Kindermund tut Wahrheit kund oder…

…feiert Geburtstag

km feiert Geburtstag

Als ich meine Zwillinge frage, wie alt sie an ihrem Geburtstag werden, antworten sie wie aus einem Mund: „Fünf!“ Unter uns, sie werden drei. Aber die Jungs, die sie im Kindergarten bewundern und einladen wollen sind: fünf! Mein Mutterherz krampft jetzt schon, weil die Großen sicherlich wegen „wichtiger Termine“ absagen…
Geburtstag feiern ist eine aufregende Sache und die Vorbereitungen beginnen entsprechend schon Wochen zuvor. Also nicht meine, sondern die der Kinder! Die ältere Schwester packt alle möglichen Gegenstände, die sie in ihrer Krimskrams-Schublade findet, wie einen Teller zum Jonglieren, Seifenblasen und ein Schnitzmesser, wahlweise in Geschenkpapier, Küchenrolle oder Servietten. Dafür braucht sie viel Geschenkband, notfalls geht’s allerdings auch mit reichlich Flüssigkleber oder Tesafilm. Wenn sie dann alles zufriedenstellend verpackt hat, stopft sie es in ihre Schultüte und spielt Bescherung. Und wehe, ja wehe, der oder die Beschenkte, freut sich nicht wie verrückt über den Plunder. Es ist auch nicht ratsam, sich über backsige Hände zu beschweren oder mit dem Einwand zu kommen, dass dies ja ein großes Durcheinander sei, welches Bitteschön auch wieder aufgeräumt werden müsse. Sofort fiele unsere Sechsjährige zurück in die Kleinkind Trotzphase und würde sich schreiend auf dem Boden wälzen. Aber zum Geburtstag gehören nicht nur Geschenke sondern auch Luftballons – die alle ich aufzupusten habe. Zahllose erliegen den Jagdversuchen unserer Katzen, weitere platzen, weil die Jungs, der schönen Geräusche wegen, hinein kneifen und etliche fristen ihr Dasein, weil sie im Kampf der heftig miteinander streitenden Brüder im Weg sind. In diesem Fall ist es daher glücklich bereits Wochen vorher zu beginnen, so bekomme ich bis zum Geburtstag eine kleine Traube Ballons zusammen. Auch Kuchen gilt es zu backen! „Wir backen gleich Mumffins oder was anderes“, erklärt mein Kleinster mit wichtiger Mine. Für Omas und Opas Besuch. Für die Kinderfeier. Für den Waldkindergarten. Noch nie konnten oder wollten sie sich unsere Gäste durch das umfängliche Angebot essen, aber das hält meine drei Kinder nicht davon ab, wieder Kuchenberge zu produzieren. Die bereits Wochen vorher zubereiteten, frieren wir ein. Bei uns im Keller steht seit anderthalb Jahren ein, eigens für solche Anlässe angeschaffter, Gefrierer. Einladungen malen und basteln unsere Kinder ebenfalls sehr gerne. Und bis endlich eine gelingt, die sie nicht gleich wieder verwerfen, kann Zeit ins Land gehen. Ganz wichtig ist, dass sie allen gefällt. Die Zwillinge können nicht anders als sich abzustimmen, aber meine Tochter redet auch ein Wörtchen mit. Da es eine Faschingsparty gibt, basteln sie einen „Yakari“. Ihre Cousine kreierte ein paar Jahre zuvor ebenfalls so eine Karte und der „kleine Indianer“ ist bis heute ein Hit. Ich frage, wen meine Jungs einladen wollen. „Yakari und alle Jungs die im Wald sind, Mama!“ findet mein Jüngster. Aber leider haben wir Eltern die unsinnige Regel aufgestellt, dass jedes Kind, so viele Gäste einladen kann, wie es Jahre alt wird. Das sind immerhin sechs, denn die Jungs werden jeder drei Jahre alt. Ein Grund zum Freuen? Nein, es gibt dreifaches Wutgebrüll mit Tränen! Meine Tochter findet es ungerecht, sie konnte auch nur sechs Kinder an ihrem letzten Geburtstag einladen. Mein einer Sohn ist beleidigt, weil sein Bruder das einzige Mädchen eingeladen hat. „Ich will lieber Liv einladen, die möchte ich nämlich heiraten“, brüllt er. Er müsste sich dafür aber von einem anderen Kind trennen. Und er hat schon zwei große Jungs eingeladen. Die nimmt ihm dann vielleicht sein Bruder weg… Zwischenzeitlich fragt mich ein Freund, ob die große Schwester einer der eingeladenen Kinder nicht auch mit kommen könne. Und obwohl er mein „Nein“ nicht verstehen wird, eröffne ich auf keinen Fall noch mal eine neue Debatte darüber wer beim Fest dabei ist! Und dann eine Phase des Friedens: Alle, wirklich alle eingeladen Kinder sagen zu. Auch die coolen fünfjährigen Jungs. Sie sind glücklich meine Kleinen. Und ihre große Schwester mit ihnen. Jetzt fehlt nur noch ein Indianerschatz, Kostüme und – „die Gäste Mama, wann kommen die Gäste? Morgen?“ „Nein, mein Schatz, die Gäste kommen nicht morgen sondern nächste Woche, also noch sieben mal schlafen…“
Die Feier glückt, mit Schnitzeljagd, Topfschlagen und Masken basteln. Die Kindergartenfreunde schenken zwei Fußbälle, so dass die Zwillingsbrüder keinen Grund zum Streiten haben. Als alle Gäste zu Hause sind und die Kinder ins Bett zu gehen, sagt mein Sohn: „Ich will mit meinem Puzzle-Buch schlafen gehen“. Nun ist der Spuk für ein Jahr vorbei? Meine Tochter raubt mir alle Hoffnungen: „Mama, jetzt bereiten wir den Geburtstag für unsere Kätzchen vor, die werden ein halbes Jahr alt und Pettersson und Findus feiern auch drei mal im Jahr den Geburtstag des Katers!“

Kindermund tut Wahrheit kund oder…

…will eine Katze!

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„Wau, wau, wau“, ruft meine Tochter laut und springt auf eine Katze zu. Diese flüchtet und lässt sich nicht mehr blicken. Für meine kleine, zweijährige Tochter ist es Liebe. Wir urlauben in einer Finca auf Mallorca und in dem 500 Jahre alten Innenhof wimmelt es nur so vor Katzen. Unsere Tochter lauert ihnen stundenlang auf, lockt sie mit Futter und bleibt der Katzenschreck. Ihre Begeisterung für die „kleinen Tiger“ schmälert das kein bisschen. Im Gegenteil und sie wird geschickter. Mit fünf Jahren ist sie tatsächlich zur Katzenflüsterin geworden. Jeder noch so verstörte Streuner lässt sich streicheln und oft sogar nur von ihr. Sie fordert ein eigenes Kätzchen, aber mein Mann schiebt seine Katzenhaar-Allergie vor. Als die beste Freundin meiner Tochter ein Jahr später eine Babykatze bekommt, obwohl ihr Papa eine Allergie hat, lässt sie keine Ausrede mehr gelten. Die Rasse Selkirk Rex produziert kaum allergene Proteine und verliert weniger Fell. Mein Mann fährt also zur Katzenschau, reibt sich Haare in Augen und Nase, dann wartet er: Nichts! Meine Tochter verliebt sich gleich in eine kleine Tigerkatze, mein Mann in einen dicken, schwarzen Kater. Sie kommen freudestrahlend nach Hause und verkünden: „Wir haben gleich zwei Kätzchen genommen!“ Wow, das ging fix und ist mir fast zu viel. Zum Glück säugt die Katzenmutter noch ein Weilchen, so dass ich Zeit zum Verdauen habe. Meine Tochter hingegen ganz eifrig: “Mama, wir brauchen Katzenfutter, Fressnäpfe, Trinkschalen, einen Kratzbaum, Käfige für den Transport, Decken für den Schlafplatz, Katzenklos, Streu, Halsbänder, auch mit Glöckchen, Spielzeug, Leckerlies, eine Katzenklappe und eine Leine!“ Eine Leine? „Klar, ich will doch überall mit meinen Katzen hingehen können.“
Wir dachten uns, dass es Stallkatzen werden, die im Nebengebäude, in unserem Garten wohnen. Dort hielten die Vorbesitzer vor 50 bis 100 Jahren Schweine, Hühner und Kaninchen. Das wäre perfekt geeignet. Aber die Katzenbesitzerin klärt uns auf, dass Kitten, so das Fachwort für Babykätzchen, im Winter nicht draußen wohnen könnten. Ihr Fell sei noch nicht dick genug. „Toll, dann wohnen sie drinnen bei uns!“, ruft unsere Tochter freudestrahlend. Toll, wirklich, ja!
Fortan dudelt aus allen Lautsprechern Helge Schneiders „Katzenklo, Katzenklo, ja das macht die Katze froh“ und alle drei Kinder grölen laut mit. Die Kätzchen kommen nach unserem Urlaub, so der Plan. Anfang Dezember erhalten wir die Nachricht, dass die Kitten nicht mehr gesäugt würden und sich ein neues Rudel suchen und das wären nun mal wir! Wir mögen sie bitte abholen. Okay…
Über ihre Zwillingsbrüder hat sich unsere Tochter kaum mehr gefreut. Sie schmust und streichelt und spielt den ganzen Tag mit ihren Kätzchen. Sie sucht die Namen selbst aus und nennt sie Ronja Räuberkatze und Rudi Schnurrdibur. Unser kleiner Sohn sagt: „Da ist der kleine, schwarze Panther“, wenn er Rudi sieht. Aber sie sind sehr zahme Schmusekätzchen. Sie warten schon auf unsere Tochter, wenn sie aus der Schule kommt und lassen alles mit sich geschehen. Während unseres Urlaubes kommen Ronja und Rudi noch mal zu ihrer Katzenmama und unsere Tochter ist todunglücklich. Sie hat nur einen einzigen Wunsch: „Der Weihnachtsmann soll meine Kätzchen nach Schweden fliegen!“
Die ersten Tage, in denen die Kitten bei uns wohnen, säubert unsere Tochter begeistert das Katzenklo, stellt dreimal täglich frisches Fressen und einmal Wasser hin. Dann übernehme ich. Und ein paar Wochen schaffe ich auch locker. Schließlich reinigt das Klo, füttert die Kätzchen und stellt ihnen Wasser hin: Papa! Ja, tatsächlich an meinem Mann, der eigentlich gar keine Streuner haben wollte, bleibt die Arbeit hängen. Wenn abends alle außer ihm schlafen, danken sie’s ihm, indem sie sich schnurrend auf seinen Schoß legen. Unsere Tochter freut sich: „Na siehst Du Papa, so hast du doch auch was Schönes bekommen!“

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… wundert sich über die Polizei!

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„Mama, warum sind Polizisten so gemein?“ Ich bin in Gedanken versunken und antworte: „Mhhhmmm“. „So gemein!“, empört sich meine sechs-jährige Tochter neben mir. Diesmal wende ich ihr den Kopf zu, um an ihrem Gesicht ablesen zu können, ob ich bei etwas einzuschreiten habe. „Warum haben sie uns Papa nicht einfach ins Krankenhaus bringen lassen?“, die Stirn ihres kleinen Gesichtchens ist von Runzeln durchfurcht, ihr Mund steht offen. Sofort bin ich bei ihr. „Ich hätte nicht mit Spikes fahren dürfen, das ist in Deutschland verboten! Anders als in Schweden und Norwegen…“, antworte ich ihr. Ich ziehe sie in meine Arme und streichle ihr über den Kopf. „Papa ist jetzt in Sicherheit!“, beteure ich und küsse ihre Runzeln von der Stirn. Meine Jungs begrüßen in diesem Moment mit großem Jubel den ADAC-Abschleppwagen, der die Zollschranke passiert.
Mein Mann schnitt sich an der rechten Hand im Urlaub in Schweden, an einem zerbrochenen Glas bei Abwaschen. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, trotzdem Kinder-Popos abzuwischen, im Babyplanschbecken abzutauchen – in dem nicht nur Gummitiere herumschwimmen – sowie das Plumpsklo unserer Hütte zu sanieren. Nach ein paar Tagen ist seine Hand auf beachtliche Größe angeschwollen, hat eine ungesund rote Farbe angenommen und sabscht. Für mich ein Grund zum Arzt zu gehen, aber wir müssten ins nächstgelegene Städtchen eine Dreiviertel-Stunde fahren und das hält mein Mann für übertrieben. Da wie am nächsten Tag abreisen, überredet er mich, gleich in Deutschland zum Arzt zu gehen. Pünktlich nach Ablegen der Fähre in Norwegen, bekommt mein Mann starkes Fieber und Schüttelfrost. Da wir am Wochenende ankommen, steht für mich fest, dass ich ihn direkt ins Krankenhaus fahre. Ich rolle am nächsten Tag, mit meinem gefühlt halbtoten Mann auf dem Beifahrersitz, von der Fähre. Die Hand ist inzwischen auf doppelte Größe angeschwollen, ein roter Streifen ist den Arm hinauf bis zur Schulter gekrochen und die Lymphknoten in der Achsel schmerzen. Kalter Schweiß steht ihm auf der Stirn, das Fieber schüttelt ihn immer durch, mit fast 40 Grad. Ich mache Krach beim Rollen von der Rampe des Schiffes. Ich fahre Spikes, das sind Reifen mit Nadeln gespickt, die sich auf den Straßen mit blankem Eis, im Niemandsland zwischen Norwegen und Schweden, tief hineinkrallen und so Sicherheit bringen. Sie sind in beiden Ländern erlaubt und wer ohne sie fährt ist lebensmüde (Es sei denn er verfügt über einen Vierradantrieb, bleibt auf den Hauptstraßen und nimmt dafür größere Umwege, gerne auch mal mit Hotelübernachtung, in Kauf). Ich weiß, dass Spikes in Deutschland verboten sind und rechne damit, falls ich erwischt werde, ein Bußgeld von 40 Euro zu erhalten und noch nach Hause fahren zu können, schließlich kann ich ja nicht fliegen! „Nein! Sie können die Spikes ziehen oder der Wagen ist stillgelegt“, sagt mir ein alter Bulle mit zusammengezogenen Augenbrauen und grimmiger Visage durchs Seitenfenster ins Gesicht. „Aber, mein Mann hat eine Blutvergiftung und muss ins Krankenhaus, kann ich ihn nicht noch wenigstens kurz dort hinfahren? Die Spikes kann man leider nicht ziehen, sie sind fest in den Reifen verbaut“, versuche ich es kooperativ. „Nein, das ist nicht mein Problem. Sie machen die Straße kaputt und dürfen keinen Meter weiterfahren!“, entgegnet er bellend. „Welcome back to Germany!“ Norweger, warum seid ihr nicht in der EU, um mich genau vor solchen deutschen Grenzbeamten zu schützen? Jetzt plärren die Kinder auf der Rückbank: „Mama, warum fahren wir nicht weiter? Papa muss doch sofort ins Krankenhaus!“ Der Zöllner zeigt sich weiter unbeeindruckt: „Dann rufen sie einen Krankenwagen.“ Sicher, mir bleibt ja nichts anderes übrig! Aber das erschreckt meine Kinder. Außerdem könnte ich zwar mitfahren, aber nicht noch unsere drei Kleinen. „Was? Ein Krankenwageneinsatz ist teurer, als ein bisschen Spuren im Straßenbelag durch Spikes“, blafft es mich am anderen Ende der Leitung an, nachdem ich die 112 gewählt habe. „Dankeschön! Wollen sie mal mit dem Beamten sprechen?“, frage ich. Wenig später kommt der Krankenwagen und meine Kinder weinen wie erwartet: „Papa! Mein Papa! Papa soll nicht ins Krankenhaus fahren!“ Ich versuche derweil eine Werkstatt in Kiel ausfindig zu machen, die mir die Reifen wechselt, vergeblich! Keine Werkstatt will die Reifen vor Ort wechseln und ich darf ja nicht fahren… Der ADAC macht mir ein Angebot für knapp 600 Euro, das Auto und mich mit den Kindern nach Hamburg einzuschleppen. „Junge Frau, sie können hier nicht stehen bleiben!“, macht mich mein Freund und Helfer noch mal aufmerksam. Auf einmal scheint das Angebot des ADAC ein Schnäppchen zu sein. Und tatsächlich ändert sich die Laune meiner Kinder beim Eintreffen des Abschleppwagens augenblicklich und ich möchte dem netten Matthias, der mir seine warme Hand reicht, am liebsten um den Hals fallen. Er versichert mir, sich um mich und meine Kinder zu kümmern und das ab jetzt alles gut sei. Trotz Antibiotika-Tropf, verschlechtert sich der Zustand meines Mannes rapide während der folgenden vier Stunden, bis zur OP. Der diensthabende Arzt bemerkt trocken: „Auch, wenn Männer nicht gerne zum Arzt gehen, kann man wegen so etwas schon mal ein bisschen früher vorbeikommen! Sonst macht man auch einfach mal die Grätsche.“ Michael, im leuchtend gelben Ganzkörper-Sicherheitsanzug, rockt das Zollgelände und dann fahren wir zwei Stunden mit Tempo 80 über die Autobahn nach Hamburg. Wir halten unterwegs an, Michael findet, dass ein Pipi-Stop für die Kinder und einkaufen im Tankstellen-Shop mit Getränken und Keksen im Preis inbegriffen sei. Anschließend lotse ich ihn durch Hamburg, indem ich enge Straßen und Brücken zu vermeiden versuche. Sehr zum Vergnügen der Kinder stoppt er noch mal mit Warnleuchte, damit ich Geld holen kann, um seine Rechnung zu bezahlen. Dann fährt er ohne Bedenken mit Spikes auf Hamburger Straßen mein Auto. Er meint, er hätte es noch nie erlebt, dass jemand wegen Spikes das Auto stillgelegt bekommen habe. Er glaubt, es liege im Ermessensspielraum der Polizei. Dann verabschiedet er sich mit den Worten: “Auch unter diesen Umständen, war es schön, deine Kinder und dich kennengelernt zu haben, Anke!“ Zwei Tage später wechselt ein Freund zum Glück auf unserem Grundstück die Reifen und ich brauche nicht länger mit der Bahn in die Uni-Klinik nach Kiel zu fahren. Für unsere Kinder ist er der Held, für mich auch! Meine Tochter hat vor Schulbeginn ein Sicherheitstraining bei den „Verkehrsfüchsen“ der Hamburger Polizei für Schulanfänger absolviert und räumt ein: „Mama, Verkehrspolizisten sind aber sehr nett!“

Kindermund tut Wahrheit kund oder…

…verabschiedet das alte und begrüßt das neue Jahr

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Wir feiern Sylvester meistens in Schweden. Daher wundert es nicht, dass unsere sechsjährige Tochter Sylvester mit Schnee in Verbindung bringt, mit Skifahren und Schneelichtern, neben Wunderkerzen sowie Himmelslaternen. In Dalarna, in Mittelschweden, ist es erlaubt die Feuer mit roter oder weißer Seidenpapier-Ummantelung steigen zu lassen. Mein kleines Mädchen stellt sich das Verabschieden des Jahres dabei wie folgt vor: Das alte Jahr kommt in Gestalt einer Kugel, so groß wie die Welt, mit viereckigen Armen und Beinen sowie dreieckigen Händen und Füßen auf Skiern mühsam angefahren. Es ist müde, niedergeschlagen und kraftlos. Es will einfach nicht mehr weiterlaufen und braucht eine Erholung. Es legt sich in einen Sessel und schlummert fortan seinen ewigen Schlaf… Das neune Jahr sieht genauso aus und lässt sich am ganzen Sylvesterabend feiern. Mit Feuerwerk sowie Fackeln, mit Raclette, Gesellschaftsspielen und dem „Schmester-Clown“. So nennen unsere zwei-jährigen Jungs meinen Mann, wenn er eine rote Clownsnase trägt und unsere drei Kinder durch die Hütte jagt. Das neue Jahr freut sich riesig über die Sylvesterfeier und wartet auf seinen Startruf: „Frohes neues Jahr!“ Dann braust es so schnell es kann auf seinen Skiern davon. Es flitzt dabei nicht auf gewöhnlichen Brettern, sondern verfügt über eine Spezialanfertigung mit Raketenantrieb und die Skistöcke besitzen Flügel.
Die Himmelslaternen, die wir jeder eine steige lassen, tragen unsere Wünsche für’s neue Jahr und leuchten ihm auf seinen Skiern den Weg. So findet es seinen Pfad, denn es ist ja stockdunkel. Zur Belohnung erfüllen sich unsere Träume, die mit den Himmelslaternen fliegen. Und tatsächlich wurde ich, nachdem ich eine Himmelslaterne steigen ließ und mir eine Tochter wünschte, schwanger. Auf der Rückfahrt aus dem Urlaub dachte ich daran und sah eine Stadt namens Lycka. Ich fand, dass dies ein sehr schöner Name für mein Kind wäre und entdeckte den Namen Lykka in einem Buch als schwedischen Mädchenvornamen, der „das Glück“ bedeutet. Meine Tochter kennt die Geschichte natürlich und sagt, dass die Himmelslaterne zu ihrer Wolke geflogen sei, auf der sie darauf wartete, dass sie hinunter in meinen Bauch springe. Und als ihr die Himmelslaterne meinen Wunsch überbrachte, sei sie gesprungen…
In diesem Sinne wünsche ich allen ein frohes neues Jahr! Mit der Erfüllung eines Herzenswunsches und ganz viel Glück in 2019!!!

Go West!


Jetzt bestellen: Kalender 2019 mit Reise in Bild und Text

Mit zwei Kleinkindern und einem Vorschulkind für ein Vierteljahr im Wohnmobil durch Nordamerika

Die 17 Beiträge des Blogs über unsere Nordamerikareise können jetzt als Kalender für 2019 mit zwölf Fotos im A3-Querformat bestellt werden. Wer auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk ist, kann den Kalender direkt an die Adresse des Empfängers senden lassen.

Die Reise und damit die Beiträge begannen in der quirligen, drei Millionen Einwohner zählenden Metropole Toronto, am Lake Ontario. Sie folgte dem Lorenz-Strom durch altes Kulturland, Wälder und Seen, im Herzen Kanadas. Weiter ging’s entlang des Lorenz-Stromes bis Tadoussac, der Wiege der Wale. Auf der Gaspé-Halbinsel im französisch geprägten Kanada entdeckten wir schneebedeckte Berge, Fjorde und Schwarzbären. Wir reisten nach New Brunswick, in der Bay of Fundy, dort fanden wir den größten Tidenhub Kanadas. Auf der Insel Prince Edward stehen unzählige Leuchttürme und Nova Scotia beeindruckte mit seiner Schärenlandschaft. Wir überquerten die Grenze zur USA und fuhren in das Wanderparadis im Acadia National Park. Die Sylt ähnelnde Insel Cape Cod verfügt über endlose Sandstrände am Atlantik. Im Robert Treman Park im Bundestaat New York ging’s multikulti beim Baden zu. Unsere Runde endete nach gut 8000 Kilometern wieder in Toronto.
Der Kalender verfügt über eine Spiralbindung mit Aufhängung, ein Deckblatt mit Klarsichtfolie sowie eine Rückwand aus Pappe. Er ist über Amazon unter diesem Link für 12.90 Euro, zuzüglich 3.00 Euro Versandkosten zu bestellen:

https://www.amazon.de/dp/3000616063

Oktober 2019

Text Januar

Go West!

Freiheit, Erlebnispädagogik und ein starkes Team

Ich finde es spannend, wie sich der Blog entwickelt hat. Und es ist schön, dass meine Kinder auf diese Weise einen bleibenden Eindruck von unserem gemeinsamen Abenteuer behalten. Unser rollendes zu Hause auf Zeit hat uns besser gefallen als erwartet. Mit Kindern ist es sehr praktisch. Sie haben immer die gleiche Unterkunft, mit allen ihren Sachen. Ankommen, die Tür aufmachen und schon sind sie „im Garten“, wie unsere Jungs sagten. Und damit im Glück. Am Anfang fühlten wir uns „fremd“ im Wald. Ich hatte den Eindruck von allen Seiten angestarrt zu werden und selber sah ich – nichts. Ich fühlte mich orientierungslos und war froh, wenn ich die Wildnis nach dem Wandern verlassen konnte, denn sie schien mir zum Überleben ungeeignet. Zwar sind wir immer noch keine Waldläufer, aber wir sehen inzwischen alle ganz viel, besonders unser kleiner Sohn sichtet ständig Tiere. Drei Monate auf engstem Raum zusammen zu leben, forderte uns alle heraus. Wir konnten die Kinder nicht einfach mal zwischendurch abgeben. Wir hatten keine Zeit nur für uns selbst. Es war auch nicht möglich mal etwas als Paar oder nur mit einem Kind alleine zu unternehmen. Unsere Tochter bemerkte sehr treffend: „Mama, Du und Papa, ihr habt es ja wirklich schwer, euch einen schönen Abend zu machen. Da wir kein Wohnzimmer haben, müsst ihr ganz leise sein. Ihr könnt rausgehen, aber da ist es kalt und es kommen Mücken, oder? Aus meinem Fenster sieht es immer sehr schön aus.“ Bis zu diesem Zeitpunkt glaubten wir uns zumindest draußen unbeobachtet. Aber es stellte sich heraus, dass unsere Tochter die Gardinen über dem Fahrerhaus abends zurückzog, sich ein Kissen vor die getönten Scheiben legte und dann bäuchlings stundenlang rausguckte. Anfangs waren wir alle berauscht. Nach der Hälfte der Reise hatten wir einen Lagerkoller, keine Lust mehr aufs Campen und waren des Fahrens müde. Trotzdem habe ich mich frei gefühlt, ich konnte mich selbst aus einer anderen Perspektive sehen. Das ist mir in einem dreiwöchigen Urlaub nicht möglich. Und es funktioniert auch nicht zu Hause, wenn ich in all meinen Zwängen stecke. Ich meditiere rund zehn Jahre und mein Geist ist einigermaßen geschult, aber richtig frei, war er erst nach gut zwei Monaten. Und ich hatte das Gefühl, dass war erst der Anfang. Die Erkenntnisse im Alltag umzusetzen, scheint mir jetzt, wieder in Hamburg, fast unmöglich. Es ist toll wieder Daheim zu sein. Uns ist jetzt erst richtig bewusst, wie schön unser Haus ist und wie viel Arbeit wir hineingesteckt haben. Es ist wunderbar, alle Menschen, die wir lieben, um uns zu haben. Wir hätten auch nicht länger reisen können. Wir sind 8000 Kilometer gefahren. Wir waren täglich auf der Walz. Das war drei Monate lang super, wäre aber keinen Monat länger möglich gewesen. Das ist anstrengend. Keine Erholung oder Urlaub. Es ging wirklich mehr um dieses (erneute) zueinander finden. Um das miteinander Leben. Um ein sich aufeinander Einlassen. Und das hat nicht nur gut getan, sondern war notwendig. Wir hätten uns sonst vielleicht im Alltag verloren. Wir alle sind daher Dankbar, dass wir zusammen Reisen konnten. Zum Schluss waren wir Fünf so zusammengeschweißt wie nie zuvor. Mir fiel auf, dass ich nicht genug Zeit hatte, meine Zwillingsbabys zu schmusen. Wenn jetzt eines meiner Kinder kreischt, trotzt oder verwüstet, denke ich nicht mehr, da muss ich strenger sein, etwas stimmt nicht mit meinem Kind oder ich müsste es besser organisieren. Es fällt uns auf, wie gestresst junge Familien sind, wenn sie ihren Alltag zu meistern versuchen. Ich weiß jetzt, wenn meine Kinder schwierig werden, ist es ihnen einfach zu viel. Zu häufig Termine mit Zeitdruck. Massenhaft Reize und äußere Einflüsse. Wir schieben die Kinder ständig hin und her. Ich kann mit meinen wütenden, tobenden und zerstörerischen Kindern mitfühlen und gelassen bleiben. Es jetzt so zu sehen, ist vielleicht das größte Geschenk, das ich erhielt. Ich kann meine Kinder lieben und achtsam mit ihnen umgehen. Ich stelle nicht erst fest, dass ich die Zeit mit meinen Kindern viel zu wenig genossen habe, wenn sie ausziehen, wenn ich Enkel bekomme oder wenn sich mein Leben dem Ende zuneigt.  Dann nämlich, wenn es unumkehrbar und nicht mehr möglich wäre. Wir nehmen uns Zeit, um morgens gemeinsam in den Tag zu starten. Wir erzählen uns, worauf wir uns freuen und was uns bedrückt. Wir sagen uns, dass wir uns lieben und dass es ein großes und nicht selbstverständliches Glück ist, dass wir einander haben. Und abends lassen wir den Tag gemeinsam ausklingen. Wir erzählen uns was schön war und dass wir uns vermisst haben. Aber unser Herz hat Sehnsucht. Es fühlt sich eng an im Alltag. Wir gehen wieder getrennte Wege, auch wenn wir achtsamer miteinander umgehen. Wir träumen von einem entspannteren Leben. Von einem Leben, in dem die Tage erfüllt sind und wir sie gemeinsam verbringen. Wir träumen von einer zweiten Eltern(aus)zeit vor der Einschulung unserer Jungs, in der wir den Ausstieg auf Probe wagen und dann – wer weiß…

Go West!

Drei Wochen USA und ein weißer Hai

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Die Einreise in die Vereinigten Staaten Amerikas mit dem Auto dauert länger, als nach Kanada am Flughafen. Gut, wir haben das Schlimmste erwartet und sind somit nicht überrascht. Wir können auch nicht sagen, dass es den US-Bürgern besser erginge als uns. Ein Mercedes-Bus fährt vor uns und die Grenzbeamten suchen die Außenwände ab. Die Insassen müssen aussteigen, ihren Wagen abgeben, er wird zum Röntgen in eine Halle gebracht. Die Leute sind noch da, als wir schon weiterfahren. Zu uns sind die Grenzer professionell unfreundlich. Wir geben unser Feuerholz, Avocados und Zitronen ab. Sie gucken sich das Wohnmobil von innen an. Wir müssen mit ins Gebäude zum Erfassen der elektronischen Daten. Von jedem ein Foto und zehn digitale Fingerabdrücke. Dann ein kurzes Stressinterview zu unserem Aufenthalt, das war’s. Es dauert eine Stunde, aber größere Blessuren, wie wir sie beim Einreisen in die USA am Flughafen schon zweimal erlebten, bleiben uns erspart. Wir atmen auf. Die Straßen sind ein Traum! Wir wollen im Acadia-Nationalpark wandern. Die Fahrt dorthin ist trist. Alles ist zersiedelt, in den Vorgärten finden sich Sperrmüllhalden und verrottende Autos. Wir fahren vorbei an ehemals herrschaftlichen Holzvillen, die verfallen oder leer stehen. Wir sehen riesige einstürzende Scheunen und Menschen in kaputten Klamotten davor sitzen. Im Dreck spielen Kinder. Ihr Anblick schmerzt.
Der Acadia-Nationalpark an der Küste Maines umfasst große Teile Mount Desert Islands. Der Park selbst ist zum Brechen voll. Überall Stau und Menschenmassen. Klar, es ist absolute Hochsaison. Wir haben zum Glück einen Campingplatz reserviert, denn alle Unterkünfte im Park sind fully booked. Wir beschließen am nächsten Morgen um fünf Uhr aufzustehen und direkt wandern zu gehen. Dann ist es auch noch nicht so heiß. Wir haben inzwischen 35 Grad, dabei ist es schwül. Die Wanderung ist ein Traum! Die Wege sind perfekt. Schwierigkeiten sind durch Holzbohlen, Steinstufen oder Steigeisen ausgeglichen. Wir wandern im Fjell, also im Gebirge oberhalb der Nadelwaldgrenze, auf einem Hochplateau. Der Blick in die dunkelblauen, eiszeitlich geprägten Fjorde ist phantastisch. In der Ferne sind einige kleinere Inseln sichtbar. Es gibt hellgrüne Fjell-Birken, violette Blaubeeren, dunkelgrüne Moose, orange Flechten und gelbe Gräser. Der Atlantik rauscht krachend an die Felsen. Ab neun Uhr wird es heiß, ab zehn Uhr zum Bersten voll. Wir haben unsere Wanderung hinter uns und springen ins 13 Grad kalte Meer. Zurück auf unserem Campingplatz gehört dieser uns allein und wir beschließen am nächsten Tag gerne wieder um fünf Uhr morgens aufzustehen.
Weiter geht’s nach Cape Cod. Die Insel gleicht Sylt. Sie liegt 250 Kilometer nördlich der Hamtons und New York. Sanddünen, Binnenseen und hübsche Holzvillen prägen das Bild. Ein Großteil der Küste steht unter Naturschutz. Wir baden, chillen und essen ganz hervorragend. Anschließend sind wir Pleite. Wir mieten uns Räder und lassen unseren Hobel für eine Woche stehen. Das erste Mal fühlen wir uns wie im Urlaub. Die Kinder sind glücklich, wir sind es auch. Ich liege dösend am Strand, während mein Mann mit den Kindern im Meer planscht. Plötzlich merke ich, wie direkt an meinem Handtuch jemand vorbeirennt. Ich höre eine Frau panisch rufen: „A heart attack! There, by the white truck. Is there a doctor here?“ Ich richte mich auf und sehe, wie eine völlig aufgelöste Frau vor den Rettungsschwimmern steht. Diese schnappen sich schnell ihren Rucksack mit dem Defibrillator und laufen los. Hinter mir sagt jemand auf Englisch: „Oh das ist traurig, dass jemand einen Herzinfarkt hat!“ Plötzlich stehen Menschenmassen direkt am Ufer. Sie zeigen mit dem Finger aufs Wasser und unterhalten sich lautstark. Ich ärgere mich über die Gaffer und lege mich wieder hin. Meine Mannschaft kommt angerannt und mein Mann verkündet: „Da ist ein weißer Hai im Meer!“ Ich bin ungehalten und raunze ihn an: „Ja, sicherlich!“ „Nein wirklich“, entgegnet er. „Ich habe einen Deutschen getroffen, der an der Uni in Boston arbeitet. Er erzählte mir, dass sich alle paar Jahre ein weißer Hai in Ufernähe verirrt, wenn er den Robben folgt und diese dicht an Land schwimmen. Ist aber wohl noch nie was passiert“. Die Robben habe ich auch gesehen. So wie den Deutschen, der schwul war und ich mir ausmale, dass er sich mit dieser Story an meinen Mann ranmachen wollte. Ich schaue ihn forschend und ungläubig an. Am nächsten Tag prangt ein großer Aushang mit einer Warnung vor weißen Haien am Strand. Und auf einmal fällt es mir wie Schuppen von den Augen, die Frau hatte gerufen: „There is a SHARK attack!!!“ Der Mann hatte also recht…
Im Bundesstaat New York, im Robert Treman Park, ist es so multikulti, wie nie zuvor auf unserer Reise. Der Park zieht sich entlang einer tiefen Schlucht. Der Länge der Felsspalte nach, gibt es zahlreiche Wasserfälle. Am Fuße der Kaskaden finden sich große Steinbecken, in denen die Menschen vergnügt baden. Die Ufer sind üppig mit Farnen, Blumen und Ranken bewachsen. Es gibt ein Sprungbrett, Kinder jauchzen, Erwachsene stehen im Wasser oder sitzen auf den Felsstufen, wie in einem Amphitheater. Die Leute sind zu gleichen Teilen Schwarze, Indianer, Weiße und Inder. Sie sind tätowiert, gepierct, kahlgeschoren, tragen Bärte bis zum Bauchnabel oder Schläfenlocken. Sie baden im Sari, mit Schwimmweste und im Bikini. Das Ufer ist dicht belegt mit Picknickdecken, -bänken und –tischen. Die Menschen hören Musik, grillen und lachen. Es ist eine tolle Atmosphäre und etwas ganz Besonderes hier zu baden und sich zu erfrischen.
In den USA hat uns die Infrastruktur begeistert. Die Straßen sind neuer, größer und breiter. Wir sind dadurch deutlich schneller und bequemer vorangekommen. Die Nationalparks sind professioneller organisiert, es gibt zahllose Wanderwege unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade. Die Informationsmaterialen sind besser und die Parkmöglichkeiten komfortabler. Das Wetter in den USA ist schöner und damit sind es auch die Bademöglichkeiten. Es gibt mehr vegane, alternative und multikulturelle Lebensformen. So findet sich zum Beispiel in Provincetown auf Cape Cod, eine Schwulen- und Lesbencommunity und wir bildeten mit unserer Hetero-Familie die absoluten Minderheit. Die USA ist einfach cooler.
Insgesamt zieht es uns jedoch mehr nach Kanada. In die abgeschiedenen Regionen wohlgemerkt. In denen es noch Wildnis und Weite, mit zahlreichen Tieren gibt. Vor allen Dingen nach Gaspé, aber auch in Teile New Brunswicks oder in die Naturschutzparks Ontarios sowie in die abgelegen Regionen Nova Scotias. In den „weißen“, zivilisierten und bevölkerten Teil Kanadas, also vor allem Prince Edward Island, würden wir nicht noch mal fahren wollen. Auch wenn es dort natürlich ebenfalls schöne Ecken gibt!
Zurück reisen wir über die Brücke der Niagarafalls nach Kanada ein. Die Wasserfälle bilden die Grenze. Nur zehn Minuten dauert die Einreise. Die Grenzbeamtin ist sympathisch, obwohl sie sich reichlich Mühe gibt, autoritär zu wirken. Wir sind froh und erleichtert wieder in Kanada zu sein. Unser Flug geht zurück von Toronto. Wir sind sehr wehmütig. Unser Wohnmobil ist unser Zuhause auf Zeit geworden. Es fällt uns schwer, es abzugeben. Die letzte Nacht schlafen wir im Hotel am Airport. Wir fühlen uns fremd und der Komfort bedeutet uns nichts. Das im Preis inbegriffene Abendessen lassen wir daher sausen. Die Jungs weinen und rufen des nachts: „Wohnmobil gehen! Wohnmobil gehen!“

Go West!

Nova Scotia, Bay of Fundy und Haut an Haut mit Campern

FAVORIT alle 3 mit Wasser übern Kopf

Wir fahren nach Prince Edward Island in den Nationalpark und sind enttäuscht. Tatsächlich ist die Insel so ganz anders, als alles, was wir bisher in Kanada sahen. Rote Erde und Kartoffeläckern so weit wir schauen. Dazu „Anne-of-Green-Gables-Nostalgie“ an jeder Ecke und Holzleuchttürme auf jedem Felsen. Über 100 Leuchtfeuer finden sich auf der Insel. Der Sand des Strandes ist ebenfalls rot. Prince Edward Island ist dicht besiedelt, es gibt keine Wildnis und keine größeren Tiere. Der Campingplatz im Nationalpark ist eng und brechend voll. Am Strand liegen wir Handtuch an Handtuch. Das Meer gibt eine Stehparty. Meine Tochter reißt mich aus meinem Dichte-Stress: „Mama, ist eine Krabbe die Frau vom Krebs?“
In Nova Scotia erinnert die Landschaft an die der Schären in Schweden und Finnland. Mit ihren tiefen, blauen Fjorden und den darin verstreuten, kleinen Drumlin-Inselchen, die eiszeitlich bedingt sind. Fischerbötchen schunkeln schmuck auf dem Wasser, Flechten und Moose bewachsen die schroffen, felsigen Ufer. Nova Scotia ist mindestens so dicht besiedelt wie Prince Edward Island, von Wildnis daher keine Spur.
Der Fundy Nationalpark in New Brunswick ist – wir hätten es kaum für möglich gehalten – noch voller und gleicht eher einem Freizeitpark: Golf, Tennis, Schwimmbad! Sehr zum Vergnügen unserer Kinder. Die Seen sind überfüllt mit Kajaks, Mountenbiker machen alle Wege unsicher, wir wandern im Lindwurm. Inzwischen ist es so heiß, dass sich die Mücken- und Insektenpopulation frei entfalten konnte. Ich bin zerstochen, verbeult sowie mit blutigen Cuts übersät und gleiche einem Boxer nach der neunten Runde. Über unsere Campsite pilgert ununterbrochen ein Strom an Menschen zu den Sanitären Einrichtungen.
Jetzt, da wir uns Haut an Haut mit den anderen Campern fühlen, lassen sich ihre Schrullen nicht mehr übersehen. Sofort, nachdem der Outdoor-Fan angekommen ist, macht er sich daran, seine winzige Parzelle zu bezwingen. Er legt einen Plastikteppich vor die Tür, spannt die Wäscheleine und bestückt sie mit Handtüchern, um sich vor neugierigen Blicken der Nachbarn zu schützen. Dann schaltet der Wohnmobilfahrer den Generator für die Stromerzeugung ein, damit die Klimaanlage funktioniert. Durch den Krach fühlen sich Nachbarn belästigt und revanchieren sich, wenn der Übeltäter es sich am Lagerfeuer gemütlich macht. Ein ständiges lautes Brummen ist auf dem Campingplatz zu vernehmen und schallt noch weit darüber hinaus. Da der Generator schon mal läuft, knipst der Naturbursche auch gleich den Fernseher an, schließlich gilt es Informationen über umliegende Waldbrände einzuholen. Es kommt eine zweckdienliche Plastikdecke auf die Holztisch-Sitzbank, darüber wird eine Kunststoffplane zum Schutz vor Regen gespannt. Der Blick in die Bäume ist selbst mit bester Absicht unmöglich. Dann stellt der Campende sogleich allerhand Gerät in den „Garten“. Da gibt es riesige Grillanlagen, Regale für das Grillzubehör und Schaukelstühle. Campingsessel im Dutzend, falls mal jemand zu Besuch kommt und mobile Zäune, damit möglichst niemand zu Besuch kommt. Es finden sich Fuhrparks mit Mountainbikes, Kajaks und Scootern, letztere für die kurze Ausfahrt. Schilder mit Sprüchen, wie „Life is a beach“ zieren den Eingang zur Parzelle. Dazu passend montiert der Outdoorfreak eine Gummipalme und stellt eine blaue Plastikwanne davor. Bei Wettervorhersage mit Regen baut er rechtzeitig alles wieder ab, um es danach wieder aufzubauen. Somit sind die ersten Tage gefüllt. Naturburschen lassen ihren Tag abends gerne ausklingen, indem sie hingebungsvoll 80er Jahre Medleys schmettern. So ziemlich jeder hat einen Hund und führt diesen mehrmals täglich Gassi. Nein, nicht in der wunderschönen Natur um den Campingplatz herum, sondern AUF diesem. Das Tier hebt sein Bein an unserer Parzelle zum Schiffen und Herrchen oder Frauchen, ist begeistert über sein süßes Hündchen. Selbst dann noch, wenn es die Ausmaße eines Kalbes annimmt und sich das Gesicht unserer Kinder auf Höhe der sabbernden Schnauze befindet. Die Hundebesitzer beginnen einen lustigen Smal talk, über das Wetter, die Reiseroute oder die gefährlichen Tiere des Nationalparks. Oh super, das gute Tier hat einen Haufen gemacht, während wir essen. Ist ja nicht schlimm, Herrchen oder Frauchen ist gut ausgerüstet und sammelt es schnell mit dem Plastiksack ein. Mahlzeit und bis später dann.
Die begeisterten Wohnmobilfahrer sind meist übergewichtig, was sie keineswegs davon abhält, sich in enge und ultrakurze Höschen zu zwängen, ist ja schließlich Sommer. So ein leckeres Würstchen ist ein gefundenes Fressen für Insekten aller Art. Nach dem Einsprayen mit Sonnencreme, für dass ich äußerst dankbar bin, denn selbst wenn es windstill ist, brauche ich mir danach keine Sorgen mehr zu machen, dass meine Kinder verbrennen, gibt’s Insektenabwehrmittel. Sie enthalten nahezu alle das Biozid Diethyltoluamid (DEET) und können Allergien sowie epileptische Anfälle auslösen. Die US-Army entwickelte DEET in den 1940er Jahren für Einsätze im Dschungel. Aber den kurzen Sommer will sich niemand versauen lassen. Meine Tochter wendet ein: „Mama, warum ziehen sich die Leute nicht einfach etwas Langärmliges, einen Hut und Schuhe an?“
Falls sich der Outdoorfreak während seines Aufenthaltes doch einmal von seinem schönen Platz wegbewegt, rund einmal die Woche, tut er dies nie ohne Wanderstöcke, selbst im flachen Gelände. Dazu begleitet ihn lautes Gebimmel zahlreicher Bärenglocken, auch die Hunde sind damit ausgerüstet. Er trägt ein vollständiges Sportoutfit und wer dachte, knapper geht es im Hinblick auf Klamotten nicht, der hat sich getäuscht. Denn jetzt wird das komplett oberkörperfreie Sport-Bustier angezogen. Zur besseren Blutzirkulation gibt es farbenprächtige Stützstrümpfe, die zünftig bis zum Knie reichen und die fleischigen Waden optimal in Szene setzen. Gleichzeitig übernehmen sie die Funktion von Nebelschlusslichtern, falls der Lindwurm einmal schlechtwetterbedingt abreißt. Wanderstiefel, wie wir Dinosaurier sie tragen, sind out! Es werden Crosscountry-Turnschuhe getragen, ebenfalls in schrillen Farben. Ein Daypack auf dem Rücken, mit Wasserleitung zum Mund, versorgt den Sportler, denn aufgepasst: es wird gerannt! Ja, schnaufend und schwitzend, rot sowie glänzend erklimmt die neue Generation den Berg nicht old styl wie wir, also wandernd, sondern rennend. Hinter der nächsten Biegung treffen wir die Überholenden dann meist völlig erschöpft, nach Atem ringend am Wegesrand sitzend und die Tour ist vorbei.
In jedem Nationalpark warnt die Verwaltung vor dem gefährlichsten Tier. Das ist mal die Zecke und dann wieder der Bär. Einige bilden sich auch ein, es gäbe im Osten Berglöwen. Die Nationalparks fragen danach auf ihrer Watch-list, in die jeder Besucher Ort und Datum sowie das jeweils gesichtete Tier einträgt. Wir haben alle wissenschaftlichen Quellen recherchiert, weil es uns interessiert. Es gibt im Osten keine Berglöwen! Lediglich sehr selten, illegal ausgesetzte Tiere aus Lateinamerika. Aber die Leute behaupten, der Berglöwe sei im Osten zu Hause und sie hätten ihn gesehen.
Die Nationalpark-Zeitung liefert diesen wertvollen Tipp für Gewitter: „Wenn Ihnen die Haare zu Berge stehen, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie elektrisch aufgeladen sind und der Blitz kurz davor ist, in Sie einzuschlagen.“ So schnell man kann, gilt es dann alle Metallgegenstände abzuschmeißen, sich breitbeinig hinzuhocken und zur Kugel zu krümmen… Gut, dass wir uns Haut an Haut mit anderen Campern befinden, da ist die Chance doch recht gering und die Haare stehen uns wahrscheinlich aus anderen Gründen zu Berge!

Go West!

Kouchibouguac – auf den Spuren der Indianer

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Wir fahren zum Nationalpark L’ile-Bonaventure-et-du-Roche-Percé. Durch den roten Felsen, mit seinem etwa 20 Meter hohen Torbogen, passt ein kleines Schiff. Uns zeigt er sich an einem regnerischen Tag im Dunst verhangen, nicht so rot leuchtend wie sonst. Bei Ebbe könnten wir den Roche Percé zu Fuß erreichen, aber weit und breit macht sich niemand auf den Weg. Auf der Vogelinsel Bonaventure gibt es Papageientaucher, Trottellummen und Basstölpel. Unsere Jungs haben von ihrer Oma „Gagageinschirts“ bekommen, die sie lieben und stolz jeden Tag tragen wollen. Dementsprechend verkünden sie: „Ich Vögel sehen“. Doch alle Schiffstouren sind wegen hohen Wellengangs abgesagt, auch für die nächsten Tage. Wir fahren weiter.
„Der Kouchibouguac ist ein schöner Fluss“, sagt unsere Tochter im nächsten Nationalpark. Die Mi’kmaq nannten ihn den „Fluss der langen Gezeiten“. Auf ihm können wir mit unserer Tochter Kajak fahren. Die der Küste vorgelagerten kilometerlangen Sandstrände überraschen mich und erinnern an Amrum. Wir sehen Weißkopfseeadler. Und wieder Bären. Der Nationalpark feiert ein Fest mit Erklärungen zu den Lebensweisen der Mi’kmaq. Es sind die ersten Informationen über Indianer, die sich uns anbieten. Ansonsten finden sich in Kanadas Osten kaum Spuren. Die Bevölkerung ist so „weiß“, dass es fast unheimlich anmutet. Außerhalb der Metropolen Toronto, Montreal und Quebeck finden wir nichts Multikulturelles und nirgendwo Erklärungen zum Leben der First Nations. Mit Sicherheit gibt es gute Quellen in Museen, die wir mit unseren drei Kleinen nicht besichtigen. Aber am Wegesrand oder in den Visitorcentern der Nationalparks sowie in Infobroschüren lesen wir äußerst wenig. Uns ist fast nicht erkenntlich, dass es überhaupt einmal Indianer gab. Dabei lebten in Nordamerika mehrere hundert Stämme. Allein die Mi’kmaq hatten mehr als hunderttausend Stammesmitglieder. Im Osten Kanadas wurden die First Nations und an der Ostküste der USA die Native Americans schon mit den ersten Siedlern nahezu vollständig ihrer Lebensgrundlage beraubt. Ganze Landstriche wurden kahl gerodet. Darüber hinaus infizierten sich die Indianer und starben an europäischen Krankheiten. Dabei war das Dasein der First Nations und Native Americans perfekt auf die Natur Nordamerikas eingestellt. Der Wald und das Meer haben ihnen alles geboten, was sie brauchten. Sie lebten geradezu im Überfluss von Truthahn-, Elch-, Bieber- und Bärenfleisch sowie deren wärmenden Fellen. Sie fingen Fische, besonders die fetten Aale, aßen Muscheln, Vogeleier und Pilze. Sie pflückten Kirschen, Birnen, Blaubeerfrüchte und verzehrten wilden Mais. Sie hatten Algen und Kräuter als Gewürze sowie zum Heilen. Sie bauten sich Kanus und Wigwams. Sie harpunierten von Land aus Wale und waren dabei umsichtig genug, dass diese wieder in die Nähe des Strandes kamen. Die ersten Europäer fingen die Wale bis dahin nur von Schiffen aus, taten es den Indianern nach und in Folge dessen kamen die Wale nicht mehr in die Nähe des Landes. Die First Nations stellten aus Pflanzen wirksame Pasten gegen Mücken her. Viele Auswanderer starben an Insektenstichen, weil sie so zahlreich waren, dass ihre Immunsysteme zusammenbrachen. Zum Schutz wussten sie sich nur im Schlamm zu wälzen. Der Wald schenkte den First Nations Zunderpilze, mit dessen Hilfe sie in den harten Wintern Nordamerikas das Feuer an einem Stück Glut entfachten, welches sie in einer Muschelhülle, mit Lehm versiegelt, transportierten. Etliche Europäer erfroren im Winter. Die Indianer orientierten sich bei Nebel an den Bäumen. Die Stämme weisen beispielsweise an der feuchteren, der Sonne abgewandten Seite, mehr Moos auf. Dort ist Norden. Zahllose Siedler verirrten sich im Wald und starben nur wenige Meter von ihrem Lager entfernt. Bei Waldbränden folgten die First Nations den Tieren. Die Feuersbrunst überraschte oft ungezählte Siedler und verbrannte sie nicht selten. Um im Dickicht einen leichten Weg bergab zu finden, liefen die Indianer einen Bachlauf entlang. Die Auswanderer zerschürften sich Beine, Arme und Gesicht beim Querfeldeinlaufen. Die First Nations kannten gegen jede Krankheit ein Heilkraut, befragten ihre Ältesten und lebten im Einklang mit der Wildnis. Das änderte sich radikal mit der Ankunft des „weißes Mannes“. Die französischen Auswanderer schickten ihre Kinder zu Indianern, damit sie von ihnen lernten, in der Wildnis und mit ihr zu leben. Die Siedler der englischen Kolonien bekämpften die Wildnis einfach nur und waren von dem Gedanken, das Land urbar zu machen, getrieben. Die schönsten und artenreichsten Urwälder der Erde standen in der „neuen Welt“ in Maine. Die Auswanderer hatten meist keine Ahnung von Agrarwirtschaft oder Ackerbau. Sie holzten und brannten einfach alles ab und laugten die Böden binnen drei Jahren so vollständig aus, dass sie zur Landwirtschaft unbrauchbar waren. Dann siedelten sie weiter nach Westen. Vor 100 Jahren waren 80 Prozent der Fläche Maines Farmland. Heute holt sich die Natur das Land zurück: 80 Prozent der Fläche bilden Wald. Nur noch 20 Prozent nimmt Kulturland ein, die Tendenz ist sinkend. Der frühe wirtschaftliche Erfolg, der Aufstieg der neuen Welt, zu einem der machtvollsten Staaten der Erde, der Reichtum Amerikas, gründet sich auf einem skrupellosen, ausbeuterischen und geradezu vernichtenden Verhalten. Nicht nur den Indianer gegenüber, auch Geschäftspartnern, der eigenen Familie und sich selbst begegneten die Siedler und ihre nachfolgenden Generationen mit unglaublicher Härte. Die heutige Bevölkerung Mains leistet der restlichen USA trotzigen Widerstand. Man ist gegen die Trump-Regierung, es gibt viele alternative Geschäftsideen, es wird viel Rad gefahren, es finden sich zahlreiche Bio-Lebensmittel und die meisten versuchen so wenig Plastikmüll wie möglich zu produzieren. In Maine scheinen die Amerikaner verstanden zu haben, dass ein Zusammenleben mit den Native Americans die bessere Wahl gewesen wäre – für beide Seiten.

Go West!

Shinrin Yoku – Waldbaden

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Ein schmales, felsiges Cap, macht das offizielle Ende der Gaspé-Halbinsel aus. Es ragt weit in den Sankt-Lorenz-Golf hin. Die Gebirgsausläufer bilden den Endpunkt der Appalachen. Dort steht ein solarbetriebener Leuchtturm. Seevögel finden ein Nist-Paradies. Den Fuß der Meeresklippen säumen lange Kieselstrände. Das Wasser ist mit zehn Grad zu kalt zum Baden, lockt aber Wale an. Sie sind jüngst im südlich gelegen Fjord eingetroffen. Leider sichten wir keine.
Zum Forillion kamen einst die Mi’kmaq und Irokesen zum Jagen und Fischen. Wir campen auf einer Wiese. Leuchtend bunte Sommerblumen wogen sanft im Wind. In den Wäldern tummeln sich Stachelschweine, Streifenhörnchen, Luchse und Bären. Hier nähern wir uns schrittweise Meister Petz. Zunächst sehen wir mehrfach Losungen. Sie schauen denen der Menschen sehr ähnlich, sind aber fast schwarz. Dann riechen wir sie. Es ist das strenge Bukett von Wild. Dazu müffelt es stark nach Aas. Zuletzt sehen wir sie: eine junge Schwarzbärin! Die an einer verlassenen Farm im niedrigen Dickicht vermutlich nach etwas Essbarem sucht. Sie schaut kurz auf, als sie uns in etwa 75 Metern Abstand mit dem Auto halten hört. Sie streckt ihre Schnauze zum Wittern in unsere Richtung und nimmt dann weiter keine Notiz von uns. So nahe haben wir alle noch nie einen Bären in freier Wildbahn gesehen. Er sieht putzig aus, wie ein Teddybär. Die Bewegungen sind ruhig und gemütlich, nichts Aggressives, Gefährliches oder Bedrohliches haftet dem Tier an. Aber Bären haben alle ihren eigenen Charakter.
In den Salzmarschen leben die seltensten Schmetterlingsarten. Seit meinem freiwilligen Dienst im Hamburgischen Wattenmeer, währenddessen ich Touristen durch Salzwiesen führte, fasziniert es mich, wie die zartesten Pflanzen und sogar Schmetterlinge in dieser rauen Umgebung überleben können!
Wir üben uns auch im Waldbaden, japanisch Shinrin Yoku. Seit den 1980er Jahren empfiehlt die japanische Regierung das Waldbaden. Ärzte verschreiben es auf Rezept. Es ist wissenschaftlich belegt, dass dreimaliges Waldbaden im Monat, für etwa zwei Stunden, zur Stärkung des Immunsystems führt und der Krebsprophylaxe dient. Es handelt sich dabei um eine Achtsamkeitsmeditation oder eine Gehmeditation. Den Wald mit all seinen Sinnen zu erfassen, ist der Kern der Übung. Gefiederte und runde Blattformen anzuschauen. Den mit Nadeln belegten Boden oder den steinigen Pfad sehen. Den harzigen Duft des Waldes riechen. Den frischen Wind tief einatmen. Den würzigen Geruch nach Regen vernehmen. Sich vom wilden Thymian betören lassen. Die klaren, hohen Schreie der Raubvögel hören. Eichhörnchen rascheln. Blätter rauschen. Baumstämme knarzen. Ein Bach plätschert. Fühlen wie die Sonne wärmt. Die Finger an einer alten zerfurchten Baumrinde entlang gleiten lassen. Den glatten Stein fühlen. Spüren, wie der Wind die Haut streichelt oder der Bach die Füße kühlt. Die nussigen, bitteren Bucheckern schmecken oder die säuerlich, saftigen Blaubeeren auf der Zunge zergehen lassen. Dabei den Atem spüren, wie er immer ruhiger, gleichmäßiger und tiefer wird. Sich ganz auf den Moment konzentrieren und in der Gegenwart ankommen. Das lässt sich stehend, liegend, sitzend oder gehend verwirklichen. Ich liege am liebsten und schließe die Augen. Meine Kinder baden noch ganz selbstverständlich im Wald. Ihre Sinne sind immer geschärft. Sie leben ausschließlich im Hier und Jetzt. Unsere Tochter umarmt zwischendurch einen Baum. Die Jungs hören endlos viele Vögel, lange, bevor sie sie sehen. Die Worte Buddhas vor rund 2500 Jahren waren: „Lass deinen Geist still werden wie einen Teich im Wald. Er soll klar werden wie das Wasser, das von den Bergen fließt. Und lass deine schweifenden Gedanken und Wünsche zur Ruhe kommen.“
Ich habe eine Smartwatch, mit der ich meine sportlichen Fortschritte verfolgen kann. Meinen Stress bedingten volatilen Puls musste ich in Hamburg leider ebenfalls zur Kenntnis nehmen. Hier in Kanada ist mein Puls im Durchschnitt viel niedriger, er steigt nicht so häufig an und schießt längst nicht so stark in die Höhe. Vermutlich spielen viele Faktoren zusammen, die zu diesem positiven Ergebnis führen, aber das Waldbaden ist bestimmt einer davon.