Kindermund tut Wahrheit kund…

… und „demokratiert“!

Foto: https://media.tag24.de

Hamburg steht auf, so heißt die Demonstration gegen Rechtsextremismus und neonazistische Netzwerke und für Demokratie. Es wird Zeit, sich gegen die gefährlichen Schreihälse zu behaupten, denn sie finden immer mehr Anhänger! Also müssen wir dagegen demonstrieren. Mein Kinder wollen aber erst mal nicht. Nun ist auch gerade Winter und das Wetter lädt nicht zum draußen verweilen ein, aber wir treffen uns ja auch nicht zum Picknick, sondern um ein wichtiges Anliegen kund zu tun. Meine Freundin sagt: „Das ist die erste Bürgerpflicht!“

DEMO GEGEN RECHTS IST ERSTE BÜRGERPFLICHT

Meine Bande jammert dagegen: „Och nö, Mama, nicht schon wieder die Schneehose anziehen.“ Und: „Ich habe keinen Bock, den langen Weg zu Fuß zu marschieren. Meine Tochter: „Diggi, so ’ne Demo ist doch gefährlich…“

HAMBURG STEHT AUF!

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Ich staune! Ich denke daran, dass ich als Kind häufig und gern demonstrieren war. Hat sich da was bei den Kindern heute geädert? Das erste Mal durfte ich in der fünften Klasse auf eine Demo gehen. Es war ein hartes Stück Arbeit, bis ich meine Mutter so weit hatte. Die Demo fand während der Schulzeit statt, unsere Klassenlehrerin verbot uns hinzugehen und teilte mit, dass ein Fernbeleiben vom Unterricht, als Schwänzen ins Klassenbuch eingetragen würde. Das saß! Aus unserer Klasse trauten sich anschließend nur noch sieben Kinder. Wir fuhren mit der Bahn, der Vater meiner Freundin begleitete uns und ja, wir waren aufgeregt und ängstlich.

ICH DEMONSTRIERTE ALS KIND HÄUFIG UND GERN, NOTFALLS SCHWÄNZTE ICH DADÜR AUCH DIE SCHULE

Auf unsere Mützen, Rucksäcke und Schals nähten wir Pippi Langstrumpf Aufnäher, die eine ältere Freundin auf dem Schwarzmarkt besorgte. Wieso auf dem Schwarzmarkt? Waren sie gefälscht und deshalb billiger? Wir kämpften uns im Demonstrationszug immer weiter nach vorne, unsere selbst gemalten Bettlaken hielten wir dabei in die Luft. Endlich gelangten wir zur Sitzblockade vor dem Hamburger Rathausmarkt. Ich kannte so etwas bisher nur aus dem Fernsehen. Boah, waren wir stolz!

FASCHISMUS IST KEINE MEINUNG!

Aber nicht lange. Irgendwer warf Steine auf die umstehenden Polizisten. Diese standen in beeindruckender und beängstigender Mannstärke um den ganzen Rathausmarkt herum, mit Schutzschilden zur Abwehr. Dahinter standen Wasserwerfer bereit. Innerhalb kürzester Zeit, brach Panik unter den Demonstranten aus. Kinder, Jugendliche und Erwachsene rannten und schrien. Polizisten verfolgten. Wasserwerfer rückten speiend näher. Nichts ging mehr nach vorn oder zur Seite oder zurück, alle drängelten und schubsten, ich hatte Angst, richtig Angst.

ALS WASSERWERFER EINSETZTEN, HATTE ICH RICHTIG ANGST

Der uns begleitende Vater war offenbar demonstationserfahren. Er befahl uns Kindern, dass wir uns an seinem Schal, wie Perlen an einer Kette, festhalten sollten und unter keinen Umständen loslassen durften. Er wies uns an, gebückt, auf Bein Höhe, zu einem parkenden Auto zu laufen. Dort gab es auf der Rückseite tatsächlich so etwas wie einen Windschatten ohne Menschenmassen. Wir richteten uns wieder auf. Der Vater wusste, wo die nächste Bahnhaltestelle war und wir rannten hin. Puh, geschafft. Abends im Fernsehen sahen wir, dass die Polizei gegen junge Erwachsene mit Gummiknüppel vorgegangen war und dass die Wasserwerfer Demonstranten aus der Sitzblockade verletzten. Es war meine erste Demonstration und sie hielt mich nicht davon ab, wiederholt und häufig zu demonstrieren.

FREMD SITZEN!

Schon in der der Bahn ist es derbe voll. Vor Ort machen meine Kinder jetzt richtig mit. Mein Mittlerer arbeitet sich durch die Menschen bis ganz nach vorne zur Bühne. Mein Jüngster kann nicht sehen und beschwert sich lautstark. Ein unbekannter Mann bietet an, ihn auf die Schultern zu nehmen. Mein Lütter zögert keine Sekunde, schon sitzt er auf fremden Schultern. Die Stimmung unter den Demonstranten ist kameradschaftlich, friedvoll und ausgelassen. Meine Große hat keine Angst mehr. Die Kinder lauschen den Reden. Am meisten beeindruckt sie ein ehemaliger Football Spieler, dessen Vater Nazi war und der ganz offen darüber spricht. Er zitiert Martin Luther King: „Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben, das kann nur Licht. Hass kann Hass nicht vertreiben, das kann nur die Liebe.“

GEGEN DIE DUNKELHEIT HILFT NUR DAS LICHT

Wir sind viele, richtig viele. So viele, dass die Demo aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden muss. Schätzungsweise gehen 160.000 Menschen auf die Straße. Wir sind mehr! Das ist der bleibende Eindruck. Er macht uns stark. Er macht alle stark. Besonders unsere Kinder. Sie haben das Gefühl, etwas bewirkt zu haben. Sich gegen das Unrecht wehren zu können.

WIR SIND MEHR!

Mein Jüngster sagt: „Mama, wir waren demokratieren!“ Ich bin stolz auf meine Rabauken und bin mir sehr sicher, dass alle drei in ihrem Leben häufig demokratieren gehen….

WIR DEMOKRATIEREN!

Print – Kinderbuch

Kindermund tut Wahrheit kund und schreibt…

Comic: Tjelle

Ich bin der Weihnachtsmann!

Es ist so weit: Meine Tochter bekommt den ersten Füller ihres Lebens. Niemand weiß, warum Kinder heutzutage noch mit dem Füller schreiben müssen, aber alle sind sich einig, dass es ein wichtiger Abschnitt im Leben eines Kindes ist. Ich schlage ihrer Lehrerin ein kreatives Schreibprojekt vor. Als ich meiner Freundin davon erzähle, die ebenfalls Lehrerin ist, lautet ihre Antwort: „Das finde ich mutig von dir!“ Mutig? Also eigentlich wollte ich nicht etwas mit Jugendlichen in der Bronx diskutieren! Sondern an einer Grundschule in Hamburg kreatives Schreiben üben und entweder es gefällt den Kindern oder nicht. Ich frage besser nicht nach, wer weiß, was heutzutage so los ist an den Grundschulen…

Die Schüler stellen sich vor, sie seien der Weihnachtsmann. Sie riechen verbrannte Plätzchen. Sie hören, dass jemand schrecklich schief singt. Sie schmecken den Ruß des Schornsteins. Sie fühlen, dass sie zu dick geworden sind und nicht mehr durch den Schlot passen. Sie sehen, dass es mal wieder grau und verregnet ist, anstatt dass es an Weihnachten schneit. Sie malen mit Worten

Nach Zustimmung des Schulleiters, entscheide ich gemeinsam mit der Klassenlehrerin noch vor Weihnachten zu beginnen. Ich hoffe, es macht den Kindern Freude in einer Zeit, in der wegen Corona jedes Weihnachtstheater, Schulbacken und Krippenspiel entfällt. Vor meinem inneren Auge läuft ein Film meiner eigenen vorweihnachtlichen Zeit in der Schule ab. Die Tische stehen in Sechser-Gruppen zusammen. Jedes Kind hat vor sich auf seinem Tisch ein paar geschmückte Tannenzweige, eine brennende Kerze und Orangen, die mit Nelken gespickt sind. Unsere Lehrerin spielt Weihnachtslieder auf der Gitarre und liest Weihnachtsgeschichten vor. Wir essen dabei selbstgebackene Kekse, knacken Nüsse und pellen Mandarinen. Schööööön! Voller Erwartung dessen trete ich die erste Stunde an. Und schlage ernüchtert auf dem Boden eines Klassenzimmers auf, das nur durch Neonlampen erhellt wird.

Dafür machen die Kinder begeistert mit! Brav melden sie sich und sagen: „Frau Kühne“, obwohl etliche von ihnen mich vorher beim Vornamen nannten. Sie haben kreative Einfälle und bringen diese anschließend zu Papier, wunderbar! Die Schüler stellen sich vor, sie seien der Weihnachtsmann. Sie riechen verbrannte Plätzchen. Sie hören, dass jemand schrecklich schief singt. Sie schmecken den Ruß des Schornsteins. Sie fühlen, dass sie zu dick geworden sind und nicht mehr durch den Schlot passen. Sie sehen, dass es mal wieder grau und verregnet ist, anstatt dass es an Weihnachten schneit. Sie malen mit Worten, das machen sie sehr schön. Etliche malen auch tatsächlich in ihre „Gedankenblasen“, die Kreise auf ihrem Übungsblatt. Da es ein kreatives Schreibprojekt ist, können sich die Kinder die Form aussuchen: Möglich sind neben der klassischen Geschichte, auch ein Gedicht oder Comic. Rund ein Drittel entscheidet sich für einen Comic. Davon deutlich mehr Jungs als Mädchen. Hausaufgabe, ist es, zu malen, zu reimen und zu schreiben. Jetzt maulen und jammern die Schüler erstmals und ich bin beruhigt, denn das hatte ich auch erwartet.

Die Stunde ist vorbei, als eine Diskussion entflammt, ob es den Weihnachtsmann gibt. „Nee“, sind die Kinder mehrheitlich sicher. „Meine Mama sagt immer, dass sie sich noch schminken muss und wir schon mal vorgehen sollen in die Kirche. Das sagt sie nur, damit sie ungestört die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen kann“, berichtet ein kleiner Naseweis. Ich versuche zu erklären, dass es für die Geschichte unerheblich sei, ob es ihn gibt oder nicht, schließlich ginge es beim kreativen Schreiben um Fantasie. Ein Kind platzt heraus: „Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann. Ich habe mal einen Wunsch auf einen Zettel geschrieben und nichts bekommen.“ Oh je, ich sehe meine Tochter in der ersten Reihe immer unglücklicher aussehen und will jeden weiteren Versuch, den Weihnachtsmann zu entzaubern, unterbinden. Aber die Lehrerin sagt entschuldigend und mit einer Engelsgeduld zu mir: „Das ist gerade ein riesiges Thema.“

In der zweiten und dritten Stunde überlegen sich die Kids, welche Geschenke sie als Weihnachtsmann erfüllen würden: einen Maserati, eine PS5, eine Villa, eine Smartwatch und Playmobil. Aber auch eine Katze, ein Pferd, Glück, Rudolph das Rentier sowie dass das Corona-Virus weggeht und alle gesund sind. Im zweiten Schritt sollen die Schüler die Geschenke mit Adjektiven charakterisieren. Heraus kommt: Ich schenke dir ein grau-weißes, leichtes, kleines Schleich-Pferd. Ich schenke dir einen Pool, der 20 Meter lang ist, 100 Kilogramm wiegt, durchsichtig und quadratisch ist. Ich schenke dir einen schwarzen, 420 Stundenkilometer schnellen, coolen Bugatti Chiron. Ich schenke Dir ein schwarzes Hündchen mit einem weißen Bauch. Ich schenke dir viel fröhliches, großes, starkes Glück. Ich schenke dir fluffigen, weißen, weichen, meterhohen, glitzernden, niemals schmelzenden, perfekt zum Schneemann bauen geeigneten, nicht kalten, in dicken Flocken fallenden Schnee.

In der nächsten Doppelstunde machen die Kinder eine Übung, in der sie sich gegenseitig interviewen. Ein Schüler spielt einen Reporter, ein anderer den Weihnachtsmann. Ein Kind muslimischen Glaubens sagt, es dürfe keine Weihnachtsdekorationen haben und auch nicht an den Weihnachtsmann glauben. Es spielt einen Reporter. Seine kritische Frage lautet: „Wie viele Rentiere ziehen den Schlitten des Weihnachtsmannes?“ „Acht…?“, lautet die zaghafte Antwort des Schülers, der den Weihnachtsmann spielt. „Kann nicht sein, Rudolph läuft vorne weg und ist immer allein! Also muss es eine ungrade Zahl an Rentieren sein!“, argumentiert der kleine Reporter.

Ein anderes Kind fragt: „Weihnachtsmann, was machst du im Sommer? Der kleine Santa Claus antwortet: „Ich bade.“ „Und wer ist dein bester Freund?“ Der gespielte Weihnachtsmann: „Der Nikolaus“. „Und wo wohnst du?“ „Am Nordpol“; „In Spanien“; „Im Himmel“; „In Griechenland“; „Im Lentersweg 1“.

Die Antworten sind so unterschiedlich, wie die gespielten kleinen Weihnachtsmänner in der Schulklasse.

In diesem Sinne Schalom, Salam Aleikum, Om mani padme hum und phantastische Weihnachten! Mit Weihnachtsmännern und -frauen, Christkindern, Engeln, Tomtes, Trollen, Wichteln, Nikoläusen, Göttern und Göttinnen sowie natürlich dem wichtigsten: der Liebe!
Oder war das jetzt bloß ein biochemischer Prozess? Ach nee, das lernen unsere Kids ja zum Glück erst in der weiterführenden Schule…
Also einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Die Geschichten erscheinen mit weiteren Kindergeschichten in einem Buch.

Kindermund tut Wahrheit kund…

…und ist allein unterwegs!

Sie hegen Mordgelüste! Nachdem meine Kinder monatelang nicht in Schule, Kindergarten, beim Sport, bei Freunden oder auf Spielplätzen waren, wollen sie sich gegenseitig umbringen. Wer könnte es ihnen verübeln? Auch ich habe so meine Phantasien…
In den Augen meines Jüngsten sehe ich ein gefährliches Funkeln, als er einen Hammer wie eine Axt über seinem Kopf hält, vor ihm der Blondschopf seines Bruders. Danke, ja, ich weiß, dass Hammer nicht in Kinderhände gehören! Aber jüngst geschehen die unerklärlichsten Dinge… Kurz darauf schneidet das vermeintlich sanftmütigere Kind, welches nur knapp dem Anschlag entging, Rosen. Nein, auch dafür habe ich keine vernünftige Erklärung. Es dreht sich mit der Gartenschere in der Hand scharf nach rechts, um sich dem Durchtrennen der Finger seiner Schwester zu widmen. Meine vernünftige große Tochter klettert nach dem Schock entspannt im Trapez. Plötzlich tritt sie, wie eine Ninja-Kämpferin, beiden Brüdern gleichzeitig in den Bauch. Ich muss die Kinder konsequent trennen! Sonst ist es nur noch eine Frage der Zeit, falls es eines erwischt!
Zunächst erkunden wir Hamburgs Umgebung. Es ist erstaunlich, was für tolle Wälder es gibt. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sind sie mir fremd! Es riecht wie in Schweden. Es sieht aus wie in Kanada. Sie müssen neu gewachsenen sein! Ich vermute, diesen Frühling…

An einen gemeinsamen Urlaub ist diesen Sommer nicht zu denken! Ich fahre mit meinem Blondschopf nach St. Peter-Ording. Er ist wie ausgewechselt: friedlich, glücklich und kuschelig. Wir schmusen den ganzen Tag, schlemmen ständig auf unserem Balkon, malen und spielen Schokohexe. Wüsste ich es nicht besser, meinte ich, es sei ein anderes Kind. Ich bin ganz verliebt in meinen Kleinen!


Mein Mann wählt die Abenteuervariante mit Übernachten im Strandkorb für unsere Große. Sie fahren mit Rädern auf die Fähre nach Föhr und machen ihre erste kleine Radtour ans andere Ende der Insel. Sie müssen mit dem klar kommen, was auf den Gepäckträger passt. Es ist ein großes Abenteuer für meine plötzlich noch mal ganz kleine Tochter. Sie schlafen direkt unterm Sternenhimmel, sehen die Milchstraße, Sternschnuppen und einen Kometen. „Papa, darf man sich wirklich bei jeder Sternschnuppe etwas wünschen?“, fragt sie verlegen. Sie sehen Fledermäuse in ganz klein und ganz groß und kuscheln sich tief in ihren Schlafsack.
Im Urlaub mit meinem Jüngsten an der Ostsee, erlebe ich ihn unkonzentriert, ungeduldig und schnell aggressiv werdend. Wir kommen am besten erstmal an! Ich staune, wie ausdauernd er Rad fährt. Dazu kommt es normalerweise nicht, weil seine Schwester und sein Bruder nicht so lange durchhalten. Ohne Tränen steht er sofort wieder auf, wenn er stürzt. Da sein Bruder die größte Heulboje ist, die mir je begegnete und mein Augenmerk normalerweise dem Ausschalten der Sirene gilt, fällt es mir sonst nicht groß auf. Am zweiten Tag ist mein Lütter laut, rüpelig und überhört jedes Stopp, ich bin genervt. Wie mutig mein Kleiner im Allgemeinen alles angeht, ist mir zwar bekannt, allerdings habe ich meist im Fokus, dass seine Geschwister ihn immer vorschicken. Ich finde das sonst gemein. Im Restaurant winkt er nun den Kellner heran und fragt formvollendet: „Kann ich bitte noch etwas Ketchup bekommen?“ Mein Herz geht auf. Tags darauf wieder Rückschläge: nichts ist ihm recht, wir streiten ständig, er trotzt: „Ich will zu Papa, sofort!“ Ist dieser kleine Wutkopf wirklich mein Kind? Ich bin kurz davor, überstürzt abzureisen. Als wir auschecken wollen, sagt uns der freundliche junge Mann am Empfang: „Ihr habt aber noch eine Nacht!“ Es muss nicht harmonisch, perfekt und erholsam sein, muntere ich mich auf. Dass wir uns ziemlich weit von diesem Idealzustand entfernt befinden, verschweige ich mir lieber. Hauptsache wir verbringen Zeit miteinander. Am anderen Morgen ist mein Jüngster wie ausgewechselt. Wir gehen schon vorm Frühstück schwimmen, scherzen den ganzen Tag und bauen eine so schöne Sandburg, dass uns andere Kinder fragen, ob sie mitspielen können. Mein Lütter zeigt sich gönnerhaft. Ich denke: Alles braucht seine Zeit und gut, dass mal nur wir beide allein unterwegs sind!

Ich hätte mir schönere Umstände. gewünscht, die zu unserem Experiment führten. Aber ich kann jedem mit mehreren Kindern nur empfehlen, mal nur mit einem zu verreisen! Es ist erstaunlich, wie erholsam es sein kann oder wie frisch verliebt man in das eigene Kind ist und welche ganz neunen Seiten man auf einmal entdeckt, auch an sich selbst. In diesem Sinne: Ahoi und auf in neue Gewässer!

Kindermund tut Wahrheit kund…

… und wünscht eine schöne Bescherung!

Schwarz-Weiß-Fotografie: Elfriede Liebenow

„Zum Christkind kannst du auch Jesuskind sagen, Mama! Ich glaube, das ist sein zweiter Vorname, so wie ich Matilda mit zweitem Namen heiße“, sagt meine Tochter ganz aufgeregt.
Ein Freund fragt mich wenig später, ob uns das Christkind oder der Weihnachtsmann die Geschenke bringe. Er ist katholisch und bezeichnet sich nicht nur als religiös, sondern behauptet, einen besonders guten Draht zu Gott zu haben! Noch bevor ich antworte, erklärt er mir den Hintergrund seiner Frage genauer. Ihnen bringe das Christkind die Geschenke, aber nicht nur, weil er aus einer Region Deutschlands stamme, in der dies Tradition ist. Das Christkind sei viel edler als der Weihnachtsmann. Ich staune! Unbestritten spielt das Christkind in einer anderen Liga, als der Weihnachtsmann. Aber dass, der edle Christus dafür herhalten muss, Kleidung, Spielwaren und Süßigkeiten zu bringen, finde selbst ich, ohne Glauben an Gott und nur mit protestantischem Erziehungshintergrund ausgerüstet – dekadent!
Wir feiern jährlich mit unseren drei Kindern Heiligabend den 2000-und-xten Geburtstag des Jesuskindes. Unsere Tochter erklärt mir das: „Das Christkind war der liebste Mensch, den es jemals gab. Und daher erinnern wir uns noch heute an es und nehmen es uns zum Vorbild.“ Das Jesuskind habe „Zauberkräfte“, ergänzt ihr kleiner Bruder. „Daher kann es Herzenswünsche erfüllen.“ Das seien Träume, die man nicht kaufen kann. „Christus war arm und hat sich aus Dingen nichts gemacht“, sagt meine Kleine. Darum habe er alles mit anderen armen Menschen geteilt. „So wie der heilige Martin seinen Mantel mit dem armen Bettler teilte, der sonst erfroren wäre. Aber das Christkind hat immerzu geteilt, Mama! Ständig, fast jede Stunde, glaube ich. So lieb war das, Mama! Das können wir uns gar nicht vorstellen!“, die blauen Augen meiner Tochter funkeln. Und deshalb wolle das Jesuskind, dass wir uns an seinem Geburtstag auch freuen und will uns was schenken. „Und der Weihnachtsmann Mama, der verteilt die Mitgebseltüten“, ergänzt sie. Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Unsere Lütte singt das vierte Jahr im Kirchenchor und gibt einen Engel beim Krippenspiel an Heilig Abend. So erkläre ich mir ihre Jesus-Vorstellungen. Aber das mit dem Weihnachtsmann und den Mitgebseltüten habe ich noch nie gehört. Ich frage nach. Das Christkind würde sich bei uns dafür bedanken, dass wir ihm so einen schönen Blumenstrauss an Weihnachten schenken – den Weihnachtsbaum. Und dass wir so leckere Geburtstagskuchen gebacken haben – die Plätzchen. Dass wir Geburtstagskerzen anzünden, am Weihnachtsbaum. Uns schön anziehen und in Gottes Haus, der Kirche, seine Geburtstagslieder singen. „Und zum Schluss gibt es Mitgebsel. Und die kann es ja nicht alle selber tragen. Dafür braucht es einen starken Mann. Das ist der Weihnachtsmann. Der packt alle Geschenke in einen großen Sack. Sonst würden sie, wenn er eine Kurve fliegt, vom Schlitten fallen. Dann verteilt der Weihnachtsmann sie an die Kinder. Das Jesuskind braucht viele starke Männer, weil Kinder auf der ganzen Welt Mitgebsel bekommen. Aber das Christkind ist wie Gott und kann überall gleichzeitig auf der Welt Wünsche erfüllen. Und weißt Du warum wir den Weihnachtsmännern nie begegnen, wenn sie die Geschenke bringen?“, fragt mich meine Kleine aufgeregt. Oha, ich befürchte sie könnte uns entlarvt haben und bringe nur zögerlich „Na, warum denn nicht?“, hervor. „Das ist, weil sie von den Engeln einen Tipp bekommen. Mama, so wie im Hotel das Zimmer immer gereinigt wird, wenn wir nicht da sind und alles schön ist, wenn wir zurückkommen!“ Puh, da habe ich für dieses Jahr ja noch mal Glück gehabt. Wobei ich die These vertrete, dass Kinder, die an den Weihnachtsmann glauben wollen, es auch tun. „Mama, ich möchte auch mal so ein lieber Mensch werden, wie das Jesuskind! Deshalb, teile ich auch alle meine Süßigkeiten mit euch. Warme Mäntel habt ihr ja. Und meine kleinen Brüder dürfen mit meinen Geschenken spielen, obwohl die eigentlich erst ab sechs Jahren sind“.
Gut, dass mir meine Tochter Weihnachten erklärt hat. Ich wünsche allen die Erfüllung ihrer Herzenswünsche!

Kindermund tut Wahrheit kund…

… und musiziert

Gemeindebrief St. Lukas

„Ich will auch im Schulchor singen!“, verkündet meine Tochter. Und zwar auf die energische Art. Ich fühle mich nicht gut dabei, denn sie ist zu dem Zeitpunkt erst drei Jahre alt. Wir sahen ein Krippenspiel und die Kleinen haben wirklich toll gesungen! Ich erkläre ihr, dass alle Kinder mindestens sechs Jahre alt sind. Meine Lütte muss sich also noch ein paar Jahre gedulden. Davon will mein Dickkopf aber nichts wissen und quengelt fortan: „Mama, bitte, bitte, bitte, frag doch mal!“ Ich spreche mit der Chorleiterin und: Überraschung, mit vier Jahren kann sie mitsingen! Sie spielt einen kleinen Engel, ohne Text-Rolle. Nach der Aufführung verkündet sie: „Mama, ich will Klavier spielen!“ Oh nein, denke ich, nicht schon wieder!
Zum guten Ton der Bildungsbürger gehört eine musikalische Ausbildung. Das beginnt mit drei Monaten, indem Klangschalen den Kurs zur Babymassage begleiten. Meiner Tochter war das alles zu viel. Sie äußerte es mit lautem Protestgeschrei. Weiter geht’s mit dem Musikgarten im Kleinkindalter. Parallel zur Vorschulzeit kommt dann endlich das ersehnte erste Instrument: Flöte oder Klavier, seltener auch Geige! Zu diesem Zeitpunkt haben es die fleißigen Eltern geschafft.
Da die Hände meiner Tochter zum Klavier spielen zu klein sind, startet sie mit der Flöte. Wir machen eine Mama-Tochter-Stunde daraus. Und obwohl ich seit der ersten Klasse keine Flöte mehr in der Hand hielt und sie absolut nicht zu den Instrumenten meiner Wahl zählt, macht es richtig Spaß! Meine Kleine versucht ihren Vater ebenfalls zum Musizieren zu bewegen. Als er wegen einer Verletzung eine verbundene Hand hat, sagt sie: „Ich glaube Papa, sie haben dir nur den einen Finger verbunden, damit du flöten kannst!“
Meine Jungs sind noch zu klein um wie ihre große Schwester zu musizieren. Aber sie lieben es, wenn sie singt und klopfen dazu im Takt mit der Gabel auf Tisch und Töpfe.

Ich besuche mit meiner Kleinen auch Kinderkonzerte. Bislang bestreikte ich die völlig überteuerte und fehl geplante Elbphilharmonie. Dessen Finanzierung hatte das Einstampfen zahlloser sozialer Projekte in Hamburg zur Folge.

Ich höre mir nun zusammen mit meiner Tochter zum ersten Mal ein Konzert dort an. Wow, ich bin beeindruckt! Von Architektur, Darstellern, Musik und dem künstlerischen Gefühl, das sie mit allem verströmt! Ich wusste schon, warum ich aus Protest nach der Eröffnung nicht hin ging! Meine Kleine sagt: „Mama, es ist sooooo schön! Wann gehen wir wieder in die Elphi?“

Einmal dort gewesen, kannst du dich dem Charme der Elphi einfach nicht entziehen!

Kindermund tut Wahrheit kund oder…

…rettet die Welt

„Aber wieso verhungern und verdursten Kinder? Mama, wieso, es gibt doch so viel im Supermarkt!“, meine Tochter schaut mich verzweifelt und wütend an. Wir haben drei Patenschaften in Afrika über SOS-Kinderdorf und Plan International: Zabagire in Mozambique, Agnes in Ruanda und Sumaya in Somalia. Diese Mädchen schreiben, malen oder schicken uns Fotos von sich, ihrer Familie und ihrer Schule. Meine Kinder und ich schauen uns das an und reden darüber. Sicher, das Leid der Welt verhindern wir damit nicht. Aber wir nehmen Anteil. „Ich will Helferin werden“, sagt meine Tochter. „Dann packe ich alles was die Kinder brauchen ins Auto und fahre nach Afrika. Geld nehme ich auch mit, damit sie sich ein zu Hause bauen können.“
Falls ich das neuste Hinz&Kunzt Straßenmagazin mal übersehe, macht mich meine Kleine sofort darauf aufmerksam: „Mama, diese Zeitungsausgabe haben wir noch nicht!“ Wir sprechen mit „unserem“ Verkäufer über seine Heimat in Rumänien. Darüber, dass die Winter in Hamburg auf der Platte hart seien, aber das eigentlich nicht an den Temperaturen läge. Die Winter in seiner Heimat seien wirklich kalt. Meine Kinder wissen, dass es nicht alle Menschen so gut haben, wie wir in Deutschland. Das dies Zufall und Glück für uns ist. Dass es einen Menschen nicht besser oder schlechter macht.
Mein Sohn strahlt übers ganze Gesicht: „Ich habe zehn Runden geschafft, Papa! So viel bin ich gelaufen!“ Ehrlich gesagt bin ich mit meinen Zwillingen an der Hand – gegangen. Aber sie waren so stolz, dass sie auf diese Weise Geld beim Spendenlauf für ihre Kindergartenreise zusammenbekommen haben. Einem Kind, deren Eltern die Reise nicht finanzieren könnten, ermöglichen diese Spenden die Kindergartenfahrt.
„Papa, aus dem Rohr von dem Auto vor uns kommt Gift, oder?“, fragt meine Tochter. Mein Mann erklärt ihr, dass CO2-Emissionen beim Autofahren entstehen und den Klimawandel beschleunigen. „Aber Mamas Auto hat nicht so einen Auspuff aus dem Gift kommt, oder?“ Leider schon! Wir versuchen so wenig wie möglich zu fliegen und wenn wir das Flugzeug für den Urlaub wählen, zahlen wir für unsere klimaschädlichen CO2-Emissionen einen Betrag an Atmosfair. Die Non-Profit-Organisation unterstützt Klimaprojekte mit erneuerbaren Energien in Entwicklungsländern. In Ruanda zum Beispiel versorgt Atmosfair Haushalte mit effizienten Öfen, die Brennstoff sparen. In Nepal baut Atmosfair Biogasanlagen für Bauern. Richtig beruhigt ist unsere Tochter nicht.
Es ist ja auch nicht perfekt! Vielen dient die Unzulänglichkeit als Ausrede gar nichts zu tun. Besser als das, sind alle Versuche etwas Gutes zu tun immerhin. Meine Tochter sagt: „Mama, ich gebe niemals auf! Und wenn alle Kinder aus meiner Klasse mitmachen, dann schaffen wir das!“

Kindermund tut Wahrheit kund…

…oder heiratet

„Mama, Paul will mich heiraten!“, atemlos kommt meine Tochter aus der Schule gerannt. Mich wundert das nicht. Meine Kleine bekam bereits so viele Heiratsanträge, wie ich in meinem ganzen Leben nicht.
Jona war der erste. Er hielt bereits im Kindergarten um ihre Hand an. Jeden Tag spielten sie Mama, Papa und Baby. Meine Tochter war immer das Baby, obwohl ihr diese Rolle nicht gefiel. Ihr Bräutigam in spe gab die Mama. Er packte ihr den Rucksack für das Frühstück aus, öffnete ihr die Brotdose und die Trinkflasche. Anschließend räumte er alles ordentlich ein und setzte ihr den Rucksack auf. Da meine Tochter die Langsamste auf dem Rückweg vom täglichen Ausflug im Wald war, nahm er sie an die Hand und zog sie hinter sich her. Er begleitete dies mit liebevollen Aufmunterungen. Obwohl sie erst drei Jahre alt waren, hätte ich ihn mir sehr gut als Schwiegersohn vorstellen können!

In der Schule traf sie einen Jungen wieder, den sie bereits aus dem Musikgarten kannte. Als Henrik nach einem halben Jahr die Schule wechselte, hatte meine Tochter ihren ersten Liebeskummer.



Dann gab es ein kurzes Intermezzo mit Torben, der immer Fußball spielt. Aber aus irgendeinem mir unbekannten Grund dürfen Mädchen in den Pausen nicht mitspielen. Daher ist diese Liaison nie recht in Fahrt gekommen.
Und jetzt also Paul! Aber meine Tochter will nur ihre Brüder heiraten. Nein, nicht einen, alle beide! Und die braucht sie auch für die Aufzucht der hundert Babys, die sie bekommen will: „Dann sind sie nicht so schnell erschöpft wie Papa! Sondern können sich auch mal abwechseln.“
Meine Jungs sind pragmatisch veranlagt: „Warum sind WIR nicht verheiratet?“, fragen sie mich während einer Autofahrt. Sorry, aber ich habe da so schnell wirklich keine Antwort parat. Während ich bei einem U-Turn noch schwerfällig grüble, sagt mein Sohn bereits: „Meine Frau ist noch auf der Wolke, weil ich älter bin!“
Meine Tochter erwischt mich eiskalt, als sie mich mit Marzipan, Schokolade und Kuchen vollstopfen will. Ich erkläre ihr, dass ich gerne noch zwei Kilo abnehmen möchte, damit ich wieder so viel wiege, wie vor der Geburt ihrer Zwillingsbrüder. „Ah, verstehe, dein dicker Babybauch muss weg, Mama, oder?“ Sie denkt nach: „Wie lange dauern die denn, deine Schlankbauchtage? Kannst Du an deinem Geburtstag immer noch nichts naschen?“ „Geburtstagskuchen esse ich bestimmt! Danach faste ich weiter Süßigkeiten“, erkläre ich ihr. „Fasten Mama, das kenne ich! Das machen die Menschen, weil Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Zu seinem Gedenken. Aber er war ja zum Glück nicht lange tot. Nur zwei Tage, dann ist er wieder aufgestanden. Aber warum fastest du Mama?“

„Ich will an meinem zehnjährigen Hochzeitstag in mein Brautkleid passen. Das ist sehr eng geschnitten“, sage ich. „Oh ja Mama, das will ich sehen! Und Papa, passt der noch in seinen Bräutigamschleier?“

Kindermund tut Wahrheit kund und…

…imkert

„Ich bin im Bienenwald“, rufen unsere Kinder, wenn sie sich in den hintersten Teil unseres Gartens zurückziehen. Dort stehen rund 50 Jahre alte Robinien, Walnussbäume und Nadelgehölze in denen Bussarde brüten. Hier stehen unsere Bienenstöcke, dahinter befinden sich Schrebergärten.

Im April summt & brummt es richtig. Doch Bienen fühlen sich in der Stadt wohl, weil sie fast ganzjährig ein großes & abwechslungsreiches Blütenangebot finden. Außerdem gibt es in Hamburg keinen großflächigen Einsatz von Pestiziden & Insektiziden. Es finden sich daher häufig sogar weniger Rückstände als bei Honig vom Land.

Imkern ist gerade en vogue, besonders in Berlin und Hamburg. Es gilt dem gestressten Hipster als moderne Variante des Yogas. Bei uns ist Imkern immer mit sehr viel Radau verbunden, den alle alle unsere drei Kinder sind dabei und häufig kommen Freunde, Kindergärten oder Schulklassen dazu.

Unsere Tochter imkert seit sie drei Jahre alt ist und hat ihr eigenes Volk. Sie trägt zum Schutz einen Anzug. Mit dem Smoker in ihrer Hand macht sie Rauch, die Bienen denken es gäbe einen Waldbrand und verstecken sich im Stock.

In voller Stärke umfasst ein Volk 60.000 Bienen. Meine Tochter besitzt neben dem Anzug, einen Schleier und Handschuhe aus Vollleder, durch welche die Wächterbienen nur schwer stechen können. Doch sie imkert ohnehin sehr umsichtig und sagt: „Papa, ich weiß nicht, warum’s dich ständig erwischt, mich hat noch nie eine Biene gestochen!“

Die Lebensleistung einer Biene beträgt weniger als ein Teelöffel Honig…
Für 1kg Honig sammeln die Bienen etwa 3 kg Nektar. Mit „Pollenhöschen“ an ihren Beinen, fliegen sie hier zum Stock.

Meine Tochter zündet Hanfgras in ihrem Smoker an. Die Bienen ziehen sich in ihre Beuten zurück, auch die Wächterinnen. Pflegebienen und Sammlerinnen stechen nicht, nur diejenigen, die den Stock bewachen.

Wir imkern nach Demeter Richtlinien und dazu zählt, dass die Stöcke nur aus natürlichem Holz sind. Die sind leider sehr schwer, die Beuten können unsere Kinder nicht alleine öffnen. Mit ihrem Imker-Meißel löst unsere Tochter aber die Rähmchen aus der Beute. Dann sieht sie ihr Volk durch: Wo ist die Königin? Legt sie fleißig Eier? Gibt es ausreichend Brut? Gibt es Weiselzellen zu entfernen, mit Hilfe dessen sich das Volk eine neue Königin züchten und mit ihr zusammen ausschwärmen würde? Ist genug Honig für die Brut vorhanden?

Ein besonderer Höhepunkt ist natürlich das Schleudern um Stankt Johanni herum, am 24. Juni. Die vollen und mit Wachs verdeckelten Honigwaben hebelt meine Kleine mit einer Art Gabel auf und entfernt so das Wachs. Dann kommen die Waben in die Honigschleuder. Anschließend kurbelt sie kräftig.

Jetzt kommt der große Moment: Goldgelber Honig fließt träge aus der Schleuder in einen Eimer.

Rund 30 Kilo ernten wir jährlich auf diese Weise. Der früh geschleuderte Sommerhonig, ist hell und mild im Geschmack. Ende Juli können wir dunkeln Waldhonig ernten, der sehr herzhaft schmeckt. Wir füllen den Honig in Gläser und verkaufen ihn im Bekanntenkreis und auf dem Wochenmarkt. Die Kinder sind unglaublich stolz auf diese Einnahmen und sagen: „Von dem Honiggeld kaufen wir nur Sachen für unsere Bienen!“

Waldkindergarten
„Die Schlaufüchse“, Naturschutzgebiet Raakmoor, Sommer 2016

Grundschule
Hamburg-Ohkamp,
Klasse 2c,
Sommer 2020

Evangelische Kita St. Lukas, Hamburg-Fuhlsbüttel,
Sommer 2022

Grundschule
Ratsmühlendamm
Hamburg

Fotos: Svea Wendt

Albert-Schweitzer-
Gymnasium
Hamburg

Unser Honig hat Bioqualität und ist nach Demeterrichtlinien geimkert (außer Absperrgitter vorm Honigraum). Ein 250g Glas für 5 Euro zzgl. Versandkosten über contact@ankekuehne.com bestellen oder auf dem Fuhlsbüttler Wochenmarkt mittwochs und freitags von 8 – 13 Uhr direkt an „Marvins-Stand“ für 6,80 Euro kaufen.

Kindermund tut Wahrheit kund und…

…fährt Ski

Wir fahren fast jedes Jahr im Winter Ski. Ich liebe die völlig unverbrauchte Natur und Einsamkeit Dalarnas, in Mittelschweden. Anstrengung und Kälte erschöpfen angenehm. Anschließend wärmen wir uns am Feuer im Kanonenofen unserer Hütte. Jede Tour ist ein kleines Abenteuer! Als wir unsere Tochter zum ersten Mal mitnehmen, ist sie ein Jahr alt. Wir packen sie in einen Lammfellsack, kleiden sie von Kopf bis Fuß in Daune und Wolle, dann setzen wir sie mit einer Wärmflasche in einen Pulk. Das ist ein Schlitten, ohne Kufen, der direkt auf dem Schnee liegt. In seiner knallroten Farbe sieht er eher aus wie ein Kajak. Vorne verfügt er über eine große, getönte Windschutzscheibe. Dann schnallt Mama sich ein Gestänge um den Bauch, wie einen Gurt beim Wanderrucksack. Ab geht’s!

Da der Vater meines Liebsten ihn und seine Schwester ebenfalls bereits als Kleinkinder auf diese Weise durch das Fjäll zog, ist es für meinen Mann die natürlichste Sache der Welt. Er fetzt die Abfahrten, die wir uns phasenweise mit den Alpin-Skifahrern in Sälen teilen, nur so herunter. Mir ist ganz schlecht. Unsere Tochter findet’s zum Glück auch nicht besonders toll, so dass der Spuk bald sein Ende findet. Die nächsten Tage fahren wir wieder die einsamen Strecken in der Nähe unserer Hütte. Wir haben Mini-Skier für unsere Kleine gekauft. In die Bindung kann sie mit ihren normalen Winterstiefeln schlüpfen. Aber sie rutscht damit nur ein paar Meter vorwärts. Fortan möchte sie, dass Mama sie zieht. Puh…
Einen Winter darauf, kann sie mit zwei Jahren, schon kleine Strecken selber laufen. Inzwischen haben wir einen Fahrradanhänger gekauft, ihn mit Kufen versehen und ein Gestänge besorgt. Das schnalle ich mir um den Bauch. Diese Variante ist wesentlich komfortabler für unsere Tochter, da wir bei Schnee oder Wind einfach das Verdeck schließen können. Für mich ist der Anhänger auch leichter zu ziehen. Der Pulk ist allerdings für größere Kinder oder Tagestouren die bessere Wahl. Er schafft jede Expedition spielend, selbst mit Gepäck. Als unsere Tochter fünf Jahre alt ist, bekommt sie richtige Rennskier. In Schweden gibt es, wie so häufig, eine soziale und für alle vertretbare Lösung: Wir kaufen einmal eine neue komplette Ski-Ausrüstung. Alle darauf folgenden Jahre können wir sie gegen eine Gebrauchte tauschen. So dass wir jedes Jahr eine passende Größe erhalten. Die Sachen sind neuwertig und die Wartung übernimmt der Sportausrüster gegen eine kleine Gebühr. Unsere Tochter läuft inzwischen kurze Touren. Unsere Jungs sitzen im Anhänger. Mit sechs Jahren ist unsere Kleine richtig schnell und sie hat Ambitionen: „Papa, wann können wir mal eine richtige Tageswanderung unternehmen?“ Mir sagt sie: „Mama, wenn du Biathlon trainierst, will ich das auch!“ Und tatsächlich nehmen die schwedischen Kinder bereits im Grundschulalter, im Olympiastadion der nächstgelegen Stadt, am Biathlon-Training teil. Aber das ist noch nicht alles, sie fragt: „Papa, können wir irgendwann auch mal eine Übernachtungstour von Hütte zu Hütte und mit Wanderrucksack laufen, so wie du mit Opa?“ Ich fange dann am besten schon mal mit dem Training an!

Kindermund tut Wahrheit kund oder…

…geht zum Fußball

Kurz vor ihrem zweiten Geburtstag gehen wir mit unserer Tochter zum ersten Mal ins Stadion. Mein Mann und ich haben Dauerkarten für den FC St. Pauli, aber seit ich schwanger war, habe ich kein Spiel mehr gesehen. Unsere Kleine hat Micky-Maus-Kopfhörer auf und alle sprechen sie daraufhin an. Ich trage sie auf dem Arm oder mein Mann sie auf den Schultern. Leider können wir uns nicht zu unseren Freunden in den Block stellen, weil es viel zu eng ist und die Dynamik eines Tores einen locker mit einer Welle ein paar Reihen nach vorne schieben kann. Aber die Ordner erlauben zu der Zeit noch, dass wir auf den Treppenaufgängen stehen. Für das Fußballspiel selbst interessiert sich unsere Tochter nicht. Dafür um so mehr für die Fans! „Mama, die Fans trinken alle Apfelschorle!“ Ich lasse sie in diesem Glauben und kläre sie auch nicht über mein Getränk im Plastikbecher auf. „Papa, die Fans essen, reden und gehen auf Toilette!“ Ja, ganz richtig erkannt! Die Gegengerade im Stehbereich mutet phasenweise eher wie eine Party an, als an ein konzentriertes Fußball gucken. Sorry Jungs! (Und Mädels…) Meine Tochter will eine Laugenbrezel und dann auf Toilette. Dort bestaunt sie die FC St. Pauli-Kacheln, mit denen sie gefliest ist. Zwischendurch halten wir einen Plausch mit Fans und sind eigentlich ständig unterwegs. Als meine Kleine im Kindergartenalter ins Stadion geht, bezeichnet sie sich selbst schon als Fan. Farben des Erzfeindes der Stadt, also blau, zieht sie nicht mehr an und will stattdessen einen Fan-Schal, ein Cap mit dem Logo des Vereins und ein FC St. Pauli-T-Shirt. Sie fragt: „Mama, warum gönnen sich der HSV und der FC St. Pauli gegenseitig nicht mal das schwarze unterm Fingernagel?“ Ähm, wie erkläre ich das? Es sind schon wegen kleiner Dinge Kriege ausgebrochen… „Im Kindergarten habe ich mit den HSV-Fans nichts zu tun, denn da wir immer in der Erde buddeln, haben wir ständig schwarze Fingernägel.“ Unsere Kleine ist jetzt schon ein bisschen groß und steht mit den Schulkindern eines Freundes direkt hinter uns auf der Treppe. Leider ist das nicht mehr erlaubt und wir feuern die Mannschaft unten vom Zaun aus an. Das hat den Vorteil, dass dort ganz viele kleine Fans hin und her rennen oder das Konfetti vom Fußboden in „Apfelsaft-Becher“ sammeln – für das nächste Tor zum Schmeißen… Der Nachteil ist ein Feeling wie im Knast: ständig hinter Gittern. Als Schulkind fordert meine Tochter jetzt einen Live-Kommentar von mir, schüttelt bei jeder Ecke meinen Schlüsselbund und sing: „ Seit klein auf stehe ich am Millerntor, jedes Spiel singe ich: Sankt Pauli vor. Egal was geschieht, ich lass´ dich nie allein, Sankt Pauli, du bist immer mein Verein!“ Dazu hüpft sie, klatscht sie und wirft die Arme in die Luft. Dann ruft sie: „Walk on, walk on, with hope in your hearts and you’ll never walk alone, you’ll never walk alone!“