder dir die Nase brichst und wie du anschließend ins Krankenhaus kommst, ist mir scheiß egal! Das ist die Einstellung“, sagt er. Viele würden es nicht kennen fair zu sein und ein Sportsmann. Die Härte beginne schon im Kindesalter. Die Kids trainieren mit den Erwachsenen mit. „Drei Minuten Training, dann klingelt die Uhr und es ist eine Minute Pause. In Deutschland haben die Kinder nur eine Minute trainiert und dann Pause gemacht, weil es sonst zu hart gewesen wäre. Aber New York ist Hard Knock Life“, sagt er.

Als Damian Skrzypczak Geld verdient, zieht er bei den Eltern seiner Freundin in Queens aus und mit ihr zusammen in eine Wohnung nach Brooklyn. Sie ist Amerikanerin und arbeitet als Hairstylistin. Die beiden lernten sich in London kennen. Er besuchte sie zweimal in New York, als er 22 und 23 Jahre alt ist, dann beschließt er spontan, der Liebe wegen, in die USA zu gehen. Damian Skrzypczak war auch neugierig auf Amerika und besonders auf New York. In Hamburg gibt er seine Wohnung, sein Zuhause und seine Freunde auf. Sein Umfeld reagierte geschockt. „Sie fragten mich: Wie, du gehst nach New York? Und ich antwortete: Tja, das Flugticket ist schon gekauft! Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Aber das war gut so. Ich fahre gern allein in den Urlaub und habe kein Problem damit, mich in fremde Länder einzufinden und von Ausländern umgeben zu sein.“
Damian Skrzypczak guckte sich alles in Manhattan, Brooklyn und Queens an. War es so toll, cool und aufregend in New York, wie erträumt? „Ja! Absolut! Freiwillig hätte ich New York nie verlassen. Ich würde heute noch dort leben wollen“, schwärmt er.

Aber New York ist anstrengend. Die Menschenmassen und vor allen die Touristen nervten. „Geh mir aus dem Weg, ich will nach Hause“, dachte er ständig. Obwohl er Pole ist, vermisste er Deutschland, wo er zuletzt lebte. Er fuhr absichtlich ab und zu nach Chinatown, um dort zwischen den vielen Touristen, ein paar Brocken Deutsch aufzuschnappen. Jeden Sonntag fuhr er außerdem nach Greenpoint, einem Wohngebiet in Brooklyn, das hauptsächlich von einer polnischen Community bewohnt wird. Das polnische Essen linderte sein Heimweh. Freunde hatte Damian Skrzypczak bis auf den Afroamerikaner und seine Freundin keine. „Die New Yorker sind für sich. Es ist unglaublich schwer, dort Freunde zu finden. Das ist Hard Knock Life“, sagt er.
Das Leben in New York ist teuer. Wohnung, Essen und Bahntickets verschlingen alles. Das Geld ist immer knapp. „Viele Leute hängen auf der Straße, die ganzen Gangs. Ich habe mit denen öfter geschnackt. Sie fragten mich: Ey Whitey, wo gehst du denn immer mit deinen Boxhandschuhen hin? Ich sagte: Ich bin Boxer! Ich erzählte ihnen, in welchem Gym ich boxte. Sie meinten: Ah, kenn‘ ich! Sie wollten wissen, wie ich es in New York geschafft hatte. Von da an machten sie immer, wenn ich an ihnen vorbeijoggte, eine La-Ola-Welle“, sagt er lachend. „Ich fühlte mich als New Yorker.“
Doch die Liebe zerbrach. Und beim Boxtraining war Damian Skrzypczak komplett auf sich selbst gestellt. Der Traum vom Boxen platzte. Er beendete alles in New York. Seitdem war er nie wieder dort.

Die Wunde über seinen geplatzten Traum verheilte nie. „Es ist irgendwie immer etwas dazwischengekommen. Das tut bis heute weh“, sagt Damian Skrzypczak. Er boxte nie wieder, abgesehen von freundschaftlichen Sparrings. Aber er arbeitet auch heute noch seine alten Trainingspläne durch, um körperlich fit zu sein. „Der Reiz und der Hunger Boxer zu werden, war nach New York weg“, sagt er. Es sei trotzdem eine gute Erfahrung gewesen. Heute wäre es viel schwieriger in New York Arbeit zu bekommen, berichtet ihm sein afroamerikanischer Freund aus den USA. Selbst über die Gewerkschaft. New York ist zwar Multi-Kulti, aber Rassismus wäre trotzdem ein Thema. Ihm persönlich sei er jedoch nie begegnet. „Ich stand damals Sylvester in einer der schlechtesten Gegenden New Yorks vorm Liquor Store an, um Alc zu besorgen. Klar Mann, wir wollten feiern! Und die Leute laberten mich alle an, aber es war kein Problem. Aber vielleicht ziehen manche Leute es auch an, weil sie denken, oh man ich bin weiß. Oder sie glauben, dass die anderen denken, sie seien ein Nazi… Wer weiß? Vielleicht würde mir heute immer noch nichts passieren…“, überlegt er. Die meisten, denen er begegnet sei, wüssten selbst gar nicht, woher sie kommen, die kennen ihren Ursprung gar nicht. […]

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung zu lesen.

Direkt zu bestellen über mich für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

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Glaube, Liebe, Hoffnung

Die Frau ist glücklich und stark, sie kann ein Kind mit Behinderung großziehen!

Eva-Maria Esken ist 42 Jahre alt und hat zwei Töchter. Ihr älteres, siebenjähriges Mädchen ist mehrfach schwerbehindert. Sie möchte sie in diesem Text Sophie genannt haben. „Es ist eine wahnsinnig große Liebe. Es gibt nichts Schöneres, als wenn sie morgens ihre Augen aufmacht, mich anguckt und strahlt. Ich kann von ihrem Gesicht ablesen: Mama! Oder wenn sie mich streichelt. Sie ist so ein Sonnenschein!“, erzählt Eva-Maria Esken.

„Ich find‘s blöd, dass uns alle fragen, ob wir es gewusst haben! Als ob wir uns sonst gegen Sophie entschieden hätten. Ich glaube an eine höhere Instanz, die sagte: Das Kind wird es gut bei uns haben!“

Sie selbst war die Jüngste von elf Kindern. Sie hatte sechs Brüder und vier Schwestern. Die Eltern waren katholisch und verhüteten aus religiösen Gründen nicht. Sie wurde in Adelsberg, in Bayern geboren. „Es ist ein 1000 Einwohnerdorf, mitten im Berg und der Main fließt hindurch. Es ist sehr idyllisch und echt schön“, sagt sie. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Hamburg.
Sophie hat den sehr seltenen Gendefekt STXPB1. Es gibt nur ganz wenige, medizinische Veröffentlichungen und weltweit existieren nur ein paar Fälle. Es handelt sich um eine körperliche und geistige Behinderung, die mit Epilepsie einhergeht. Der Gendefekt ist seit 2013 bekannt. Sophie wurde 2011 geboren und ein Labor in Tübingen war neun Monate damit beschäftig, ihr Material auszuwerten. Es gibt es keine Heilungsmöglichkeiten. Es handelt sich um eine Spontanmutation, die jeden treffen kann. „Ich war bereits entlassen und wartete mit unserem Baby auf dem Arm auf meinen Mann, der das Auto holte“, erinnert sich Eva-Maria Esken. „Plötzlich hörte Sophie auf zu atmen. Ich bekam einen Schock. Die Ärzte wussten nicht, was los war.“ Im Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE) machten sie eine Kernspintomographie des Gehirns. Sie war unauffällig. Dennoch verschlechterte sich Sophies Zustand immer weiter. Schließlich wurde sie nach Göttingen verlegt.

Der Alltag der Eltern veränderte sich radikal. Ebenso wie die Beziehung des Paares. Eva-Maria Esken hatte das Gefühl, ihr Mann könne schlechter mit der Situation umgehen, als sie selbst. Manchmal denkt sie, das liege an ihrem katholischen Glauben. Außerdem arbeitete er den ganzen Tag, während sie zehn Stunden auf der Intensivstation verbrachte. Am Wochenende spürte sie seine ganze Verzweiflung.
Ihre jüngere Tochter Marie ist vier Jahre alt und vollkommen gesund. „Für unser zweites Kind ließen wir uns in der Humangenetik testen und beraten. Außerdem wussten wir, was Sophie hat. Die Chancen standen gut, ein gesundes zweites Kind zu bekommen!“, erklärt Eva-Maria Esken. Die Schwestern lieben sich sehr. „Anfangs waren wir uns nicht so sicher, ob Marie davon profitiert, dass sie eine große Schwester hat. Aber je älter sie werden, desto enger sind sie miteinander. Ich filme sie manchmal heimlich, wenn sie zusammen auf dem Teppich liegen und eine aus vollem Herzen lacht, während die andere kichert. Das ist herrlich.“, sagt Eva-Maria Esken.
Geplant war, dass sie nach der Geburt ihrer ersten Tochter wieder arbeitet. Doch da diese mehrfach schwerbehindert ist, kümmert sie sich jetzt um dessen Pflege.
Eva-Maria Esken spricht im Interview über die Liebe zu ihrer behinderten Tochter, ihrem zweiten gesunden Kind und ihrem Mann.

War von Anfang an klar, dass ihr gemeinsam Kinder haben wollt?
Nein! Mit Anfang 20 hätte ich nie ein Kind gewollt. Es war lange kein Thema. Ich wollte auf keinen Fall so viele Kinder, wie wir zu Hause waren (lacht)! Nach der Schule schloss ich eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin ab und anschließend im Praxismanagement. Mein Mann ist Zahnarzt. Gemeinsam führten wir viele Jahre eine Praxis. Dann wollte ich reisen. Unsere Freunde bekamen mit Mitte 20 Kinder. Doch ich war nicht bereit dafür. Mein Mann äußerte sich nie dazu. Es war keine Beziehung in der wir sagten: Ich möchte ein Kind von dir. Wir fanden die Kinder anderer eher nervig. Wir hatten einen Hund und ein Haus. Das war ein schönes Leben! Wir träumten immer davon in Hamburg zu leben. Eines Tages erfüllten wir uns diesen Wunsch, verkauften unsere Praxis und das Haus in Bayern. Als mein Mann nach Sophies Geburt ein zweites Kind wollte, überraschte mich das.

Machte einer einen Heiratsantrag und falls ja, wie?
Wir waren ganz lange zusammen, als mein damaliger Freund plötzlich verletzt auf der Intensivstation lag. Es war klar, wenn ihm etwas zustößt, entscheiden seine Eltern. Das gab den Auslöser zu heiraten.

Was habt ihr zur Erfüllung eures Kinderwunsches auf euch genommen? Zwischendrin gab es eine Phase, als es bei meiner Freundin nicht klappte, da fragte ich mich, ob ich damit leben könnte? Ich beantwortete sie mit: ja. Ich habe so viele Interessen…

Wie beeinflussten die Geburten eure Liebe?
Jetzt denke ich, ein Leben ohne Kinder würde gar keinen Sinn machen (lacht). Aber wenn man es nicht anders kennt… Ich vermisse das Reisen nach wie vor! Ich sage NICHT, das brauche ich mit Kindern nicht mehr.

„Es wird immer weh tun, dass mein Lebenstraum geplatzt ist! Aber anstatt dies zu beweinen und einem gesunden Kind hinterher zu trauern, ist es besser, mich mit meinem behinderten Kind anzufreunden und die schönen Seiten zu sehen!“

Gibt es Vermutungen, wie es zu Sophies Behinderung kam?
Nein! Häufig ist es so, dass einer der Elternteile oder auch beide, Träger eines Gendefektes sind und diesen selbst nicht haben. Das Kind bekommt dann eine Behinderung, weil man sich normalerweise nicht testen lässt, bevor man schwanger wird. So sind viele Behinderungen zu erklären, aber bei uns war es nicht so.

Wie war es direkt nach Sophies Geburt?
Ich wollte niemanden sehen. Ich war tagsüber im Krankenhaus. Nachts pumpte ich Milch ab, damit Sophie sie am nächsten Tag trinken konnte. Das war wochenlang mein Rhythmus. Ich hatte keine Hilfe, meine Mutter war total überfordert. Sie verlor ihr siebtes Kind, als es ein halbes Jahr alt war…

Was war das Schlimmste?
Wenn die Ärzte Sophie einen Zugang legten. Sie war so zerstochen, dass es irgendwann nur noch im Kopf ging. Sie schrie und ich musste sie festhalten. Ich konnte es kaum aushalten und hätte am liebsten gebrüllt: „Lasst sie doch einfach in Ruhe“. Sie hatte Blitz-Nick-Salaam-Anfälle, das sind sogenannte BNS-Anfälle. Es handelt sich um epileptische Anfälle, die das Gehirn der Kinder schädigen, sodass sie kognitiv nichts mehr lernen können. Davor hatten wir am meisten Angst. Es war schwierig, Sophie medikamentös einzustellen. So war sie altersgemäß in der Lage Blickkontakt aufzubauen und nach den Anfällen ging nichts mehr… Sie bekam ein starkes Narkosemittel. Vorher krampfte sie ohne Ende, schlief kaum noch…

Machten euch die Ärzte Hoffnungen?
Nee! Es gab einen Professor der sagte: Sophie ist geistig und körperlich behindert, sie wird nie laufen können. Da brach für mich eine Welt zusammen. Irgendwann kam der Moment, als ich dachte, falls jetzt eine Fee käme und mich fragte, ob ich mir wünsche, dass sie laufen oder sprechen kann, sage ich: sprechen! Damit man sie besser verstehen kann.

Sprechen ist aber an die geistige Behinderung gekoppelt?
Ja, ich wünsche mir, dass sie einen Weg findet, um mit anderen zu kommunizieren. Ich verstehe sie blind (weint). Aber wenn ich nicht mehr bin, wird sie an Menschen geraten, die sie nicht so verstehen können oder wollen…

Ihr könnt euch nur über den Blickkontakt komplett verständigen?
Ja und nicht nur das. Sie schmatzt, wenn sie Hunger hat. Wenn sie etwas nicht mag, macht sie den Mund zu. Wenn sie Durst hat, leckt sie sich die Lippen. Wenn sie müde ist, dreht sie sich weg. Wenn ihr etwas zu viel ist, meckert sie und macht äh, äh…

Kann das noch jemand verstehen?
Ich habe zu Sophie eine ganz andere Verbindung als mein Mann. Vielleicht liegt es daran, dass ich sie schon im Bauch hatte. Mit Sicherheit auch daran, dass wir zusammen so viel durchmachten. Wenn es Sophie nicht gut geht, kann ich nicht schlafen und nicht essen. Marie und meinen Mann kann ich dann gar nicht um mich haben…

Gab es Zweifel?
Ich habe nie dran gezweifelt, dass ich dieses Kind will! Es tut mir deshalb so unendlich weh, wenn mich die Leute fragen: Habt ihr es gewusst? Es hätte nichts an unserer Entscheidung geändert. Die Menschen um uns herum sehen nur: Oh mein Gott ist das Kind eingeschränkt. Ich sehe meine Tochter nicht so. Klar, ist sie eingeschränkt. Aber ich kenne Kinder, da denke ich, wir haben noch Glück gehabt mit unserer Sophie. Sie kann sitzen, sie kann essen, sie bekommt viel mit, auch wenn sie sich nicht äußern kann. Ich nahm den Ärzten und Therapeuten immer richtig übel, wenn sie mir vorhielten, was mein Kind alles nicht kann. Ich sah schon immer, was mein Kind kann. Wenn Sophie die Finger aneinander nimmt, ist das ein Fest. Dann könnte ich Freudensprünge machen (weint). Sie macht immer noch stetig kleine Fortschritte. Es gibt auch immer wieder Rückschritte. Teilweise bleibt es dann dabei. Es gibt nicht mehr so viele Fortschritte wie noch vor zwei Jahren…

Sind eure Töchter Geschenke Gottes?
Manchmal denke ich, dass ich Sophie bekam, weil jemand wusste, dass sie es gut bei uns hat. Als ob jemand sagte: Eva kann das bewältigen, sie kann ein behindertes Kind bekommen. Bei ihr ist Sophie gut aufgehoben

Wer oder was half?
Ich erhielt am Anfang eine Karte einer Mutter, die auch ein behindertes Kind hat. Darauf stand die Geschichte von Emily Perl Kingsley. Sie hat ein Kind mit Down Syndrom. In Die Reise nach Holland schreibt sie, wie es ist, mit einem behinderten Kind zu leben. Sie vergleicht sei mit einer Reise. Alle wollen nach Italien. Wegen der Dolce Vita, des schönen Wetters, des Meeres… Sie bereiten sich mit Reiseführern und Sprachkursen darauf vor. Nach Monaten des Wartens geht es endlich los. Alle steigen in das Flugzeug. Nach ein paar Stunden landet es und die Stewardessen sagen: Willkommen in Holland! Du fragst dich: wieso Holland? Ich wollte doch nach Italien! Die Stewardessen sagen: Nee, es gab eine Planänderung, du musst jetzt hier bleiben. Du überlegst, ok, Holland ist kein Land, das dich in große Nöte bringt. Es gibt auch schöne Seiten. Du wirst nie in Italien sein, wo alle hinwollen. Das wird dir immer weh tun, weil dein Lebenstraum geplatzt ist. Aber anstatt dies dein Leben lang zu beweinen, ist es besser, neue Reiseführer zu kaufen und eine andere Sprache zu lernen. Und irgendwann siehst du, wie schön Holland ist: Es gibt Tulpen und Windräder, Gemälde und Museen. Immer wenn ich geknickt war, dachte ich daran.

Was hoffst du für Sophies Schulzeit?
Dass sie weiter gerne zur Schule geht.

Wie lange wird sie zur Schule gehen?
Bis sie 18 Jahre alt ist.

Hat Sophie eine unbeschwerte Kindheit?
Ja, aber einfach ist das nicht. Wenn wir rausgehen, dann nerven die Gaffer tierisch! Die, die uns anlachen oder auch die, die Fragen stellen, sind ok.

Erzwingt Marie, als nicht behindertes Kind, einen normaleren Alltag?
Ja, hat sie! Das Schöne ist natürlich, dass Marie die ganzen Entwicklungsschritte macht, die Meilensteine eines Kindes. Ich bereute zu keinem Zeitpunkt, ein zweites Kind bekommen zu haben. Am Anfang, als Marie ein Baby war, nahm Sophie keine Notiz von ihr. Aber je mehr Marie machen konnte, je mehr sie zu Sophie hingegangen ist, war sie begeistert von ihr.

Wie äußert sich das?
Wenn Sophie morgens aufwacht, wartet sie schon auf Marie. Sie lacht und freut sich, wenn sie da ist. Dann packt sie sie am Haarschopf. Marie macht dauernd irgendwelche Witze mit ihr. Sie bespaßt sie und Sophie lacht sich kaputt.

Wie funktioniert die Verständigung zwischen Sophie und Marie?
Ich glaube, irgendwann wird Marie Sophie mehr lesen können als mein Mann. Weil sie so eng miteinander sind. Sie weiß jetzt schon, was sie Sophie wann in welche Hand geben kann und was nicht. Oder sie kommt zu mir und sagt, Sophie hat in die Windel gemacht, wir müssen ihr eine neue anziehen. Sie ist manchmal wie so eine kleine Mutti. Marie will sie füttern. Und Sophie findet es toll!

„Wenn sie als Baby einen epileptischen Anfall hatte und ihr Körperchen krampfte, wusste ich nicht, ob sie da rauskommt oder drin bleibt und stirbt.“

Klappt das?
Marie macht es perfekt! Gestern waren wir beim Arzt, da hatte Sophie eine Untersuchung, bei der sie den Kopf stillhalten muss. Ich lobe Sophie immer, sie mag das gerne. Als wir wieder im Auto saßen, nahm Marie, die Hand ihrer großen Schwester und sagte: Sophie, das hast du toll gemacht! Ich sah es im Rückspiegel.

Also hilft sie immer?
Ja, das fällt auch anderen auf! Ich bekomme ganz oft gesagt, wie toll Marie zu Sophie ist. Ich hoffe das bleibt so.

Welche Befürchtungen gibt es?
In meinem Bekanntenkreis kenne ich es auch anders! Das sind allerdings Zwillinge. Das Mädchen ist nicht behindert, der Junge ist behindert. Bei Marie ist es immer noch so, dass Sophie die große Schwester ist. Auch wenn sie weiß, dass Sophie vieles nicht kann. Das sagt sie auch im Kindergarten so. Sie erzählt Sophie ist behindert und kann nicht laufen und sprechen. Aber Behinderte haben ihre Geheimsprache. Sie geht ganz offen damit um.

Gibt es Tabus?
Über die Epilepsie sprechen wir noch nicht, weil das zu komplex ist und ich sie mit vier Jahren noch zu klein dafür finde. Falls Sophie mal einen Anfall hat und Marie fragt, sage ich, dass Sophie ein Gewitter im Kopf hat.

Nutzt Marie Situationen für sich?
Natürlich! Zum Beispiel, wenn sie Süßigkeiten will, die Sophie gehören. Dann sagt sie, Sophie ist einverstanden.

Was ist noch anders?
Ich sage öfter mal zu Marie: Nee, ich kann jetzt gerade nicht. Dafür gehe ich nur mit Marie allein zum Schwimmen und zum Reiten. Ich möchte nicht, dass sie später denkt, Mama hatte nie Zeit für mich, wegen meiner behinderten Schwester. Deshalb sage ich: Ich kann im Moment nicht, bin aber gleich bei dir. Ich will nicht, dass Marie irgendwann denkt, sie musste immer Rücksicht nehmen.

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung zu lesen.

Direkt zu bestellen über mich für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

Oder über Amazon für 24,90 Euro + 3 Euro Versandkosten
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Erzählung

„Löwentränen“

Sie hatte wunderschöne Beine. Ich meine, nicht irgendwie schöne Beine. Sondern solche, nach denen man sich umdrehte. Man sah die Frau mittleren Alters, nicht besonders hübsch. Kurze, blonde Haare, schwarze, dicke Hornbrille, vom Typ her maskulin und etwas verhärmt. Vom Schicksal? Der Arbeit? Wer weiß… Möglicherweise aus Langeweile, aber keinesfalls aus einer Hoffnung heraus, ließ ich den Blick an ihr herunter gleiten und sah ihre Beine: lang, wohlgeformt und braun. „Wow!“, schoss es mir durch den Kopf und nach ein paar Schritten dachte ich: „Hatte sie wirklich diese wahnsinnigen Beine?“ Ich konnte nicht anders, ich musste mich noch mal nach ihr umdrehen: ja, hatte sie!

https://youtu.be/ZEk15bOthcI

Meine Frau hatte nicht so zauberhafte Beine. Damit lag sie mir ständig in den Ohren. Lang, aber sie waren ihr nicht wohlgeformt genug. Schlank, aber sie maulte, dass sie zur Orangenhaut neigten. Auf den Knien fanden sich Sommersprossen, die alle ihre Liebhaberinnen süß fanden. Bis ich sie heiratete. Das Haar fiel ihr in roten Locken über die Schultern und ihre Haut blieb immer weiß. Braun wurde sie nie. Eher verbrannte sie vorher und warf schmerzhafte Blasen. Ihr Stiefvater zwang sie, im Sommer in Südfrankreich, ihre Haut der Sonne auszusetzen. Ich fragte sie, ob sie denn keine Sonnencreme dabei hatten? Sie vermutete, es war seine Rache an ihrem leiblichen Vater. Gleichzeitig konnte er ihre zart knospende Brust begaffen. Ich schweife ab… Anfangs war meine Frau eifersüchtig auf DIE SCHÖNEN BEINE. Später war sie nur noch dankbar für ihren eigenen Körper. Genauso wie ich. Mit unseren unperfekten Beinen konnten wir durch einen warmen Sommerregen rennen, mit unseren Kindern Seil springen, mit dem Rad einen steilen Berg hinunter sausen, auf einem rauschenden Schlossfest bis zum Morgengrauen tanzen, in einem See auf dem Rücken schwimmen und dabei den weißen Wolken, am knallblauen Himmel, bei ihrer gemächlichen Reise zu sehen oder in wilder Ekstase den begehrten Körper leidenschaftlich umschlingen…

Besonders dankbar waren wir dafür, dass es unsere Beine noch gab. DIE SCHÖNEN BEINE waren dagegen inzwischen längst von Maden und Würmern zerfressen. Verfault und verwest. Zu Erde geworden. Der Tod besiegte sie, aber war er nicht besser als ihr Leben?

DIE SCHÖNEN BEINE hatten Eierstockkrebs. Als DIE WEIßEN KITTEL den Tumor fanden, war er bereits Walnussgroß. In ihrem Körper blühten Metastasen. In der Niere, der Leber, der Wirbelsäule, des Darms… DIE SCHÖNEN BEINE freuten sich, dass die Lunge nicht befallen war. Als sie es mir erzählten, fragten sie mich: „Was trägt man zu seiner eigenen Beerdigung?“ Ich wusste nichts zu erwidern. Zur Erfüllung ihres Kinderwunsches hatten DIE SCHÖNEN BEINE das Gleiche über sich ergehen lassen, wie meine Frau. So lernten wir uns kennen. Sie erklärten es mir und sich selbst so: „Wenn der Wunsch unendlich groß ist… Wenn er jahrelang immer verzweifelter wird. Wenn dein ganzes Sein nur noch aus diesem einen Wunsch zu bestehen scheint. Dein Kopf, mit all deinen Gedanken. Dein Herz, mit deiner ganzen Liebe. Dein Körper, mit jeder deiner Fasern. Dann bist du bereit, alles, wirklich ALLES zu tun! Auch, falls es Selbstmord wäre.“ Obwohl ich ebenfalls gerne Mutter werden wollte, kannte ich dieses allesverschlingende Verzehren nicht. Manchmal plagten mich deshalb Gewissenbisse. Wenn meine Frau mit bleichem Gesicht auf ihrem Kopfkissen lag. Und zwischen dem Weißton des Bettleinens und ihrer Haut kein Unterschied auszumachen war. Oder bildete ich mir das ein? Weil es dunkel war und der Mond, der durch das Fenster schien, die einzige Lichtquelle bildete? Ihre Sommersprossen zeichneten sich schwarz auf ihrem Gesicht ab. Die Locken lagen wirr um ihren Kopf verteilt, quollen über den Rand ihres Kissens hinaus und machten sich auf dem Laken breit. Bis ihnen mein Kissen eine Barriere bot, über die sie sich nicht hinweg zu setzen vermochten. Ihr Gesicht war selbst während der Nachtruhe angespannt. Ihr Schlaf war unruhig. Ihr Atem ging leise und unregelmäßig. Ich lag stundenlang wach in dieser Zeit. Sie tat mir leid und ich wünschte mir, wir kämen irgendwie raus aus dieser Nummer. Ich sehnte mich nach unserem alten, unbeschwerten Leben. Gleichwohl wusste ich natürlich nur allzu gut, dass es nie wieder so werden würde, wie früher…

100, 101, 102, leiser Schnarcher. 103, 104, 105, 106, 107, unruhiges Hin- und Herschlagen mit dem Kopf. 108, Zähneknirschen? 109, 110, 111, 112, 113, zur Seite Strampeln der Decke. 114, 115, 116, Mitternacht. Noch fünf Stunden bis zum erlösenden Klingeln des Weckers. 117, was taten wir bloß?

Meine Frau krümmte sich vor Bauchschmerzen. Wie zum schlechten Scherz, wölbte sich ihr Unterleib, gleich dessen einer Hochschwangeren. Winzige Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn und ihrer Oberlippe. „Ich fahre dich jetzt ins Krankenhaus!“, sagte ich energischer, als beabsichtigt. Ich rechnete mit Gegenwehr. „Nein“, stöhnte sie, „mach mir noch einen Proteinshake! DER WEIßE KITTEL meinte, ich solle so viel Eiweiß wie möglich zu mir nehmen und reichlich trinken.“ Ich sah sie zweifelnd an. Verschwand dann in die Küche und machte ihr den fünften Proteinshake des Tages. Als ich ihn ihr reichte, versuchte ich mit der schmeichelhaftesten Stimme, die mir in dieser angespannten Situation möglich war, zu sagen: „Falls es dir nach diesem Glas nicht besser geht, müssen wir in die Klinik fahren!“ Ich rief vorsorglich schon mal die Notfallnummer an, die wir vom Kinderwunschzentrum erhielten. Falls sich etwas Beunruhigendes am Wochenende zutragen hätte oder abends. Was aber so gut wie nie vorgekommen wäre, wir sollten uns auf keinen Fall sorgen. Eine Handynummer. Für meinen Geschmack klingelte es unnötig lange. „Ja?“, endliche eine Stimme. Im Hintergrund Kindergeschrei und Hundegebell. Laute aus einer anderen Welt, nach der wir uns zu sehr sehnten. Und das mit dem Tod meiner Frau hätten bezahlen sollen? Ich riss mich zusammen und schilderte DEM WEIßEN KITTEL den Zustand meiner Frau. Er klang betont verständnisvoll, als er sagte: „Es tut mir leid, aber sie müssen sich sofort auf den Weg ins Krankenhaus machen.“ Als ich es meiner Frau erzählte, gab sie ihren Widerstand endlich auf. Ich fuhr sie in die Klinik. „Hyperstimmulationssyndrom! Es hätte tödlich enden können“, stellte DER WEIßE KITTEL nüchtern fest, als er ein Ultraschall des Eierstocks meiner Frau machte. „Bitte was?“, fragte ich. DER WEIßE KITTEL zeigte auf den Monitor. „Das ist der Eierstock. Er ist riesig, weil ihn 17 reife Eizellen aufpusteten, wie einen Ballon. Und er ist voller Flüssigkeit. Der Körper ihrer Frau muss zugepumpt sein mit Hormonen.“ Meine Liebste sagte, wie zur Entschuldigung: „Ich spritze mir die Hormone seit über einem Monat täglich selbst in den Bauch. „So was habe ich noch nie gesehen“, erwiderte DER WEIßE KITTEL. „Ich geben ihnen eine Infusion. Sie werden es schon schaffen!“ Er klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter. „Ja, hoffentlich!“, antwortete sie. „Wäre blöd, falls nicht! So kurz vorm Ziel…“ Ich küsste sie auf die Stirn. „Sag so etwas nicht! Das wichtigste ist deine Gesundheit! Vergiss das nie.“ Sie lächelte matt.

Zwei Tage später war sie fahrtauglich. Es reichte zumindest um im Beifahrersitz zu hängen. Ich fuhr ohnehin lieber Auto, als sie. Es ging nach Dänemark. Wir hatten uns ein besonders schönes Hotel gegönnt. Doch von den Dingen um uns herum nahmen wir keinerlei Notiz. Ich durfte meine Frau zur Operation begleiten. Wir wurden getrennt voneinander vorbereitet. Ich bekam einen weißen Kittel, dessen Knöpfe sich auf dem Rücken befanden. Wie zur Hölle hätte ich da bitteschön alleine reinkommen sollen? Egal, ich setzte eine grüne Haube über meine Haare. Und nahm den weißen Mundschutz. Ich wartete in einem kleinen Raum ohne Fenster. Er war weiß gekachelt und mit einer grellen Neonlampe an der Decke ausgeleuchtet. Es gab ein Waschbecken, daneben einen Seifenspender und Desinfektionsmittel. Dann noch eine Pritsche, auf die ich mich setzte. Das war’s. Es dauerte ewig. Ich hatte Sorgen um meine Frau. Ich konnte nicht stillsitzen. Ich stand auf und drehte Runden um die Pritsche. 51, 52, 53, boah war das stickig und ich konnte nicht mal ein Fenster öffnen. 54, 55, 56, 57, 58, ich verschränkte die Hände beim Gehen hinterm Rücken. So wie ich es manchmal bei WEIßEN KITTELN beobachtet hatte. Warum taten die das? 59, ich krallte meine Fingernägel so fest ich konnte in meine Hände, bis ich den Schmerz nicht mehr aushielt. 60, 61, 62, was machten die bloß so lange? 63, 64, 65, 66, 67, ich bekam immer schlechter Luft. Mein Hals fühlte sich wie eingeschnürt an. Ich hatte Angst um meine Frau. 68, Panik stieg in mir auf. Wenn ich schrie, hätte mich dann jemand gehört? Wieso gab es keinen Alarmknopf, den ich hätte drücken können? 69, 70, 71, war es in Krankenhäusern nicht Vorschrift, dass es in jedem Raum einen Alarmknopf gab, den man im Notfall hätte drücken können? 72, vielleicht war das in Dänemark anders? 73, 74, 75, ich hätte die Scheibe des Knopfes für Feueralarm einschlagen können. 76, wenn nicht gleich jemand gekommen wäre, hätte ich das gemacht! 77, 78, 79, 80, 81, jetzt! Die Tür flog auf. „Na, dann wollen wir mal“, sagte DER WEIßE KITTEL gut gelaunt und stürmte durch den kleinen Raum weiter in den OP. Meine Frau lag noch bleicher als des nachts auf einem Stuhl, wie beim Gynäkologen. Keine einzige ihrer widerspenstigen roten Locken schaffte es, sich durch die grüne OP-Haube zu drängen. Ich versuchte ihr aufmunternd zuzulächeln, doch ich spürte, wie sich mein Gesicht zu einer Grimasse verzerrte. Sie hatte Tränen in den Augen. Meine arme Kleine! „Es geht ganz schnell! Ich entnehme die reifen Eizellen durch die Scheide“, sagte DER WEIßE KITTEL. Unter Narkose gelang es ihm 15 Eizellen zu bergen. Im Labor verschmolzen die Eizellen mit dem Samen. Wir entschieden uns für einen Spender, der zwar seinen Namen preisgab, aber keine Begegnung mit dem Kind wollte. Wir wollten ebenfalls keinen Kontakt. Unser Kind würde mit 18 Jahren selbst entscheiden, aber war das nicht feige?

Der Spender war Däne. Das gefiel uns. Wir suchten nach dänischen Namen für unser Kind. 13 Eizellen erreichten das Vorkernstadium. Lillith, Kerstin, Ben, Inga, Ole, Marie, Lasse, Mia, Linus, Rasmus, Lilli, Mads und Ida. Es war das Anfangsstadium der Befruchtung. Aus den Keimzellen bildete sich der Vorkern. Er enthielt den halben Chromosomensatz meiner Frau. Zur anderen Hälfte den des Spenders. Ich war genetisch nicht an unserem Kind beteiligt. Ob mich das störte? Nein! Ich war nicht darauf aus, meine Gene fortzupflanzen. Ich wollte Mutter sein. Es war immer klar, dass meine Frau unsere Kinder bekommt. Wir fanden es beide eher befremdlich, wenn heterosexuelle Frauen begeistert ausriefen: „Oh wie toll, wenn Ihr lesbisch seid, dann könnt ihr ja immer abwechseln ein Kind bekommen oder noch besser, beide gleichzeitig! Und zusammen auf der Couch liegen. Euch über eure Wehwehchen austauschen und das erste Jahr gemeinsam in Elternzeit verbringen!“ Geradezu verstörend waren Bemerkungen, wie: „Warum tut ihr euch das mit der künstlichen Befruchtung an? Einmal mit ‘nem Kerl in die Kiste zu hüpfen, da ist doch nichts dabei! Ist doch für einen guten Zweck, haha.“ Ich war solche Bemerkungen seit meinem 17 Lebensjahr gewohnt, als ich meiner Mutter anvertraute: „Ich stehe nicht auf Jungs, ich liebe Mädchen.“ Völlig unvermutet traf sie mich mit einem Messerstich direkt ins Herz, als sie antwortete: „Mir wär’s lieber, du wärst tot.“ Später versuchte sie sich zu rechtfertigen, indem sie sagte: „Ich dachte, dass ich niemals ein Enkelkind bekäme.“ Die Wunde verheilte bis heute nicht, aber war meine Mutter nicht auch irgendwie zu verstehen?

Zwei befruchtete Eier setzte DER WEIßE KITTEL in die Gebärmutter meiner Frau ein. Sie war bei Bewusstsein. Ich hielt ihre Hand und wir verfolgten alles auf einem großen Monitor, der direkt unter der Decke befestigt war. Es waren zwei prächtige Achtzeller. Ida und Linus. Sofort durchströmte uns ein Gefühl der Rührung und Liebe. Ich redete mit ihrem Bauch wie zu einem Baby. Der Bluttest zeigte, dass Ida und Linus es nicht geschafft hatten. Trauer. Meine Frau hatte unsere Babys verloren… Einen Zyklus später, erneuter Versuch. Nach einem halben Monat Spritzen in den Bauch: grüne, gelbe und blaue Färbungen. Sie verliefen ineinander. Der Künstler hatte keinen Platz mehr auf der Leinwand, um weitere Farben aufzutragen. Meine Frau brach ab. Sie hatte Albträume. Angst, dass es wieder nicht geklappt hätte. Das Gefühl, die Hormone machten sie depressiv. Ich arbeitete viel. Meine Frau versuchte es wieder. Elf befruchtete Eier hatten wir einfrieren lassen. Lillith, Kerstin, Ben, Inga, Ole, Marie, Lasse, Mia, Rasmus, Lilli und Mads. DER WEIßE KITTEL taute vier Eier auf. Kerstin, Ben, Inga und Ole. Die beiden vitalsten setzte er ein. Inga und Ben. Was wurde aus Kerstin und Ole? Mord? Die Chancen bei aufgetauten Eiern waren geringer. Wir machten uns große Hoffnungen. Schwanger! Wir sollten ein Baby bekommen. Ein BABY! Inga hatte es geschafft, Ben nicht. Wir trauerten um Ben und sorgten uns um Inga. […]

Dank an Christian Gruber!

Die vollständige Geschichte erscheint in meiner Erzählung „Löwentränen“.

Glaube, Liebe, Hoffnung

Buddha sagte: Glaubt mir nicht, überprüft es!

„ENTWEDER-ODER ist das Denken der Glaubensreligionen: Entweder du glaubst an meinen Gott oder du bist etwas anderes.“

Christian Böhner fühlte mit 17 Jahren etwas ganz Besonderes: „Es war so, als wäre direkt vor meinen Augen ein Sylvester-Feuerwerk losgegangen!“, berichtet er. Heute lebt der 54-Jährige im Buddhistischen Zentrum in Hamburg. Dabei wuchs er zunächst katholisch in Bad Pyrmont auf. Seine Eltern, seine beiden jüngeren Brüder und er selbst, waren bis zu seinem zwölften Lebensjahr katholisch aktiv. „Zwei Familienmitglieder waren Franziskanermönche. Einer musste vor den Nazis fliehen, er war Professor. In New York gründete und führte er die Franziskaner Abtei mit. Er kam nie wieder nach Deutschland zurück“, erinnert er sich. Der andere Großonkel lebte bis zu seinem Tod in Paderborn, in einem katholischen Kloster. „Als meine Mutter sich von meinem Vater trennte und ihr neuer Mann atheistisch unterwegs war, war’s vorbei mit dem christlichen Glauben bei uns“, erzählt Christian Böhner.
Er machte sein Abitur, anschließend den Zivildienst im Krankenhaus und studierte an der Universität Geschichte, Sport und Pädagogik. „Ich stieg Anfang der 1990er Jahre in die Medienbranche ein, zur Goldgräber-Zeit. Damals war Hamburg die Medienhauptstadt Deutschlands“, sagt er. Als Verlags- und Werbekaufmann ist er heute im Bereich der Special-Interest- und Out-of-Home-Medien tätig.

„Ich erhielt als Kind die Erstkommunion und war Messdiener. Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche.“

Er hat drei Kinder, 24, elf und acht Jahre alt. „Meine beiden jüngeren Kinder leben bei ihrer Mutter, gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Sie haben ihr eigenes Zimmer in meiner Wohnung und sind regelmäßig bei mir. Wir verbringen sehr viel Zeit miteinander“, schwärmt er. Seine älteste Tochter mache komplett ihr eigenes Ding, sie wohnt aber auch nur zwei Straßen weiter. „Die Kinder wachsen nicht automatisch mit buddhistischen Gebräuchen auf, sondern so, dass sie mitkriegen, dass ihre Eltern Buddhisten sind“, erklärt Christian Böhner.
Er reiste um die Welt und behielt doch immer eine Verbindung zu Hamburg. Er kam zurück, obwohl er eine Zeitlang in Berlin und im Allgäu arbeitete. Er sei Norddeutscher und fühle sich an der Nord- und Ostsee wohl. Auch in Dänemark, dort habe er Freunde, die meisten von ihnen in Kopenhagen. Aber letztendlich sei die stärkste Verbindung, die zu seinem Selbst. „Der Witz ist, dass man trotzdem nicht zum Neutrum wird. Es ist ein Sowohl-als-auch“, erklärt er. Christian Böhmer spricht im Interview über seinen buddhistischen Glauben.


Gab es als Kind einen Glauben an Gott?
Ich wusste nie so richtig… Wie sieht der aus? Wer ist dieser Gott? Ich habe keine Stimmen gehört…Ich fand Jesus faszinierend und das finde ich auch heute noch. Ich glaube, er war ein hoher Bodhisattwa, der leider viel zu kurz lehrte. Er sagte garantiert nicht, wie Buddha: „Alles was ich weiß, habe ich euch gelehrt und an euch weitergegeben.“

Wann war klar: Ich bin Buddhist?
Seit 1993, also seit fast 30 Jahren…

Wie kam es zum Buddhismus?
Ich kam in der Schule dazu. Mit vielen Mitschülern. Durch unseren Lehrer. Wir machten Projektreisen. Und regelmäßig in der zweiten großen Pause, hielt er Meditationsstunden ab. Rund jeder zehnte Schüler unserer Oberstufe nahm daran teil. Viele davon nahmen die Zuflucht. Aber nicht alle gingen diesen Weg auch weiter, mit täglicher Praxis oder wohnen gar, wie ich, in einem buddhistischen Zentrum. Trotzdem treffen wir uns heute noch.

Die Zuflucht ist das Ritual, ab dem man gläubiger Buddhist ist?

Das ist das Ritual, ja. Gläubig ist man damit nicht unbedingt. Der Buddhismus ist ein Weg, der zu geistiger Freiheit führt. Du fängst an zu meditieren und merkst, wie beim Gleichnis mit den Wolken, dass sie sich ein bisschen auflösen, dass die Sonne anfängt zu strahlen. Du merkst, wie du stabiler wirst und dann bekommt es eine Eigendynamik! Dann macht meditieren Spaß! Wir beten keinen Buddha an, wir erhoffen uns keine Absolution. Alle Lehrer gingen diesen Weg selbst. Mit ihnen kann der Schüler arbeiten. Und am Ende ist es Überpersönlich.

Waren Sprachen für den Buddhismus zu lernen? Nee, musste ich nicht! Zum Glück… Lama Ole hat es gemacht wie sein historisches Vorbild Marpa. Der war Tibeter und holte den Buddhismus aus Indien. Sein Beiname war „Der Übersetzer“. Lama Ole und seine Frau Hannah, die hervorragend Tibetisch und Sanskrit konnte, haben die Belehrungen übersetzt. Die Meditationen sind auf Deutsch.

Mal in Tibet gewesen?
Nein! Nicht in diesem Leben.

Gibt es in Deutschland die Möglichkeit ein Leben als buddhistischer Mönch zu führen?
Kaum. Es gibt kleinere Gruppen. In Tibet gibt es vier Hauptgruppen und sehr, sehr viele Unterschulen, die über die Jahrhunderte gewachsen sind. Und davon gibt’s auch in Deutschland kleine Gruppen. Da sind Mönche dabei, aber das sind sehr wenige! In Frankreich sind es ein bisschen mehr. Da gibt es richtige Klöster. Dort haben sich Franzosen und auch ein paar Deutsche, als Mönche und Nonnen ordinieren lassen. Sie lernen Sanskrit und Tibetisch.

Mal in so einem Kloster gewesen?
In so einem traditionellen nicht. Wir haben in Norddeutschland und dem südlichen Dänemark fünf Zurückziehungsstellen, in denen man immer mal für ein paar Tage oder eine Woche nur meditieren kann. Das ist dann sehr intensiv.

Was ist die größte Stärke des Buddhismus?
Selbstverwirklichung, bis hin zu echter, geistiger Freiheit. Kein Zentrum, kein Lama will dich in Abhängigkeit sehen. Lama Ole erzählte, er möchte, dass auf seinem Grabstein steht, er habe die Leute selbstständig gemacht. Und das war auch Buddhas Ansinnen. Er hat 45 Jahre gelehrt. Dann sagte er: „Jetzt glaubt es mir nicht nur, weil es ein Buddha sagte, sondern überprüft es durch eure eigene Erfahrung! Ihr seid euer eigener Herr. Nehmt es an und macht es zu eurem eigenen Weg.“ Buddha lebte als Bettelmönch. Aber er sagte: „Denkt nur nicht, wenn ihr mit der Reisschale unterwegs seid, eure Haare kurzgeschoren tragt und euch ein gelbrotes Tuch umwickelt, dann seid ihr auf dem richtigen Weg!“ Nein, es ist eine innere Ebene, nur um die geht es. Und um das sehr, sehr Echte. In Tibet sagt man zu den Mönchen, die in den Bergen leben, die Verwirklichung muss so hart sein, wie Knochen auf Stein. Sonst schickt dich der Lehrer zurück in die Höhle und sagt: Mach doch noch mal drei Jahre. Und dann sehen wir uns wieder (lacht).

„Der Buddhismus ist wie eine Kristallkugel: wenn er in Indien glatt und schwarz in die Kugel gelangt, kommt er in Tibet gewebt und weiß hervor. Im Westen ist er plötzlich bunt und in einer Teppichfaserstruktur. Aber die Kugel an sich, in ihrer Essenz, ist immer dieselbe.“

Ist der Buddhismus, dadurch, dass es sich um eine innere Haltung handelt, reformfähiger, als das Christen- oder Judentum?
Dadurch, dass er nicht so dogmatisch ist, wie Glaubensreligionen, auf jeden Fall! Der Buddhismus hat sich immer verändert. Er vermischt sich mit den örtlichen Gegebenheiten und hat dadurch immer andere Formen. Damit hat der Buddhismus überhaupt kein Problem. Es gibt einen indischen, einen chinesischen, einen tibetischen, einen sri-lankischen, einen afghanischen, einen pakistanischen Buddhismus… Afghanistan und Pakistan waren buddhistische Länder, bis zur islamischen Eroberung, die alles platt gemacht hat. Da kommt Dogmatismus ins Spiel. Schlimm!

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung erschienen.

Direkt zu bestellen über mich für 24,90 Euro unter Angabe der Postadresse: https://www.paypal.com/paypalme/BookFaithLoveHope

  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

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Glaube, Liebe, Hoffnung

Den American Dream gibt es für mich nicht mehr…

Fotos: Mohammad Kabajah

Die 22-jährige Natalia Chicu wurde in Chinisau, in der Republik Moldau geboren. „Am meisten weiß ich die Leute in Moldawien zu schätzen. Ihre Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit sind besonders ausgeprägt. Sie würden alles mit dir teilen. Man kann immer mit ihnen reden, das vermisse ich manchmal“, erzählt sie.
Das Essen sei großartig, wie zum Beispiel Mămăligă. „Das ist eine Art Polenta, aus Mais hergestellt. Wir essen es zusammen mit Käse und Sour Cream“, schwärmt sie.
Abgesehen davon sei die Landschaft sehr schön und der Wein besonders. Moldawien exportiert fast seinen gesamten Wein. „Meine Großeltern stellen ihren eigenen Wein her“, sagt sie. Natalia Chicu ist stolz aus der Republik Moldau zu sein. „Nicht wegen der Politik, aber das trifft auf alle Länder zu, in denen ich lebte: Moldawien, Israel und die USA. Politik ist immer ein Problem“, weicht sie aus. Es gebe Chancen auf gute Jobs in der Republik Moldau. Doch selbst sehr kluge Leute bekämen nicht ausreichend Respekt. Deshalb gehe ein Großteil der jungen Leute ins Ausland. Dort fühlen sie sich ermutigt, sich weiterzuentwickeln und unkonventionell zu denken. „Ich glaube, es sind Überreste des sowjetischen, konservativen Denkens. Man wird in Moldawien bei der Arbeit von Kollegen verurteilt, das erzählen mir auch viele meiner Freunde. Wenn man dagegen in die Welt hinausgeht, als würde sie einem gehören, mit all dem eigenen Wissen, findet man sich selbst“, erklärt Natlia Chicu.
Trotzdem fände sie es wundervoll eines Tages wieder in der Republik Moldau zu leben! Sie ist Einzelkind. Ihr Zuhause sei kein bestimmter Ort, sondern ein Gefühl. Dort, wo ihre Eltern sind. „Sie könnten umziehen und wo immer sie dann wohnten, wäre mein Zuhause! Sie besuchten mich in Bulgarien an meiner Uni und ich vermisste sie vorher wahnsinnig. Ganz plötzlich fühlte es sich an wie zu Hause“, lacht sie. Auch wenn sie ihren Verlobten in Israel besuche, sei sie glücklich und das hänge nicht mit dem Ort zusammen.
Sie wünscht sich, dass Moldawien eines Tages zur Europäischen Union gehört. „Ich bin eigentlich Rumänin und habe einen moldawischen und einen rumänischen Pass. So fühle ich mich als Halbmoldawierin und Halbeuropäerin“, lacht sie. Die Russen trennten die heutige Republik Moldau in der Vergangenheit in einen rumänischen und einen russischen Teil. Die Hälfte der Rumänen nimmt der EU gegenüber eine positive Haltung ein und würde ihr gerne beitreten. Das würde vieles leichter machen ist Natalia Chicu überzeugt, zum Beispiel in wirtschaftlicher Hinsicht. Auch würde es die Bevölkerung und die generelle Denkweise ändern sowie die Bildung verbessern.
Natalia Chicu spricht sechs Sprachen und ist dabei eine Siebte zu lernen. „Ich spreche Rumänisch, weil ich mich so mit meinen Eltern verständige“, sagt sie. Englisch ist ihre Zweitsprache, sie lernte sie bereits im Kindergarten. Russisch hörte und lernte sie auf den Straßen. Französisch hatte sie in der Schule und übt es jetzt gerade während eines Praktikums in Frankreich. „Italienisch ist dem Rumänischen sehr ähnlich! Ich spreche es nicht fließend, aber Konversation ist möglich“, erklärt sie. Bulgarisch lernte sie, als sie anfing, an der Amerikanischen Universität in Bulgarien (AUBG) zu studieren. Jetzt lernt sie Hebräisch, weil ihr Verlobter in Israel lebt.

„Wenn du aus deinem Land gehst, ergibt sich eins aus dem anderen, es ist wie eine Verbindung, als ob du fliegst…“


„Ich machte in Paris eigentlich einen Austausch an der Uni. Aber den beendete ich, weil ich mit einem betriebswirtschaftlichen Programm beginnen konnte. Es dauert sechs Wochen, danach arbeite ich an einem Gruppenprojekt und anschließend mache ich für vier Monate ein Praktikum in einem Start-up“, erzählt sie. Sie ist sehr dankbar dafür und liebt die Leute, mit denen sie zusammenarbeitet. Sie lebt in ihrem eigenen Appartement. „Ich habe entschieden, dass ich meine eigene Küche und alles haben will. Ich suchte etwa zwei Monate“, sagt sie.
Nach ihrem Aufenthalt in Paris geht Natalia Chicu zurück nach Bulgarien. Dort studiert sie Business Administration mit dem Schwerpunkt Management und im Nebenfach Marketing Communication. „Das wird mein letztes Jahr, dann mache ich meinen Bachelor“, lacht sie. Für ein Work-and-travel ging sie zwei Mal in die USA, 2017 und 2018. Natalia Chicu spricht über ihre Hoffnungen und Träume sowie ihre Enttäuschungen in Bezug auf die USA.

Wovon träumten sie als Kind?
Ich hatte viele Träume, sie wechselten ständig (lacht). Ich war ein sehr stilles Kind, dachte viel nach und redete nicht viel. Mein größter Traum war, erfolgreich zu werden, komme, was da wolle. Das bedeutet für mich, aus meiner Komfortzone herauszugehen, Neues zu lernen und das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Mein Traum war es, ins Ausland zu gehen.

Seit wann träumten sie von den USA?
Schon als Kind.

Wieso studierten sie in Bulgarien und nicht in den USA oder in der Republik Moldau?
Ich wurde in der High-School dazu inspiriert, ins Ausland zu gehen, als ich ungefähr 16 Jahre alt war. So begann meine Reise (lacht). Als ich die zwölfte Klasse abschloss, wollte meine Familie, dass ich nach Rumänien ziehe, weil es näher an Moldawien liegt. Mein Traum waren jedoch die Vereinigten Staaten. Wir konnten uns nicht einigen und kamen zu dem Kompromiss, dass ich nach Bulgarien gehe. Eine Freundin bestärkte mich darin, also probierte ich es aus und bin sehr dankbar dafür.

Wie kamen sie damit zurecht, dass der Unterricht an ihrer Uni ausschließlich auf Englisch stattfindet?
Anfangs war es sehr herausfordernd. Mein ganzes Leben, vor allem in der Schule, wurde mir britisches Englisch beigebracht. Die ersten zwei Monate konnte ich mich nicht an den amerikanischen Akzent gewöhnen. Die Professoren hatten auch alle verschiedene Akzente und ich war nur den Rumänischen gewöhnt. Obwohl sie Englisch sprachen, verstand ich nichts. Aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran (lacht).

Was waren ihre Hoffnungen, als sie das erste Mal in die USA reisten?
Ich hoffte, neue Leute kennenzulernen, die anders sind als ich. Ich wollte wissen, wie das Leben in den USA wirklich aussieht. Ich hatte auch die Vorstellung vom American Dream, wie man ihn aus den Filmen kennt. Meine Hoffnungen bezogen sich mehr auf ein Gefühl, das ich erwartete, als auf bestimmte Dinge, die ich vielleicht sehen und erleben würde. Als ich dort ankam, waren die Leute sehr gastfreundlich, alle grüßten und waren nett zu mir. Sie wirkten sehr offen. Trotzdem war es schwierig. Im ersten Jahr blieb ich deshalb nur einen Monat, statt den ganzen Sommer. Beim zweiten Mal war es sogar noch schwieriger für mich, weil ich direkt nach meinem Semester in die USA flog.

„Ich traf Leute aus aller Welt. Solche Bekanntschaften verändern einen, man versteht andere besser. Alle sind verschieden, aus unterschiedlichen Kulturkreisen, haben andere Denkweisen.“

Was waren ihre Aufgaben während des Work-and-Travel?
Ich war Empfangsdame und Dienstmädchen in einem Hotel. Es war sehr einfach. Ich sollte ordentlich aussehen und die Gäste willkommen heißen. Es war ein sehr schönes und traditionelles Ressort. Die Gäste sollten sich von Anfang an wohlfühlen. Ich arbeitete manchmal 14 bis 15 Stunden am Stück, das war teilweise hart.

Wie war es, von einer Eliteuniversität in die USA zu gehen und dort Arbeiten zu verrichten, die US-amerikanische Studenten nicht machen wollen?
Das war nicht immer leicht. Ich versuchte jedoch, meine Aufgaben trotzdem gut und gewissenhaft zu erledigen und anderen gegenüber fair zu bleiben.

Wie war die Bezahlung?
Nicht sonderlich gut. Einige, die mehrere Jobs gleichzeitig haben und dementsprechend keine freien Tage, können in einem Sommer trotzdem circa zehntausend Dollar und mehr verdienen. Auch ich erarbeitete mir eine anständige Summe, mit der ich das kommende akademische Jahr finanziere. Das Leben in Bulgarien ist wohlgemerkt auch recht billig (lacht). Es ist ein gutes Gefühl, wenn man sein eigenes Geld verdient. Ich bin jedoch nicht deswegen in die USA gegangen, sondern, um neue Erfahrungen zu machen und Leute kennen zulernen. Daher versuchte ich stets, zwei freie Tage pro Woche zu bekommen. Ich wollte die Zeit in den USA genießen. Ich finde es wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass Geld nicht alles ist. Ich kenne Studenten, die sehr hart arbeiteten und am Ende des Sommers starke Rückenschmerzen oder andere gesundheitliche Probleme hatten. […]

Transkription: Amélie Gloyer

Das vollständige Interview ist in meinem Buch Glaube, Liebe, Hoffnung zu lesen.

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  • Herausgeber ‏ : ‎ Anke Kühne (23. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Hardcovereinband ‏ : ‎ 144 Seiten Hochglanz
  • Fadenbindung mit Kapitalband
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3000701257/ ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3000701252

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sowie als Kidle-Edition für 9,99 Euro:
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